Vom Untergang - Leonhard F. Seidl - E-Book

Vom Untergang E-Book

Leonhard F. Seidl

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Beschreibung

Bayern, 1922. Der rechtskonservative Erfolgsautor Oswald Spengler schmiedet geheime Pläne für eine Lenkung der Presse. Gemeinsam mit Forstrat Escherich, dem Gründer einer militanten Bürgerwehr, und Gumbrecht, einem mächtigen Fürther Spiegelfabrikanten, will er die öffentliche Meinung in der jungen Republik beeinflussen. Emma, Gumbrechts Sekretärin und Geliebte, ist die Tochter des Anarchosyndikalisten Fritz Oerter. Eigentlich hat sie genug von Politik und von ihrem Freund, dem Sozialdemokraten Max Schmidtill. Doch dann liest sie einen Brief, der nicht für ihre Augen bestimmt war … Leonhard F. Seidl zeichnet ein packendes Sittenbild der Weimarer Republik, das auf realen Geschehnissen beruht.

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LEONHARD F. SEIDL, geboren 1976 in München, ist Schriftsteller, Journalist und Dozent für Kreatives Schreiben. Er hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, u. a. von der Romanwerkstatt Literaturforum im Brecht-Haus sowie der Bayerischen Akademie des Schreibens im Literaturhaus München. 2017 erschien sein Kriminalroman Fronten bei Edition Nautilus.

Dieser Roman wurde gefördert von der Stiftung Literatur von Dieter Lattmann und dem Kulturreferat der Stadt Fürth. Der Autor bedankt sich für die Unterstützung.

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D - 22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus GmbH 2021

Originalveröffentlichung

Erstausgabe März 2022

Umschlaggestaltung: Maja Bechert

www.majabechert.de

Satz: Jorghi Poll

Autorenporträt auf S. 2: © Katrin Heim

1. Auflage

E-Book-ISBN: 978-3-96054-285-8

Für Alfred Hierer,Enkel von Fritz Oerter

»Der Pressefeldzug entsteht als die Fortsetzung – oder Vorbereitung – des Krieges mit andern Mitteln …«

Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes

»Der Tod erscheint uns nur dann, wenn wir das Auge irrtümlich auf das Glied, nicht auf das Geschöpf richten. Die Alten haben das Absinken des Menschenlebens mit dem Fall des Laubes verglichen; das Blatt stirbt, aber der Baum lebt. Fällt der Baum, so lebt der Wald, und stirbt der Wald, so grünt das Erdenkleid, das alle seine Schützlinge nährt, wärmt und verzehrt.«

Walther Rathenau, Mechanik des Geistes

Fürth i. Bay., den 22. August 1922

Eidesstattliche Erklärung

In einer sehr dunklen Nacht des Jahres 1922 sah ich einige Männer eiligen Schrittes den Mathildenberg herabkommen. Als diese an mir vorbeigingen, hörte ich die Worte »Heute kriegen wir sie« oder ähnlich mit einem gleichbedeutenden Sinn. Einige Zeit später sah ich weitere Gestalten den Mathildenberg herabkommen. Kurze Zeit darauf fielen 2 Schüsse. Herr Max Schmidtill oder einer seiner Begleiter hatte die von mir gehörte Bemerkung gemacht. Auch den Bruder Herrn Alfred Schmidtill traf ich. Und er äußerte: »Ich habe es kommen sehen, dass es ihm einmal so gehen wird.«

Den Wortlaut dieser wie der obigen Äußerung kann ich heute nicht mit absoluter Sicherheit wiedergeben, aber ich verbürge mich für die sinngemäße Wiedergabe.

Die Wohnung des Herrn Schmidtill lag einige hundert Meter entfernt in einer anderen Straße. Und Herr Max Schmidtill war mir bekannt als ein Mensch, der außerordentlich rauflustig und gewalttätig war, wenn er unter Alkoholeinfluss stand.

Bernhard Kirst

Geburt

Isen, Oberbayern12. Mai 1922

»Von der Organisation Escherich hört der kleine amerikanische Farmer irgendwo an der pazifischen Küste aus dem Blättchen seines Städtchens; über die Organisation Escherich liest der Bürger Japans, über die Organisation Escherich spricht man in den Staaten Lateinamerikas, mit der Organisation Escherich kann man durch bloße Nennung des Wortes einen rechtschaffenen deutschen Bolschewisten augenblicklich in berserkerische Raserei – was immer das ist – versetzen.« Oswald Spengler legte das Buch zur Seite, ein Hochgefühl ergriff ihn mit dem Wind, der durch das offene Zugfenster hereinwehte und kräftig nach Heu roch. Verstärkt wurde seine Euphorie von dem Gedanken, dass just auf dieser Strecke auch der Orient-Express mit Kaiserin Sissi von Österreich verkehrt hatte, auf dem Weg in ihr Heimatdorf Possen. Jeder Adel ist ein lebendiges Symbol der Zeit, jede Priesterschaft eins des Raumes. Der Adel lebt in einer Welt von Tatsachen, der Priester in einer Welt von Wahrheiten; jener ist Kenner, dieser Erkenner, jener Täter, dieser Denker.

Von der leicht erhöhten Bahnlinie sah Spengler hinunter auf die ländliche Landschaft: weite Wiesen, Felder, Wälder. Der heiter-debile Pöbel, der mit ihm im Abteil saß, hatte bereits die zweite Flasche Dunkelbier geöffnet, der herb-rauchige Duft von geschnittenem Schinken und Brot drang an seine Nase. Sie reichten ihm ebenfalls davon, er lehnte dankend ab. Ich bräuchte einen Kreis von Menschen um mich, die es heute nicht mehr gibt, gründliche Kenner, tiefe Gelehrte, die doch noch tiefe Kenner des Lebens wären.

Spenglers Frühstück stieß ihm sauer auf: Ei, Brot, Kaffee. Ob ein Mann wie Escherich seinen Plänen zustimmen, sie mittragen würde? Wer, wenn nicht er!, versuchte er sich zu beruhigen. Aber erst einmal musste er sein Vertrauen gewinnen, koste es an Zeit, was es wolle. Von Spenglers zitternder Hand stiegen Rauchkringel der Zigarre auf. Er beobachtete die Kreise, die sich im Zugabteil verteilten und dort zu einer einheitlichen Masse wurden, während die Männer vom Bier berauscht immer lauter salbaderten, um das Rattern des fahrenden Zuges zu übertönen. Cogito, ergo sum. Das ist willkürlich: Auch wenn ich nicht denke, bin ich.

Escherichs Weltläufigkeit, mit der nur die wenigsten mithalten konnten. Der Jagdreisen nach Bosnien unternommen, nicht nur für den Kaiser und das deutsche Vaterland gekämpft, sondern auch Menelik, den Kaiser von Äthiopien, in Waldfragen beraten hatte. Dem es als erstem Weißen gelang, das bisher unerforschte und von seiner wilden kriegerischen Bevölkerung gegen alle früheren Expeditionen erfolgreich verteidigte Spanisch-Guinea zu durchqueren. Er konnte die Eingeborenen, die Völker kennenlernen, die nach dem Greisenalter der abendländischen Kultur, dem Niedergang der Zivilisation, im Zuge der farbigen Weltrevolution über Deutschland herfallen würden. Spengler richtete sich auf. Warf seine halbgerauchte Zigarre aus dem Fenster. Der Zug fuhr an Bäumen in Reih und Glied vorbei, zu schnell, als dass Spengler erkennen konnte, um welche es sich handelte. Amor fati, die Liebe und Bereitschaft zum unausweichlichen Schicksal, war die einzige Haltung, die dem entgegenzubringen war, um dem standzuhalten. Spengler fragte sich, warum er immer an dieser Stelle in Gedanken abzuschweifen begann, obwohl es doch Schicksal war. Es war wohl eine der schwersten Übungen, sich der Notwendigkeit hinzugeben und mit angebrachter Härte auszuharren. Escherich tat das sehr wohl. Escherich, der zu Kriegsbeginn vom Kaiser Wilhelm begrüßt worden war mit den Worten: »Grüß Gott, Escherich, der Kanzler hat mir schon viel von Ihnen erzählt.« Der sich nach dem Kriege nicht von den Bolschewiken hatte verbiegen lassen. Führer der schlagkräftigen Einwohnerwehr Orgesch, die im Geheimen immer noch fortbestand.

Ein Mann aus der Gruppe gegenüber, der seinen Stumpf auf eine Krücke hochgelegt hatte, fragte, ob Spengler auch im Krieg gewesen sei. Der kultivierte Mensch hat seine Energie nach innen, der zivilisierte nach außen, dachte Spengler. Er reagierte erst nicht – dann krächzte er, als hätte er seine Stimme jahrzehntelang nicht benützt. Ja, er sei auch im Krieg gewesen und habe dem Franzmann gehörig die Leviten gelesen. Glücklicherweise sei er ohne Verletzung, er nickte in Richtung des Stumpfes des Burschen, heimgekehrt. Da kehrte Ruhe ein im Abteil, die vom Rattern der Dampflok in die Länge gezogen wurde. Verschämt sahen alle zu Boden oder aus dem Fenster, auf die vorüberziehende Landschaft. Wie rasch man in einer einfältigen Gesellschaft einfältig wird.

Spengler setzte erneut an, wollte von dem soeben erfolgreich beendeten Prozess gegen den Bolschewisten Fechenbach berichten, dem das gehässige Lügenpressemaul in München vor Gericht nun rechtskräftig gestopft worden war, ohne natürlich seine eigene Zuarbeit zu Cossmann zu erwähnen. Vortrefflich hatten sie den wegen des Vorwurfs der Dokumentenfälschung angestrengten Beleidigungsprozess propagandistisch gegen die These von einer deutschen Kriegsschuld ausgeschlachtet. Da ging die Tür krachend auf, und ein runzliges Männlein in dunkelblauer Reichsbahnuniform wackelte herein. Schade, gerne hätte er die Befriedigung erlebt, Eisners Lüge von der deutschen Kriegsschuld noch einmal öffentlich zu widerlegen. Doch die räudige Gesellschaft ihm gegenüber suchte bereits in ihren Taschen nach den Billets, reichte sie dem Alten mit der blauen Mütze. Auch Spengler fummelte in den Tiefen seiner teuren Homespun-Anzughose, kruschte, als er dort nur ein paar Münzen, Zündhölzer und seine Taschenuhr fand, auch noch in seiner Anzugjacke, doch auch dort fand sich kein Billet. Da fiel ihm ein, dass er es heute Morgen zu brisant gehabt hatte, weil ihn des Nächtens wieder einmal die Albträume geplagt hatten. »Nächster Halt Walpertskirchen!«, verkündete das Männlein. Und an Spengler gewandt: »Bin glei wieder do.« Die weißen Haare, die dem Alten aus den Ohren trieben, vom Kinn abstanden in alle Himmelsrichtungen, ließen Ekel in Spengler aufsteigen, der ihn davon ablenkte, nach einer Lösung für eine fehlende Fahrkarte zu suchen. Da ertönten zwei Schüsse kurz hintereinander. Der Kriegsversehrte ließ sich zu Boden fallen, alle gingen in Deckung. Die Bremsen quietschten und Spengler schleuderte es ebenfalls zu Boden. Alle sahen einander fragend an.

Wenige Minuten später fuhr der Zug wieder tuckernd an. Passierte einen Dreiseithof, verringerte seine Geschwindigkeit erneut an einem braunen Holzhaus und blieb am backsteinernen Bahnhof Walpertskirchen stehen.

Die Türen öffneten sich, Fahrgäste eilten hinaus, der langgezogene Pfiff des Schaffners erklang, die Lok fuhr puffend an. Die Gesellschaft neben ihm gackerte, der Krüppel legte der pummeligen Frau am Fenster die Hand auf ihren feisten Schenkel. Schob sie unter ihren Rock. Ob sich bei ihm überhaupt noch etwas regte?, fragte sich Spengler, bis ihm das fehlende Billet wieder einfiel. Auf das Klosett fliehen, er, Oswald Spengler, der große Deuter der Geschichte, der Autor des Untergangs des Abendlandes? Nein! Oder einfach in einen anderen Waggon? Sich bereits auf den Weg machen, um auszusteigen in Thann-Matzbach, wo ihn Georg Escherich empfangen würde? Das kam einer Flucht gleich und dies hatte er nicht nötig; nicht mehr! Der Schädel des Trottels wurde immer roter, seine Hand schob sich immer weiter unter den Rock der Frau, die ebenfalls rote Bäckchen bekam, sich umsah, sah, wie Spengler sie beobachtete, die Hand halbherzig wegschob. Und aus der Beobachtung dieses Trottels kam ihm die Idee. Er bat ihn, den Kameraden, ob er so nett wäre, ihm kurz seine Fahrkarte zu leihen? Bewusst verwendete er nicht den französischen Begriff, denn es musste rasch gehen. Dabei verlor er, wie um seine Bitte zu untermauern, den Kneifer und zwinkerte verschwörerisch mit dem rechten Auge. Der Bursche nahm einen Schluck Bier, sah das Weib neben sich an. Sie zuckte mit den Schultern, wodurch sich ihre Brüste hoben und einiges von sich preisgaben. Der Bursche schnitt mit seinen fettigen Wurstfingern eine Scheibe Brot ab und klappte sie zusammen, schob die Fahrkarte hinein. Dann reichte er Spengler das Ganze. Der nahm es dankend mit einem Nicken, gerade rechtzeitig, als der Schaffner wieder ins Abteil trat, verschwitzt und bleich. Das Pärchen giggelte. Freute sich über die Verschworenheit mit dem feinen Herrn. Der Schaffner sagte Bittschön, griff danach. Kniff die Augen zusammen. Musterte das Billet mit den Zahlen und Buchstaben und den roten Streifen einige Augenblicke zu lange. Sah nach draußen. Schob sich seine Mütze nach oben, während der Zug weiter durch den strahlend sonnigen Tag schaukelte. Er reichte das Billet Spengler hin. Der griff danach. Da aber zog der Alte es zurück, drehte sich um und ging. Spengler ging ihm kopfschüttelnd hinterher. Der Zug durchschnitt die Landschaft, links und rechts von Gras, Bäumen und Sträuchern überwucherte Hänge, die die Sicht über das Land verwehrten.

Von der Bahnstation Thann-Matzbach, die hinter einem Buckel inmitten von Wiesen und Feldern lag, holte der Forstrat Georg Escherich Spengler mit seinem Automobil ab. Er griff nach dessen Koffer und fragte, wie seine Reise gewesen sei. Der Denker ließ von seinem Gepäck ab und antwortete in möglichst militärischem Ton: »Keine besonderen Vorkommnisse«. Über den unflätigen Schaffner, der ihn fast aus dem Zug geworfen hätte, weil er ein angeblich gefälschtes Billet gezeigt, berichtete er nicht. Genauso wenig wie über die Knallpatronen, die der Bahnwärter in Walpertskirchen auf die Gleise gelegt hatte, weil der Lokomotivführer die Warntrompete überhört und die rote Fahne übersehen hatte.

Es war ein herrlicher Maientag, der Isen und seine ländliche Umgebung in schönstem Lichte erscheinen ließ. Spengler saß auf dem Beifahrersitz des Automobils. Genoss die warme Luft, die durch das Fenster hineinwehte. Wie lange er schon hier wohne, wollte Spengler wissen, und ob er sich hier wohlfühle? Wobei er bei seiner letzten Frage unsicher war, ob er damit nicht zu weit ging. Eine Kuhherde, von einem barfüßigen Jungen mit einem Stock getrieben, überquerte die Straße, das Automobil stoppte, der Motor brummte, unterbrochen vom Gemuhe der Rindviecher. Gesundheit eines lebenden Körpers ist Fruchtbarkeit. Fruchtbarkeit ist politische Macht. Das gilt von einem Bauerngeschlecht wie von einem großen Volk. Escherich erzählte, dass er nun seit dem 15. Januar 1919 in Isen lebe und walte. Wenige Tage bevor ein junger, vaterlandsliebender bayerischer Aristokrat und Offizier es unternommen hatte, in rücksichtsloser Einsetzung seines eigenen Lebens, den stets von Soldaten begleiteten Ministerpräsidenten Eisner auf offener Straße niederzustrecken.

Spengler nickte. Und dann fuhr Escherich fort, dass der Bolschewismus, der Dolchstoß und die linken Arbeiter schuldig seien an diesem schrecklichen Desaster des Weltkrieges.

Escherich entriegelte die Handbremse und ließ die Kupplung schnalzen, dass es Spengler in den Sitz drückte.

Dafür habe er, Spengler, es dem linken Pack, dem Lügner Fechenbach in München gemeinsam mit Cossmann ordentlich gezeigt und Eisner mit seiner Kriegsschuldlüge noch im Grabe beim Duell besiegt. Tiefe Zufriedenheit stieg in Spengler auf. Zu einem Goethe werden wir Deutschen es nicht wieder bringen, aber zu einem Cäsar. Die Spiele mögen beginnen.

Personalblatt Polizei

I.Personalien

Familienname: Oerter

Vorname: Johann Friedrich

Geburtsort: Straubing (unmittelbare Stadt in Bayern)

Geburtsdatum: 19. Februar 1869

Familienstand: verheiratet, lebt mit Frau zusammen

Beruf: Lithograph

Religion: dissident

Name der Eltern: Friedrich und Franziska Oerter, letzt. geb.

Hofmann, pens. Feldwebelseheleute, beide verstorben

Heimatsort: Obereisenheim, B. A. Gerolzhofen, Bayern

Militärverhältnisse: Landsturm

Letzter Aufenthalt in Deutschland: Fürth (unmittelbare Stadt in Bayern) d.h. derzeitiger Aufenthalt Untere Fischergasse 13

II.Signalement

1.Grösse: ca. 1,70 m

2.Gestalt: breitschulterig

3.Haare: ziemlich grau (dichter Schopf im Genick)

4.Bart: ziemlich grau

5.Augenbrauen: ziemlich grau

6.Gesichtsbildung: volles Gesicht (jedoch welk u. hat viele Falten)

7.Gesichtsfarbe: blaß (Zimmerfarbe)

8.Augen: grau

9.Stirn: nieder

10.Nase: gewöhnlich, etwas stumpf

11.Mund: gewöhnlich

12.Zähne: schlecht

13.Kinn: voll

14.Sprache: deutsch

15.Besondere Kennzeichen: hat schweren, sogen. Entengang

16.Kleidung: meist dunkel, hie und da dunkle Crawatte (sog. Flugbinde), großen, weichen, schwarzen Filzhut mit großer Krempe (Künstlerhut)

Fürth, Mittelfranken

15. Mai 1922

Reg. Note.

Um 9 ¼ Uhr vormittags erschien Sepp Oerter auf meinem Amtszimmer und ersuchte – in sehr anständigem, ruhigem Ton – darüber Beschwerde, dass er in letzter Zeit derart rigoros überwacht, dass er sich belästigt fühle und jedermann auffallen müsse. Er erkenne ja an, dass dies den Polizeiorganen befohlen sei und die Überwachung schließlich auch sein müsse, doch glaube er, dass solche auch anders durchgeführt werden könnte. Die Polizeiorgane bräuchten sich ja nicht an seine Fersen zu heften.

Daraufhin antwortete ich, dass er das durch das von ihm in den letzten Tagen während seiner Überwachung betätigte Auskneifen, Verstecken und die sonstigen Hänseleien der überwachenden Polizeiorgane etc. selbst verschuldet habe und dass Änderung nur dann eintrete, wenn er die besagten Dinge unterlasse. Dabei fügte ich an, dass er als Anarchist und zwar mit Rücksicht auf sein Vorleben sogar als recht gefährlicher Anarchist und als Propagandist der Tat bekannt ist, der s. Zt. aufreizende Artikel schrieb, solche in anarchistischen Blättern lancierte und sich neben vielem anderen an der Einschmuggelung und dem Vertrieb blutrünstiger, zu Raub, Mord, Brandstiftung, zu Dynamitattentaten etc. aufreizender und Majestätsbeleidigungen enthaltender Pamphlete beteiligt gewesen sei, der ferner, namentlich in England und Amerika, mit der bekannten Emma Goldman, Anarchistin der Tat und Meuchelmörderin etc. intim verkehrte und später, nach Verbüßung seiner schweren Haftstrafe hierfür sofort wieder die anarchistische Tätigkeit aufnahm, obwohl er dem Gefängnisdirektor, ja sogar den Eltern Umkehr und Besserung vorheuchelte, sich also gleichzeitig als ein Mann darstellte, dem auch kein Wort geglaubt werden könne und darum seine stete Überwachung absolut unabweislich sei.

Oerter erklärte hierauf, dass er s. Zt. weder aufreizende Artikel geschrieben, noch sich an der Verbreitung der fraglichen Pamphlete beteiligt hätte.

Richtig sei nur, dass er in Amerika mit der Goldman intim verkehrt und dabei auch mit Anarchisten der Tat zusammengekommen sei. Daraus schließe man aber mit Unrecht, dass auch er zu den Letzteren gehöre. Es sei auch wirklich so. Er sei kein Freund von Gewalttaten und Ähnlichem, wenn er auch nicht leugne, Anarchist zu sein. Der Ausdruck »Anarchist« bedeute in Wirklichkeit nicht das, was Polizei und Behörden dahinter suchten, er dürfe nicht so aufgefasst werden, als müsse jeder, der sich mit dieser Bezeichnung identifiziere, auch Attentate etc. ausführen, oder dazu anreizen. Dazu sei er gewiss nicht zu haben.

Sein Tun und Treiben läge ganz offen, er habe keine Geheimnisse, die das Licht scheuten, und hüte sich ängstlich, mit den Strafgesetzen irgendwie in Konflikt zu kommen.

Anarchisten der Tat gäbe es hier, soweit er orientiert sei, nicht.

Schriftstücke, resp. Druckschriften aufreizenden Inhaltes habe er nie im Besitz, es könnte jederzeit bei ihm eine Durchsuchung vorgenommen werden.

»Unterstützungen« bekäme er von keiner Seite. Auch sein Bruder Fritz bekäme keine Unterstützung.

Dieser sei seit drei Jahren schwer krank, leide an Skorbut und könne sich nur mit Krücken und Stock fortbewegen. Er ernähre sich durch Erträgnisse aus seiner dichterischen und literarischen Tätigkeit, welche obendrein noch durch den Lohn seiner jugendlichen Tochter erklecklich vermehrt würden.

Ameisen

Fürth, Mittelfranken19. Mai 1922

Emma schloss die Tür zur Wohnung hinter sich und hörte von der Straße einen schrecklichen Gesang:

»Auch Rathenau der Walther

Erreicht kein hohes Alter

Knallt ab den Walther Rathenau

Die gottverfluchte Judensau.«

Sie wich zurück, dachte aber dann an das Lächeln, das sich auf Vatis faltiges Gesicht gelegt hatte, als sie ihm gesagt hatte, dass sie in die Pfiffer gehen würde, weil er die »Gelberla«, die Pfifferlinge, so mochte. Davor hatte er noch getobt, weil in München irgendein rechter Zeitungsredakteur einen Journalisten namens Fechenbach vor Gericht mundtot gemacht habe, weil der die Wahrheit über die deutsche Kriegsschuld geschrieben hatte. Sollte er es doch mit seinem Bruder Sepp ausdiskutieren. Immer ging es nur um Politik. Wie Emma das nervte!

Sie konnte es kaum erwarten, der drückenden Luft der Stadt zu entkommen und in den Wald zu fliehen.

Emma musste an den gestrigen Arbeitstag denken. Sie konnte es immer noch nicht glauben, dass sie jetzt als Schreibkraft, als »Fräulein Hierer« für Georg Gumbrecht in seiner Spiegelfabrik Gumbrecht und Söhne arbeitete. Endlich jeden Monat eine volle Lohntüte und nicht mehr stundenlang in der Zichorienfabrik Cohn Säcke wuchten und die Beine in den Bauch stehen. Und das alles nur, weil sie unaufmerksam gewesen und auf die Straße getreten war und Gumbrecht sie mit seinem Automobil angefahren hatte. Wie hatte Vati getobt, als er herausbekam, dass Emma für diesen Kapitalisten in der Schreibstube arbeitete! Dann allerdings hatte Emma ihm erwidert, dass er auch nichts anderes tat, wenn er, der selbständige Lithograph, Bilder für Spielekartons auf die Natursteine aus dem Altmühltal zeichnete, die ihre Mutter dann mit dem Leiterwagen über die Fürther Straße nach Nürnberg zur Spielwarenfabrik karren musste, weil Vati noch immer vom Skorbut gezeichnet war und durch den Leistenbruch nicht schwer heben konnte. Auch er arbeitete für die Kapitalisten!

»Fräulein Hierer, kommen Sie bitte mal in mein Büro«, hatte ihr Chef dann gestern gesagt. Sie hatte ihn überhaupt nicht kommen gehört und ihre Kollegin Mimi Gründler, die ansonsten alles hörte, war bereits im Feierabend. Gumbrecht wies ihr mit der Hand den Weg in sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Emma roch sein herbes Duftwasser. Sie begann zu schwitzen. Hatte ihm irgendwer erzählt, dass sie die Tochter des Anarchisten Fritz Oerter war? Hoffentlich bemerkte er ihre Nervosität nicht.

»Bitte nehmen Sie Platz.«

»Danke schön«, sagte Emma, machte einen Knicks und setzte sich. Zum Glück hatte ihr Gumbrecht gerade den Rücken zugekehrt und sah nicht, dass sie vor Aufregung förmlich in den Stuhl fiel.

»Wie gefällt es Ihnen bei uns?«

»Sehr gut, danke schön.«

»Irgendwelche Beschwerden?«

Sollte sie ihm vielleicht erzählen, was die Arbeiterin Trude, die sie durch Vati kannte, ihr gestern über seinen Sohn erzählt hatte? Sie schüttelte den Kopf ein wenig zu heftig. »Nein, alles bestens.«

»Dafür mussten Sie jetzt aber lang überlegen«, sagte er und schmunzelte.

Emma sah ihn gerne lächeln und lächelte ebenfalls.

»Ich finde, Sie machen sich ganz gut.«

»Danke schön.«

»Würden Sie mir noch einen Brief tippen?«

Emma überlegte, ob das ein Test war. Gumbrecht folgte ihr an ihren Schreibtisch. Stellte sich hinter sie. Wie gut er roch! Mit leicht zitternden Händen legte sie das vorgedruckte Papier mit dem Briefkopf der Spiegelfabrik Gumbrecht in die Maschine ein. Dann diktierte ihr Chef mit seiner tiefen Stimme:

Sehr verehrter Herr Professor Cossmann,

»Cossmann mit C, Fräulein Hierer«,

Vielen Dank für die Einladung. Den Abend des 4. Juni 1922 werde ich mir freihalten und mich in den Drei Rosen einfinden. Ich würde mich freuen, wenn sich dann Gelegenheit fände, über die schwebenden Fragen eingehend mit Ihnen zu sprechen.

Mit besten Grüßen, Ihr Georg Gumbrecht

Jetzt stand Emma an der staubigen Nürnberger Straße, da kam ihr Max mit dem Fahrrad seines Freundes Leonhard entgegengeradelt.

»Da bist du ja endlich«, sagte er freudestrahlend, dass die Krähenfüße neben seinen Augen sich nur so kräuselten.

Emma fragte nicht, warum Leonhard und seine Freundin Susi nun nicht dabei waren. Max aber schien ihre Frage zu erahnen und zog die Schultern entschuldigend nach oben.

»Wenn Leonhard und Susi auch mitgekommen wären, hätten die Fahrräder nicht gereicht.« Er zog ein zerfleddertes Taschentuch aus seiner Hosentasche, wischte sich über die Stirn und ließ die Hosenträger schnalzen, unter denen sich dunkle Streifen auf dem weißen Hemd abzeichneten. »Los geht’s!«

Emma nahm ihren Weidenkorb, in dem sich ein Taschenmesser, etwas zu trinken, Brote und zwei Äpfel befanden, und schaute ihn fragend an.

»Auf den Sattel«, sagte Max. Er wusste, dass sie weder seinen Befehlston mochte noch auf dem Sattel zu sitzen und dabei nicht die Fahrerin zu sein. Aber es blieb ihr wohl nichts anderes übrig. Er würde sie kaum fahren lassen. Und bis sie den Wald zu Fuß erreicht hätten, würden andere die Pfiffer geklaubt haben.

Also schwang sie sich auf den Sattel, allerdings nicht im Frauensitz, wie es sich geziemt hätte. So spannte zwar der Rock, aber Max konnte leichter das Gleichgewicht halten.

Bis zum Kanal verlief der Weg eben oder es ging sogar bergab. Emma genoss den kühlen Fahrtwind und schloss die Augen. Der Wind fuhr unter ihr Kleid, sie wagte nicht, ihre Augen zu öffnen. So stellte sich die Vorstellung von Georg Gumbrechts großen Händen ein, wie sie zärtlich ihren Rücken kraulten. Gut, dass Max nicht ahnte, was sie dachte. Hinter dem langgestreckten sandsteinigen Schloss Burgfarrnbach ging es bergan, sie kamen dem Wald immer näher. Sie spürte jeden von Max’ Tritten, die das Fahrrad ruckeln ließen, versuchte, erneut die Realität auszublenden, sich nur auf den Druck des Ledersattels zu konzentrieren. Eine Windbö riss das Fahrrad nach links, sie öffnete ihre Augen, doch schon fand Max den Weg zurück in die Spur, kehrte die Lust zurück. Eine Kraft, die von ihrem Bauch in ihren ganzen Körper ausstrahlte, die ihre Muskeln anspannte. Max keuchte, das Fahrrad schlingerte erneut. Max’ fester Hintern stieß gegen ihren Schoß, sie fasste nach ihm, presste ihn gegen sich. Er rutschte von den Pedalen und sie stürzten auf den Asphalt.

»Was zum Teufel hat dich denn geritten …«, geiferte Max und klopfte sich die Hose ab. Aber die zwei dunklen Flecken auf Kniehöhe blieben. Emmas Atem ging immer noch schnell. Max hob das Rad auf, begutachtete es, der Lenker war leicht verbogen. Emmas Oberschenkel tat weh, aber sonst fehlte ihr nichts. Die Knie über den Strümpfen waren ebenfalls erdbraun geworden. Sie sammelte die Dinge aus dem Korb ein, die über den Feldweg verstreut lagen, zum Glück noch heile, vor allem die Bierflasche. Doch in ihr war gar nichts heile, da war ein Aufruhr, ein Toben. Ungeduldig schaute sie Max dabei zu, wie er den Lenker hinbog.

»Lass uns den Rest des Weges laufen«, sagte er.

»Laufen?«, stieß sie aus. »Das ist noch sauweit!«

»Willst du, dass wir noch einmal stürzen?«

Sie schnaubte verächtlich aus. »Willst du, dass wir nach Hause laufen?«

»Aber ich habe mir den Arm verletzt.« Er zeigte auf seinen rechten Unterarm, über den sich tatsächlich eine lange Wunde zog, die blutete.

»Komm her.« Emma nahm ihr Taschentuch und legte es auf die Wunde.

»Aua!«, schrie Max auf, »sei doch nicht so grob!«

Wortlos ging sie auf die Wiese und bückte sich. »Hier wirst du sicher keine Pfiffer finden«, sagte Max.

»Dafür vielleicht ein Kuhmaul«, antwortete Emma. Max starrte sie mit offenem Mund an und hielt das Taschentuch an seinen Unterarm. »Oder ein Hasenöhrl«, legte Emma nach.

Normalerweise mochte sie es, dass er so ein empfindsamer Kerl war. Aber sie wollte weiter, auf dem Fahrrad, in den Wald.

»Sag mal. Ich blute und du machst dich über mich lustig?«

»Spitzwegerich such ich. Für deine Wunde.« Schon hatte sie einen, rupfte ihn aus und ging wieder auf ihn zu. Sie drückte ihn ein bisschen zu fest auf seine Wunde und band das Taschentuch darum.

»Aua!« Max zog den Arm zurück. »Du warst auch schon mal liebevoller.«

»Soll ich weiterfahren?«

Er sah sich um. Es war nirgends eine Menschenseele zu sehen. Dann musterte er sie auf eigenartige Weise. »Wennsd’ meinst.«

Erst stieg Max auf, dann zog sie das Kleid nach oben, dass Max große Augen bekam. »Und du meinst … das … haut hin?«, fragte er stotternd.

Ohne zu antworten, trat sie in die Pedale, das Fahrrad schlingerte und Max griff mit seinen Händen an ihre Taille. »Halt dich gut fest. Nicht, dass du runterbollerst«, frotzelte sie.

Sie genoss seine Hände, doch es war nicht das gleiche Gefühl wie vorhin. Schön, doch keineswegs vergleichbar mit der Trunkenheit eben. Sie radelte schneller, aber es wollte sich einfach nicht einstellen. Ihr Kleid klebte ihr mittlerweile vor Anstrengung am Rücken, sie konnte den würzigen Wald bereits riechen. Schon hatten sie die Stelle erreicht, an der sie in der Regel hineingingen. »Endlich«, stöhnte er erleichtert und stieg ab.

Emma hob das Rad über den Wassergraben, schob es über Farn in den Wald und lehnte es hinter einen Baum, sodass es von außen nicht zu sehen war. Die Tage waren zu hungrig, als dass man ein Rad unbeaufsichtigt am Waldrand stehen lassen konnte. Die Kühle des Waldes legte sich auf ihre schweißnasse Haut.

»Vorsicht!«, sagte Max und deutete auf ihre Stiefel.

Sie sah nach unten, auf den Waldboden. Sie stand in einem Ameisenhaufen.

»Komm, wirf mir die Flasche Bier herüber«, sagte sie, ohne sich auch nur einen Millimeter aus dem Ameisenhaufen zu bewegen. Max, der immer noch mumpflig dreinschaute, warf ihr das Bier zu. Emma ließ den Verschluss schnalzen, worauf sich seine Miene ein wenig aufhellte. Als das Bier über ihr Gesicht spritzte, lachte er laut los. Sie hielt ihm die Flasche entgegen, spürte schon die ersten Ameisen, die ihr über die Unterschenkel krabbelten. Max griff nach der Bierflasche. Emma schnappte sie zurück. Er stolperte, fiel in Emmas Arme. Seine Lippen näherten sich. Ein Specht klopfte unregelmäßig gegen einen Baum.

»Da, das Bier.«

Er griff nach der Flasche und leerte sie halb, ohne die Hand von ihrer Hüfte zu nehmen. Die Ameisen waren jetzt auf Emmas Oberschenkel angekommen, aber sie dachte nicht daran, von dem Ameisenhaufen herunterzusteigen. Auch Max bewegte sich keinen Fußbreit. Emma leerte das Bier, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und warf die Flasche nach hinten, wo sie mit einem hohlen Geräusch an einen Stamm donnerte. Sie rülpste laut und lachte.

»Jetzt zeig mir doch mal«, sagte Emma und zog Max mit beiden Armen noch näher zu sich heran, »was du kannst, du Eintänzer.« Auf Emmas Beinen und Schenkeln kribbelte und brannte es. »Oder bist du zu stark verletzt?«

»Nein … ich«, stotterte Max. Und bevor er vorschieben konnte, dass sie das doch normalerweise nicht mochte, sagte sie kurz und bestimmt: »Ich will es! Jetzt!« Und war von ihrer eigenen Resolutheit überrascht. Sie hörte das Zwitschern der Vögel nun ganz deutlich, ihre Sinne waren geschärft: Die feuchte, nach Fichten und Moos duftende Waldluft. Der raue Stoff von Max’ Hemd unter ihren Fingern. Abertausende Ameisenfüßlein auf ihrer Haut. Die Sonnenstrahlen, die in den Wipfeln flirrten. Max schob seinen Oberschenkel zwischen ihre Beine, ließ eine Hand auf der Hüfte, legte die andere auf den Rücken. Sie legte ihre Hände ebenfalls auf seinen Rücken, sein feuchtes Hemd, und seine Hüfte. Max begann sie zu führen, führte sie vom Ameisenhaufen hinunter, drehte sie langsam im Kreis. Er versuchte, den Abstand zu wahren, weil er spürte, dass es seinem Körper zu sehr gefiel. Doch sie ließ nicht locker, erhöhte den Druck, beschleunigte die Drehung, ihre Schenkel brannten, ihre Hände und Arme bitzelten, sie warf den Kopf nach hinten, schaute in die Baumwipfel, den Himmel, die blendende Sonne.

Emma kam ganz verschwitzt in der leicht geschwungenen Gustavstraße mit den pittoresken Häusern aus Sandstein, Fachwerk und Schindeln und den davon abzweigenden Höfen an. Max hatte sie am Bahnhof abgesetzt, er musste tanzen, arbeiten gehen, hatte sich schlechtgelaunt von ihr verabschiedet. Vielleicht, weil sie keine Lust auf weitere Annäherungen gehabt hatte. Für sie war es auch so erfüllend genug gewesen. Am Gasthaus Grüner Baum bog sie nach rechts in die Obere Pfarrgasse ab und ging den Berg hinunter.

Um dem Jungen mit seinem Zeitungspacken den Weg freizumachen, sprang sie am windschiefen Eckhaus mit der Leihbücherei auf die Straße. Fischgestank drang in ihre Nase, die Fischhandlung Jungkunz hatte wieder gewässert. Da brauste ein Automobil mit offenem Verdeck durch den frühen Abend. Eine vornehme Dame saß neben einem Mann auf dem Beifahrersitz, ihr Schal flatterte im Wind, sie hielt ihren hellblauen Hut mit der einen Hand, die andere lag um die Schulter des Fahrers mit der Automobilisten-Haube und der Brille. Die Dame sah aus, als wäre sie der letzten Seite der Wochenschrift Von der Mode entsprungen. Nur, dass sie sich die Kleider sicher nicht selbst schneiderte wie Emma, die jede Woche ein wenig aus der mageren Lohntüte für Stoff abzwackte. Fasziniert blieb sie auf der Straße stehen und stierte dem Kraftfahrzeug hinterher, das den steilen Berg hinunterröhrte. Ein Hupen schreckte sie auf, wie damals, als Georg Gumbrecht sie angefahren und als Entschädigung zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen hatte.

Vernehmungsprotokoll

Auf Vorladung erscheint

Schmidtill Alfred, städt. Angestellter

Fürth / Bay. Scherzerplatz 15

und erklärt, zur Wahrheit ermahnt, folgendes:

Am Vorabend des Reichsparteitages der Sozialdemokraten in Augsburg war, soviel ich mich erinnere, in der Wirtschaft z. »Schützenliesl« noch ein Treffen der betr. Teilnehmer. Mein Bruder und ich waren ebenfalls dort. Ich habe mich ca. um 11 Uhr nachts auf den Heimweg begeben. Mein Bruder hatte sich schon früher mit einigen Kameraden, die ich namentlich nicht mehr nennen kann, entfernt. Gegen 1 Uhr nachts hörte ich Emma Hierer rufen: »Alfred, geh runter, dein Bruder ist angeschossen worden.« Oder so ähnlich.

Was dann folgte, weiß ich nicht mehr so genau, da ich mich um meine Mutter zu kümmern hatte. Auf alle Fälle muss ich die Äußerung »So habe ich es kommen sehen« oder ähnlich ganz entschieden ablehnen und als bewusste Lüge bezeichnen. Auf den Anwurf, mein Bruder wäre ein Säufer und Raufer gewesen, muss ich entgegnen, dass Wibbeler ein ebenso großer Säufer gewesen ist, zudem ist mir bekannt, dass er deswegen seinen Eltern große Sorgen machte. Versch. ist er wegen Zechprellerei vorbestraft gewesen. Wenn er angetrunken war, hat er gerne Stänkereien gemacht, so auch in diesem Falle. – Mein Bruder und seine Kameraden sind, soviel sich herausgestellt hat, an dem betr. Abend in Hellers Fischküche gekommen und wollten noch ein Bier trinken. Im erwähnten Lokal befanden sich Wibbeler und Schachtel mit anderen Studenten bei einer Sauferei. Wie W. meinen Bruder sah, äußerte er: »Mit diesem Abzeichen«, damit meinte er das schwarz-rot-goldene Abzeichen der Sozialdemokratie, »bekommst du hier kein Bier.« Hierauf entspann sich ein Wortwechsel, und mein Bruder wurde zur Wirtschaft hinausgeworfen, worauf ihm W. folgte. Ob und von wem W. einen Messerstich erhalten hat, möchte ich in Frage stellen. Auf alle Fälle steht fest, dass Sch. auf meinen Bruder schoss, ohne vorher angegriffen worden zu sein. Nach einer Mitteilung einer Bekannten hat Schachtel zuvor eigens zu diesem Zweck zu Hause die Pistole geholt. Es ist somit erwiesen, dass Schachtel, um meinem Bruder einen gehörigen Denkzettel zu verabreichen, die Pistole geholt und mit sich geführt hat.

Zeugen kann ich leider z.Zt. keine angeben, da mir die Namen entfallen sind.

Ermittlungsdienst

Fürth, den 19. August 1922

Unterschrift: Alfred Schmidtill

Pomade

Fürth27. Mai 1922

Max Schmidtill ist es leid, dass der Tag durch die Eintänzerei zerstückelt ist. Fünf-Uhr-Tee, Pause, Tanz vom Abend bis in die Nacht. Viel lieber wäre er jetzt im Wald Emma nahe. Aber dort haben sie sich das letzte Mal vor einer Woche getroffen und sie hat ihn zuerst heiß gemacht und dann einfach stehen lassen. Sicher hat sie einen anderen. Sie riecht auch anders, seitdem sie in der Spiegelfabrik arbeitet. Wenn sie nicht zu Hause isst, warum sollte er es dann tun? Nein!, sagt er sich, heute tanze ich nicht mit den alten Weibern, die mir Geld zustecken und wie zufällig an meinen Hintern langen. Meine Hände sind nicht dafür geschaffen, ihre faltigen Hände mit den Altersflecken und schwabbeligen Hüften zu umfassen und zum Takt der Musik zu lenken. Meine Hände sind dafür geschaffen, Linien auf Holz zu zeichnen. Es zu bearbeiten. Klare Formen, klare Linien. Die am Ende ein Möbelstück, einen Stuhl, einen Schrank oder einen Spiegelrahmen hervorbringen.

Er betrachtet sich im Spiegel. Einen Monat macht er die Arbeit als Eintänzer jetzt und schon ist er es leid. Er fährt sich mit den Fingern über sein Gesicht. Sind seine Wangen dadurch wirklich weniger eingefallen? Fünf Mark am Tag verdient er, das macht fünfunddreißig die Woche plus Tanzstunden und Trinkgelder. Die Schulden bei der Vermieterin sind abbezahlt und Hunger hat er seitdem auch keinen mehr gehabt. Aber zwei Stunden Toilette machen ist nichts für einen Schreiner. Er ist ja keine Frau!

In Unterhosen steht Schmidtill vor dem Spiegel, den er sich gekauft, gegen den halbblinden ausgetauscht hat. Weil er sich für die ganzen Dosen, Fläschchen, Cremes, Puder und Wässerchen schämt, trifft er sich mit Emma lieber im Wald. Sie würde sich nur noch mehr über ihn lustig machen.

Zuerst rasiert er sich, wäscht sich mit der französischen Seife, mit dem warmen Wasser aus der Schüssel: Gesicht, Hals, unter den Armen, ja sogar hinter den Ohren. Mit dem frisch gewaschenen Handtuch aus der Wäscherei, das immer noch nach Seife duftet, trocknet er sich ab, cremt sich das Gesicht mit Teintsalbe ein, pudert sich, schüttet sich Pitralon in die Handflächen und verteilt es auf seinen Wangen. Der Duft von Zitrone und Zedernholz verbreitet sich im Raum, und er muss an Emma auf dem Ameisenhaufen denken, ihren festen Po und ihre kleinen, strammen Brüste. Er schwärzt sich mit dem Augenbrauenpinsel seine Brauen, putzt sich die Zähne. Dann schlüpft er in Unterhemd und Hemd, bindet sich den Schlips um. Nach dem Anziehen der Anzugweste überprüft er, ob alles passt. Er versucht zu lächeln, was ihm nicht gelingt. Schmiert sich Pomade ins Haar.

Schmidtill fühlt sich beschmutzt, sein Innerstes von Emma zerknittert, darauf herumgehüpft, darauf gespuckt. Was haben sie alles zusammen durchgestanden! Den Krieg. Den Krieg und seine Folgen. Um nicht mehr Hunger haben zu müssen, macht er diese alberne Eintänzerei. Und wie dankt sie es ihm? Sie glaubt wohl, er würde es nicht spüren, dass da noch ein anderer neben ihm ist.

War es ein Fehler gewesen, dass er damals zu ihr gesagt hatte, er wolle ihr natürlich ihre Freiheit lassen, sie nicht einsperren? Aber hätte sie da nicht nachfragen müssen, nach all den Jahren, die sie zusammen sind?

Heute ist er nicht, wie er eigentlich müsste, zum Fünf-Uhr-Tee im Grünen Baum gewesen, wo ihn der Chef im