Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine junge Frau versucht endlich ohne ihre erste, große Liebe ein neues Leben zu beginnen. Ein Mann fuehlt sich, obwohl voellig unschuldig, schier erdrueckt von seiner Schuld. Ein aelteres Paar versucht das entscheidende Rätsel in seiner gemeinsamen Vergangenheit zu lösen. Und eine Mutter verpasst aus Eifersucht beinahe den wichtigsten Tag im Leben ihres einzigen Kindes. Diese und andere Kurzgeschichten beinhaltet dieser kleine Band, allesamt geschrieben bzw. entworfen Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 87
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Meinem Spätzchen
und
denen, die mich lehrten!
Vorwort
Die Verabredung
Gedanken auf dem Hausflur
Am Ziel
Hochzeitstag
Eisige Leere
Das Mädchen
Erinnerungen
Eine Art Freiheit
Der Unfall
Zum Tod verurteilt
Die Begegnung
Die Bürde der Freiheit
Der alte Herr und sein Ideal
„Man kann Menschen nicht hinter die Stirn sehen“, pflegte mein Vater zu sagen. Das ist wohl so, aber oftmals kann man ihnen ins Herz schauen, wenn man anfängt, die Welt mit dem Herzen zu betrachten.
Jeder Mensch hat sein Schicksal, seine Geschichte. Jeder Mensch erlebt Freuden und Leiden, Glück und Trauer. Vielfach wird kein Anteil genommen an den Emotionen der anderen, die Gründe sind vielfältig. Man nimmt sich keine Zeit, ist unsicher und unbeholfen, hat mit sich selbst genug zu tun.
Mich haben schon als sehr junges Mädchen diese so vielfältigen Schicksale beschäftigt. In einem Hochhausviertel in Berlin groß geworden träumte ich mich oft in die anderen Wohnungen hinein. Faszinierend fand ich Spaziergänge am Abend, wenn die Fenster dieser Wohnungen hell erleuchtet waren. Die Vorstellung, dass sich hinter jedem Fenster ein anderer Kosmos befand, denn jeder Mensch ist umgeben von seinem ureigenen Kosmos, fand ich überaus faszinierend. Ich fing an, diese Geschichten zu schreiben. Um einige Dinge nicht falsch zu verstehen ist es wichtig zu bedenken: Sie stammen aus der Zeit zwischen 1976 und 1978.
Die Masken, von mir fotografiert und formatiert, dienen der kurzen Unterbrechung zwischen den Geschichten. Das Motiv ist nicht zufällig gewählt!
Sie saßen sich in einem etwas schummerigen, stark nach Essen vom Vortag und abgestandenem Rauch riechenden Café in Berlin Charlottenburg gegenüber.
Eine Serviererin mit einem viel zu kurzem Rock und stark geschminktem Gesicht trat zu ihnen an den Tisch und fragte, Kaugummi kauend mit unbeteiligtem und gleichgültigem Gesichtsausdruck, nach ihren Wünschen. Die beiden sahen sich fragend an, zuckten dann mit ihren Schultern, hoben den Kopf, um ihr zu antworten, doch die Serviererin war schon zu einem anderen Tisch gegangen.
Der Mann betrachtete die Frau, die ihm vis-à-vis saß mit leicht zusammengekniffenen Augen und unbeweglicher Miene. Sie hatte sich sehr verändert, wirklich sehr! Ihr Gesicht hatte die kindlichen Rundungen völlig verloren, ihre Augen waren ernst und etwas trübe geworden und ihr Mund, so schien es, hatte das fröhliche Lachen verlernt. Er wusste, dass ihn die maßgebliche Schuld an diesen Veränderungen traf, doch er fand weder Worte der Entschuldigung noch des Mitgefühls. Immerhin war er hier!
Gestern hatte er einen Brief in einem schmalen, weißen Kuvert erhalten, auf dem kein Absender gestanden hatte, doch er hatte natürlich sofort gewusst, von wem er geschrieben war, denn diese kleinen, verschnörkelten Buchstaben – unzählige Seiten von ihnen hatte er gelesen und korrigiert!
Der Brief hatte die Bitte um diese Verabredung enthalten – ein Déjà-vu von vor 35 Jahren! Damals ... ihm entfuhr ein kleines, nervöses Lachen und sie blickte erstaunt und gleichzeitig verstehend auf.
Auch sie dachte in diesem Moment an damals!
Hatte er sich eigentlich verändert? Äußerlich bestimmt. Sie blickte auf seine Hände. Wie hatte sie diese Hände einmal geliebt! Sie waren so stark und so erbarmungslos gewesen und gleichzeitig so zart und liebevoll! Und jetzt? Jetzt waren sie welk – mit Altersflecken übersät und abgemagert und ... zitterten sie nicht sogar ein wenig? Sein Bart und sein Haar hatten die Farbe von einem hässlichen Mausgrau angenommen und seine Wangen waren hohl und eingefallen, doch seine Augen ... sie seufzte sehnsüchtig auf ... diese Augen! – sie waren noch immer dieselben wie damals, ruhelos, stechend, unergründbar aber vor allem von einem so tiefen Blau, dass sie hinein- und nie mehr auftauchen wollte.
Ob ihre Haarfarbe noch echt ist? – überlegte er. Bestimmt getönt. Sie hatte schon damals viel Wert auf ihr Aussehen gelegt und tat es ohne Zweifel noch immer. Als sie kurz aufstand, um die Bedienung noch einmal herbeizuwinken, glitten seine Augen mit einem durchaus wohlwollenden Blick an ihrem Körper hinunter. Ihre Figur war noch tadellos! Schlank und wohl proportioniert! – wie damals.
,Ob er meine berufliche Karriere verfolgt hat? Ob er all die Bücher und Erzählungen gelesen hat, die ich im Laufe der Jahre geschrieben und von denen ich so viele ihm gewidmet habe?' Sie hätte es zu gerne gewusst, doch sie fragte ihn nicht danach, aus Angst vor einer für sie enttäuschenden Antwort.
Die Serviererin von eben trat erneut an ihren Tisch, in den Händen zwei Tassen Kaffee. Sie stellte sie ungeschickt hin, so dass der Kaffee überschwappte. Beide blickten auf die kleinen Kaffeepfützen auf den Untertassen, dann sahen sie einander an, beide mit einem zaghaften, scheuen Lächeln. ,Erinnerst du dich?' fragten ihre Blicke.
Oh – ja! Sie erinnerten sich, beide! Und ihre Gedanken wanderten zu jenem Morgen zurück, an dem er ihr das erste Mal den Morgenkaffee ans Bett gebracht hatte. Damals war er auch übergeschwappt...
Nachdenklich rührte sie mit dem kleinen Löffel in ihrem Kaffee, obwohl sich der Zucker schon längst gelöst hatte. Warum? Warum war dieses erste Mal auch das letzte Mal gewesen?
Jetzt, nach 35 Jahren, glaubte sie endlich in der Lage zu sein, die Antwort auf diese Frage zu verkraften. Aber – auch wenn er ihr eine Antwort auf die wichtigste Frage ihres Lebens geben würde – was vermochte sie zu ändern? Ihre Wege würden nie mehr zueinander finden – dazu waren sie beide in zu unterschiedliche Richtungen gegangen, waren beide zu lange allein gewesen, hatten sich beide unendlich weit auseinandergelebt. Und – wollte sie diese Antwort wirklich noch? Vorgestern, als sie ihm die Einladung zu diesem Treffen geschrieben hatte, ja, da hatte sie sie unbedingt noch gewollt. Aber jetzt, wo er ihr vis-à-vis saß?
Auch er dachte an diese Frage. Warum war es bei dieser einen Nacht geblieben? Was war mit ihnen beiden damals passiert. Ihm war in dem Moment, als er ihre Einladung gelesen hatte, klar gewesen, dass diese Frage der Grund für dieses Wiedersehen war. Warum stellte sie ihm diese Frage jetzt also nicht? Aber – würde er ihr denn überhaupt ant Worten können? Damals – ja, da hatte er die Antwort ganz genau gekannt! Vor 35 Jahren – da hätte er ihr sagen können, wie wichtig Freiheit für ihn sei, und Ungebundenheit! ,Außer Freiheit hat ein Mensch nichts zu verlieren!' – sein Credo, damals! Vor 35 Jahren! Und er hätte bei dieser Antwort gelacht, o ja! Aber heute? Heute wusste er, dass seine Antwort von damals eine Selbstlüge gewesen ist. Die Freiheit, die er über alles geliebt hatte, war immer nur eine Freiheit von, nie eine Freiheit zu gewesen. Und darum war er heute allein, mehr noch - einsam!
Sie tranken beide schweigend ihren Kaffee. Sie redeten nicht, denn es gab nichts zu bereden. Jedes Wort hätte doch nur geschmerzt, sie genau wie ihn!
Schweigend trafen sich noch einmal ihre Blicke, traurig, aber verstehend, unglücklich, aber noch immer liebevoll.
Dann setzte er seine Brille auf, die er neben sich auf den Tisch gelegt hatte und sie wusste, dass es das Zeichen seines Aufbruchs war.
Sie ließ ihn gehen .... er ließ sie sitzen! Genau wie damals!
Sehr langsam, Stufe für Stufe, steigt die alte Frau die Treppen zu ihrem Einzimmerapartment empor. Es liegt im 5. Stock eines großen neuen Hauses im Märkischen Viertel. Mitten auf der Treppe hält sie auf einmal inne, um ein klein wenig zu verschnaufen. Das Herz ....
Normalerweise fährt sie mit dem Fahrstuhl, doch heute ist er außer Betrieb. Sie steigtweiter, Stufe für Stufe. Zwei junge Menschen, ein Mann und eine Frau, denen sie noch nie begegnet ist kommen ihr entgegen. Sie sind so in ein Gespräch vertieft, dass sie noch nicht einmal die Zeit zu einem kurzen Gruß finden.
Die alte Frau lächelt traurig vor sich hin, während sie aus einer schwarz grau gemusterten Einkaufstasche die Hausschlüssel heraussucht und ihre Wohnungstür aufschließt. Ehe Sie eintritt, schaut sie sich seufzend um und betrachtet versonnen die große, etwas im Halbdunkel liegende Etage, auf der sich neben ihrer noch fünf weitere Wohnungen befinden.
Da drüben, zu Ihrer linken Seite, da wohnt eine große Familie mit mehreren Kindern. Wie viele es sind, weiß sie gar nicht so genau, denn einige sind wohl schon erwachsen, im Studium oder in der Ausbildung und kommen nur noch sporadisch. Und gleich daneben lebt ein junger Mann, der aber selten zu Hause ist. Vielleicht ist er auf Montage oder Fernfahrer oder etwas ähnliches.
Zwischen dieser Wohnung und ihrer eigenen befindet sich ebenfalls ein Einzimmerapartment. Früher hatte dort eine nette Frau ihres Alters gewohnt. Sie hatten sich öfters besucht, um sich bei Kaffee und Kuchen ein bisschen zu unterhalten. Doch schon ein Vierteljahr, nachdem sie eingezogen war, verstarb sie. Der Arzt hatte gesagt: „Altersschwäche!“ Der alten Frau entfährt ein kleines höhnisches Lachen. Es war bestimmt nicht Altersschwäche gewesen, sondern die Sehnsucht nach der ,guten alten Zeit' und ihrem früheren Zuhause, einer großen geräumigen Altbauwohnung mitten in der Stadt. Jedes Mal, wenn sie zusammengesessen hatten, hatte sie ihr mit Tränen in den Augen davon erzählt: von der großen, beinahe schon zu großen Küche, vom Kamin, der so wohlige Wärme verbreitet hatte und von dem hellen, reich verzierten Schlafzimmer, in welchem sie alle Ihre Kinder zur Welt gebracht und die glücklichsten aber auch die betrüblichsten Augenblicke ihres Lebens erlebt hatte. Wie gerne hatte sie von ihren früheren Nachbarn erzählt. Alle hatten sich untereinander gekannt! Man hatte so viel miteinander geredet, geklatscht und getratscht - und wenn es auch manchmal Gezänk und böses Blut gegeben hatte - letztlich waren sie doch alle ehrlich und aufrichtig gewesen und hatten einander geholfen, wenn Not am Mann war. Doch hier ... hier hatte sie sich nie zu Hause gefühlt, nie richtig eingelebt. Deswegen war sie gestorben – ganz sicher! Nun wohnt ein Mann in dieser Wohnung, den sie aber nur vom Sehen kennt.
Die alte Frau bekommt einen Gesichtsausdruck, in welchem ganz deutlich ein tiefer Hass zu lesen ist, Hass gegen dieses große neue Haus.