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Kennt ihr eigentlich Schneeflocken? Vielleicht denkt ihr, dass ihr Flocken kennt, aber auch heute noch sind Schneeflocken leider ein gänzlich unterschätztes und unauffälliges Volk, über das viel zu wenig bekannt ist. Ein munteres Völkchen, das weit oben im Norden ein gemütliches Leben lebt, gerne Eiswein und Eistee trinkt und im Winter gerne in Gruppenreisen in den Süden zieht, um dort den Winterurlaub zu verbringen. Was passiert, wenn nun eine Flocke mit einem Helden und einem Drachen in ein unerwartetes Abenteuer zieht? "Von Flocken und anderen Helden" ist ein phantastisches Wintermärchen über Freundschaft und die Suche nach dem, was wirklich zählt im Leben, dem Glück. Eine Geschichte über die Suche nach sich selbst, eine Geschichte ebenso für ältere Kinder zwischen 8 und 14 Jahren, wie auch für junge Erwachsene und junge Familien. Ein berufserfahrener Held mit einer ungewöhnlichen Vorliebe für den Winter, eine Schneeflocke aus einem fernen, unbekannten Reich zwischen Nordpol und Lappland und eine junge grüne Drachendame ziehen los, um einen Krieg zu verhindern. In letzter Sekunde gelingt es, Schlimmeres zu verhindern und die Suche nach den Aufrührern und dem verlorenen Frieden beginnt. Ihre Reise führt die beiden Freunde tief hinein in den Winter. In einer eisigen Winterwunderwelt treffen sie die Herrscherin des Nordens, die Regentin über Winter und Schnee. Ihre Hilfe stellt sie allerdings nur unter einer Bedingung zur Verfügung ... Was wie ein fröhliches Abenteuer beginnt, bekommt mehr und mehr einen ernsten Hintergrund, die Freundschaft der Abenteurer wird immer mehr auf eine Zerreißprobe gestellt und bekommt tiefe Risse. Die Gemeinschaft zerbricht, die Freunde stehen vor neuen Herausforderungen, lernen neue Wege und Freunde kennen und erfahren dabei auch immer mehr über sich selbst.
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Seitenzahl: 334
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für Murmel
Das Ende
Ein unerwarteter Besuch
Das Abenteuer beginnt
Ein Schlitten und ein Plan
Eine Ode an die Freude …
Das Vier-Elefanten-Portal
Der Eispalast
Schneewalzer
Ein Abendessen
Über Schneeflocken
Die Reise beginnt
Feuer und Eis
Eine Stimme in der Dunkelheit
Neue Freunde
Abschied
Die Stadt
Code Weiß
Kindsköpfe und Helden
Tauwetter
Frühlingsduft
Ein Sturm zieht auf
»Zur knirschenden Düne«
Drachenkonzert
Leinen los
Kanonen in der Nacht
Ein unerwartetes Wiedersehen
Versöhnung und ein hustender Wal
Flucht in den Norden
Schwarzer Sand
Der Klaus
Die Weiße Stadt
Pfirsiche und Pfeffer
Der König der Maulwürfe
Ein Pinguin namens Nietzsche
Die Himmelsleiter
Zurück zu Klaus
Ein neuer Morgen
Die feurige Bergfeste
Ein eisiger Plan
Die Goldene Karotte
Glücksklee
Maulwurfshügel
Gärtnerkünste
Das Trio Infernale
Ein ausgefuchster Plan
Die Festung der Erdmännchen
Weihnachten
Nur noch Hitze, eine unmenschliche Hitze jenseits aller Vorstellungskraft. Gepaart mit einem dumpfen Glühen, das aus den tiefsten Eingeweiden der Erde selbst hervorzuquellen schien und immer näher kam. Dichter Qualm versperrte die Sicht. Er konnte nicht vor, nicht zurück, es war vorbei. Er hatte versagt. Es war alles umsonst gewesen. Er erinnerte sich, endlich erinnerte er sich wieder. Viel zu lange waren seine Gedanken verschwommen und getrübt gewesen. Er erinnerte sich an alles. Daran, wie alles begonnen hatte, tausende Meilen und eine Ewigkeit entfernt, hoch oben im Norden. Es schien in einer unwirklichen Vergangenheit zurückzuliegen, doch waren nur wenige Wochen vergangen. Er erinnerte sich. Schwarze Felsen, die Äonen überdauert hatten, zerbarsten und versanken in der brodelnden Glut. Das Grollen kam unaufhaltsam näher.
Gefasst blickte er in die Tiefe, dem Ende entgegen. Es war vorbei. Er hatte versagt.
Ein Knirschen durchbrach die Stille des frühen Morgens. Verwundert rieb sich der Held dieser Geschichte die noch müden Augen. Es war ein langer und warmer Sommer gewesen. Wochenlang hatte die Sonne von einem strahlend tiefblauen Himmel gelacht. Nur selten waren ein paar einsame Wolken vorbeigezogen. Alles in allem hatte sich nichts, aber auch gar nichts Ungewöhnliches ereignet. Es war eine ruhige Zeit gewesen. Zu ruhig für Helden. All die Schurken, Bösewichte und Zauberer blieben lieber in ihren dunklen, angenehm kühlen Höhlen und Burgen oder dösten in der Sonne, anstatt ihren Missetaten nachzugehen, wie es eigentlich ihre Pflicht gewesen wäre.
Nur die wenigen Helden, die sich in ihrem Geschäft als Retter von Jungfrauen und Prinzessinnen aus den Klauen von Seeungeheuern verdingten, sah man ständig blass und mit dicken Ringen unter den Augen. Die Arbeit war einfach zu viel, meinte doch jede Prinzessin, dass es eine gute Idee wäre, an den Stränden geheimnisvoller tiefer Seen den Sommer zu genießen, was es den darin lebenden Ungeheuern natürlich sehr einfach machte. Und es waren nicht nur die anstrengenden Rettungen, nein! Jedes Mal folgten ausgedehnte Festmahle und vor allem endlose, langweilige Reden. Das waren die Schattenseiten des Heldendaseins. Am schlimmsten war es aber, stundenlang für die Bildhauer stillstehen zu müssen. Kein König ließ es sich nehmen, den Retter seiner Tochter sogleich prunkvoll in Stein verewigen zu lassen, um seine Dankbarkeit zu beweisen. Steinmetze waren an diesen heißen Sommertagen ebenfalls gefragte Leute. Ständig war ein Hämmern und Klopfen zu hören, und neue Statuen zierten bald Hallen und Höfe der Paläste. Der Schweiß lief in Strömen; bei den Steinmetzen ob der anstrengenden Arbeit, bei den Helden ob der Hitze in den schweren Rüstungen.
Nun, gleichwohl unser Held ein wahrer Held war, vielfach mit Ruhm und Ehre ausgezeichnet, wovon prunkvolle, handgeschriebene Urkunden an seiner Wohnzimmerwand zeugten, und vom königlichen Heldenverband ordentlich als Held bestätigt und eingetragen, war er doch etwas anders als die anderen Helden. Man könnte auch sagen, eher etwas gemütlich oder – wenn wir ehrlich sein wollen – eher etwas behäbig. Oder wie er es lieber zu formulieren pflegte: Er suchte den Ruhm auf seine ganz eigene, besondere Art und Weise. Kamen panisch schreiende Kammerdiener ins Dorf gerannt, duckte er sich lieber tief in seinen Liegestuhl und zog sich unauffällig den Strohhut in die Stirn. In Wahrheit waren alle Seeungeheuer sowieso harmlose und gänzlich verspielte Wesen, nur mit einem zugegebenermaßen merkwürdigen Sinn für Humor. Sie fletschten gerne die Zähne und brüllten, kitzelten die Prinzessinnen an den Füßen und plusterten sich bedrohlich auf. Dabei mussten sie sich stets das Lachen verkneifen. Tatsächlich endete manche Entführung früher als gedacht, weil das Seeungeheuer in prustendes Gelächter ausbrach und sich kugelnd am Strand wälzte, während sein Opfer zitternd und schreiend die Flucht antrat. Bei erfahrenen Ungeheuern passierte das natürlich seltener. Sie schnitten drohend Grimassen und rasselten mit ihren Schwänzen, bis ihre Opfer in Erwartung des sicheren Endes ohnmächtig zusammensackten. Dann packten sie vorsichtig die königlichen Hoheiten und schleppten sie in ihre Höhlen, wo sie sich kichernd hinter ein paar Felsen versteckten und warteten, bis irgendwann ein bibbernder und angstschlotternder Held auftauchte, um die Jungfrau schnaufend und ächzend wieder hinauf ans Tageslicht zu schleppen. Natürlich hatten die Ungeheuer zuvor alle Wege aus der Tiefe sorgfältig mit glitschigem Seetang bedeckt. Kein Held, der nicht früher oder später darauf ausrutschte, worauf dröhnendes Gelächter hinter den Felsen hervorbrach, Held und Prinzessin wieder in Panik ausbrachen und schreiend davonstoben. Es war immer das Gleiche: Seeungeheuer waren einfach wie zu groß geratene, ungehobelte Kinder. Unser Held konnte sich nicht erinnern, dass einer entführten Dame jemals auch nur ein Haar gekrümmt worden wäre – auch wenn das keine Prinzessin und kein Held jemals zugeben würde. In ihren Erzählungen wurden die Ungeheuer vielmehr zu riesigen Monstern mit mindestens fünf Schwänzen und vier Reihen geifernder Reißzähne, was ihr, die ihr echte Seeungeheuer sicherlich kennt, natürlich gleich als völlig übertrieben erkennen würdet.
So ließ der Held die Kammerdiener weiter nach einem Helden schreien. Einer seiner übereifrigen Kollegen würde sich sicher bereitwillig um den Fall kümmern. Er genoss lieber den Sommer.
Der Sommer ging in einen nicht minder schönen, goldenen Herbst über. Äcker und Felder lieferten reiche Ernten. Die Zweige der Bäume bogen sich unter den saftigen Birnen, Pflaumen und Äpfeln, bis sie fast den Boden berührten. Die Blätter färbten sich orange, rot und golden und der Himmel leuchtete in den schönsten Farben. Die milden Tage vergingen und eines Nachts schwang sich ein erster wilder Herbststurm durch die Lüfte, wehte lachend die Blätter aus den Kronen und Wipfeln und machte sich einen Spaß daraus, mit Türen und Dachziegeln zu klappern und um die Schornsteine zu pfeifen. Der Herbst verstrich, die Tage wurden kühler, Regenschauer und Stürme zogen durch das Land. Die saftigen Farben verschwanden, erster Raureif überzog frühmorgens Wiesen und Wälder. Und da war wieder dieses Knirsch, Knarsch, Knirsch, Knarsch.
Widerwillig hob sich der Kopf des Helden aus dem weichen Kissen, sank jedoch nach nur einem angestrengten Augenblick mit einem Grunzen zurück. Er verharrte nachdenklich und schnaufte unwillig. Dann nahm er einen neuen Anlauf. Er hob sich eine Winzigkeit, dann etwas höher, und während der Held noch überrascht überlegte, was sein Kopf da tat, hatte dieser auch schon sein Ziel erreicht. Die Augen öffneten sich zu einem schmalen Spalt und blickten noch leicht verschlafen in den frühen Morgen. Dann blinzelten sie. Irgendetwas war anders. Sie blinzelten erneut und allmählich dämmerte es ihnen. Das Dunkel der trüben Herbsttage war verschwunden. Ein strahlendes Weiß drang durch alle Ritzen und ein helles Funkeln blendete die Augen. Schnell schlossen sie sich wieder, um erst einmal in Ruhe nachzudenken.
Der Held lebte schon seit einigen Jahren in dem kleinen Dorf. Es hatte zwölf oder dreizehn Häuser, so genau hatte das noch nie jemand gezählt, und lag zwischen sanften Hügeln in einem kleinen Tal unweit des Königspalastes. Drei Straßen aus dem Norden, dem Süden und dem Westen trafen sich in dem Örtchen und vereinigten sich in seinem Herzen zu einem großen, gepflasterten Markt. Mächtige Eichen streckten behütend ihre Äste über den Platz. In ihrem Schatten sprudelte munter Wasser aus einem kleinen, gemauerten Brunnen. Am anderen Ende des Platzes stand das Rathaus. Jeden Morgen um Punkt acht Uhr winkte der Bürgermeister von seinem Balkon seinen Bürgern zu. Er war ein großer dicker Mann mit einer breiten roten Amtsschärpe, die er stets voller Stolz trug. Dass selten jemand da war, der ihn winken sah oder ihm gar zurückwinkte, störte ihn nicht. Er winkte einfach gerne, bevor er sich seiner Arbeit widmete.
Neben dem Rathaus lag das Büro für Heldenangelegenheiten. Hier trafen sich die Helden und warteten auf neue Aufträge und Abenteuer. Lief man am Büro vorbei, kam man zur kleinen Gerüchteküche. Hier wurde nicht nur ein leckeres Essen gekocht, hier hörte man stets auch die neusten Geschichten und Nachrichten aus allen Ecken und Enden des Königreiches. Folgte man weiter der Hauptstraße, kam man zu einer Wäscherei, die direkt an dem kleinen Bach lag, und zu einer Schmiede, aus der man alle Zeit das Klirren der schweren Hämmer auf den Ambossen schallen hörte. Und natürlich gab es auch ein kleines Gasthaus, in dem sich die Helden abends nach getaner Arbeit trafen, um sich dort in geselliger Runde mit ihren Heldentaten zu brüsten.
Am Rande dieses Dorfes lebte unser Held. Schon von Weitem sah man den mächtigen Nuss- und den nicht minder großen Apfelbaum, die seinen kleinen, aber gepflegten Garten überragten. Zwischen den Bäumen streckte sich ein schiefer roter Schornstein in den Himmel, und wenn man den Blick senkte, sah man erst ein mit bunten Ziegeln gedecktes Dach und dann schließlich das kleine Häuschen. Nicht groß, aber gemütlich und mit einem großen Fenster, von wo aus er gerne hinauf zu den Bergen des nahen Gebirges schaute. Er mochte das Dorf und seine Nachbarn und sie mochten ihn. Nur dem Steinmetz, dem ging er lieber aus dem Weg. Zwar war er ein liebenswürdiger kleiner Mann, aber seit der Held einmal vier Tage für ihn stillstehen musste, begegnete er ihm mit Argwohn und Zurückhaltung. Das Leben war gut und der Weg zur Arbeit im nahen Königspalast angenehm kurz.
Unser Held wurde schlagartig wach. Mit plötzlichem Schwung versuchte er, gleichzeitig auf und aus dem Bett zu springen. Das linke Bein stürmte voran, blieb prompt an der Bettkante hängen und stolperte. Ein lautes Fluchen durchbrach die Stille des frühen Morgens. Das rechte Bein beschloss daraufhin, etwas vorsichtiger zu sein, und folgte dem linken deutlich zurückhaltender.
Noch wusste der Held nicht, dass er der Held dieser Geschichte werden und sein ruhiges, beschauliches Leben, das er so sehr schätzte, schon bald völlig aus den Fugen geraten würde. Aber wir wollen nicht zu viel verraten, sondern schauen einfach einmal, was die Geschichte mit sich bringen mag.
Unser Held hieß Toni und war ein recht durchschnittlicher Held. Nicht besonders groß, aber auch nicht besonders klein, kräftig, aber nicht dick. Alles in allem unauffällig, so wie auch der bisherige Morgen.
Helles Morgenlicht schimmerte in das gemütliche Zimmer. Toni lief zum Fenster und riss die warmen Vorhänge auf. Er strahlte. Über Nacht war der Winter in seinem Tal angekommen. So weit er blicken konnte, funkelte strahlend weißer, frischer Schnee in der Morgensonne. Die Bäume ächzten bibbernd unter der Last der unzähligen fröhlichen Schneeflocken, die es sich in ihren Ästen bequem gemacht hatten. Sie winkten dem Helden höflich zu, widmeten sich dann aber sogleich wieder emsig ihren eigenen Geschäften. Nun, genauer betrachtet, waren die meisten Flocken eifrig damit beschäftigt, ihre aus Eiswolken gewobenen Hängematten in die Zweige zu flechten und es sich darin bequem zu machen.
Der Held rieb sich die Augen und starrte mit offenem Mund hinaus. Er blickte suchend nach links, einen Atemzug lang nach rechts, dann unschlüssig geradeaus. Ein Traum in seinem Kopf rang verzweifelt mit den anderen Gedanken, wollte er doch seine Geschichte unbedingt noch zu Ende erzählen. Aber immer mehr Gedanken drängten aus ihren Betten und sausten in Richtung Mund. Nach ein paar heftigen Worten und auch ein wenig unschönem Geschubse gab der Traum murrend auf und beschloss, es in der nächsten Nacht erneut zu versuchen.
Der erste Gedanke erreichte sein Ziel und streckte seinen keuchenden Verfolgern triumphierend die Zunge heraus. Dann setzte er die Lippen in Bewegung. »Jack, alter Freund, wo steckst du?«, rief Toni fröhlich. Als keine Antwort kam, blickte er wieder suchend nach links und rechts, bohrte dann zweifelnd mit dem kleinen Finger in seinem Ohr. Zwei Gedanken blickten sich verwirrt an. Das war merkwürdig. Da kam ein dritter hinzu, verdrehte die Augen und wies höflich, wenn auch etwas mitleidig darauf hin, dass es vernünftiger und zudem einem frühmorgendlichen Gespräch zuträglicher wäre, das Fenster zu öffnen. Verlegen und mit hochroten Köpfen rannten die zwei anderen los, um schnell der Hand Bescheid zu geben.
Immer noch schlaftrunken, aber bester Laune riss Toni das Fenster auf. Belebend frische Luft strömte ins Zimmer. Sie war von einer eisigen, klaren Kälte, wie es sie nur an den ersten Tagen eines wunderschönen neuen Winters gibt. Er atmete tief ein und setzte zu einem neuen Versuch an: »Hallo Jack, sei gegrüßt!«
Eine kleine, besonders strahlend weiße Schneeflocke schwirrte herbei und verharrte dicht vor seiner Nase. Prompt begann unser Held zu schielen. Die Flocke lachte vergnügt und flog ein kleines Stückchen zurück. »Hallo, mein lieber alter Freund. Es ist schön, dich endlich einmal wiederzusehen. Es war eine lange Reise und ich freue mich sehr, wieder hier zu sein.«
Toni strahlte und winkte einladend. »Ich freue mich auch, ich freue mich sehr. Komm doch erst einmal herein in die gute Stube und wärme dich etwas auf.«
Jack blinzelte mehr belustigt als empört und zog vorwurfsvoll eine Augenbraue nach oben.
Ein neuer Gedanke drängte eilig nach vorn und raunte dem Helden ins Ohr, dass dieser Vorschlag bei einer Schneeflocke nun wirklich nicht angemessen sei. Toni lief rot an. »Oh Jack, bitte entschuldige. Es war nicht böse gemeint. Ich bin noch so schläfrig. Ich vergaß … Deine frostige Natur schätzt meinen warmen Kamin natürlich nicht so wie ich. Ich komme gleich zu dir hinaus. Nur einen winzigen Augenblick, bitte, einen winzigen Augenblick«, stammelte er und hastete aufgeregt zurück in sein Zimmer.
Jack und er waren alte Freunde, die sich schon seit vielen Wintern kannten. Daher kannte die Flocke auch die leichte Morgenträgheit ihres Freundes und nahm ihm seinen Ausrutscher nicht weiter krumm. Sie blickte ihm nur grinsend und mit einem leichten Kopfschütteln hinterher und schwebte dann hinüber zu einer kleinen Bank, die sich unter den schneebedeckten Ästen des alten Apfelbaums versteckt hatte.
In der Zwischenzeit griff Toni flugs seinen schwarzen Umhang und seinen dicken roten Schal, dann bemerkte er, dass er noch seinen Schlafanzug trug, zog Umhang und Schal wieder aus, schlüpfte in warme Socken und seine normale Kleidung und stülpte Schal und Umhang wieder über. Zufrieden musterte er sich in der spiegelnden Scheibe und eilte hinaus in den frostig verschneiten Morgen.
Er winkte der Flocke und bahnte sich vergnügt seinen Weg durch den tiefen Schnee, den die Flocken mitgebracht hatten. Mit einem zufriedenen Ächzen setzte er sich neben seinen Freund auf die Bank, drehte sich um und kitzelte die alte Borke. Der Apfelbaum kicherte knarzend und ließ seine beiden letzten Früchte, die er den Stürmen in zähem Ringen immer wieder hatte entreißen können, von seinen nun gänzlich kahlen Ästen in die Arme des Helden fallen. Der tätschelte die Rinde, bedankte sich höflich und biss herzhaft in einen der saftigen Äpfel. Er wandte sich der Flocke zu, die ihn belustigt beobachtet hatte. Ein weiterer Gedanke raunte ihm etwas zu. Verlegen schluckte er und lief rot an. »Mein lieber, guter alter Freund, bist du hungrig? Darf ich dir etwas anbieten? Ein Himbeereis vielleicht? Oder etwas Eistee?« Der Held hatte sich gerade noch rechtzeitig besonnen, was sich für einen höflichen Gastgeber gehört, und zwei Gedanken nickten sich erleichtert zu.
Dankend nahm Jack das Angebot an und bald frühstückten sie in der frischen Winterluft und tauschten Höflichkeiten und Erinnerungen, Neuigkeiten und Geschichten aus, wie es richtig gute Freunde, die sich eine lange Weile nicht gesehen haben, gerne tun.
»Wie geht es deiner Familie?«, fragte Toni neugierig.
»Denen geht es wunderbar, danke der Nachfrage«, lächelte Jack. »Nur meine Mutter hat sich neulich eine kleine Erhitzung eingefangen. Nichts Ernstes, keine Sorge. Ein paar Tage Bettruhe, dann war sie wieder schön eisig und ihre Kristallspitzen glänzen plötzlich wieder, als wäre sie noch einmal süße zweihundertachtzehn Winter alt.«
»Dann bin ich aber froh, dass sie wieder auf den Beinen ist. Und wie geht es der kleinen Jaqueline?«, fragte sein Freund weiter.
»Ach, meine kleine Schwester«, seufzte Jack. »Sie ist ausgezogen und wohnt nun zum ersten Mal allein in einem Iglu.«
»Sie werden ja so schnell erwachsen«, nickte Toni verständnisvoll. »Eben noch ein kleines Eiskorn, dann plötzlich eine strahlende Schneeflöckin.«
Jack nickte. »Hast du das von ihrer Zwillingsschwester gehört?«, fragte er. Der Held schüttelte fragend den Kopf. »Janina züchtet seit einiger Zeit Eisblumen. Sie hat es als erste Flocke geschafft, Eisrosen mit Eistulpen zu kreuzen. Die Eisrulpen sind wirklich wunderschön. Janina ist mittlerweile eine richtige Berühmtheit.«
»Und da glauben die Menschen immer noch, dass Eisblumen rein zufällig an den Fenstern wachsen«, lächelte Toni. »Und der Kleine von den Drillingen, wie hieß er noch mal gleich – Jonathan?«
»Oh, der hatte letzte Woche einen Unfall. Er wollte vor seiner Freundin angeben und ist zu nah an eine Kerze geflogen. Beinahe wäre er verdampft, aber wir konnten ihn zum Glück wieder zusammenfrieren.«
Der Held schüttelt ungläubig den Kopf. »Da hat er ja wirklich Glück gehabt. Und was ist eigentlich mit Jaromir?«
Jack runzelte die Stirn. »Immer noch zu viel Eiswein …« Er winkte ab.
Man muss an dieser Stelle anmerken, dass Flocken von Natur aus recht große Familien haben. Vor einigen Wintern hatte der Held das Reich der Flocken besucht und einige Geschwister von Jack kennengelernt. Nicht alle, nur einige wenige Dutzend. Von daher war es kein Wunder, dass der Morgen wie im Fluge verging. Der Mittag rückte näher und Toni ließ es sich nicht nehmen, seinem Freund ein leckeres Essen zu servieren. Am Nachmittag holte er Eiskaffee und eine Eistorte aus dem Haus und sie plauderten, aßen und tranken in einem fort. Doch trotz vieler fröhlicher Geschichten und Neuigkeiten entging Toni nicht, dass die Flocke sorgenvoll wirkte und ihre Gedanken oft weit weg schienen.
Der Nachmittag wurde kühler und über den Bergen im Norden kroch langsam die Dämmerung herauf. Finstere Schatten begannen die hohen Gipfel zu verhüllen. Ein schneidend eisiger Wind wehte plötzlich ins Tal herab und vertrieb die letzten Strahlen der klammen Wintersonne. Den Helden schauderte. Er sah seinen Flockenfreund lange aufmerksam an, beide schwiegen. »Mein alter Freund, was führt dich wirklich zu mir? Ich sehe dir doch an, dass du etwas auf dem Herzen hast. Was bedrückt dich? Es ist doch kein Zufall, dass du vorbeigekommen bist? Für den Winter ist die Zeit noch etwas früh«, fragte er bedächtig.
Jack starrte lange sorgenvoll ins Leere, dann antwortete er leise: »Ja, es gibt einen Grund, warum ich die Nordwinde bat, mich so früh im Jahr zu dir in den Süden zu tragen. Dem Norden droht ein schlimmes Unheil und wir suchen einen Helden, der uns helfen könnte. Und du weißt, Helden sind rar in der kalten Jahreszeit.«
Ja, das stimmte leider. Helden im Besonderen und im Allgemeinen neigten dazu, in eine Art Winterschlaf zu fallen, egal ob sie dem Volk der Zwerge, der Elben oder der Menschen entstammten. Nun, sie schliefen nicht wirklich, aber dämmerten nur allzu gerne mit vollem Bauch in ihren Sesseln vor den warmen Kaminen und verfolgten entspannt den anmutigen Tanz der Schneeflöckinnen vor den Fenstern. Schon vor Jahren hatte der König dieses Problem mit einem Stirnrunzeln bemerkt. Mit vielen Versprechungen – und einer kleinen Schatulle voller Goldstücke – hatte er daraufhin einen bekannten Uhrmacher gebeten, einen Laden für Wecker und Uhren in dem kleinen Dorf zu eröffnen.
Heute stand der Laden leer. Wie der königliche Schatzmeister feststellte, stiegen plötzlich die Einnahmen der Kissen- und Gänsedaunenhändler in dem kleinen Dorf sprunghaft an. Wecker wurden hingegen nur so viele verkauft, wie der König seinen tapferen Helden schenkte. Und als der König an einem Winterabend einen der Helden besuchte, hörte er nur ein leises, unterdrücktes Ticken unter einem riesigen Kissenberg. Daraufhin gab er seufzend auf, Helden im Winter zu beauftragen.
»Ja, einen Helden im Winter zu finden, ist wirklich ein Problem«, nickte unser Held und schüttelte ob der fehlenden Arbeitsmoral seiner Kollegen missbilligend den Kopf. »Im Sommer sind sie übereifrig, aber kaum liegt etwas Eis und Schnee, ist es fast unmöglich, sie aus ihrem Sessel zu bewegen. Aber du weißt, du kannst dich immer auf mich verlassen. Wenn du meine Hilfe brauchst, werde ich helfen. Wo drückt denn der Schuh?«
Die Flocke sah verwundert auf ihre blanken Füße.
Toni bemerkte den Blick und nach ein paar Sekunden zwickte ihn sehr nachdrücklich ein Gedanke. »Oh Jack, bitte entschuldige! Nur so eine Redensart, nur so eine Redensart«, sagte er schnell. Natürlich hatten Flocken für Kleider und Schuhe nicht viel übrig und waren selbst im tiefsten Winter barfuß unterwegs. »Verzeih! Erzähl bitte weiter«, fuhr er verlegen fort. Eifrig zückte er sein in Leder gebundenes Heldenauftragsbuch, um sich für seine neue Aufgabe Notizen zu machen. In beruflichen Dingen war er sehr gewissenhaft.
»Die Lage ist kompliziert und wird wahrscheinlich ein Abenteuer erfordern. Den Völkern im Norden droht ein schlimmer Krieg. Eine Bande von Erdmännchen hat sich mit dem Clan der Murmeltiere zerstritten. Warum, das weiß eigentlich niemand so genau. Und dann kam dieser Diebstahl und die Entführung.«
»Oh, das ist eine böse Sache«, fiel ihm der Held geschäftig ins Wort. »Die übliche Geschichte: Gold, Diamanten und eine schöne Prinzessin, vermute ich?«
»Um ehrlich zu sein – nein.«
Der Held stutzte und blickte auf. Dann strich er die letzten Worte aus seinem Notizbuch und wartete gespannt.
»Es geht um 37 Kilogramm und fünf Unzen bester frischer Walnüsse, und ein paar Erdnüsse sind auch verschwunden. Der ganze Vorrat für den Winterschlaf der Murmeltiere! Entführt wurden drei Schneemänner, die die Murmeltiere als Wachen vor dem Nusslager aufgebaut hatten.«
»Schneemänner? Schneemänner als Wachen?«, unterbrach ihn Toni verdattert.
Jack zuckte leicht mit den Schultern und trotz des Ernstes der Lage konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Die Murmeltiere waren überzeugt, dass das eine gute Idee wäre. Keiner wollte freiwillig draußen Wache halten, da hatte einer der Murmel die Idee mit den Schneemännern. Schneemänner und Frost, alles schien zu passen. Kein Murmeltier mag die Kälte, die Schneemänner lieben sie. Sie können stundenlang still in Schnee und Eis stehen und Wache halten, für ein Murmeltier sind Minuten schon eine Ewigkeit. Ja, natürlich sind Schneemänner behäbig und nicht sehr beweglich, aber die Murmeltiere waren sich sicher: Wenn es darauf ankommen würde, würden sie ihre kühle Trägheit überwinden und die Nüsse verteidigen. Also bauten sie eifrig drei Schneemänner und erklärten ihnen geduldig ihre Aufgabe. Und die Schneemänner widersprachen auch nicht, das ist einfach nicht ihre Art. Sie reden nicht viel. Na ja, eigentlich reden sie irgendwie nie.« Jack winkte ab, als er das ungläubige Gesicht seines Freundes sah. »Ich weiß, ich weiß, keine gute Idee. Aber die Murmeltiere haben manchmal etwas merkwürdige Vorstellungen, weil sie die Welt doch zu sehr aus ihrer Murmeltierwarte betrachten.«
»Das ist wahrlich eine schlimme Sache. Wäre es nur um Gold oder Diamanten gegangen, aber Walnüsse und gar Erdnüsse … Das ist schlimm. Diese Erdmännchen sind wirklich eine verflixt verruchte Bande.« Nachdenklich hob Toni die Augenbrauen. »Ein solch dreister Diebstahl mitten im Herzen des Murmeltierreichs, ein Raub des Kron-Nuss-Schatzes, das ist übel, das ist wirklich übel.« Dann begann er zu strahlen und seine Augen leuchteten: »Das erfordert wahrhaftig einen Helden und eine wahre Heldentat. Mögen andere zögern oder zaudern, wir nicht! Wir beide werden die Völker des Nordens nicht im Stich lassen.« Er reckte sich stolz und begann im Geiste schon, sich die ersten Schritte des Abenteuers auszumalen und zu überlegen, wo über dem Kamin er eine neue Dankesurkunde aufhängen könnte. »Wir müssen sofort in das Reich der Murmeltiere aufbrechen. Noch ist die Fährte frisch. Vielleicht hat jemand mehr gesehen. Eine Spur gibt es immer. Wir folgen den Erdmännchen und den Nüssen nach Norden. Ja, genau, so fangen wir es an.« Da bemerkte er, dass die kleine Flocke ihn immer noch bedrückt anschaute, und unterbrach seinen Redeschwall.
Sein kleiner Schneefreund zögerte: »Toni, meinst du wirklich, wir können das schaffen? Der Norden ist meine Heimat. Ich habe dort viele Freunde. Und nun droht alles anders zu werden.«
Der Held ging in die Knie und schaute die Flocke sanft an: »Hab keine Angst. Du und ich, wir werden einen Weg finden. Wir werden gemeinsam diesen Krieg verhindern.«
Jack lächelte dankbar. Der Schatten, der sich auf sein Gesicht gelegt hatte, lichtete sich. Toni sprang auf und eilte schnurstracks in sein Haus. Er löschte den Kamin und begann Proviant zu packen. Das dauerte länger, als ihr vielleicht denken würdet. Immerhin ging es um zwei bis drei Frühstücke pro Tag, Mittagessen, Kuchen zum Kaffee und für jeden Tag natürlich auch um ein reichhaltiges Abendessen. Ein Wanderer aus fernen Landen hatte ihm einst von einem kleinen, längst vergangenen Volk mit einer innigen Liebe zu gutem Essen erzählt. Das hatte ihm dermaßen gefallen, dass er deren Vorliebe für zahlreiche ausgedehnte Mahlzeiten fortan in seinen Heldenalltag übernommen hatte. Er nannte das »das Andenken an die Vergangenheit wahren«, andere nannten es schlichtweg »ein kleines bisschen verfressen«. Dann machte er sich fertig für den langen Weg, hängte sich seinen Reiseumhang und sein Schwert um und setzte eine dicke Wollmütze mit rosa Bommeln auf. Nun, über Geschmack lässt sich vortrefflich streiten, aber die Mütze war wirklich sehr warm und bequem. Der Held verstaute die Bündel, Jack machte es sich auf seiner Schulter bequem und gemeinsam wanderten sie noch vor Anbruch der Nacht über die alte Brücke beim Fluss gen Norden.
Sanfter Schnee bedeckte das Land. Er war herrlich anzuschauen, weich und flockig, weiß und friedlich. Jeder Schritt knirschte leise, genau wie es ein Schritt in frischem Schnee tun sollte. Sie zogen den alten Königspfad hinauf in die Berge. Über den Pass des Notgeschreis hinab in die Auen des Nachbarlandes. Überall grüßten die Menschen den Helden, denn er war in diesen Landen gut bekannt und gerne gesehen. Er hatte hier schon viele Abenteuer erlebt, wie es der Beruf des Helden nun mal mit sich brachte. Viele Leute fühlten sich etwas unwohl, wenn sie zum ersten Mal einen Helden mit einer Heldentat beauftragten, wünschte sich doch jeder insgeheim, selbst ein Held zu sein. Aber schnell sahen sie ein, dass es besser war – und um ehrlich zu sein auch ein ganzes Stück einfacher und bequemer –, einen erfahrenen und gut ausgebildeten Helden in ein Abenteuer zu schicken und selbst gemütlich mit einer Tasse Tee in einem Sessel zu versinken und auf die ruhmreiche Rückkehr ebendieses zu warten. Manche Menschen waren Schreiner, andere Könige, und unser Held, er war eben ein Held.
Die Reise durch die tief verschneiten Auwälder dauerte mehrere Tage. Dann gingen die weiten Täler in die Berge über. Das Land wurde karger, die Höfe und Hütten seltener.
Das kleine Land war vor Jahrhunderten ein mächtiges Reich gewesen, das sich hunderte Meilen in alle Himmelsrichtungen erstreckt hatte. Von den sanften Gestaden im Süden bis hinauf zu den hohen Eisbergen im Norden. Breite, mit weißem Marmor gepflasterte Straßen verbanden die Städte, große Burgen und Türme wachten über das Reich. Die Menschen waren freundlich und wohlhabend, aber leider auch selbstsüchtig. Große Wälle und Mauern schützten die Grenzen, während die Nachbarländer in Armut lebten und oft auch Hunger litten. Neid und Missgunst führten ständig zu Kriegen. Armeen zogen durch das Land, Brände und Zerstörung wüteten mal hier mal dort. Jahrhunderte ständigen Krieges machten die Menschen mürbe, und allmählich begannen sie sich zu fragen, warum ihre Söhne in stolzen Rüstungen davonmarschierten, um dann als geschlagene, traurige Männer oder oft gar nicht wieder zurückzukehren. Leise begannen die Menschen erste Mauern abzutragen. Die Steine von Wachtürmen wurden zu Feldmauern, die Steine der Burgen in die Wände von Höfen und Kinderzimmern eingebaut. Städte wurden zu Dörfern oder verschwanden nach und nach ganz, blieben nur als Flecke auf alten Landkarten und wurden von Wald und Bäumen zurückerobert. Rüstungen wurden in den Keller gestellt und verstaubten dort als mahnende Erinnerung an eine traurige Vergangenheit. Spinnen woben auf ihnen kunstvolle Netze, findige Schmiede hämmerten Geschirr und Spielzeug aus ihnen. Aus Harnischen wurden Messer und Gabeln, aus Schwertern Pflüge. Die Menschen wurden bescheidener, aber sie wurden auch glücklicher und zufriedener. Nur noch die moosbewachsenen Reste der alten Handelsstraßen zeugten heute von dieser Zeit. Es herrschte Frieden, die Menschen lebten einfach und waren freundlich und herzlich.
Jack und Toni redeten viel, schwelgten in Erinnerungen, schmiedeten Pläne, überlegten, was nach der Befreiung des Nussschatzes zu tun wäre, was ein jeder mit seinem Anteil, den sie sicher als Belohnung erhalten würden, anfangen wollte. Aber je länger die Reise dauerte, desto kürzer wurden die Gespräche, und die beiden Freunde hingen ihren Gedanken nach oder genossen einfach die herrliche Schönheit des Winters. Wenn es möglich war, übernachteten sie in einem Gasthaus. Jack schlief dann draußen auf dem Fenstersims. Auch wenn er als guter Freund die Vorliebe des Helden für warme Kamine respektierte, bevorzugte er die frische kalte Winterluft. Doch die Berge wurden einsamer. Der Weg verlor sich immer öfter in Geröll, Schutt und Schnee, und manchmal vergingen Tage, bis sie wieder zu ein paar Holzfällerhütten oder einem einsamen Wirtshaus kamen. Des Nachts suchten sie nach großen Bäumen und schlugen im Schutz der Zweige ihr Lager auf, am Tage wanderten sie, so weit sie die Füße trugen.
Nach vier weiteren Tagen Reise durch die kargen Einöden des nördlichen Gebirges erreichten sie schließlich die Grenzen des Königreichs Murmula, in dem die Murmeltiere lebten. Die Wege wurden wieder besser und je näher sie der Hauptstadt kamen, desto mehr Murmeltiere trafen sie. Es war die Zeit des Jahres, in der die Murmel emsig ihren Winterschlaf vorbereiteten, alle Geschäfte zu einem Abschluss brachten und ihre Hütten und Höfe für einen gemütlichen Winter einrichteten. Es wimmelte auf den Straßen. Und da Besucher zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich waren, scharte sich, wo immer Jack und Toni auftauchten, sogleich eine Traube der freundlichen Tiere um die beiden Reisenden und fragte neugierig nach dem Woher und Wohin. So war es kein Wunder, dass die Kunde von ihrer Reise und ihrem Abenteuer schon in der Hauptstadt eingetroffen war, als die Helden die hölzernen Tore durchschritten.
Zwei livrierte Murmeltier-Diener erwarteten sie schon und führten die beiden Abenteurer eilig in die große Halle Königs Murmulus des Vierten, bis hin vor einen riesigen leeren Thron. Die Flocke und der Held blickten sich um. An den Wänden der Halle hingen prachtvolle, grün und silbern schimmernde Banner. Davor hatten sich die Würdenträger des Murmeltierreichs versammelt. Sie schnatterten emsig und immer wieder warfen sie den Helden neugierige Blicke zu. Respektvoll verbeugten sich die Diener schließlich und zogen sich dann ein paar Schritte zurück. Das ehrfürchtige Murmeln verstummte und es wurde unheimlich still. Eines der Murmeltiere reckte sich neugierig auf die Zehenspitzen. Dabei löste sich eine Nadel, mit der es einen losen Knopf an seinem Wams festgesteckt hatte. Es war wie ein Donnerhall, alle Köpfe fuhren herum. Das Murmel kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich. Dann blinzelte es und bemühte sich, sich noch mehr zu konzentrieren. Aber trotz aller Anstrengung versank es einfach nicht im Erdboden. Verlegen bückte es sich, murmelte eine Entschuldigung und begann nach der Nadel zu suchen. In just diesem Moment wurde die Tür am anderen Ende der Halle aufgerissen. Eine laute Fanfare ertönte und Jack und Toni zuckten erneut erschrocken zusammen. Der König betrat huldvoll winkend die Halle.
Seit er ein kleiner Murmeltier-Prinz gewesen war, übte er beinahe jeden Tag diesen Auftritt. Es passierte nicht oft, dass sich Gäste in das Königreich so weit im Norden verirrten, und so war es jedes Mal eine große Aufregung für den kleinen König. Er wartete dann vor dem Portal, tapste voller Vorfreude von einer Pfote auf die andere und zählte genau die Sekunden, bis er seinen Kammerdienern das Zeichen zum Öffnen der Tür gab. Er liebte einen großen Auftritt, nicht zu früh, nicht zu spät, sondern genau im richtigen, königlichen Augenblick. Manchmal verzählte er sich und seine Schnurrhaare zitterten dann nervös. Aber heute, fand er, war es ihm hervorragend gelungen, und er war sehr zufrieden mit sich selbst. Seine Untertanen mochten ihn und freuten sich daher mit ihm. Manche klatschten sogar ein wenig anerkennend Beifall. Er schlurfte etwas behäbig zu seinem Thron, ächzte die Stufen empor, um sich dann mit einem letzten Schnaufen in die großen Kissen sinken zu lassen. Dann musterte er die beiden Helden, auch das hatte er für solche Anlässe heimlich vor dem Spiegel geübt, und begrüßte sie majestätisch, so wie es sich für einen König der Murmeltiere gebührte, wenn er Besuch von Helden bekam.
»Seid willkommen, Freunde aus den südlichen und nördlichen Auen, willkommen in den ehrwürdigen Hallen unserer Väter und Vorväter, willkommen in meinem Königreich«, sprach er und hielt dann inne. Die beiden Freunde erwiderten höflich seinen Gruß. Seine Aufregung legte sich allmählich und als Jack und Toni genauer hinsahen, bemerkten sie, dass er müde wirkte. Sorgenfalten zerfurchten seine Stirn und sein Stummelschwanz klopfte kraftlos auf den Boden. »In wahrhaft schweren Zeiten hat Euch Euer Weg zu uns geführt. Wir haben den Frieden verloren und sosehr wir ihn auch unter allen Betten, in allen Ecken und Ritzen gesucht haben, wir haben ihn nicht wiedergefunden. Krieg steht vor unserer Tür und wir wissen nicht, wie lange wir diese noch geschlossen halten können. Wir wurden betrogen und bestohlen, verraten und verkauft. Ich weiß, vieles wisst Ihr bereits, doch manches wisst Ihr noch nicht. Ich möchte Euch die ganze Geschichte erzählen, die ganze Geschichte, wie alles begann.« Er nestelte an seinem Kissen und schnaufte wieder aufgeregt. Dann lehnte er sich zurück und blickte gedankenversunken in die Ferne. Draußen brach die Nacht herein und winterliche Dunkelheit löste die Dämmerung ab. Ein paar emsige Diener entzündeten Kerzen. Alle scharten sich um den König, der nun zu erzählen begann. »Es begann alles damals, als ich noch ein junger Murmel war. Zu jener Zeit lebten die Erdmännchen weit im Süden, wo immer die Sonne scheint und man keine Kälte kennt. Ihr Leben war glücklich und fröhlich, sie waren unbeschwert und heiter. Aber auch wenn sie ein friedliches Völkchen waren, so war es schon damals nicht immer einfach, mit ihnen auszukommen. Manchmal waren sie etwas zu unbeschwert, albern und eigen. Zu eigen, wie sich zeigen sollte. Eines Tages beleidigte ein junges Erdmännchen eine ehrwürdige, alte Ananasdame von gänzlich untadeligem Ruf. Schon lange weiß niemand mehr, was es eigentlich gesagt hat, aber die Ananasse wurden zornig und verlangten eine Entschuldigung. Doch die Erdmännchen blieben stur und lachten die sonst so friedfertigen Pflanzen aus. Da wuchsen die Ananasse hoch wie Palmen in die Höhe und weigerten sich fortan, ihre Früchte mit den Erdmännchen zu teilen. Am Anfang waren die Bäuche noch kugelrund und die Vorratsspeicher prall gefüllt, doch die Ananasvorräte wurden weniger und weniger. Und eines Tages war die letzte Ananas verspeist. Großer Hunger machte sich unter den Erdmännchen breit. Um der Not zu entfliehen, wanderten sie immer weiter nach Norden, bis sie unser Königreich fanden. Sie baten um unsere Gnade und Hilfe und wir hatten Mitleid und nahmen sie in unserer Mitte auf. All die Jahre waren sie wie Murmeltiere für uns. Wir hielten sie für Freunde. Und so haben sie es uns nun gedankt: mit Verrat. Das kann nur eines bedeuten: Krieg. Ihr seid zwei stattliche Krieger. Zieht Eure Schwerter und kämpft an unserer Seite. Kämpft mit uns gegen dieses Unrecht! Kämpft für den Frieden und die Rettung unserer Schneemänner! Kämpft mit uns um jede Nuss! Ihr seid wahrlich zur rechten Zeit gekommen.«
Der König war von seinem Sitz aufgesprungen. Seine Barthaare zitterten. Die Murmeltiere in der Halle knurrten wütend und eine kleine schwarze Ratte schlich aus dem Schatten hinter dem Thron hervor und nickte dem König beifällig zu. Die Helden sahen sie nicht und schnell zog sie sich wieder in die Dunkelheit zurück.
Erwartungsvoll blickte der König die beiden Abenteurer an. Der Held aber blickte nachdenklich zum Thron. »Eure Hoheit. Ich verstehe Euren Zorn und auch Euren Ärger. Diese Erdmännchen sind wirklich verflixt verbrecherische Vielfraße, verruchte Verräter, verbissen, verschlagen, verlogen …« Er verlor den Faden und einige Murmeltiere begannen zu kichern. Verlegen blickte er sie an und räusperte sich. Dann fing er sich wieder und fuhr ernst fort: »Aber Krieg ist nie ein guter Ausweg. Krieg ist der Weg zu Elend, zu Verderben und Finsternis. Wollt Ihr das wirklich? Ich möchte das nicht. Ich möchte nicht kämpfen. Aber ich bin bereit, Euch zu helfen. Ich will mein Bestes tun, dieses unsägliche Missverständnis aus der Welt zu schaffen und Euren Völkern den Frieden und Euch, selbstmurmelnd, die Walnüsse, die Erdnüsse und die Schneemänner zurückzubringen. Steht Ihr an meiner Seite?«
Tief in seinem Inneren war der König froh über diese Worte. Er war eigentlich von gänzlich friedlicher Natur und hatte ein gutes Herz. Der Verlust seines Kron-Nuss-Schatzes hatte ihn sehr erregt, aber die ruhigen Worte brachten ihn wieder zur Besinnung. Mit Freuden stimmte er dem Vorschlag zu und ernannte den Helden und Jack sogleich zu offiziellen Friedensbotschaftern des Königreiches Murmula.
Am liebsten hätte er dies mit seinen beiden neuen Botschaftern und dem ganzen Hofstaat sogleich in einem rauschenden Fest gefeiert – Murmeltiere sind äußerst gesellige Zeitgenossen –, aber es war ein langer Tag gewesen und unsere beiden Freunde waren erschöpft.
»König Murmulus, vergebt mir, ich möchte nicht undankbar erscheinen. Habt Dank für Eure Einladung, aber wir haben einen langen Weg hinter uns. Mit Eurer Erlaubnis würden wir uns gerne zurückziehen und uns von der anstrengenden Reise erholen. Hättet Ihr vielleicht ein Iglu und ein weiches Bett für uns?«, fragte Toni höflich.
Der König nickte verständnisvoll. Auf seinen Wink hin schleppten vier Murmel keuchend die große königliche Couch in die Halle. Sie war die größte Couch im ganzen Königreich, aber für den Helden gerade groß genug. Verlegen blickte der König zu ihm auf: »Verzeiht. Wir sind ein kleines Volk, aber vielleicht könnt Ihr Euch hier schon etwas ausruhen, bis wir Euer Nachtlager bereitet haben.«
Toni lächelte dankbar, war er doch so müde, dass er sich auch auf den blanken Boden gelegt hätte. Zufrieden seufzend ließ er sich in die weichen roten Polster fallen und schloss die erschöpften Augen. Jack setzte sich an ein kleines Fenster, das man weit für ihn geöffnet hatte. Eisige Luft strömte herein und er blickte nachdenklich hinaus über die Stadt der Murmel. Dann fielen auch ihm allmählich die Augen zu. Der König rief indes leise die besten Baumeister des Königreichs zusammen. Draußen vor den Toren der Murmeltierstadt machte sich hektische Betriebsamkeit breit und schon nach kurzer Zeit konnte man vom Palast aus die Umrisse eines wahrhaft prächtigen Iglus erkennen. Umgeben von Schnee, beleuchtet von Myriaden brennender Kerzen und mit einem kleinen Weihnachtsbaum vor der Tür.
Kaum zwei Stunden waren vergangen, da betrat ein verschwitztes Murmeltier die Halle. Es war der Oberhofbaumeister. Stolz stand er vor den beiden Helden stramm und reckte seine Brust: »Werte Herren, Euer Iglu ist bereit«, verkündete er.
