Von Wächtern & Wirklichkeit - Benjamin Stomberg - E-Book

Von Wächtern & Wirklichkeit E-Book

Benjamin Stomberg

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Beschreibung

Sophia lebt seit dem Tod ihres Vaters in sich zurückgezogen. Es gibt keine Worte, die ihren Schmerz und ihre Ängste ausdrücken könnten. So schweigt sie und beobachtet stattdessen die Menschen in ihrer Umgebung. Eines Nachts begibt sie sich auf eine wundersame Reise in eine Welt zwischen Traum und Wirklichkeit, um ihren Verlust zu bewältigen und ihrer Trauer Raum zu geben. Schon bald entdeckt sie, dass sie diesen Weg nicht alleine gehen muss. Eine berührende, hoffnungsvolle Geschichte für Jung und Alt, über das Loslassen und das Wiederfinden – und die Erkenntnis, dass niemand verloren geht, wenn er in Gedanken, Träumen und Worten bewacht wird.

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für mein Kind

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

I

Sophia schlief noch tief und fest, als sich der erste Morgenschein behutsam auf ihre Nase niederlegte. Hatte er bereits gute 148 Millionen Kilometer hinter sich gelassen, sich durch einen Schleier goldbrauner Blätter und einer dichten Regenwand hindurch drängen müssen, um hier in ihr Zimmer zu gelangen, so war es die Mühe wert gewesen. Er war angekommen und hüllte Sophias Nase in ein sanftes Licht. Doch selbst nach dieser langen Reise konnte auch er nur erahnen, in welch friedlichen Träumen sich dieses kleine Mädchen gerade tummelte, und so war es jener Moment, der Sophia ein zufriedenes Lächeln aufs Gesicht zauberte.

»Sophia? Sophia!«

Erschrocken richtete sie sich auf, ihre Welt noch halb im Schlaf.

»Du hast schon wieder verschlafen, du kommst zu spät zur Schule!«

Weit und breit war niemand zu sehen, und außer den Sonnenstrahlen, die immer noch die Dunkelheit in ihrem Zimmer zu brechen versuchten, erinnerte nichts mehr an Ruhe und Zufriedenheit.

»Sophia! Hörst du nicht?«

Noch ganz benommen setzte Sophia sich auf die Bettkante, rieb sich die Augen, streckte ihre Arme und gähnte ausgiebig. Es war ihre ganz eigene Art den Tag zu begrüßen.

Von draußen her preschte der jaulende Wind gegen ihre Fenster. Es kam ihr vor, als wolle er sich mit aller Gewalt einen Weg zu ihr bahnen. Einen Augenblick lang lauschte sie gebannt seiner Klage.

Er scheint wohl auch ein wenig Ruhe zu brauchen, dachte sie, als sie es aus der Küche rascheln und klimpern hörte.

»Du bist immer noch nicht angezogen. Beeile dich bitte.«

Lustlos schlenderte Sophia ins Badezimmer. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre über ihr zu langes Nachthemd gestolpert. Der Boden unter ihren nackten Füßen war eiskalt. Sie drehte den Wasserhahn auf und blickte in den Spiegel. Wer war das? Dieses Mädchen sah noch mehr als verschlafen aus. Husch, zurück ins Bett, dachte sie bei sich.

»Ich muss schon gleich wieder zur Arbeit!«, schellte es aus der Küche.

Einige Spritzer kaltes Wasser halfen dabei, den Schlaf aus ihrem Gesicht zu spülen.

»Wach steht es sich aufrecht viel besser«, kicherte sie ihrem Spiegelbild entgegen, und sie war kaum fertig damit, dieser wundersamen Gestalt ihr gegenüber Grimassen entgegenzuwerfen, da drängte sich der Geruch von verbranntem Toast auch schon in ihre Nase und machte ihr schlagartig bewusst, was sie heute in der Küche erwarten würde.

Keine Minute später stand sie mit trostloser Miene vor ihrem Kleiderschrank. Ihre Großmutter hatte ihr den Schrank vermacht. Er war alt, uralt. So wie die Mutter der Mutter von der Großmutter, oder so ähnlich. Sophia hatte das nie genau verstanden. Er roch jedenfalls sehr alt, und so streifte sie sich, eher widerstrebend als beglückt, ein grünes Kleid über. Ihre Mutter hatte es ihr geschenkt, zusammen mit den braunen Schuhen, die sie eigentlich gar nicht leiden mochte, doch behielt sie das lieber für sich. Etwas unbeholfen tappte sie in ihrem neuen Schuhwerk in die Küche.

Ihre Mutter saß bereits am Tisch, blätterte in der Zeitung und nippte nervös an einer Kaffeetasse.

»Da bist du ja endlich. Ich habe dir Toast gemacht.«

Sophia setzte sich ihr gegenüber und starrte auf den Teller. Ihre Mutter konnte wirklich keinen Toast zubereiten, und so schmierte sie sich eine extra Schicht Butter auf die schwarzbraune Scheibe vor ihr.

»Hast du gut geschlafen, Liebes?«

Sophia nickte und kaute betrübt an ihrem Brot. Seit sie vor einem Jahr in diese Stadt gezogen waren, wirkte ihre Mutter von Tag zu Tag nervöser. Sie knabberte an ihren Fingernägeln und trank bedeutend mehr Kaffee, als sie es sonst tat. Sophia hatte den Verdacht, dass es an der neuen Arbeitsstelle liegen musste. Was ihre Mutter dort machte, hatte sie aber nicht genau verstanden. Hin und wieder kamen Männer mit dunklen Mänteln und Taschen unter ihren Armen in die Wohnung. Dann saßen sie in der Küche und schoben eine Vielzahl von Papieren hin und her. Die meiste Zeit aber war sie in einem Büro am Ende der Stadt.

»Ich muss jetzt gehen.« Ihre Mutter zog sich einen langen schwarzen Mantel über und klemmte sich eine Tasche unter ihren Arm.

»Vielleicht können wir später noch etwas unternehmen.«

Scheinbar abwesend zuckte Sophia mit ihren Schultern und starrte schweigend in den Raum.

Sie küsste ihre Tochter auf die Wange und verließ die Wohnung in Eile.

»Bitte keinen Toast«, flüsterte sie ihrer Schultasche entgegen, in der Hoffnung, ihre Mutter hätte ihr dieses Mal etwas anderes zu essen eingepackt.

Als Sophia an diesem Morgen aus der Wohnung stolzierte, hoffte sie, dass dies ein guter Tag werden würde. Die zahllosen Treppen, die vom fünften Stock des Wohnblocks ins Erdgeschoss führten, waren für sie keine Anstrengung mehr. Mit Leichtigkeit stahl sie sich an den alten Gestalten im Treppenflur vorbei. Nur die große Haustür ließ sich heute schwer öffnen. Sie gab sich die größte Mühe und stemmte ihren ganzen Körper gegen das harte Holz. Ihr schien es wie ein Wettstreit. Ein kleines Kind auf der einen Seite, der Wind und sein Tosen auf der anderen, doch vermochte sie sich Schritt für Schritt zu behaupten. Sophia konnte die Straße bereits erkennen, als der Wind ihr einen kühlen Schauer entgegenpreschte.

»Was für ein schlechter Verlierer«, schimpfte sie.

An diesem Morgen war der Regen schon sehr fleißig gewesen. In den riesigen Pfützen spiegelten sich die Menschen und Häuser. Autos schoben größere Wassermassen vor sich her. Fontänen taten sich zu den Seiten auf und begruben die Gehwege unter sich. Sophia stand seelenruhig in all dem Nass und betrachtete dieses Schauspiel mit einem breiten Grinsen, denn auch wenn sie nur ein kleiner Beobachter war, so sah sie es doch stets als etwas Großes an, wenn Wasser so ausgiebig tanzte und frohlockte.

Plötzlich hörte sie aus der Ferne ein Donnern. Es waren die Schulglocken, die jeden Morgen mit ihrem eindringlichen Lärm zum Unterricht läuteten.

Die Schule lag nicht weit entfernt, doch hatte sie sich bereits zu viel Zeit gelassen. Sie dachte nicht an ihre Mutter, die wieder sauer werden würde, vielmehr waren es die vorwurfsvollen Blicke der Lehrer, sowie das Lachen ihrer Mitschüler, die ihre Schritte in Eile versetzten. Auch wenn sie erst die zweite Klasse besuchte, das Schulleben hatte sie sich weitaus lustiger vorgestellt.

Bereits als sie das Klassenzimmer betrat, ging ein breites Flüstern und Kichern durch den Raum.

»Seht euch das Kleid an«, munkelte es aus einer der Ecken.

Sophia war es gar nicht aufgefallen, ihr Kleid hatte sich bis zu ihren Knien mit Wasser vollgesaugt. Sämtliche Augen waren auf sie gerichtet, und so häuften sich die wenigen Schritte zu ihrem Tisch ins Endlose und schienen genauestens überwacht. Dort angekommen setzte sie sich, richtete ihr Kleid und starrte schweigend aus dem Fenster. Als ihr Lehrer sich ihr näherte, senkte sie ihren Blick. Mit seiner dunklen, verrauchten Stimme ermahnte er Sophia, sie solle doch genauer auf die Uhr schauen und in Zukunft besser aufpassen. Es sei schließlich ausgesprochen unhöflich, wenn man andere auf einen warten ließe. Sein dunkler Anzug stank nach Zigarettenrauch, und seine gelben Zähne erweckten den Eindruck, als wären sie schon Hunderte von Jahren alt. Sophia nickte höflich und hüllte sich für den Rest des Unterrichts in Schweigen.

In den kostbaren Pausen saß sie die meiste Zeit auf einer alten Holzbank, die im hinteren Teil des Schulhofes stand und langsam vor sich hin dorrte. Sie beobachtete die anderen Kinder, wie sie auf dem Hof herumtollten und Verstecken oder Fangen spielten, hielt aber immer genug Abstand, um den spöttischen Blicken und Bemerkungen, über ihre Kleidung oder ihren Vorlieben, aus dem Weg zu gehen. Sophia fragte sich oft, warum die anderen Kinder so gemein zu ihr waren. Ihre Kleider unterschieden sich eigentlich nicht von denen der anderen. Und was ihre Vorlieben betraf, so war es für sie überhaupt nicht ungewöhnlich, einfach nur dazusitzen und die Umgebung zu betrachten. Am liebsten beobachtete sie den Baum in der Mitte des Schulhofes. Man hatte ihn vor Monaten dort hingebracht. Ein tiefes Loch hatten sie gegraben, Männer in orangefarbenen Jacken und mit Helmen auf. Sie alle hatten einfach zugesehen, wie dieses Ungetüm aus Stahl den Boden mit seinem langen Metallarm aufgerissen hatte. Sophia kam das sehr merkwürdig vor, denn als sie den Baum eingesetzt hatten, spannten sie einen dünnen Zaun aus Draht um ihn herum, zum Schutz vor den Kindern. Sie fragte sich oft, was der Baum wohl dachte und ob es ihm nicht besser gefallen würde, wenn der Zaun ihn nicht so einengen würde. Sie mochte den Baum, und wenn der Wind nicht allzu kräftig blies, tänzelten und rauschten seine Zweige voller Stolz vor den Augen seiner Betrachter.

Als es am späten Nachmittag zum Schulschluss klingelte, wartete sie, bis die Massen von Schulkindern an ihr vorbei gehuscht waren. Heute entschied sie sich für einen längeren Heimweg, der sie hinter der Schule entlangführte. Vielen Schülern wurde es von ihren Eltern verboten, diese Straße zu nehmen, da dort seltsame Gestalten, mit schlechten Zähnen, üblem Geruch und Löchern in den Kleidern, hausten. So erzählten es sich die Mitschüler. Sie hatte nie so recht verstanden, was die Erwachsenen damit eigentlich meinten.

Die verfallenen Häuser waren ihr nicht fremd. Viele von ihnen hatten Risse und Löcher im Mauerwerk. Die Fenster waren zersplittert, und dennoch lebten Menschen in diesen Gebäuden. Durch die Dächer schimmerte das Sonnenlicht, und an trüben Tagen bahnte sich der Regen seinen Weg durch die undichten Stellen. Sophia fragte sich oft, warum sie nicht auch in ihrer Wohnung solche Löcher hatten, dann könnten sie tagsüber die Sonne und des Nachts den Mond hereinlassen. Einige der Bewohner winkten ihr zu, andere beachteten sie schon gar nicht mehr. Manchmal schrien sie oder schimpften mit ihr. Einmal hatte sogar jemand einen Stein nach ihr geworfen, der sie nur knapp verfehlte. Heute jedoch blieb es ruhig in den Mauern. Sophia winkte den Menschen zu und ging weiter ihres Weges.

Der viele Regen, der sich heute Morgen noch breit über die Straßen gelegt hatte, war bereits verschwunden.

»Ob er dort unten auch tanzen kann?«, fragte Sophia sich, als sie einen der Abflussdeckel der Straße beobachtete, wie dieser gierig das Regenwasser verschlang.

Im Treppenhaus wurde sie von einer alten, buckligen Frau empfangen. Es war Frau Klein. Ihre langen, weißen Haare erinnerten sie an die Vorhänge in ihrem Klassenzimmer. Sie waren zwar nicht genau so lang, aber mindestens genauso alt.

»Hallo Kleines«, so begrüßte sie Sophia jedes Mal, wenn sie sich trafen. Dass sie es nicht leiden konnte, so genannt zu werden, behielt sie aber stets für sich.

»Deine Mutter hat mich angerufen. Sie kommt wieder später. Wenn du magst, kannst du so lange bei mir bleiben und auf sie warten.«

Es kam oft vor, dass ihre Mutter bis spät in die Nacht arbeitete. Frau Klein sollte dann auf sie aufpassen oder jedenfalls hin und wieder nach ihr sehen. Sophia mochte Frau Klein, doch fand sie, dass es in ihrer Wohnung seltsam roch, nach muffigen Kleidern und Staub, nach alten, längst vergangenen Tagen. Außerdem redete sie ihr zu viel. Also lächelte sie ihr zu, zog es aber vor, alleine auf ihre Mutter zu warten und schloss die Wohnungstür hinter sich. Durch das Schlüsselloch konnte sie Frau Klein beobachten, wie sie sich, an ihren Gehstock klammernd, mit winzigen Schritten in ihre Wohnung zurückschlich.

»Ein so verschwiegenes Kind ist mir noch nicht untergekommen«, murmelte sie und schüttelte den Kopf.

Eigentlich ist Frau Klein gar nicht so klein, sie geht nur immer so krumm, dachte Sophia bei sich.

An diesem Nachmittag saß sie eine ganze Weile an ihrem Fenster und beobachtete verträumt die Welt dort draußen. Bis hin zur frühen Abendstunde saß sie dort, als sich die Straßenlaternen entzündeten und anfingen, Schatten zu jagen. Zu sehen gab es nicht allzu viel, für