Verzweifelungsschrei vorm Abgrund - Rolf Spittel - E-Book

Verzweifelungsschrei vorm Abgrund E-Book

Rolf Spittel

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Beschreibung

Er wandelt in tiefster Finsternis mit der Kerze immer nur den Abgrund entlang und weiß dabei einfach nicht, was er unternehmen soll, damit sich der filigrane Nachtfalter an seiner Seite nicht die Flügel versengt. Und sollte der Mann diese Flamme auslöschen, stürzt er ab ... Seiner Lebenspartnerin fehlt jegliche Lebenslust nach einem Burn-out.

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Rolf Spittel

Verzweifelungsschrei vorm Abgrund

 

 

 

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- gekürzte Vorschau -

Inhaltsverzeichnis

Titel

Verzweifelungsschrei vorm Abgrund

Erste Bewährungsproben unter der Wirkung von Antidepressiva

Februar

März

April

Mai

Juni

Die langen Schatten werden einfach nicht kürzer

August

September

Oktober

November

Dezember

Der letzte Tag des Jahres

Staatliche Willkür testet die Leidensobergrenze einer psychisch Kranken

Wie ging es mit Pepa weiter?

Verzweifelungsschrei vorm Abgrund

16.00 Uhr. Das Schloss unserer Wohnungstür schnappt ein und das dumpfe, metallisch klingende Geräusch dringt bis zu meinem Arbeitszimmer durch. Ich stutze zwar, schreibe aber dennoch den gerade angefangenen Neujahrsgruß noch zu Ende. Nach dem Herunterdrücken der Sendetaste grüble ich nach, warum mir Pepa nicht zuvor mitgeteilt hat, dass sie nochmals die Wohnung verlässt. Etwas verunsichert über die eigentlich sonst nicht von ihr gewohnte Handlungsweise betrete ich das Wohnzimmer. Mein Blick fällt sogleich auf einen handgeschriebenen Zettel, welcher sich auf der dunklen Tischplatte gut sichtbar abhebt. Und über diesen Fund bin ich noch mehr irritiert. Normalerweise hinterlassen wir lediglich eine handschriftliche Notiz, falls der Partner schläft oder sich nicht in der Wohnung aufhält. Beim Lesen des Textes weiten sich meine Augen automatisch vor Schrecken. Ich schlucke dazu heftig und lese den kurzen Inhalt vorsichtshalber ein zweites Mal. Deswegen verändert sich aber nichts an der Nachricht selbst, der Himmel scheint direkt über mir einzustürzen.

‚Ich kann nicht mehr! Bitte verzeihe mir, aber ich muss meinem Leiden endlich ein Ende setzen. Ich liebe dich, auch wenn Du es mir in diesem Moment bestimmt nicht glauben wirst. Deine Pepa.‘

Mein Herz pumpt massiv Blut ins Gehirn und verunmöglicht ein klares Nachdenken. Ich starre nur entgeistert auf die zittrige Handschrift. Es muss sich um einen Albtraum handeln! Aber es ist eindeutig meine Hand, welche da zittert und es ist auch mein Atem, welcher auszusetzen droht. So etwas kommt in Träumen niemals vor. Mit dieser Einsicht endet die Schockstarre. Ich reiße die Wohnungstür auf. Unterhalb des Türrahmens halte ich abrupt in der Vorwärtsbewegung inne, drehe mich um die eigene Achse und kehre in die Wohnung zurück. Endlich beginnt das Gehirn wieder zu arbeiten. Wenn ich den Schlüsselbund nicht mitnehme, sperrt ich mich selbst aus.

Der rechte Daumen drückt mehrmals ungeduldig auf den Aufzugsknopf. Oder soll ich besser die Treppenstufen hinabrennen? Lieber nicht. Sechs Stockwerke in Bergemann-Sandalen könnten fatal enden. Meine Faust schlägt wütend gegen die Metalltür. Endlich erreicht die Aufzugskabine die siebte Etage. Meine Gedanken rasen wild umher. Wo hat Pepa vorhin ihr Fahrzeug geparkt? Ich erinnere mich. Ausgerechnet auf dem Parkplatz gegenüber des Gebäudes. Deswegen nichts Gutes ahnend renne ich die Vorgartentreppe hinauf. Bereits vom Gehweg aus blicke ich voller Entsetzen auf die einzige Parklücke. Der gesuchte weiße Renault befindet sich nicht mehr an besagter Stelle. Somit halte ich augenblicklich an. Sich nun planlos ins eigene Fahrzeug zu setzen und Pepa auf gut Glück finden zun hoffen, die Handlungsweise erscheint mir absolut sinnlos. Für eine effektiv durchgeführte Suchaktion benötige ich kompetente Hilfe. Während mich der Lift zur Wohnung transportiert, steht die weitere Vorgehensweise bereits fest. Auf der Insel existieren meines Wissens nach gleich mehrere Orte, an welchen Suizide verübt wurden. Und aus diesem Grund muss die Polizei auch sofort alles ihr Erdenkliche in Bewegung setzen, um Pepa vor dem Selbstmord abzuhalten. Dazu verbleibt nur sehr wenig Zeit!

Ohne die Angabe ihres Autokennzeichens ist eine erfolgreiche Suchaktion unmöglich. Wie lautet bloß die Kombination? Das Nummernschild beginnt mit GC, aber an die vier Mittelziffern erinnere ich einfach nicht. Danach folgt ein B, wie lautet der letzte Buchstabe? Mein Gedächtnis streikt total. Himmel Herrgott noch einmal, wie oft stand ich in den letzten Jahren vor diesem Fahrzeug, aber in diesen entscheidenden Sekunden kann ich mich einfach nicht mehr an das komplette Kennzeichen erinnern. Ich öffne den Wohnzimmerschrank. Die Aktenordnerrücken sind für mich mit eher zusammenhanglos erscheinenden Begriffen beschriftet. Endlich erscheint das Wort Autoversicherung und ich ziehe diesen Ordner hervor. Der rechte Zeigefinger fährt die gelbe Registereinlage entlang. Hauseigentümerversammlung, Pensionskasse… endlich Allianz-Versicherung. Kurz darauf entfährt mir gleich mehrmals das Wort Scheiße. Es handelt sich um Unterlagen meines eigenen Fahrzeuges. Pepa hat aber vor Kurzem ihren Renault bei einer Gesellschaft in Katalonien versichert. Ich greife nach den übrigen Aktenordnern und lege sie direkt nebeneinander auf den Tisch und öffne gleich alle aufs Mal. Mein Blick konzentriert sich auf die jeweiligen Registereintragungen. Endlich werde ich fündig. Atlantis-Versicherung. Mit deren Vertragsunterlagen renne ich ins Arbeitszimmer, wo sich zwischenzeitlich der Bildschirmschoner aktiviert hat, und mir deswegen das Gesicht meiner Frau freudestrahlend entgegenlacht. Der rechte Zeigefinger drückt derweilen die 112.

-Notfallzentrale, was können wir …?

Ich unterbreche sofort die freundlich klingende Männerstimme.

-Meine Frau will sich umbringen. Sie hat mir einen Abschiedsbrief hinterlassen. Sie ist gerade mit ihrem Fahrzeug mit dem Kennzeichen …

-Einen Moment bitte, ich verbinde sie mit einer kompetenteren Person.

Nach lediglich zwei Rufzeichen meldet sich die Stimme einer Frau.

-Ist es richtig, sie wollen uns die Ankündigung zu einem Suizidversuch verkünden?

-Ja, aber jetzt dürfen wir keine Zeit mit Formalitäten verlieren. Meine Frau ist eine Person der Tat, was sie einmal ankündigt, zieht sie in aller Regel bis zu Ende durch. Eine motorisierte Polizeistreife muss sie deswegen stoppen, bevor …

-Ich verstehe. Bitte beantworten Sie jetzt nur Fragen, welche ich Ihnen stelle. Zunächst wie heißt ihre Frau, wer sind Sie und außerdem benötige ich Informationen zwecks Identifikation des Fahrzeuges.

Mir verschlägt es kurzfristig die Sprache und Tränen schießen dazu in die Augen. Dann beantworte ich die Fragen eher schluchzend und lese im Anschluss den Abschiedsbrief laut vor. Dessen Inhalt wirft bei der Mitarbeiterin der Notfallzentrale sogleich eine Frage auf.

-Hatten Sie Streit, bevor ihre Frau die Wohnung verließ?

-Nein. Sie klagte nur einmal mehr über ihre Arbeitsbedingungen, woraufhin ich ihr dringend dazu riet, sich nicht immer an die negativen Erlebnisse zu erinnern. Als Resultat davon heulte sie Rotz und Wasser, was man auch gut nachvollziehen kann. Unhaltbare Zustände am Arbeitsplatz tragen die Hauptschuld an ihrer inzwischen immer mehr labilen Psyche. Und dazu gesellt sich auch noch diese quälende Unsicherheit hinsichtlich des Datums der nächsten Oposiciones ...

-Haben Sie eine Idee, wohin ihre Frau gerade unterwegs sein könnte?

-Nein.

-Kann es sein, dass sie Familienangehörige oder Freunde aufsucht? Haben Sie versucht, ihre Ehefrau auf dem Handy zu erreichen?

Ich verneine beide Fragen. Pepa hat ihr Handy nicht mitgenommen.

-Geben Sie mir nun bitte eine kurze Beschreibung ihrer Gattin ...

-Danke die Informationen genügen fürs Erste. Und jetzt begeben Sie sich umgehend mit einem aktuellen Foto ihrer Frau zum Hauptkommissariat. Eine allerletzte Frage. Besitzen Sie ein Handy?

-Nein, aber ich werde das meiner Frau dorthin mitnehmen. Die Nummer lautet …

-Ich verspreche Ihnen, wir werden nun alles nur Erdenkliche dafür unternehmen, um ihre Ehefrau rechtzeitig aufzuspüren. Und sobald wir über Nachrichten verfügen, melden wir uns auf der gerade angegebenen Handynummer. Wissen Sie, wo sich das Kommissariat befindet?

-Ja, und außerdem lasse ich mich im Taxi hinfahren.

Wenn man es nicht ganz eilig hat, ist der Lift sofort da. Auf der Straße erkenne ich sogleich das grüne Licht eines freien Taxis. Der Fahrer konzentriert sich wieder auf eine Fußballübertragung im Radio, nachdem ihm das Fahrziel bekannt ist. Ich schließe derweilen die Augen, nachdem ich das Seitenfenster runtergekurbelt habe. Unter meinem Hemd hat sich ein leichter Schweißfilm gebildet, obwohl die Außentemperatur lediglich 18 Grad Celsius beträgt.

Auf einem einfachen Holztisch, welchen ein ockerfarbenes Tuch bedeckt, thront die basaltfarbene Urne. Davor steht eine Vase mit bunten Freesien. Innerhalb der Abdankungshalle hat eine größere Trauergemeinde auf chromglänzenden Stühlen ihre Plätze eingenommen. Nachdem der letzte Akkord aus John Lenons ‚Imagine’ in der Räumlichkeit des Beerdigungsinstituts verklungen ist, erhebe ich mich in der ersten Reihe. In aufrechter Haltung beabsichtige ich meine Abschiedsrede zu halten. Mit Sandalen, leichter weißen Baumwollhose und einem himmelblauen T-Shirt mit dem Abbild eines Dorfes im Baskenland entspreche ich dabei keinesfalls den Vorstellungen von Pepas Eltern hinsichtlich Kleiderordnung für einen Traueranlass. Und darüber hinaus sind sie ungehalten, weil ihr Schwiegersohn keine weiteren Redner während der Abdankungsfeier zulässt. Ich setze die Brille auf, meine Augen starren zunächst ausdruckslos auf ein Blatt Papier, welches ich vor der Brust halte. Da weiterhin im Raum getuschelt wird, blicke ich verärgert in die Zuhörerschaft, bis sich das letzte Mundwerk schließt.

-Sehr geehrte Trauergäste, ich möchte Ihnen zunächst meinen Dank dafür bezeugen ...

Mich überfällt plötzlich eine andere Idee. Die rechte Hand gleitet zusammen mit der vorbereiteten Rede die Hüfte entlang, von wo aus das Blatt auf den Fussboden segelt. Der Inhalt des Textes hat mich unschlüssig gemacht. Ich hebe das Papier auf. Doch nach kurzem Nachdenken zerknülle ich es und die Worte verschwinden unausgesprochen in der Hosentasche. Mir ist nämlich gerade der Titel eines Briefes über den Machtmissbrauch des Dichters Émile Zola in den Sinn gekommen. Und zu jener Eingebung öffnen sich meine Lippen.

-J´accuse!

Meine gesamte Zuhörerschaft sieht sich nicht nur wegen des ihnen fremd klingenden Ü-Lautes fragend an. Den Sinn einer öffentlichen Anklage sollen alle in den Folgeminuten leidlich mitbekommen. Meine Stimme erschallt dazu wie ein wahrer Donnerknall durch den sonst totenstillen Raum.

-Ich werde jetzt nicht allen Anwesenden für deren Erscheinen danken! Denn wenn ein gewisser Teil von Ihnen nur einen Funken von Anstand besäße, wären jene Herrschaften zu tiefst beschämt der Abdankungszeremonie ferngeblieben. Warum glotzt ihr mich nun alle irritiert an? Einige von Euch tragen doch die Hauptschuld daran, dass ich hier und heute den Suizid meiner geliebten Ehefrau zu beklagen habe? Picken wir gleich einige jener Schuldige heraus. Direkt neben mir, hier in der ersten Reihe. Ja die Dame mit der weißen Bluse und die rechts neben ihr sitzende Blondine. Ihr Heuchlerinnen stellt die doch Hauptverantwortlichen für unglaubliche Zustände auf der Notfallstation dar. Wegen eures ständigen Hinwegsehens können dort die Patienten ungestraft das Personal verbal und physisch attackieren, ohne eine Reaktion seitens der Direktion befürchten zu müssen. In Realität verhält sich die Situation für attackiertes Personal sogar weitaus schlimmer. Nachdem meine Ehefrau eine Aggression ohne Unterstützung seitens der Spitalleitung selbst zur Anzeige bringen musste und jene Delinquentin im Anschluss auch rechtsgültig verurteilt wurde, wurde Pepa von der stellvertretenden Direktorin und der oberste Vertreterin sämtlicher Pflegekräfte zu einer Gardinenpredigt herbei zitiert. Der Krankenschwester wurden weitreichende Konsequenzen für den Fall angedroht, sollte sie noch einmal auf eine Aggression hin mit einer Strafanzeige reagieren. Anscheinend stören solche Gerichtsverfahren deren geschönte Krankenhausstatistik. Oder hat die oberste Führungsebene etwa Angst, selbst gesteckten Ziele zwecks Erhöhung des Jahresbonus nicht erreichen zu können. Letztes Jahr rangierte diese Uniklinik übrigen hinsichtlich der allgemeinen Patientenzufriedenheit an vorletzter Stelle im Gesamtranking dieses Landes, was vollkommen der Realität entspricht.

Meine Augen wandern etwas weiter nach hinten. Zwei Reihen hinter den beiden illustren Repräsentantinnen des Krankenhauses reißt ein Vertreter des Sanitätsdepartements indigniert den Mund auf. Ich nehme ihn in Visier.

-Señor Sie sollten wohl besser schweigen. Ihr Department hat doch vor drei Jahren die Arbeitszeitregelung derartig abgeändert, dass sie seitdem gegen Normen des europäischen Arbeitsschutzes verstoßen wird. Seither wird auf der Notfallstation in 12-Stunden-Schichten gearbeitet und dabei nicht einmal ein Springer eingesetzt. Jener eklatante Mangel bewirkt, dass Beschäftigten des Pflegedienstes selbst zusehen müssen, wann und wie sie ihr von zuhause mitgebrachtes Essen einnehmen können.

Ich werde ihm gleich noch ein paar weitere ernste Wort widmen.

-Auf der Intensivstation stand sich meine Ehefrau regelmäßig vor einer schwerwiegenden Entscheidung. Durfte sie den Patienten kurz alleine lassen, weil ihre eigene Blase zum Bersten gefüllt war. Ihre Verwaltung erlässt allgemeine Hygienevorschriften und in Realität fehlen in vielen Toiletten oft schlichtweg Seife und Papierhandtücher. Auf mehreren Etagen lassen sie Zimmertrakte schließen, woraufhin Bettlägerige auf den Gängen der Notfallstationen oft tagelange zwischengeparkt werden. Und um dem schon so überlasteten Personal die Arbeit noch etwas mehr zu erschweren, wurde eine ausländische Software eingeführt, welche die Eingaben von Daten erforderlich macht. Doch diese verfügen in Spanien über keinerlei Funktion, da hier nicht einzeln mit Krankenversicherungen abgerechnet wird. Zusätzlich fehlt eine ausreichende Anzahl an Druckern und Arbeitsstationen. Das Datennetz bricht laufend zusammen, weil in jenem kritischen Bereich am verkehrtesten Ende gespart wird.

Ich atme zunächst tief durch. Mit dieser Behörde habe ich abgeschlossen, aber die Brandrede ist damit noch lange nicht beendet.

-Ganz hinten auf der linken Seite sitzt ein umtriebiges Kleeblatt. Ich begrüße die drei direkten Vorgesetzten sämtlichen Pflegepersonals auf der Notfallstation. Ihr Faulenzer hattet eine einzige Frau als Vorgängerin, welche neben der Büroarbeit stets aktiv als Krankenschwester mit einsprang, sobald entsprechend Not am Manne war. Ihre Nachfolger verlassen das Büro am liebsten überhaupt nicht mehr. Und falls sich ein UntergebenerHilfe suchend an einen seiner Supervisoren wendet, wird so eine lästige Person in aller Regel mit der stereotypen Antwort abgespeist, gefälligst selbst zuzusehen, ob das Problem nicht ohne deren Hilfe gelöst werden könne. Müssen wichtige Informationen dem gesamten Krankenpflegedienst weitervermittelt werden, erfolgen jene Mitteilungen in aller Regel per E-Mail. Die Untergebene sollen diese Neuigkeiten in ihrer Freizeit lesen. Und steht eine wirklich unvermeidliche Weiterbildungsmaßnahme an, wird diese Veranstaltung nur ein einziges Mal durchgeführt. Nach einer kraftraubenden 12-Stunden-Schicht muss das Personal der Nachtschicht noch eine weitere Stunde im Spital verbringen. Und natürlich hat die Belegschaft der Freischicht ebenfalls aufkreuzen. Und alle, welchen den Arbeitsplatz nicht verlassen können, sollen sich später bei den Kollegen informieren. Anstatt eine derart wichtige Veranstaltung mehrmals durchzuführen, zieht es die drei Vorgesetzten lieber ins Büro, um dort ungestört im Internet zu googeln.

Falls jemand in der Trauergemeinde der Ansicht unterliegt, dass es verbalen Attacken nun genug sei, werde ich diejenigen Personen eines Besseren belehren.

-Meinen anfänglich leichtfertig ausgesprochener Dank für das allgemeine Erscheinen gilt ebenfalls nicht für einige der anwesenden Krankenschwestern und Krankenpfleger. Diese haben sich nämlich der Führungslosigkeit und fehlenden Kontrolle zum eigenen Vorteil hin bestens angepasst. Gemäß allgemeinem Reglement muss sich das Pflegepersonal immer gegenseitig unterstützen, falls in einem Sektor wenig Arbeit anfällt. Diesbezüglich sind mir vollkommen entgegenlaufende Beispiele bekannt. Sobald der letzte Patient aus der Intensivpflege verlegt ist, ruht sich die eine oder andere Krankenschwester auf einem der Betten aus, während derweilen die Anzahl neu eingelieferter Patienten die Triageabteilung zum Kollabieren bringt, und jede zusätzliche Hand dringend benötigt wird. Einige von Euch beschäftigen sich auch gerne mit zwei Fragen. Wie können lästige Arbeiten bis zum Eintreffen der nächsten Schicht hinausgeschoben werden, und wohin verdrückt man sich am besten, um ungestört eine Whats Ups lesen zu können? Es klingt für Außenstehende bestimmt unglaublich, aber diese egoistische Art der Arbeitsauffassung birgt keinerlei Gefahr hinsichtlich persönlicher Konsequenzen. Und der weiterhin stets verantwortungsvoll arbeitende, kollegiale Teil des Personals, zu welchem meine Ehefrau gehörte, stemmt derweilen sämtliche Mehrarbeit, bis es nicht mehr zum Aushalten ist!

Meine Augen suchen nach weiteren Person, aber aus jener Abteilung ist leider kein Vertreter zugegen. Deren Absenz hindert mich nicht jedoch daran, ebenfalls mit dieser Stabsstelle abzurechnen.

-In diesem Spital existiert eine Abteilung für Präventivmedizin, aber keiner dieser Ärzte wurde jemals leibhaftig auf der Notfallstation gesichtet. Personalärzte sollten aber aktiv werden, bevor eine Krankenschwester einen Burn-out erleidet. In Realität stellen deren Kommunikations- und Hilfsangebote lediglich eine Fata Morgana dar. In diesem Krankenhaus geschieht schlicht nichts zum Wohl des eigenen Personals!

Mehrere Personen wollen mich daraufhin unterbrechen, aber sich setze meine Anklage unbeeindruckt fort.

-Meine geliebte Ehefrau litt seit längerer Zeit unter all diesen desaströsen Zuständen. Ein Überwechseln in ein anderes Krankenhaus oder ein Gesundheitszentrum ist aus uns allen bekannten Gründen in diesem elenden Bürokratenstaat jedoch nicht möglich. Und sich alternativ intern versetzen zu lassen, die Option wurde dem Personal jahrelang vorenthalten. Und seitdem die Stellenbörse eingerichtet wurde, werden in aller Regel nur jene Posten ausgeschrieben, welche wegen ihrer Unbeliebtheit einfach nicht unter der Hand besetzt werden können.

Ich habe mich dermaßen in Rage geredet, dass es mir schnurzegal erscheint, dass sich die Besucherreihen vor mir lichten. Am Ausgang des Saales herrscht schon leichtes Gedränge und aus jener Richtung schwirren mir feindlich gesinnte Wortfetzen entgegen. Jene Beschimpfungen können mich aber nicht stoppen. Noch haben nicht alle ihr verdientes Fett abbekommen. Und deshalb deutet meine rechte Hand auf vier nebeneinandersitzende Personen.

-Mitarbeitern auf der Notfallstation hilft die Fürsorge der eigenen Familie, um berufsbedingten Stress besser zu verarbeiten, aber diese Unterstützung war meiner Pepa niemals vergönnt. Bereits im Alter von acht Jahren wünschte sie sich geradezu sehnlich herbei, dass ihre Eltern sterben mögen, um von einer Tante adoptiert zu werden. Zu jener Zeit sah sie sich häufig dazu gezwungen, sich tapfer zwischen ihre Erzeuger zu stellen, wenn deren häusliche Gewaltausbrüche einfach nicht länger zu ertragen waren. Sie versuchte ebenfalls, zumeist jedoch vergeblich, ihre drei jüngeren Geschwister vor ungerechtfertigten körperlichen Züchtigungen zu beschützen, und bekam dabei selbst arge Hiebe ab. Und was wurde inzwischen aus ihren Geschwistern? Die beiden männlichen Erbfolger haben sich auf unterschiedliche Art in nahezu identische Abbilder der Eltern entwickelt.

Vier Augenpaare aus meiner angeheirateten Familie schleudern mir Hass erfüllte Blicke entgegen. Na und …

-Señor, das ist der Haupteingang des Kommissariats.

Ich öffne verdutzt die Augen. Die Vision einer Bestattungsfeier hat mich völlig aus der Gegenwart entrissen. Hoffnung und rationales Denken vermischen sich deswegen miteinander. Pepa ist keine Schwätzerin, sie realisiert ihre Vorhaben auch in aller Regel. Deswegen darf ich aber keinesfalls die Hoffnung aufgeben! Vielleicht wurde sie bereits von einer Polizeistreife angehalten? Der Taxifahrer streckt mir die Hand entgegen. Klar er will schlIesslich für seine Dienstleistung bezahlt werden. Ich ziehe einen Zehneuroschein aus der Geldbörse hervor.

-Der Rest ist Trinkgeld.

16.50 Uhr. Die Eingangstür ist überraschenderweise fest verschlossen und ich rüttle vergeblich am Griff. Hinter mir taucht ein Fremder auf, welcher ebenfalls irritiert dreinblickt. Wir sind uns darüber einig, dass der wichtige Polizeiposten auch sonntags geöffnet sein müsse! Der Unbekannte deutet auf einen Klingelknopf knapp unterhalb des Briefkastens. Kurz darauf öffnet uns ein Uniformierter die Tür und wir erfahren, dass an Sonn- und Feiertagen der Zutritt ausschließlich über den Nebeneingang auf der Rückseite des Gebäudes erfolge. Zwei Minuten später warten wir vor einem Stehpult darauf, dass der diensttuende Beamte sein Telefongespräch beendet. Dann geht alles recht schnell voran.

-Gehören Sie zusammen?

Ich verneine sofort.

-Ich komme wegen der Vermisstenmeldung meiner Frau. Ich soll hier ein aktuelles Foto von ihr abgeben.

Mein kahlköpfiger Begleiter will einen Wohnungseinbruch zur Anzeige bringen. Seinem Fall nimmt sich der Polizist sogleich selbst an. Für Suizide sei der erfahrenere Kollege im Büro direkt hinter der Theke zuständig. Ich soll sofort eintreten, ein Anklopfen sei unnötig.

Von jenem Uniformierten erfahre ich, dass hm noch keinerlei Ergebnis hinsichtlich der Suche nach meiner Frau vorliege. Der Sargent kommentiert diese Nachricht recht zweckoptimistisch. Das sei schliesslich eine positive Meldung, somit scheine die Gesuchte noch zu leben. Ich bringe dieser Schlussfolgerung reichlich Skepsis entgegen. Pepa ist beileibe keine Schwätzerin. Ihr Lebensmotto lautet: Was Du heute kannst besorgen ... Ich lege ihr Porträtfoto auf den Besuchertisch, doch Polizist sieht sich die Fotografie zunächst nicht an und spannt stattdessen ein Formular in der Schreibmaschine ein. Diese bürokratische Vorgehensweise erscheint geradezu irreal. Hat denn das Computerzeitalter noch nicht im Justiz- und Polizeiwesen seinen Einzug gehalten? Zu diesem wohl berechtigten Gedankengang vernehme ich parallel eine erste Frage.

-Halten Sie es für möglich, dass Ihnen ihre Frau lediglich nur etwas Angst einjagen möchte? Hatten sie beide heute eine Auseinandersetzung?

-Im eigentlichen Sinn des Wortes lautet die Antwort eindeutig Nein. Aber auf einen wohlgemeinten Ratschlag hin reagierte sie geradezu hysterisch. Rotz und Tränen verbreitend sank sie im Badezimmer förmlich zu Boden, obwohl ich ihr nur helfen wollte.

-Ich verstehe beim besten Willen nicht, was sie mir mittels dieser recht eigenartigen Beschreibung eigentlich mitteilen zu gedenken?

-Heute ist ihr letzter freier Tag, und morgen früh muss sie eine neue Zwölfstundenschicht auf der Notfallstation antreten. Aus jenem triftigen Grund habe ich sie heute auch Morgen mit völlig verheultem Gesicht auf dem Balkon angetroffen. Die Ursache stellen unmenschliche Arbeitsbedingungen im Krankenhaus dar. Deswegen umarmte ich meine Frau und schlug dabei vor, den sonnigen Tag am Strand zu verbringen. Zu meiner Überraschung stimmte sie dem Vorschlag auch zu. Die meiste Zeit schlief sie im Sand und zog sich trotz der ungewöhnlichen Wärme dabei nicht aus. Zudem vermied sie jegliche Konversation mit Leuten, welche wir dort vom Sehen her kennen. Am frühen Nachmittag überkam sie ein Hungergefühl. In einer neu eröffneten Vinothek verzehrten wir zu einem Glas Rotwein etwas Schinken. Pepa blühte richtiggehend auf, wir lachten und scherzten mit dem Kellner. Doch als sie es sich später auf der Couch bequem machen wollte, verwandelte sich ihr Gesichtsausdruck in reinstes Elend. Ich versuchte vergebens, sie an die letzten Stunden zu erinnern, aber meine Frau befand sich bereits geistig am Arbeitsplatz. Und deshalb versuchte ich klar zu machen, die Freizeit besser zum Entspannen und Ausruhen zu benutzen. Daraufhin bekam ich zu hören, keine Ahnung vom wahren Leben zu haben, und darüber hinaus wisse ich nichts über ihre unendliche Leidensgeschichte, welche ihr Leben seit einem Jahrzehnt ruiniere. Ich probierte, sie daran zu erinnern, dass sie auch glückliche Momente verlebt haben müsse, und dorthin sollte sie in ihren Gedanken öfters zurückkehren. Und diesem Argument schob ich noch die Notwendigkeit nach, im Gehirn nicht ausschließlich nur positive Erlebnisse zu löschen und sich somit zwanghaft an alles Negative zurückzuerinnern. Normalerweise funktioniere dieser Vorgang genau umgekehrt. Unter Tränen antwortete sie darauf nun, ich hätte ja gut reden.

Der Polizeibeamte seufzt lediglich und fängt an, sämtliche Daten aufzunehmen, welche der Behörde seit Beginn der Suchaktion weitgehend vorliegen. Um jenen Verwaltungsakt käme man nicht herum, jede telefonisch eingegangene Alarmmeldung benötige ihre eigene Akte. Der Polizist tippt daher bedächtig mit beiden Zeigefingern und dazu auch noch im Zeitlupentempo die notwendigen Personaldaten in dafür vorgesehene Stellen des Formblattes. Mir laufen derweilen die Tränen die Wangen hinunter. Wie soll ich nun alleine weiterleben? Zwischendurch beantworte ich wie in Trance weitere Fragen fürs Protokoll. Auf einmal erscheint es mir, als ob die Tastatur einen Trauertakt dazu anzustimmen versuche. Der Rufton eines Handys unterbricht den administrativen Verwaltungsakt. Zunächst bin ich mir nicht bewusst, dass jene störenden Rufzeichen aus meiner Hosentasche hallen. Der deswegen bereits leicht ungeduldig wirkende Blick des Polizeibeamten veranlasst mich, das Mobiltelefon hervorzuziehen. Ich traue meinen Augen nicht. Auf dem Display erscheint als Anrufer der Text: eigene Wohnung. Mir wird leicht schwindlig, als ich das Gespräch entgegennehme.

-Pepa bist Du es wirklich?

Das Klappern der Tastatur verstummt augenblicklich und der Polizist konzentriert sich auf das Gespräch.

-...aber Du musst dich doch für nichts entschuldigen. Ich bin so unendlich froh und erleichtert ...

Der Beamte macht mir eine Geste, welche ich sofort verstehe.

-Einen Moment. Ein Polizeibeamter möchte mit Dir sprechen. Ja ich befinde mich auf dem Hauptkommissariat.

Ich lege das Mobiltelefon in die mir entgegengestreckte Hand. Danach bekommt ich nicht mit, was der Polizist eigentlich von meiner Ehefrau erfahren möchte. In jenen Sekunden fühle ich mich einfach nur glücklich und unendlich erleichtert. Pepa hat die Ankündigung tatsächlich nicht wahr gemacht! Eine Stimme mischt sich in dieses Glücksgefühl.

-Ihre Frau will mit Ihnen reden.

-Bitte komme ganz schnell zu mir!

Und nach dieser Bitte renne ich einfach los. Kurz darauf hebe ich die Hand.

-Taxi!

Auf ungefährt halber Fahrstrecke klingelt das Handy erneut. Die Nummer ist nicht gespeichert, etwas zögerlich drücke ich auf die Empfangstaste. Es handelt sich um den verantwortlichen Arzt des Wochenenddienstes der Notfallstation.

-Deine Frau hat mich gerade angerufen, um mir mitzuteilen, dass ich für die nächste Tagesschicht eine Stellvertretung für sie aufbieten müsse. Und Pepa mir offen und ehrlich den Grund dafür verraten. Du musst während der letzten Stunden deshalb ebenfalls gewaltig gelitten haben. Kann ich Dir irgendwie helfen?

-Ja, Pepa muss umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Ich will nicht riskieren, dass sie in der Nacht vom Balkon springt.

-Du hast vollkommen recht. In ihrem derzeitigen Zustand kann aber nur ein Psychiater weiterhelfen.

-Genau diese Tatsache habe ich ihr in den letzten Wochen mehrmals vergeblich klarzumachen versucht.

-Jetzt ist aber eine völlig neue Situation eingetreten. Rede noch einmal vorsichtig mir ihr darüber. Falls sie nicht darauf eingehen will, rufst Du mich sofort an. In diesem Fall schicke ich unverzüglich ein Ambulanzfahrzeug los. Aber besser wäre es natürlich schon, wenn sie sich freiwillig zur psychiatrischen Notfallstation begäbe.

-Danke für das Angebot, ich werde gleich mein Bestes versuchen. Tausend Dank für den Anruf.

17.35 Uhr. Der Taxifahrer schaut verlegen in den Rückspiegel und ich bemerke einen mitfühlenden Blick. Warum soll ich dem einfühlsamen Mann nicht mitteilen, dass soeben ein angekündigter Suizidversuch einen positiven Ausgang genommen hat. Meine nachfolgenden Worte befreien die Seele von einer drückenden Last. Kurz nach dem Resümee hält das Taxi an und der Fahrer drückt mir beide Daumen,

-Ich wünsche Euch beiden alles Gute für die weitere Zukunft.

Zusammen mit diesem ehrlich gemeinten Wunsch drückt er mir das Wechselgeld in die Hand.

17.45 Uhr. Wir verweilen einige Minuten lang unbeweglich und dazu eng umschlungen direkt hinter dem Wohnungseingang, und verlieren dabei nicht ein einziges Wort. Meine Nase nimmt markant Alkoholgeruch wahr. Nachdem wir uns voneinander gelöst haben, blicke ich in ein verheultes Gesicht, welches leicht aufgedunsen wirkt. In diesem Augenblick gesellt sich noch ein weiterer Geruch hinzu. Unter den Achseln ihres gelben Pullovers befinden sich große schweißgetränkte Verfärbungen. Endlich öffnet sie den Mund.

-Ich konnte Dir einfach nicht antun, was ich selbst schon so qualvoll erleiden musste. Einzig deswegen liege ich jetzt nicht leblos auf dem Waldboden. Kannst Du mir verzeihen?

Man kann lediglich Taten verzeihen, welche einem andere Personen auch bewusst zufügen. Ich nicke und streichle ihre linke Wange.

-Du brauchst umgehend professionelle Hilfe, und zwar von einer kompetenten Person. Dafür sind ausschließlich Psychiater zuständig. Bitte lasse uns direkt zur Notfallaufnahme fahren.

Pepa runzelt die Stirn und schiebt mich langsam von sich weg. Dann suchen ihre feuchten Augen direkten Blickkontakt und sie nickt zögerlich.

-Aber wir suchen dazu das andere Spital auf!

18.20 Uhr. Hospital Insular

-Halt Señor! Sie dürfen die Wartezone nicht betreten! Das ist ausschließlich den Begleitern von Kindern und hochbetagten Senioren gestattet.

Nach diesem völlig korrekten Hinweis flüstere ich dem Krankenpfleger zu, dass noch eine weitere Ausnahme existiere. Ich habe die 112 der Notfallorganisation anrufen müssen, weil sich meine Ehefrau umbringen wollte. Daraufhin wickelt er mir umgehend das offizielle Begleiterarmband ums Handgelenk. In der ambulanten Wartezone scheinen zunächst sämtliche Plastikstühle belegt zu sein, doch in der äußersten Ecke finden wir zwei nebeneinanderstehende Sitzgelegenheiten. Pepa lehnt den Kopf gegen meine Schulter und ich halte ihre linke Hand fest umklammert. Nach kurzer Wartezeit wird ihr Name schon aufgerufen. Ein anscheinend länger wartender Patient reagiert ungehalten. Wieso die Señora vor ihm drankomme? Er warte bereits geschlagene zwei Stunden. Ein korpulenter Arzt antwortet nicht darauf und deutet lediglich mit einem Anzeichen der Resignation auf ein Schild, welches für alle gut sichtbar an der Wand angebracht ist. ‚Die Reihenfolge einer Behandlung hängt einzig und allein von der Schwere der jeweiligen Erkrankung ab.‘

Zunächst überreiche ich dem Arzt das kurze Abschiedsschreiben und danach berichte ich ihm in kurzen, leicht abgehackten Sätzen über die nervenaufreibenden Geschehnisse der letzten Stunden. Als der Doktor erfährt, dass es sich um eine Krankenschwester der Notfallstation des anderen Krankenhauses handelt, drücken seine Gesichtszüge einiges Verständnis für deren psychische Notlage aus. Während der Aufnahme der allgemeinen Anamnese gibt er zu verstehen, dass der Zustand der Patientin eindeutig einen Fall für den diensthabenden Psychiaterkollegen darstelle, zuvor müsse allerdings eine allgemeine Voruntersuchung durchgeführt werden. Der Oberarzt stellt Pepa weitere Fragen und füllt im Anschluss das Überweisungsformular für den Berufskollegen aus. Zum Schluss bittet er uns, zunächst wieder im Wartezimmer die Plätze einzunehmen. Die Patientin werde als Nächstes für eine Blutanalyse aufgerufen. Nach ungefähr einer halben Stunde kommt Pepa an die Reihe, beide Glasampullen füllen sich rasch mit Blut. Als Krankenschwester weiß sie, dass die Gefäße mittels Rohrpost zum Spitallabor versendet werden. Bis von kein Resultat vorliegt, bleibt uns nichts anderes übrig, als geduldig zu warten.

Die Stunden ziehen sich dahin. Neue Patienten treffen ein, werden aufgerufen, betreten das Erstkonsultationszimmer. Im Anschluss werden sie geröntgt, verbunden, gegipst, genäht … und verlassen in aller Regel den ambulanten Teil der Notfallstation. Während dieser Wartezeit öffnet sich die automatische Tür und jedes Mal sehen wir erneut Blaulichter der Ambulanzfahrzeuge und eifrig davor umher eilendes medizinisches Hilfspersonal, welches neu eingelieferte Patienten auf Bahren oder Rollstühlen transportiert. An zweiten Tag nach dem Weihnachtsfest scheint das Eintreffen der Schwerkranken einfach nicht abebben zu wollen.

Unter den Patienten, welche nicht im Krankenwagen eingeliefert werden und sich somit auf einen der Stühle setzen können, befinden sich sämtliche Typen, mit denen meine Frau während der letzten sechszehn Jahre beruflich zu tun hatte. Am unangenehmsten fällt jener Menschenschlag auf, welcher sich mittels Drogen oder Alkoholmissbrauch zunächst selbst in eine Notlage bringt, und anschließend in der Notfallstation glaubt, auf aggressive Weise eine sofortige Linderung des Leidens einzufordern zu dürfen. Diese Patientengattung zahlt in aller Regel keinen einzigen Euro als Sozialabgabe ins staatliche Gesundheitswesen ein, aber derartige Sozialparasiten pochen am lautesten auf ihnen scheinbar vorenthaltene Rechte. Zwei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes müssen im Laufe der Nacht gleich zweimal solche Leute massiv in ihre Schranken verweisen.

Das Handy vibriert. Ich verlasse das Gebäude, bevor ich das Gespräch entgegennehme. Die Mitarbeiterin der telefonischen Notfallzentrale erkundigt sich nach dem aktuellen Zustand meiner Ehefrau. Als ich meiner Anruferin mitteile, dass Pepa gerade auf den Psychiater wartet, drückt sie ihre Zufriedenheit über diese positive Wendung aus. Ich kehre noch nicht in die Wartezone zurück. Zunächst will ich den ärztlichen Leiter des Sonntagsdienstes im Krankenhaus am anderen Ende der Stadt telefonisch über die aktuelle Lage informieren. Der Arzt sagt mir nochmals jegliche Unterstützung zu. Obwohl mir viel eher nach einem ausgiebigen Spaziergang in der Dunkelheit zumute ist, begebe ich mich wieder in die Wartezone.

01.58 Uhr. Ein rascher Blick auf die Uhr offenbart, es ist bereits kurz vor 2 Uhr. Seit einiger Zeit weiß nicht mehr, welche alternative Sitzposition ich sonst ausprobieren könnte, um ein Einschlafen diverser Körperteile zu verhindern. Und meine aktuelle Sitzhaltung wurde inzwischen noch ungemütlicher, seitdem der Kopf meiner Frau auf meinem rechten Oberschenkel ruht. Ich bin froh, gleichmäßige Atemzüge verraten, dass Pepa sich im Augenblick in einer oberflächigen Schlafphase befindet. Kurz darauf schrickt sie durch eigene Schnarchgeräusche zusammen. Sie öffnet die Augen. Nach kurzer Zwiesprache klopft Pepa vorsichtig an der Tür des Arztes an, welcher sich ihr vor etlichen Stunden angenommen hat. Eine Minute später verlässt sie mit einem betrübten Gesichtsausdruck den Raum. Eigentlich hätte sie es ja selbst wissen müssen. Psychiater auf der Notfallstation nehmen erst die Arbeit auf, wenn der Alkoholspiegel eines Patienten praktisch auf den Nullpunkt abgesunken ist. Bei ihr wird es somit noch etwas dauern. Meine Ehefrau hatte sich Mut für einen Suizid mithilfe von reichlich Wodka angetrunken.

04.30 Uhr. Der diensttuende Psychiater bittet die einzig verbliebene Patientin ins Konsultationszimmer. Und ich laufe die nächste knappe Stunde wie ein verhaltensgestörter Löwe hinter Gittern auf und ab. Ich störe niemanden, zwischenzeitlich ist der ambulante Trakt der Notfallstation menschenleer.

05.45 Uhr. Wir verlassen das Krankenhaus und im Osten der Insel zeichnet sich bereits eine deutliche Aufhellung am Nachthimmel über dem Atlantik ab. Das geschäftige Leben einer Stadt beginnt erneut.

06.02 Uhr. Der Taxifahrer lauscht den Worten eines Nachrichtensprechers und Pepa flüstert mir dabei etwas ins Ohr. Sie beabsichtige gegenüber anderen Personen keinerlei Geheimnis daraus machen, dass sie unter einer schweren Depression leide. Doch der von ihr am Vortag als einzige Lösung in Betracht kommende Ausweg, sich mittels Suizid ihres Leidensdruckes zu entziehen, jene Überreaktion müsse geheim bleiben. Ich nicke verständnisvoll und presse weiterhin ihre Hand gegen meine Brust. In unserer Wohnung stelle ich lieber den Wecker, weil wir ihre Ärztin unbedingt noch während der Morgensprechstunde im nahe gelegenen Gesundheitszentrum aufsuchen müssen. Einzig diese Allgemeinmedizinerin darf das Rezept für Antidepressiva ausstellen, außerdem muss sie die offizielle Krankschreibung veranlassen.

09.50 Uhr. Nach einer viel zu kurzen und unruhigen Schlafphase erwache ich von selbst. Mir gehen einfach zu viele Dinge auf einmal durch den Kopf. Kurz vor 11 Uhr bereite ich das Frühstück vor und wecke meine Frau damit sanft auf.

11.40 Uhr. Wir sitzen schweigend vor dem Konsultationszimmer. Im Spiegel des Fensterglases wirken unsere Gesichter blass und übernächtigt. Dieser ungewöhnliche Zustand fällt der Ärztin sofort auf, als sie die Tür öffnet. Sie will wartenden Patienten die weitere Reihenfolge bekannt geben. Ich erhebe mich rasch und zeige ihr diskret das Schreiben des Psychiaters. Sie nickt bedächtig und bittet mich, nun direkt beim Anmeldeschalter vorzusprechen. Als ich einer Administrationshilfskraft die Krankenversicherungskarte meiner Frau vorlege, hat die Angestellte bereits einen internen Anruf unserer Ärztin erhalten. Der neue Fall wird umgehend im EDV-System eröffnet. Bei schwerwiegenden Fällen werden Patienten ohne Termin ausnahmsweise in die Tagesroutine der Ärzte eingeschoben.

12.11 Uhr. Unsere Ärztin, sie feiert in Kürze ihren 40. Geburtstag, studiert zuerst eingehend den Bericht des Psychiaters, und im Anschluss bittet sie mich um eine Zusammenfassung sämtlicher Ereignisse des Vortages. Mir gelingt es dabei einfach nicht die Tränen zurückhalten, als ich die Geschehnisse der zweiten Tageshälfte im Gedächtnis abrufe. Während der Rekapitulation blickt meine Ehefrau geistig abwesend wirkend starr auf den Fußboden. Am Ende hebt Pepa den Kopf leicht fragend an. Diese Mimik scheint geradezu die Frage in den Raum zu stellen, über wen gerade gesprochen wird? Ihre passive, fast abweisend wirkende Haltung verändert sich schlagartig, als die Ärztin anfängt, die Wirkungsweise und mögliche Nebenwirkungen von Pristiq zu erläutern. Das Medikament hat irgendeinen Chip in ihrem Gehirn aktiviert, denn mit einem Mal argumentiert Pepa logisch und auf Fachwissen basierend. Es handelt sich um einen Automatismus, welcher auf ihre langjährige Erfahrung als diplomierte Krankenschwester zurückzuführen ist. Der allgemeine Dienstplan erfordert regelmäßige Einsätze auf der psychiatrischen Notfallstation. Der Gesichtsausdruck meiner Gattin hellt sich auf, als ihr die Ärztin freistellt, die Krankmeldungen während der nächsten Wochen abzuholen oder mich dafür zu beauftragen. Keinesfalls soll sie diese Papiere während der ersten Zeit selbst im Personalbüro des Krankenhauses abgeben. Der bloße Anblick jenes Gebäudes könne ihrer angeschlagenen Psyche noch weiteren Schaden zufügen. Die Allgemeinmedizinerin verabschiedet sich von ihrer Patientin mit einer innigen Umarmung, und offenbart mit gedämpfter Stimme, selbst schon einmal wegen des Berufsstresses bis hart an die Grenze psychischer Belastung gestoßen zu sein.

Erste Bewährungsproben unter der Wirkung von Antidepressiva

31. Dezember. Von Gesetz wegen muss die erste Krankmeldung nach drei Tagen verlängert werden, und somit suche die Sprechstunde auf. Im Anschluss dehnt sich die Gültigkeitsperiode auf jeweils eine Woche aus. Ich bin heilfroh, alleine mit der Ärztin über den aktuellen Zustand von Pepa sprechen zu können. Unser Zusammenleben hat sich während der letzten Monate verkompliziert. Außerdem benötige ich dringend eine fundierte Anleitung hinsichtlich einer adäquaten Verhaltensweise gegenüber meiner an der Psyche erkrankten Lebensgefährtin.

Zunächst erfahre ich, dass der anstehende Genesungsvorgang sich mindestens über ein Jahr erstrecken werde, oder sogar einen bedeutend längeren Zeitraum in Anspruch nehme. Daraufhin möchte ich wisenn, wann ich damit beginnen solle, meine Ehefrau wieder an einen geregelteren Tagesrhythmus heranführen? Die Ärztin hinterfragt, was ich darunter genau verstünde. Pepa wacht nicht erst seit den letzten drei Tagen recht spät am Vormittag auf. Seit Wochen lehnt sie ein Frühstück ab, weil sie kein Hungergefühl verspüre, nach dem Aufsuchen der Toilette kehrt sie am liebsten wieder ins Bett zurück. Meine Ehefrau hat mittlerweile die Ernährungsweise komplett umgestellt. Jeden Abend verschlingt sie praktisch einen Beutel mit Cashewnusskernen, ohne tagsüber die dafür notwendige Kalorienmenge auch nur ansatzweiseverbrannt zu haben. Ich getraue mir aber nicht, ihr dazu mitzuteilen, dass der Bauch deswegen jeden Tag mehr Fett ansetzt. Soll ich weiterhin einfach darüber hinweg sehen, dass meine Ehegattin mit schöner Regelmäßigkeit vergisst, die Toilettenspülung zu betätigen und Exkremente die Luft verpesten? Pepa beklagt sich über Wolken, und wenn am nächsten Tag die Sonne scheint, will sie ebenfalls nicht das Haus verlassen. Sie hockt bis zu 14 Stunden vorm Fernsehschirm und zappt dabei nur sämtliche Senderketten hoch und runter. Manchmal scheint sie Werbung nicht von Spielfilmen unterscheiden zu können. Pepa begibt sich in die Küche, um ein Gericht aus dem Kühlschrank aufzuwärmen, danach bleibt die Kühlschranktür offen stehen. Nachdem die Herdplatte eingeschaltet ist, legt sie sich auf die Couch und nach kurzer Zeit hat sie vergessen, dass der Topf auf der Kochplatte steht. Ohne erkennbaren Grund stimmt sie langatmige Monologe über inhumane Arbeitsbedingungen im Krankenhaus an. Einer tibetischen Gebetsmühle nicht unähnlich quellen ein ums andere Mal nahezu identische Worte aus dem Mund hervor, quasi wie Erbrochenes. Ich äußere mich seit Langen nichts mehr dazu, ich habe alles mindestens schon einhundert Mal kommentiert. Stattdessen wünsche ich mir sehnlich herbei, wieder einmal gemeinsame Freunde. Oder Bekannte zu besuchen, zusammen im Atlantik zu schnorcheln, durch unsere herrliche Bergwelt zu wandern. Oder lediglich eine Mahlzeit bis zu Ende an ihrer Seite zu genießen. Selbst diese kleine Lebensfreude ist mir kaum noch vergönnt. Pepa steht während des Essens einfach auf und trägt den leeren oder vollen Teller in die Küche. Anschließend schläft sie oder verbringt weitere Stunden vor der Glotze. Auf eine hinsichtlich jener neuen Verhaltensweise vorsichtig formulierten Kritik hin erhalte ich eine barsche Rechtfertigung, wobei ihre Stimme am Ende fast unverständlich in Tränen zu ersticken droht. Letztendlich teilt sie mir dazu mit, ich hätte halt keine Ahnung darüber, wie sehr sie seit frühester Kindheit unter gesellschaftlichen Normen zu leiden hatte. Viele Monologe enden mit der extrem beunruhigenden Mitteilung, das Leben sei einfach zu öde und sie hoffe deswegen, baldmöglichst davon erlöst zu werden. Wie oft blieb ich schon nach so einer Äußerung betroffen und voller Selbstzweifel am Tisch sitzen? Kann ich realistisch überhaupt mit einer Genesung rechnen? Robbie Williams verfügte garantiert über bestmögliche medizinische Hilfe und psychologische Betreuung. Trotzdem beschloss jener allseits beliebte Schauspieler, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Die Ärztin hörte die ganze Zeit über nur zu, ohne mich einmal zu unterbrechen. Als Erstes weist sie darauf hin, dass es Wochen dauern werde, bevor das Medikament bewirken könne, die latent vorhandene Suizidabsicht meiner Ehefrau deutlich abzusenken. Und bis dahin liege es vor allem an mir, die psychisch Kranke durch den Alltag zu leiten, in gewisser Weise zu bevormunden, ohne dabei feindliche Gefühle hervorzurufen. Diese Aufgabe könne man durchaus mit einem Spagat über dem Abgrund vergleichen. Hinsichtlich meiner Aufgaben will sie ihre Patientin in der Folgewoche ausgiebig informieren.

Am Ende der Konsultation schlägt uns die Medizinerin eine vorübergehende Ortsveränderung vor. Pepa und ich sollten während einige Tage etwas Luft auf dem Land schnuppern, und möglichst ohne Fernsehgerät. Der allgemeinen Psyche würden etwas strapaziösere Wanderungen in begrünte Landschaft äußerst guttun.

9. Januar. Wir fahren die extrem kurvenreiche Straße das Fatage-Tal hinauf. In der zur Jahreszeit ergrünten Halbwüstenlandschaft im Südteil der Insel habe ich einen Bungalow in einer Finca reserviert. Inmitten deren Palmenhaines mit angegliederter Landwirtschaft, Kräutergarten und einer erstaunlichen Pflanzenvielfalt in dieser weitläufigen Gartenlandschaft findet Pepa hoffentlich die dringend benötigte Ruhe zur Entspannung.

Während der ersten Mahlzeit führen wir mit einem Türken, welcher den Lebensunterhalt seit Jahren als Kellner verdient, interessante Gespräche. Wir diskutieren über etwaige Veränderungen innerhalb unserer Gesellschaft und kommen dabei auf die Arbeitsbedingungen in Spanien zu sprechen. Dieser Hotelangestellte weist einen Universitätsabschluss auf, die spanischen Behörden erkennen seinen akademischen Titel jedoch nicht an. Deshalb musste der ehemalige Dozent für Geschichte zunächst einen Kurs an einer sogenannten Berufsakademie besuchen, um als Nachtwächter die erste Arbeitsstelle überhaupt antreten zu dürfen.

Am zweiten Tag zählt uns der gebildete Mann einige Unzulänglichkeiten inneralb der Organisation der Finca auf, nachdem wir uns über die mangelhafte Qualität des Frühstücksbuffets etwas mokiert haben. Das seit langer Zeit wohlbekannte Problem sowie andere Mängel liessen sich leicht beheben. Aber die Unternehmensführung verfügt über keine Ausbildung fürs Hotelgewerbe. Die Besitzerfamilie, stolze Kanarier, reagieren dazu auch noch stets ungehalten auf konstruktive Verbesserungsvorschläge. Das Chaos im Frühstücksraum ist mir im Grund gleichgültig. Wichtig ist nur, dass Pepa regelmäßig etwa zu sich nimmt und ausreichend lange schläft.

Zu meiner enormen Erleichterung wandert sie freiwillig an meiner Seite durch die Berglandschaft. Bei der ersten Tour präge ich mir ein, an welcher Stelle wir später auf dem weitgehend unbeschilderten Weg abbiegen müssen, um ins richtige Seitental zu gelangen. Als wir nach gut zwei Stunden jene Stelle erreichen, ist Pepa jedoch der felsenfesten Überzeugung, gerade dort nicht abbiegen zu müssen. In der Zeit vor ihrer Depression hätte ich meine Frau nur daran erinnern müssen, dass ihr Orientierungssinn im Allgemeinen zu wünschen übrig lässt. Und sie hätte darauf das Argument gelten lassen. Um sie bloß nicht aufzuregen, setzen wir die Wanderung nach ihrer Richtungsangabe fort. Nach einer Stunde ziehen leichte Nebelschwaden auf. Wir treffen zum Glück ein Ehepaar, welches zwischen bizarreren Felsformationen in einem kleinen Palmenhain in vollkommener Abgeschiedenheit lebt. Pepa fragt sie nach dem Weg. Die Antwort war mir bereits klar. Wir müssen denselben Weg zurückgehen, bis wir zu markanten Tabaibabüschen gelangen, und an der Stelle abbiegen.

Ich enthalte mich mühsam eines Kommentares. Und dabei wird mir klar, dass ich diese passive Haltung während der Folgewochen oder sogar über etliche Monate beibehalten muss, um keine feindlich gesinnte Abwehrhaltung gegenüber mir zu provozieren. Korrekturen oder berechtigte Kritik sieht meine Begleiterin als persönlichen Affront an.

12. Januar. Nach weitgehend von mir als angenehm verlebt empfundenen Erholungstagen fahren wir nach Las Palmas zurück. Ich glaube erste kleine Fortschritte im Krankheitsbild meiner Ehefrau ausmachen zu können. Eine Verhaltensweise während des Kurzurlaubs hat mich positiv überrascht. Wir durchwanderten längere Distanzen, als ich es von ihr gewohnt bin, und das stets auf ihren eigenen Wunsch hin.

15. Januar. Beim nächsten der wöchentlich stattfindenden Besuche im Gesundheitszentrum berichtet meine Ehefrau voller Stolz über ihre Wanderleistung, und am selben Tag sieht sich Pepa erstmals dazu in der Lage, die Verlängerung ihrer Krankmeldung im dafür vorgesehenen Briefkasten des Personalbüros persönlich einzuwerfen. Dabei fällt ihr Blick automatisch auf Informationen des öffentlichen Aushanges. Ihre Gesichtszüge erstarren. Aus einem Informationsblatt erfährt sie, dass die Beamtenprüfung (Oposiciones) für sämtliche nicht beamtete Krankenschwestern und Krankenpfleger auf den 31. Januar angesetzt ist.

Dabei handelt es sich zunächst um einen Multiple-Choice-Test, für welchen sämtliche Prüflinge kurzfristig ihr Gehirn mit Fragen und Antworten mästen. Im Fall des Krankenpflegeberufes umfasst der Lernstoff mehr als 4000 mögliche Themen. Diese komplexe Datenmenge entstammt drei umfangreichen Wälzern. Einige Kapitel haben sehr wenig mit der realen Arbeitswelt einer Krankenschwester zu tun. Innerhalb solcher Themenkreise wird ausschließlich administratives Stroh gedroschen. Eine Frage lautet beispielsweise: ‚Gemäß welcher Gesetzesnormative darf sich eine Krankenschwester als solche bezeichnen?‘ Ungefähr ein Drittel des gesamten Lernstoffes beschäftigt sich mit Diagnosen diverser Krankheitsbilder, obwohl die Abklärung einer Krankheit ausdrücklich nicht innerhalb des Kompetenzbereiches des Pflegepersonals angesiedelt ist. Zudem werden Fragen gestellt, deren Antworten seit dem Druck des Buches gleich mehrmals überholt wurden. Zu diesen stupiden Lerninhalten gehört der allgemeine Impfkalender für Kinder, welcher sogar innerhalb der einzelnen autonomen Provinzen abweicht.

Tränen der Verzweiflung, vereint mit unfassbarer Wut, welche mit Ungläubigkeit verbunden ist, diese bittere Gefühlskombination vermischt sich mit mir beinahe unverständlichen Worten. Pepa fasst es nicht, warum sie niemand informiert hat, als das Prüfungsdatum am 31. Dezember per Dekret der Provinzregierung veröffentlicht wurde. Ich kann ihre Rage gut nachvollziehen. Zum einen versenden ihre drei direkten Vorgesetzten mit schöner Regelmäßigkeit neue Anweisungen und Reglementänderungen per E-Mail, zum anderen bitten Kollegen und Kolleginnen ständig per SMS oder Anruf um Abtausch einer Schicht. Des Weiteren versendet der Berufsverband laufend Kursangebote per E-Mail, deren Sinn fragwürdig erscheint und trotzdem kostenpflichtig sind. Niemand hat es aber für notwendig erachtet, die arbeitsunfähig geschriebene Kollegin über den extrem wichtigen Prüfungstermin zu benachrichtigen! Sämtliche Kollegen und Kolleginnen wissen ganz genau, dass Pepa seit dem 28.12 krankgeschrieben ist, weil vom ersten Krankheitstag an eine Stellvertretung für sie aufgeboten wurde.

Das kanarische Gesundheitswesen hat meiner Ehefrau einen hundsgemeinen und hinterhältigen psychischen Tiefschlag verpasst. Anscheinend hassen sie alle auf der Notfallstation. Weil sie ihre Arbeit wirklich ernst nimmt? Ich unterstelle diese Passivität des Pflegepersonals jedoch eher rein egoistischen Gedanken. Eine Mitbewerberin weniger im Wettbewerb um eine Festanstellung. Das Nichterscheinen am Prüfungstermin zieht in aller Regel eine schwerwiegende, arbeitsrechtliche Konsequenz nach sich. Man kann den Status als unbefristete Aushilfe* verlieren.

Mit nun zwei Wochen weniger Vorbereitungszeit, dazu sämtlichen Nebenwirkungen der Antidepressiva und ihrer allgemein schlechten, psychischen Gesamtverfassung verfügt meine Frau meiner Ansicht nach über keinerlei Chance, den anstehenden Test mit einer nur halbwegs guten Note abzuschließen. Und das daraus resultierende Manko, weiterhin nicht in den Beamtenstatus übernommen zu werden, bedeutet gleichzeitig,an keinen anderen Arbeitsplatz innerhalb des öffentlichen Gesundheitswesens überwechseln zu können. Ich weiß nicht, ob Pepa der pessimistische Gedankengang ebenfalls durch den Kopf geht?

*1997schloss meine Ehefrau ihr Krankenschwesterstudium ab. Mit dem Diplom hätte sie in etlichen Staaten der Europäischen Gemeinschaft nach der Probezeit eine Festanstellung erhalten. Doch wie es in Spanien halt üblich ist, bewarb sie sich stattdessen in den Personalbüros verschiedener Institutionen innerhalb des kanarischen Gesundheitswesens. Neulingen werden grundsätzlich nur Aushilfsstellen angeboten. Pepa begann als Urlaubsvertretung, arbeitete im Anschluss zwei Monate als Krankheitsvertretung … bis sie Anfang 2000 zumindest eine auf ein ganzes Jahr befristete Stelle auf der Notfallstation der Universitätsklinik erhielt. Da sich die allgemeine Begeisterung dafür, in allervorderster Reihe dieses Schlachtfeldes eines Krankenhauses zu arbeiten, doch sehr in Grenzen hält, trotz hoher Arbeitslosigkeit, wurde ihr Anstellungsverhältnis mehrmals um ein weiteres Jahr verlängert, bis sie Mitte 2005 ins unbefristete Arbeitsverhältnis für die Notfallstation überwechselte. Bei dieser Vertragsart muss der jeweilige Stelleninhaber lediglich den Arbeitsplatz räumen, falls eine neu verbeamtete Krankenschwester dieselbe Stelle beanspruchen sollt. Da auf den Kanarischen Inseln aber letztmalig 2003 ‚Oposiciones‘ durchgeführt wurden und sich im Anschluss niemand für ihren Arbeitsplatz gemeldet hatte, bestand keinerlei Gefahr, auf der Notfallstation arbeitslos zu werden.

16. Januar – 30. Januar. Jedes Mal, wenn meine Frau den Balkon zum Rauchen aufsucht, überkommt mich ein begründetes Angstgefühl. Stürzt sie sich in schierer Verzweiflung über ihre berufliche Perspektivlosigkeit in die Tiefe? Theoretisch muss Pepa noch 16 Jahre arbeiten! Ich versuche, meiner Ehefrau die Existenz- und gleichzeitige Zukunftsangst dadurch zu nehmen, indem ich ihr eine Alternative dazu aufzeige. Wenn wir die nächsten vier Jahre bescheiden leben und keine unabsehbare, größere Ausgabe auf uns zukommt, können wir diese Zeitspanne dank unserer Ersparnisse überbrücken, bis meine erste Rentenüberweisung auf dem Bankkonto eintrifft.

- Ende der Buchvorschau -