Vier Signoras und ein Todesfall - Giulia di Fano - E-Book
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Vier Signoras und ein Todesfall E-Book

Giulia di Fano

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Beschreibung

Vorsicht vor dem Krimi-Leseclub aus Rimini! Humorvolle Spannung und eine große Portion Urlaubsflair bietet der Rimini-Krimi »Vier Signoras und ein Todesfall«, der Auftakt von Giulia di Fanos Urlaubskrimi-Reihe rund um die Halb-Italienerin und Profilerin Anna Kristina Antonelli und ihre drei patenten Freundinnen vom Krimi-Leseclub. Als Annas Vater in seinem Restaurant in Rimini stirbt, stolpert die Profilerin mitten in ihren ganz eigenen Mordfall: Plötzlich ist da eine Tasche mit unerhört viel Geld und am Morgen nach der Beerdigung treibt eine Leiche in ihrem Swimmingpool – ausgerechnet ihr Nachbar aus Berlin! Den kennt sie aber kaum und einen Grund, ihn umzubringen, hat sie schon gar nicht – nur glaubt ihr das natürlich niemand. Zum Glück kann sie auf die Unterstützung ihrer drei besten Freundinnen vom Krimi-Leseclub setzen. Die haben nämlich neben Witz, Charme und Schneid auch dank ihrer Leseleidenschaft das detektivische Know-How, um jeden Fall zu lösen und ihrer Freundin aus dem Schlamassel zu helfen … Wäre da nicht ein gewisser verliebter Commissario, der Anna nicht aus den Augen lässt. Mit dem 1. Teil ihrer humorvollen Rimini-Krimireihe hat Giulia di Fano die perfekte Urlaubs-Lektüre für alle geschrieben, die Italien lieben, und von spannenden Krimis in traumhafter Urlaubs-Kulisse nicht genug kriegen können.

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Giulia di Fano

Vier Signoras und ein Todesfall

Ein Rimini-Krimi

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Vorsicht vor dem Krimi-Leseclub aus Rimini!

 

Humorvolle Spannung und eine große Portion Urlaubsflair bietet der Rimini-Krimi »Vier Signoras und ein Todesfall«, der Auftakt von Giulia di Fanos Urlaubskrimi-Reihe rund um die Halbitalienerin und Profilerin Anna Kristina Antonelli und ihre drei patenten Freundinnen vom Krimi-Leseclub.

Als Annas Vater in seinem Restaurant in Rimini stirbt, stolpert die Profilerin mitten in ihren ganz eigenen Mordfall: Plötzlich ist da eine Tasche mit unerhört viel Geld und am Morgen nach der Beerdigung treibt eine Leiche in ihrem Swimmingpool – ausgerechnet ihr Nachbar aus Berlin! Den kennt sie aber kaum und einen Grund, ihn umzubringen, hat sie schon gar nicht – nur glaubt ihr das natürlich niemand. Zum Glück kann sie auf die Unterstützung ihrer drei besten Freundinnen vom Krimi-Leseclub setzen. Die haben nämlich neben Witz, Charme und Schneid auch dank ihrer Leseleidenschaft das detektivische Know-How, um jeden Fall zu lösen und ihrer Freundin aus dem Schlamassel zu helfen … Wäre da nicht ein gewisser verliebter Commissario, der Anna nicht aus den Augen lässt.

 

Mit dem 1. Teil ihrer humorvollen Rimini-Krimireihe hat Giulia di Fano die perfekte Urlaubs-Lektüre für alle geschrieben, die Italien lieben, und von spannenden Krimis in traumhafter Urlaubs-Kulisse nicht genug kriegen können.

Inhaltsübersicht

Vorspiel

Erstes Buch

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

Zweites Buch

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

Drittes Buch

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

Epilog

Danksagungen

Vorspiel

Als Anna die schweren Fensterläden aufstieß, breitete sich die Hügellandschaft der Marken wie ein bunter, vielfach geflickter Teppich vor ihr aus. Die drei altehrwürdigen Zypressen standen als schwarze Schatten vor dem endlosen Blau des Himmels, von der Wiese unter den Olivenbäumen roch es nach dem am Vortag gemähten Gras, das Gewürzbeet direkt unter dem Fenster verströmte den Duft nach Rosmarin, Thymian, Lavendel. Aus dem Tal, von Isola di Fano her, hörte sie ein Moped knattern, gleich darauf trug der Wind entfernte Musik zu ihr herauf. Wahrscheinlich hat Gino gerade sein Bistro geöffnet, dachte sie, es ist Sonntag, da treffen sie sich nach der Kirche alle bei ihm. Und er wird noch ein paar Sätze mit den ersten Gästen wechseln, bevor Emilia mit der unvermeidlichen Zigarette im Mundwinkel die Espressomaschine übernimmt und er in seinen Lieferwagen steigt, um zu mir auf den Hügel zu kommen und seine Sachen einzuladen.

Bei dem Gedanken an das Essen, das ihre Freundin Emilia mit der gesamten Familie ihres Gino – Ginos Mutter, seiner Großmutter und seinen beiden Schwestern – gestern für die Beerdigungsfeier auf der Wiese vor dem Haus gezaubert hatten, strich sich Anna unwillkürlich über den Bauch, als müsste man die Spuren der Kochkünste noch deutlich fühlen können. Sechs Gänge hatten sie aufgetragen! Angefangen bei dem Salat mit den kleinen Pendolini und den Wildblumen, und weiter mit der Lasagne, den Gnocchi, dem Fisch, den Lammspießen bis zur Pizza aus dem Steinofen, den ihr Vater vor Ewigkeiten schon an die hintere Hauswand gebaut hatte. Und zu jedem Gang hatte es einen anderen Wein gegeben, gute Weine, alle aus der Gegend, aber zu viel davon, viel zu viel, von dem Grappa am Schluss ganz zu schweigen. Trotzdem hatte Anna keine Kopfschmerzen, sie fühlte nur eine unbestimmte Schwere, als wollte ihr Körper sich noch weigern, die Trägheit des Schlafes aufzugeben. Das große Vergessen, das allen Schmerz, allen Kummer, alle Sorgen und Ängste für einige Stunden mit sich genommen hatte – und es doch nicht vermochte, das, was passiert war, ungeschehen zu machen.

Aber es half alles nichts, wenn Gino kam, um die Tische und Bänke, das Geschirr, die leeren Flaschen und Gläser abzuholen, sollte sie munter genug sein, um ihm zumindest dem Anschein nach zur Hand zu gehen. Die Zeit würde gerade noch reichen für einen kurzen Sprung in den Pool und ein paar Bahnen in dem morgendlich kühlen Wasser. Wenigstens fünfzig Schwimmzüge, um den Kopf wieder klar zu bekommen und dann hoffentlich in der Lage zu sein, sich nichts von dem großen Geheimnis anmerken zu lassen, das sie seit gestern mit sich herumschleppte wie etwas Unwirkliches, einen flüchtigen Traum, einen unsinnigen Streich ihrer Fantasie …

Für einen Moment schloss Anna die Augen, als wollte sie sichergehen, dass das Paradies vor ihrem Fenster für immer in ihrer Erinnerung blieb, dann tappte sie barfuß die Treppe hinunter, ohne sich erst damit aufzuhalten, ein Hemd überzustreifen oder in ihr Höschen zu schlüpfen. Es waren jetzt schon über zwanzig Grad, um gerade mal halb zehn Uhr morgens, und das Thermometer würde schnell weiter steigen. An der Spüle trank sie ein Glas Wasser, bei dem Blick zur Kommode hinüber nickte sie dem Foto ihres Vaters mit dem schwarzen Trauerflor über der rechten oberen Ecke leise lächelnd zu: »Danke, Papa! Für alles, was du getan hast, auch wenn ich es dir nie so gesagt habe, wie es nötig gewesen wäre.«

Auf dem Weg zur Hintertür versuchte sie, das deckenhohe Regal mit den gestapelten Pizzakartons, die ihr Vater aus welchen Gründen auch immer hier gelagert hatte, möglichst zu ignorieren, zögerte dann aber doch und zog den obersten Karton ein Stück zu sich, bis sie den Deckel anheben konnte. Die Geldscheine lagen unverändert da, so wie sie sie noch in der letzten Nacht einsortiert hatte, zwölf jeweils vier Zentimeter hohe Stapel mit Hundert-Euro-Scheinen, mal dreißig Kartons! Als sie die Summe vor sich hinmurmelte, die sie gestern ausgerechnet hatte, wurde ihr schwindlig, hastig schloss sie den Karton und schob ihn zurück.

Immer noch nackt, trat Anna vors Haus, es war ein unschätzbarer Vorteil, ganz alleine auf dem Hügel zu wohnen, ohne neugierige Nachbarn weit und breit. Die Sonne blendete so sehr, dass sie die Augen zusammenkneifen musste, als sie über die Stufen der niedrigen Steinmauer nach oben auf die Wiese stieg und sich fast blind bis zum Pool tastete. Das Wasser schimmerte türkisblau und verlockend, Anna schlang sich die Haare zu einem Knoten zusammen und wollte sich eben ins Becken gleiten lassen, als sie im Schatten am hinteren Rand den leblos treibenden Körper entdeckte.

Für einen kurzen Moment spürte sie, wie ihr Herzschlag aussetzte. Es war ein Mann, der da mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb, ein Mann mit Jeans und einer kurzen Lederjacke, die in seinem Rücken aufgebläht war wie ein Ballon. Und es stand außer Frage, dass der Mann tot war. Einer der Gäste von heute Nacht, war Annas erster Gedanke, jemand aus dem Dorf, der zu viel getrunken hat und gestolpert ist, ins Wasser gefallen. Oder der sich erfrischen wollte und … Aber das Bild vor ihren Augen passte nicht, der Mann war blond und hatte die langen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, so einen Gast hatte es nicht gegeben.

Anna lief am Rand des Beckens entlang, bis der leblose Körper nur noch eine Armlänge von ihr entfernt war. Trotz der vielen Toten, die sie in den letzten Jahren bei der Mordkommission gesehen hatte, empfand sie immer noch Scheu beim Anblick einer Leiche und musste jetzt allen Mut zusammennehmen, um sie genauer zu betrachten. Fast sofort fielen ihr die Stiefel auf, die der Mann trug – Cowboystiefel aus einem Schlangenlederimitat, die sie schon mal gesehen hatte. Und das war nicht gestern auf der Beerdigungsfeier gewesen!

Für einen Moment war es, als würde ihr Verstand aussetzen. Es ging jetzt nur noch darum, sich augenblicklich zu vergewissern, dass sie sich täuschte. Dass es nichts als ein dummer Zufall war. Alles andere war … unmöglich. Es konnte einfach nicht sein!

Sie musste das Gesicht des Toten sehen. Aber vom Beckenrand aus konnte sie ihn gerade so mit den Fingerspitzen erreichen, mehr nicht. Als sie sich vorsichtig ins Wasser gleiten ließ, war ihr klar, dass sie gegen jede Vernunft handelte. Bei dem Griff in seine Haare hielt sie unwillkürlich den Atem an. Dann drehte sie sein Gesicht zu sich.

Sie brauchte nur einen kurzen Blick, um zu erkennen, dass sie sich nicht geirrt hatte. Der Schock war so plötzlich da, dass sie zurückprallte und einen Schluck Wasser in den Mund bekam, bevor sie hustend nach Luft schnappte und sich zwang, noch einmal hinzusehen.

Er war es. Ihr Nachbar aus Berlin. Der erst vor wenigen Wochen eingezogen war und mit dem sie kaum mehr gesprochen hatte als auf dem Treppenabsatz ein paar Sätze übers Wetter und über den Müll auf dem Hof. Einmal auch über die laute Musik aus der Studenten-WG. Bis vor fünf Tagen, als sie bei ihm geklingelt hatte und … Egal, das spielte jetzt keine Rolle. Aber das Auto war sein Auto. Der Volvo, den er ihr geliehen hatte. Und in dem sie gestern durch Zufall die Tasche mit dem Geld gefunden hatte …

Erst als Anna das Motorengeräusch hörte, das auf dem Feldweg zu ihrem Haus schnell näher kam, wurde ihr bewusst, dass Gino sie gleich mit einer Leiche im Pool überraschen würde. Und dass sie immer noch splitterfasernackt war!

Mit beiden Armen zog sie sich auf den Beckenrand, während sie sich vergeblich nach einem Handtuch umblickte, einer Decke, einem Kleidungsstück, aber es war ohnehin schon zu spät, das Auto fuhr bereits auf den Hof. Nur dass es nicht Ginos Lieferwagen war, sondern ein Seat. Mit Blaulicht auf dem Dach und der großflächigen Aufschrift »POLIZIA« auf der Tür.

Erstes Buch

Le bugie hanno il naso lungo

Lügen haben lange Nasen

1. Kapitel

Berlin, fünf Tage zuvor

Es war einer dieser Tage, an denen die ganze Welt aus den Fugen geraten zu sein schien. »Giorni pieni di lacrime«, Tage voller Tränen, hatte Annas Großmutter solche Tage genannt – und Anna hatte nie ganz verstanden, was die zwar alte, aber doch immer noch rüstige Frau mit den grauen, streng nach hinten gekämmten Haaren und dem Gehstock mit dem silbernen Knauf eigentlich meinte. Erst jetzt, mit Anfang vierzig, als sie selber sich manchmal unerträglich alt vorkam, begann sie langsam zu ahnen, welcher Art der Kummer gewesen war, der ihre Oma gequält hatte. Es gab so viel Furchtbares in der Welt, so viel Elend, Angst und Schrecken, dass ihr Verstand sich unwillkürlich weigern wollte, jeden Morgen im Radio von neuen Kriegen, Hungersnöten, Naturkatastrophen zu hören – als könnte sie den Zeitpunkt hinauszögern, an dem das Pulverfass, auf dem sie alle zusammen saßen, zwangsläufig explodieren musste.

Es passte nur zu gut zu Annas Stimmung, dass offensichtlich auch die Zeit endgültig vorbei zu sein schien, in der Radiosprecher noch volltönende, leicht whiskeygetränkte Baritonstimmen hatten, die einen von ganz anderem als dem alltäglichen Horror träumen ließen. Wieso um alles in der Welt durften jetzt plötzlich Leute die Nachrichten verlesen, die ungefähr so wohltönend klangen wie picklige Pennäler im Stimmbruch? Und seit wann durfte ein Hausbesitzer horrende Mieten dafür verlangen, dass die Dusche noch nicht mal genügend warmes Wasser ausspuckte, um sich wenigstens die Haare waschen zu können? Oder dass der Geruch nach zerkochtem Kohl aus dem Kimchi-Laden im Erdgeschoss durch jede Fußbodenritze von ihrer Wohnung drang?

Überhaupt war Berlin im Frühsommer absolut nichts für jemanden, der sich monatelang nach Licht und Wärme gesehnt hatte und jetzt endlich wieder seinen morgendlichen Milchkaffee an einem der Tische vor dem kleinen Laden neben der Admiralsbrücke genießen wollte – nur um im nächsten Moment daran erinnert zu werden, dass Berlin ein Hundehaufen-Problem hatte. Und ein Problem mit den Wochenendtouristen, die ihre E-Roller ebenso achtlos mitten auf dem Fußweg stehen ließen, wie sie ihre nur halb geleerten Pizza- und Dönerpackungen in die Gegend warfen. Woraus wiederum ein Rattenproblem folgte. In diesem Leben jedenfalls würde sich Anna ganz sicher nicht mehr an die Hundehaufen, den Müll und die über die Böschung des Landwehrkanals huschenden Ratten gewöhnen, ebenso wenig wie an die unablässig gellenden Sirenen der Rettungswagen, die die Notaufnahme des nahe gelegenen Urban-Krankenhauses ansteuerten.

Unwillkürlich hatte sie wieder die Szene mit den zwei jugendlichen Möchtegern-Gangstern vor Augen, die sich letzte Nacht auf dem Fußweg vor ihrem Haus gestritten hatten. »Ich mach dich Urban!«, war die Drohung gewesen, die Anna dann veranlasst hatte, einen Eimer kaltes Wasser aus dem Fenster auf die Köpfe der beiden Kontrahenten zu leeren. Eine durchaus wirkungsvolle Methode, die schon ihre Nonna bei den räudigen Dorfkatzen angewandt hatte, wenn ihr das Gefauche zu viel wurde. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Kater nicht dazu neigten, ihrer Empörung über den unerwarteten Eingriff in die Kampfhandlungen mit Schimpfworten Ausdruck zu verleihen, von denen »du Opfer« noch das bei Weitem harmloseste war.

Genervt blickte Anna auf, als jetzt ein tiefergelegtes mattschwarzes Mercedes-Cabrio mit quietschenden Reifen vor dem Straßencafé hielt. Der sonnenbebrillte Fahrer verschwand im Kiez-Späti neben Annas Tisch, ohne sich erst die Mühe zu machen, den Motor auszustellen. Für einen kurzen Moment gefiel Anna die Idee, einfach die Tür zu öffnen, den Schlüssel abzuziehen, ihn in den Kanal zu werfen und ohne einen Blick zurück zur U-Bahn-Haltestelle zu laufen. Niemand würde sie verdächtigen. Sie war nur eine Frau mittleren Alters mit ein wenig zu viel Rouge auf den Wangen, die auf dem Weg ins Büro war. Und die mit der U-Bahn fahren musste, weil sie ihr vor ein paar Tagen das Fahrrad geklaut hatten. Aber die ganz bestimmt weder fremde Autoschlüssel entwendete noch streunende Kater davon abhielt, sich gegenseitig »Urban« zu machen.

Dann aber begnügte sie sich damit, im Vorbeigehen den letzten schaumigen Schluck ihres Kaffees über den Fahrersitz zu kippen, wo er auf dem hellen Leder augenblicklich einen hässlichen Fleck hinterließ, der an eine ganz andere Art von peinlichem Missgeschick erinnerte.

Eine halbe Stunde später betrat sie das Gebäude der Mordkommission. Noch in der Tür kam ihr Lepke entgegen, mit der Zigarette zwischen den Lippen und dem Zippo in der Hand auf dem Weg zu einer kurzen Rauchpause.

»Der Chef will dich sehen«, informierte er Anna, während er bereits den ersten tiefen Zug nahm. »Keine Ahnung, warum, aber er scheint noch nervöser als üblich, am besten lässt du ihn einfach reden, zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus.«

 

Als Anna nach kaum zehn Minuten wieder aus dem Haus trat, war Lepke immer noch da. Nach den beiden Kippen vor seinen handgenähten italienischen Lederschuhen zu urteilen, war er bei der dritten Zigarette.

»Und?«

»Ich …«, stammelte Anna, »er … er hat mich informiert, dass meine Dienste nicht mehr benötigt werden.«

»Was? Du spinnst, sag das noch mal!«

»Willst du es im O-Ton hören?«

»Ich bitte darum, ja!«

»›Liebe Anna-Kristina, Sie wissen, wie sehr ich Sie schätze, ich will daher auch nicht lange drum rum reden: Ich habe von ganz oben die unmissverständliche Anweisung bekommen, auf eine zukünftige Zusammenarbeit mit Ihnen zu verzichten. Sparmaßnahmen und so weiter, nichts Persönliches, man weiß um Ihren Einsatz für das Dezernat, ich habe das auch nochmals hervorgehoben und mehrfach betont, dass wir Ihre fachliche Kompetenz dringend benötigen, aber das ändert nichts an der Entscheidung. Im Übrigen muss da wohl durchgesickert sein, dass es um Ihre Teamfähigkeit nicht unbedingt zum Besten bestellt sein soll, das konnte ich leider nicht ausräumen. Wie auch immer, wir haben gemeinsam ein paar komplizierte Fälle gelöst, ich habe gerne mit Ihnen gearbeitet und bedauere aufrichtig, dass ich Sie gehen lassen muss. Das werde ich selbstverständlich auch in meinem Arbeitszeugnis für Sie so formulieren. Ich wünsche Ihnen viel Glück, Anna-Kristina, behalten Sie uns trotz allem in guter Erinnerung. Und jetzt muss ich leider … Sie wissen ja, wie das ist, eine Sitzung jagt die nächste, seien Sie froh, dass Sie aus diesem Hamsterrad rauskommen!‹ – Und noch mal sein nervöses Händegeflatter, und weg war er. Rauchen wir noch eine letzte Zigarette zusammen?«

Anna war selbst überrascht, wie ruhig sie blieb. Vielleicht war es auch der Schock, der sie eben die kleine Abschiedsrede ihres jetzt ehemaligen Chefs nahezu wortgetreu hatte wiederholen lassen, als wäre es nur wichtig, keine der ebenso gestelzten wie dämlichen Formulierungen jemals wieder zu vergessen.

Mit zusammengepressten Lippen hielt Lepke ihr die Zigarettenschachtel hin. Als er ihr Feuer gab, zitterten seine Hände. Anna empfand sein offensichtliches Bemühen, nicht die Fassung zu verlieren, fast wie eine Geste der Zuneigung, die ihr mehr bedeutete, als jedes Wort es vermocht hätte. Sie schätzte den Hauptkommissar mit seinen handgenähten Schuhen und dem hellen Dreiviertel-Trench – auch wenn er wie ein eitler Snob wirken konnte, verbarg sich hinter der Attitüde des Lifestyle-Lebemannes doch ein hartnäckiger und erfahrener Ermittler, der im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen nicht die Empathie für andere verloren hatte. Und er war einer der wenigen Männer, die nicht mal ansatzweise versucht hatten, ihre Zusammenarbeit auszunutzen, um mit ihr zu flirten!

Tatsächlich hatte Anna das immer als ausgesprochen respektvoll empfunden, wenn sie sich auch gerade jetzt bei dem Gedanken ertappte, dass sie vielleicht beide eine Chance verpasst hatten, die nun unwiderruflich vorbei war.

Anna zuckte zusammen, als Lepke plötzlich zwischen den Zähnen hervorstieß: »Ich polier ihm bei nächster Gelegenheit die Fresse, glaub mir!«

Die Formulierung passte so gar nicht zu Lepke, aber im ersten Moment dachte Anna natürlich, er würde von Wagner reden, den er als Chef ohnehin einfach ignorierte, als würde es keine Rolle spielen, was Wagner vorschlug oder anordnete.

»Er war nur der Bote, der die schlechte Nachricht überbringen musste …«, setzte Anna an, wurde aber sofort von Lepke unterbrochen: »Wen interessiert schon Wagner? Du hast den entscheidenden Satz von ihm doch wiedergegeben, dass etwas über deine mangelnde Teamfähigkeit durchgesickert sein soll! So, und da bleibt nur einer, der dieser Meinung ist und das hintenherum weiterträgt, um sich selbst ins rechte Licht zu rücken.«

»Du meinst … Marcel?«

»Natürlich. Aber diesmal ist er zu weit gegangen, damit lasse ich ihn nicht durchkommen.«

Wahrscheinlich hatte Lepke recht, dachte Anna. Wahrscheinlich war es wirklich Marcel gewesen, der sich über ihre mangelnde Kollegialität geäußert hatte. Und der damit noch nicht mal gelogen hatte, zumindest was ihn und Anna betraf!

Marcel Kowinski, ebenfalls Hauptkommissar und berühmt-berüchtigt für jedes Vorurteil, das ein Polizist nur haben konnte. Ein engstirniger Macho, der Anna von dem Moment an, in dem sie seine Avancen unmissverständlich abgelehnt hatte, mit der ganzen verletzten Eitelkeit seines von zu viel Anabolika vernebelten Gehirns das Leben schwer machte. Dazu gehörte unter anderem seine morgendliche Standardbegrüßung für Anna: »A-n-n-a, von vorne wie von hinten ganz egal.« Anna hatte zwar gelernt, die kleine Zote geflissentlich zu überhören, aber natürlich machte der Spruch hinter vorgehaltener Hand schon bald die Runde im Dezernat. Und Marcel fand es großartig, was er da erreicht hatte!

»Willst du mir wirklich einen Gefallen tun?«, fragte Anna.

»Was immer du möchtest.«

»Polier ihm nicht nur die Fresse, mach ihn Urban, ja?«

Das Grinsen, das sich über Lepkes ganzes Gesicht ausbreitete, ließ Anna sich spontan vorbeugen und ihm einen Kuss auf die Lippen drücken.

»Ich dich auch«, sagte Lepke ohne das geringste Anzeichen von Verblüffung. »Du weißt, wie du mich erreichst, melde dich, wann immer du willst.«

Als hätte er Angst, womöglich noch mehr von seinen Gefühlen preiszugeben, steuerte er mit raschen Schritten die Eingangstür an und verschwand, ohne noch einmal zurückzublicken.

Anna wusste, dass sie Lepke nicht anrufen würde. Ihn nicht besuchen, sich nicht mit ihm treffen, ihn nicht noch mal küssen, nicht mit ihm schlafen. Es würde alles nur noch viel komplizierter machen. Aber es war schön, sich vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn … Wenn Lepke nicht hoffnungslos in diese Amour-fou-Geschichte mit seiner Kollegin Alex verstrickt wäre, wenn sie selber sich nach der Trennung von ihrem Freund nicht gerade erst noch geschworen hätte, zumindest für einige Zeit mal die Finger von jedem männlichen Wesen zu lassen, wenn sie nicht fürchten müsste, doch nur aus Enttäuschung über die Kündigung nach einer Schulter zum Ausweinen zu suchen.

 

Sie war noch nicht um die nächste Häuserecke, als die Tränen kamen. Und es waren Tränen der Wut, der Empörung darüber, wie Wagner mit ihr umgegangen war. Seinen halbherzigen Versuch, die Schuld auf die »ganz oben« zu schieben, konnte er sich sonst wohin stecken, dachte sie. Wagner hatte kein Rückgrat, hatte er noch nie gehabt. Er ging den Weg des geringsten Widerstands, ein Opportunist, ein Erbsenzähler, ein Sesselpupser, der den Schwanz schon einzog, wenn er nur das Gefühl hatte, dass es eng werden könnte.

Und damit passte er ebenso perfekt in die Hierarchie des Polizeiapparates wie auch ein gewisser Marcel und ähnliche Typen, von denen es genug gab. Eigentlich sollte sie froh sein, die Marcels dieser Welt nicht länger jeden Tag ertragen zu müssen. Aber die Arbeit hatte ihr Spaß gemacht! Und sich nicht einschüchtern zu lassen, sondern den vermeintlichen Wundern der Schöpfung ihre Grenzen zu zeigen.

Fast fünf Jahre war es jetzt her, seit sie das Angebot wahrgenommen hatte, von der befristeten Vertretungsstelle einer Psychologie-Dozentin an der Humboldt-Universität zur Kriminalpolizei zu wechseln. Als psychologische Beraterin mit einem deutlich besseren Gehalt und der Aussicht auf eine Tätigkeit, die so aufregend wie abwechslungsreich zu sein versprach. Profilerin bei der Mordkommission! Das ließ sie sogar vergessen, dass eine mögliche Festanstellung hier ein genauso leeres Versprechen war wie an der Uni.

Und Anna war gut gewesen in ihrer neuen Aufgabe. Schon nach kurzer Zeit wollte sie den Kitzel nicht mehr missen, mithilfe eines Täterprofils den Mörder zu überführen, ganz zu schweigen von der Genugtuung, wenn das von ihr erstellte Profil dann auch noch tatsächlich ein nahezu identisches Abbild des Täters ergab. Es war wie eine Sucht, die von ihr Besitz ergriffen hatte – und nichts kam der Befriedigung gleich, mit ihren Schlussfolgerungen richtiggelegen zu haben.

Fast nichts, wenn auch die andere Möglichkeit zur Befriedigung immer weiter ins Hintertreffen geriet, je mehr sich Anna in ihrer Arbeit vergrub. Was wiederum den unschätzbaren Vorteil gehabt hatte, dass ihre Beziehung zu Harald nicht Gefahr lief, durch Abnutzung ihren Reiz zu verlieren. Sie führten eine Fernbeziehung, Harald war als Schauspieler am Stadttheater Bremerhaven engagiert, und wenn Anna an jedem zweiten Wochenende nach Norddeutschland fuhr, spielten sie in der kleinen Wohnung am Alten Hafen ihre jeweils eigene Version der Stücke, mit denen Harald abends auftrat – besonders die Rollen des Bösewichts fanden Annas Gefallen. Bis sie vor wenigen Wochen erfahren hatte, dass Harald nicht nur für sie den Bösewicht spielte. Und schlimmer noch, dass er verheiratet war und zwei halbwüchsige Kinder in Süddeutschland hatte, deren Mutter ihn im genau ausgeklügelten Wechsel mit Anna besuchte. Im Nachhinein war sich Anna vollkommen im Klaren darüber, dass sie das mithilfe eines Täterprofils leicht und vor allem rechtzeitig hätte durchschauen können.

Als die U-Bahn am Kottbusser Tor hielt, blieb Anna einfach sitzen und ließ sich dann quietschend weiterschaukeln bis zum Lausitzer Platz. Gleich hinter der Kirche gab es einen Eisladen, drei Kugeln Sanddorneis waren wohl das Mindeste, was sie sich an diesem hoffnungslos versauten Vormittag gönnen durfte. Schade nur, dass auch das Sanddorneis nicht half, ihre Laune zu verbessern, geschweige denn, ihr auch nur den Hauch einer Idee zu vermitteln, was nun aus ihr werden würde. Wobei ihr ein Job als Eisverkäuferin spontan gar nicht mal so schlecht gefallen wollte!

Und was blieb sonst? Sollte sie tatsächlich noch mal einen zweiten Versuch unternehmen, an der Uni Fuß zu fassen? Nach ihrer Auszeit war die Chance auf eine mögliche Psychologie-Professur wahrscheinlich ohnehin für immer vertan, und sie sah sich auch nicht im Hörsaal stehen und über Freud und Jung reden oder jedes Jahr die gleiche Einführungsvorlesung für picklige Abiturienten über »Die weibliche Sexualität und die Funktion des Orgasmus« halten. Dann doch lieber Eisverkäuferin. Oder sie würde es jetzt tatsächlich wahr machen und die Wette annehmen, zu der ihre Freundinnen sie schon lange überreden wollten – welche von ihnen es als Erste schaffen würde, einen Krimi zu schreiben!

Schließlich hatten sie in ihrem Leseclub schon so viele Mordfälle genauestens analysiert, dass es langsam auch mal an der Zeit war, ihr gesammeltes Wissen zu dem einen großen Kriminalroman zu machen, der die Welt der Spannungsliteratur zumindest aufhorchen lassen, wenn nicht sogar grundlegend verändern würde. Und wer, wenn nicht Anna, sollte aufgrund ihrer Arbeit für die Polizei prädestinierter sein, um damit Kritiker wie Leser zu überzeugen? Eine Krimi schreibende Ex-Polizistin aus Berlin-Kreuzberg, die noch dazu italienische Wurzeln hatte, das würde auch die Presse begeistern …

»Hör auf, dir dummes Zeug auszumalen«, murmelte Anna halblaut vor sich hin. »Du stehst unter Schock, komm erst mal wieder zu dir!«

Aber sie musste die Freundinnen in Italien unbedingt anrufen! Ihnen erzählen, was passiert war. Damit sie sich gemeinsam aufregen konnten, wie übel ihr mitgespielt worden war. Bestimmt würden Fabia und die anderen drei sofort vorschlagen, dass Anna kommen sollte. Und vielleicht war das die beste Idee überhaupt. Sie hatte ja jetzt Zeit, sie hatte auch ein bisschen Geld gespart, sie konnte sogar länger bleiben als die üblichen drei Wochen, sie konnte mit den Freundinnen abhängen oder bei ihrem Vater im Restaurant einspringen, damit er endlich mal ein wenig zur Ruhe kam. Und den einen oder anderen Ausflug mit ihm unternehmen, das hatten sie schon lange nicht mehr zusammen gemacht. Nach Urbino. Nach Ancona. Vielleicht sogar Venedig! Vor allem aber würde es ihr helfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und Berlin mal für eine Weile zu vergessen, bis sie entschieden hatte, ob Eisverkäuferin das Richtige für sie war.

Anna verzichtete auf die stickige U-Bahn, der Fußweg am Landwehrkanal entlang dauerte kaum länger und ließ sie beim Anblick der glitzernden Wasserfläche eine Art Vorfreude empfinden, die sie selber verblüffte. Vielleicht war Italien für sie doch viel mehr Heimat, als sie sich eingestehen wollte …

Als sie gerade dabei war, die Haustür aufzuschließen, sah sie aus den Augenwinkeln, wie auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein silberner Volvo-Kombi einparkte. Wobei entweder der Volvo zu groß oder die Parklücke zu klein war, Anna konnte deutlich das Geräusch hören, als die Stoßstange den Wagen dahinter rammte. Und gleich darauf auch den Vordermann. Aber dann stand der Volvo perfekt, als hätte ihn jemand seitwärts in die Lücke geschoben. Und als der Fahrer jetzt ausstieg und seine Parkkünste begutachtete, erkannte Anna den neuen Nachbarn. Der erst vor wenigen Wochen eingezogen war und mit dem sie bislang kaum mehr als ein flüchtiges »Hallo« gewechselt hatte. Und einmal hatte sie ihn darauf hingewiesen, dass es schön wäre, wenn er seine leeren Kartons für die Altpapiertonne vorher zusammenfaltete, damit auch andere Mieter noch ihr Papier entsorgen könnten.

Nach dem mit Kugelschreiber gemalten Klingelschild hieß er Schmidt. W. Schmidt. Wolfgang. Wilfried. Walter. Mehr Vornamen mit W waren Anna nicht eingefallen. Aber es hatte sie auch nicht weiter interessiert, sie hatte den Typen ohnehin als jemanden eingestuft, der nicht lange bleiben würde. Zu smart für das Haus mit den graffitibesprühten Wänden, den politischen Aufklebern auf der schweren Holztür, den verbeulten Briefkästen der beiden Studenten-WGs oben unter dem Dach. Smart, aber auf eine ganz andere Art als Lepke, eher ein wenig halbseiden, ein Gastronom, Kneipenwirt, auch Weinhändler war vorstellbar, oder Verkäufer in einem hippen Designmöbel-Geschäft, Inhaber eines Shops für E-Bikes, so was. Es war schwierig, ihn einzuschätzen, womöglich war er auch älter, als sie angenommen hatte, und längst über die vierzig hinaus. Auch heute trug er wieder ein dunkles Leinensakko zu der verwaschenen Jeans, die blonden Haare waren wie üblich streng zurückgekämmt und zu einem Zopf gebunden.

Als er jetzt die Straße überquerte und auf sie zukam, hatte Anna Mühe, den Blick von den Cowboystiefeln aus Schlangenleder zu wenden. Der Typ passte nicht hierher, dachte sie erneut, weder in dieses Haus noch in dieses Viertel. Ebenso wenig wie seine Autos zu ihm passen. Der Volvo war bereits das vierte oder fünfte, mit dem sie ihn sah, ausnahmslos große Wagen, Mercedes, BMW, Audi, einmal auch ein Jaguar, aber immer Modelle, die zu alt waren, um damit zu posen, und zu jung, um als Oldtimer Bewunderung hervorzurufen.

Erst als er Anna ansprach, wurde ihr bewusst, dass sie sich gerade benahm wie die ewig hinter der Gardine hervorspähende Hauswartsfrau, die sie in ihrer früheren Wohnung mit ihrer Neugier fast zur Weißglut getrieben hatte. Aber noch bevor sie sich entschuldigen konnte, verblüffte ihr Zopf tragender Nachbar sie mit dem Satz: »Jetzt sagen Sie bloß nicht, der Wagen davor oder dahinter gehört Ihnen! Es tut mir leid, aber einparken war noch nie meine Stärke!«

Er zuckte mit den Schultern und zeigte ein entwaffnendes Lächeln, bevor er ihr die Hand hinstreckte: »Willy, mit Ypsilon hinten. Wie Willy deVille, falls Sie sich an den noch erinnern können.«

»Der mit den Ohrringen und dem Papagei auf der Schulter?«, kramte Anna ein vages Bild des Musikers aus dem Gedächtnis. »Aber hieß der nicht … Mink deVille?«

»Mink deVille war die Band, er hieß Willy. Es passiert nicht oft, dass jemand überhaupt etwas mit dem Namen anfangen kann. Freut mich, Frau … Antonelli, richtig?«

»Anna«, erwiderte Anna, als wäre es selbstverständlich, jetzt auch ihm ihren Vornamen zu verraten.

Sein Händedruck war warm und kräftig, und seine Augen hatten ein merkwürdig leuchtendes Grau.

Anna wies mit dem Kopf zu dem Volvo hinüber. »Neu?«

»Was? – Ach so, der Wagen, nein. Ja, doch, aber …«

»Kann es vielleicht sein, dass du im diplomatischen Dienst bist?«, fragte Anna belustigt. »Oder Politiker?« Als sie seinen verständnislosen Blick sah, setzte sie hinzu: »Wegen deiner Antwort – nein, ja, doch. Was denn nun, Herr Nachbar, ist es so kompliziert?«

»Ja, irgendwie schon, also nein, nicht wirklich, aber …« Er verdrehte die Augen und fiel in Annas Lachen ein.

Vielleicht ist er auch nicht unbedingt der Schnellste im Kopf, dachte Anna, oder er will aus irgendeinem Grund nicht mit der Sprache rausrücken, vergiss nicht die Schlangenlederstiefel, jemandem mit solchen Stiefeln solltest du besser nicht trauen …

Willy betrachtete sie mit gefurchter Stirn, als wollte er ihre Gedanken lesen. Dann schüttelte er unwillig den Kopf. »Keine große Sache«, erklärte er, »und auch nicht wirklich kompliziert. Ist eher so eine Art Hobby von mir, ich kaufe immer mal Wagen, die vor zwanzig Jahren zum Besten gehörten, was man kriegen konnte, und deren früherer Besitzer verstorben ist, weshalb die Erben die spritfressenden Luxuskarren jetzt gerne loswerden möchten. Und mit ein bisschen Glück finde ich eigentlich immer einen Liebhaber, der mir tausend oder zweitausend Euro mehr zahlt, als ich hingeblättert habe. Ganz netter Nebenverdienst, und ich stehe auf solche Wagen. Der Volvo da drüben hat zum Beispiel schon alles, wovon die meisten Autobesitzer auch heute noch nur träumen können, Tempomat, Traktionskontrolle, Notbremsassistent, Bordcomputer, Sitzheizung natürlich sowieso, ist ja ein Schwede, und keine zweihunderttausend Kilometer auf der Uhr! Gekauft habe ich ihn für zweieinhalb, für vier geht er mindestens weg. Also, falls du mal wirklich ein Auto haben willst, sag Bescheid. Was mich wieder zu meiner Frage von vorhin bringt …« Er nickte mit dem Kopf in Richtung Straße. »Ist einer von den Wagen, die ich angerempelt habe, deiner?«

»Nein, ich habe gar kein Auto. Nicht mehr, wozu? In Berlin mit einem Auto ist … eher dämlich, oder?«

»Schon klar, sehe ich ähnlich. Aber trotzdem, du verpasst etwas, ich sage nur: Landstraße Richtung Ostsee, Polen, wohin auch immer, und dann den Tempomat einschalten und einfach nur zurücklehnen und die Alleebäume vorbeiwischen sehen, das ist Autofahren!« Sein Handy klingelte. Er warf einen kurzen Blick auf das Display. »Entschuldigung, da muss ich rangehen. Aber vergiss nicht, ich habe jederzeit das Richtige für dich, wenn du willst, melde dich einfach.«

Noch während er sich umdrehte, nahm er bereits das Gespräch an. Anna beeilte sich, ins Haus zu kommen, um nicht nochmals allzu neugierig zu wirken. Als sie die Treppen hinaufstieg, dachte sie, dass sie trotz allem immer noch nicht wusste, was ihr Nachbar beruflich machte.

 

Anna hatte gerade erst die Schuhe abgestreift, als sich ihr eigenes Handy meldete. Im ersten Moment war sie überzeugt, dass es der Nachbar sein musste, der nach ihrer kleinen Unterhaltung jetzt womöglich glaubte, ihr noch mehr von Sitzheizungen und Notbremsassistenten erzählen zu dürfen. Ihre Nummer hatte er wahrscheinlich von der Liste, in der alle Hausbewohner einen Kontakt angegeben hatten, nachdem im Frühjahr ein Wasserrohr im vierten Stock gebrochen und niemand in der Lage gewesen war, die Mieter der darunterliegenden Wohnung zu erreichen …

Aber das Display zeigte keine unbekannte Nummer, sondern einen Anruf von Fabia! Ihrer Freundin aus Italien!

»Fabia! Stell dir vor, ich wollte dich auch gerade anrufen! Ich bin eben gerade rein und … Es gibt etwas, was ich euch erzählen muss, und es ist gut, wenn ich zuerst mit dir darüber sprechen kann. Fabia? Bist du noch da? Was ist los? Warum sagst du nichts?«

Anna hörte deutlich, wie die Freundin schluckte, bevor sie endlich antwortete. Sie schien Annas aufgeregt hervorgestoßene Sätze gar nicht gehört zu haben, und ihre Stimme klang anders als sonst, zögerlich, ernst, besorgt. Als würde sie nicht wissen, wie sie Anna beibringen sollte, was sie ihr zu sagen hatte. Es ist etwas passiert, dachte Anna unwillkürlich, und es ist schlimmer als das, was ich erzählen wollte.

Und dann stand die Welt für Anna endgültig kopf. Ihr Vater war gestorben. Herzstillstand. In der Nacht zuvor, in seinem Restaurant in Rimini. Vierundsiebzig Jahre alt und bei bester Gesundheit. Hatte er zumindest behauptet, als er bei ihrem letzten Telefongespräch von seinem Arztbesuch erzählte, bei dem er von Kopf bis Fuß durchgecheckt worden war: »Tutto bene! Ich fühl mich wie jemand, der seine besten Jahre noch vor sich hat.«

Oh Papa, dachte Anna. Warum? Wie kann das sein? Was wird jetzt aus all den Träumen, die du noch hattest? Und wer fährt mit mir nach Venedig, wer kocht mir kleine Tintenfische in Krebssoße und deine berühmten Spaghetti Frutti di Mare alla Casa, wer sitzt mit mir auf der Bank am Hafen und singt leise ein unanständiges Lied, während das Meer erst silbergrau wird und schwer wie Blei und dann langsam in der Dunkelheit versinkt?

Der Aushilfskellner, ein Student aus Urbino, hatte Gennaro Antonelli am Vormittag in der Küche tot aufgefunden. Und nicht etwa lang hingestreckt oder wie ein Baby zusammengerollt auf dem Fußboden, sondern aufrecht sitzend in dem Campingstuhl mit dem lange schon verblichenen Streifenmuster, der normalerweise neben der Hintertür stand. Mit einem halb vollen Glas Averna auf dem Herd an seiner Seite und einem Buch in der leblosen Hand, den starren Blick auf das Regal mit den blank gescheuerten Töpfen und Pfannen gerichtet, als wollte er jeden Moment die kurze Pause für beendet erklären und mitten in der Nacht zu kochen beginnen.

»Was für ein Buch?«, fragte Anna, während sie sich gleichzeitig bewusst war, wie unpassend ihre Reaktion wirken musste.

Aber Fabia schien die Frage völlig normal zu finden – und kannte auch tatsächlich die Antwort: »Storia della Bellezza von Umberto Eco.«

»Was?«, entfuhr es Anna unwillkürlich. »Die Geschichte der Schönheit? Aber das ist kein Roman, ich kenne das Buch, das habe ich ihm selber geschenkt, es ist eine Abhandlung über das Ideal der Schönheit! Wieso sitzt er nachts in seiner Küche und … Und woher weißt du das überhaupt mit dem Buch? Warst du da, hast du Papa gesehen?«

»Pietro, der Aushilfskellner, hat mich in seiner Panik angerufen, ich bin hin und habe mit ihm zusammen auf die Polizei gewartet. Alles gut, Anna, dein Vater sah … zufrieden aus. Noch nicht mal überrascht, einfach … glücklich und zufrieden. Und jetzt rate, auf welcher Seite das Buch aufgeschlagen war!«

»Was? Ist das denn wichtig? Ich glaube, ich will es gar nicht wissen …«

»Doch, willst du! Es ist nämlich überhaupt nicht anrüchig, es ist nur das Bild von einer Reklame aus den Dreißigerjahren, mit einer Frau und ihren drei Kindern, die aus dem Fenster sehen, vor dem gerade der Vater mit seinem neuen Fiat vorgefahren ist! Das Letzte, was sich dein Papa angesehen hat, war also eine Fiat-Limousine von 1933, die im Übrigen echt scheiße aussah, glaub es mir! Aber apropos Autos«, redete Fabia schnell weiter, als wollte sie Anna auf keinen Fall die Chance geben, womöglich zu schluchzen oder in Tränen auszubrechen, »also du weißt wahrscheinlich nicht, dass er sich letzte Woche noch einen funkelnagelneuen Alfa gekauft hat, dein Vater, meine ich, er steht direkt vorm Restaurant, äh, aber was ich eigentlich sagen will – das gehört ja jetzt alles dir, der neue Alfa, das Restaurant, das Haus hier bei uns! Nach allem, was ich von dir weiß, hat er deiner Mama jedenfalls ganz bestimmt nichts vererbt! Mit anderen Worten: Du musst herkommen und dich um alles kümmern, wir sind da, wir helfen dir, aber ohne dich geht es nicht. Allein schon wegen der Beerdigung … Wie schnell kannst du hier sein?«

Sie sprachen noch gut fünf Minuten miteinander, wenn Anna auch kaum richtig zuhörte, weil die Gedanken in ihrem Kopf wild durcheinandergingen. Aber Fabias Absicht war eindeutig, Anna sollte sich ausschließlich darauf konzentrieren, wie sie möglichst rasch nach Isola di Fano kommen konnte, alles andere musste dahinter zurückstehen: »Heulen kannst du später, wenn du hier bist. Wir heulen dann auch mit dir zusammen, versprochen. Und wenn wir genug geheult haben, machen wir ein schönes Fest zu Ehren deines Papas, das hätte ihm bestimmt gefallen.«

Typisch Fabia! Die Freundin hatte recht eigene Vorstellungen davon, wie man jemanden trösten konnte, vielleicht hatte es mit ihrem Beruf zu tun, sie war Anästhesistin am Ospedale di Rimini, im Krankenhaus von Rimini, und schon öfter war sich Anna nicht ganz sicher gewesen, ob Fabia nicht das eine oder andere Medikament aus der Krankenhaus-Apotheke für gelegentliche Selbstversuche benutzte. Aber im selben Moment, in dem Fabia sagte: »Zu blöd, dass du kein eigenes Auto mehr hast«, wusste Anna, wie sie nach Italien kommen würde. Ohne dass sie das Flugzeug nehmen musste – sie hasste Fliegen, und schon bei dem Gedanken an das notwendige Umsteigen in Frankfurt bekam sie Schweißausbrüche. Und auch ohne dreizehn Stunden lang im Zug hocken und sich die grundsätzlich übertrieben wichtigen oder aber viel zu intimen Handygespräche ihrer Mitreisenden anhören zu müssen.

Als sie bei ihrem Nachbarn klingelte, schien er fast zu wenig überrascht, sie schon wieder zu sehen. Dann allerdings starrte er sie nur mit offenem Mund an, als sie sagte: »Es ist so weit, ich brauche ein Auto. Und zwar sofort.«

2. Kapitel

Die Büsche an der Steinmauer zum Weg hinunter boten ihr genug Schutz, dass sie einen Blick riskieren konnte, ohne selbst gleich gesehen zu werden. Vorsichtig schob Anna ein paar Zweige zur Seite, die Sonne spiegelte sich im Lack des Polizeiwagens, der genau vor ihrer Haustür angehalten hatte. Es schien nur ein einzelner Polizist im Auto zu sein. Als er ausstieg und sich streckte, zweifelte sie keinen Moment mehr, wen sie da vor sich hatte. Sie hatte ihn seit Ewigkeiten nicht gesehen, das letzte Mal war er noch ein unsicherer und ein bisschen zu dicker Junge gewesen, dann war er Polizist geworden und nach Cannobio am Lago Maggiore gegangen und erst vor ein paar Monaten als Commissario nach Rimini zurückgekehrt, wie die Freundinnen erzählt hatten. Aber sie hatten nicht übertrieben, er war jetzt tatsächlich ein Bild von einem Mann: breite Schultern, dunkle Locken, markantes Gesicht. Und die Uniform saß wie angegossen! Allerdings konnte Anna im Moment und mit der Leiche im Pool hinter sich kaum richtig schätzen, was sie sah.

Jetzt fischte er seine Mütze aus dem Seat und benutzte das Seitenfenster als Spiegel, bis er zufrieden mit seiner Erscheinung war. Mit zwei Fingern tippte er sich noch grüßend an den Mützenrand, um gleich darauf mit ein paar Tanzschritten die Haustür anzusteuern.

Oh mein Gott, dachte Anna unwillkürlich und mit dem vagen Gefühl, dass der erste Eindruck bereits zu einer Enttäuschung wurde, was haben sich Emilia und die anderen bloß dabei gedacht, mir diesen eitlen Pfau ins Haus zu schicken? Und was mögen sie ihm wohl über mich erzählt haben, dass er ausgerechnet am Morgen nach der Beerdigung meines Vaters seinen Antrittsbesuch machen will?

Sie wartete, bis er schon die Hand an der Türklinke hatte, dann richtete sie sich so weit auf, dass sie ihm über die Büsche hinweg zurufen konnte. Gerade noch rechtzeitig dachte sie daran, die Arme über der Brust zu kreuzen, als er sich auch schon umdrehte und die Augen mit der Hand abschirmte, während er suchend gegen die Sonne blickte.

»Hier oben bin ich! Ich war gerade im Pool. Wenn Sie sich für einen Moment auf die Bank an der Seite vom Haus setzen, dann laufe ich schnell rein und ziehe mir was an.«

Er nickte, machte aber keine Anstalten, den Weg zum Haus freizugeben.

»Ich bin nackt!«, rief sie. »Bitte drehen Sie sich wenigstens um, damit ich an Ihnen vorbeikann.«

»Ah, scusi, naturalmente!« Er trat wieder an sein Auto und drehte ihr den Rücken zu.

Mit einem schnellen Blick vergewisserte sich Anna, dass die Leiche im Wasser vom Weg aus unmöglich zu sehen war, dann stieg sie über die Mauer nach unten und huschte hinter ihm zum Haus. Auch wenn der Commissario vorgab, sich an ihre Bitte zu halten, entging ihr nicht, dass er den Außenspiegel verstellt hatte und sie sehr wohl beobachtete. Du kleiner Möchtegern-Casanova, dachte sie, hältst dich wohl für besonders schlau, ja? Irgendwie sind Männer ja doch alle gleich, zumindest solange sie nicht als Leiche im Wasser treiben!

Noch während Anna in ihre Jeans schlüpfte und wahllos nach dem erstbesten T-Shirt griff, ging sie ihre Optionen durch. Was immer der Commissario sich vorstellte, er würde sich ganz sicher nicht so bald abwimmeln lassen. Und sie fühlte sich kaum in der Lage, jetzt mit ihm da draußen einen Espresso zu trinken, immer mit dem Bild ihres toten Nachbarn aus Berlin vor Augen, der nur wenige Meter entfernt im Pool lag. Aber eins war sicher: Sie konnte den italienischen Kollegen unmöglich zu der Leiche führen! Was sollte sie als Erklärung sagen? Ja, ich kenne ihn, er ist zufällig mein Nachbar aus Berlin. Nein, ich weiß nicht, wieso er jetzt tot in meinem Pool treibt. Wer sollte ihr das glauben? Mal ganz davon abgesehen, dass da ja auch noch die Sache mit dem Geld war. Mit dem kleinen Vermögen, das sie in dem Volvo gefunden hatte …

Annas Entschluss stand fest. Sie brauchte Hilfe, und das so schnell wie möglich! Und es gab nur ihre Freundinnen, denen sie genügend vertraute, um sie einzuweihen. In der Hoffnung, dass ihnen etwas einfallen würde, wie sie aus der Sache wieder rauskäme, in die sie da so unversehens hineingeschlittert war. Aber zuallererst musste sie den Polizisten draußen vor ihrer Haustür loswerden.