Versucht - P.C. Cast - E-Book
SONDERANGEBOT

Versucht E-Book

P.C. Cast

0,0
9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Nachdem Zoey und ihre Freunde Kalona und Neferet aus Tulsa vertrieben haben, hätten sie eigentlich eine Pause verdient. Aber obwohl Zoey und ihr sexy Krieger Stark sich erst einmal von ihrer Begegnung mit dem Tod erholen müssten und auch die Jungvampyre die Nachwirkungen von Neferets Terrorherrschaft zu verarbeiten hätten, ist ihnen allen keine Ruhe vergönnt. Stevie Rae glaubt mit ihren außergewöhnlichen Kräften gut allein all das regeln zu können, was sie vor ihren Freunden verheimlicht. Doch eine mysteriöse und beängstigende Macht breitet sich in den Tunneln unter Tulsa aus. Aber Stevie Rae will nicht sagen, was dort vor sich geht und was sie dort gemacht hat. Allmählich beginnt Zoey sich zu fragen, ob sie ihr überhaupt noch vertrauen kann. Werden sie die richtigen Entscheidungen treffen oder werden dunkle Mächte das House of Night zerstören? »Versucht« ist der sechste Band der »House of Night«-Serie

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 573

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



P. C. Cast | Kristin Cast

Versucht

Roman

Aus dem Amerikanischen von Christine Blum

Fischer e-books

Kristin und ich möchten dieses Buch unserer phantastischen Lektorin Jennifer Weis widmen, mit der die Zusammenarbeit riesigen Spaß macht. Dank ihr ist es sogar erträglich, Passagen umzuschreiben. Wir lieben dich, Jen!

Danksagung

Wieder einmal wollen Kristin und ich unserem unschlagbaren Team von St. Martin’s Press unsere Hochachtung aussprechen. Ihr gehört inzwischen fast zur Familie, und wir sind immer wieder begeistert von eurer Freundlichkeit, Großzügigkeit, Kreativität und davon, wie sehr ihr an uns glaubt. Danke, danke, danke: Jennifer Weis, Anne Bensson, Matthew Shear, Anne Marie Tallberg, Brittney Kleinfelter, Katy Hershberger und Sally Richardson. Ganz fest drücken möchten wir auch unser grandioses Cover-Duo Michael Storrings und Elsie Lyons.

Tausend Dank an dich, Jenny Sullivan, für deine Kompetenz und deinen erschreckenden Scharfblick im Korrekturlesen.

Wie immer danken wir unserer großartigen Agentin und Freundin Meredith Bernstein, die mit dem kleinen Wort »Vampyr-Internat« unser aller Leben veränderte.

Und natürlich danken wir all unseren Fans, insbesondere denen, die sich persönlich an uns wenden, um uns zu sagen, wie sehr HoN eure Herzen berührt hat!

Eins

Zoey

Die schmale Sichel des Mondes strahlte wie verzaubert am Nachthimmel über Tulsa. In ihrem Schein schimmerte die Eishülle über der Stadt und dem Benediktinerinnenkloster, in dem wir gerade den Showdown mit einem gefallenen Unsterblichen und einer abtrünnigen Hohepriesterin erlebt hatten, so hell, als sei alles von unserer Göttin berührt. Ich sah zu dem runden Platz vor der Mariengrotte hinüber, dem Ort der Macht, wo kurz zuvor Geist, Blut, Erde, Menschlichkeit und Nacht Gestalt angenommen und mit vereinten Kräften über Hass und Finsternis triumphiert hatten. Das von steinernen Rosen umrankte Marienbildnis hoch oben in der Grotte schien das Licht zu bündeln wie ein Leuchtfeuer. Ich blickte zu ihm auf. Das Gesicht der Muttergottes war heiter; ihre eisbedeckten Wangen glitzerten, als weinte sie in stiller Freude.

Mein Blick glitt weiter aufwärts zum Himmel. Danke, sandte ich ein stummes Gebet zu der Mondsichel hinauf, die meine Göttin Nyx symbolisierte. Wir leben noch. Und Kalona und Neferet sind weg.

»Ich danke dir«, hauchte ich dem Mond zu.

Horch in dich hinein … Zart und süß wie ein Sommerwind, der im Laub spielt, tanzten die Worte durch mich hindurch und fächelten so leicht an mein Bewusstsein, dass mein wacher Geist sie kaum bemerkte. Dennoch brannte Nyx’ geflüsterter Befehl sich in meine Seele ein.

Vage registrierte ich, dass viele Leute (nun ja, Nonnen, Jungvampyre und ein paar Vampyre) um mich herumstanden. Die Nacht war erfüllt vom Gerede, den Rufen, dem Weinen und sogar dem Lachen, aber all das kam mir weit weg vor. Alles, was für mich im Augenblick real war, waren der Mond dort oben und die Narbe, die sich von einer Schulter quer über die Brust bis zur anderen zog. Als Reaktion auf mein leises Gebet prickelte sie, aber nicht vor Schmerz. Jedenfalls nicht so richtig. Es war ein vertrautes warmes, kribbelndes Gefühl, das mir bestätigte, dass Nyx mich wieder einmal als die Ihre Gezeichnet hatte. Ich wusste: Wenn ich in meinen Ausschnitt schielte, würde ich die hochrote Narbe von einem neuen Tattoo aus exotischen Saphirmustern umrahmt finden – ein Zeichen dafür, dass ich dem Weg meiner Göttin folgte.

»Erik und Heath, nehmt euch Stevie Rae, Johnny B und Dallas und sucht das Grundstück ab, damit wir sicher sein können, dass alle Rabenspötter mit Kalona und Neferet geflohen sind!« Darius’ laut gerufener Befehl katapultierte mich aus meinem warmen, gemütlichen Gebetsmodus, und augenblicklich schlugen das Chaos und der Geräuschwirrwarr über mir zusammen, als hätte jemand meinen iPod voll aufgedreht.

»Aber Heath ist ein Mensch, den macht ein Rabenspötter doch in einer Sekunde fertig«, rutschte es mir heraus, bevor ich mir den Mund verbieten konnte, womit zweifelsfrei bewiesen war, dass meine Trotteligkeit sich nicht darauf beschränkte, wie ein Mondkalb herumzustehen.

Natürlich blies Heath sich auf wie ein Ochsenfrosch.

»Zo, ich bin doch kein verdammtes Weichei!«

Erik, der in diesem Moment sehr groß und erwachsen und vampyrmäßig-überlegen aussah, schnaubte höhnisch. »Nein, du bist ein verdammter Mensch. Oh, ich fürchte, da ist das Weichei leider mit eingeschlossen.«

»Da besiegen wir die Oberbösen, und keine fünf Minuten später sind Erik und Heath schon wieder dabei, sich die Köpfe einzuschlagen. War ja klar«, sagte Aphrodite, die sich zu Darius gesellt hatte, mit ihrem hauseigenen verächtlichen Lächeln. Ihr Gesichtsausdruck verwandelte sich aber vollkommen, als sie sich dem Sohn des Erebos zuwandte. »Hey, Süßer, alles okay?«

»Du musst dir keine Sorgen um mich machen«, sagte Darius. Ihre Augen trafen sich, und fast konnte man die Chemie zwischen den beiden knistern hören. Aber statt sie wie sonst in den Arm zu nehmen und ausgiebig zu küssen, richtete Darius seine Aufmerksamkeit wieder auf Stark.

Auch Aphrodites Blick wanderte zu Stark. »Igitt. Deine Brust ist ja total verkohlt.«

James Stark stand zwischen Erik und Darius – okay, ›stand‹ war vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn er schwankte und sah ziemlich wackelig aus.

Ohne Aphrodite zu beachten, sagte Erik: »Darius, du bringst Stark besser nach drinnen. Ich übernehme mit Stevie Rae die Leitung der Aufklärungsmission und schaue, dass hier draußen alles glatt läuft.« Seine Worte waren in Ordnung, aber sein Ton hatte ein bisschen zu viel von ›ich hab hier das Sagen‹, und als er das Ganze mit einem gönnerhaften »Und Heath lasse ich auch helfen« krönte, klang er einfach nur noch wie ein widerlicher Poser.

»Du lässt mich helfen?«, knurrte Heath. »Dir helf ich auch gleich!«

»Hey, welcher von denen ist denn nun dein angeblicher Freund?«, fragte Stark. Trotz seiner miserablen Verfassung schaute er mich eindringlich an. Seine Stimme war rau, und er klang beängstigend schwach, aber in seinen Augen blitzte es belustigt auf.

»Ich!«, gaben Heath und Erik im Chor zurück.

»Himmelhölle, Zoey, was für Idioten!«, sagte Aphrodite.

Stark begann zu lachen, was in einen Hustenanfall überging, der wiederum zu einem gepeinigten Keuchen wurde. Seine Augäpfel verdrehten sich nach oben, und wie eine magische Spirale klappte er zusammen.

Mit der typisch atemberaubenden Geschwindigkeit eines Sohns des Erebos fing Darius Stark auf, bevor er zu Boden krachte. »Er muss dringend nach drinnen.«

Ich hatte das Gefühl, mir zersprang gleich der Kopf. So leblos wie Stark in Darius’ Armen hing, sah er aus, als würde er es nicht mehr lange machen. »Ich – ich weiß nicht mal, wo hier die Krankenstation ist«, stotterte ich.

»Kein Problem. Ich hol uns einen Pinguin«, sagte Aphrodite und schrie einer der schwarz-weiß gekleideten Schwestern, die sich aus dem Klostergebäude gewagt hatten, nachdem das Kampfgetümmel dem Nach-Kampfgetümmel gewichen war, lauthals zu: »Hey, Sie da, Nonne!«

Darius schritt der Nonne bereits entgegen, Aphrodite eilte hinterher. Über die Schulter warf der Krieger mir noch einen Blick zu. »Kommst du nicht mit, Zoey?«

»Gleich. Muss noch was erledigen.« Aber bevor ich mich Erik und Heath zuwenden konnte, ertönte hinter mir eine rettende Stimme in breitem Okie-Singsang.

»Geh mit Darius und Aphrodite, Z. Ich kümmer mich um Dumm und Dümmer und prüf nach, dass auch wirklich keine Schreckgespenster mehr hier rumschwirren.«

»Ach Stevie Rae, du bist die allerbeste Freundin, die’s gibt.« Ich drehte mich um und umarmte sie. Es war so tröstlich, wie normal und echt sie sich anfühlte. Tatsächlich wirkte sie so normal, dass mich ein komisches Gefühl durchzuckte, als sie zurücktrat und mich angrinste und ich, als wär’s zum ersten Mal, die scharlachroten Tattoos erblickte, die sich von der ausgefüllten Mondsichel in der Mitte ihrer Stirn rund um ihr Gesicht ringelten. Ein Hauch Unbehagen überkam mich.

Sie missverstand mein Zögern. »Mach dir keinen Kopf um die zwei Blödmänner. Ich krieg langsam Übung darin, sie auseinanderzutreiben.« Als ich weiter nur dastand und sie anstarrte, trübte sich ihr breites Grinsen. »Hey, deiner Grandma geht’s gut, das weißt du? Kramisha hat sie gleich, nachdem Kalona verbannt worden war, nach drinnen gebracht, und Schwester Mary Angela hat mir gerade Bescheid gesagt, dass sie reingeht und nach ihr schaut.«

»Ja, ich hab gesehen, wie Kramisha Grandma in den Rollstuhl geholfen hat. Ich bin nur …« Ich brach ab. Was war ich nur? Wie konnte ich in Worte fassen, dass ich das Gefühl nicht los wurde, etwas mit meiner besten Freundin und der Gruppe Kids, mit denen sie rumhing, stimmte nicht – und wie sollte ich das auch noch meiner besten Freundin beibringen?

»Du bist nur müde und machst dir über alles Mögliche Sorgen«, sagte Stevie Rae leise.

War es Verständnis, was durch ihren Blick huschte? Oder war es etwas anderes, Finsteres?

»Schon kapiert, Z. Hey, überlass das hier draußen mir. Geh du zu Stark und kümmer dich darum, dass es ihm gutgeht.« Sie umarmte mich noch einmal und gab mir einen kleinen Schubs in Richtung Kloster.

»’kay. Danke«, sagte ich matt, wandte mich um und schenkte den beiden Blödmännern, die mich anstarrten, keine Beachtung.

»Hey«, rief Stevie Rae mir nach, »sag Darius oder irgendwem, dass er ’n Auge auf die Uhrzeit haben soll. In etwa ’ner Stunde wird’s hell, und du weißt, dann müssen die roten Jungvampyre und ich drinnen sein.«

»Ja, klar, mach ich«, sagte ich.

Das Problem war, es wurde immer schwerer zu vergessen, dass Stevie Rae nicht mehr dieselbe war wie früher.

Zwei

Stevie Rae

»Okay, ihr zwei, jetzt hört mir mal zu. Ich sag das nur einmal: Benehmt euch.« Stevie Rae stellte sich, die Hände in den Hüften, zwischen Erik und Heath und blitzte sie wütend an. Ohne sie aus den Augen zu lassen, rief sie: »Dallas!«

Der Kleine war sofort da. »Was gibt’s?«

»Hol Johnny B. Sag ihm, er soll mit Heath die Vorderfront des Klosters an der Lewis Street abgehen und nachschauen, ob die Rabenspötter auch alle weg sind. Du und Erik nehmt euch die Südseite vor. Ich schau mich bei den Bäumen an der Einundzwanzigsten um.«

»Ganz allein?«, fragte Erik.

»Ja, ganz allein«, fauchte sie zurück. »Pass mal auf, wenn ich wollte, könnte ich jetzt mit’m Fuß aufstampfen und die Erde zum Beben bringen. Oder dich packen und wegschleudern, dass du auf deinen dämlichen Macho-Hintern fällst. Ich glaub, ich krieg’s ganz gut alleine hin, die Bäume abzusuchen.«

Dallas fing an zu lachen. »Klare Sache: Roter Vampyr mit Erdaffinität schlägt blauen Drama-Vampyr.«

Heath prustete los. Natürlich schwoll Erik sofort wieder der Kamm.

»Nein!«, sagte Stevie Rae, bevor die zwei Blödmänner wieder anfangen konnten, sich verbale Tiefschläge zu verabreichen. »Entweder du sagst was Nettes oder du hältst die Klappe.«

»Brauchst du mich, Stevie Rae?« Neben ihr tauchte Johnny B auf. »Hab gerade Darius getroffen, als der den Typ mit dem Pfeil nach drinnen brachte. Er hat mich zu dir geschickt.«

»Ja«, sagte sie erleichtert. »Kannst du mit Heath die Vorderseite des Klosters bei der Lewis Street absuchen, ob sich noch irgendwo Rabenspötter verstecken?«

»Schon dabei!« Johnny B boxte Heath spielerisch an die Schulter. »Komm, Quarterback, schau’n wir mal, was du so draufhast.«

»Achtet vor allem auf die Bäume und dieses verflixte Schattenzeug«, sagte Stevie Rae und schüttelte den Kopf, als Heath sich duckte und Johnny B seinerseits tänzelnd ein paar Knüffe verpasste.

»Alles klar«, sagte Dallas und machte sich mit Erik, der kein Wort mehr gesagt hatte, in die andere Richtung auf.

»Beeilt euch«, rief Stevie Rae den beiden Teams nach. »Bald wird’s hell. Wir treffen uns in ’ner halben Stunde bei der Mariengrotte. Schreit, wenn ihr was findet, dann kommen wir anderen euch zu Hilfe.«

Sie sah den vier Jungs nach, ob die auch wirklich dorthin verschwanden, wo sie sollten, dann drehte sie sich um und machte sich mit einem Seufzer in ihren eigenen Sektor auf. Mannomann, das kostete Nerven! Sicher, sie liebte Z mehr als alles in der Welt, aber wenn man sich mit ihren Jungs rumstreiten musste, fühlte man sich ’n bisschen wie ’ne Kröte in einem Tornado. Früher hatte sie Erik mal für den tollsten Typen der Welt gehalten. Jetzt, wo sie ein paar Tage mit ihm verbracht hatte, kam er ihr eher vor wie ein lausiger Schmerz im Arsch mit XXL-Ego. Heath war süß, aber nun mal nur ein Mensch. War schon richtig, dass Z sich Sorgen um ihn machte. Menschen gingen einfach leichter drauf als Vampyre oder auch Jungvampyre. Sie spähte noch mal über die Schulter, um vielleicht noch einen Blick auf Johnny B und Heath zu erhaschen, aber die frostige Dunkelheit und die Bäume hatten sich zwischen sie und die anderen geschoben, und sie sah niemanden mehr.

Nicht, dass sie was dagegen hatte, zur Abwechslung mal allein zu sein. Johnny B würde schon auf Heath aufpassen. Sie war heilfroh, ihn und Eifersucht-Erik eine Weile los zu sein. Wenn sie die zwei beobachtete, wurde ihr immer klarer, was sie an Dallas hatte. Er war geradlinig und unkompliziert. Und er war so was wie ihr Freund. Aber das, was sie mit ihm am Laufen hatte, kam ihr nicht bei ihrem anderen Kram in die Quere. Dallas wusste, dass sie sich um ’ne Menge Zeug kümmern musste, und ließ sie machen. Und in der Freizeit war er für sie da. Easy-peasy-japanesy.

Z könnte sich ’n Beispiel an mir nehmen, was Jungs angeht, dachte sie, während sie durch das kleine Eichengehölz hinter der Mariengrotte stapfte, das das Kloster von der geschäftigen Einundzwanzigsten Straße abschirmte.

Also, eines war sicher: das Wetter war zum Heulen. Stevie Rae war kaum ein Dutzend Schritte gegangen, schon waren ihre kurzen blonden Locken total durchnässt. Mann, das Wasser tropfte ihr sogar von der Nase! Mit dem Handrücken wischte sie sich den nasskalten Mix aus Regen und Eis vom Gesicht. Und alles war so dunkel und still. Verrückt, dass an der Einundzwanzigsten keine einzige Straßenlampe brannte. Und nicht ein Auto fuhr vorbei – nicht mal eine Polizeistreife. Rutschend und schlitternd stolperte sie die Böschung hinunter, bis sie die Straße unter den Füßen spürte. Nur dank ihrer supercoolen Roter-Vampyr-Nachtsicht behielt sie die Orientierung. Als hätte Kalona, als er verduftete, alles Licht und alle Geräusche mitgenommen.

Irgendwie war sie ganz schön angespannt. Sie schob sich das triefend nasse Haar aus der Stirn und nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Hör auf, dich zu benehmen wie ’n Huhn! Hühner sind ’n feiges Pack! Schäm dich!« Aber beim Klang ihrer Stimme erschreckte sie sich nur noch mehr, weil die Worte in dem Eis und in der Dunkelheit so seltsam hallten.

Warum in aller Welt war sie so schreckhaft? »Vielleicht, weil du was vor deiner allerbesten Freundin verbirgst«, brummte sie vor sich hin und presste dann schnell die Lippen aufeinander. Ihre Stimme war einfach viel zu laut für die schwarze, eisverhüllte Nacht.

Aber sie würde Z davon erzählen. Wirklich! Bisher war nur keine Zeit gewesen. Und Z hatte selbst so viel zu tun, da musste sie ihr nicht noch mehr Stress bereiten. Und … und … darüber zu reden war halt nicht so leicht, nicht mal mit Zoey.

Sie kickte mit dem Fuß gegen einen abgebrochenen, eisverkleideten Zweig. Ihr war klar, dass es ist nicht leicht keine Entschuldigung war. Sie würde mit Zoey reden. Sie musste. Aber nicht gleich. Später. Irgendwann.

Besser, sie konzentrierte sich erst mal auf die Gegenwart.

Blinzelnd, die Hand als Schirm über den Augen, um den piekenden Eisregen abzuhalten, spähte sie nach oben in die Zweige. Selbst bei der Dunkelheit und dem Unwetter sah sie noch ganz gut, und ein Stein fiel ihr vom Herzen, als sie keine großen dunklen Leiber über sich lauern sah. Auf dem Asphalt der Einundzwanzigsten Straße, wo es leichter zu gehen war, schritt sie den Rand des Klostergeländes ab, die Augen unablässig nach oben gerichtet.

Sie war schon fast bei dem Zaun, der das Grundstück der Nonnen von dem des Luxus-Wohnhauses daneben trennte, als sie es roch.

Blut.

Irgendwie falsches Blut.

Stevie Rae hielt an. In fast raubtierhafter Weise nahm sie die Witterung auf. Die Luft war von dem feuchten, dumpfen Geruch von Eis auf Erde erfüllt, vom frischen zimtähnlichen Duft der winterlichen Bäume und von der menschengemachten Ausdünstung des Asphalts unter ihren Füßen. Sie blendete all diese Gerüche aus und konzentrierte sich allein auf das Blut. Es war kein menschliches Blut, auch keines von einem Jungvampyr – es roch nicht nach Frühling und Sonnenlicht, nach Honig und Schokolade, nach Leben und Liebe und allem, wovon sie je geträumt hatte. Nein, dieses Blut roch zu dunkel. Zu schwer. Zu viel war darin, was nicht menschlich war. Aber es war trotz allem Blut, und es zog sie an, auch wenn sie tief drinnen wusste, wie falsch es war.

Der fremde, anderweltliche Geruch führte sie zu den ersten scharlachroten Spritzern. In der stürmischen Dunkelheit kurz vor Tagesanbruch waren es selbst für ihre hochentwickelten Augen nur feuchte Tropfen auf der Eisfläche von Straße und Böschung. Aber Stevie Rae wusste: Es war Blut. Viel Blut.

Aber nirgendwo war ein Mensch, Tier oder sonstiges Wesen zu sehen, von dem es hätte stammen können.

Da war nur eine Spur aus flüssiger Dunkelheit, die sich immer deutlicher auf der Eisdecke abzeichnete und von der Straße weg ins dichteste Unterholz des Wäldchens hinter dem Kloster führte.

Sofort setzten ihre Raubtierinstinkte ein. Fast lautlos und beinahe ohne zu atmen bewegte sich Stevie Rae die Blutspur entlang.

Sie fand es unter einem der größten Bäume, zusammengekrümmt unter einem dicken, ausladenden, frisch heruntergefallenen Ast, als habe es sich dorthin verkrochen, um zu sterben.

Stevie Rae durchlief ein Schauer des Entsetzens. Es war ein Rabenspötter.

Er war riesig. Größer, als die Dinger aus der Entfernung ausgesehen hatten. Er lag auf der Seite, den Kopf flach auf dem Boden, daher konnte sie das Gesicht nicht gut sehen. Der gewaltige Flügel, der vor ihr lag, sah unnormal aus, offensichtlich gebrochen, und der menschliche Arm darunter war seltsam abgespreizt und blutig. Auch die Beine hatten menschliche Form. Im Tod hatte er sie an den Körper gezogen, wie bei einem Embryo. Sie erinnerte sich, dass sie Schüsse gehört hatte, als Zoey und ihre Leute wie eine Höllenarmee die Einundzwanzigste Straße entlang zum Kloster gesprengt waren. Also hatte Darius ihn vom Himmel geschossen.

»Mannomann«, sagte sie tonlos. »Muss ’n verflixt fieser Sturz gewesen sein.«

Sie formte die Hände zu einem Schalltrichter und wollte schon nach Dallas rufen, damit er und die anderen Jungs ihr halfen, die Leiche woandershin zu schaffen – da zuckte der Rabenspötter leicht und öffnete die Augen.

Sie konnte sich nicht rühren. Sie starrte ihn an und er sie. Die Augen in dem Vogelgesicht weiteten sich überrascht und sahen plötzlich unwahrscheinlich menschlich aus. Sein Blick flitzte nach allen Seiten und hinter sie – er schien sich zu vergewissern, dass sie allein war. Automatisch duckte sich Stevie Rae, hob abwehrend die Hände und sammelte sich, um die Erde zu Hilfe zu rufen.

Da hörte sie seine leise gesprochenen Worte.

»Töte mich.« Er keuchte vor Schmerz. »Bring es zu Ende.«

Seine Stimme klang so menschlich, so völlig unerwartet, dass Stevie Rae die Hände sinken ließ und einen Schritt zurücktaumelte. »Du kannst reden!«, entfuhr es ihr.

Da tat der Rabenspötter etwas, was sie zutiefst erschütterte und den Lauf ihres Lebens unwiderruflich änderte.

Er lachte.

Es war ein trockener, sarkastischer Laut, der in einem Aufstöhnen des Schmerzes endete. Aber es war Lachen, und es verlieh seinen Worten Menschlichkeit.

»Ja«, sagte er und rang nach Luft. »Ich kann reden. Bluten. Sterben. Töte mich. Mach’s kurz.« Er versuchte, sich aufzusetzen, als könne er seinen Tod kaum erwarten. Die Bewegung ließ ihn vor Qual aufschreien. Seine viel zu menschlichen Augen drehten sich nach oben, und er brach bewusstlos auf dem vereisten Boden zusammen.

Stevie Rae handelte, bevor sie überhaupt merkte, dass sie sich dafür entschieden hatte. Bei ihm angekommen, zögerte sie nur eine Sekunde. Er war bäuchlings niedergesunken, und es war ein Leichtes für sie, seine Flügel beiseitezuschieben und ihn unter den Armen zu packen. Er war verdammt groß – also, ungefähr so wie ein kräftiger Mann, und sie machte sich darauf gefasst, dass er schwer sein würde, aber das war er nicht. Tatsächlich war er so leicht, dass es ein Kinderspiel war, ihn wegzuschleifen. Was sie zu ihrem eigenen Erstaunen auch tat, während ihr Gewissen in ihr zeterte: Was soll denn das? Hast du sie noch alle? Was soll das?

Was bei allen guten Geistern tat sie da?

Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, was sie nicht tun würde.

Sie würde den Rabenspötter nicht töten.

Drei

Zoey

»Wird er wieder gesund?« Ich bemühte mich zu flüstern, um Stark nicht zu wecken. Sichtlich erfolglos, denn seine geschlossenen Augenlider flatterten, und seine Lippen verzogen sich kaum merklich zu einem schmerzverzerrten Schatten seines flegelhaften halben Grinsens.

»Ich bin noch nicht tot«, sagte er.

»Und ich hab nicht mit dir geredet«, sagte ich viel verärgerter, als ich wollte.

»Nicht so aufbrausend, u-we-tsi a-ge-hu-tsa«, ermahnte mich Grandma sanft, während Schwester Mary Angela, die Priorin des Benediktinerinnenklosters, ihr in das kleine Krankenzimmer half.

»Grandma! Da bist du ja!« Ich eilte zu ihr und half ihr gemeinsam mit Schwester Mary Angela auf einen Stuhl.

»Sie macht sich nur Sorgen um mich.« Stark hatte die Augen wieder geschlossen, aber auf seinen Lippen spielte noch immer die Spur eines Lächelns.

»Das weiß ich, tsi-ta-ga-a-s-ha-ya. Aber Zoey ist eine Hohepriesterin in Ausbildung und muss lernen, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.«

Tsi-ta-ga-a-s-ha-ya! Wenn Grandma nicht so bleich und zerbrechlich ausgesehen hätte und ich nicht, na ja, nicht insgesamt so besorgt gewesen wäre, hätte ich laut losgelacht. »Sorry, Grandma. Ich sollte mich besser beherrschen, aber das ist nicht so einfach, wenn die Leute, die ich mag, ständig fast sterben!«, erklärte ich eilig und holte tief Atem, um mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. »Und solltest du nicht im Bett sein?«

»Bald, u-we-tsi a-ge-hu-tsa, bald.«

»Was heißt denn tsi-ta-ga-s-was-auch-immer?« Stark bekam gerade von Darius eine dicke Salbe auf seine Brandwunde geschmiert, deshalb klang er etwas angespannt vor Schmerz, aber trotzdem erheitert und neugierig.

»Tsi-ta-ga-a-s-ha-ya«, sprach Grandma das Wort sorgfältig richtig aus, »bedeutet Gockel.«

Seine Augen glommen belustigt auf. »Es wird behauptet, Sie seien eine weise Frau.«

»Was weit weniger von Interesse ist als das, was man von dir behauptet, tsi-ta-ga-a-s-ha-ya.«

Stark lachte bellend auf und sog dann vor Schmerz die Luft ein.

»Stillhalten!«, knurrte Darius.

»Schwester, ich dachte, bei euch Nonnen wäre auch eine Ärztin.« Ich versuchte, mir meine Panik nicht anmerken zu lassen.

»Ein menschlicher Arzt kann ihm nicht helfen«, sagte Darius, bevor Schwester Mary Angela antworten konnte. »Er braucht Ruhe und Erholung und –«

»Ruhe und Erholung reichen völlig aus«, unterbrach ihn Stark. »Wie schon gesagt, ich bin noch nicht tot.« Sein Blick suchte den von Darius, und ich sah, wie der Sohn des Erebos kurz nickte und mit den Schultern zuckte, als gäbe er dem jüngeren Vampyr in irgendeinem Punkt nach.

Ich hätte den stummen Austausch einfach ignorieren sollen, aber meine Geduld war schon seit Stunden am Ende. »Okay, was verschweigt ihr mir?«

Die Nonne, die Darius assistierte, bedachte mich mit einem langen, eisigen Blick. »Vielleicht sollte der verletzte Junge eine Bestätigung erhalten, dass sein Opfer nicht umsonst war.«

Die schroffen Worte der Nonne trafen mich wie ein Schlag ins Gesicht. Meine Kehle verengte sich, und ich brachte dem harten Blick der Frau gegenüber keine Erwiderung heraus. Was Stark zu opfern bereit gewesen war, war sein Leben gegen meines. Ich zwang meine trockene Kehle zu schlucken. Was war mein Leben wert? Ich war erst knapp siebzehn. Ich hatte immer und immer wieder bittere Fehler gemacht. Ich war die Reinkarnation eines Mädchens, das erschaffen worden war, um einen gefallenen Engel in die Falle zu locken, und das bedeutete, tief in meinem Innern konnte ich nicht anders, als ihn zu lieben, auch wenn ich genau wusste, dass das nicht gut war … überhaupt nicht gut …

Nein. Ich war es nicht wert, dass Stark sein Leben für mich opferte.

»Das weiß ich schon.« Starks Stimme schwankte plötzlich überhaupt nicht mehr, er klang kraftvoll und sicher. Ich blinzelte mir die Tränen aus den Augen.

»Was ich getan habe, hat nur zu meinem Job gehört«, sagte er. »Ich bin ein Krieger. Ich habe mein Leben in den Dienst von Zoey Redbird, Hohepriesterin und Erwählte der Nyx, gestellt. Also arbeite ich für die Göttin. Umzufallen und ein bisschen verbrannt zu werden sind echt Kinkerlitzchen, wenn ich dafür Zoey geholfen habe, die Bösen zu besiegen.«

»Wohl gesprochen, tsi-ta-ga-a-s-ha-ya«, sagte Grandma.

»Schwester Emily, ich entlasse dich für den Rest der Nacht vom Krankenpflegedienst«, sagte Schwester Mary Angela. »Bitte schick stattdessen Schwester Bianca her. Ich würde dir raten, einige Zeit in aller Stille über Lukas 6,37 zu meditieren.«

»Wie Sie wünschen, Schwester«, sagte die Nonne und beeilte sich, den Raum zu verlassen.

»Lukas 6,37? Was steht da?«, fragte ich.

»›Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebet, so wird euch vergeben‹«, antwortete Grandma und tauschte ein Lächeln mit Schwester Mary Angela. In diesem Moment klopfte Damien an die halb offenstehende Tür.

»Können wir reinkommen? Da ist jemand, der Stark dringend sehen muss.« Damien warf einen Blick über die Schulter und machte eine Zurückbleiben!-Geste. Das leise wuff!, das ihm antwortete, ließ stark vermuten, dass der Jemand eigentlich ein Je-Hund war.

Abrupt wandte Stark den Kopf ab. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. »Lass sie nicht rein. Sag diesem Jack, sie gehört jetzt ihm.«

»Nein.« Ich bedeutete Damien, der schon den Rückzug antreten wollte, er solle dableiben. »Jack soll Duchess reinbringen.«

»Zoey, nein, ich –«, fing Stark an, aber als ich die Hand hob, verstummte er.

»Bring sie einfach rein«, sagte ich und sah Stark in die Augen. »Vertraust du mir?«

Er sah mich sehr, sehr lange an. Ich konnte ganz deutlich sehen, wie verletzlich er war und wie sehr es ihn schmerzte, aber schließlich nickte er knapp und sagte: »Ich vertraue dir.«

»Dann kommt rein«, sagte ich.

Damien drehte sich halb um, sagte etwas zu jemandem hinter sich und trat beiseite. Zuerst kam Jack, Damiens Freund, ins Zimmer. Seine Wangen waren gerötet, seine Augen schimmerten verdächtig. Nach ein paar Schritten hielt er an und schaute zurück zur Tür.

»Ja, komm. Alles in Ordnung. Er ist hier drin«, lockte er.

Da tappte die hellgoldene Labradorhündin herein. Ich staunte, wie leise sie sich für einen so großen Hund bewegte. Neben Jack blieb sie kurz stehen, sah zu ihm hoch und wedelte mit dem Schwanz.

»Alles in Ordnung«, wiederholte Jack. Er lächelte Duchess zu und wischte sich die Tränen ab, die er nicht hatte zurückhalten können. »Ihm geht’s jetzt besser.« Er machte eine Geste zum Bett hin. Duchess’ Blick folgte der Bewegung und blieb auf Stark haften.

Ich schwör’s, wir hielten alle den Atem an, während der verletzte Junge und der Hund sich betrachteten.

»Hi, Süße«, sagte Stark zögernd mit tränenerstickter Stimme.

Duchess stellte die Ohren auf und hob den Kopf.

Stark hielt ihr die Hand hin und winkte. »Komm her, Duch.«

Als hätten seine Worte einen Damm gebrochen, sprang Duchess jappend und bellend auf ihn zu und tollte herum und führte sich unterm Strich so welpenhaft auf, wie man es bei ihrem über einen Zentner Lebendgewicht nun wirklich nicht erwartet hätte.

»Nein!«, schimpfte Darius. »Nicht aufs Bett!«

Duchess gehorchte und begnügte sich damit, ihren Kopf an Stark zu schmiegen, die Nase in seiner Achselhöhle zu vergraben und mit dem ganzen Körper zu wedeln, und Stark, der übers ganze Gesicht strahlte, schmuste mit ihr und sagte ihr immer und immer wieder, was für ein klasse Mädchen sie sei.

Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich weinte, bis Damien mir ein Taschentuch reichte.

»Danke«, murmelte ich und wischte mir die Tränen ab.

Er lächelte mir flüchtig zu, trat dann zu Jack und tätschelte ihm die Schulter (und reichte ihm ebenfalls ein Taschentuch). Ich hörte ihn sagen: »Komm, lass uns mal schauen, wo die Schwestern uns untergebracht haben. Du brauchst dringend Schlaf.«

Jack machte ein halb schniefendes, halb schluckaufähnliches Geräusch, nickte und ließ zu, dass Damien ihn zur Tür geleitete.

»Wart mal, Jack«, rief Stark ihnen nach.

Jack sah zurück zum Bett, wo Duchess ihren Kopf immer noch an Stark schmiegte, der ihr den Arm um den Hals gelegt hatte.

»Danke, dass du auf Duchess aufgepasst hast, als ich nicht konnte.«

»War kein Problem. Ich hatte noch nie einen Hund, deshalb wusste ich gar nicht, was für tolle Tiere sie sind.« In Jacks Stimme schlich sich ein kleiner Kiekser. Er räusperte sich und fuhr fort. »Ich – ich bin froh, dass du nicht mehr, äh, eklig und böse bist und so, und dass sie wieder zu dir kommen kann.«

»Oh, was das angeht.« Stark verstummte und verzog das Gesicht, weil all die Bewegungen wohl doch ihren Tribut forderten. »Wird noch ein Weilchen dauern, bis ich wieder voll einsatzfähig bin, und selbst dann weiß ich nicht, welche Pflichten auf mich warten. Ich denke, du würdest mir ’nen Riesengefallen tun, wenn du damit einverstanden wärst, dass wir uns Duchess teilen.«

Jacks Gesicht hellte sich auf. »Echt?«

Stark nickte müde. »Echt. Könntet du und Damien Duch mit in euer Zimmer nehmen und sie vielleicht später noch mal zu mir bringen?«

»Aber klar doch!«, sagte Jack und musste sich noch einmal räuspern. »Wie gesagt, sie hat mir überhaupt keine Mühe gemacht.«

»Gut.« Stark nahm Duchess’ Schnauze in die Hand und sah dem Labrador in die Augen. »Mir geht’s gut, meine Süße. Geh mit Jack, damit ich ganz gesund werden kann.«

Es musste ihm furchtbare Qualen bereiten, aber er setzte sich auf, beugte sich zu Duchess hinunter, gab ihr einen Kuss und ließ sie sein Gesicht ablecken. »Gutes Mädchen … so ist’s recht, meine Süße …«, flüsterte er, küsste sie noch einmal und sagte dann: »Geh jetzt mit Jack! Na geh schon!« Dabei zeigte er auf Jack.

Die Hündin leckte ihm noch einmal übers Gesicht und gab ein unwilliges Winseln von sich, dann löste sie sich von dem Bett, trottete zu Jack hinüber und stupste ihn schwanzwedelnd mit der Schnauze an. Er wischte sich mit einer Hand die Tränen ab und streichelte sie mit der anderen.

»Ich pass gut auf sie auf und bring sie gleich nach Sonnenuntergang wieder vorbei, okay?«

Stark brachte ein Lächeln zustande. »Okay. Danke, Jack.« Dann ließ er sich wieder in die Kissen zurückfallen.

»Er braucht jetzt Ruhe und Erholung«, erklärte Darius und fuhr fort, ihn zu verarzten.

»Zoey, vielleicht kannst du mir helfen, deine Grandma in ihr Zimmer zu bringen?«, fragte Schwester Mary Angela. »Sie sollte sich auch ausruhen. Es war für uns alle eine lange Nacht.«

Meine Sorge verlagerte sich von Stark auf Grandma, und mein Blick flog zwischen den beiden Personen, die mir so viel bedeuteten, hin und her.

Stark räusperte sich. »Hey, kümmer dich um deine Grandma. Die Sonne geht gleich auf, das spüre ich. Dann gehen bei mir sowieso die Lichter aus.«

»Okay … von mir aus.« Ich trat an sein Bett und stand erst mal ein bisschen hilflos da. Wie sollte ich mich verhalten? Ihn küssen? Ihm die Hand drücken? Ein blödes Kopf-hoch-Zeichen machen und ihn angrinsen? Ich meine, er war zwar nicht mein offizieller Freund, aber zwischen uns bestand eine Verbindung, die weit über das Kumpelmäßige hinausging. Befangen und besorgt und ziemlich aus dem Konzept gebracht, legte ich ihm die Hand auf die Schulter und flüsterte: »Danke, dass du mir das Leben gerettet hast.«

Er schaute mich eindringlich an, und der Rest des Zimmers schien unwirklich zu werden. »Ich werde dein Herz immer gut behüten, selbst wenn dafür meines aufhören muss zu schlagen«, sagte er leise.

Ich bückte mich, küsste ihn auf die Stirn und wisperte: »Lass uns alles dransetzen, dass das nicht passiert, ’kay?«

»Okay«, erwiderte er.

»Bis Sonnenuntergang«, verabschiedete ich mich dann von ihm und ging schnell wieder zu Grandma hinüber. Schwester Mary Angela und ich halfen ihr hoch und stützten sie – eigentlich trugen wir sie fast – aus Starks Zimmer hinaus und einen kurzen Gang entlang zu einem weiteren Krankenzimmer. Wie ich sie so festhielt, kam Grandma mir winzig und zerbrechlich vor, und mein Magen verkrampfte sich mal wieder vor Sorge um sie.

»Hör auf, dich verrückt zu machen, u-we-tsi a-ge-hu-tsa«, sagte sie, während Schwester Mary Angela mehrere Kissen um sie herumdrapierte und ihr half, eine bequeme Lage zu finden.

»Ich hole Ihnen Ihre Schmerzmittel«, sagte Schwester Mary Angela dann. »Ich werde auch noch einmal nachprüfen, ob in Starks Zimmer die Vorhänge wirklich ganz zugezogen und die Rollläden heruntergelassen sind. Derweil können Sie sich noch unterhalten, aber wenn ich zurückkomme, nehmen Sie Ihre Tabletten und schlafen.«

»Sie sind eine harte Zuchtmeisterin, Mary Angela«, sagte Grandma.

»Das sagen gerade Sie, Sylvia«, gab die Nonne zurück und verließ raschen Schrittes den Raum.

Grandma lächelte mich an und klopfte auf ihren Bettrand. »Komm, setz dich zu mir, u-we-tsi a-ge-hu-tsa.«

Ich setzte mich zu Grandma, zog die Beine an und versuchte achtzugeben, dass ich nicht das Bett durcheinanderbrachte. Ihr Gesicht war voller Blutergüsse und Verbrennungen von dem Airbag, der ihr das Leben gerettet hatte. Auf ihrer Lippe und Wange waren je eine kurze dunkle Naht zu sehen. Ihr Kopf war verbunden, und ihr rechter Arm steckte in einem furchteinflößenden Gipsverband.

»Welche Ironie, dass meine Wunden so schlimm aussehen, wo sie doch viel weniger schmerzhaft und tief sind als die unsichtbaren Wunden in dir, nicht wahr?«, fragte sie.

Ich wollte ihr versichern, dass es mir wirklich gutging, aber ihre nächsten Worte versetzten dem Rest meiner zähen Verleugnung den Todesstoß.

»Wie lange weißt du schon, dass du die Reinkarnation des Mädchens A-ya bist?«

Vier

Zoey

»Ich hab mich von der ersten Sekunde, als ich Kalona sah, zu ihm hingezogen gefühlt«, sagte ich langsam. Ich hatte nicht vor, Grandma anzulügen, aber das machte es nicht leichter, ihr die Wahrheit zu sagen. »Aber bei fast allen Jungvampyren und selbst den Vampyren war es ja ähnlich – es sah so aus, als hätte er sie irgendwie verzaubert.«

Grandma nickte. »Das habe ich schon von Stevie Rae gehört. Aber bei dir war es anders? Da war mehr als dieser magische Charme, über den er verfügt?«

»Ja. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich unter seinem Zauber gestanden hätte.« Ich schluckte, mühsam, weil meine Kehle so trocken war. »Ich hab ihm nie abgenommen, dass er Erebos sei, und mir war klar, dass er mit Neferet böse Pläne schmiedet. Ich wusste, dass an ihm was Finsteres war. Aber trotzdem wollte ich ihm nahe sein – nicht nur, weil ich dachte, er könnte sich vielleicht doch noch für das Gute entscheiden, sondern weil ich ihn wollte, auch wenn ich genau wusste, dass das falsch war.«

»Aber du hast gegen das Begehren angekämpft, u-we-tsi a-ge-hu-tsa. Du hast deinen eigenen Weg gewählt, den der Liebe und des Guten, den Weg deiner Göttin. Und dadurch konnte diese Kreatur vertrieben werden. Du hast dich für die Liebe entschieden«, wiederholte sie langsam. »Lass dieses Wissen Balsam auf die Wunde sein, die er deiner Seele zugefügt hat.«

Das panikartige Gefühl und die Enge in meiner Brust begannen sich zu lösen. »Ich kann meinen eigenen Weg wählen«, sagte ich mit größerer Überzeugung, als ich empfand, seit ich erkannt hatte, dass ich eine Reinkarnation von A-ya war. Dann runzelte ich die Stirn. Es war nicht zu leugnen, dass sie und ich etwas miteinander zu tun hatten. Ob man es nun Essenz oder Geist oder Seele nannte, es verband mich mit diesem Unsterblichen so sicher, wie er jahrhundertelang in der Erde gefangen gewesen war. »Ich bin nicht A-ya«, sagte ich etwas ruhiger, »aber das mit Kalona hab ich noch nicht ganz geklärt. Was soll ich tun, Grandma?«

Grandma nahm meine Hand und drückte sie. »Wie du schon sagtest – du folgst deinem Weg. Und dieser Weg führt dich jetzt geradewegs in ein warmes, weiches Bett, wo du den ganzen Tag schlafen wirst.«

»Immer schön eine Krise nach der anderen?«

»Immer nur eine Angelegenheit nach der anderen«, sagte sie.

»Höchste Zeit, dass du deinen eigenen Rat befolgst, Sylvia«, sagte Schwester Mary Angela, die mit einem Pappbecher voll Wasser in der einen und ein paar Tabletten in der anderen Hand ins Zimmer trat.

Grandma lächelte der Nonne matt zu und nahm die Medikamente entgegen. Ich bemerkte, dass ihre Hände zitterten, als sie die Tabletten auf die Zunge legte und das Wasser trank.

»Grandma, ich lass dich jetzt in Ruhe.«

»Ich liebe dich, u-we-tsi a-ge-hu-tsa. Das hast du heute sehr gut gemacht.«

»Ohne dich hätte ich’s nicht geschafft. Ich liebe dich auch, Grandma.« Ich beugte mich zu ihr herunter und küsste sie auf die Stirn, und als sie die Augen schloss und sich mit einem zufriedenen Lächeln in die Kissen zurücklegte, folgte ich Schwester Mary Angela aus dem Zimmer. Kaum waren wir im Gang, bestürmte ich sie mit Fragen. »Haben Sie alle unterbringen können? Läuft mit den roten Jungvampyren alles gut? Wissen Sie, ob Stevie Rae Erik und Heath und keine-Ahnung-wen-noch zusammentrommeln konnte, um nach den Rabenspöttern zu suchen? Ist es da draußen ruhig?«

Schwester Mary Angela hob die Hand, um meinen Wortschwall zu stoppen. »Kind, hol erst einmal Atem und lass mich antworten.«

Ich unterdrückte einen Seufzer, schaffte es aber, den Mund zu halten, während wir den Gang entlanggingen und sie mir erzählte, dass die Nonnen ein paar Räume im Keller gemütlich als ›Wohnheim‹ für die roten Jungvampyre hergerichtet hätten, nachdem Stevie Rae ihnen erklärt hatte, dass diese sich unter der Erde am wohlsten fühlten. Meine Leute waren in den Gästezimmern über der Erde untergebracht, und ja, es hatte schon Entwarnung gegeben, dass die Luft draußen rein sei.

Ich lächelte sie an. »Danke. Sie sind echt toll, wissen Sie das?«

Vor einer geschlossenen Tür am Ende des Ganges hielten wir an. »Nichts zu danken. Ich diene lediglich Unserer Lieben Frau.« Sie zog die Tür auf. »Das ist die Treppe zum Keller. Mir wurde gesagt, dass die meisten von euch jungen Leuten dort unten seien.«

»Zoey! Da bist du ja. Du musst unbedingt runterkommen! Du ahnst nicht, was Stevie Rae gemacht hat«, rief mir Damien zu und sprang die Treppe herauf.

Ich bekam sofort den nächsten Magenkrampf und eilte ihm entgegen. »Was denn? Was ist passiert?«

Er grinste. »Nichts ist passiert. Es ist nur schlichtweg unglaublich.« Er nahm mich an der Hand und zog mich mit.

»Da hat Damien recht«, stimmte Schwester Mary Angela zu, die uns nachkam. »Aber ich würde dafür plädieren, dass ›unglaublich‹ der falsche Ausdruck dafür ist.«

»Würde ›grauenvoll‹ oder ›entsetzlich‹ es besser treffen?«, fragte ich.

Damien drückte meine Hand. »Mach dir nicht immer gleich solche Sorgen. Du hast heute Nacht Kalona und Neferet besiegt. Alles wird gut.«

Ich erwiderte seinen Händedruck und zwang mich zu lächeln und nicht ganz so sorgenvoll dreinzuschauen, obwohl ich tief im Herzen wusste: Was heute Nacht passiert war, war kein Abschluss oder gar ein Sieg gewesen. Sondern ein entsetzlicher, grauenvoller Anfang.

 

»Wow.« Ungläubig betrachtete ich meine Umgebung.

»Wow hoch zehn trifft’s eher«, sagte er.

»Das hat wirklich Stevie Rae gemacht?«

»Hat mir Jack jedenfalls gesagt.« Damien und ich standen nebeneinander und starrten in die Tiefe des frisch ausgehobenen Gangs.

Ich sprach aus, was ich dachte. »Okay. Ganz schön unheimlich.«

Damien sah mich merkwürdig an. »Wie meinst du das?«

Ich schwieg kurz, weil ich nicht sicher war, was ich damit gemeint hatte, obwohl der Tunnel mir entschieden ein unbehagliches Gefühl verursachte. »Na ja, also, es ist, hm … so dunkel.«

Damien lachte. »Selbstverständlich ist es dunkel. Es ist ein Loch in der Erde. Löcher in der Erde sind immer dunkel.«

»Auf mich wirkt es natürlicher als ein Loch in der Erde«, sagte Schwester Mary Angela, die sich zu uns vor den Tunneleingang gesellte und gemeinsam mit uns in die Schwärze spähte. »Ich könnte nicht sagen, warum, aber ich empfinde es als tröstlich. Vielleicht liegt es ja daran, wie es riecht.«

Wir schnupperten. Ich roch, na ja, Dreck. Aber Damien sagte: »Riecht aromatisch und gesund.«

»Wie ein frisch gepflügtes Feld«, stimmte die Nonne zu.

»Schau, es ist kein bisschen unheimlich, Z. Ich würde mich hier definitiv verstecken, wenn ein Tornado käme«, sagte Damien.

Ich kam mir hyperempfindlich und ein bisschen dumm vor. Ganz langsam stieß ich den Atem aus und blickte noch mal in den Tunnel hinein, wobei ich versuchte, ihn mit anderen Augen zu sehen und ihm mit geschärften Instinkten nachzuspüren. »Könnte ich kurz Ihre Lampe haben, Schwester?«

»Aber sicher.« Schwester Mary Angela reichte mir die schwere, viereckige Hochleistungslampe, mit deren Hilfe sie uns aus dem Hauptkeller in diesen kleinen Seitentrakt geleitet hatte, den sie den Wurzelkeller nannte. Der Eissturm, der die letzten Tage in Tulsa gewütet hatte, hatte die Stromversorgung des Klosters lahmgelegt – ebenso die des größten Teils der Stadt. Es gab im Kloster zwar Dieselgeneratoren, dank deren in den wichtigsten Räumen ein paar elektrische Lampen brannten, und zusätzlich standen Millionen Kerzen herum, die die Nonnen so liebten, aber an den Wurzelkeller hatten sie keine Energie verschwendet, daher war diese Handlampe die einzige Lichtquelle. Ich leuchtete damit in das Loch hinein.

Der Tunnel war nicht sehr breit. Mit ausgestreckten Armen konnte ich mühelos beide Wände berühren. Und die Decke befand sich höchstens einen Kopf über mir. Wieder schnupperte ich, auf der Suche nach diesem tröstlichen Geruch, den die Nonne und Damien offenbar wahrnahmen. Ich rümpfte die Nase. Das Loch stank nach modriger Dunkelheit, nach Wurzeln und allem möglichen Zeug, das durch das Graben an die Oberfläche gebracht worden war. In meiner Vorstellung krabbelte dieses Zeug und war irgendwie glitschig. Unwillkürlich kribbelte es mich am ganzen Körper.

Innerlich gab ich mir einen Ruck. Warum sollte mich ein Tunnel in der Erde derart anekeln? Ich hatte eine Erdaffinität. Ich konnte die Erde beschwören. Es gab keinen Grund, Angst vor ihr zu haben.

Mit zusammengebissenen Zähnen tat ich einen Schritt in den Tunnel hinein. Dann noch einen. Und noch einen.

»Äh, hey, Z, geh nicht so weit rein. Du hast das Licht. Ich weiß nicht, ob Schwester Mary Angela nicht Angst bekommt, wenn wir hier im Dunkeln zurückbleiben.«

Ich drehte mich um und leuchtete grinsend und kopfschüttelnd zurück zum Eingang, wo Damien mit beklommener und Schwester Mary Angela mit heiterer Miene standen.

»Du hast Angst, dass die Nonne Angst im Dunkeln hat?«

Damien trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.

Schwester Mary Angela legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. »Lieb von dir, dass du dir Gedanken um mich machst, Damien, aber ich habe keine Angst vor der Dunkelheit.«

Ich warf Damien einen Blick zu, der ausdrücken sollte: Sei nicht so’ne Memme. In diesem Moment traf mich dieses Gefühl. Die Luft hinter mir veränderte sich. Ich wusste: Ich war nicht mehr allein im Tunnel. Blankes Entsetzen kroch mir die Wirbelsäule herauf, und plötzlich hatte ich den Drang zu rennen – so schnell wie möglich aus dem Tunnel zu fliehen und nie, nie wieder einen Fuß hier hineinzusetzen.

Fast hätte ich es getan. Aber zu meiner Überraschung wurde ich vorher wütend. Ich hatte gerade erst einem gefallenen Unsterblichen die Stirn geboten – einem Wesen, mit dem ich irgendwie seelenverwandt war – und war ich da weggelaufen? Nein.

Ich würde es auch jetzt nicht tun.

»Zoey? Was ist denn?« Damiens Stimme klang weit entfernt. Ich wirbelte herum und stellte mich wieder der Dunkelheit.

Urplötzlich materialisierte sich darin ein unstetes Licht, wie das glimmende Auge eines Höhlenmonsters. Die Lichtquelle war nicht groß, aber so hell, dass sie mir sofort bunte Flecken auf die Netzhaut brannte und mich halb blendete. Als ich wieder aufsah, stand dicht vor mir ein Ungetüm mit drei Köpfen, einer wilden, wogenden Mähne und Schultern, die auf groteske Art nicht zueinanderpassten.

Da tat ich, was jedes anständige Mädchen getan hätte. Ich schnappte nach Luft und gab den durchdringendsten Schrei von mir, den ich zustande brachte. In der nächsten Sekunde kam er in dreifacher Lautstärke von dem einäugigen, dreiköpfigen Monster zurück. Hinter mir hörte ich Damien aufkreischen, und ich schwöre, selbst Schwester Mary Angela gab ein entgeistertes Keuchen von sich. Ich wollte gerade losrennen wie der Teufel, als einer der Köpfe aufhörte zu kreischen und sich vor mich in den Strahl der Handlampe stellte.

»Scheiße, Zoey, was hast du denn? Wir sind’s doch nur, die Zwillinge und ich. Jag uns keinen solchen Schrecken ein.«

»Aphrodite?« Ich presste die Hand aufs Herz, weil ich das Gefühl hatte, es springe mir gleich aus der Brust, so wild klopfte es.

»Natürlich, wer denn sonst«, sagte sie und marschierte angewidert an mir vorbei. »Göttin! Jetzt reiß dich aber mal zusammen.«

Die Zwillinge standen noch im Tunnel. Erin hatte die Hand so fest um eine dicke Stumpenkerze gekrampft, dass ihre Knöchel weiß waren. Sie und Shaunee standen so dicht nebeneinander, dass ihre inneren Schultern fast keinen Platz mehr fanden. Beide hatten riesige Augen und wirkten wie erstarrt.

»Äh, hi«, sagte ich. »Ich wusste nicht, dass ihr da drin seid.«

Shaunee taute zuerst auf. »Nicht?« Vorsichtig fuhr sie sich mit der zitternden Hand über die Stirn. »Bin ich vor Schreck weiß geworden, Zwilling?«

Erin blinzelte ihre beste Freundin an. »Ich glaub, das ist unmöglich.« Trotzdem musterte sie Shaunee mit zusammengekniffenen Augen. »Nee, bist du nicht. Hast immer noch einen traumhaften Cappuccino-Teint.« Diejenige ihrer Hände, die nicht die Kerze hielt, fing an, panisch nach ihrem dicken goldenen Haar zu tasten. »Sind mir vielleicht die Haare ausgefallen oder vorzeitig grau und hässlich geworden?«

Ich sah sie finster an. »Erin, deine Haare sind weder ausgefallen noch grau geworden, und Shaunee, du kannst nicht vor Schreck weiß werden. Himmel, ihr habt mich zuerst erschreckt!«

»Also, beim nächsten Mal, wenn du Neferet und Kalona verscheuchen willst, musst du nur so kreischen«, sagte Erin.

»Ja, das hat geklungen, als hättest du auch den letzten Rest Verstand verloren, verdammt nochmal«, erklärte Shaunee. Und die beiden rauschten an mir vorbei.

Ich folgte ihnen in den Wurzelkeller, wo Damien sich Luft zufächelte und Schwester Mary Angela gerade ein Kreuzzeichen schlug. Ich stellte die Lampe auf einem Tisch ab, auf dem massenhaft Gläser mit irgendwas standen, was in dem trüben Licht aussah wie konservierte Embryos.

»Also, jetzt mal im Ernst, was habt ihr da unten gemacht?«, fragte ich.

»Dieser Dallas hat uns erklärt, wie man von hier aus zum Bahnhof kommt«, sagte Shaunee.

»Er meinte, der Weg sei cool, und Stevie Rae habe ihn gemacht«, fügte Erin hinzu.

»Also dachten wir, wir schauen ihn uns mal mit eigenen Augen an«, schloss Shaunee.

»Und wie kommt’s, dass du dabei warst?«, fragte ich Aphrodite.

»Das Dynamische Duo wollte nicht allein gehen, und da haben sie mich gebeten, sie zu beschützen.«

Bevor ein typisches Zwillingsgezicke ausbrechen konnte, fragte Damien: »Aber wie seid ihr so plötzlich aufgetaucht?«

»Easy-peasy.« Mit der Kerze in der Hand ging Erin zielstrebig wieder ein Stück in den Tunnel. Ein paar Schritte weiter, als ich gekommen war, drehte sie sich um und sah uns an. »Hier biegt der Tunnel scharf nach links ab.« Sie trat zur Seite, und ihr Licht verschwand. Einen Augenblick später tauchte sie samt Kerze wieder auf. »Deshalb haben wir uns erst im letzten Augenblick gesehen.«

»Wirklich erstaunlich, wie Stevie Rae das hingekriegt hat«, sagte Damien. Ich bemerkte, dass er sich dem Tunnel nicht wieder näherte, sondern in der Nähe der Lampe blieb.

Schwester Mary Angela hingegen trat in den Eingang. Ehrfürchtig berührte sie die Wand der neuerstandenen Erdhöhle. »Dies mag Stevie Raes Werk sein, aber sie tat es mit göttlicher Hilfe.«

»Meinen Sie mit ›göttlicher Hilfe‹ wieder Ihre abgefahrene These von wegen die Jungfrau Maria ist nur ’ne andere Form von Nyx?« Wir alle schraken zusammen, als vom anderen Ende des Wurzelkellers Stevie Raes Okie-Singsang ertönte.

»Ja, Kind. Genau das meine ich.«

»Nehmen Sie’s nich krumm, aber das ist so ungefähr das Schrägste, was ich je gehört hab.« Stevie Rae kam zu uns herüber. Irgendwie sah sie bleich aus. Und dann wehte mir ein seltsamer Geruch in die Nase, aber da grinste sie, und ihr Gesicht war wieder ganz Stevie Rae, niedlich und altvertraut. »Hey, Z, kam das Mordsgekreische, das ich gehört hab, etwa von dir?«

»Äh. Ja.« Ich konnte nicht anders als zurückzugrinsen. »Ich war gerade im Tunnel und nicht darauf vorbereitet, plötzlich in Aphrodite und die Zwillinge reinzurennen.«

»Oh, das erklärt alles. Aphrodite hat schon was von ’nem Schreckgespenst.«

Ich lachte und ergriff die Gelegenheit, das Thema zu wechseln. »Apropos Schreckgespenster, habt ihr da oben noch Rabenspötter gefunden?«

Stevie Rae wich meinem Blick aus. »Keine Gefahr weit und breit. Alles im grünen Bereich.«

»Da bin ich aber froh«, sagte Schwester Mary Angela. »Was sind das nur für missgestaltete Kreaturen – weder Mensch noch Tier.« Sie erschauerte. »Ich bin froh, dass sie weg sind.«

»Aber es war nich ihre Schuld«, sagte Stevie Rae plötzlich verteidigend.

»Bitte?« Die Nonne wirkte höchst verwirrt.

»Sie hatten ja nich darum gebeten, so geboren zu werden – so durcheinandergemixt aus Vergewaltigung und Hass. Eigentlich waren sie Opfer.«

»Mir tun sie nicht leid.« Ich wunderte mich, warum Stevie Rae klang, als wollte sie die scheußlichen Rabenspötter in Schutz nehmen.

Damien schüttelte sich. »Müssen wir noch länger darüber reden?«

»Nee, von mir aus nich«, sagte Stevie Rae schnell.

»Gut. Ich hab Zoey ohnehin nur hierhergebracht, um ihr deinen Tunnel zu zeigen, Stevie Rae. Ich muss sagen, er ist beeindruckend.«

»Danke, Damien! War echt cool, als ich kapiert hab, dass ich das tatsächlich kann.« Stevie Rae trat an mir vorbei in den Tunneleingang. Sofort schien sie in die vollkommene Dunkelheit eingebettet, die sich hinter ihr weiter erstreckte wie die Gedärme einer riesigen ebenholzfarbenen Schlange. Sie hob die Arme und drückte die Handflächen gegen die Erdwände. Mit einem Mal erinnerte sie mich an eine Szene aus Samson und Delilah, einem uralten Film, den ich vor etwa einem Monat mit Damien gesehen hatte. Das Bild, das mir durch den Kopf ging, war die Szene, als Delilah den blinden Samson zwischen die mächtigen Säulen führte, die das Stadion stützten, auf dem all die scheußlichen Leute saßen, die sich über ihn lustig machten. Da hatte er seine magische übermenschliche Stärke zurückerhalten, und es hatte damit geendet, dass er die Säulen auseinanderdrückte und darunter begraben wurde und …

»Oder, Zoey?«

»Hä?« Ich blinzelte, noch ganz verstört von der schrecklichen Untergangsszene.

»Ich hab gesagt, als ich den Tunnel gegraben hab, hat nich Maria die Erde bewegt, sondern die Macht, die Nyx mir gegeben hat. Liebe Güte, du hörst mir aber auch überhaupt nich zu.« Stevie Rae hatte die Hände von den Tunnelwänden genommen und bedachte mich mit ihrem Was geht wohl gerade in ihrem Kopf vor?-Blick.

»Sorry, was hast du von Nyx gesagt?«

»Nur, dass ich nich glaub, dass Nyx und die piefige Jungfrau Maria was miteinander zu tun haben. War doch nich die Mama von Jesus, die mir geholfen hat, den Tunnel zu graben.« Sie hob eine Schulter. »Nich dass ich Sie vor’n Kopf stoßen will, Schwester, aber so denk ich halt.«

»Du bist gänzlich frei, eine eigene Meinung zu haben, Stevie Rae«, sagte die Nonne so ruhig wie immer. »Nur eines: Nicht an etwas zu glauben vermindert nicht die Chance, dass es doch so ist.«

»Nun, ich habe darüber nachgedacht, und ich persönlich finde die Hypothese gar nicht so gewagt«, sagte Damien. »Denk daran, dass im Handbuch für Jungvampyre I auf einem der Bilder, die für die vielen Gesichter der Nyx stehen, die Jungfrau Maria zu sehen ist.«

»Echt?«, fragte ich.

Damien bedachte mich mit einem strengen Blick, der deutlich sagte: Du solltest dich wirklich mehr mit dem Schulstoff beschäftigen. Dann nickte er und sprach in seinem besten Dozenten-Ton weiter. »Ja. Es ist vielfach dokumentiert, dass zur Zeit der Ausbreitung des Christentums in Europa viele Heiligtümer der Gaia und auch der Nyx zu Marienheiligtümern umgewandelt wurden, lange bevor sich die endgültige Konversion der Menschen zum …«

Damiens leiernder Vortrag war ein so beruhigendes Hintergrundgeräusch, dass ich noch einen Blick in den Tunnel wagte. Die Dunkelheit war tief und dicht. Schon wenige Zentimeter hinter Stevie Rae sah ich gar nichts mehr. Absolut nichts. Unwillkürlich stellte ich mir vor, dass sich darin Gestalten verbargen. Jemand oder etwas konnte da lauern, nur wenige Meter von uns entfernt, und wir würden es niemals erfahren, wenn es nicht gesehen werden wollte. Und das machte mir Angst.

Hey, das ist lächerlich!, schalt ich mich. Ist doch nur ein Tunnel. Aber die irrationale Angst nagte an mir. Was mich leider wütend machte, und ich hätte am liebsten zurückgebissen. Also tat ich – wie jede dumme Statistenblondine in einem Horrorfilm – einen Schritt in die Dunkelheit hinein. Und noch einen.

Und wurde von der Finsternis verschlungen.

Mit dem Verstand wusste ich genau, dass mich nur ein, zwei Meter von dem Wurzelkeller und meinen Freunden trennten. Ich konnte hören, wie Damien weiter seinen Vortrag über Religion und die Göttin hielt. Aber es war nicht mein Verstand, der mir in wilder Furcht den Brustkorb zu sprengen drohte. Mein Herz, meine Seele, mein innerstes Wesen – wie man es auch nennen mag – schrie mir tonlos zu: Renn! Flieh! Bring dich in Sicherheit!

Ich spürte den Druck der Erde auf mir lasten, als wäre um mich kein Hohlraum mehr, sondern er hätte sich gefüllt, ich wäre von Erde bedeckt … erstickt … gefangen …

Mein Atem ging schneller und schneller. Mir war klar, dass ich wahrscheinlich hyperventilierte, aber ich konnte nicht anders. Ich wollte vor dem gähnenden Loch zurückweichen, das vor mir in die absolute Schwärze führte, aber alles, wozu ich noch fähig war, war ein halber Stolperschritt nach hinten. Meine Füße gehorchten mir nicht! Vor meinen Augen funkelten Lichtpunkte, blendeten mich, während alles andere in einem grauen Nebel verschwamm. Und dann fiel ich … und fiel …

Fünf

Zoey

Die Dunkelheit hob sich nicht. Sie hatte sich nicht nur über meine Sehkraft gelegt, sondern löschte auch all meine Sinne aus. Ich hatte das Gefühl, als ob ich um Atem ringen müsste, um mich schlagen, in der Hoffnung, irgendwas zu finden – etwas, was ich berühren, hören oder sehen, irgendwas, wodurch ich mich an die Wirklichkeit klammern konnte. Aber ich hatte keinerlei Wahrnehmungen mehr. Der Kokon aus Dunkelheit und das panische Jagen meines Herzschlags waren alles, was noch existierte.

War ich tot?

Nein, das glaubte ich nicht. Ich erinnerte mich, dass ich in dem Tunnel unter dem Benediktinerinnenkloster gestanden hatte, nur ein paar Meter von meinen Freunden entfernt. Ich war wegen der Dunkelheit in Panik geraten, aber davon konnte ich nicht tot umgefallen sein.

Aber ich hatte Angst gehabt. Ich wusste noch, was für eine wahnsinnige Angst ich gehabt hatte.

Und dann war da nichts mehr außer Dunkelheit.

Was ist mit mir passiert?, schrie es in mir. Nyx! Hilf mir, Göttin! Bitte zeig mir irgendein Licht …

Lausche mit deiner Seele …

Ich glaubte vor Erleichterung aufzuschreien, als der süße, tröstliche Klang der Stimme meiner Göttin in mir ertönte, aber als ihre Worte verflogen waren, blieben wieder nur die erbarmungslose Dunkelheit und Stille zurück.

Wie zum Henker sollte ich mit meiner Seele lauschen?

Ich versuchte, zur Ruhe zu kommen und zu horchen, aber da war nur Schweigen – ein seelenzerfressendes, schwarzes, leeres, vollkommenes Schweigen, wie ich es noch nie erlebt hatte. Da war nichts Vertrautes, woran ich mich orientieren konnte. Ich wusste nur –

Da traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht.

Es gab etwas, woran ich mich orientieren konnte. Ein Teil von mir hatte diese Dunkelheit schon einmal durchlebt.

Ich konnte nichts sehen. Ich konnte nichts tasten. Ich konnte nichts tun außer mich nach innen zu wenden, nach dem Teil von mir zu suchen, der dies hier verstehen und mich vielleicht wieder hinausführen konnte.

Wieder regte sich meine Erinnerung, und diesmal trug sie mich fort in eine Zeit lange vor jener Nacht im Tunnel unter dem Kloster. Zugleich mit meinem Widerstand fielen die Jahre von mir ab, bis ich endlich, endlich wieder zu fühlen begann.

Langsam kehrten meine Sinne zurück. Ich begann, etwas außer meinen eigenen Gedanken zu hören. Um mich herum dröhnte der Schlag einer Trommel, und in ihn hinein woben sich die fernen Stimmen von Frauen. Auch mein Geruchssinn regte sich wieder, und ich erkannte den muffigen Geruch, der mich an den Tunnel erinnerte. Schließlich konnte ich die Erde unter meinem bloßen Rücken spüren. Nur einen Augenblick lang hatte ich Zeit, die Flut meiner wiederkehrenden Sinne zu ordnen, ehe der Rest meines Bewusstseins mit einem Ruck erwachte. Ich war nicht allein! Ich lag auf dem Rücken auf der Erde, aber jemandes Arme hielten mich fest umschlungen.

Und dann sprach er.

»Oh, Göttin, nein! Lass dies nicht wahr sein!«

Es war Kalonas Stimme, und meine spontane Reaktion war, zu schreien und mich blindlings von ihm loszustrampeln. Aber ich hatte keine Gewalt über meinen Körper, und die Worte, die aus meinem Mund kamen, waren nicht meine eigenen.

»Pssst, verzweifle nicht. Ich bin bei dir, Liebster.«

»Du hast mich in die Falle gelockt!« Ungeachtet der Beschuldigung, die er mir an den Kopf warf, verstärkte sich sein Griff, und ich erkannte die kalte Leidenschaft seiner unsterblichen Umarmung.

»Ich habe dich gerettet«, entgegnete meine seltsame, fremde Stimme, und mein Körper schmiegte sich enger an seinen. »Es war dir nicht bestimmt, auf dieser Welt zu wandeln. Das ist der Grund, weshalb du so unglücklich, so unersättlich warst.«

»Ich hatte keine Wahl! Die Sterblichen verstehen nicht.«

Meine Arme schlangen sich um seinen Hals. Meine Finger spielten mit seinem schweren, weichen Haar. »Aber ich verstehe. Hier bei mir kannst du Frieden finden. Leg deine verzweifelte Rastlosigkeit ab. Ich werde dich trösten.«

Noch ehe er sprach, spürte ich seinen Widerstand brechen. »Ja«, flüsterte Kalona. »Ich werde meinen Gram in dich versenken, und meine verzweifelte Sehnsucht wird endlich gestillt werden.«

»Ja, mein Liebster – mein Gefährte – mein Krieger … ja …«

Das war der Augenblick, als ich mich in A-ya verlor. Ich hätte nicht mehr sagen können, wo ihr Begehren endete und meine Seele begann. Hätte ich noch eine Wahl gehabt, ich hätte sie nicht gewollt. Ich wusste nur, dass ich dort war, wo ich hingehörte – in Kalonas Armen.

Seine Schwingen bedeckten uns und milderten die Kälte seiner Berührung so, dass sie mich nicht versengte. Seine Lippen legten sich auf meine. Ruhig, Zoll für Zoll erforschten wir einander, und über allem lag ein Gefühl des Staunens und der Hingabe. Als unsere Körper sich im Einklang miteinander zu bewegen begannen, war das ein Augenblick reinster Glückseligkeit.

Und dann, mit einem Mal, begann ich mich aufzulösen.

»Nein!«, entrang sich ein Schrei meinen Lippen und meiner Seele. Ich wollte nicht fort! Ich wollte bei ihm bleiben. Mein Platz war an seiner Seite!

Aber wieder hatte ich keine Gewalt über mich, und ich spürte mich vergehen, mit der Erde verschmelzen. A-ya schluchzte, ihre brechende Stimme formte zwei Worte, die in meinem Kopf widerhallten: ERINNERE DICH …

 

Etwas klatschte brennend auf meine Wange. Ich sog tief den Atem ein, und er vertrieb den letzten Rest Dunkelheit aus meinem Geist. Ich öffnete die Augen und musste im Strahl der Handlampe blinzelnd die Augen zusammenkneifen. »Ich erinnere mich.« Meine Stimme klang so eingerostet, wie mein Gehirn sich anfühlte.

»Du erinnerst dich also wieder, wer du bist? Oder soll ich dir noch eine verpassen?«, fragte Aphrodite.

Mein Geist war noch nicht wieder auf Touren, er protestierte noch immer dagegen, aus der Dunkelheit gerissen zu werden. Noch einmal blinzelte ich und schüttelte den umnebelten Kopf. »Nein!«, stieß ich so heftig aus, dass Aphrodite automatisch zurückwich.

»Na gut«, sagte sie. »Du kannst mir später danken.«

Statt ihrer beugte sich Schwester Mary Angela über mich. Sie strich mir die Haare aus dem Gesicht, das sich kalt und verschwitzt anfühlte. »Zoey, bist du wieder bei uns?«

»Ja«, sagte ich tonlos.

»Was war los, Zoey? Warum hast du hyperventiliert?«

»Du fühlst dich aber nicht krank, oder?« Erins Stimme klang ein bisschen zittrig.

»Du hast nicht vor, dir die Lunge aus dem Leib zu husten oder so?« Shaunee sah so durcheinander aus, wie ihr Zwilling sich anhörte.

Stevie Rae schob die Zwillinge beiseite und kniete sich zu mir. »Sag was, Z. Bist du echt okay?«

»Mir geht’s gut. Ich sterbe nicht, wirklich, kein bisschen.« Meine Gedanken hatten sich wieder geordnet, auch wenn ich es irgendwie nicht schaffte, die letzten Spuren der Verzweiflung abzuschütteln, die ich mit A-ya durchlebt hatte. Mir war klar, dass meine Freunde in Sorge waren, mein Körper könnte sich der Wandlung widersetzen. Ich zwang mich, ganz ins Hier und Jetzt zurückzukehren, und streckte Stevie Rae die Hand hin. »Hier, hilf mir auf. Mir geht’s schon wieder besser.«

Stevie Rae zog mich auf die Füße und stützte mich fürsorglich am Ellbogen, als ich leicht schwankte, bevor ich mein Gleichgewicht wiederfand.

Damien musterte mich eindringlich. »Was war da los, Z?«

Was sollte ich antworten? Sollte ich meinen Freunden gestehen, dass ich gerade eine unglaublich lebensechte Erinnerung an ein vergangenes Leben durchgemacht hatte, in dem ich mich dem Typen hingegeben hatte, der heute unser Feind war? Ich hatte noch nicht mal die Zeit gehabt, mich in dem Labyrinth ungeahnter Gefühle zurechtzufinden, die die Erinnerung in mir aufgestört hatte. Wie sollte ich sie meinen Freunden begreiflich machen?

»Erzähl es uns nur, Kind«, sagte Schwester Mary Angela. »Die Wahrheit zu hören ist stets weniger erschreckend, als im Ungewissen zu tappen.«

Ich seufzte und erklärte: »Ich hab Angst vor dem Tunnel bekommen.«