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Der Chinchillabär, das Tigereichhorn und das Blumenpferd sind jeder etwa so gross wie ein kleines Männchen, daher können sie sich gut unter Menschen mischen, ohne dass es gleich allen auffällt. Das ist merkwürdig – wo sie doch in Wirklichkeit so ganz anders sind als normale Leute! Sie haben alle sechs Pfoten voll zu tun in ihrem reparaturfälligen Haus, was sie aber nicht daran hindert, immer wieder Spassiges und Lehrreiches zu erleben. Gemeinsam mit ihnen stolpern wir über Wissenswertes aus den Bereichen Staatskunde, Religion, Theologie, Psychologie, Geschichte, Technik, Astronomie, Zoologie, Geographie, ja sogar Philosophie – denn kein Thema ist zu kompliziert, als dass nicht neugierige Schnauzen darin herumschnüffeln könnten. Sie halten zusammen und bleiben unzertrennliche Freunde, egal was für dunkle Wolken und Hagelstürme ihnen das Schicksal bietet.
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Seitenzahl: 144
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vor gar nicht so langer Zeit, als schon längst kaum jemand mehr an Märchen glaubte, da wohnte einmal ein kleiner Chinchillabär in einem winzigen Dachzimmer in einer Grossstadt.
Chinchillabären sind etwa so gross wie ein kleines Männchen, daher können sie sich gut unter Menschen mischen ohne dass es jemandem auffällt. Du hast bestimmt schon einmal einen gesehen, aber weil du nicht genau hingeguckt hast, konntest du es nicht bemerken.
Aber jetzt will ich dich nicht ärgern dafür, dass du wahrscheinlich unaufmerksam gewesen bist wie die meisten Leute, stattdessen will ich dir nun die Geschichte vom Chinchillabären und seinen Freunden erzählen.
In Grossstädten – und auch in kleinen Städten – gibt es Leute, die anderen Häuser und Wohnungen verkaufen. Solche nennt man Makler. Zettelmann war so ein Makler. Er hatte schon vielen merkwürdigen und originellen Leuten Häuser und Wohnungen verkauft, aber als der Chinchillabär an einem Nachmittag im Frühling die Geschäftsräume betrat, wäre dem Zettelmann fast der Kugelschreiber aus dem Mund gefallen. So ein Kerlchen hatte er noch nie zu Gesicht bekommen.
Klein und graubraun war es, mit spitzen Ohren, langen Schnurrhaaren, einem langen weissen Bauch vorne, einem kurzen Schwänzchen hinten und buschigen Augenbrauen, wie eben Chinchillabären so aussehen. Aber das weisst du ja sicher schon.
Der Chinchillabär setzte sich still auf einen Stuhl vor Zettelmanns Schreibtisch und sah neugierig auf die vielen Zettel, die überall herumlagen. Da fielen seine verspielten, lebhabten und braunen Augen auf ein Photo. Bevor Zettelmann etwas fragen konnte, hatte sich der Chinchillabär schon das Photo geschnappt.
„Uii, so ein feines Häuschen!“ sagte der Chinchillabär andächtig und leise.
„Das ist aber nur eine Gartenlaube!“ erklärte Zettelmann. „Man kann nicht darin wohnen, das ist nur so etwas worin man an schönen Sommernachmittagen sitzt und Kuchen isst, es gehört zu diesem Haus da, sehen Sie, es hat einen grossen Garten, und da ist eben diese Gartenlaube ein Teil davon!“ belehrte Zettelmann.
Der Chinchillabär stellte sich vor, wie er mit seinen Freunden, dem Tigereichhorn und dem Blumenpferd vornehm an einem runden Tisch in der Gartenlaube sitzen würde und Kuchen anbieten würde.
„Schade, es ist so schön braun, sowohl innen und aussen, genau nach meinem Geschmack...“ brummte er. Braun war nämlich seine Lieblingsfarbe, genauer gesagt, schokoladenbraun.
„Auf den Kuchen könnte ich notfalls verzichten!“, fügte er noch hastig hinzu, sah aber sofort ein, dass diese Bemerkung unnotwendig gewesen war.
Da plötzlich bekam Zettelmann einen seiner guten Einfälle. Schon seit fast vierzehn Jahren hatte er vergebens versucht, ein altes Haus im Wald zu verkaufen, das niemandem gefiel, weil es innen lauter dunkelbraune Tapeten hatte. Dazu auch noch viel zu kleine Fenster und es waren auch viele Sachen daran zu reparieren. „Warten Sie, ich hätte da etwas für Sie, ja, das könnte Sie interessieren!“
Schon hatte er damit begonnen, einen Karton mit Zetteln durchzuwühlen. Schnell hatte er den Zettel mit dem Haus im Wald mit den braunen Tapeten hervorgekramt.
Der Chinchillabär machte grosse Augen, als er die Beschreibungen und Fotos sah. Das Haus war auch viel billiger als alle die anderen Häuser, die Zettelmann anbieten konnte. Aber plötzlich fiel dem Chinchillabären ein, dass er ja überhaupt kein Geld hatte und er wurde sehr traurig.
„Macht nichts!“ rief Zettelmann aus. Er hatte schon die Gedanken seines Gegenübers gelesen. Das hatte er nämlich auf der Maklerschule gelernt.
„Sie können es umsonst haben, ich muss es nämlich sonst zwangsversteigern lassen, und das würde mir nur Unkosten und Ärger einbringen. Ich habe auch keine Zeit dorthin zu reisen. Es liegt nämlich weit weg von hier auf einer Insel in einem See, der wiederum auf einer Insel liegt. Eine sehr schöne Gegend.“
Der Chinchillabär wurde ganz unruhig vor Aufregung und wäre fast vom Stuhl gerutscht. Zettelmann erklärte weiter:
„Diese grössere Insel heisst Brummholm. Wie Sie vielleicht gehört haben, hat sich Brummholm ja vor fünf Jahren selbstständig gemacht und eine eigene Regierung eingesetzt. Sie werden also auswandern müssen. Es soll aber kein Problem sein, dort hinzuziehen und Arbeit zu bekommen. Wenn Sie darin wohnen wollen, können wir gleich einen Vertrag machen und Sie bekommen die Schlüssel noch heute!“
Ja, so kam es, dass der Chinchillabär und seine Freunde Hausbesitzer wurden. Die lange Entfernung und isolierte Lage und das mit dem Auswandern schreckte ihn nicht ab. Er und seine Freunde hatten schon lange davon geträumt, wegkommen zu können von der Grossstadt. Sicherlich würden sie sich genau so freuen wie er selber.
Wenn man eine Geschichte erzählt, darf man schnell die Orte wechseln. Das machen wir jetzt auch, wir werfen nämlich einen Blick in das kleine Dachzimmer, wo der Chinchillabär damals wohnte. Noch ist der Chinchllabär ja auf dem Weg vom Makler Zettelmann, wir sind also schon vor ihm da.
Aber jetzt müssen wir ganz leise sein, denn die beiden Freunde vom Chinchillabären, die auch bei ihm wohnen, das Tigereichhorn und das Blumenpferd, halten nämlich gerade ein Mittagsschläfchen.
Das Dachzimmer ist wirklich winzig, das Blumenpferd schläft in der einzigen Schublade, die es gibt, nämlich ganz unten im Kleiderschrank. Es ist weiss und auf seinem Fell sind lauter kleine bunte Blumen.
So ein Pferd gibt es doch gar nicht, denkst du. Na dann schau genau hin, dann kannst du ja sehen, dass es keine Erfindung von mir ist. Es ist natürlich viel kleiner als gewöhnliche Pferde, sonst könnte es ja unmöglich in einer Schublade schlafen. Allerdings hängen seine langen Beine ein Stück aus der Schublade heraus.
Wie alle Blumenpferde hat es nur Hufe an den Hinterbeinen, die Vorderbeine sind wie Arme bei Menschen, mit ganz gewöhnlichen Pfoten, wie beim Tigereichhorn und beim Chinchillabären.
Das Tigereichhorn schläft ganz oben auf dem Schrank. Sein langer buschiger und orange-schwarz gestreifter Eichhörnchenschwanz hängt an der Seite des Schranks herunter. Es hat lange Ohren, die ganz oben wie kleine Pinsel aussehen. Es ist kleiner als ein Tiger und grösser als ein Eichhörnchen.
Sowohl das Blumenpferd als auch das Tigereichhorn sind etwa so gross wie der Chinchillabär. Nun liegen sie also bei ihrem Mittagsschläfchen und schnarchen um die Wette.
Wie lange sie wohl noch schlafen werden, fragen wir uns. Aber wir bekommen kaum Zeit, darüber zu spekulieren, denn nun springt plötzlich die Tür zum Zimmerchen mit einem lauten Knall auf und der Chinchillabär stürmt herein.
„Wir haben unser eigenes Haus!“ ruft er und japst, denn er ist noch recht verpustet. Er war nämlich die lange Treppe bis hinauf zum fünften Stockwerk gerannt wie ein geölter Blitz.
Aber die beiden Freunde lassen sich nicht so schnell aus dem Schlaf reissen. Der Chinchillabär muss das Blumenpferd an den Ohren kitzeln und er muss vorsichtig an dem langen buschigen Schwanz vom Tigereichhorn zupfen, bis endlich Bewegung in die beiden kommt.
„Fertigmachen zur Landung!“ murmelte das Tigereichhorn, denn es hatte gerade einen seiner Lieblingsträume geträumt: Den von einer Mondreise in einer selbstgebastelten Rakete.
„Noch ein bisschen Wasser für meine Hyazinthen!“ flüsterte das Blumenpferd, denn es hatte gerade von schönen Blumen geträumt, die es dabei war, mit einer Giesskanne zu begiessen.
Nun rieben sie sich den Schlaf aus den Augen und sahen matt auf den wild mit den Pfoten gestikulierenden Chinchillabären.
„Wo hast du die Tasche her?“ fragte das Blumenpferd und deutete mit einer seiner Pfoten auf die Brusttasche, die der Chinchillabär um den Hals hängen hatte. Es wünschte sich nämlich selbst eine Handtasche und dieser Brustbeutel sah ein bisschen aus wie eine Handtasche.
„Genau das will ich euch erklären!“ japste der Chinchillabär. Er erklärte, wie ihm der Makler Zettelmann ein Haus geschenkt hatte, komplett mit Vertrag und Schlüsseln und einem Brustbeutel, damit der Chinchillabär nicht gleich alles verlieren würde.
Nun redeten alle drei wild durcheinander. Das Tigereichhorn träumte von einer Garage, wo es Mondraketen, Amphibienfahrzeuge und Fahrräder bauen und aufbewahren könnte. Das Blumenpferd träumte von einem Gewächshaus mit exotischen Orchideen. Im Licht des winzigen Dachfensterchens studierten sie die Beschreibungen zum Haus und den Vertrag, den der Chinchillabär mitbekommen hatte.
Das Tigereichhorn hatte eine kleine Sammlung Landkarten und nun rollten sie eine dieser Karten auf dem kleinen Schreibtisch aus.
Sie entdeckten die Insel Schnurholm, auf der das Haus lag und stellten fest, dass diese recht klein war. Schnurholm war umgeben von einem See, dem Kleinen Bärensee – genau wie Zettelmann erklärt hatte. Dieser Kleine Bärensee wiederrum lag ziemlich in der Mitte des nur fünf Jahre alten Inselstaates Brummholm. Dorthin gab es eine Fährverbindung von einer Stadt, die Güldenhafen hiess und dort gab es auch einen internationalen Flughafen.
Sie sahen auch, dass Güldenhafen ziemlich weit weg war, genauer gesagt, noch weiter weg als Brummholm, aber das tat ihrer Begeisterung keinen Abbruch.
„Hurra, wir können schwimmen und Boot fahren!“ jubelte das Blumenpferd. „Ja, und Pilze sammeln und angeln!“ brummte der Chinchillabär zufrieden. „Und wir können ein Amphibienfahrzeug bauen, das Auto und Boot zugleich ist, dann brauchen wir nicht mit der Fähre reisen, sondern können selbst auf dem Wasser und auf dem Land fahren, wann immer es uns passt!“ fügte das Tigereichhorn hinzu.
„Schau, da liegt die grösste Stadt von Brummholm“, sagte das Blumenpferd und deutete auf einen orangeroten Fleck an der Küste. „Tatzenhausen heisst sie!“
„Welch ein gemütlicher Name für eine Stadt. Dort sind Bären sicherlich gern gesehen!“, meinte der Chinchillabär.
„In Tatzenhausen werden wir Arbeit suchen müssen, denn wenn es irgendwo auf Brummholm welche gibt, wissen die das bestimmt dort zuerst“, meinte das Tigereichhorn.
„Wer weiss, vielleicht können wir ja sogar Arbeit finden. Wir müssen sicherlich Geld verdienen, um alles Mögliche zu kaufen. Am Haus gibt es bestimmt viele Reparaturen zu erledigen, und dafür werden wir Werkzeug, Farbe und so weiter kaufen müssen“, meinte der Chinchillabär.
Sie redeten noch mehrere Stunden, bis es sehr spät geworden war. Da beschlossen sie, lieber ein Gute-Nacht-Gebet zu sprechen, anstatt noch länger weiterzureden, denn ansonsten würden sie wohl überhaupt nicht mehr zum Schlafen kommen. Sie hatten nämlich irgendwo gelesen, dass man alle seine Sorgen auf Gott werfen dürfe, dann bräuchte man sich nicht selbst damit herumzuplagen. Und ganz richtig – kaum hatten sie zu Ende gebetet, schliefen sie prompt ein. Nun träumten sie alle drei von Blumen, Booten, Pilzen und anderen schönen Dingen.
Gleich am nächsten Tag standen sie früh am Morgen vor der Tür des Brummholmer Konsulats um Pässe und Arbeitserlaubnisse zu bekommen. Endlich ging die Tür auf und ein Wachmann in Uniform führte sie zu einer kleinen Glastür im Inneren des Gebäudes.
Dort stand bereits ein anderer Wachmann. Durch ein Mikrophon fragte er die drei, ob sie Waffen oder elektronische Geräte dabeihätten. Der Lautsprecher schnarrte ziemlich, weshalb er ein wenig schwer zu verstehen war.
„Waffeln – nein, danke, wir haben schon gefrühstückt!“ antwortete der Chinchillabar artig.
„Waf-fen!“ wiederholte der Wachmann hinter der Glaswand. „Pistolen, Messer, Gewehre...!“
„Braucht man das etwa auf Brummholm?“ fragte das Blumenpferd entsetzt. Es hatte nämlich grosse Angst vor allem, was Lärm machen könnte oder wodurch man sich womöglich verletzen könnte.
„Er meint doch, ob wir etwas haben, was wir abgeben sollen!“ erklärte das Tigereichhorn, das in seinem Leben viel gereist war und solche Fragen von Wachtposten und Zöllnern gewöhnt war.
„Wir haben leider nichts mitgebracht, von dem wir etwas abgeben könnten, vielleicht ein anderes Mal!“ bemerkte der Chinchillabär kleinlaut und sah treuherzig auf den Wachmann.
Nachdem man sie von allen Seiten – auch von hinten, oben, unten und rundherum – gefilmt, geröntgt und fotographiert hatte, wurden sie in das Büro vom Herrn Konsul Knausermann geführt.
Zuerst mussten sie ein paar Minuten still herumsitzen und die Bilder von Brummholm, die an den Wänden hingen, betrachten. Es gab auch eine Flagge und eine Kopie der Eingangsseite des Brummholmer Grundgesetzes zur freien Besichtigung.
Dann endlich nahm der Herr Konsul Knausermann höchstpersönlich auf einem Ledersessel hinter einer weiteren Glaswand Platz und sprach durch ein Mikrophon: „Sie wünschen also auszuwandern nach Brummholm. Ihre Pässe bitte!“
Sie hatten aber keine Pässe.
„Dann müssen Sie erst welche besorgen und dann wiederkommen!“ schnarrte Knausermann und wippte auf seinem Lederstuhl. Er liebte es, wenn es quietschende Geräusche machte, wenn er mit dem Stuhl wippte. Es wurde still im Wartesaal. Eine Fliege brummte um eine alte, vergilbte Deckenlampe. Es rauschte leicht im Lautsprecher der Sprechanlage.
„Aber wir haben ein Haus auf Brummholm!“ protestierte der Chinchillabär und reichte den Vertrag, den er in seinem Brustbeutel dabeihatte, mit zitternden Pfoten durch die winzige Öffnung in der Glaswand.
Der Herr Konsul Knausermann klopfte ein paar Male mit den Fingerspitzen auf dem Vertrag herum, machte eine Kopie und wandte sich dann an den Chinchillabären, der mit grossen Pupillen, bebenden Schnurrhaaren und zitternden Ohrenspitzen hinter der anderen Seite der Glasscheibe wartete.
„Nun ja, wenn Sie staatenlos sind, können Sie Anträge auf Einbürgerung stellen und vorläufige Pässe für Staatenlose bekommen. Allerdings müssen Sie mir dann bitte hier jeder dieses Formular ausfüllen!“
Sie atmeten erleichtert auf. Gleich machten sie sich an die Arbeit. Nach einer Stunde reichten sie die ausgefüllten Anträge durch das Loch in der Scheibe.
Knausermann schmunzelte, als er die drei Anträge studierte. Es gab da natürlich noch ein paar Unklarheiten.
Zuerst kam der Chinchillabär dran. „In Kaukasien also sind Sie geboren. Wo genau?“
„Ach, das weiss ich nicht, ich hatte so eine unglückliche Kindheit, die meiste Zeit war ich in verschiedenen Kinderheimen, wo die genau waren, hat man mir nie erklärt!“ beteuerte der Chinchillabär.
„Na, ja, irgendetwas muss ich hier eintragen. Kaukasien gibt es nicht!“ Er las dem Chinchillabären die Namen von verschiedenen Ländern vor, die alle in der Kaukasus-Region lagen oder mit ihr angrenzten. Zuletzt entschied sich der Chinchillabär für Armenien. Er erinnerte sich nämlich, dass er früher mal sehr arm gewesen war, so wäre Armenien vielleicht passend. „Also gut!“ sagte Knausermann und stempelte alles ab.
Das Tigereichhorn erklärte, dass es zur See zur Welt gekommen sei, wohl aber familiäre Wurzeln irgendwo in Indien und auf Sri Lanka hätte. Dort gäbe es auch Tiger und sehr grosse Eichhörnchen.
Knausermann sagte: „Na dann schreibe ich eben Indischer Ozean!“ Das Tigereichhorn nickte zufrieden. Aber ein Land, das „Indischer Ozean“ heisst, gibt es natürlich auch nicht. So schrieb er einfach „Madagaskar“. Er wollte nämlich vermeiden, dass das Tigereichhorn anfangen würde, von seinen vielen Seereisen zu erzählen. Dann würde er nie fertig werden.
Schon einmal hatte er so ein Tigereichhorn im Konsulat gehabt, hatte fast eine Stunde lang die schrulligsten Seefahrer-Geschichten anhören müssen, die es zum Besten geben konnte. Dazu hatte er aber jetzt keine Lust. Madagaskar wurde es und Madagaskar blieb es – dort wo der Pfeffer wächst, nämlich. Stempel drauf – Peng! – Pass fertig.
Das Blumenpferd war ebenfalls staatenlos, da es in einem Zirkus zur Welt kam, als dieser gerade auf Reisen war. Es wusste nicht einmal, auf welchem Kontinent es geboren worden war.
Knausermann rollte mit dem Cursor von der Tastatur ganz nach unten auf der Liste der zulässigen Länder und wählte dann unter den letzten Buchstaben „XYZ – Internationale Forschungsstation White Horse Island“. Das war eine winzige Insel im südlichsten Pazifik, wo ein zerstreuter Meteorologe und Pinguinenforscher, ein paar gestrandete U-Boot-Matrosen eines totalitären Landes sowie mehrere hundert Pinguine wohnten. So hatte das Blumenpferd nun auch ein offizielles Geburtsland verpasst bekommen. Stempel drauf – Peng! – Pass fertig.
Glücklich trotteten die drei davon und setzten sich erst einmal auf eine Parkbank. Dann blätterten sie stolz und neugierig in ihren Pässen, besahen den Stempel mit der Arbeitserlaubnis und all den anderen Einträgen.
„Komisch, der Knausermann hat uns nicht einmal nach unseren Lieblingsfarben gefragt, aber trotzdem immer das Richtige eingetragen!“, wunderte sich das Tigereichhorn. Und ganz richtig: Beim Tigereichhorn stand nämlich unter Lieblingsfarbe „orange“, beim Blumenpferd „weiss“ und beim Chinchillabären „schokoladenbraun“! Ja, so ein erfahrener Konsul wie der Knausermann braucht eben nicht alles von allen zu erfragen.
Ein Konsulat ist eine Zweigstelle einer Botschaft. Eine Botschaft ist die Vertretung eines Landes in einem anderen Land.
Terroristen wollen manchmal Anschläge auf Botschaften und Konsulate verüben, deshalb wird man als Besucher wie auf einem Flughafen einer strengen Kontrolle unterzogen. Oft sind auch Kameras und Sicherheitsposten vor einer Botschaft oder einem Konsulat angebracht – zur Überwachung und Sicherheit der Leute, die dort arbeiten und der Leute, die dort Zuflucht suchen.
Ist man einmal in der Botschaft oder dem Konsulat drinnen, befindet man sich gesetzlich gesehen in dem Land, das vertreten wird.
Normalerweise dauert ein Passantrag mehrere Wochen. Leute ohne Staatsbürgerschaft nennt man Staatenlose. Man kann staatenlos werden, wenn ein Land, aus dem man ursprünglich kam, aufgehört hat zu existieren und das Land, dem nun das betreffende Gebiet gehört, sich weigert, Pässe auszustellen.
In Dänemark wurde einmal eine in Dänemark geborene Frau staatenlos, weil ihre ebenfalls in Dänemark geborene Mutter Spanierin geworden war und ihr Jugendpass abgelaufen war.
Waisenkinder wie unsere drei Freunde werden normalerweise eingebürgert, dort wo sie wohnen. Es gibt FN-Konventionen, die vermeiden sollen, dass es zu viele Staatenlose gibt. Aber viele Länder halten sich nicht an die Regeln und schieben die Staatenlosen lieber ab oder lassen sie in der Ungewissheit hängen.
Wahrscheinlich waren unsere drei Freunde in ihrem bisherigen Land falsch beraten und behandelt worden und der Konsul Knausermann hat dann auf Grundlage der Tatsache, dass sie Eigentum auf Brummholm haben, beschlossen, sie als Flüchtlinge zu behandeln und ihnen Pässe für Staatenlose anzubieten.
Nur wenige Konsulate und Botschaften sind so grosszügig, bei den meisten muss man mit viel Ärger, teuren Gebühren und ziemlich unverschämter Hochnäsigkeit und Gleichgültigkeit rechnen.
Wenige Tage später war es soweit: Sie hatten Flugtickets gekauft und nun sassen sie auf dem Flughafen und warteten auf ihren Flug nach Güldenhafen.
Der Chinchillabär hatte die Brusttasche, die Zettelmann ihm geschenkt hatte, nicht mehr abgenommen, seitdem er sie bekommen hatte. Ja, sogar nachts hatte er damit geschlafen. Er wollte um nichts in der Welt den Vertrag und die Hausschlüssel verlieren.
