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Kerem Schamberger

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Beschreibung

Schamberger beleuchtet in seiner klaren und detaillierten Studie eine weithin unbekannte Seite Kurdistans, indem er den Blick auf die kurdische Medienlandschaft richtet: Es zeigt sich, dass im Nahen Osten ein transnationales kurdisches Mediennetzwerk existiert, das sich bis nach Europa erstreckt. Dieses Netzwerk ist Teil der Selbstorganisation und des Widerstandes von KurdInnen gegen ihre Vertreibung und Assimilation. Es richtet sich entschieden gegen den Status quo, will die Gesellschaft transformieren und leistet zugleich Kritik an den vermeintlich universellen Prinzipien des westlichen Journalismus. Kurdische Medien sind in sich kämpferisch, weil sie von Anbeginn ein Produkt der Auflehnung gegen Unterdrückung sind. Gerade deshalb können aus ihrer Praxis Lehren für andere politische und soziale Bewegungen gezogen werden, deren Ziel es ist, Medien jenseits des kapitalistischen Mainstreams aufzubauen und die Gesellschaft im emanzipatorischen Sinne zu verändern.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kerem Schamberger

Vom Systemzum Netzwerk

Medien, Politikund Journalismusin Kurdistan

Mehr über unsere Autor:innen und Bücher:

www.westendacademics.com

Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität (2021)

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Lizenz:CC BY-NC-ND 3.0; diese Lizenz erlaubt die private Nutzung, gestattet aber keine Bearbeitung und keine kommerzielle Nutzung.

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0

Print-ISBN 978-3-949925-02-3

E-Pub-ISBN 978-3-949925-03-0

https://doi.org/10.53291/9783949925030

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2022

Umschlaggestaltung: Westend Verlag, Frankfurt am Main

Satz: Publikations Atelier, Dreieich

Printed in Germany

Kerem Schamberger, Dr. rer. soc., ist Kommunikationswissenschaftler und politischer Aktivist. Er promovierte und lehrte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und arbeitet nun bei medico international. Er ist zudem stellvertretender Vorsitzender des Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung und im Vorstand des Instituts solidarische Moderne.

Mit freundlicher Unterstützung von:

transform europe!

Rosa-Luxemburg-Stiftung

Verein zur Förderung von Forschung und Lehre am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (VFKW e. V.)

Civaka Azad – Kurdisches Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit e. V.

Kurd-Akad – Netzwerk kurdischer AkademikerInnen e. V.

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretische Fundierung

2.1 Akteur-Struktur-Dynamik

2.2 Mediensystemforschung

2.1.1 Methodologischer Nationalismus und transnationale Netzwerke

2.2.2 Sub- und transnationale Mediensysteme

2.2.3 Medien und Minderheiten

2.2.4 Angenommene Medienwirkung

2.3 Kurdische Medien

2.3.1 Geografie, Geschichte und Sprache

2.3.2 Politische AkteurInnen

2.3.3 Mediale kurdische Identitäts- und Nationenkonstruktionen

2.3.4 (Verfolgungs-)Geschichte der kurdischen Medien

2.4 Kategoriensystem

2.5 Forschungsleitende Fragen

3 Untersuchungsdesign

3.1 Qualitativ kategoriengeleitete Forschung

3.1.1 ExpertInneninterviews

3.1.2 Dokumentenanalyse

3.1.3 Feldbeobachtung

3.2 Ablauf der Untersuchung und Datengrundlage

3.3 Vorgehen bei der Auswertung

4 Ergebnisse

4.1 Allgemeine Funktionsweise des kurdischen Mediennetzwerks

4.2 Eine Annäherung an die Medientheorie der kurdischen Freiheitsbewegung

4.2.1 Abdullah Öcalan und die Medien

4.2.2 Medien im Kapitalismus

4.2.3 Die Rolle kurdischer Medien im Übergang zur Demokratischen Moderne

4.3 Konstellationsstrukturen

4.3.1 Kurdische AkteurInnen – die Dominanz der Parteien

4.3.2 Nicht kurdische AkteurInnen – den Nationalstaaten und ihrer Repression zum Trotz

4.3.3 Journalistische Arbeitsbedingungen – Ausbildung jenseits des Staates

4.4 Eine Reise nach Qamischli und Kobanê

4.5 Erwartungsstrukturen

4.6 Eine Reise nach Makhmur und in die Kandil-Berge

4.7 Deutungsstrukturen

4.7.1 Journalistische Selbstverständnisse in Medien der kurdischen Freiheitsbewegung

4.7.2 Tradition der „Freien Presse“

4.7.3 Reputation

4.8 Reisen zu kurdischen Medien in Europa

5 Zusammenfassung und Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abbildungsquellen

Hinweise zur Schreibweise von Namen und Begriffen sowie zum Gendern

Im Kontext dieser Arbeit treffen verschiedene Sprachen aufeinander. Am häufigsten Deutsch, Kurdisch, Türkisch und Englisch. Eine allgemeingültige akzeptierte Schreibweise kurdischer Begriffe und ihrer Übersetzung ins Deutsche gibt es dabei nicht (vgl. Strohmeier & Yalçın-Heckmann, 2016, S. 9). Vielmehr steht oft eine Vielzahl von Schreibweisen nebeneinander. So kann zum Beispiel der Vorname Reşad auch Reshad, Resad oder Reschad geschrieben werden. In dieser Arbeit habe ich mich dazu entschieden, einen Kompromiss zwischen Aussprache, richtiger Transkription und gewohntem Sprachgebrauch zu finden. Ist ein Begriff eingeführt, wird seine Schreibweise stringent durchgezogen (ausgenommen in Literaturzitaten). Dies gilt für Namen, Ortsangaben und andere Bezeichnungen, bei denen eine multiple Schreibweise möglich ist. Begriffe, deren Verwendung sich im Deutschen in entsprechenden Diskursen nach und nach eingebürgert hat, werden dabei in ihrer Originalform belassen. Etwa Rojava als politisch-geografische Bezeichnung für Nordsyrien/Westkurdistan. Zur genaueren Bezeichnung der verschiedenen Teile Kurdistans siehe Kapitel 2.3.1.

Einige Anmerkungen zum Gendern: Auch wenn in der Kommunikationswissenschaft das Gendern nach wie vor umstritten ist, wird in dieser Arbeit dennoch mittels des Binnen-I Wert auf sprachliche Geschlechtergerechtigkeit gelegt (vgl. Stöber, 2020). Nur in Literaturzitaten oder dann, wenn die GesprächspartnerInnen sich bewusst auf Frauen oder Männer beziehen, wird nicht gegendert.

Sprache schafft Realität, auch wenn die Wirkungsmacht einer solchen Dissertation nicht überschätzt werden sollte. Mir ist dabei bewusst, dass dies nichts an den materiellen Grundlagen der Ungleichbehandlung der Geschlechter ändert und diese

Debatte vor allem in akademischen und aktivistischen Räumen stattfindet. Es gilt jedoch das Prinzip: Das eine tun, ohne das andere zu lassen. Mit der Verwendung des Binnen-I ist die Befreiung der Frau bei Weitem nicht abgeschlossen, aber zumindest ein kleines Puzzleteil gelegt, das noch von vielen anderen ergänzt werden muss. Es wäre zudem widersprüchlich, in einer Arbeit, die sich auch mit der kurdischen Freiheitsbewegung beschäftigt, nicht auf eine geschlechtergerechte Sprache zu achten. Die Befreiung der Frau ist eines ihrer wichtigsten Ziele. Sie setzt dabei sowohl auf eine Veränderung in der Sprache als auch auf eine Veränderung des konkreten Lebens von Frauen und zeigt damit ganz praktisch, dass das eine das andere nicht ausschließt (vgl. Andrea Wolf Institut, 2021).

„Jeder Wahrheitszugang ist subjektiv, und jeder Versuch,mit der Wirklichkeit umzugehen, ist instrumentell,bedarf der ständigen Kritik und Erneuerung.“

(Panser, 2019, S. 325)

Abbildung 1: Michael Panser (HPG Şehit, 2018).

Im Gedenken an den Wahrheitssuchenden Bager Nûjiyan/Xelîl Viyan/Michael Panser (01.09.1988 – 14.12.2018). Die Karawane zieht weiter. Auch dank dir.

1 | Einleitung

In dieser Arbeit geht es um Medien und Journalismus in Kurdistan. Medien? Journalismus? Kurdistan? Diese Begriffe gehen im ersten Moment intuitiv nicht miteinander einher. Denkt man an Kurdistan, erscheinen einem zuerst Bilder von geflohenen Menschen, Terroranschlägen und vielleicht noch vom Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (vgl. Brauns, 2019). KurdInnen, die journalistisch arbeiten und eigene Medien publizieren, sind einem im ersten Moment nicht präsent. Dabei gibt es schon seit Jahrzehnten Medien, die sich als kurdisch verstehen und Millionen von Menschen erreichen. Mit ihnen beschäftigt sich diese Arbeit. Sie ist eine Analyse des kurdischen Mediennetzwerks.

KurdInnen stellen eines der größten Völker ohne eigenen Staat dar. Die meisten von ihnen leben im Nahen Osten, aufgeteilt auf die Türkei, Syrien, Irak und Iran.1 In diesen Ländern fanden sie sich wieder, nachdem die imperialistische Neuaufteilung der Region am Ende des Ersten Weltkrieges begann. Obwohl eine Gemeinschaft, waren und sind sie durch Grenzen voneinander getrennt. Allein ihre Existenz war den neu entstandenen Nationalstaaten ein Dorn im Auge. Jahrzehntelang wurden sie unterdrückt, massakriert, im „besten“ Falle einfach nur assimiliert. Viele von ihnen leben deshalb heute auch in Europa. Doch wo Unterdrückung herrscht, entsteht auch Widerstand. Politische Bewegungen und Parteien, die sich für die Rechte der KurdInnen einsetzen, gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts (vgl. McDowall, 2004). Mit ihnen entwickelten sich Medien, die über das, was in Kurdistan passiert, berichten. Sie waren ein Produkt des Kampfes um Anerkennung. Hier kommt der dritte Begriff im Titel der Dissertation zum Tragen: Politik. Denn schon immer bestand in Kurdistan eine enge Verbindung zwischen Medien, Journalismus und Politik. Amir Hassanpour, einer der bekanntesten kurdischen Kulturwissenschaftler, schreibt: „Kurdish journalism finds its origins in the nationalist movement“ (1992, S. 221).

Obwohl KurdInnen durch viele Grenzen voneinander getrennt sind – oft wurden sie mit dem Lineal gezogen oder verliefen einfach parallel zu Bahngleisen (Schamberger & Meyen, 2018, S. 192) –, existiert heute eine Vielzahl an Medien, die transnational arbeiten. Die kurdische Nachrichtenagentur ANHA (Ajansa Nûçeyan a Hawar) aus Rojava/Nordsyrien, zum Beispiel, wird von KurdInnen in allen vier genannten Ländern sowie im europäischen Ausland genutzt.2 Die Nachrichtenseite ANF (Ajansa Nûçeyan a Firatê) berichtet in drei kurdischen Dialekten und sieben weiteren Sprachen täglich über die Ereignisse in Kurdistan. Sie hat KorrespondentInnen in fast allen Teilen Kurdistans und in Europa. Auch in der europäischen Diaspora existieren wichtige kurdische Zeitungen und Fernsehsender. All diese Medien sind durch länderübergreifende Strukturen des Austauschs und der Kommunikation in ihrer Vielfalt verbunden. Sie stellen ein eigenes Mediennetzwerk dar, das außerhalb von nationalstaatlichen Grenzen existiert. Doch wie funktioniert das? Wie sieht das Verhältnis von Medien, politischen Bewegungen und Nationalstaaten aus? Wie realisieren politische AkteurInnen ihre Vorstellungen davon, wie Medien zu funktionieren haben? Und was für Vorstellungen haben kurdische JournalistInnen von ihrem Beruf?

Dass es überhaupt kurdische Medien gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Alleine die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit die kurdische Sprache zu sprechen, ist Ergebnis eines langen politischen Kampfes. Strohmeier und Yalçın-Heckmann (2016) beginnen ihr deutsches Standardwerk über die KurdInnen mit einer Anekdote, die viel aussagt: der Kurde Reşit, der mit seinem Maulesel im Winter Transportdienste für die türkische Armee übernimmt, spricht in Anwesenheit eines türkischen Feldwebels Kurdisch. Der fährt ihm über den Mund, er solle endlich mit dieser „ekelhaften Sprache“ (S. 11) aufhören. Der weiter oben bereits erwähnte Hassanpour, 1943 in der kurdischen Stadt Mahabad im Iran geboren, erzählt in Nationalism and Language in Kurdistan, 1918–1985 (1992) wie sein eigenes Interesse an kurdischer Sprache und Medien geweckt wurde:

In my high school years, I was able to acquire a few Kurdish books and phonograph records through the underground network. However, fearing house searches, arrest and jail my parents destroyed them, no less than four times during the 1960s and 1970s (S. xxvii).

Auch mir wurden während meiner zahlreichen politischen, privaten und wissenschaftlichen Aufenthalte in der Region eine Reihe von Geschichten erzählt, die in diese Richtung gehen. So zum Beispiel von Mithat, einem Bekannten aus Diyarbakır, der in seiner Jugend in den 1980er Jahren in Nordkurdistan Kassetten mit kurdischer Musik im Garten seines Familienhauses vergraben musste. Nur zu besonderen Anlässen wurden sie ausgegraben und abgespielt. Währenddessen wurde vor der Tür Wache gehalten, falls die türkische Gendarmerie vorbeifährt. Einige Jahre später, Anfang der 1990er Jahre, wurde er tagelang in den berüchtigten Gefängnissen von Diyarbakır eingesperrt und gefoltert. Er kann bis heute nicht wirklich davon erzählen.

Die eigene Sprache sprechen zu dürfen war ein beständiger Kampf, der von Menschen wie Sakine Cansız geführt wurde. Die Mitbegründerin der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK; kurdisch: Partiya Karkerên Kurdistanê) saß zwölf Jahre in der Türkei in Haft und wurde am 9. Januar 2013 im Exil in Paris zusammen mit zwei weiteren Aktivistinnen von einem Agenten des türkischen Geheimdienstes MIT erschossen. Mein ganzes Leben war ein Kampf lautet der Titel ihrer posthum erschienenen dreibändigen Biografie (2015; 2016; 2018). Er lässt sich auf die Situation der KurdInnen und ihrer Medien sowohl in der Vergangenheit als auch im Heute übertragen. Denn der Kampf um die eigene Sprache war auch immer der Kampf um eigene Medien, deren ganze Existenz geprägt war von Verfolgung und Verboten, Inhaftierungen und Ermordungen. So konnte bereits die erste kurdische Zeitung namens Kurdistan 1898 nur im Exil in Kairo erscheinen (Hassanpour, 1996, S. 57; Malmîsanij, 2006a, S. 17). Dass es heute Medien gibt, die sich selbst als kurdisch definieren, ist also keine Selbstverständlichkeit, sondern ein historisches Produkt der Kämpfe politischer Bewegungen. Bis heute sind die meisten kurdischen Medien deshalb auch direkt oder indirekt an politische AkteurInnen gebunden.

Doch weshalb ist der kurdische Fall überhaupt für die Wissenschaft interessant? Diese Arbeit verortet sich in der Kommunikationswissenschaft, genauer: im Feld der Medien systemforschung.3 In ihren Grundprämissen stellen Nationalstaaten oft zentrale strukturbestimmende Merkmale von Mediensystemen dar (vgl. Hallin & Mancini, 2004). Es stellt sich jedoch die Frage, wie Medien funktionieren und JournalistInnen arbeiten können, wenn sie von staatlichen Strukturen umgeben sind, die ihnen feindlich gesinnt sind, die nicht wollen, dass sie existieren? Und wie schaffen es nicht staatliche AkteurInnen dennoch, ihre Interessen und Vorstellungen davon, wie ihre Medien funktionieren sollten, in einem hostilen Umfeld zu realisieren? Diese Fragen stellen das Formalobjekt der Untersuchung dar und werden im Verlauf dieser Arbeit am Beispiel kurdischer Medien beantwortet.

Neben der Dominanz nationalstaatlicher Systeme leben wir zugleich in Zeiten zunehmender transnationaler Kommunikation (vgl. Wessler & Brüggemann, 2012). In manchen Regionen der Welt befinden sich Nationalstaaten in der Krise, vor allem im Nahen Osten (vgl. Buchta, 2016). Die Betrachtung der kurdischen Medienlandschaft – die sich trotz feindlicher Umgebung stark entwickelt hat – kann neue Erkenntnisse für die Mediensystemforschung liefern, denn diese Medien sprengen das enge nationalstaatliche Korsett und machen es möglich, transnationale Zusammenhänge in den Blick zu nehmen. Die Arbeit ist somit auch ein Beitrag zur Überwindung des methodologischen Nationalismus im Fach. Insgesamt sind Teile der Sozialwissenschaften in einem Gedanken- und Theoriesystem gefangen, das Nationalstaaten als unhinterfragte Grundlagen ihrer Forschungseinheiten sieht (vgl. Beck, 2002; Beck & Grande, 2010). Es gilt über diesen Container, der das Denken prägt und zugleich beschränkt, hinauszuschauen und grenzübergreifende Formen gesellschaftlicher Kommunikation in den Blick zu nehmen. Die Analyse von Mediensystemen soll also um eine Perspektive ergänzt werden, die Medienstrukturen jenseits der Ebene nationaler Strukturen stärker in den Blick nimmt. Diese Perspektive ist in der Mediensystemforschung bisher eher marginal (vgl. Rantanen, 2013; Meng & Rantanen, 2016). Als konkretes Materialobjekt sind kurdische Medien zum einen wegen des hostilen staatlichen Umfelds, in dem sie sich trotz alledem entwickeln, und zum anderen aufgrund ihrer grenzübergreifenden Strukturen bestens geeignet.4 Gleichzeitig wird herausgearbeitet, warum der Systembegriff für die Betrachtung transnationaler Kommunikationsprozesse zu eng ist und für die adäquate Beschreibung ein grenzüberschreitender Netzwerkbegriff von Nutzen ist.

Durch den erfolgreichen Kampf gegen die IS-Terrormiliz haben die KurdInnen und ihre Anliegen größere Aufmerksamkeit erfahren als zuvor. Mehr als 11 000 ihrer KämpferInnen wurden allein in Syrien getötet, 21 000 wurden verletzt (Van Wilgenburg, 2019). Die Wahrnehmung des Islamischen Staates als gemeinsamen Feind hat viele Menschen dem kurdischen Kampf um Anerkennung nähergebracht. Dazu beigetragen haben auch kurdische Medien, die trotz dieser hohen Belastungen und großen Opfer immer zahlreicher und größer wurden: „today a vivid Kurdish media landscape has developed in the Middle East“ (Smets & Sengul, 2016, S. 252). Diese wachsende Medienlandschaft empirisch zu untersuchen ist Ziel dieser Arbeit. Der Fokus liegt dabei, dem Thema angemessen, auf Journalismus mit politischer Berichterstattung und nicht auf Unterhaltungsmedien.

Mit Kurdistan gerät zugleich eine Region in den Blick, die eher selten im Fokus westlicher Kommunikationswissenschaft steht. Damit wird auch der Appell für eine „tiefe Internationalisierung“ (Badr et al., 2020, S. 296) des Faches aufgegriffen. 17 in Deutschland arbeitende KommunikationswissenschaftlerInnen veröffentlichten im Sommer 2020 in der Fachzeitschrift Publizistik einen Aufruf, der die US-amerikanische und eurozentristische Ausrichtung des Faches kritisierte. Es sei an der Zeit, „einen Prozess voranzutreiben, der sich durch mehr Forschung und Lehre über internationale Medien und Kommunikationsprozesse auszeichnet“ (S. 298). Kritisiert wird explizit die Übertragung westlicher „Modellierungsversuche von Mediensystemen und Kommunikationskulturen“ (S. 299) auf die unbekannte weite Welt des Nicht-Westens. Sie schließen mit den Worten, dass die „Erforschung von nicht-westlichen Ländern (…) nicht nur in Krisenzeiten als relevant wahrgenommen werden“ (S. 302) sollte. Diesem Plädoyer folgend, versucht diese Arbeit eine Erweiterung westlicher kommunikationswissenschaftlicher Perspektiven am Beispiel kurdischer Medien.

Sie hat dabei einen explorativen Charakter, da es in der Kommunikationswissenschaft bisher nur sehr wenig Forschung zur Gemengelage von Journalismus und Politik im gesamtkurdischen Rahmen gibt. Existierende Forschung dazu konzentriert sich auf einzelne Teile, etwa Südkurdistan, und greift gesamtkurdische Aspekte nicht weiter auf (vgl. zum Beispiel Sheyholislami, 2011; Badran & De Angelis, 2016; Fischer-Tahir, 2017; Taha, 2020). Das hat seine Gründe. KurdInnen sind in sich sehr heterogen. Sie sprechen verschiedene Dialekte, gehören unterschiedlichen Religionen an, haben unterschiedliche politische Überzeugungen und ihr gesellschaftspolitischer Status unterscheidet sich in den jeweiligen Nationalstaaten, in denen sie leben. „This makes it challenging to study ‚Kurdish media‘ across different states“ (Smets, 2016, S. 740). Trotzdem stellen sie eine Gruppe dar, die sich – auch aufgrund ihrer gemeinsamen Unterdrückung – selbst als Gemeinschaft wahrnimmt und bei der deshalb eine Untersuchung in ihrer Gesamtheit angemessen ist.

In bereits existierenden Arbeiten zum transnationalen Charakter der kurdischen Gesellschaft werden Medien vor allem als Motor der Identitätsentwicklung betrachtet (vgl. Ayata, 2011a; Smets, 2016; Smets & Sengul, 2016). Grenzübergreifende Strukturen, die die Entstehung von Medien überhaupt erst ermöglichen, spielen in der Betrachtung eine untergeordnete Rolle. Diese Leerstelle wird in dieser Arbeit angegangen und gefüllt. Zugleich bestehen Schnittpunkte zu den Kurdish Studies – im Deutschen auch als Kurdologie bezeichnet – die sich mit der Erforschung der KurdInnen befasst und disziplinär viele Überschneidungen mit Soziologie, Politik- und Kulturwissenschaften hat (vgl. zum Beispiel Jongerden, 2017; Knapp & Jongerden, 2020; Smets, 2018). Diese Arbeit profitiert auch von den methodischen Erfahrungen, die im Feld der Kurdish Studies gesammelt und in einem Sammelband veröffentlicht wurden (Baser et al., 2018).

Der Bezug zur Kurdologie ist auch deshalb relevant, weil das Feld der Kurdish Studies in der Türkei, dem Nationalstaat, in dem am meisten KurdInnen leben, nach einem kurzen Aufschwung während der Friedensverhandlungen zwischen Ende 2012 und Mitte 2015 nun in den letzten Jahren staatlichen Maßnahmen gegenübersteht, die ihr Ende bedeuten könnten. So ist zum Beispiel Feldforschung vor Ort nur noch sehr schwer möglich. Eine Studie der İsmail-Beşikci-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass die Wissenschaft vom Ende des Friedensprozesses zwischen türkischem Staat und kurdischer Freiheitsbewegung im Jahr 2015 stark betroffen war: „Kurdish Studies took a major hit (…) and suffered a significant setback“ (Dogan, 2020, S. 8). Es gibt nur noch sehr wenige Konferenzen an türkischen Universitäten zu kurdischen Thematiken. WissenschaftlerInnen, die dazu forschen, werden drangsaliert: „many academics who openly criticized the state’s Kurdish policy were dismissed from their duties at universities“ (S. 90). Diejenigen, die übriggeblieben sind, üben sich nun in Selbstzensur, selbst wenn es um einzelne Begriffe wie „Nordkurdistan“ oder „Kolonialismus“ geht, die schon immer sehr politisiert waren (S. 45). Die Verhaftung einiger AkademikerInnen, die im Januar 2016 einen Appell zur Rückkehr zu Friedensgesprächen veröffentlicht hatten, ließ die Schere im Kopf nicht kleiner werden (BBC Türkçe, 2016). Umso wichtiger ist es, dass Studien, die auf kurdische Themen fokussieren, auch im Ausland weitergeführt werden.

Neben der nationalstaatlichen Fokussierung ist eine weitere Schwäche der bisherigen Mediensystemforschung die oft fehlende oder unzureichend dargestellte theoretische Grundlage, auf der diese basiert. Es ist wichtig festzuhalten, dass es kein kontextfreies Wissen gibt. Implizite und explizite Theorien organisieren, wie wir unsere Welt wahrnehmen. Deshalb muss die theoretische Brille, durch die der Forschungsgegenstand betrachtet wird, deutlich gemacht werden. Die forschungsleitende Theorie für diese Arbeit ist Uwe Schimanks Akteur-Struktur-Dynamik. Sie analysiert die wechselseitige „Konstitution von handelndem Zusammenwirken und sozialen Strukturen“ (Schimank, 2007a, S. 122). Schimank unterscheidet dabei drei Arten von Strukturen, in denen sich Handeln abspielt: Konstellations-, Erwartungs- und Deutungsstrukturen. Diese Verbindung von struktur- und akteurstheoretischen Ansätzen hat sich bereits bei vergangenen Mediensystemanalysen bewährt (vgl. Meyen, Fiedler & Schamberger, 2016; Schamberger, 2016; Schamberger & Schreiber, 2015). Die Theorie wiederum stellt, verbunden mit bereits existierender Mediensystemforschung, die Grundlage für ein Kategoriensystem dar, das den kompletten Forschungsprozess strukturiert und leitet.

Das Kategoriensystem wird durch eine Kombination von ExpertInneninterviews, Dokumentenanalyse und Feldbeobachtung mit Leben und Inhalt gefüllt. In den Jahren 2017 bis 2019 habe ich umfangreiche Forschungsreisen in die Zentren kurdischer Medienproduktion unternommen. Es ging nach Südkurdistan, Rojava, Denderleeuw in Belgien, Neu-Isenburg bei Frankfurt am Main und an viele andere Orte. Dort beobachtete ich JournalistInnen bei ihrer täglichen Arbeit und führte Interviews. Insgesamt basiert diese Arbeit auf 53 ExpertInneninterviews, von denen einige auch via Internet geführt wurden. Darüber hinaus wurden Dokumente, wie zum Beispiel Gesetzestexte, gesammelt und analysiert.

Der Schwerpunkt des empirischen Materials liegt auf Medien und AkteurInnen, die zum Umfeld der kurdischen Freiheitsbewegung gehören. Dies hängt mit meinem Feldzugang zusammen und wird im Methodenteil weiter erläutert. Das stellt allerdings keinen Nachteil dar, da die Zusammenhänge von Medien und kurdischer Freiheitsbewegung in der Kommunikationswissenschaft bisher nicht erforscht und Medien oft auch ein Produkt ihres politischen Kampfes sind. Sich mit Thematiken rund um die kurdische Freiheitsbewegung generell und der PKK im Speziellen zu beschäftigen, birgt die Gefahr, ins Visier der Sicherheitsbehörden zu geraten (Wetzel, 2016). Insbesondere wenn man die Freiheitsbewegung nicht nur aus der Ferne betrachtet und sich ihr explizit nicht mit sicherheitspolitischem Denken nähert, sondern mit einer offenen Haltung, die versucht, den Sinn ihrer Handlungen nachzuvollziehen und wissenschaftlich einzuordnen (vgl. Jongerden, 2016). Jede wissenschaftliche Arbeit ist zugleich politisch (vgl. Lagasnerie, 2018). Bei der vorliegenden Thematik tritt dies allerdings noch deutlicher zutage und ist zugleich eng mit meiner Person verbunden, weshalb im Methodenkapitel Raum für eine entsprechende Reflexion über das eigene Wissenschaftsverständnis gegeben wird.

Beim kurdischen Mediensystem handelt es sich seiner Struktur nach um ein nicht staatliches, transnationales und historisch gewachsenes Netzwerk, das über bestehende Länder- und Kontinentalgrenzen hinweg existiert. Deshalb wird für den kurdischen Fall mit Beginn der Ergebnisdarstellung anstatt Mediensystem der Begriff des Mediennetzwerks verwendet, um seine Transnationalität mit verschiedenen Zentren als Knotenpunkten, aber auch Hierarchien beschreiben zu können. Das Mediennetzwerk ist dominiert von politischen AkteurInnen, die jeweils als zentraler Knotenpunkt im Zentrum des Netzwerks sitzen. Sie kontrollieren Medien durch zwei zentrale Aspekte. Erstens, durch Finanzierung und der Bereitstellung grundsätzlicher Ressourcen, damit Medien überhaupt existieren können. Zweitens, durch wirkmächtige Ideologien, die politische AkteurInnen als auch JournalistInnen gemeinschaftlich teilen und so die Loyalität kurdischer Medienschaffender sicherstellen. Diese zwei Formen der Kontrolle dominieren kurdische Medien stärker als nationalstaatliche Elemente der Kontrolle, wie etwa Gesetze oder die Androhung von Strafen. Im Gegenteil, die staatliche Verfolgung hat erst zum Anwachsen und zur fortschreitenden Transnationalisierung des kurdischen Mediennetzwerkes geführt, weil JournalistInnen, die ihre Herkunftsorte verlassen mussten, sich in anderen Teilen Kurdistans angesiedelt haben und dort ihre Tätigkeit fortführen konnten. Dieses relativ reibungslose Fortführen der journalistischen Arbeit wird möglich, weil politische AkteurInnen entsprechende Strukturen geschaffen haben. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der zahlreichen Ergebnisse. Da diese Arbeit einen explorativen Charakter hat, wird im Ergebnisteil mit verschiedenen Thesen über das kurdische Mediennetzwerk gearbeitet, die auf der forschungsleitenden Theorie basieren und den Kapiteln einen Rahmen geben. So sollen zudem Kritik sowie der Anschluss weiterer Forschung vereinfacht werden.

Zur Struktur der Arbeit. Nach dieser Einleitung erfolgt die theoretische Fundierung (Kapitel 2). Dort wird zuerst die Theorie der Akteur-Struktur-Dynamik behandelt (Kapitel 2.1) und anschließend auf das Feld der Mediensystemforschung eingegangen (Kapitel 2.2). Dabei geht es insbesondere um den methodologischen Nationalismus der Mediensystemforschung und wie man diesem durch Betrachtung transnationaler Netzwerke entgegenwirken kann. Im Kapitel 2.3 wird auf den Forschungsstand zu kurdischen Medien eingegangen und zugleich ein gemeinsames Wissensfundament über Kurdistan und seine AkteurInnen gebildet, das für ein Verständnis dieser Arbeit unerlässlich ist. Abgeleitet aus der Akteur-Struktur-Dynamik und dem bisherigen Forschungsstand werden in Kapitel 2.4 ein Kategoriensystem vorgestellt, das den Untersuchungsprozess leitet, und daran anschließend zentrale forschungsleitende Fragen formuliert (Kapitel 2.5). Im dritten Kapitel geht es um das Untersuchungsdesign dieser Arbeit. Dabei werden das eigene Verständnis von qualitativ-kategoriengeleiteter Wissenschaft, meine Rolle als Verfasser dieser Arbeit und die angewendeten Methoden geschildert (Kapitel 3.1). Darauf folgt eine Schilderung des konkreten Untersuchungsablaufs (Kapitel 3.2) und des Auswertungsprozesses (Kapitel 3.3).

Im vierten Kapitel werden die Ergebnisse vorgestellt. Dabei dient das Kapitel 4.1 als eine Art langer Ergebnisabstract, der die zentralen Ergebnisse zusammenfasst. Wem diese Arbeit insgesamt zu lang ist, dem sei dieser Abschnitt besonders empfohlen. Kapitel 4.2 gibt eine Annäherung an die Medientheorie der kurdischen Freiheitsbewegung, die als Teil der Schimank’schen Erwartungsstrukturen verortet wird. Der weitere Ergebnisverlauf gliedert sich in Erkenntnisse, die aus der Betrachtung der drei gesellschaftlichen Grundstrukturen entstehen. Die Konstellationsstrukturen (Kapitel 4.3) gliedern sich in kurdische AkteurInnen, nicht kurdische AkteurInnen und journalistische Arbeitsbedingungen. Kapitel 4.5 behandelt die restlichen Erkenntnisse aus der Analyse der Erwartungsstrukturen. In Kapitel 4.7 wird auf die Deutungsstrukturen im kurdischen Mediennetzwerk eingegangen und ein spezieller Fokus auf journalistische Selbstverständnisse in Medien der kurdischen Freiheitsbewegung gerichtet sowie auf die Tradition der „Freien Presse“ eingegangen. Zum Schluss wird auf die Reputation, die kurdische Medien und JournalistInnen in der Bevölkerung haben, eingegangen. Aufgelockert wird die Struktur des Ergebnisteils durch Schilderung einiger forschungsrelevanter Erlebnisse aus den Forschungsreisen (Kapitel 4.4, 4.6 und 4.8). Hinzu kommen Kästen, die biografische Informationen und Aussagen interviewter Personen beinhalten oder einzelne Medien darstellen. Ganz am Ende, in Kapitel 5, steht eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse und ein Fazit.

1 Im Folgenden wird weiterhin der Begriff „Naher Osten“ verwendet, auch wenn er umstritten ist und einer eurozentristischen Epistemologie entspringt. Mögliche Alternativen wären der im Englischen gebräuchliche Begriff „Middle East“, der in etwa die gleiche Geografie meint. Schindler (2018) verwendet den Begriff „Westasien“, um den Fokus auf die Region zu verändern. All diesen Beschreibungen ist jedoch gemeinsam, dass sie von einem fernen (geografischen) Standpunkt aus vorgenommen werden und somit auch eine Machthierarchie widerspiegeln, die sich in der Möglichkeit der Fremdbezeichnung realisiert. Eine aus der Region stammende Bezeichnung, wie zum Beispiel der Begriff „Mesopotamien“, konnte sich bisher akademisch nicht durchsetzen und bezeichnet geografisch gesehen auch nur einen Teil der unter die anderen Bezeichnungen fallenden Gebiete. Deshalb verwende ich weiterhin die in Deutschland gängige (und als problematisch anerkannte) Bezeichnung „Naher Osten“.

2 Aufgrund der Bekanntheit des Begriffes Rojava wird er im Folgenden synonym für die Bezeichnung Nordsyrien verwendet, auch wenn er geografisch nicht ganz deckungsgleich ist.

3 Im Verlauf der Ergebnispräsentation wird erläutert, warum trotz Verortung in der Mediensystemforschung für den kurdischen Fall nicht mehr der System-, sondern ein Netzwerkbegriff verwendet wird.

4 Zur Unterscheidung von Formal- und Materialobjekt von Forschungsarbeiten siehe Meyen et al., 2019, (S. 50).

2 | Theoretische Fundierung

Die Untersuchung des kurdischen Mediennetzwerkes basiert auf der grundlegenden Annahme, dass es in der Wissenschaft kein kontextfreies Wissen gibt. „Kein Wissen ohne Subjekt und kein Wissen ohne Theorie“ (Meyen et al., 2019, S. 26). Der Blick auf die Welt und damit auch die Untersuchung eines Forschungsgegenstandes ist geprägt von gewissen Vorannahmen, Einstellungen und auch Vorurteilen der forschenden Person. Jegliches Handeln als WissenschaftlerIn findet in einem politischen Kontext statt (vgl. Lagasnerie, 2018). Dies trifft besonders dann zu, wenn man in Europa (akademisch) sozialisiert wurde und zu einem Gegenstand des Nahen Ostens forscht: den KurdInnen und ihren Medien – einem politisch und juristisch umstrittenen Thema. Bis heute ist die deutschsprachige Forschung zu KurdInnen überschaubar und das, obwohl bis zu einer Millionen von ihnen in der deutschen Diaspora leben.5 Die Brisanz des Themas trifft gerade dann zu, wenn man selbst familiäre Wurzeln in der Türkei hat und wegen politischer Aktivitäten nicht mehr in seine zweite Heimat reisen darf (vgl. dazu ausführlicher Kapitel 3).

Eine zweite, damit verbundene Ebene der Wissensbedingungen kommt hinzu: Die westliche Sozialisierung führt oft zu einem Eurozentrismus unterschiedlicher Ausprägung: Welche wissenschaftlichen Fragen behandele ich? Wie behandele ich sie? Können europäische beziehungsweise westliche, kommunikationswissenschaftliche Maßstäbe an entsprechende Themen des Nahen Ostens angelegt werden? Die Frage ist, wie damit auch in der vorliegenden Arbeit umgegangen wird. In der Kommunikationswissenschaft herrscht oftmals ein Objektivitätsideal vor, welches die Voraussetzung von Forschung, also die Forschenden und ihren Blick auf die Welt, nicht genug berücksichtigt und durch Quantifizierung und Zahlenspielereien aus dem Fokus schiebt (vgl. Meyen et al., 2019, S. 27). Weil dies nicht immer zielführend ist, wird in dieser Arbeit ein anderer Weg gewählt, und zwar die Offenlegung der eigenen Position und damit die Ermöglichung von Nachvollziehbarkeit, einem zentralen Qualitätskriterium qualitativer Forschung (vgl. Löblich, 2016, S. 68).

Zentral sind dabei Theorien, insbesondere große Sozialtheorien. Sie stellen ein „organisierendes Prinzip im qualitativen Forschungsprozess“ (Löblich, 2016, S. 67) dar. Sie machen die Komplexität der Welt handhabbar und schränken sie bezogen auf den konkreten Untersuchungsgegenstand kurdischer Medien ein. Dabei können mit ihrer Hilfe Merkmale herausgefiltert werden, die im Fokus der Untersuchung stehen. Sie stellen also „Begriffe bereit, die einen Zugang zur Realität erlauben“ (Wiedemann & Meyen, 2013, S. 9). Sie sind Scheinwerfer, die den Gegenstand des Interesses beleuchten und ihn „je nach Farbe und Lichtstärke ganz unterschiedlich aussehen lassen“ (Meyen et al., 2019, S. 27). Theorien werden hier als Werkzeugkästen verstanden, aus denen sich bedient werden kann, deren Werkzeuge verändert, mit anderen theoretischen Ansätzen verknüpft und ergänzt werden können, je nachdem, was der Untersuchungsgegenstand und die Forschungsfragen verlangen (vgl. Löblich, 2016, S. 74).

Sozialtheorien ermöglichen es zudem, mit den Ergebnissen über den untersuchten Fall Kurdistan hinauszugehen und in Anschlussforschung Annahmen zu entwickeln, die auch für andere transnationale Medien, und darüber hinaus, gültig sind. Außerdem lassen sich so auch Ergebnisse mit Nachbarfächern außerhalb der Kommunikationswissenschaft diskutieren, da diese so die prinzipielle Herangehensweise an den Untersuchungsgegenstand nachvollziehen können (Wiedemann & Meyen, 2013, S. 8). Sie dienen zudem auch als Grundlage bei der Entwicklung von Kategoriensystemen, die als Schablone über den Untersuchungsgegenstand gelegt werden und bestimmen, was man sieht und was nicht (siehe Kapitel 2.4). Theorien und Kategoriensysteme helfen bei der Auswahl der Methode und sind maßgeblich bei der Interpretation der Daten.

Natürlich hat dieses Vorgehen auch Nachteile, denn je nach gewählter Theorie gelangt man womöglich zu anderen Erkenntnissen. Wichtig ist deshalb die theoretische Perspektive offenzulegen und zu diskutieren, damit diese nicht implizit und unausgesprochen bleibt, wie dies bei anderen (Mediensystem-) Forschungsarbeiten der Fall ist, zum Beispiel bei Hallin & Mancini (2004) oder Blum (2014; vgl. Kapitel 2.2).

In dieser Dissertation wird mit der Akteur-Struktur-Dynamik von Uwe Schimank gearbeitet, die eine Verbindung von System- mit akteurszentrierten Handlungstheorien darstellt. Die Auswahl einer solchen Theorie wird dabei neben der Forschungsnützlichkeit immer auch von der Persönlichkeit des Forschenden und des zugrundeliegenden Weltbildes beeinflusst (Löblich, 2016, S. 76). Eine Doktorarbeit mit einem ausschließlich systemtheoretischen Ansatz wäre mir zu „antihumanistisch“ (Schimank, 2005, S. 71), weil die Systemtheorie das konkrete Handeln von AkteurInnen als Individuen oder Kollektive ausblendet und der Mensch nur zur Umwelt von Systemen gehört, er also zu einem reinen Störfaktor von gesellschaftlichen Teilsystemen degradiert wird. AkteurInnen bleiben in der Systemtheorie „auf eigentümliche Weise unscheinbar“ (Schimank, 2009, S. 201). Dies widerspricht meiner Einstellung als Forscher. Ohne handelnde und denkende Menschen würde es gar nicht die Möglichkeit geben, über so etwas wie Systeme zu reflektieren. Wenn es Systeme gibt, dann werden diese durch den Menschen erschaffen. Die Verbindung von Handlungs- und Systemtheorie, also wie AkteurInnen Strukturen verändern können und diese Strukturen wiederum auch das Handeln ermöglichen oder begrenzen, schafft allerdings eine interessante Verbindung aus Möglichkeiten der Veränderung unter gleichzeitigen strukturellen Zwängen.

2.1 Akteur-Struktur-Dynamik

Der deutsche Soziologe Uwe Schimank machte sich bereits vor mehr als 30 Jahren Gedanken über die Verbindung von systemtheoretischen Ansätzen mit Handlungstheorien (Schimank, 1988). Sein Ziel war es, „akteurtheoretische Erklärungen gesellschaftlichen Handelns durch Einbau des systemtheoretischen Konzepts des gesellschaftlichen Teilsystems“ (Schimank, 2005, S. 78) zu verbessern. Der Ansatz beruht auf der Analyse der wechselseitigen „Konstitution von handelndem Zusammenwirken und sozialen Strukturen“ (Schimank, 2007a, S. 122). Betrachtet wird also, inwiefern das gemeinsame, wechselseitig bezogene Handeln von individuellen oder kollektiven AkteurInnen von sozialen Strukturen geprägt wird und wie dieses Handeln wiederum selbst soziale Strukturen prägt. Laut Schimank folgen AkteurInnen einer eigenen, individuellen Handlungsintention, die, wenn verschiedene Intentionen von Individuen aufeinandertreffen, zu anderen, meist nicht erwarteten Ergebnissen führen, also transintentional werden. Transintentionalität ist meist gescheiterte Intentionalität, weil die Effekte des eigenen Handelns niemals durchweg planbar sind (Schimank, 2005, S. 26).

Intentionales Handeln geht, früher oder später, in transintentionales handelndes Zusammenwirken und in entsprechende Dynamiken des Aufbaus, der Erhaltung oder der Veränderung sozialer Strukturen über (Schimank, 2007a, S. 123). Soziale Strukturdynamiken werden also stets intentional vorangetrieben, entgleiten den Akteuren früher oder später unweigerlich mal weniger, mal mehr ins Transintentionale (ebd., S. 125).

Die Aufmerksamkeit liegt dabei nicht so sehr auf einzelnen Handlungen, sondern vielmehr auf dem handelnden Zusammenwirken. Es geht um die „Schaffung, Erhaltung oder Veränderung – bis hin zur Zerstörung – sozialer Strukturen“ (Schimank, 2004, S. 288). Maßgeblich ist dabei „das Verhältnis von intentionaler Gestaltung und transintentionalen Strukturdynamiken“ (ebd., S. 291).

AkteurInnen können laut Schimank auf drei unterschiedliche Arten aufeinandertreffen und Akteurskonstellationen eingehen. Dies sind Beobachtungs-, Beeinflussungs- und Verhandlungskonstellationen. Erstere ist die Grundlage von allem. Sie treten auf, wenn zwei unterschiedliche AkteurInnen sich wahrnehmen „und ihr Handeln durch die Wahrnehmung des jeweils anderen mitbestimmen lassen“ (Schimank, 2007a, S. 130). Das können ganz alltägliche Dinge sein, wie das Ausweichen von FahrradfahrerInnen in einer engen Straße. Sie sehen sich und wählen dann einen Weg, der nicht zum Unfall führt. Das wechselseitige Beobachten erfordert allerdings nicht immer eine direkte Präsenz der AkteurInnen. So können zum Beispiel kurdische JournalistInnen, von denen sich viele auf Twitter befinden, vermittelt über das Internet wahrnehmen, was ihre KollegInnen publizieren und sich in ihren eigenen Veröffentlichungen daran ausrichten, Bezug nehmen oder sie kritisieren.

Hier schließen direkt Beeinflussungskonstellationen an, denn AkteurInnen beobachten sich ja nicht nur gegenseitig, sondern sie versuchen sich in ihrem Handeln oft auch bewusst zu beeinflussen. RadlerInnen versuchen durch Winken oder heftiges Rufen ihren Platz auf der Straße zu verteidigen, um den anderen möglichst wenig ausweichen zu müssen. Kurdische JournalistInnen können zum Beispiel kritisch über eine Politikerin schreiben, mit dem Ziel, sie von einem politischen Vorhaben abzubringen. Bei Beeinflussung geht es im Endeffekt immer um „intentionale aktive Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten des Gegenübers“ (Schimank, 2007a, S. 130). Dies gilt nicht nur für negative kritische Reaktionen. Auch positive Rückmeldungen von einer Kollegin auf einen bestimmten Zeitungsartikel engen das Spektrum dessen ein, was der Journalist daraufhin tun wird.

Die dritte und letzte Form von Konstellation sind daraus folgend Verhandlungskonstellationen. Diese beruhen dabei immer zuerst auf Beobachtungs- und Beeinflussungskonstellationen. Um das Fahrradbeispiel zu bedienen: Man stelle sich vor, die RadfahrerInnen steigen ab und diskutieren darüber, wer wem wie ausweichen muss und warum. Anderes Beispiel: Die von kurdischen JournalistInnen kritisierte Politikerin kann mit ihrem Anwalt drohen und diese zu einer Gegendarstellung auffordern. Die JournalistInnen wiederum können sich über eine journalistische Selbstorganisation eine eigene anwaltliche Vertretung besorgen und versuchen, sich zu verteidigen. Natürlich sind AkteurInnen, die miteinander verhandeln, nicht immer gleich stark, es gibt fast immer Machtasymmetrien. Wenn zum Beispiel die Politikerin, wie es in Kurdistan der Fall sein kann, über Einfluss auf die Polizei oder sogar über eigene militärische Einheiten verfügt, die ihrer Partei nahestehen, wird sie mit ihrer „Bitte“ der Gegendarstellung vermutlich erfolgreich sein, weil ihre Verhandlungsmacht größer ist und die JournalistInnen negative Konsequenzen befürchten müssen.

Wie dieses theoretische Schema angewendet werden kann, soll anhand eines historischen Beispiels mit Bezug zum Dissertationsthema verdeutlicht werden. Es ist dem kurdischen Roman Kader Kuyusu (kurdisch: Bîra Qederê; deutsch: Schicksalsbrunnen) von Mehmed Uzun (2006) entlehnt, der auf Grundlage von Archivmaterial und Dokumenten das Leben des kurdischen Publizisten und Politikers Celadet Ali Bedirxan (1893–1951) nachgezeichnet hat.6 Nach Gründung der Türkischen Republik im Jahr 1923 mussten viele kurdische Intellektuelle ins umliegende Ausland fliehen, weil sie nicht ins neue Nationalitätenkonzept der KemalistInnen passten und die neue Regierung in Ankara kritisierten. Einer von ihnen war Bedirxan, der von Istanbul aus über Umwege in die syrische Hauptstadt Damaskus ging, das damals unter französischer Besatzung stand. Dort gab er von 1932 bis 1943 die Zeitung Hawar (deutsch: Der Ruf) heraus, „the first of a long series of Kurmanji publications in exile after the creation of the Turkish Republic“ (Galip, 2015, S. 81).7 Der französische Geheimdienst beobachtete als kollektiver Akteur die journalistischen Tätigkeiten Bedirxans in Damaskus, weil er fürchtete, sie könnten negative Auswirkungen auf das französisch-türkische Verhältnis haben. Insbesondere auch deshalb, weil Teile der Auflage von Hawar in die Türkei geschmuggelt wurden, speziell in die kurdischen Gebiete (Kaya, 2010, S. 163). Umgekehrt beobachtete Bedirxan die Reaktionen der französischen Behörden auf seine Publikationen. Es handelt sich also um Beobachtungskonstellationen. Beeinflussungskonstellationen treten in dem Moment ein, als sich der französische Geheimdienst in Person von Colonel Rambot einschaltet. Der damalige stellvertretende Geheimdienstchef der Region bittet Bedirxan schon im ersten Jahr der Hawar-Publikation zu sich und warnt: Er würde auf einer Todesliste der türkischen Regierung stehen und solle sich in seiner Berichterstattung zurückhalten (Uzun, 2006, S. 243). Hier stand das Interesse der französischen Behörden an guten Beziehungen zur Türkei gegen das Interesse Bedirxans, eine kritische kurdische Zeitung herauszugeben. Als es 1941, während des Zweiten Weltkrieges, zu einer Annäherung zwischen der Türkei und Nazideutschland kommt, werden die Publikationsmöglichkeiten der KurdInnen in Damaskus wieder größer, weil Frankreich und England als Alliierte ein Interesse daran haben, dass die Aktivitäten der Türkei kritisch beleuchtet werden.8 Celadet Ali Bedirxan kann Hawar nun ohne Probleme und Einschränkungen des französischen Geheimdienstes veröffentlichen (ebd., S. 321). Hier treten Verhandlungskonstellationen auf den Plan. Denn im Gegenzug zu einer kritischen pro alliierten Berichterstattung über die Türkei und Deutschland stellen die französischen und englischen Behörden der kurdischen Zeitung nun sogar das für den Druck nötige Papier zur Verfügung. Es ist sogar so viel, dass Celadet Ali und sein Bruder Kamuran Bedirxan den Überschuss an Papier in Beirut verkaufen und davon ihre Familien ernähren können. So sind sie zudem in der Lage, zwei weitere Zeitungen herauszubringen: Ronahi (deutsch: Licht) in Damaskus und Roja Nû (deutsch: Neuer Tag) in Beirut. Das Aufblühen kurdischer Publikationstätigkeit in dieser Zeit ist ein Beispiel für eine (vermutlich) transintentionale Wirkung des intentionalen Handelns verschiedener AkteurInnen.9 Eine solche „Nebenwirkung“ (Schimank, 2005, S. 26) muss dabei nicht negativ sein. Für die französischen Behörden war es von Vorteil, dass nun nicht nur eine, sondern gleich drei Zeitungen erschienen, die in dieser Zeit gegen die Nazis und ihre Verbindungen zur Türkei anschrieben (vgl. Kaya, 2010, S. 166). Für Schimank schaffen eben „diese Konstellationen handelnden Zusammenwirkens einer Pluralität von Akteuren (…) soziale Strukturen“ (Schimank, 2007b, S. 192). Denn nun gab es eine Vielzahl kurdischer Medien. Uzun (2006) spricht sogar von einem eigenen Radiosender, der in dieser Zeit in Beirut gegründet werden konnte und auf dem jeden Mittwoch und Donnerstag auf Kurdisch gesendet wurde (S. 321).

Dass diese neuen Strukturen sich auch wieder ändern können, zeigt die weitere Entwicklung. Als es zwei Jahre später wieder zu einer Annäherung zwischen Frankreich, England und der Türkei kommt, ist es mit dem Papiersegen aus und die Zeitungen müssen schließen. „Du kennst das Schachspiel … (…). Bei diesem Todesspiel veränderte sich der Wert der KurdInnen je nach Haltung der Türkei“ (S. 321; Übersetzung durch den Autor), schreibt Uzun (2006) in seinem Roman dazu. Nicht nur ist dies ein Beispiel dafür, was für einen starken Einfluss politische Entwicklungen auf kurdische Medien hatten und bis heute haben. Vielmehr verdeutlicht es die von Schimank hervorgehobenen unterschiedlichen Machtasymmetrien zwischen AkteurInnen in Verhandlungskonstellationen. Auch wenn die Bedirxans ein breites Netzwerk an UnterstützerInnen haben, sind sie der Kappung der Papierzufuhr durch die Behörden ausgeliefert und in einer schwächeren Verhandlungsposition. Die Zeitungen müssen schließen, die Strukturen ändern sich wieder.

An diesem Beispiel wird zudem deutlich,

dass jeder Akteur erstens bestimmte Interessen hat, zweitens über Ressourcen verfügt, diese Interessen durchzusetzen, und dafür drittens Strategien entwickelt, die sich auf sein Wissen (‚Akteurfiktionen‘) über die Interessen und Ressourcen anderer Akteure beziehen (Meyen, 2014a, S. 380; vgl. Meyen et al., 2015, S. 145).

Der Begriff „Akteurfiktion“ bezeichnet dabei das Wissen von AkteurInnen über die Interessen und Ressourcen ihrer Gegen- oder MitspielerInnen, aber auch über die Funktionslogik des sozialen Systems, in dem sie sich jeweils aufhalten (vgl. Schimank, 1988). Für die Betrachtung des kurdischen Falls bedeutet dies zu untersuchen, wie das Agieren von unterschiedlichen AkteurInnen, wie zum Beispiel JournalistInnen, BeamtInnen, politische AkteurInnen oder MedieneigentümerInnen, die Strukturen des Mediensystems bilden und diese Strukturen wiederum das Handeln dieser Menschen überhaupt ermöglichen.

Schimank (2007a; 2010) unterscheidet drei Arten von gesellschaftlichen Strukturen: Konstellations-, Erwartungs- und Deutungsstrukturen.10 Die erste Art von Strukturen sind Konstellationsstrukturen. Sie definieren das „Können“ der AkteurInnen. Es handelt sich um Akteurskonstellationen, wie am Beispiel von Celadet Ali Bedirxan und den französischen Behörden in Syrien in den 1930er und 1940er Jahren bereits deutlich gemacht wurde. Konstellationsstrukturen liegen dann vor, „wenn sich ein bestimmtes Muster handelnden Zusammenwirkens in dem Sinne verfestigt, dass keiner der Beteiligten allein von sich aus einfach seine Handlungsweise ändern kann, ohne sich gravierende Nachteile der einen oder anderen Art einzuhandeln“ (2007a, S. 126/127). Konstellationsstrukturen legen die Möglichkeiten des Handelns in einem gegebenen System fest, in diesem Fall des kurdischen Mediensystems, und im Zusammenhang mit anderen Systemen, zum Beispiel der Politik oder der Wirtschaft. Konstellationen stellen den Rahmen dar, der Handlungen überhaupt erst ermöglicht. Konstellationsstrukturen können positiv und negativ bewertete Gleichgewichte sein. Positiv sind zum Beispiel Freundschaften und Netzwerke, die gepflegt werden. Negativ sind etwa „eingefahrene Konkurrenz- und Feindschaftsverhältnisse“ (Schimank, 2010, S. 206). Konstellationsstrukturen ermöglichen den beteiligten AkteurInnen, ihre Ziele zu realisieren oder eben nicht.

Erwartungsstrukturen sind institutionalisierte, normative Erwartungen und prägen das „Sollen“ der AkteurInnen. Sie können formeller sowie informeller Natur sein. Formelle Erwartungen sind rechtliche Regelungen und Verhaltenserwartungen an (kollektive und individuelle) AkteurInnen, also zum Beispiel die Medien betreffende Gesetze, Regelungen und Abmachungen, sowie Verfassungen der einzelnen Länder und/oder Regionen, in denen sich kurdische Medien befinden. Informelle normative Erwartungen sind zum Beispiel Sitten, Umgangsformen und/oder der angenommene „Moralkodex (…) einer Berufsgruppe wie der Journalisten“ (Schimank, 2007a, S. 126). Es sind „alle Arten von informellen sozialen Regeln, wie sie innerhalb größerer oder kleinerer Gruppen Geltung besitzen“ (Schimank, 2010, S. 204). Zu Erwartungen zähle ich auch Ideologien und Ideen von nicht journalistischen AkteurInnen, die einen Einfluss auf Medien haben. Im kurdischen Fall kommen diese Ideen und Ideologien vor allem von politischen Kräften, die spezielle Erwartungen an die Funktionsweise kurdischer Medien haben und über entsprechende Strukturen verfügen, diese Erwartungen in den Medien umzusetzen, wie noch zu zeigen sein wird.

Deutungsstrukturen prägen das „Wollen“ der AkteurInnen, sie „sind um kulturelle Leitideen gruppiert“ (Schimank, 2007a, S. 126). Dies sind zum Beispiel die Selbst- und Rollenverständnisse von JournalistInnen in einem Mediensystem. Es sind „alle Arten von Werten“ (Schimank, 2010, S. 204), wissenschaftlichen Theorien und alltäglichem Wissen darüber, wie bestimmte Dinge, zum Beispiel kurdische Medien, aufgebaut sind, wie sie funktionieren und beeinflusst werden können. Für Schimank sind binäre Codes wichtige Deutungsstrukturen der modernen Gesellschaft. Es handelt sich dabei um Leitwerte, nach denen verschiedene gesellschaftliche Teilsysteme funktionieren.11

Alle Handlungen von AkteurInnen ergeben sich aus diesem Zusammenspiel von Können, Sollen und Wollen. Auf der einen Seite werden ihre Handlungen durch die drei gesellschaftlichen Strukturdimensionen geprägt. „Auf der anderen Seite produziert und reproduziert das handelnde Zusammenwirken die Strukturen der Teilsysteme“ (Schimank, 2007b, S. 223). Alles ist ein „Resultat der gesellschaftlichen Dynamik des handelnden Zusammenwirkens“ (ebd.). Der Begriff Dynamik hebt hervor, dass Strukturen durch individuelle und kollektive AkteurInnen beeinflussbar und veränderbar sind.

Was sind nun gesellschaftliche Teilsysteme, von denen hier immer wieder die Rede ist? Wenn in dieser Arbeit vom Mediensystem gesprochen wird, ist damit ein gesellschaftliches (Teil-) System gemeint, das „sinnhafte Verweisungshorizonte von Handeln“ (Schimank, 2005, S. 84) eingrenzt, sodass in einer sozialen Situation aufeinander bezogenes, abgestimmtes Handeln von AkteurInnen möglich wird. Ein eigenes Sinnsystem gibt den AkteurInnen im Mediensystem kognitive, normative und evaluative Handlungsorientierungen (ebd., S. 85). Kurdische JournalistInnen wissen also grundsätzlich, nach welchen Regeln das Mediensystem in ihrer Region funktioniert.12 Sie sind sich bewusst, was von ihnen erwartet wird, und haben zudem auch eigene Vorstellungen davon, wie sie Journalismus betreiben wollen. In Schimanks (2005) Worten: „Gesellschaftliche Teilsysteme sind als handlungsprägende Sozialsysteme somit Konstitutionsbedingungen der Handlungsfähigkeit gesellschaftlicher Akteure“ (S. 88).

AkteurInnen beobachten gesellschaftliche Wirklichkeit sowohl in konkreten Situationen des Handelns, aber auch „in Form abstrakter gesellschaftlicher Teilsysteme“ (Schimank, 2005, S. 89). Sie sind sich bewusst, worin die Handlungslogik eines bestimmten Teilsystems besteht und wie diese auch von anderen Teilsystemen beeinflusst wird. So werden kurdische JournalistInnen in ihrer Redaktion keine protürkische Berichterstattung betreiben. Zum einen, weil sie wissen, dass die Erwartungsstrukturen dies nicht zulassen würden, und zum anderen auch, weil die in ihren Deutungsstrukturen angelegten Selbstverständnisse eine solche potenzielle Aktivität gar nicht enthalten und sie wissen, dass dies einen Ausschluss aus dem kurdischen Mediensystem zur Folge hätte. Teilsysteme reduzieren Komplexität und ermöglichen es AkteurInnen, mit Kontingenz umzugehen, also dem Problem der prinzipiell unendlichen Handlungsmöglichkeiten in einer sozialen Situation. Teilsysteme geben hier Orientierungsrahmen des Möglichen, des Machbaren vor, was den AkteurInnen durchaus bewusst ist.

Es ist wichtig festzuhalten, dass trotz der Einordnung von Mediensystemen als gesellschaftliche Teilsysteme diese nicht im Sinne der Systemtheorie als autopoietisch, selbstreferentiell geschlossen betrachtet werden. Im Gegenteil, es besteht eine

hochgradige Abhängigkeit von vielerlei Leistungen anderer Teilsysteme (…). Keine funktionierenden Massenmedien ohne Rechtssicherheit, eine gebildete Bevölkerung, (…) wirtschaftliche Gewinne, politische Förderung sowie militärisch gewährleistete Sicherheit (Schimank, 2007a, S. 133).

Es ist also nicht allein das Mediensystem, das über seine eigenen Regeln bestimmt. Besonders im kurdischen Fall wird deutlich werden, dass das politische System und Machtbeziehungen unterschiedlichster AkteurInnen untereinander einen immensen Einfluss auf die Regeln und Funktionsweise des kurdischen Mediensystems haben. Zudem wird in Kapitel 2.2.1 ein Netzwerkbegriff in diese Arbeit eingeführt und damit die angenommene Geschlossenheit von Systemen theoretisch weiter aufgeweicht.

In der Vergangenheit haben bereits einige KommunikationswissenschaftlerInnen mit der Akteur-Struktur-Dynamik gearbeitet. Neuberger (2000) schlägt zum Beispiel vor, Journalismus als systembezogene Akteurskonstellation zu sehen, in der der Journalist/die Journalistin als AkteurIn aufgewertet wird (S. 276). Auch in der Medialisierungsforschung wurde die theoretische Perspektive der Akteur-Struktur-Dynamik angewandt (Meyen, 2009; 2014a; 2014b; Meyen, Thieroff & Strenger, 2015; Neuberger, 2013). In der Mediensystemforschung wird dieser Ansatz erst in den letzten Jahren verwendet. So zum Beispiel in einer Analyse des ugandischen Mediensystems (Meyen, Fiedler & Schamberger, 2016).13 Ein Kollege und ich haben das theoretische Grundgerüst bereits in einer Analyse des türkischen Mediensystems angewandt (Schamberger & Schreiber, 2015). Zudem basierte meine Masterarbeit, die sich mit Pressefreiheit zu Wahlzeiten in Uganda beschäftigte, ebenfalls auf der Akteur-Struktur-Dynamik (Schamberger, 2016).

Die hier getroffenen Überlegungen werden zusammen mit bestehendem Wissen zur Mediensystemforschung sowie zum Forschungsgegenstand der KurdInnen und ihren Medien im Kapitel 2.4 in ein Kategoriensystem münden. Zunächst wird nun auf die Grundlagen der Mediensystemforschung eingegangen.

2.2 Mediensystemforschung

Wer sich in der Kommunikationswissenschaft mit Mediensystemforschung auseinandersetzt, kommt an zwei zentralen Werken, zwischen deren Erscheinung fast 50 Jahre liegen, nicht vorbei: Four Theories of the Press von Siebert, Peterson und Schramm (1956) und Comparing Media Systems von Hallin und Mancini (2004). Beide Werke sind nach wie vor zentral für die dominierende (westliche) Form der (vergleichenden) Mediensystemforschung, auch wenn sie jeweils starke Kritik hervorgerufen haben (vgl. Rantanen, 2017). Im Folgenden wird auf diese beiden Werke und die an sie gerichtete Kritik eingegangen, um zu sehen, was davon für eine Analyse des kurdischen Mediensystems nutzbar gemacht werden kann.

Siebert et al. (1956) führten in den USA zum ersten Mal in die noch junge Nachkriegs-Kommunikationswissenschaft den Begriff „System“ sowie eine daraus folgende Typologisierung von Mediensystemen ein – dem autoritären, dem liberalen, dem Modell der sozialen Verantwortung und dem sowjetkommunistischen Modell. Dieses Denken in Systemen war das Neue, das Unbekannte und rief viel Anschlussforschung hervor. Inspiriert wurden die Autoren dabei vermutlich von den systemtheoretischen Arbeiten Parsons’ (1951), die erst am Beginn ihres wissenschaftlichen Durchbruchs und Höhenflugs standen. Rantanen (2017) hat in einem historisch-analytischen Beitrag die eher zufällige Entstehungsgeschichte von Four Theories of the Press im Detail beschrieben. Auch wenn der Begriff „System“ in der Mediensystemforschung durch Siebert et al. eingeführt wurde, verwenden sie ihn selbst in dem 153 Seiten starken Klassiker nur 58 Mal „and only twice with reference to the concept of a press system“ (S. 3464). Es bleibt also unklar, was genau damit gemeint ist.

Für Siebert et al. ist ein generelles Verständnis von Gesellschaft, in dem ein Mediensystem operiert, „basic to any systematic understanding of the press“ (1956, S. 2). Davon ausgehend entwickelten sie die vier genannten Mediensystem-Typen. Nerone (1995) argumentiert allerdings, dass es sich dabei eigentlich nur um zwei wirklich ausgearbeitete Ansätze handelt (liberales vs. sowjet-kommunistisches Modell), die auf einer konkreten historischen Grundlage stehen und von den Autoren analysiert wurden. Siebert et al. waren dabei in der hegemonialen Epistemologie ihrer Zeit gefangen, die damals vor allem vom Kalten Krieg und von der Dichotomie „wir gegen sie“, die „Guten“ gegen die „Bösen“ geprägt war (vgl. Hallin, 2016, S. 3). Dass Schramm, einer der drei Autoren von Four Theories of the Press, in den besonders antikommunistischen 1950er Jahren auch Fördergelder von der CIA erhielt, kann deshalb kaum überraschen (vgl. Rantanen, 2017, S. 3467).

Hardy (2012) nennt vier zentrale Kritikpunkte am Werk von Siebert et al.: die alleinige Fokussierung auf die Beziehungen zwischen Medien und Staat, ohne zum Beispiel ökonomische Einflüsse und andere Machtverhältnisse zu berücksichtigen (1), die zu starke Vereinfachung von Mediensystemen als homogene Systeme, die statisch bleiben und sich im Laufe der Zeit nicht verändern (2), die Vermischung von Empirie und Normativität (3) und einen gewissen Ethnozentrismus mit starker Fokussierung auf die USA (4) (S. 188).

Diese Kritikpunkte spielen auch für das kurdische Mediensystem eine Rolle: in einer Region, in dem das nationalstaatliche Modell in der Krise, der Einfluss der Nationalstaaten nicht besonders hoch ist (so zum Beispiel in Rojava und Nordirak/Südkurdistan) und sich die gesellschaftlich-politischen Dynamiken in der Region seit einigen Jahren fast täglich ändern, sind auch die dortigen Mediensysteme stetiger Veränderung ausgesetzt. Auf die Frage der Normativität, die sich auch mir in dieser Dissertation stellt, wird in Kapitel 3 noch näher eingegangen. Der vierte Kritikpunkt Hardys wird ebenfalls aufgegriffen, wenn es um die Darstellung des kurdischen Mediensystems aus der Perspektive seiner AkteurInnen geht. Zuletzt: Diese Arbeit strebt keinen direkten Vergleich mit anderen Mediensystemen an, sie stellt vielmehr eine Zustandsbeschreibung und -analyse eines Mediensystems dar, das genau wegen seiner Transnationalität nur schwer mit bisherigen (nationalen) Mediensystemen zu vergleichen ist.

Zurück zu den Four Theories of the Press (1956). Der normative Standpunkt der Autoren war klar: das liberale galt es gegenüber den vermeintlich autoritären Mediensystemen zu verteidigen und zu propagieren. Das heißt: die Freiheit der Medien vor staatlichen Zugriffen stellte in ihren Augen die Grundlage demokratischer Gesellschaften dar, jede Form staatlicher Regulation oder Kontrolle von Medien wurde abgelehnt, der Markt sollte alles regeln.14 Dass der russische Staat heute mit gezielten Pressesubventionen eine gewisse Pressevielfalt in seinen Provinzen aufrechterhält, würde aus dieser Perspektive ausschließlich negativ gesehen werden (vgl. Erzikova & Lowrey, 2016). Auch in den Gebieten der Autonomen Region Kurdistan (Kurdistan Region of Iraq, KRI) in Südkurdistan sind die meisten Presseerzeugnisse nur durch die Subvention politischer Parteien und quasistaatlicher Gelder überlebensfähig (vgl. Fischer-Tahir, 2017).15 Hier wird deutlich, dass bei Siebert et al. die Fokussierung auf den Westen als die Blaupause dafür, wie Mediensysteme sein sollen, stark verankert ist. Ausgangspunkt ihrer Definition unterschiedlicher Mediensysteme war der aus den USA kommende klassische Liberalismus, von dem sich die anderen Typen dann ableiten, abgrenzen oder verdammen ließen (Nerone, 1995, S. 21; vgl. Albuquerque, 2013, S. 744).

That is to say, institutional and professional norms in Western liberal-democratic countries are usually the yardstick against which media arrangements in other countries are measured (Meng & Rantanen, 2016, S. 324).

Doch was wird in dieser Arbeit unter Medien verstanden? Und was ist ein Mediensystem überhaupt? Wenn ich von Medien schreibe, sind in dieser Arbeit Nachrichten- und Informationsmedien gemeint. Darunter fallen Nachrichtensender, Zeitungen, Internetnachrichtenportale, Nachrichtenagenturen oder politische Radiosendungen. Nicht relevant sind Medien als Unterhaltungsangebote, wie Sitcoms, Seifenopern oder Musikvideos. Ihre Produktion ist in Kurdistan nicht besonders weit fortgeschritten, sondern wird meistens von ausländischen AnbieterInnen übernommen.16 Hinzu kommt, dass es den Forschungsaufwand dieser Arbeit massiv erweitert hätte, auch noch Unterhaltungsmedien in die Untersuchung mitaufzunehmen.

Und Mediensystem? Hardy (2012) schreibt, dass „a media system comprises all mass media organized or operating within a given social and political system (usually a state)“ (S. 185). Auf dieses „usually a state“ wird noch zurückzukommen sein (Kapitel 2.2.1). Vorerst geht es um das soziale/politische System, in dem Medien operieren. Dieser Gedanke stammt von Siebert et al. (1956), die bereits auf der ersten Seite ihres Werkes schreiben: „press always takes on the form and coloration of the social and political structures within it operates“ (S. 1). Damit machen sie deutlich, dass sie den politischen und sozialen Strukturen einer Gesellschaft eine maßgebliche Rolle in der Ausbildung von Medienstrukturen zubilligen und nicht kulturellen Faktoren oder der Umwelt, wie zum Beispiel dem Klima oder der Topographie einer Gegend (vgl. Rantanen, 2013, S. 271; Meyen, 2018a, S. 4). Diese Annahme dominiert bis heute die Mediensystemforschung. Rantanen (2013) bezeichnet es als „methodological politicization (…) when the relationship between political and media systems is naturalized and the latter is seen either solely as dependent on the former or as part of the political system“ (S. 260). Sie warnt davor, die politischen und institutionellen Aspekte von Mediensystemen überzubewerten. Meyen (2018) schreibt, dass der Fokus nicht nur auf politischen Strukturen, wie dem Regierungssystem, liegen dürfe, sondern auch breitere gesellschaftliche Strukturen in Augenschein genommen werden müssten: „economic realities, the tradition of press freedom, and various other factors that are historical, religious and/or geographic“ (S. 2).

Obwohl die Autoren von Four Theories of the Press heute für ihre normative Herangehensweise – hier der gute kapitalistische Westen, dort der böse autoritäre kommunistische Osten – kritisiert werden, ist dieses mehr als 60 Jahre alte Buch auch im 21. Jahrhundert noch in Gebrauch, und wenn es nur als Referenz- und Ausgangspunkt der eigenen Forschung benutzt wird. So gut wie keine Arbeit in diesem wissenschaftlichen Feld kommt daran vorbei (vgl. zum Beispiel Yin, 2008, S. 6). Auch die vorliegende Dissertation nicht, wie hier deutlich wird. Und das, obwohl in den Jahrzehnten seit seiner Veröffentlichung unzählige Kritiken erschienen sind. Rantanen (2017) zählt mehr als 20 Publikationen, die sich kritisch bis ablehnend mit den Four Theories of the Press auseinandersetzen (S. 3455). Die Einführung des (auf Nationalstaaten beschränkten) Systemgedankens und einer daraus folgenden Typologisierung von Mediensystemen ist jedoch bis heute wirkmächtig. Dies hat sicherlich auch mit dem Drang der Wissenschaften zu tun, alles zu kategorisieren, messbar zu machen und dann, als vermeintlichen Höhepunkt, in Zahlen ausdrücken zu können (vgl. Scheidler, 2017).

So auch beim zweiten Meilenstein der vergleichenden Mediensystemforschung (vgl. Rantanen, 2013, S. 260): dem 2004 erschienenen Buch Comparing Media Systems von Hallin und Mancini. Sie traten an, um die von Siebert et al. aufgeworfene Frage, warum die Presse so ist, wie sie ist, zu beantworten. Auch sie kritisieren die Autoren und den Einfluss ihres Werkes: „Four Theories of the Press has stalked the landscape of media studies like a horror-movie zombie for decades beyond its natural lifetime“ (S. 10). Und sie setzen sich ein Ziel: „We think it is time to give it a decent burial and move on to the development of more sophisticated models based on real comparative analysis“ (ebd.).

Was sind Hallin und Mancinis Annahmen? Vier Dimensionen sind für sie zentral, um Mediensysteme zu charakterisieren und sie miteinander vergleichen zu können:

1. Die Entwicklung von Massenmedien anhand der Frage, ob mediale Angebote an einen Massenmarkt oder an eine „educated, politically-active elite“ (Hallin & Mancini, 2005, S. 218) ausgerichtet sind.

2. Politischer Parallelismus. Dieser zeigt sich darin, ob und wie sich die (partei-)politische Differenzierung innerhalb eines politischen Systems auch im Mediensystem widerspiegelt. Dabei ist nicht nur die direkte Eigentümerschaft von Medien seitens politischer Parteien gemeint, sondern vielmehr auch, wie sich die WählerInnenschaft bestimmter Parteien in der Rezeption von bestimmten Medienangeboten wiederfinden lässt oder inwiefern JournalistInnen mit politischen Parteien verbunden sind. (Hallin & Mancini, 2004, S. 26–30)

3. Der Grad der journalistischen Professionalisierung. Sie bezieht sich auf drei Punkte: die Autonomie von JournalistInnen (1), die Herausbildung berufseigener Normen und Werte (2) und inwiefern sich JournalistInnen in der Rolle sehen, der gesamten Öffentlichkeit und nicht nur Partikularinteressen zu dienen (3) (ebd., S. 34–37).

4. Und zuletzt die Rolle des Staates. Wie weit und in welcher Art bringt sich der Staat in das Mediensystem ein und nimmt aktiv darauf Einfluss. Gibt es zum Beispiel ein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem? Gibt es Pressesubventionen? (ebd., S. 41–44).

Ausgehend von diesen vier Dimensionen untersuchen Hallin und Mancini 18 westliche Länder und bilden drei Modell-Typen, die bis heute bekannt sind: das Polarized Pluralist-, das Democratic Corporatist- und das Liberal-Modell. Diese Typologisierung löste Siebert et al. quasi ab, auch wenn die Grundlagen ähnlich waren. Sie wurde nun auf Mediensysteme der ganzen Welt übertragen. So etwa auf das libanesische Mediensystem (Richani, 2016)17 oder auch auf Länder Zentral- und Osteuropas (vgl. Downey & Mihelj, 2017; vgl. Peruško, 2013).

Die Arbeit von Hallin und Mancini rief eine Reihe von Anschlussarbeiten hervor, die die Dimensionen quantitativ zu testen versuchten (Brüggemann et al., 2014; Büchel et al., 2016), immanent kritisierten und neue Ansätze miteinbrachten (vgl. Hardy, 2012). Norris (2009) kritisiert zum Beispiel, dass vier feststehende Dimensionen nicht immer ausreichen würden, um die Komplexität eines gesamten Mediensystems zu erfassen (S. 331). Der Schweizer Kommunikationswissenschaftler Blum hatte in gewisser Weise Pech, dass er mit seinen „Bausteine[n] zu einer Theorie der Mediensysteme“ (2005) ein Jahr zu spät kam und sein auf Deutsch erschienener (und ebenfalls mit normativ-westlich Begriffen aufgeladener) „Ansatz zum Vergleich der Mediensysteme“ (noch weiter ausgearbeitet in 2014)18 erst kurz nach Hallin und Mancini veröffentlicht wurde, als diese die Debatte schon dominierten.

Obwohl Hallin und Mancini angetreten waren, um Siebert et al. zu „begraben“, gingen auch sie von einem sukzessiven „Triumph“ des liberalen Modells aus: „The Liberal Model has clearly become increasingly dominant across Europe as well as North America“ (Hallin & Mancini, 2004, S. 251). Zudem gäbe es gegenläufige Entwicklungen, die die Verbreitung des liberalen Modells verzögern würden (ebd.). In diesen Aussagen steckt implizit die Annahme, dass es erstrebenswert sei, das liberale Modell zu „erreichen“, so als ob es die folgerichtige höchste Stufe darstelle, auf die ein Mediensystem emporsteigen könne. Außerdem übernahmen auch sie den Systemansatz, der damit so weit popularisiert wurde, „that it is often taken as the only possible approach to comparative research“ (Rantanen, 2013, S. 258). Rantanen kritisiert als eine der wenigen KommunikationswissenschaftlerInnen die ständige, nicht hinterfragte Verwendung des Systembegriffs als

methodological systematization (…) when comparative research in media studies uses the concepts of political and media systems as the only option available and applies these almost automatically in research without even contemplating their usefulness and applicability (ebd.).

Sie fürchtet, dass der Systembegriff „is being used even where there is no system or where a system is only emerging“ (S. 272).

Im Rahmen dieser Arbeit wird der Systembegriff zwar im theoretischen Konzept der Akteur-Struktur-Dynamik übernommen, um an bisherige und zukünftige Forschung anschlussfähig zu bleiben, seine Fixierung auf nationalstaatlich gesetzte Rahmen wird jedoch kritisiert und nicht verwendet (siehe folgendes Kapitel). Bereits Engesser und Franzetti (2011) haben festgestellt, dass viele Mediensystemarbeiten ohne Bezug auf die klassische Systemtheorie nach Parsons (1951) oder Luhmann (2009) auskommen (S. 275). Auch in dieser Arbeit wird der Systembegriff nur in einer Kombination mit Akteurstheorie verwendet. Das könnte den Protest von SystemtheoretikerInnen hervorrufen, weil diese in ihrem Denken keinen Akteur/keine Akteurin kennen beziehungsweise diese oft nur als Störung aus der Umwelt von Systemen heraus wahrnehmen. Aus ihrer Perspektive wird der Begriff Mediensystem hier sogar in einem gewissen Sinne konträr zur Systemtheorie verwendet, da gesagt wird, dass Mediensysteme kein in sich geschlossenes selbstreferentielles System darstellen. Vielmehr sind sie ganz massiv von anderen gesellschaftlichen Teilsystemen und den AkteurInnen darin beeinflusst oder hängen sogar von ihnen ab. Der Systembegriff umschließt in dieser Arbeit die Gesamtheit aller politischen, sozialen, technischen, aber auch ökonomischen, historischen und kulturellen Gegebenheiten bestehender Gesellschaften in Zusammenhang mit ihren Medien. Der Systembegriff ermöglicht also eine systematisierte Erfassung der Gegebenheiten von Mediensystemen. Zugleich wird er in dieser Arbeit aufgeweicht, da für die Aufnahme eines Netzwerkgedankens plädiert wird, der insbesondere im kurdischen Mediensystem zum Tragen kommt und der dessen transnationalen Verflechtungen besser erfassen kann (siehe Kapitel 2.2.1). Der kurdische Fall stellt ein Beispiel funktionierender, nationalstaatliche Grenzen überschreitender transnationaler Netzwerke dar.

Der Aspekt der Geschichte der kurdischen Gebiete und ihrer Medien, also der Historizität des kurdischen Mediensystems, spielt hier im Anschluss an Voltmer (2013) ebenso eine Rolle. Denn die prinzipielle Pfadabhängigkeit bei der Entwicklung von Mediensystemen ist nicht zu vernachlässigen. Es geht dabei um „legacies of the past“ (S. 116), also um geschichtliche Faktoren und einen „significant degree of continuity“ (S. 117) in der Ausbildung von unterschiedlichen Mediensystemen, die insbesondere auch im kurdischen Fall vorhanden ist.

Auch wenn mittlerweile mehr als 15 Jahre seit der Veröffentlichung von Comparing Media Systems vergangen sind, sehen sich Hallin und Mancini nach wie vor als zentrale Ansprechpartner in Sachen Mediensystemforschung. So nehmen sie immer wieder Stellung zu vorgebrachten Kritiken und Weiterentwicklungen ihres Ansatzes: A Response to Critics (2012a) oder Ten Years After Comparing Media Systems: What have we learned (2017). Auf den Vorwurf des Eurozentrismus reagierten sie mit der Herausgabe eines eigenen Buches Comparing Media Systems Beyond the Western World (2012b), das interessante Beiträge auch von KritikerInnen ihres ursprünglichen Ansatzes zusammenträgt. Etwa von Kraidy (2012), die sich mit dem transnationalen Charakter panarabischer Mediensysteme beschäftigt. Das Buch knüpft dabei auch an die Debatte um die „Entwestlichung“ der Kommunikationswissenschaft an, die Ende des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts stattgefunden hat (vgl. Curran & Park, 2000; Ekecrantz, 2007).19 Denn oftmals wurde das westliche Konzept von Mediensystemanalyse, wie zum Beispiel von Hallin und Mancini, einfach auf andere Länder außerhalb des Westens übertragen. Oft gab es dabei die ein oder andere Optimierung und Anpassung, aber ohne grundlegende Änderungen, geschweige denn einer generellen Hinterfragung des vergleichenden Mediensystemansatzes. Anschließend an Willems (2014) lässt sich sagen, dass es in der Entwestlichungs-Debatte generell, aber auch bei Hallin und Mancini oft nur darum ging, „erfolgreiche“ Theorien aus dem Westen auch auf Fälle des globalen Südens anzuwenden. Siebert et al. sind auch Teil davon, ging es ihnen letztlich darum, ihr liberales Mediensystemmodell im Rest der Welt als das „richtige“ bekannt zu machen.20 Mudimbe (1988) bezeichnet dies in Bezug auf Afrika als eine Form des epistemologischen Ethnozentrismus, also „the belief that scientifically there is nothing to be learned from ‚them‘ unless it is already ‚ours‘ or comes from ‚us‘“ (S. 15).

Folgende gemeinsame Kritikpunkte an Siebert et al. (1956) und Hallin und Mancini (2004) scheinen in Bezug auf die Analyse des kurdischen Mediensystems zentral:

– Die von vielen AutorInnen (unter anderem Hardy, 2012; Rantanen, 2013; Nerone, 1995) kritisierte normative Fokussierung auf den Westen und seiner (Medien-)Systeme, die auch als Eurozentrismus oder sogar Ethnozentrismus (Hardy, 2012, S. 188; vgl. Mudimbe, 1988) bezeichnet werden kann und die alternativen Entwicklungen für Mediensysteme aus dem globalen Süden, also auch aus dem Nahen Osten, keinen eigenständigen Raum gibt: „Even today non-western countries are mostly analyzed (and evaluated) taking into account their relative distance from western models“ (Albuquerque, 2013, S. 743).

– Damit zusammen hängt die Bevorzugung von Mediensystemen, die von Siebert et al. und von Hallin und Mancini (aber auch von anderen, zum Beispiel Blum, 2014) als (wirtschafts-)„liberal“ bezeichnet werden.21