Verwirrung der Gefühle, und sieben andere Erzählungen - Stefan Zweig - E-Book

Verwirrung der Gefühle, und sieben andere Erzählungen E-Book

Zweig Stefan

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Beschreibung

Stefan Zweigs "Verwirrung der Gefühle und sieben andere Erzählungen" zeichnet sich durch seine psychologische Tiefe und elegante Prosa aus. Die Titelgeschichte thematisiert die komplexen Emotionen des Individuums in Bezug auf Liebe, Identität und Selbstfindung, eingebettet in die zeitgenössische Kontextualisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen der frühen 20. Jahrhunderts. Zweigs geschickte Nutzung von Rückblenden und inneren Monologen bietet dem Leser einen intensiven Einblick in die Seelenzustände seiner Charaktere und thematisiert die oft widersprüchlichen Facetten menschlicher Gefühle. Stefan Zweig, geboren 1881 in Wien, war ein führender Schriftsteller der österreichischen Moderne und ein Meister der Erzählform. Seine eigene Biografie, geprägt von der politischen Unsicherheit und dem kulturellen Umbruch seiner Zeit, spiegelt sich in seinen Erzählungen wider. Die Emigration und die Erfahrungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs haben seine Sicht auf die menschlichen Emotionen und den Verlust von Heimat geprägt, was durch eine ausgeprägte Empathie und Sensibilität in seinen Werken nochmals verstärkt wird. Dieses Buch ist sowohl für Liebhaber der klassischen Literatur als auch für Leser, die an psychologischen und philosophischen Fragestellungen interessiert sind, zu empfehlen. Zweigs einnehmende Sprache und die tiefgründigen Erzählungen laden dazu ein, sich mit den eigenen Emotionen und der menschlichen Natur auseinanderzusetzen. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt der Gefühle und entdecken Sie die oft widersprüchlichen Strömungen, die unser Leben bestimmen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zweig Stefan

Verwirrung der Gefühle, und sieben andere Erzählungen

Bereicherte Ausgabe. Ein Blick in die Seelen der Protagonisten: Psychologische Literatur von Stefan Zweig
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547690559

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Verwirrung der Gefühle, und sieben andere Erzählungen
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung führt unter dem Titel „Verwirrung der Gefühle, und sieben andere Erzählungen“ acht erzählerische Arbeiten Stefan Zweigs in einem Band zusammen. Ihr Zweck ist nicht, das Gesamtwerk vollständig abzubilden, sondern in konzentrierter Form die Vielfalt und innere Einheit seiner kurzen Prosa sichtbar zu machen. Der Band bietet einen repräsentativen Querschnitt durch Zweigs psychologisch ausgerichtete Erzählkunst, in der individuelle Schicksale zu exemplarischen Studien der Seele verdichtet werden. Die Auswahl lädt dazu ein, wiederkehrende Motive und Verfahren über Werkgrenzen hinweg zu verfolgen und so die charakteristische Spannung von Sensibilität und formaler Disziplin, von Empathie und erzählerischer Strenge, im unmittelbaren Vergleich zu erleben.

Vertreten sind die Texte: Der Stern über dem Walde, Die Liebe der Erika Ewald, Vergessene Träume, Geschichte in der Dämmerung, Die gleich-ungleichen Schwestern, Untergang eines Herzens, Verwirrung der Gefühle und Angst. Zusammengenommen entfalten sie eine Skala vom leisen Stimmungsbild bis zur dramatisch zugespitzten Konfliktsituation. Die Sammlung ordnet keine Chronologie nach, sondern zielt auf ein dialogisches Nebeneinander, in dem frühe und reifere Töne ineinanderklingen. Dadurch entsteht ein Panorama jener inneren Bewegungen, die Zweigs Prosa unverwechselbar machen: die feinen Verschiebungen der Wahrnehmung, das Wachsen eines Impulses, die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Blick der anderen.

Im Zentrum stehen Erzählungen und Novellen; Gedichte, Essays, Dramen oder Briefe sind hier bewusst nicht aufgenommen. Zweig bevorzugt in diesen Texten die kompakte, spannungsreiche Form, die auf einen entscheidenden Augenblick hin komponiert ist. Die Kürze dient der Verdichtung: Figuren, Schauplätze und Motive treten klar hervor, ohne erklärende Ausschweifung, jedoch mit psychologischer Tiefe. Die Gattung erlaubt ihm, eine Situation zu umkreisen, an ihr moralische und emotionale Fragen zu prüfen und den Lesenden nah an die Schwelle des Unausgesprochenen zu führen. So wird die Erzählung zum Prüfstein seiner Kunst, Affekte in Form zu bannen.

Gemeinsam ist den hier versammelten Stücken das Interesse an Grenzlagen: zwischen Bewunderung und Begehren, Stolz und Demütigung, Pflicht und Selbstbehauptung, Traum und Erwachen. Wiederkehrt die Frage, wie ein einzelner Augenblick – eine Begegnung, ein Blick, ein Brief, ein zufälliges Wort – das Gefüge eines Lebens erschüttern kann. Erinnerung fungiert häufig als Medium der Prüfung: Vergangenes wird neu gesehen, um Gegenwart zu verstehen. Aus der Spannung zwischen innermenschlicher Empfindsamkeit und sozialem Erwartungsdruck erwächst die Dynamik dieser Erzählungen. Die Figuren ringen um Würde, Deutungshoheit und die Möglichkeit, über sich selbst im Klaren zu sein.

Stilistisch verbindet Zweig Anschaulichkeit mit Ökonomie. Seine Sätze tragen, bei aller Eleganz, eine präzise Temperatur; Stimmungen werden leitmotivisch geführt, Motive dezent variiert. Die Erzählperspektive bleibt nah an der Wahrnehmung der Figuren, ohne die Übersicht zu verlieren. Das erzeugt eine leise, beständige Spannung, die selten von äußeren Effekten lebt, sondern von der inneren Steigerung. Gesten, Geräusche, Farben und Rhythmen werden zu Signalen psychischer Prozesse. Typisch ist die dramaturgische Zuspitzung: ein behutsamer Anstieg, eine kurze Phase höchster Dichte, und eine Nachhallzone, in der Bedeutung sich nicht auflöst, sondern vertieft.

Die titelgebende Erzählung Verwirrung der Gefühle markiert den thematischen Schwerpunkt des Bandes. Im Mittelpunkt steht ein junger Student, dessen Verehrung für einen älteren Gelehrten in ein moralisch und emotional heikles Feld führt. Die Nähe zweier Menschen, die über Literatur und Geist verbunden sind, verlangt nach Sprache – und stößt zugleich an Grenzen des Sagbaren. In dieser Konstellation verdichtet sich vieles, was Zweigs Prosa auszeichnet: die Erforschung der Bewunderung, die leise Verschiebung eines Gefühls in ein anderes, die Unsicherheit des Selbst in einem Moment zunehmender Intimität und die Verantwortung, die aus Erkenntnis erwächst.

Angst porträtiert die seelische Belagerung einer Frau, deren Alltag durch eine belastende Situation aus den Fugen gerät. Der Text zeigt, wie Furcht sich verselbständigt und als innerer Kommentar jede Wahrnehmung färbt. Gesellschaftliche Konventionen, der Anspruch auf makelloses Ansehen und das Bedürfnis nach Schutz vor Bloßstellung bilden die Folie, vor der die Figur ihren Mut sucht – oder sich entzieht. Zweig interessiert weniger die äußere Mechanik der Bedrohung als die innere Dynamik: wie Schuldempfinden wächst, wie Fantasie und Realität einander überblenden und wie ein einziger Schritt zur Befreiung unendlich weit erscheinen kann.

Untergang eines Herzens widmet sich einem alternden Mann, dessen Selbstbild mit einer neuen, schmerzlichen Erfahrung kollidiert. Der Text erkundet das Zerbröckeln eines inneren Fundaments, an das Erinnerungen, Erfolge und Zuneigungen geknüpft waren. Nicht spektakuläre Ereignisse tragen die Handlung, sondern die sorgfältige Beobachtung eines Gefühls, das sich schrittweise verdunkelt. So entsteht ein fein justiertes Psychogramm des Abstands zwischen dem, was man zu sein glaubt, und dem, was andere sehen. In diesem Riss öffnet sich der Raum für Verletzlichkeit – und für jene stille Tragik, die Zweig ohne Pathos sichtbar zu machen versteht.

Der Stern über dem Walde, Die Liebe der Erika Ewald, Vergessene Träume und Geschichte in der Dämmerung zeigen Zweig als Meister der nuancierten Anfänge: erste Neigungen, anfällige Ideale, die Anziehungskraft des Fremden. Musik, Naturstimmungen und flüchtige Begegnungen geben den Ton an, weniger als Dekor denn als Resonanzraum der Figuren. Es sind Erzählungen, in denen Hoffnung und Vorsicht miteinander ringen, in denen ein leiser Irrtum genügt, um eine Biografie zu verschieben. Die Kunst besteht darin, nicht zu urteilen, sondern die innere Logik der Empfindung so präzise zu entfalten, dass sie zwingend und verletzlich zugleich erscheint.

Die gleich-ungleichen Schwestern führt das Motiv der Polarität im Kleinen vor: Nähe, die Differenz spürbar macht; Ähnlichkeit, die Gegensätze schärft. Aus der Konfrontation entsteht kein simples Lehrstück, sondern eine Studie darüber, wie Rollen entstehen und Erwartungen wirken. Zweig zeichnet keine typologischen Figuren, sondern individuelle Temperamente, die aufeinander reagieren wie Spiegel, die das Bild nicht kopieren, sondern brechen. Der Text erweitert das thematische Feld des Bandes um soziale Vergleichsdynamiken: Wie wird man zu dem, wofür andere einen halten? Und wie entkommt man einem Bild, das sich einmal festgesetzt hat?

Zweigs erzählerische Verfahren sind dabei ebenso variabel wie konsequent. Häufig spricht eine Figur rückblickend, in einem Ton zwischen Beichte und Bericht; oft bleibt ein diskreter Erzähler nah an ihrer Wahrnehmung. Diese Nähe erzeugt Intensität, doch die Komposition wahrt Distanz: Schlüsselwörter kehren wieder, Motive werden gespiegelt, Szenen rhythmisch gesetzt. Die Ökonomie der Novelle – Konzentration auf eine Situation, begrenzter Figurenkreis, konsequente Steigerung – gibt der psychologischen Erkundung Halt. So entsteht eine Balance aus Innerlichkeit und Form, in der das Einzelne Gewicht gewinnt, ohne das Allgemeine zu verlieren.

Die anhaltende Bedeutung dieser Erzählungen liegt in ihrer Kunst, Erfahrung zu vergegenwärtigen, statt sie zu erklären. Wer sie heute liest, findet keine Thesenprosa, sondern Einladungen zum Mitfühlen und Mitdenken. In einer Gegenwart, die schnelle Urteile begünstigt, zeigen sie die Würde des Zögerns, die Kraft der genauen Beobachtung und die Verantwortung der Selbstprüfung. Diese Ausgabe versteht sich als offenes Lesemodell: Sie will nicht festlegen, sondern anregen, die Stücke einzeln zu genießen, im Echo aufeinander zu hören und darin ein Werk kennenzulernen, das die leisen Bewegungen des Herzens mit seltener Klarheit sichtbar macht.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweig war ein österreichischer Schriftsteller der Moderne, dessen Werk die Umbrüche und Hoffnungen Europas im frühen 20. Jahrhundert reflektiert. Bekannt wurde er vor allem durch psychologisch feinsinnige Erzählungen und Novellen, die innere Konflikte, moralische Dilemmata und leidenschaftliche Verstrickungen mit erzählerischer Klarheit verbinden. Seine elegante, musikalische Prosa und sein kosmopolitischer Blick machten ihn früh international bekannt. Als Humanist und überzeugter Europäer suchte er geistige Brücken zwischen Kulturen. Zugleich spiegelt sein Werk die Spannungen einer Epoche zwischen Aufbruch und Katastrophe, zwischen bürgerlicher Welt und ihren Brüchen. Zweig zählt zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Zweig wuchs in Wien auf und studierte dort Philosophie; um 1904 schloss er seine akademische Ausbildung ab. Geprägt wurde er von der Wiener Moderne, vom europäischen Symbolismus und der Atmosphäre einer Stadt, in der Kunst, Musik und neue psychologische Deutungen eng verwoben waren. Früh knüpfte er internationale Kontakte, reiste viel und suchte Austausch mit französischer und belgischer Literatur. Übersetzungsarbeiten und Essays vertieften seine Nähe zu frankophilen Traditionen und schärften seine stilistische Ökonomie. Die Verbindung aus weltläufiger Bildung und intimer Seelenbeobachtung wurde zum Markenzeichen. Zugleich bewahrte er ein ausgeprägtes Gespür für erzählerische Form, Rhythmus und diskrete Dramaturgie.

Seine frühen Veröffentlichungen zeigen eine Vorliebe für leise, doch eindringliche Tonfälle. In Vergessene Träume und Die Liebe der Erika Ewald entfalten sich innere Erschütterungen mit kammermusikalischer Delikatesse; Figuren ringen um Würde, Nähe und Selbstbehauptung in subtilen sozialen Räumen. Geschichte in der Dämmerung greift die Schwelle zwischen Jugend und Reife auf, zwischen Illusion und Ernüchterung. Stilistisch sucht Zweig nach Balance zwischen konzentrierter Handlung und psychologischer Tiefenbohrung. Die Erzählperspektive bleibt oft nah an der Empfindung geführt, während der Blick für gesellschaftliche Konventionen scharf bleibt. Früh erweist sich sein Können, Spannungen durch Takt, Andeutung und präzise Metaphern aufzubauen.

In Der Stern über dem Walde und Die gleich-ungleichen Schwestern verdichtet Zweig existentielle Weichenstellungen zu dramatischen Miniaturen. Das Motiv der plötzlichen, alles überschattenden Leidenschaft trifft auf die Macht des Zufalls und die Unberechenbarkeit des Gedächtnisses. Seine Figuren bewegen sich in Milieus, deren feine Regeln ungeschrieben bleiben und doch wirken; ein Blick, ein Brief, ein Missverständnis genügen, um Lebensläufe umzustürzen. Mit knapper Exposition, beschleunigter Innenschau und strenger Komposition entwickelt er eine Spannungskurve, die nicht auf äußere Spektakel, sondern auf seelische Konsequenz setzt. So entstehen eindringliche Studien über Verblendung, Scham, Stolz und die fragile Architektur bürgerlicher Selbstbilder.

Mit Angst, Untergang eines Herzens und Verwirrung der Gefühle erreichte Zweigs psychologische Prosa eine reife Balance aus analytischer Schärfe und erzählerischer Ökonomie. In Angst untersucht er das Kreisen von Schuld und Entdeckung, die lähmende Macht der Furcht im sozialen Gefüge. Untergang eines Herzens verfolgt den Zerfall einer Selbsttäuschung mit unbarmherziger Konsequenz. Verwirrung der Gefühle lotet die Ambivalenz von Bewunderung, Nähe und intellektueller Abhängigkeit aus und zeigt, wie Sprache zugleich enthüllt und verhüllt. Diese Novellen fanden breite Resonanz, weil sie elementare Affekte ins konzentrierte Format bannen und individuelle Krisen als Signaturen einer überreizten, empfindlichen Moderne lesbar machen.

Die politischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts prägten Zweigs Haltung deutlich. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte er sich verstärkt einem europäisch-humanistischen Ideal zu und warb in Essays und Vorträgen für Verständigung statt Hass. Er mied Pamphlet und Polemik, bevorzugte das leise, verbindende Wort und die exemplarische Darstellung individueller Gewissenslagen. Mit der Zuspitzung der Verfolgungen in den 1930er Jahren verließ er Mitteleuropa und lebte an unterschiedlichen Exilorten. Seine Arbeit blieb dennoch unvermindert produktiv; er hielt an einer Literatur fest, die innere Freiheit, kulturelle Vielfalt und übernationale Perspektiven betonte und die Würde des Einzelnen gegenüber ideologischen Vereinnahmungen verteidigte.

Seine letzten Jahre verbrachte Zweig im Exil, zuletzt in Brasilien, wo er 1942 starb. Die Hinterlassenschaft eines lebenslangen Europäers wirkt fort: Seine Novellen stehen für ein Modell erzählerischer Verdichtung, das psychologische Genauigkeit, stilistische Eleganz und humane Skepsis verbindet. Texte wie Verwirrung der Gefühle, Angst oder Untergang eines Herzens bleiben im Unterricht und auf Bühnen präsent, werden neu übersetzt und diskutiert. Sie sprechen Leserinnen und Leser an, weil sie Extreme der Empfindung ohne Pathos zeigen und doch bewegend bleiben. Zweigs Werk erinnert daran, dass literarische Einfühlung ein Erkenntnisweg ist – über Zeiten, Grenzen und Sprachen hinweg.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweig, 1881 in Wien geboren, schrieb seine Erzählungen in einer Epoche tiefgreifender Umbrüche: vom späten Habsburgerreich über den Ersten Weltkrieg bis zur fragilen Zwischenkriegszeit. Die in der Sammlung versammelten Texte entstanden überwiegend zwischen dem Fin de Siècle und den 1920er Jahren. Sie beleuchten die innere Verfassung bürgerlicher Lebenswelten, während außerhalb politische Spannungen, technologische Beschleunigung und kulturelle Revolutionen an Fahrt gewannen. Zweig verband eine modern psychologische Blickrichtung mit klassischer Erzählökonomie. Seine Figuren sind weniger Träger eines Programms als Seismografen für jene feinen Schwingungen von Angst, Begehren und Identitätsunsicherheit, die das lange 19. Jahrhundert in sein Ende begleiteten.

Um 1900 war Wien ein kultureller Schmelztiegel – Hauptstadt eines multiethnischen Imperiums, Bühne für Repräsentation und Labor einer Moderne, die sich gegen die Patina des Historismus wandte. Die Secession, der Jugendstil und eine vitale Theater- und Verlagsszene prägten das Klima. Diese Gemengelage bildet den Resonanzraum der frühen Erzählungen in der Sammlung. Unter der höflichen Oberfläche des großbürgerlichen Salons verbergen sich Konflikte um Freiheit und Konvention. Literatur reagierte darauf mit kultivierter Formstrenge und zugleich gesteigerter Aufmerksamkeit für Zwischentöne, Andeutungen und symbolische Motive, die das Gefühl einer schönen, aber brüchig gewordenen Ordnung vermitteln.

Zentrale Achse der Texte ist das bürgerliche Moralregime der Vorkriegszeit. Reputationsökonomie, Diskretion und strenge Geschlechterrollen bestimmten Verhalten und Selbstbild. Erzählungen wie Die Liebe der Erika Ewald oder Angst zeichnen die Spannung zwischen individuellem Begehren und sozialer Sanktion nach, ohne das Private vom Öffentlichen zu trennen. Weibliche Perspektiven gewinnen dabei ein seltenes Gewicht, das auf die Erosion traditioneller Hierarchien verweist. Auch Familien- und Schwesterngeschichten – etwa in Die gleich-ungleichen Schwestern – zeigen, wie Rollenerwartungen soziale Räume strukturieren. Die Texte sind so Beobachtungen eines Milieus, das sich mit Vorsicht, Takt und Verschweigen gegen Kontrollverlust zu schützen versucht.

In genau diesem Wiener Kontext entstanden die Schriften Sigmund Freuds und die Praxis der Psychoanalyse, die über Wien hinaus wissenschaftliche und künstlerische Diskurse veränderten. Zweig war kein Theoretiker der Psychoanalyse, doch seine Erzählweise – mit ihrer Konzentration auf Verdrängung, Ambivalenz, Traum und Symptom – korrespondiert mit dem neuen psychologischen Vokabular. Geschichten wie Vergessene Träume oder Verwirrung der Gefühle nutzen das Instrumentarium des Innerlichkeitsromans, um subtile Verschiebungen von Wahrnehmung und Schuldgefühl nachzuzeichnen. Nicht Doktrin, sondern sensibilisierte Aufmerksamkeit prägt diese Texte, in denen die Diagnose der Seele zur Kulturtechnik des modernen Subjekts wird.

Die Bildungsinstitutionen des deutschsprachigen Raums waren um 1900 Orte sozialer Mobilität, aber auch starre Hierarchien. Die Universitäten profilierten sich als Zentren nationaler Kultur und wissenschaftlicher Autorität. Verwirrung der Gefühle verlegt sein Geschehen in dieses Milieu der Gelehrtenwelt und zeigt, wie Macht, Bewunderung und Intimität ineinandergreifen. Der Bildungsbegriff der Zeit – das Ideal innerer Formung, getragen von klassischer Philologie und Geschichte – erscheint als Versprechen und Bürde. Die Erzählung reflektiert damit den gesellschaftlichen Status von Wissenseliten, deren symbolische Macht zugleich Orientierung und Beengung erzeugt.

Die mediale Landschaft erfuhr um 1900 einen Wachstumsschub. Feuilletons, Leihbibliotheken und rasch zirkulierende Buchausgaben schufen eine paneuropäische Leserschaft. Zeitungen formten Diskurs und Gerücht, was für Figuren, die den Verlust der Diskretion fürchten, eine permanente Bedrohung bedeutete. Zweigs Texte reagieren auf diese neue Öffentlichkeit mit Motiven der Indiskretion, des anonymen Blicks und der Briefkommunikation. Die Konstellationen zwischen Privatheit und Publizität, so präsent in Angst, bilden den Hintergrund für die Allgegenwart sozialer Kontrolle. Literatur wurde zugleich selbst Teil dieser Öffentlichkeit, die sie seziert und beliefert.

Musik, Theater und Tanz sind in Wien nicht nur Künste, sondern soziale Praktiken, die Zugehörigkeit markieren. In Die Liebe der Erika Ewald prägt der musikalische Habitus Lebensentwürfe, Selbstdisziplin und Gefühlspolitik. Das künstlerische Feld vermittelte neue Freiheitsräume, stellte jedoch moralische Normen nicht außer Kraft. Zwischen künstlerischer Begeisterung, ästhetischer Sensibilität und bürgerlicher Selbstbeherrschung entsteht ein Spannungsfeld, das die psychologische Dichte der Erzählungen trägt. Die Künste fungieren als Deutungshorizonte innerer Bewegungen, in denen Figuren ein Vokabular für Sehnsucht und Grenzerfahrung finden, ohne der sozialen Wirklichkeit entkommen zu können.

Technologische Beschleunigung – Eisenbahn, Dampfschiffe, Telegraphie und später das Telefon – veränderte Wahrnehmung, Mobilität und die Organisation von Nähe. Reisen wurde leichter, Begegnungen wurden zufälliger und zugleich kalkulierbarer. In Zweigs Erzählwelt markieren Ortswechsel oft Schwellen: Momente, in denen Bindungen sich lösen oder verfestigen. Der urbane Takt der Metropole kontrastiert mit Rückzugsräumen, in denen sich intensive, heimliche Dialoge entfalten. Diese Spannung zwischen Geschwindigkeit und Kontemplation ist nicht bloße Kulisse; sie modelliert Rhythmus, Entscheidungslagen und das Dringlichkeitsgefühl, das die Figuren zu Handlungen treibt oder in Zögern gefangen hält.

Das späte Habsburgerreich war von ethnischer, sprachlicher und konfessioneller Vielfalt geprägt. Parallel wuchsen Nationalbewegungen, die Loyalitäten verschoben und den öffentlichen Diskurs polarisierten. Zweigs Erzählungen thematisieren das nicht programmatisch, doch der Ton latenter Unsicherheit, das Wissen um fragile Ordnungen und die Sehnsucht nach supranationaler Verständigung sind Produkte dieses Umfelds. Der Kosmopolitismus des Autors – genährt von Reisen, Übersetzungen und europäischen Netzwerken – steht als Gegenbild zu verengenden Identitätspolitiken. Die Figuren erfahren Zugehörigkeit als prekäres Gut, das jederzeit durch Konvention, Skandal oder Zufall infrage steht.

Der Erste Weltkrieg zerschlug die politische und kulturelle Topografie, aus der die frühen Erzählungen hervorgegangen waren. Zweig arbeitete im k.u.k. Kriegsarchiv, wandte sich bald entschieden humanistischen und pazifistischen Positionen zu und suchte den Dialog über Grenzen hinweg. Nachkriegslektüren seiner Vorkriegstexte sind von diesem Bruch geprägt: Die Sensibilität für Vorzeichen der Katastrophe steigert sich im Rückblick. Während die Geschichten weiterhin intime Seelenlagen schildern, liest man in ihnen seit 1918 auch die Spur einer untergegangenen Zivilität, deren Höflichkeit und Maßhaltung die Gewaltbereitschaft der Moderne nicht aufzuhalten vermochten.

Mit dem Zerfall der Monarchie und der Gründung der Republik Österreich traten ökonomische Krisen, soziale Verwerfungen und parteipolitische Polarisierung in den Vordergrund. Inflation, Arbeitslosigkeit und die Neuordnung von Klassenverhältnissen veränderten Alltagsroutinen und Zukunftsbilder. Erzählungen aus den 1920er Jahren, wie Untergang eines Herzens, spiegeln die Erosion bürgerlicher Gewissheiten: Status, Selbstbeherrschung und Besitz erscheinen weniger als stabile Fundamente denn als fragile Arrangements. Der Ton wird spröder, die Diagnose schärfer. Dennoch hält Zweig an einer Empathie fest, die individuelle Fehlbarkeit nicht zur Anklage, sondern zur Einsicht in gemeinsame Verletzlichkeit macht.

Die rechtlich-moralische Kultur der Zeit stabilisierte Ehe und Familie als zentrale Institutionen, gestaltete aber Möglichkeiten des individuellen Glücks eng. Scheidung war sozial stigmatisiert und rechtlich erschwert, während die Kontrolle weiblicher Sexualität besonders scharf blieb. Vor diesem Hintergrund erhält das Motiv der Furcht vor Bloßstellung in Angst seinen schneidenden Realismus. Nicht das Delikt, sondern die Sanktion der Öffentlichkeit treibt die Dynamik. Die Erzählungen zeigen, wie normative Ordnungen über Scham, Gerücht und soziale Sanktion wirken – Mechanismen, die mit der Ausweitung der Presseöffentlichkeit zusätzliche Wirkmacht erhielten.

Auch Klassen- und Milieuunterschiede sind in den Texten präsent. Das städtische Bürgertum, Träger von Bildungsidealen und Eigentum, sieht sich durch neue ökonomische Dynamiken herausgefordert. Unternehmerische Rationalität, Spekulation und modische Konsumkulturen verschieben Maßstäbe. Untergang eines Herzens lässt erkennen, wie dünn die Membran zwischen Selbstbild und Selbstverlust sein kann, wenn Anerkennung zur knappen Ressource wird. Die Erzählungen vermeiden soziologische Thesen, doch die Dramaturgie macht deutlich, wie Prestige, Besitz und emotionales Kapital miteinander verschränkt sind – und wie rasch ein scheinbar intaktes Leben unter dem Druck veränderter Maßstäbe in Schieflage geraten kann.

Zweig stand literarisch in einem Geflecht aus Wiener Moderne und europäischer Erzähltradition. Nähe zu Arthur Schnitzler zeigt sich in der psychologischen Genauigkeit und der Thematisierung von Begehren und Verschweigen; formal knüpfen die Novellen an eine deutschsprachige Tradition präziser, oft pointierter Kurzprosa an. Gleichzeitig zeugen Rhythmus und Eleganz der Prosa von französischen Einflüssen, etwa dem Feuilleton und der Novelle à la Maupassant. Die Technik der indirekten Rede, das Arbeiten mit leitmotivischer Symbolik und die kontrollierte Eskalation innerer Konflikte sind stilistische Konstanten, die den gesellschaftlichen Hintergrund in fein gearbeiteten Szenen erfahrbar machen.

Viele der in der Sammlung enthaltenen Texte wurden zunächst in Zeitschriften oder frühen Buchausgaben vor dem Krieg und in den 1920er Jahren veröffentlicht und später in wechselnden Zusammenstellungen neu ediert. Zweig avancierte in der Zwischenkriegszeit zu einem der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren; seine Bücher wurden breit übersetzt und erreichten ein internationales Lesepublikum. Diese Popularität beruhte auf der Verbindung literarischer Eleganz mit zugänglicher psychologischer Analyse. Die Resonanz zeigt, dass die dargestellten Konflikte – Konflikte der Moderne – als europäische Erfahrung gelesen wurden, nicht als lokale Spezialität der Wiener Gesellschaft.

Ab 1933 veränderte der Nationalsozialismus die Rezeption grundlegend. In Deutschland wurden Zweigs Bücher verbrannt und verboten; sein Werk verschwand aus dem offiziellen Literaturbetrieb. Der Autor emigrierte schrittweise und verließ nach dem Anschluss Österreichs 1938 endgültig Europa. Diese Erfahrung der Entwurzelung färbte spätere Lektüren auch der frühen Erzählungen: Sie erschienen nun als Dokumente einer verlorenen Welt. Nach 1945 kehrte das Werk in den Kanon zurück, wenn auch mit wechselndem Ansehen. Neuauflagen und Übersetzungen, ebenso wie Verfilmungen einzelner Stoffe, hielten die internationale Präsenz dieser psychologisch geprägten Prosa lebendig.

Die Sammlung kommentiert ihre Zeit, indem sie die Spannungen einer Übergangsmoderne in intime Konflikte übersetzt: zwischen Pflicht und Begehren, Öffentlichkeit und Privatheit, Bildungspathos und Lebensnähe. Spätere Deutungen haben diese Texte mit Blick auf Geschlechterverhältnisse, Machtasymmetrien und die Geschichte der Gefühle neu gelesen; Verwirrung der Gefühle etwa wird heute auch im Kontext von Sexualitäts- und Wissensgeschichte diskutiert. Dass diese Erzählungen weiterhin Resonanz erzeugen, liegt an ihrer präzisen Darstellung sozialer Kräfte, die Menschen formen, und an ihrem Vertrauen in Empathie als Erkenntnisweg – eine humanistische Antwort auf die Zumutungen eines Jahrhunderts der Beschleunigung und Zerrissenheit.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Frühe Liebes- und Sehnsuchtsgeschichten (Der Stern über dem Walde; Die Liebe der Erika Ewald; Vergessene Träume; Geschichte in der Dämmerung)

Diese frühen Erzählungen kreisen um erste Verliebtheit, idealisierte Begegnungen und die Kluft zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit. Zufallsmomente wachsen zu übergroßen Gefühlen heran, während Scham, gesellschaftliche Rücksicht und Selbsttäuschung die Figuren zu leisen, oft schmerzlichen Entscheidungen drängen. Der Ton ist weich und melancholisch; die Psychologie präzise, doch ohne Härte.

Die gleich-ungleichen Schwestern

Zweig stellt zwei äußerlich ähnliche, innerlich gegensätzliche Schwestern gegenüber und verfolgt, wie Anziehung, Rivalität und Rollenerwartungen ihr Selbstbild formen. Das Doppelmotiv schärft den Blick auf Identität und Begehren, ohne die Figuren zu verurteilen. Zurückhaltende Ironie und feine Charakterbeobachtung tragen die Erzählung.

Psychogramme von Schuld, Alter und Selbsttäuschung (Untergang eines Herzens; Angst)

In Untergang eines Herzens kippt die Sicherheit eines alternden Mannes in verletzte Eitelkeit und ohnmächtige Leidenschaft, bis familiäre Nähe als Kälte erfahren wird. Angst folgt einer verheirateten Frau, deren Fehltritt eine Spirale aus Furcht, Abhängigkeit und moralischer Panik auslöst. Beide Texte verdichten Schuldgefühle zu beklemmender Innerlichkeit und treiben die Handlung mit nüchterner, unerbittlicher Logik voran.

Verwirrung der Gefühle

Ein Student gerät in die Bannzone eines verehrten Professors, und aus geistiger Nähe wird eine heikle Intimität, die Grenzen von Bildung, Bewunderung und Begehren verschwimmen lässt. Das erzählerische Geständnis tastet taktvoll an das Unsagbare heran und zeigt, wie ein junger Mensch durch eine einzige Beziehung existenziell verunsichert und zugleich gereift wird. Der Ton ist gespannt, leise und analytisch.

Übergreifende Themen und Stilmerkmale

Gemeinsam ist den Erzählungen das Interesse an leisen Schwellenmomenten: erste Regungen, kleine Lügen, unmerkliche Verschiebungen, aus denen Lebensentscheidungen werden. Zweig arbeitet mit psychologischer Genauigkeit, musikalischer Satzführung und einer diskreten Dramaturgie, die innere Konflikte vor äußere Spektakel stellt. Wiederkehrende Motive sind Selbsttäuschung, unerfüllte Sehnsucht, die Macht sozialer Normen und die fragile Balance zwischen Begierde und Gewissen.

Verwirrung der Gefühle, und sieben andere Erzählungen

Hauptinhaltsverzeichnis
Der Stern über dem Walde
Die Liebe der Erika Ewald
Vergessene Träume
Geschichte in der Dämmerung
Die gleich-ungleichen Schwestern
Untergang eines Herzens
Verwirrung der Gefühle
Angst

Der Stern über dem Walde

Inhaltsverzeichnis

 

Franz Carl Ginzkey in herzlicher Gesinnung

Einmal, als sich der schlanke und sehr soignierte Kellner François beim Servieren über die Schulter der schönen polnischen Gräfin Ostrowska herabneigte, geschah etwas Seltsames. Nur eine Sekunde währte es und war kein Zucken und kein Erschrecken, keine Regung und Bewegung. Und doch war es eine jener Sekunden, in die tausende Stunden und Tage voll Jubel und Qual gebannt sind, gleichwie der großen dunkelrauschenden Eichen wilde Wucht mit all ihren wiegenden Zweigen und schaukelnden Kronen in einem einzigen verflatternden Samenstäubchen geborgen ist. Nichts Äußerliches geschah in dieser Sekunde. François, der geschmeidige Kellner des großen Rivierahotels beugte sich tiefer hinab, um die Platte dem suchenden Messer der Gräfin besser zurecht zu legen. Doch sein Gesicht ruhte diesen Moment knapp über der weichgelockten duftenden Welle ihres Hauptes, und als er instinktiv das devot gesenkte Auge aufschlug, sah sein taumelnder Blick, in wie milder und weißleuchtender Linie ihr Nacken sich aus dieser dunklen Flut in das dunkelrote bauschende Kleid verlor. Wie Purpurflammen schlug es in ihm auf. Und leise klirrte das Messer an die unmerklich erzitternde Platte. Obzwar er aber in dieser Sekunde alle Folgenschwere dieser jähen Bezauberung ahnte, meisterte er gewandt seine Erregung und bediente mit der kühlen und ein wenig galanten Verve eines geschmackvollen Garçons weiter. Er reichte die Platte mit geruhigem Gange dem steten Tischgenossen der Gräfin, einem älteren, mit ruhiger Grazie begabten Aristokraten, der mit fein akzentuierter Betonung und einem kristallenen Französisch gleichgültige Dinge erzählte. Dann trat er ohne Blick und Gebärde von dem Tisch zurück.

Diese Minuten waren der Beginn eines sehr seltsamen und hingebungsvollen Verlorenseins, einer so taumelnden und trunkenen Empfindung, daß ihr das gewichtige und stolze Wort Liebe beinahe übel ansteht. Es war jene hündisch treue und begehrungslose Liebe, wie sie die Menschen sonst inmitten ihres Lebens gar nicht kennen, wie sie nur ganz junge und ganz alte Leute haben. Eine Liebe ohne Besonnensein, die nicht denkt, sondern nur träumt. Er vergaß ganz jene ungerechte und doch unauslöschliche Mißachtung, die selbst kluge und bedächtige Leute gegen Menschen im Kellnerfracke bezeugen, er sann nicht nach Möglichkeiten und Zufällen, sondern nährte in seinem Blute diese seltsame Neigung, bis ihre geheime Innigkeit sich aller Bespottung und Bemänglung entrang. Seine Zärtlichkeit war nicht die der heimlich zwinkernden und lauernden Blicke, die jäh losbrechende Kühnheit verwegener Gebärden, die sinnlose Brünstigkeit lechzender Lippen und zitternder Hände, sie war ein stilles Mühen, ein Walten jener kleinen Dienste, die um so erhabener und heiliger in ihrer Demut sind, als sie wissend unbemerkt bleiben. Er strich nach dem Souper über die zerknüllten Tischtuchfalten vor ihrem Platze mit so zärtlichen und kosenden Fingern, wie man wohl liebe und weichruhende Frauenhände streichelt; er rückte alle Dinge ihrer Nähe mit hingebungsvoller Symmetrie zusammen, als ob er sie zu einem Feste bereite. Die Gläser, die ihre Lippen berührt hatten, trug er sich sorgsam in sein enges dumpfes Dachlukenzimmer und ließ sie im perlenden Mondlicht nächtlich auffunkeln wie köstliches Geschmeide. Stets war er aus irgendeinem Winkel der geheime Behorcher ihres Schreitens und Wandelns. Er trank ihre Sprache so wie man einen süßen und duftberauschenden Wein wollüstig auf der Zunge wiegt, und fing die einzelnen Worte und Befehle gierig wie Kinder den fliegenden Spielball. So trug seine trunkene Seele in sein armes und gleichgültiges Leben einen wechselnden und reichen Glanz. Nie kam ihm die weise Torheit, das ganze Ereignis in die kalten, vernichtenden Worte der Tatsächlichkeit zu kleiden, daß der armselige Kellner François eine exotische, ewig unerreichbare Gräfin liebte. Denn er empfand sie gar nicht als Wirklichkeit, sondern als etwas sehr Hohes, sehr Fernes, das nur mehr mit seinem Abglanz des Lebens reichte. Er liebte den herrischen Stolz ihrer Befehle, den gebietenden Winkel ihrer schwarzen, sich fast berührenden Augenbrauen, die wilde Falte um den schmalen Mund, die sichere Grazie ihrer Gebärden. Unterwürfigkeit schien ihm Selbstverständlichkeit, und die demütigende Nähe niederen Dienstes empfand er als Glück, weil er ihr zu danke so oft in den zauberischen Kreis treten durfte, der sie umfing.

So ward in dem Leben eines einfachen Menschen plötzlich ein Traum wach, gleich einer edlen und sorgfältig gezüchteten Gartenblüte, die an einer Straße blüht, wo sonst der Wanderstaub alle Keime zertritt. Es war der Taumel eines schlichten Menschen, ein zauberischer und narkotischer Traum inmitten eines kalten, gleichtönigen Lebens. Und Träume solcher Menschen sind wie die ruderlosen Boote, die ziellos in schaukelnder Wollust auf stillen, spiegelnden Wassern treiben, bis plötzlich ihr Kiel mit jähem Ruck an ein unbekanntes Ufer stößt.

Die Wirklichkeit ist aber stärker und robuster als alle Träume[1q]. Eines Abends sagte ihm der feiste Waadtländer Portier im Vorübergehn: »Die Ostrowska fährt morgen mit dem Acht-Uhr-Zug.« Und dann noch ein paar andre gleichgültige Namen, die er überhörte. Denn ein wirres Brausen und Wirbeln war aus diesen Worten in seinem Hirne geworden. Ein paar Mal fuhr er sich mechanisch mit den Fingern über die gepreßte Stirn, als wollte er eine drückende Schicht wegschieben, die dort lagerte und das Verständnis umdämmerte. Er machte ein paar Schritte; es war ein Taumeln. Unsicher und erschreckt glitt er an einem hohen goldgerahmten Spiegel vorbei, aus dem ihm ein fahles und fremdes Gesicht kreidig entgegenstarrte. Die Gedanken wollten nicht kommen, sie waren gleichsam festgemauert hinter einer dunklen nebligen Wand. Fast unbewußt tastete er am Geländer die breite Treppe in den umdämmerten Garten hinab, wo die hohen Pinien-Bäume einsam standen wie finstere Gedanken. Noch ein paar Schritte wankte seine unruhige Gestalt, gleich dem niederen und taumelnden Flug eines großen dunklen Nachtvogels, dann sank er auf eine Bank, den Kopf an die kühle Lehne gepreßt. Es war ganz still dort. Rückwärts zwischen den runden Sträuchern funkelte das Meer. Weiche und zitternde Lichter glühten dort leise, und in der Stille verlor sich der eintönig murmelnde Singsang fernplätschernder Brandungsquellen.

Und plötzlich war alles klar, ganz klar. So schmerzklar, daß er fast ein Lächeln fand. Es war einfach alles zu Ende. Die Gräfin Ostrowska fährt nach Hause, und der Kellner François bleibt auf seinem Posten. War dies denn so seltsam? Gingen nicht alle die Fremden fort, die kamen, nach zwei, nach drei, nach vier Wochen? Wie töricht, das nicht überdacht zu haben. Es war ja alles so klar, zum Lachen, zum Weinen klar. Und die Gedanken schwirrten und schwirrten. Morgen abend, mit dem Acht-Uhr-Zug nach Warschau. Nach Warschau – Stunden und Stunden durch Wälder und Täler, über Hügel und Berge, über Steppen und Flüsse und durch brausende Städte. Warschau! Wie weit das war! Er konnte es sich gar nicht ausdenken, aber im tiefsten fühlen, dieses stolze und drohende, harte und ferne Wort: Warschau. Und er …

Eine Sekunde flatterte noch eine kleine träumerische Hoffnung auf. Er konnte ja nachfahren. Und dort sich verdingen als Diener, als Schreiber, als Fuhrknecht, als Sklave; als frierender Bettler dort auf der Straße stehn, aber nur nicht so furchtbar ferne sein, den Atem derselben Stadt nur atmen, sie manchmal vielleicht vorüberbrausen sehen, nur ihren Schatten sehen, ihr Kleid und ihr dunkles Haar. Schon zuckten eilfertige Träumereien empor. Aber die Stunde war hart und unerbittlich. Er sah das Unerreichbare nackt und klar. Er rechnete: hundert oder zweihundert Francs Ersparnisse im besten Falle. Das reichte kaum die Hälfte des Weges. Und was dann? Wie durch einen zerrissenen Schleier sah er auf einmal sein Leben, fühlte, wie arm, wie kläglich, wie häßlich es jetzt werden mußte. Öde leere Kellnerjahre, zermartert von törichter Sehnsucht, diese Lächerlichkeit sollte seine Zukunft sein. Wie ein Schauder kam es über ihn. Und plötzlich liefen alle Gedankenketten stürmisch und unabwendbar zusammen. Es gab nur eine Möglichkeit. –

Leise schwankten die Wipfel in einer unmerklichen Brise. Eine finstere schwarze Nacht stand drohend vor ihm. Da erhob er sich sicher und gelassen von seiner Bank und schritt über den knirschenden Kies zu dem großen, in weißem Schweigen schlafenden Hause empor. Bei ihren Fenstern blieb er stehen. Sie waren blind und ohne ein funkelndes Lichterzeichen, daran sich träumerische Sehnsucht hätte entzünden können. Nun ging sein Blut in ruhigen Schlägen, und er schritt wie einer, den nichts mehr verwirrt und betrügt. In seinem Zimmer warf er sich ohne jede Erregung auf das Bett und schlief dumpfen traumlosen Schlaf bis zum rufenden Morgenzeichen.

Am nächsten Tage war sein Gebaren gänzlich in den Grenzen sorgfältig gezirkelter Überlegung und erzwungener Ruhe. Mit kühler Gleichgültigkeit erledigte er seine Pflichten, und seine Gebärden hatten eine so sichere und sorglose Gewalt, daß niemand hinter der trügerischen Maske den herben Entschluß hätte ahnen können. Kurz vor der Stunde des Diners eilte er mit seinen kleinen Ersparnissen in das vornehmste Blumengeschäft und kaufte erlesene Blumen, die ihn in ihrer farbigen Pracht wie Worte anmuteten: feuergolden glühende Tulpen, die wie eine Leidenschaft waren, weiße breitgekränzte Chrysanthemen, die wie lichte und exotische Träume anmuteten, schmale Orchideen, die schlanken Bilder der Sehnsucht und ein paar stolze betörende Rosen. Und dann erstand er eine prächtige Vase aus opalisierendem funkelndem Glase. Die paar Francs, die ihm noch blieben, schenkte er im Vorübergehen einem Bettelkinde mit rascher und sorgloser Gebärde. Und eilte zurück. Die Vase mit den Blumen stellte er mit wehmütiger Feierlichkeit vor das Kuvert der Gräfin, das er nun zum letzten Male mit einer voluptuösen und langsamen Peinlichkeit bereitete.

Dann kam das Diner. Er servierte wie immer: kühl, lautlos und geschickt, ohne aufzuschauen. Nur zum Ende umfing er ihre ganze biegsame, stolze Gestalt mit einem unendlichen Blicke, von dem sie nie wußte. Und nie erschien sie ihm so schön wie in diesem letzten wunschlosen Blick. Dann trat er ruhig, ohne Abschied und Gebärde vom Tische zurück und ging aus dem Saal. Wie ein Gast, vor dem sich die Bedienten beugen und neigen, schritt er durch die Gänge und über die vornehme Empfangstreppe hinab der Straße zu: man hätte fühlen müssen, daß er mit diesem Augenblick seine Vergangenheit verließ. Vor dem Hotel blieb er eine Sekunde unschlüssig stehen: dann wandte er sich den blinkenden Villen und breiten Gärten entlang einem Wege zu, weiter, immer weiter wandelnd in seinem nachdenklichen Promenadeschritt, ohne zu wissen, wohin.

Bis zum Abend irrte er so unstet in träumerischem Verlorensein. Er sann über nichts mehr nach. Nicht über Vergangenes und nicht über das Unabwendbare. Er spielte nicht mehr mit dem Todesgedanken, so wie man wohl noch in den letzten Augenblicken den funkelnden, mit tiefem Auge drohenden Revolver prüfend in der wägenden Hand hebt und wieder senkt. Längst hatte er sich das Urteil gesprochen. Nur Bilder kamen noch, in flüchtigem Fluge, gleich ziehenden Schwalben. Zuerst die Jugendtage bis zu einer verhängnisvollen Schulstunde, da ihn ein törichtes Abenteuer aus einer verführerisch wirkenden Zukunft jählings in das Gewirre der Welt stieß. Dann die rastlosen Fahrten, Mühen um den Taglohn, Versuche, die immer wieder mißglückten, bis die große finstere Welle, die man Schicksal nennt, seinen Stolz zerbrach und ihn an einen unwürdigen Posten warf. Viele farbige Erinnerungen wirbelten vorüber. Und schließlich glänzte noch die sanfte Spiegelung dieser letzten Tage aus den wachen Träumen; und jählings stießen sie wieder das dunkle Tor der Wirklichkeit auf, das er durchschreiten mußte. Er besann sich, daß er noch heute sterben wollte.

Eine Weile sann er über die vielen Wege nach, die zum Tode führen, und wägte ihre Bitterkeit und Behendigkeit gegeneinander ab. Bis ihn plötzlich ein Gedanke durchzuckte. Aus trüben Sinnen fiel ihm jäh ein finsteres Symbol ein: so wie sie unwissend und vernichtend über sein Schicksal hinweggebraust war, so sollte sie auch seinen Körper zermalmen. Sie selbst sollte es vollbringen. Sie selbst ihr Werk vollenden. Und nun hasteten die Gedanken mit unheimlicher Sicherheit. In einer knappen Stunde, um acht Uhr ging der Expreß ab, der sie ihm entführte. Dem wollte er sich unter die Räder werfen, sich zerstampfen lassen von der gleichen stürmenden Gewalt, die ihm die Frau seiner Träume entriß. Unter ihren Füßen wollte er verbluten. Die Gedanken stürmten und stürmten gleichsam jubelnd einander nach. Er wußte auch den Ort. Weiter oben am Waldhang, wo die rauschenden Wipfel den letzten Blick auf die nahe Bucht verdunkelten. Er sah auf die Uhr: fast schlugen die Sekunden und sein hämmerndes Blut den gleichen Takt. Es war schon Zeit, sich auf den Weg zu machen. Nun kam mit einem Male Elastizität und Zielsicherheit in seine schlaffen Schritte, jener harte eilige Takt, der das Träumen im Vorwärtswandeln ertötet. Unruhig stürmte er in die dämmernde Pracht des südlichen Abends der Stelle zu, wo zwischen den fernen bewaldeten Hügeln der Himmel eingebettet war als purpurner Streif. Und er eilte vorwärts, bis er an das Geleise kam, das mit seinen beiden silbernen Linien vor ihm aufglänzte und seinen Weg geleitete. Und sie führten ihn in gewundenem Zuge aufwärts durch die tiefen duftenden Tale, deren dunstige Schleier das matte Mondlicht durchsilberte, sie lenkten ihn im steigenden Gange in das Hügelland, wo man sah, wie ferne das weite nachtschwarze Meer mit seinen funkelnden Strandlichtern aufglänzte. Und sie zeigten ihm endlich den tiefen, unruhig rauschenden Wald, der das Geleise in seinen sinkenden Schatten begrub.

Es war schon spät, als er nun schweratmend am dunklen Hange des Waldes stand. Schauerlich und schwarz reihten sich die Bäume um ihn. Nur hoch oben in den durchschimmernden Kronen spann ein fahles zitterndes Mondlicht in den Zweigen, die stöhnten, wenn sie die leise Nachtbrise in die Arme nahm. Manchmal zuckten seltsame Rufe ferner Nachtvögel in diese dumpfe Stille. Die Gedanken erstarrten ihm ganz in dieser bangenden Einsamkeit. Er wartete nur, wartete und starrte, ob nicht unten an der Kurve der ersten ansteigenden Serpentine das rote Licht des Zuges auftauchen wollte. Manchmal sah er wieder nervös auf die Uhr und zählte die Sekunden. Dann horchte er wieder nach dem fernen Schrei der Lokomotive. Aber es war eine Täuschung. Ganz still wurde es wieder. Die Zeit schien erstarrt zu sein.

Endlich glänzte fern unten das Licht. Er fühlte in dieser Sekunde einen Stoß im Herzen, wußte aber nicht, ob es Furcht oder Jubel war. Mit jäher Gebärde warf er sich hin auf die Schienen. Zuerst fühlte er einen Augenblick nur die wohlige Kühle der Eisenstreifen an seiner Schläfe. Dann horchte er. Der Zug war noch weit. Minuten mochten es wohl dauern. Noch hörte man nichts außer dem flüsternden Rauschen der Bäume im Wind. Wirr sprangen die Gedanken. Und plötzlich einer, der blieb und sich wie ein schmerzhafter Pfeil in sein Herz bohrte: daß er um ihretwillen starb und sie es nie ahnen würde. Daß nicht eine einzige leise Welle seines aufschäumenden Lebens die ihre berührt hatte. Daß sie nie wissen würde, daß ein fremdes Leben an ihrem gehangen, an ihrem zerschmettert sei.

Ganz leise keuchte von ferne durch die atemstille Luft der rhythmische Gang der steigenden Maschine. Aber der Gedanke brannte unvermindert weiter und folterte die letzten Minuten des Sterbenden. Näher und näher ratterte der Zug. Und da schlug er noch einmal die Augen auf. Über ihm war ein schweigender blauschwarzer Himmel und ein paar rauschende Kronen. Und über dem Walde ein weißer blinkender Stern. Ein einsamer Stern über dem Walde … Schon begannen die Schienen unter seinem Kopfe leise zu schwingen und zu singen. Aber der Gedanke brannte wie Feuer in seinem Herzen und in dem Blicke, der alle Glut und Verzweiflung seiner Liebe faßte. Alle Sehnsucht und diese letzte schmerzliche Frage fluteten über in den weißen leuchtenden Stern, der mild auf ihn niedersah. Näher und näher schmetterte der Zug. Und der Sterbende umfing noch einmal mit einem letzten unsagbaren Blick den funkelnden Stern, den Stern über dem Walde. Dann schloß er die Augen. Die Schienen zitterten und wankten, näher und näher stampfte der ratternde Gang des fliegenden Zuges, daß der Wald dröhnte wie von großen hämmernden Glocken. Die Erde schien zu taumeln. Noch ein betäubendes sausendes Schwirren, ein wirbelndes Getöse, dann ein schriller Pfiff, der ängstlich tierische Schrei der Dampfpfeife und das gelle Stöhnen einer vergeblichen Bremse …

Die schöne Gräfin Ostrowska hatte im Zug ein eigenes reserviertes Coupé. Seit der Abfahrt las sie einen französischen Roman, sanft gewiegt von der schaukelnden Bewegung des Wagens. Die Luft des engen Raumes war schwül und getränkt von dem drückenden Dufte vieler welkender Blumen. Schon nickten von den prächtigen Abschiedskörben die weißen Fliedertrauben müde herab wie überreife Früchte, erschlafft hingen die Blüten an den Stengeln, und die schweren und breiten Kelche der Rosen schienen zu welken in der heißen Wolke der berauschenden Düfte. Erstickende Schwüle wärmte diese schweren Duftwellen, die träge niederdrückten, selbst in der sausenden Eile des Zuges.

Plötzlich ließ sie mit matten Fingern das Buch sinken. Sie wußte selbst nicht, warum. Ein geheimes Gefühl war es, das sie aufriß. Sie fühlte einen dumpfen schmerzlichen Druck. Ein jäher, unverständlicher beklemmender Schmerz umpreßte ihr Herz. Sie glaubte ersticken zu müssen in dem schwülen betäubenden Dunst der Blumen. Und dieser ängstigende Schmerz wich nicht, sie fühlte jede Schwingung der sausenden Räder, das blinde Vorwärtsstampfen marterte sie unsäglich. Eine plötzliche Sehnsucht packte sie, den eilenden Schwung des Zuges hemmen zu können, ihn zurückzureißen von dem dunklen Schmerz, dem er entgegenstürmte. Nie hatte sie in ihrem Leben eine ähnliche Angst vor etwas Furchtbarem, Unsichtbarem, Grausamem ihr Herz umklemmen gefühlt, als in diesen Sekunden unverständlichen Schmerzes und unbegreiflicher Angst. Und immer wilder wurde dieses unsagbare Gefühl, immer enger der Druck um die Kehle. Wie ein Gebet stöhnte in ihr der Gedanke, daß der Zug anhalten möge.

Da plötzlich ein schriller Signalpfiff, der wilde warnende Schrei der Lokomotive und das klägliche knirschende Stöhnen der Bremse. Und verlangsamt der Rhythmus der fliegenden Räder, langsamer und langsamer, dann ein ratterndes Stammeln und ein stockender Stoß …

Mühsam tappt sie zum Fenster, um die kühle Luft zu trinken. Die Scheibe rasselt nieder. Draußen schwarze, stürmende Gestalten … fliegende Worte von wechselnden Stimmen: ein Selbstmörder … Unter den Rädern … Tot … Auf freiem Feld …

Sie zuckt zusammen. Instinktiv trifft ihr Blick den hohen schweigenden Himmel und drüben die schwarzen rauschenden Bäume. Und über ihnen ein einsamer Stern über dem Walde. Sie fühlt seinen Blick wie eine funkelnde Träne. Sie sieht ihn an und spürt jählings eine Traurigkeit, wie sie sie nie gekannt. Eine Traurigkeit voll Glut und Sehnsucht, wie sie in ihrem eigenen Leben nie war …

Langsam rattert der Zug weiter. Sie lehnt in der Ecke und spürt leise Tränen über die Wangen tropfen. Die dumpfe Angst ist gewichen, sie fühlt nur noch einen tiefen seltsamen Schmerz, dessen Spur sie vergebens nachsinnt. Einen Schmerz, wie ihn verschreckte Kinder haben, wenn sie in finsterer undurchdringlicher Nacht plötzlich erwachen und fühlen, daß sie ganz einsam sind …

Die Liebe der Erika Ewald

Inhaltsverzeichnis

 

Camill Hoffmann in inniger Freundschaft … Aber das ist die Geschichte aller jungen Mädchen, dieser sanften Dulderinnen. Sie sagen nie, daß sie leiden. Die Frauen sind zum Dulden geschaffen[2q]. Es ist gewiß so ihr Schicksal, sie erfahren es früh und sind darüber so wenig erstaunt, daß sie noch immer sagen, das Übel sei nicht da, wenn es längst gekommen …Barbey d’Aurévilly

Erika Ewald trat langsam ein, mit dem vorsichtig-leisen Gang einer Zuspätkommenden. Der Vater und die Schwester saßen schon beim Abendessen; beim Geräusch der Türe blickten sie auf, um der Eintretenden flüchtig zuzunicken, dann klang nur wieder das Klingen der Teller und das Klappern der Messer durch den matterhellten Raum. Gesprochen wurde selten, nur hie und da fiel ein Wort, und das flatterte wie ein aufgeworfenes Blatt haltlos in der Luft, um dann ermattet zu Boden zu sinken. Sie hatten sich alle wenig zu sagen. Die Schwester war unscheinbar und häßlich; eine jahrelange Erfahrung, stets überhört oder bespöttelt zu werden, hatte ihr jene altjüngferliche stumpfe Resignation gegeben, die jeden Tag mit einem Lächeln scheiden sieht. Den Vater hatte eine langjährige gleichfarbige Bureautätigkeit der Welt entfremdet, und insbesondere seit dem Tode seiner Frau umfing ihn jene harte Verstimmung und trotzige Schweigsamkeit, mit der alte Leute gerne ihre physischen Leiden verbergen.