Völlig erschlagen - Beatrice Schweingruber - E-Book

Völlig erschlagen E-Book

Beatrice Schweingruber

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Beschreibung

Der bekannte Luzerner Chirurg, Dr. Jean-Pierre Schleiss, wird ­während eines heftigen Gewitters erschlagen in der Kleinen Emme aufgefunden. Hauptkommissarin Sanja Reusser und ihr Ermittlerteam stehen vor einem Rätsel. Was zunächst wie ein ­Unfall aussieht, entpuppt sich schnell als kaltblütiger Mord. Die Spur führt in die ­Vergangenheit des Opfers – und in eine düstere Welt voller Lügen, ­Intrigen und ungesühnter Schuld. Während die Polizei versucht, das Puzzle zusammenzusetzen, geschieht ein weiteres Verbrechen. Sanja Reusser erkennt: Der Mörder ist nicht bereit, aufzugeben. Denn was er begonnen hat, ist noch nicht zu Ende ...

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Beatrice Schweingruber

Völlig erschlagen

Beatrice Schweingruber

Völlig erschlagen

Kriminalroman

R. G. Fischer Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2025 by R. G. Fischer Verlag

Sontraer Str. 13, D–60386 Frankfurt/Main

info@rgfischer–verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Titelbild: molodec73 – © 123rf.com

Schriftart: Garamond 11,5 pt

Herstellung: rgf/1A

ISBN 978-3-8301-1972-2 EPUB

Inhalt

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ZWEI JAHRE ZUVOR

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SECHS MONATE SPÄTER

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Dank

HEUTE

1

Gute Besserung hatten sie mir gewünscht. Gute Besserung. Ja, ich dankte ihnen. Ich wusste meine freie Zeit zu nutzen. Seit langer Zeit hatte ich einen Plan im Kopf. Jetzt wollte ich ihn umsetzen. Endlich.

Mit einem schwarzen, für diesen Zweck gemieteten Kleinwagen folgte ich dem Mann seit Tagen. Ich kannte seine Gewohnheiten. Ich kannte den Treffpunkt; immer am selben Ort. Ich musste zugeben: Dieser war ideal gewählt. Ein abgelegener Platz nahe am Fluss, klein, kaum einsehbar, umgeben von Bäumen und Büschen. Kein öffentlicher Verkehr, und die alte Holzbrücke war die einzige Verbindung zum anderen Ufer. Oft kam der Mann abends hierher. Er war attraktiv und wirkte selbstsicher und erfolgreich – ein Auftreten, das den Frauen gefiel. Seine Begleiterinnen waren zum Verwechseln ähnlich. Gross und schlank mussten sie sein. Das war sein Beuteschema. Wohin sie danach fuhren, wusste ich nicht. Es war zu riskant, ihnen an diesem abgelegenen Ort zu folgen. Ich wäre aufgefallen. Also war ich vorsichtig.

Wie ich diesen selbstgefälligen Menschen hasste! Seit Jahren schon. Seine Arroganz. Wer sich ihm nicht unterwarf, hatte verloren. Dass er sämtliche Werte mit Füssen trat, interessierte niemanden. Mich schon.

Seine Stimme hallte in meinem Kopf wider, messerscharf: »Du wirst es nie zu etwas bringen, verstehst du?« Immer wieder hatte der Mann das gesagt. Mit diesem hämischen Lächeln, während die anderen lachten. Damals hatte ich schweigend dagestanden, gedemütigt und allein. Doch heute sollte sich das Blatt wenden. Heute war ich nicht mehr stumm. Ich kannte den Mann und wusste, dass er Überraschungen hasste, besonders unangenehme. Er war ein Kontrollfreak, stolz darauf, alles im Griff zu haben. Deshalb kam der Mann regelmässig dreissig Minuten vor den Frauen zum Treffpunkt, um die Umgebung zu überprüfen, potenzielle Gefahren zu erkennen und sicherzustellen, dass alles nach Plan verlaufen würde.

Der kleine Parkplatz war zu eng für mehrere Autos. Meinen Kleinwagen hatte ich wie immer unter den Bäumen auf der gegenüberliegenden Seite geparkt, wo er nicht auffiel. Im Halbdunkel der Abenddämmerung verschmolz er mit der Umgebung. Es hätte das Auto eines Hundehalters sein können, der abends seinen Hund ausführte.

Ich lauerte im Gebüsch und wartete. »Was, wenn es schiefgeht?«, flüsterte ich mir, plötzlich unsicher, selbst zu. »Es wird nichts schiefgehen. Ich habe alles geplant. Wenn ein unerwarteter Passant in der Nähe auftaucht, verschwinde ich durch die dichten Büsche. Wie überprüft«, beruhigte ich mich. Mittlerweile kannte ich die Gegend wie meine Westentasche.

Das Rauschen des überfluteten Flusses und fernes Donnergrollen drangen an mein Ohr. Jeden Abend zogen schwere Gewitter über die Gegend. Ich fühlte, dass es heute funktionieren würde. Ich wusste es. Das Wetter spielte mir in die Karten, und das Hochwasser kam mir zugute. Die Strömung war stark genug, einen Körper weit flussabwärts zu treiben.

Es war düster, der Wind hatte aufgefrischt, und doch war es schwül. Das Gewitter würde die Spuren verwischen. Der Schweiss rann mir in den Kragen. Langsam streifte ich mir die Handschuhe über und ergriff den Hammer. Meine Haare hatte ich zusammengebunden und sorgfältig unter einer Mütze verborgen. Ich war bereit, fühlte mich stark und mächtig.

Plötzliches Rascheln hinter mir. Ich zuckte zusammen. Es war nur eine Katze. Ich wollte ihr mit dem Fuss einen kräftigen Tritt versetzen, aber sie war schneller als ich. Dämliches Vieh!

Dann hörte ich ein Motorengeräusch und nahm augenblicklich meine Position wieder ein. Mein Herz klopfte zum Zerspringen, obwohl ich wusste, dass ich alles getan hatte, um unentdeckt zu bleiben. Vorsichtig spähte ich von meinem Versteck auf den Parkplatz. Es war der Mann, ich erkannte seinen Wagen. Ein Blick auf die Uhr bestätigte es mir. Dieselbe Zeit. In dreissig Minuten würde seine Geliebte kommen. Wie immer. So musste es sein, sonst würde mein Plan nicht aufgehen. Sonst war es zu riskant.

Der Mann blieb wie üblich im Auto sitzen. Was er tat, wusste ich nicht. Dann stieg er aus, warf einen flüchtigen Blick auf den Kleinwagen und ignorierte ihn wie an den Tagen zuvor. Er umkreiste den Vorplatz den Büschen entlang, sah sich um und blickte die Böschung hinab. Er kam immer näher.

Ich hielt den Atem an. Meine Hände umklammerten den Hammer so fest, dass die Knöchel weiss hervortraten. Noch zwei Schritte. Dann stand er direkt neben mir. Jetzt.

Mit einem Schrei, der fremd in meinen Ohren klang, sprang ich aus meinem Versteck. Der Hammer sauste hinab, ein gezielter Schlag. Doch er reagierte schneller, als ich erwartet hatte – das Metall streifte nur sein Ohr. Er taumelte zurück, brüllte vor Schmerz und riss instinktiv die Hände hoch. Seine Augen, gross und entsetzt, bohrten sich in meine. Es war, als würde die Zeit stehen bleiben. Sein Mund formte ein stummes Wort, dann folgte ein Schrei.

Mein zweiter Schlag war instinktiv, brutal. Der Hammer krachte gegen seinen Schädel. Er sackte in die Knie, doch seine Finger klammerten sich verzweifelt an meine Jacke. Ein letzter Versuch. Blind vor Wut schlug ich erneut zu. Ein widerliches Knacken. Blut spritzte auf meinen Arm, und sein Griff löste sich. Der Körper kippte seitlich um und blieb in unnatürlicher Haltung liegen. Still. Regungslos.

Ich starrte auf das, was ich getan hatte. Mein Atem raste. Ich wischte mit dem Ärmel über mein Gesicht.

Dann steckte ich den Hammer in den Hosenbund, packte den Mann unter den Armen und schleifte ihn die Böschung hinunter. Der Regen setzte ein, schwer und gnadenlos, und binnen Minuten war ich von Regen und Schweiss komplett durchnässt. Es war, als würde die Natur selbst gegen mich ankämpfen. Aber ich würde gewinnen. Ich musste.

Der Mann war deutlich schwerer als erwartet. Seine Beine verfingen sich im Geäst und schienen sich gegen mich zu wehren. Ich zerrte und fluchte leise, mein Atem ging stossweise. Ich kämpfte verbissen, bis sich die Beine lösten. Auf dem matschigen Boden rutschte ich aus und fiel der Länge nach hin. »Verfluchte Scheisse!« Mein Hass auf den Mann wuchs noch weiter.

Ich kämpfte mich auf die Beine, packte den Mann wutentbrannt und zerrte ihn weiter die Böschung hinunter. Mit letzter Kraft wuchtete ich ihn über die Kante und liess ihn ins Wasser fallen. Die Strömung erfasste den leblosen Körper und trieb ihn zu einem Felsvorsprung, wo er erneut hängenblieb. Fluchend stieg ich ins kalte Wasser, rutschte auf den Steinen aus und konnte mich gerade noch an einem Ast festhalten. Ich watete zum Körper, zog ihn weg und stiess ihn zurück in die Strömung, die ihn wieder erfasste und erbarmungslos flussabwärts zog. Ich beobachtete ihn, bis er aus meinem Blickfeld verschwand.

Dann betrachtete ich die Spuren, die im Schlamm deutlich sichtbar waren. Mit einem bereitgelegten Ast fegte ich hastig darüber, doch der aufgeweichte Boden machte es schwer. Der Regen würde helfen, aber wenn jemand genau hinsähe … Nein, keine Zeit für Zweifel. Ich schob den Ast zurück ins Gebüsch, um keine zusätzlichen Spuren zu hinterlassen, und überprüfte hektisch den Bereich. Es musste reichen. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass ich mehr Zeit benötigt hatte als geplant. Ich musste mich beeilen, bevor die Frau kam.

Mit klammen Fingern riss ich die Handschuhe ab und stopfte sie hastig in meine Hosentasche. Der Regen trommelte auf das Wagendach, als ich mich in den Sitz fallen liess, den Schlüssel umdrehte und den Motor startete. Schmutzig und völlig durchnässt, lenkte ich meinen Kleinwagen über den holperigen Weg. Erst jetzt bemerkte ich das heftige Zittern meiner Beine, als die Anspannung langsam nachliess.

Ich blickte in den Rückspiegel. War das ein Licht? Eine Bewegung?

Einfach weiterfahren.

2

Am folgenden Abend zog wieder ein heftiges Gewitter über Luzern auf. Wie die letzten Tage.

Peter Caduff, der langjährige Leiter der Mordkommission Luzern, schloss das Fenster und liess den Blick über die vertrauten Gesichter im Raum gleiten. Der Duft von abgestandenem Kaffee lag schwer in der Luft, doch heute war ein Hauch von Feierlich– keit spürbar. Er klopfte an die Fensterbank, als wollte er sich Mut machen, und begann zu sprechen.

»Meine Damen und Herren, heute ist ein besonderer Tag. Nach Jahrzehnten in diesem Dienst verabschiede ich mich – und übergebe die Verantwortung in jüngere Hände.« Seine Stimme klang warm, aber etwas brüchig. »Sanja Reusser kennt ihr alle. Sie übernimmt meine Nachfolge. Ich weiss, sie hat euer Vertrauen verdient.«

Alle Blicke wanderten zu Sanja, die unauffällig am Rand des Raums stand. Ihre Hände hielten ruhig einen Blumenstrauss, doch ihre schmalen Lippen verrieten ihre Anspannung.

»Eine harte Zeit für Luzerner Kriminelle beginnt«, fügte Caduff scherzhaft hinzu. »Mit Sanja an der Spitze werden sie keine Chance haben.«

Ein Lachen ging durch den Raum, doch Sanja spürte die skeptischen Blicke einiger Kollegen. Sie lächelte höflich, während sie sich zwang, nicht an ihre Vergangenheit zu denken. »Danke, Peter«, sagte sie schliesslich, trat nach vorne und überreichte ihm die Blumen. Ihre Stimme war ruhig. »Ich freue mich auf die neue Aufgabe und bin sicher, dass wir gemeinsam ein starkes Team bleiben. Danke für alles. Viel Glück für deine Zukunft.«

Caduff nickte zufrieden. Doch Sanja wusste, dass dies nur der Anfang war. Sie würde kämpfen müssen – gegen Vorurteile, gegen alte Wunden und gegen die Schatten, die in ihr selbst lauer– ten.

»Ich freue mich, euch Nora Sommer vorzustellen«, fuhr Caduff weiter fort. »Sie ist seit zwei Wochen bei uns, und ich bin sicher, sie wird gut ins Team passen. Ich bitte euch, sie jederzeit zu unterstützen. Nora ist Sanjas Assistentin und übernimmt Aufga– ben von Philipp Müller, der jetzt bei der Zeitung News & Facts arbeitet.«

Caduff wandte sich direkt an Nora. »Herzlich willkommen bei der Luzerner Polizei. Das Team freut sich auf dich und wünscht dir viel Erfolg. Frag bei Problemen immer deine Kollegen. Die Arbeit hier ist wie in St. Gallen. Denn seien wir ehrlich: Diebstahl bleibt Diebstahl, und Mord kennt keine Stadtgrenzen.« Alle lach– ten.

Nora, die frisch von St. Gallen nach Luzern gezogen war, bedankte sich lächelnd, konnte aber ihre Anspannung nicht ver– bergen. Sie wusste, dass der Wechsel eine Herausforderung war, nicht nur beruflich, sondern auch privat.

Caduff sah erneut zu Sanja. Er war gespannt, wie sie ihre neue Aufgabe als Führungsperson bewältigen würde. Nach seiner län– geren Abwesenheit hatte Caduff sie kaum wiedererkannt. Sie wirkte verändert. Selbstbewusst. Ihre wilden Locken, früher zu einem strengen Pferdeschwanz zurückgebunden, fielen ihr jetzt weich ins Gesicht. Auch ihr Kleidungsstil wirkte selbstbewusster, sportlich–elegant, und betonte ihre schlanke Figur. Ihre äussere Veränderung symbolisierte vielleicht eine tiefere innere Wand– lung. Dennoch war Caduff überzeugt, dass Sanja trotz gesteiger– tem Selbstbewusstsein immer ein wenig impulsiv und ungeduldig bleiben würde.

Er fuhr fort: »Ich wünsche Sanja und dem ganzen Team viel Erfolg. Ich danke euch für euer Vertrauen. Es war mir eine Freude, mit euch zusammenzuarbeiten. Und nun wünsche ich allen einen schönen Abend. Geniesst den Apéro.«

Damit beendete Caduff den offiziellen Teil seiner Verabschie– dung. Er hatte es nie gemocht, im Mittelpunkt zu stehen und Reden zu halten. Offizielle Veranstaltungen und Small Talk lagen ihm nicht. Im Gegenteil. Er sehnte sich danach, nach Hause zu gehen, wo seine Frau Carole sein Lieblingsessen kochte: Gulasch und Spätzle.

Caduff stand neben Sanja an einem Stehtisch und kämpfte mit Häppchen, Weissweinglas und Serviette, als ihr Handy klin– gelte. Sanja entfernte sich ein paar Schritte und hörte zu. Ihre Miene verhärtete sich. Wie immer, wenn sie sich konzentrierte, bildete sich eine steile Falte zwischen ihren Augenbrauen, und sie rieb sich an der Nase. Adrenalin schoss durch ihren Körper, und ihr Herz begann zu rasen. Jetzt geht's los, dachte sie und atmete tief durch.

Sanja spürte, wie sich die Blicke der Anwesenden auf sie rich– teten. Sie drehte sich schnell um und ging zu Caduff.

»Wir haben eine Leiche.« Ihre Stimme klang angespannt. »Peter, ich muss los«, sagte sie leise. Ihre Augen suchten kurz sei– nen Blick, wie um sich Mut zu machen. Caduff nickte. Er wusste, was das bedeutete.

»Viel Glück«, antwortete er knapp und klopfte ihr ermutigend auf die Schulter.

Sanja wandte sich an Nora. »Nora, komm, es geht los.«

Nora straffte die Schultern und folgte ihr. Trotz ihrer Anspan– nung hatte sie sich geschworen, hier einen neuen Anfang zu machen, beruflich wie privat.

Beide ahnten, dass das der Beginn einer herausfordernden Zeit war.

3

Mit einem ohrenbetäubenden Donnern brach das Gewitter los, als sie vor der neuen Polizeistation in Luzern in den Streifenwagen stiegen. Erst kürzlich war die Station von Meggen hierherverlegt worden, um die Ressourcen besser zu nützen. Die technische Ausstattung in Luzern war deutlich besser.

Der Regen prasselte unerbittlich auf den Asphalt, und die Dunkelheit war bereits hereingebrochen. Sanja setzte sich ans Steuer, befestigte das Blaulicht auf dem Autodach und brauste in Richtung Malters davon.

»Ausgerechnet bei diesem Wetter«, murmelte Sanja und spürte Noras fragenden Blick auf sich.

»Die Leiche wurde an der Kleinen Emme beim Schwellisee– Grillplatz gefunden«, erklärte sie knapp und konzentrierte sich auf das Fahren. Für Sanja war damit alles gesagt. Die Scheiben– wischer kämpften gegen die Regenmassen. Es war schwierig, die Strasse zu erkennen, weshalb Sanja langsamer fuhr.

»Ich kenne die Kleine Emme. Was ist das Problem?«, fragte Nora.

»Kennst du ihre zwei Gesichter?«, erwiderte Sanja, den Blick auf die Strasse gerichtet.

»Zwei Gesichter?«

»Bei Hochwasser wird sie zum reissenden Fluss. Gotthelf hat das beschrieben. Kennst du ihn?«

»Natürlich kenne ich Gotthelf«, sagte Nora knapp.

Sanja strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Vor nicht langer Zeit wurden beim Bad in Wolhusen einfach Autos vom Parkplatz weggeschwemmt. Einfach so. Im Kanton Bern sind die Verwüstungen oft noch schlimmer als bei uns. Deshalb spricht man von zwei Gesichtern.«

In diesem Moment zuckte ein Blitz am Himmel, und der darauffolgende Donnerschlag liess Nora zusammenfahren. Unglaublich. Kaum hatte sie ihre neue Stelle angetreten, war sie bereits mit einem Toten mitten in einem tobenden Gewitter konfrontiert. Das war aufregend, wirklich aufregend. Sie fröstelte und spürte ihre innere Anspannung sowie ein leichtes Zittern, das sich in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Nora wusste nur zu gut, was das bedeuten konnte. Bevor sie vor einigen Jahren die Diag– nose erhalten hatte, war ihr das öfter passiert. Seither hatte sie die Situation im Griff, aber die Angst vor einem Zusammenbruch auf– grund einer Unterzuckerung war ihr permanenter Begleiter. Heute hatte sie gespritzt, aber viel zu wenig gegessen. Schnell steckte sie sich ein Traubenzuckerbonbon in den Mund, konzentrierte sich auf ihre Atmung und zählte bis zehn, um sich zu beruhigen.

Die gestreiften Absperrbänder flatterten wild im Wind und wiesen den beiden Polizistinnen den Weg. Polizei, Feuerwehr und Ambulanz waren bereits vor Ort, und die Blaulichter wirkten gespenstisch in der Dunkelheit. Sanja schob sich die Kapuze über den Kopf und verbarg die Hände in ihrer Regenjacke, um sich vor den Regengüssen zu schützen. Ihre Stiefel versanken im schlam– migen Boden. Der Wind peitschte, und sie mussten sich mit aller Kraft gegen die Naturgewalt anstemmen. Die plötzlichen Wetter– wechsel hier hatten auch schon für unerwartete Katastrophen gesorgt. Was würde diese Nacht noch bringen?

Erwartungsgemäss war aus der Kleinen Emme ein reissender Fluss geworden und hatte das Ufer überschwemmt. Die Treppen– stufen, die vom Picknickplatz ins Wasser führten, waren über– flutet. Ebenfalls unter Wasser stand der Spazierweg entlang des Ufers. Es herrschte ein Durcheinander von Holz, Ästen, Schmutz und Blättern. Höchst erstaunlich, dass bei diesem Wetter hier eine Leiche entdeckt worden war.

Sanja wandte sich an Nora. »Bist du bereit, den Toten zu untersuchen? Bamert ist schon da.«

Nora nickte und versuchte, ihre innere Anspannung zu ver– bergen. Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, als sie die kalten, leblosen Züge des Toten betrachtete. Sie schluckte schwer, zwang sich aber, ruhig weiterzuarbeiten. »Natürlich«, antwortete sie selbstbewusster, als sie sich tatsächlich fühlte.

Dr. Hansjörg Bamert, der Gerichtsmediziner, beugte sich über den leblosen Körper, der vor dem Eintreffen der beiden Ermittle– rinnen aus dem Wasser gezogen worden war. Offensichtlich war der Mann tot. Ein Auge starrte leer in den Himmel, das andere war von einer nassen Haarsträhne verdeckt. Seine Kleidung war zerrissen und schmutzig. Sanja ging neben dem Gerichtsmedizi– ner in die Hocke. »Es riecht übel hier«, meinte sie mehr zu sich selbst und rümpfte die Nase. »Nach Tod und Schlamm. Modrig und faulig. Was denkst du? Wie ist er umgekommen?«, fragte sie Bamert nach einer kurzen Begrüssung. Sie kannte seine Einsilbig– keit und verzichtete auf Small Talk. Seine Antwort war ein unver– ständliches Brummen.

»Kannst du den ungefähren Todeszeitpunkt bestimmen?«, versuchte sie es mit einer anderen Frage. An seinem Gesichtsaus– druck konnte sie nicht ablesen, ob er sie gehört hatte. Vielleicht hatte er sie bei diesem Brausen von Wind und Wellen nicht ver– standen.

»Mindestens fünfzehn Stunden oder länger im Wasser.« Offen– sichtlich hatte er sie doch gehört.

Er drehte den Kopf des Toten. »Die Verletzung am Hinter– kopf – könnte von einem Sturz stammen. Aber …« Er hielt inne wie gewohnt. Sanja warf Nora einen wissenden Blick zu. Sie hatte ihrer Kollegin von Bamerts Eigenart erzählt.

Nach einer Weile sprach er weiter. »Ob die Verletzung tödlich war oder ob er ertrunken ist, kann ich dir heute nicht sagen.« Er schüttelte sich wie ein nasser Hund.

»Also keine Fremdeinwirkung«, hakte die Kommissarin nach.

»Auf den ersten Blick nicht. Näheres nach der Obduktion. Ich erwarte dich morgen gegen 14:00 Uhr in der Gerichtsmedizin.«

Mit dem Zeigfinger wies er auf einen Mann, der abseits auf einem Ast sass und in ihre Richtung blickte. »Dort wartet der Mann auf euch, der den Toten gefunden hat. Seinen Namen habe ich vergessen. Schönen Abend noch.« Damit erhob sich der Arzt mühsam, stemmte sich gegen den Wind und ging in Richtung Auto davon. Sanja schüttelte den Kopf. Typisch Bamert. Mit Lebenden konnte er schlecht umgehen. Nur selten äusserte er ein persönliches Wort. Zu Sanjas Überraschung blieb er stehen und blickte nochmals zurück, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Du tropfst«, bemerkte er trocken, bevor er in seinen Wagen stieg. Sanja schmunzelte. Humor hatte sie bei Bamert selten erlebt. Sie tropfte nicht nur, das Wasser lief buchstäblich an ihr hinunter.

Zusammen mit Nora ging sie dem Mann entgegen, der sich in der Zwischenzeit erhoben hatte. »Sanja Reusser, Kriminal– polizei Luzern.« Sanja deutete auf ihre Kollegin. »Das ist Nora Sommer.«

»Arthur Hugentobler. Ich habe die Leiche gefunden und die Rettungskräfte gerufen«, stellte sich der Mann ebenfalls vor.

»Das haben Sie gut gemacht. Wie haben Sie die Leiche gefun– den?«

»Ich kam wie jeden Abend mit meinem Hund hierher. Nor– malerweise spaziere ich am Ufer entlang, aber heute blieb ich in der Nähe des Kiosks stehen und liess den Hund an der langen Leine. Ich wollte nicht, dass er zu nahe an den Fluss geht.« Sanja nickte höflich und wartete ab, was er weiter zu erzählen hatte. Auch Nora nickte zustimmend. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie gefährlich es war, dem Flussufer zu nahe zu kommen.

»Mein Hund zerrte plötzlich wild an der Leine und bellte in Richtung Gebüsch. Als ich nachsah, entdeckte ich den Toten. Er war in den Ästen verfangen und drohte, vom Wasser mitgerissen zu werden. Ein schrecklicher Anblick.«

Sanja nickte. Ja, das konnte sie sich durchaus vorstellen. Auch für sie war der Anblick einer Leiche keine Freude. Daran gewöhn– te man sich nie. Nora sah fix und fertig aus.

»Haben Sie den Mann schon einmal hier in der Umgebung gesehen? Kam er Ihnen bekannt vor?«

»Nein, ich habe ihn mit Bestimmtheit noch nie gesehen«, meinte er und deutete mit dem Finger vage in die Richtung des Toten, der immer noch am Boden in der Nässe lag. »Im Sommer ist dieser Weg beliebt. Vor allem Mütter kommen mit ihren Kin– dern hierher zum Spielplatz, aber bei diesem Wetter wagt sich kaum jemand nach draussen, schon gar nicht an die Kleine Emme. Bei Hochwasser ist es ausgesprochen gefährlich. Heute war keine Menschenseele hier.«

»Haben Sie einen anderen Hund gesehen? Vielleicht war der Mann auch mit seinem Hund unterwegs.«

»Einen Hund? Nein, ausser meinem war kein anderer Hund in der Nähe.«

Nora fragte weiter: »Haben Sie etwas Auffälliges bemerkt?«

Arthur Hugentobler schüttelte vehement den Kopf. »Nichts.«

Während Nora seinen Namen und die Adresse notierte, ging Sanja zum Chef der Spurensicherung, um ihm Neuigkeiten zu entlocken. Wie nicht anders zu erwarten, verwies Karl Wieser Sanja auf seinen Bericht. Bevor er eine endgültige Aussage treffen konnte, mussten die gesammelten Spuren sorgfältig ausgewertet werden, was einige Zeit beanspruchen würde. Sanja musste sich gedulden, ob sie wollte oder nicht. Karl Wieser, erfahren und schweigsam, arbeitete gewissenhaft. Sein struppiger Schnurrbart verlieh ihm ein markantes Aussehen. Mit seinem grauen Vollbart und den langen grauen Haaren hatte er früher einen eher ver– wahrlosten Eindruck gemacht. Der Schnurrbart und sein Kurz– haarschnitt standen ihm definitiv besser, dachte Sanja. In einem Jahr würde er in den Ruhestand gehen, was sie bedauerte. Sie schätzte die Zusammenarbeit mit ihm sehr, obwohl sie wusste, dass auch er zunächst nicht darüber erfreut gewesen war, dass sie die Leitung der Mordkommission übernahm. Sie war sich jedoch dessen bewusst, dass sich seine anfängliche Skepsis nicht gegen sie als Person richtete. Er hätte sich einfach gewünscht, noch ein wei– teres Jahr bis zu seiner Pensionierung mit Caduff zusammenzu– arbeiten. Aber mittlerweile hatte er die Situation und damit auch Sanja akzeptiert.

Nora Sommer war fast so bleich wie die Leiche, als sie neben dem Toten niederkniete, um seine Taschen zu durchsuchen. Ihre Kleidung war klitschnass und klebte an ihrem muskulösen, kom– pakten Körper. Ihre kurzen schwarzen Haare lagen an ihrem Kopf wie eine Badekappe. In der Hektik hatte sie vergessen, eine Regenjacke mitzunehmen. Sanja trat zu ihr. »Hast du einen Aus– weis gefunden? Wissen wir, wer der Tote ist?«

In diesem Moment zog Nora ein durchnässtes Portemonnaie aus der Gesässtasche des Toten. Mit spitzen Fingern holte sie Geldscheine hervor – mindestens fünfhundert Schweizer Fran– ken. »Wenn dieser Mann Opfer eines Tötungsdelikts wurde, dann war es sicher kein Raubmord«, meinte sie, bevor sie weiter seine Taschen durchsuchte und einen Ausweis herauszog, den sie aufmerksam betrachtete.

»Oh Mann«, flüsterte sie. »Es ist Dr. Jean–Pierre Schleiss, der bekannte Chirurg vom Privatspital Vitalis in Luzern. Ich habe kürzlich einen Bericht über ihn und seine Familie gelesen. Des– halb kenne ich seinen Namen.«

»Schleiss? Dr. Jean–Pierre Schleiss?«, wiederholte Sanja lang– sam. Sie konnte den Namen kaum mit dem schlammverschmier– ten, leblosen Körper vor sich verbinden. »Was um alles in der Welt hat er hier gemacht?« Es war eine rein rhetorische Frage, auf die Nora nicht antwortete. Die beiden Frauen betrachteten den Toten von allen Seiten. Was war hier passiert?

»Hast du seine Kleidung bemerkt? Lässig, leger, aber sehr teuer. Armani–Jeans und Hugo-Boss–Jacke.«

Gedankenverloren betrachteten die Kommissarinnen den Toten, als sich zwei Männer mit einer Bahre näherten. »Können wir ihn mitnehmen?«, fragten sie. »Wir wären so weit.«

»Natürlich«, antwortete Sanja, woraufhin sie und Nora zur Seite traten, damit die Männer den Toten auf die Bahre legen und zur Obduktion in die Gerichtsmedizin überführen konnten.

Die beiden Frauen verabschiedeten sich von Karl Wieser und seinen Teamkollegen, die in ihren weissen Schutzanzügen Spuren sicherten und dokumentierten. Sie hatten den Toten und die Umgebung von allen Seiten fotografiert, um die Situation festzu– halten.

Sanja und Nora stiegen ins Auto und liessen die Experten der Spurensicherung ihre Arbeit verrichten. Sie fuhren zurück zum Polizeirevier. Sie mussten noch heute Nacht der Familie des Toten die traurige Nachricht überbringen. Das Übermitteln von Todes– nachrichten war immer schwierig. Die Reaktion der Betroffenen war nie vorhersehbar. Sanja dachte an Caduff. Er hatte es verstan– den, selbst die traurigsten Nachrichten schonend und mit viel Empathie zu übermitteln.

Jetzt war es ihre Aufgabe.

4

Sanja und Nora fanden die hell erleuchtete Villa an schönster Hanglage am Stadtrand von Luzern problemlos. Das grosse Schmiedeeisentor stand einladend offen, und sie fuhren langsam vor. »Wow«, murmelte Sanja. »Hast du jemals so etwas gesehen?«

Nora lächelte flüchtig. »Nur im Fernsehen. Denver-Clan, die Lieblingsserie meiner Mutter.«

Sie parkten vor dem Haus, und die Tür öffnete sich wie von Geisterhand, bevor sie klingeln konnten. Eine elegant gekleidete Frau stand unter der Tür. Ihre Augen weiteten sich überrascht, als sie die Polizistinnen sah. Offensichtlich hatte sie jemand anderen erwartet. Beide zogen ihren Ausweis hervor und zeigten ihn der Frau.

»Sind Sie Frau Schleiss?«, fragte Sanja.

Frau Schleiss nickte kurz. Ihre Augen, tiefbraun und von dunklen Schatten umrandet, suchten Sanjas Blick. »Polizei?« Ihre schlanken Hände hielten den Türrahmen fest umklammert.

»Ja. Mein Name ist Sanja Reusser. Das ist meine Kollegin Nora Sommer. Dürfen wir bitte hereinkommen, Frau Schleiss?«

Ein leises Nicken, ein kleiner Schritt zur Seite. Sanja und Nora streiften sorgfältig ihre nassen Schuhe auf der Matte ab und traten ein. Im Inneren des Hauses war es still, fast gespenstisch. Die Poli– zistinnen setzten sich an den Rand eines perfekt drapierten Sofas. Christina Schleiss blieb stehen, als wollte sie auf Distanz bleiben.

»Was ist passiert?«, fragte Frau Schleiss. Ihre Stimme verriet, dass sie bereits das Schlimmste befürchtete. Es war immer wieder erstaunlich, wie schnell die Menschen schlechte Nachrichten erwarteten, wenn die Polizei unangemeldet vor ihrer Tür stand.

»Es tut uns leid«, begann Sanja. Ihre Stimme war sachlich, doch die Worte wogen schwer. »Ihr Mann wurde tot aufgefunden.«

Christina blinzelte, als hätte sie nicht verstanden. Dann schüt– telte sie den Kopf. »Das kann … nicht sein.«

»Leider doch.« Nora sprach jetzt, vorsichtig. »Wir haben ihn in der Kleinen Emme gefunden. Seine Ausweispapiere bestätigen es.«

Ein leises Keuchen entwich der Witwe, doch sie behielt die Fassung. Sie setzte sich auf den äussersten Rand eines Sessels, die Finger verschränkt, als müsse sie sich selbst Mut machen. »Wie … wie ist das passiert?«

»Wir wissen es noch nicht genau«, antwortete Sanja behut– sam. »Wir möchten Ihnen ein paar Fragen stellen, um besser zu verstehen, was ihm zugestossen ist.«

Christina hob den Kopf. Ihr Blick war scharf, fast ablehnend. »Fragen? Sie glauben doch nicht, dass ich …«

»Nein, Frau Schleiss«, unterbrach Sanja mit sanfter Autorität. »Wir versuchen nur, alle Umstände zu klären. Können Sie uns sagen, ob Ihr Mann in letzter Zeit Probleme hatte? Streit? Irgend– etwas Ungewöhnliches?«

Christina zögerte. »Nein, nicht, dass ich wüsste.«

Sanja lehnte sich leicht vor. »Er war ein erfolgreicher Mann. Es gibt Menschen, die Neid empfinden. Oder alte Konflikte, die wieder auftauchen.«

»Mein Mann war sehr beliebt.« Nach einem kurzen Zögern fragte sie: »Haben Sie ihn in seiner Praxis gefunden?«

Offenbar war die traurige Nachricht immer noch nicht zu Frau Schleiss durchgedrungen.

»Nein, Frau Schleiss. Wir haben Ihren Mann heute Abend in der Kleinen Emme gefunden. Ein Spaziergänger und sein Hund haben ihn entdeckt.«

»Das ist unmöglich. Sie irren sich, das kann nicht mein Mann sein. Wir sind für heute Abend eingeladen. Er ist sicher im Spital oder in seiner Praxis aufgehalten worden. Es muss eine Verwechs– lung vorliegen. Ich rufe ihn jetzt an. Sie werden sehen, dass er ant– wortet.« Sie griff nach ihrem Handy, tippte hektisch auf dem Dis– play, bevor sie innehielt. »Das ergibt keinen Sinn, wirklich keinen Sinn …«

»Wie gesagt, haben wir seine Ausweispapiere gefunden«, ant– wortete Sanja ruhig. »Bitte begleiten Sie uns zur Gerichtsmedizin. Selbstverständlich können Sie jemanden mitnehmen, wenn Sie möchten. Dann haben wir Klarheit.«

Sanja betrachtete Frau Schleiss mit viel Mitgefühl. Sie wirkte zerbrechlich. Sie sass reglos da und gab keine Antwort.

Sanja erhob sich. »Frau Schleiss, ich weiss, dass das schwer zu akzeptieren ist. Aber wir müssen es ganz sicher wissen. Ich bitte Sie, uns zu begleiten.«

Für einen weiteren Moment blieb Frau Schleiss stumm. Ihre Hände zitterten leicht, als sie das Handy zurück in die Tasche steckte. Schliesslich hob sie den Kopf und strich sich über die Haare. »Ich komme mit. Aber Sie werden sehen: Sie irren sich.« Sie erhob sich ebenfalls und ging langsam und schwerfällig die Treppe hinauf, um sich umzuziehen.

Als sie bereit war, fuhren die drei Frauen schweigend zur Gerichtsmedizin, wo sie von Bamert bereits erwartet wurden. Nora hatte ihn über ihr spätes Erscheinen informiert und war nicht überrascht, ihn in der Gerichtsmedizin zu erreichen. Er arbeitete oft bis spät in die Nacht hinein.

Vorsichtig entfernte er das Laken, das den Kopf des Toten bedeckte, und trat einen Schritt zurück. Bamert hatte den Leich– nam bereits von Schlamm und Schmutz befreit, sodass das Gesicht sauber wirkte. Die Haare des Verstorbenen waren eben– falls sorgfältig gekämmt. Die schwerwiegende Verletzung am Hinterkopf war aus dieser Perspektive nicht zu sehen.

Christina beugte sich über ihren Mann. Eine Sekunde lang schien sie wie erstarrt, dann wich sie erschrocken zurück, als hätte sie sich verbrannt. Die Realität traf sie mit voller Wucht. In ihren Augen flackerte nicht nur Schock, sondern auch blanke Furcht. Ein trockenes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, und ihr Kör– per begann, unkontrolliert zu zittern.

Bamert und Sanja stützten die Frau und führten sie in den Korridor, wo sie sie auf einem Stuhl platzierten. Nora Sommer reichte ihr ein Glas Wasser. Die Reaktion von Christina Schleiss war so eindeutig, dass es keiner weiteren Frage mehr bedurfte. Der Tote war ihr Ehemann, Jean–Pierre Schleiss.

Während sich Nora um die Witwe kümmerte, berührte Bamert Sanja am Arm. »Die Verletzungen am Hinterkopf könn– ten von einem stumpfen Gegenstand stammen. Es ist zu früh, um sicher zu sagen, ob es ein Unfall oder etwas anderes war.«

»Ein Sturz?«, fragte Sanja, und rieb sich an der Nase.

»Vielleicht. Aber es sind drei Wunden, und die sind ungewöhn– lich tief. Ich möchte nicht spekulieren, bevor ich die Ergebnisse der Autopsie habe.«

Jede mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, sassen die drei Frauen im geräumigen Haus der Familie Schleiss, nachdem die Polizistinnen die Witwe nach Hause gefahren hatten. Sanja dachte über die ungewöhnliche Reaktion der Frau nach. Noch nie hatte sie erlebt, dass jemand so heftig vor einem toten Angehörigen zurückgewichen war. Es schien, als hätte Christina Angst vor ihm gehabt. Sanja beobachtete sie unauffällig. Christina schnäuzte sich die Nase und schniefte leise. Verzweifelt zerknüllte sie ein Taschentuch nach dem anderen.

»Haben Sie wirklich keine Ahnung, warum Ihr Mann an der Kleinen Emme war?«, fragte Sanja. Keine Antwort. Sie versuchte es erneut. »Was könnte er dort gemacht haben?«

Christina zog die Augenbrauen hoch, und ihre Stimme wurde brüchig. »Ich habe wirklich keine Ahnung. Ich … weiss es nicht.« Die Frau war nun offensichtlich doch am Ende ihrer Kräfte.

»Hatte Ihr Mann heute feste Pläne? War er, abgesehen von der Einladung, noch mit jemandem verabredet?«

Christina zögerte. »Er hat oft länger in seiner Praxis oder im Spital gearbeitet, aber eigentlich hätte er heute pünktlich zu Hause sein sollen. Ausser der Einladung war nichts … Unge– wöhnliches.«

»Gab es in letzter Zeit etwas, was ihn beschäftigt hat? Viel– leicht beruflich oder privat?«

Christina Schleiss wirkte erschöpft. »Ich weiss es nicht. Aber wir haben wenig gesprochen in letzter Zeit.«

Sanja sah auf die Uhr, warf Nora einen Blick zu und schüttelte kaum merklich den Kopf. Sie wollte die Frau nicht weiter quälen.

»Nur noch eine letzte Frage, Frau Schleiss. Haben Sie Ihren Mann nicht angerufen, als er heute nicht pünktlich nach Hause gekommen ist?« Sanja gab nicht auf. Sie wollte eine Antwort auf diese einfache Frage, obwohl sie Mitleid mit der Witwe empfand.

Motorengeräusche draussen enthoben Christina einer Ant– wort. Sie stand auf und ging zur Haustür. Ihre Tochter Tina trat ein, benachrichtigt von Nora. Mutter und Tochter fielen sich schluchzend in die Arme.

Die Tochter überragte ihre zierliche Mutter um Haupteslänge. Sanja liess ihnen einen Moment Zeit, bevor sie Tina die wenigen bekannten Fakten mitteilte. Tina war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Sie wirkte, als würde sie jeden Moment zusammen– brechen. Ihre Mutter stützte sie und sprach beruhigend auf sie ein. In diesem Moment gab die Mutter ihrer Tochter Halt; typisch für eine Mutter, die ihr Kind um jeden Preis beschützen will.

»Papa, in der Kleinen Emme?« Tinas Stimme überschlug sich. »Warum sollte er dort sein?«

»Wir versuchen herauszufinden, was passiert ist, versicherte ihr Sanja mit fester Stimme. »Können Sie sich vorstellen, dass er dort jemanden treffen wollte?«

Tina schüttelte heftig den Kopf. »Ausgeschlossen.« Tränen lie– fen ihr über die Wangen. »Ausgeschlossen!«

»Wir melden uns wieder bei Ihnen, Frau Schleiss«, meinte Sanja leise und tauschte einen bedeutungsvollen Blick mit Nora, bevor sie ihre Karten auf den Tisch legten und das Haus verlies– sen. Im Auto sprach zuerst niemand. Plötzlich drehte sich Sanja zu Nora.

»Findest du es auch seltsam, dass sie beim Anblick ihres Man– nes so erschrocken zurückgewichen ist? War das Trauer? Oder was sonst?«

»Vielleicht war sie einfach überfordert. Aber es war trotzdem erstaunlich, dass sie ihn nicht berührt hat. Als ob sie Angst vor ihm hätte. Ich würde ganz anders reagieren.« Nora schluckte beim blossen Gedanken daran.

»Wir müssen mehr über ihre Beziehung herausfinden.« Sanja überlegte einen Moment. »Ihre Tochter machte einen sehr ergrif– fenen Eindruck.«

»Absolut«, pflichtete ihr Nora nachdenklich bei. »Glaubst du, es könnte ein Verbrechen gewesen sein?«

»Ich weiss es nicht. Wer sollte einen angesehenen Chirurgen umbringen? Warten wir ab, was uns Bamert morgen berichtet. Er ist herausragend in seiner Arbeit, und ich habe grösstes Vertrauen in ihn. Machen wir Schluss für heute. Ich brauche dringend ein heisses Bad. Und du bist ohne Jacke und völlig durchnässt.«

Nach einer kurzen Verabschiedung gingen sie nach Hause.

5

Sanja hatte schlecht geschlafen. Als sie ihr Büro betrat, rümpfte sie die Nase. Der muffige Geruch trieb sie zum Fenster, das sie weit aufriss, bevor sie tief durchatmete. »An diesen Geruch werde ich mich nie gewöhnen«, murmelte sie.

Sie setzte sich an ihr Pult und öffnete eine der überquellenden Schubladen. Das Büro war funktional, aber kalt eingerichtet. Die abgewetzten Möbel störten sie weniger als die Regale, die sich unter dem Gewicht ungeordneter Aktenberge bogen. Wie konnte man jahrelang in dieser Unordnung arbeiten? Wenigstens war die Technik auf dem neuesten Stand.

Seit dem Umbau der Luzerner Polizeistation hatten nur der Polizeipräsident und Sanja ein eigenes Büro. Caduff hatte dem Präsidenten versichert, die vorhandene Einrichtung reiche völlig aus, ohne Sanja vorher zu fragen. Sie hätte sich neue Aktenschrän– ke gewünscht, die genug Platz für Ordnung böten. Vor allem aber hätte sie gern ein Mitspracherecht gehabt – es ging schliesslich um ihren Arbeitsplatz. Sie hatte es noch nie gemocht, wenn Ent– scheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen wurden. Es ging ihr ums Prinzip.

Sobald der Fall Schleiss abgeschlossen ist, werde ich mich um die Einrichtung kümmern. Doch zuerst hat die Arbeit Priorität – vorausgesetzt, es handelt sich überhaupt um einen Kriminalfall. Das wird sich zeigen, dachte Sanja, während sie ihren Computer star– tete und den Namen Jean–Pierre Schleiss eintippte.

Google vergass nichts und hütete keine Geheimnisse. Natürlich, dachte sie. Deshalb kam mir sein Name so bekannt vor. Ich wusste es. Der Fall hatte damals in Luzern für grosses Aufsehen gesorgt, aber sie hatte ihn nur am Rande mitbekommen. Jetzt, da sie sich intensiv damit beschäftigte, spürte sie, wie ihre Anspan– nung wuchs. Jeder hatte gewusst, um wen es sich handelte, auch wenn der Arzt in den Berichten nur als Dr. S. bezeichnet worden war. In der schnelllebigen Medienwelt war das Thema bald wie– der in Vergessenheit geraten. Konzentriert las sie die damalige Schlagzeile.

»Renommierter Chirurg angeklagt – mangels Beweisen freigesprochen

Dr. S., ein angesehener Spezialist einer bekannten Luzerner Privatklinik, sah sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Der renommierte Chirurg soll bei einem älteren Patienten eine Fehldiagnose mit tragischen Folgen gestellt haben.

Der Patient wurde wegen starker Bauch- und Rückenschmerzen in die Klinik überwiesen und von Dr. S. untersucht. Trotz der Beschwerden verzichtete der Arzt auf weiterführende diagnostische Massnahmen, die möglicherweise eine ernsthafte Erkrankung aufgedeckt hätten. Stattdessen empfahl Dr. S. dem Patienten nach einer kurzen Bauchuntersuchung, mit dem Rauchen aufzuhören und seine Ernährung umzustellen.

Kurze Zeit später erlag der Rentner einem unentdeckt gebliebenen Aneurysma. Dieser tragische Vorfall führte dazu, dass der Sohn des Verstorbenen Schadenersatz forderte und Dr. S. wegen medizinischer Fahrlässigkeit verklagte.

Dr. S. wurde freigesprochen.«

Sanja wanderte in ihrem Büro auf und ab. Schleiss' Anwältin, Janine Ottiker, hatte seine Unschuld überzeugend dargelegt oder zumindest so, dass es für einen Freispruch reichte. Der Sohn des Verstorbenen hatte alles verloren, nicht nur seinen Vater, sondern auch Geld und das Vertrauen in die Justiz.

Sanja starrte auf den Bildschirm. Die Worte verschwammen vor ihren Augen. Freigesprochen – sie las das Wort erneut und spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte. War das wirklich alles? Sie spürte, wie sich ein beklemmendes Gefühl in ihrer Magengegend breitmachte. Was, wenn jemand diese Entscheidung als unge– recht empfunden hätte und Rache gewollt hätte?

Würde es je eine gerechte Welt geben? Kaum. Seit ihren drama– tischen Kriegserlebnissen glaubte sie nicht mehr an Gerechtigkeit. Sanjas Gedanken schweiften ab in die Vergangenheit. Gedanken, die sie nur selten zuliess. Sie schlang intuitiv die Arme um ihren Körper.

Im Krieg in Serbien hatte sie ihren geliebten Bruder verloren – ein Verlust, der ihre Familie und sie selbst für immer verändert hatte. Seither war ihre Mutter psychisch krank, und Sanja war nicht mehr das unbeschwerte Mädchen, das davon geträumt hatte, wie sein Vater Ärztin zu werden. Die Erlebnisse des Krieges und der spätere Neuanfang in der Schweiz hatten Sanja zu einem anderen Menschen gemacht und ihre Lebensziele komplett ver– ändert.

Doch Sanja war von Natur aus eine Kämpferin. Mit der Unterstützung ihres Psychologen, Dr. Lustenberger, fand sie langsam ihren Weg. »Was haben Sie aus der Zeit im Krieg gelernt, Sanja?«, fragte er sie oft. Ihre Antwort kam immer klar und ohne Zögern: »Mut, Disziplin und Durchsetzungsvermögen.«

Mit dieser Entschlossenheit entschied Sanja, die Polizeischule zu besuchen. Diese Ausbildung schien wie für sie gemacht. Sie schloss mit Bestnoten ab und erhielt die begehrte Stelle bei der Luzerner Kriminalpolizei, ein Beruf, den sie von Herzen liebte.

Die Gespräche mit Dr. Lustenberger hatten für Sanja immer eine besondere Bedeutung. Er war einer der wenigen Menschen, denen sie vorbehaltlos vertraute. In seiner Gegenwart war sie offen und ehrlich und sprach sogar über ihre tief verwurzelte Angst vor dem Tod – eine Furcht, die sie seit den traumatischen Kriegserlebnissen immer wieder heimsuchte.

»Der Tod gehört zum Leben, Sanja«, hatte der Psychologe oft gesagt. »Aber Sie wissen, wie kostbar das Leben ist. Nutzen Sie diese Erkenntnis.«

»Das klingt einfacher, als es ist«, warf Sanja ein. »Wie kann ich das Leben geniessen, wenn es mir nicht gut geht?«

»Fangen Sie klein an«, schlug er vor. »Schreiben Sie Ihre posi– tiven Gedanken und Gefühle auf. Halten Sie diese Momente fest und greifen Sie in schwierigen Momenten darauf zurück. So lernen Sie, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.«

Sanja dachte oft an seine Worte zurück, besonders in Momen– ten wie diesen. Mit der Zeit gelang es ihr, sich Schritt für Schritt von ihrem Trauma zu erholen. Doch der fatale Schuss, den sie in ihrem Dienst in Notwehr abgegeben hatte, stellte plötzlich alles infrage, woran sie geglaubt hatte. Er riss alte Wunden wieder auf und weckte Ängste, die sie für längst überwunden gehalten hatte.

Jetzt, während sie sich mit dem Todesfall Schleiss beschäftigte, spürte sie, dass er mehr in ihr auslösen könnte, als sie zuzugeben bereit war.

6

Bei einem Polizeieinsatz hatte Sanja in Notwehr einen Mann erschossen. Der Albtraum jedes Polizisten hatte sie in ein tiefes, schwarzes Loch gestürzt. Nur dank Dr. Lustenberger hatte sie diese dunkle Zeit überstanden.

Ihr Handy klingelte und riss sie aus ihren düsteren Gedanken.

»Wollen wir uns heute zum Mittagessen im Bistro treffen?«, fragte Nora. »Ich habe Lust auf eine Pizza.«