Verschwörungstheorien -  - E-Book

Verschwörungstheorien E-Book

0,0

Beschreibung

Die Freimaurerei zog von Anfang an Verschwörungstheorien nach sich. Die Vorstellung, geheime Drahtzieher seien am Werk, und dass die Welt von konspirativen Gruppen gelenkt werde, findet sich in zahlreichen literarischen Werken, populärwissenschaftlichen Büchern und in der rechtsextremistischen Propaganda. Der vorliegende Sammelband vereint Beiträge namhafter Spezialisten zu diesen Verschwörungstheorien und analysiert Ausprägungen, Wirkung und Hintergründe. Die Themen sind unter anderem: Historischer Überblick über die Entwicklung der Verschwörungstheorien Die "jüdisch-freimaurerische Weltverschwörung" Der soziale Wandel seit der Französischen Revolution als Basis der Verschwörungstheorien Psychologische, soziale und politische Faktoren Die politische Instrumentalisierung und die Manipulationsfunktion von Verschwörungstheorien. Dieser Band erscheint in der neuen Reihe "Quellen und Darstellungen zur europäischen Freimaurerei". Die Reihe behandelt umfassend Geschichte und Gegenwart der europäischen Freimaurerei in Form von Quellen, Handbüchern, Sammelbänden und Darstellungen. Sie befaßt sich detailliert mit ihren Zielen und Ideen, ihrem Innenleben, ihren Organisationsstrukturen und Richtungen, ihrem Verhältnis zu Staat, Politik, Gesellschaft, Kultur, Kirche und Religion sowie auch zu ihren Gegnern (Antimasonismus). Es geht auch um die spannende Frage nach dem heutigen Selbstverständnis und der gesellschaftlichen Wirkung der europäischen Freimaurerei. Veröffentlicht werden dezitiert nur Originalquellen, die bisher nicht publiziert wurden.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 368

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



 

 

Verschwörungstheorien

Theorie – Geschichte – Wirkung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reihe: Quellen und Darstellungen zur europäischen Freimaurerei

hg. von Helmut Reinalter

in Zusammenarbeit mit dem Institut für Ideengeschichte und der Wissenschaftlichen Kommission zur Erforschung der Freimaurerei

Band 3

Verschwörungstheorien

Theorie – Geschichte – Wirkung

Herausgegeben von Helmut Reinalter

StudienVerlag

Innsbruck

Wien

München

Bozen

 

 

 

 

© 2002 by StudienVerlag Ges.m.b.H., Erlerstraße 10, A-6010 Innsbruck

e-mail: [email protected]

homepage: www.studienverlag.at

ISBN 978-3-7065-5781-8

Buchgestaltung nach Entwürfen von Kurt Höretzeder/Circus, Innsbruck

Umschlag und Satz: Studienverlag/Karin Berner

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.studienverlag.at.

Inhalt

Vorwort

Einleitung (Hg.)

Johannes Rogalla von Bieberstein:Zur Geschichte der Verschwörungstheorien

Armin Pfahl-Traughber:„Bausteine“ zu einer Theorie über „Verschwörungstheorien“:Definitionen, Erscheinungsformen, Funktionen und Ursachen

Michael Hagemeister:Die Protokolle der Weisen von Zion –eine Anti-Utopie oder der Große Plan in der Geschichte?

Manfred Böcker:Antisemitismus ohne Juden:Die spanische radikale Rechte der dreißiger Jahreund die Theorie der „jüdisch-freimaurerischen Verschwörung“

Armin Pfahl-Traughber:Renaissance der antisemitisch-antifreimaurerischen Verschwörungstheorie in esoterisch-rechtsextremistischen Veröffentlichungen

Eduard Gugenberger:Kosmische Mächte im Widerstreit – Esoterische Grundlagen im Verschwörungsweltbild des Rechtsextremismus

Pierre-André Bois:Vom „Jesuitendolch und -gift“ zum „Jakobiner-“ bzw. „Aristokratenkomplott“: das Verschwörungsmotiv als Strukturelement eines neuen politischen Diskurses

Anhang:

Helmut Reinalter:Verschwörungstheorien in der Habsburgermonarchie

„Geheime Geschichte des Verschwörungs-Systems der Jakobiner in den österreichischen Staaten“

Kommentierte Quellentexte (Auszüge)Johannes Rogalla von Bieberstein

Armin Pfahl-Traughber

Autoren

Vorwort

Die Referate dieses Bandes wurden im Rahmen einer Vortragsreihe an der Universität Innsbruck am 17. und 18. Mai 2001 gehalten. Eduard Gugenberger hat seine Studie ohne Referat für den Tagungsband zur Verfügung gestellt. Diese Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Innsbruck, dem Institut für Politikwissenschaft und dem Institut für Slawistik vom privaten Institut für Ideengeschichte organisiert und durchgeführt. Das Thema der Vortragsreihe ist auch Gegenstand eines Forschungsprojekts an der Universität Innsbruck, das von Helmut Reinalter gegenwärtig geleitet wird. Eine Fortsetzung dieser wissenschaftlichen Initiative ist mit dem Schwerpunkt „Typologien des Verschwörungsdenkens“ 2002 geplant.

Der Herausgeber dankt den Kooperationspartnern und der Universität Innsbruck für die finanzielle Unterstützung. Ohne deren Hilfe hätte die Vortragsreihe nicht stattfinden können. Die einzelnen Vorträge greifen neben der Geschichte der Verschwörungstheorien wichtige Aspekte des Verschwörungsdenkens auf und vertiefen sie. Mit dieser Aufklärungsarbeit wird ein wichtiger Beitrag zur Zielsetzung, Struktur, Strategie und Wirkung des Verschwörungsdenkens geleistet. Im Anhang des vorliegenden Bandes wurden einige zum Teil kommentierte Quellentexte als Ergänzung zu den Vorträgen zusammengestellt.

Innsbruck, im Dezember 2001

H. R.

Einleitung

Am 17. und 18. Mai 2001 fand an der Universität Innsbruck eine Vortragsreihe über „Verschwörungstheorien in Geschichte und aktueller Gegenwart“ in Kooperation mit der Volkshochschule Innsbruck, dem Institut für Politikwissenschaft, dem Institut für Slawistik und dem privaten Institut für Ideengeschichte unter Leitung von Helmut Reinalter statt. Das Thema ist nicht ohne Brisanz, wenn man an die Renaissance von Verschwörungstheorien denkt. „Geheime Gesellschaften machen Weltpolitik“ – diese Feststellung findet sich in zahlreichen literarischen Werken, populärwissenschaftlichen Büchern und in der rechtsextremistischen Propaganda, die die Hintergrundkräfte der Geschichte seit der Französischen Revolution aufzeigen und ihr Wirken diffamieren möchten. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, daß geheime Drahtzieher am Werk seien, die die Politik gestalten und bestimmen, und daß die Welt von konspirativen Gruppen gelenkt werde. Da die traumatische Erfahrung von militärischer Niederlage und Revolution, bürgerkriegsähnlichen Konflikten und Inflation im 20. Jahrhundert ein allgemeines Gefühl von Unsicherheit und Umbruch hervorrief, setzte nach dem Ersten Weltkrieg erneut die Suche nach möglichen Sündenböcken ein. Die Juden mußten in Verbindung mit den Freimaurern herhalten. Sie und die Logenbrüder waren für diese Rolle besonders geeignet, weil sie als privilegierte Minderheiten galten. Für das Entstehen der These von der jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung war die Stellung des Judentums in der mittelalterlichen Sozialordnung von entscheidender Bedeutung.

Da die Juden aus christlicher Sicht kollektiv für die Hinrichtung Jesu verantwortlich gemacht wurden, gelang ihnen auch die volle Integration in die religiöslegitimierte Gesellschaft nicht. Die Folge dieser Entwicklung war, daß die in Ghettos verbannten Juden sich auf Kleinhandel, Wechselgeschäft und Geldverleih konzentrierten – alles Berufe, die nach der christlichen Soziallehre nur über ein geringes Ansehen verfügten oder sogar als unchristlich galten. Auf diese Weise wurde der langsam entstehende ökonomisch-soziale Antisemitismus begünstigt, der den christlichen Antisemitismus ergänzte. Helmut Reinalter, der in die Vortragsreihe kurz einführte, betonte u.a., daß für das ideologisch-akzentuierte Komplottdenken die moralische Verabsolutierung einer gegebenen konkreten Sozialordnung und damit ein antiliberales Weltbild Voraussetzung war, das den sozialen Wandel dieser Ordnung als illegitimes und böswilliges Werk dämonisierter Minderheiten auslegte. Der Verschwörungsmythos ist als monokausale und stereotype Ideologie interpretiert worden. Die Forschung ist sich darüber hinaus weitgehend im klaren, daß er ebenso Mythoscharakter aufweist. Bei der Wirkung des Verschwörungsmythos spielen neben psychologischen Faktoren (wie z.B. Angst) auch Projektionen eine wichtige Rolle, weil vieles, was die Exponenten der Verschwörungstheorie den Juden und Freimaurern unterstellten, von ihnen selbst betrieben oder angestrebt wurde. Auch soziale Faktoren waren wichtig, weil es vor allem um die ideologische Prägung jener sozialen Gruppen geht, die für den Verschwörungsmythos besonders empfänglich waren, wie z.B. der Mittelstand mit seiner Krisenerfahrung und mit seinem Bindungsverlust. Schließlich sind auch noch politische Faktoren zu nennen, weil die Verschwörungstheorie bei der Werbung für bestimmte politische Ämter gezielt verwendet bzw. politisch eingesetzt wurde. Diese politische Instrumentalisierung verweist sehr stark auf die Manipulationsfunktion einer solchen Ideologie. Alle diese Faktoren müssen zudem, wie Helmut Reinalter hervorhob, in einem engen Wechselverhältnis zueinander gesehen werden.

Aus historischer Sicht fällt auf, was Johannes Rogalla von Bieberstein in seinem Vortrag „Zur Geschichte der Verschwörungstheorien“ anführte, daß die Verschwörungstheorie ihren Nährboden vor allem in Phasen grundlegender ideologischer und politisch-ökonomischer Verunsicherung hat. Die Verschwörungsthese geht zurück bis in die Zeit der Französischen Revolution, die als grundlegender Bruch der Kontinuität gesehen wurde. Sie versteht sich als Reaktion auf diesen Bruch und wurde im 19. und 20. Jahrhundert weiterentwickelt bzw.fortgeschrieben. Dabei wurde sie stets an die veränderten politisch-historischen Rahmenbedingungen angepaßt. Sie wurde säkularisiert und radikalisiert, wobei es zu einer Verschiebung der angeprangerten und stigmatisierten Subjekte der Verschwörung kam. Die Kombination des antisemitischen mit dem antimasonischen bzw.antikommunistischen Feindbild, das zur Vorstellung von einem „jüdischen Bolschewismus“ verdichtet wurde, ist in verhängnisvoller Weise geschichtsmächtig geworden. Rogalla von Bieberstein entwickelte in seinem Vortrag die Fortführung der Verschwörungstheorie im 19. und 20. Jahrhundert auf der Grundlage von einigen konkreten, ausgewählten Beispielen.

Armin Pfahl-Traughber stellte in seinem Referat „‚Bausteine‘ zu einer Theorie über ‚Verschwörungstheorien‘“ zur Diskussion. Er leistete einen wichtigen Beitrag zur systematischen Reflexion über Besonderheiten, Funktionen und Ursachen der Verschwörungstheorien. Prinzipiell unterschied er Verschwörung, Verschwörungshypothese, Verschwörungsideologie, Verschwörungsmythos und Verschwörungstheorie und arbeitete verschiedene Varianten von Verschwörungsideologien und -mythen heraus, wie z.B. die Verschwörung der Juden, der Freimaurer, der Illuminaten, der Kommunisten, der Kapitalisten und der Geheimagenten. Diese Liste ließe sich noch weiter fortführen. Eine solche Typologisierung kann die Struktur des Verschwörungsdenkens noch besser wissenschaftlich durchdringen. Unter den Funktionen von Verschwörungsideologien unterschied er zwischen Identitätsfunktion, Erkenntnisinstrument, Manipulationsinstrument und Legitimationsinstrument. Bei den Ursachen für die Akzeptanz für Verschwörungsideologien führte er psychologische Faktoren, soziale Faktoren und politische Gründe an. Entscheidend bleibt dabei, daß die Akzeptanz von Verschwörungsideologien nicht allein durch einen einzigen der erwähnten Faktoren erklärbar ist, vielmehr muß hier die Kombination aller Aspekte Berücksichtigung finden.

Michael Hagemeisters Beitrag setzte sich mit den Protokollen der Weisen von Zion kritisch auseinander. Bei den Protokollen handelt es sich um einen Text von ca. 60 bis 80 Seiten, sein Inhalt konzentriert sich auf die angeblich wörtliche Wiedergabe einer Rede, „die ein anonymer jüdischer Führer auf den Sitzungen der sogenannten ‚Weisen von Zion‘ an einem ungenannten Ort und zu einem ungenannten Zeitpunkt gehalten hat. In dieser Rede werden – gleichsam als Selbstbekenntnis – die geheimen Methoden und Ziele einer jahrhundertealten jüdisch-freimaurerischen Verschwörung gegen die gesamte nicht jüdische Welt bis in Einzelheiten dargelegt“. Hagemeister interpretiert den Inhalt der Protokolle sehr detailliert und geht dann insbesondere auf ihre Wirkungsgeschichte ein. Er stellt sich die Frage, worauf die ungebrochene Wirkung der Protokolle beruht. Seine Antwort ist relativ einfach: sie basiert nicht primär auf ihrem Inhalt, sondern auf ihrer bloßen Existenz, die einen allumfassenden Plan der Verschwörer impliziert, weshalb es auch eine Verschwörung gibt. Die Protokolle sind beinahe beliebig verwendbar und eignen sich nicht nur zur antijüdischen Agitation, sondern auch zur Diffamierung anderer Gruppen wie z.B.der Freimaurer und Jesuiten. Ihre Attraktivität besteht vor allem darin, daß sie einen Weltplan entwickeln, nach dem die Geschichte gestaltet und auf ein Ziel ausgerichtet ist. Darin liegt ein weiterer Grund für ihre anhaltende Wirkung.

Im Vortrag von Manfred Böcker ging es um die spanische radikale Rechte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts und um die Theorie der „jüdisch-freimaurerischen Verschwörung“. Der Referent führte aus, daß die Koexistenz verschiedener Formen von Judenfeindschaft hybride Formen schuf, in denen sich christliche mit pseudowissenschaftlichen oder politischen Motiven vermischten. Im 20. Jahrhundert trat in Europa eine katholische Variante der Judenfeindschaft auf, die sich zwar vom völkischen Antisemitismus unterschied, zugleich aber mit der Bezeichnung „Anti-Judaismus“ nur unzureichend umschrieben werden kann. Im Spanien der 30er Jahre dominierte fast ausschließlich dieser katholische Antisemitismus. Seine Vertreter verwendeten dabei nicht nur religiöse, sondern vor allem verschwörungstheoretische Argumente. Wie der Forschungsstand zeigt, sind für die Zeit von der Jahrhundertwende bis 1931 nur wenige Zeugnisse über den Antisemitismus überliefert. Die erste spanische Version der Protokolle der Weisen von Zion kam z.B. erst 1932 heraus. Trotzdem gab es im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts einen ausgeprägten Antisemitismus in Spanien. Der Vortragende erwähnte in diesem Zusammenhang verschiedene überzeugende Beispiele. Mit der Zweiten Republik gewann das Thema größere Bedeutung und Aktualität, zumal der unrühmliche Abgang der alfonsinischen Monarchie mit dem Ende des liberalen Konservatismus in Spanien gleichbedeutend war. Autoritäres Denken, Antiliberalismus und Verschwörungstheorien hatten ab diesem Zeitpunkt bei der spanischen radikalen Rechten Konjunktur.

Die spanischen Verschwörungstheoretiker setzten vor allem am laizistischen und sozialreformerischen Charakter des „Modernisierungsregimes“ an. Die Rechte sah darin eine Kriegserklärung an die katholische Nation. Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam es in der spanischen Presse und Publizistik zu rhetorischen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Freimaurern, die sich durch massive gegenseitige Feindschaft auszeichneten. Für die radikale Rechte stellten die Freimaurer, Liberalen, Sozialisten, Kommunisten, katalanischen und baskischen Nationalisten eine Kontinuität der Heterodoxie in der spanischen Geschichte dar. Daher erfolgte ihre Einordnung in eine Traditionslinie, an deren Beginn Juden und „conversos“ standen. Der antisemitische Verschwörungsmythos war allerdings nur einer von mehreren Mythen, mit denen die extreme Rechte die heterogene Gesamtheit innerer Feinde zum „Gegenspanien“ deklarierte. Als wichtigstes Beispiel für den zunehmenden Antisemitismus in der spanischen Rechten der 30er Jahre gilt die Wirkung der Protokolle der Weisen von Zion, die Böcker analysiert. Die Theorie der jüdischfreimaurerischen Verschwörung war am weitesten in der politischen Gruppierung der Karlisten verbreitet, insbesondere im integristischen Flügel dieser ultrakonservativen Massenbewegung und in der integristischen Geistlichkeit. Zwischen den Propagandisten der Verschwörungstheorie während der Zweiten Republik und des Bürgerkriegs existierte eine hohe personelle Kontinuität. Unter Franco zählte schließlich ein religiös geprägter und politisch aufgeladener Antisemitismus zu den Glaubenssätzen des Regimes.

In seinem zweiten Referat reflektierte Armin Pfahl-Traughber über die „Renaissance der antisemitisch-antifreimaurerischen Verschwörungstheorie in esoterisch-rechtsextremistischen Veröffentlichungen“. Der Vortragende thematisierte den historischideologischen Hintergrund, ging näher auf die antisemitisch-antifreimaurerische Verschwörungstheorie zunächst aus historischer Sicht ein und entwickelte dann die esoterischen Grundlagen des Nationalsozialismus. Im zweiten Teil seines Vortrages listete er die wichtigsten esoterischen Werke rechtsextremer Exponenten auf und interpretierte sie kritisch. Im Zentrum standen dabei die Veröffentlichungen Jan van Helsings. Auch die Buchveröffentlichungen in der Kontinuitätslinie von van Helsing werden ausführlich behandelt. Bei der Verbreitung esoterisch-rechtsextremistischer Veröffentlichungen kommt verschiedenen Verlagen und Buchhandlungen bzw. Vertriebsdiensten eine bedeutende Rolle zu, sodaß Pfahl-Traughber auch diesen Aspekt kritisch erörterte. In diesem Vortrag wurden die Gründe der Renaissance der antisemitisch-antifreimaurerischen Verschwörungstheorie in esoterisch-rechtsextremen Publikationen exemplarisch herausgearbeitet. Auf der Grundlage von Umfragen Anfang der 90er Jahre ergaben sich relativ hohe Zustimmungswerte für esoterische Einstellungen. Von solchen Prägungen führt kein automatischer Weg zur Akzeptanz dieser Literatur, gleichwohl verdeutlichen solche Einstellungen auch die Zugänge zu politisch irrationalen Auffassungen, was die hohen Verkaufszahlen solcher Bücher zu erklären vermag.

Im letzten Beitrag von Pierre-André Bois geht es um das Verschwörungsmotiv als Strukturelement eines neuen politischen Diskurses. Im ausgehenden 18. Jahrhundert gingen die Anschuldigungen einer Verschwörung über den religiösen und philosophischen Rahmen hinaus und erfaßten nun auch das politische Feld. Die Verschwörungstheorie war für den politischen Diskurs konstitutiv, der dann durch die Französische Revolution eine neue Dimension erhielt. Bois reduziert das Verschwörungsmotiv auf drei Strukturelemente: als Waffe in der ideologischen Auseinandersetzung, als metaphorische Sprache, die jedes sachliche Argumentationsmuster überflüssig macht, und die Verbindung zwischen Wort und Macht durch die Französische Revolution, seit der die Sprache als Instrument der Macht und Manipulation des öffentlichen Diskurses hervortritt. Diese drei Strukturelemente werden von Bois mit praktischen, konkreten Beispielen empirisch untermauert. Dabei verdeutlicht er, daß das Verschwörungsmotiv per definitionem und der politische Kampf im Grunde irrationale Züge aufweisen. Da sich die Instrumentalisierung der öffentlichen Sprache auf der Ebene des Affekts bewegt, steht diese außerhalb der rationalen Logik. Der ideologische Kern des neuen politischen Diskurses blieb auch nach der Revolution auf „Sieg oder Niederlage“ ausgerichtet.

In den lebhaften Diskussionen nach den Vorträgen wurde das Interesse der Teilnehmer an Fragen nach dem Ursprung der Verschwörungstheorien deutlich, nach Grundmustern des Verschwörungsdenkens, nach dem Wandel bzw. der Verschiebung der Subjekte, nach den Propagandisten und nach den Varianten und Funktionen des Verschwörungsmythos. Es zählt zu den wichtigen Aufgaben der Aufklärungsforschung, die pseudorationale Struktur und die Instrumentalisierungs- bzw. Manipulationsfunktion der Verschwörungstheorien kritisch zu hinterfragen und ihre wirkliche politische Bedeutung für heute aufzuzeigen.

Helmut Reinalter (Innsbruck)

Johannes Rogalla von Bieberstein

Zur Geschichteder Verschwörungstheorien

In der Zeitschriftendatenbank „Jade“ bin ich kürzlich auf diesen 1997 im „Materialdienst der Europäischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen“ publizierten Artikel gestoßen: „Paranoia als Programm. Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur“.1 Von dieser Konjunktur profitieren auch wir. So habe ich gleich Michael Hagemeister im Mai 1999 auf der vom Deutschen Historischen Institut Warschau veranstalteten Tagung über „Verschwörungstheorien“2 gesprochen und treffe ihn heute hier im schönen Innsbruck wieder, auf einer dem gleichen Thema gewidmeten, allerdings thematisch wesentlich enger gefaßten Tagung.

Ohne daß ich auf diese Konjunktur näher eingehen möchte, sei hier doch angemerkt, daß sie auch manch unseriöse, primär der Unterhaltung, dem Kommerz oder aber auch der Verbreitung dubioser Vorstellungen dienende Publikationen hervorbringt. So heißt es denn ja in dem 1998 erschienenen Buch: Wer steckt dahinter? Die 99 wichtigsten Verschwörungstheorien: „Überall kursieren Verschwörungstheorien und zu jedem Mist“.3

Unseren Forschungen legen wir nicht den weiten, ja uferlosen Verschwörungsbegriff zugrunde, der – so das amerikanische Recht – „eine Verbindung beinhaltet „von zwei oder mehrereren Personen zu dem Zweck, eine illegale oder verbrecherische Tat zu verüben“. Bei den vermeintlichen Verschwörungen, welche hier zu diskutieren sind, handelt es sich also nicht um kriminelle und auch nicht um lokale Verschwörungen. Vielmehr um – wie Daniel Pipes in seinem Buch Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen schreibt – eine „Weltverschwörung“.4 Diese zeichnet sich dadurch aus, daß im Verborgenen agierende Konspiratoren ein umfassendes politisch-ideologisches Konzept mit dunklen Machenschaften und somit unter Täuschung der Bevölkerung durchzusetzen suchen.

Der Ausgangspunkt unseres Forschungsinteresses ist die in Reaktion auf Aufklärung und Französische Revolution entwickelte Verschwörerthese.5 Sie ist im 19. und 20. Jahrhundert fortgeschrieben und weiterentwickelt worden, d.h. an die veränderten politisch-historischen Rahmenbedingungen angepaßt worden. Dabei ist die Verschwörerthese säkularisiert und radikalisiert worden. Hierbei ist es es zu einer Verschiebung der angeprangerten und stigmatisierten Subjekte der Verschwörung, also von den Philosophen/Freidenkern zu den Freimaurern und Juden gekommen. Die Kombination des antisemitischen mit dem antimasonischen, speziell jedoch dem antikommunistischen Feindbild, welches zu der Vorstellung von einem „jüdischen Bolschewismus“ bzw.der „Judokomuna“ verdichtet worden ist, ist in verhängnisvoller, ja mörderischer Weise geschichtsmächtig geworden.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!