Vor hundert Jahren und einem Sommer - Jürgen-Thomas Ernst - E-Book

Vor hundert Jahren und einem Sommer E-Book

Jürgen-Thomas Ernst

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Beschreibung

Die berührende Lebensgeschichte zweier Menschen, die nicht aufhören zu träumen und damit Berge versetzen. Als Pflegekind im Dorf der Kirschen aufgewachsen, versucht Annemie trotz mehrerer Schicksalsschläge ihre Existenz zu sichern. Als sie Jonathan, ihrem verloren geglaubten Freund, wiederbegegnet, scheint das private Glück zum Greifen nahe. Die beiden errichten ein Glashaus, um die Sehnsucht nach reifen Kirschen im März zu stillen. Für jede einzelne bietet ein Fabrikant zwei Goldmünzen. Jonathan und Annemie machen das Unmögliche möglich. Als jedoch ein großer Krieg ausbricht, scheint sich das Blatt wieder zu wenden. Eine Geschichte wie eine Metapher für den unerschütterlichen Glauben an das Gute.

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Jürgen-Thomas Ernst

Vor hundert Jahrenund einem Sommer

Roman

Jürgen-Thomas Ernst

Vor hundertJahrenund einemSommer

Roman

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Datensind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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1. Auflage 2015© 2015 by Braumüller GmbHServitengasse 5, A-1090 Wienwww.braumueller.at

Coverfoto: Alex- (Alexander Kreher) / photocase.comCovergestaltung: Alexandra Schepelmann, schepelmann.atISBN Printausgabe: 978-3-99200-139-2

ISBN E-Book: 978-3-99200-140-8

Für meine Frau Monika,die einmal gesagt hat:Lieber, bitte, schreib mir ein Märchen.Hier ist es.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Von Unglaublichem berichtet diese Geschichte, von einer Frau etwa, die einem Mann, den viele schätzen, zu seinem Namenstag Wiesenblumen schenkt und ihm später inmitten der vielen Sträuße, die auf dem Tisch und den Fensterbänken nach Flieder und Rosen duften, eröffnet, dass die Blumen nicht für den Namenstag, sondern für sein Begräbnis seien.

Auch handelt diese Geschichte von einem Mann, der nach einer langen Flucht kurz vor seinem Heimatort ein barfüßiges Mädchen erblickt und zu weinen beginnt, als er den Namen des Kindes erfährt, das noch nicht ahnt, dass gerade sein Vater vor ihm steht, den es nur aus den Reden anderer Menschen kennt.

Von vielen solchen Ereignissen weiß dieses Buch zu erzählen. Doch begeben wir uns zurück an jenen heißen Augustnachmittag vor hundert Jahren und einem Sommer, als alles seinen Anfang nahm.

1

Am Ende der Überlandstraße, dort, wo die Häuser schon enger beisammenstanden, zog ein junger Mann einen eisenbereiften Leiterwagen, der mit mehreren Limonadenkisten beladen war. Kurz hob er seinen Kopf, als ihm der Wind das scharfe Bimmeln einer Türglocke entgegentrug, und überließ sich dann wieder seiner Route und den Kisten, von denen stets ein leises Klimpern ausging, wenn der Wagen durch ein ausgetrocknetes Schlagloch holperte.

Auf jeder dieser Flaschen liefen von der schmalen Schulter über die weiche Taille feine Querrillen hinab bis zum Boden und ließen nur an der Brust ein ovales, glattes Feld frei, auf dem mit geschwungenen Buchstaben die Worte Andres Limonaden eingeprägt waren.

Es war derselbe Name, der sich auch auf jeder Kiste wiederfand und mit einem heißen Eisen schwarz in das Holz gebrannt worden war.

Aus der nassen Ladefläche des Leiterwagens taute unablässig Eis auf die Straße, rollte manchmal als staubumhüllte Perlen aus Wasser davon, die rasch zerplatzten und eine dünne, brüchige Spur aus dunklen Flecken hinterließen, die in der Hitze des Tages bald verblasste und wieder aus der Zeit fiel.

Das Eis, mit dem die Kisten umgeben waren, wurde im Winter aus zugefrorenen Bächen und Teichen gesägt, auf Schlitten geladen und in Kellern gestapelt, um die Limonaden, die zwar teuer, aber auch sehr begehrt waren, kühl zu halten und gekühlt an ihren Bestimmungsort zu bringen.

Das aufgeregte Bimmeln der Türglocke hallte abermals durch die Straße. Und nun bemerkte der Limonadenausfahrer vor einem Haus auch die füllige Frau und den Mann im schwarzen Anzug, die sich, überrascht vom klimpernden Geräusch der Flaschen, erschrocken umwandten und sofort erleichtert grüßten, als sie den schweigsamen Ausfahrer erkannten. Erneut zogen sie mehrere Male hektisch an der Glocke, bis die Tür von einer erstaunten jungen Frau geöffnet wurde, der augenblicklich das Blut aus dem Gesicht floh.

Während der Limonadenausfahrer, der gegen die Hitze des Tages eine rote Schirmmütze trug, den Wagen weiter die Straße entlangzog, hinein in den Ort, wo er seine begehrten Getränke zustellen sollte, blickte die beleibte Frau, die mit ihrem Mann am besten Platz des Ortes wohnte und für ihren Geiz ebenso bekannt war wie für ihre Gottesgläubigkeit, seinem Verschwinden kurz hinterher. Mit ihren Gedanken war sie aber schon längst bei der jungen Frau an der Tür und wusste trotzdem nicht, wie sie beginnen sollte. Niemals wäre es ihr in den Sinn gekommen, auch nur ein einziges Wort mit dieser Fabrikarbeiterin zu wechseln, wenn sie ihr nicht so Wichtiges berichten oder vielmehr beichten hätte müssen.

Noch einmal blickte sie dem langsam verschwindenden Limonadenausfahrer hinterher und gab der jungen Frau, die Sofie genannt wurde, dann eilig die Hand, erwähnte in ihrer Aufregung sogar den Namen und die Wohnadresse und vergaß dabei ganz, ihren Mann vorzustellen, der die Finger der jungen Frau nur flüchtig zum Gruß berührte und anschließend sofort zur Seite trat, um seiner Frau alles Weitere zu überlassen.

Wir kommen von der Tuchfabrik, in der wir Sie leider nicht angetroffen haben, da Sie unpässlich seien, begann die beleibte Frau ihre Rede.

Sofie nickte und wollte bereits antworten, dass sie sich seit Tagen immer wieder übergeben musste, was auch heute früh schon geschehen war, woraufhin sie der Meister, der in ihren erhitzten Wangen sofort eine ansteckende Krankheit vermutet hatte, auch wieder umgehend nach Hause entlassen hatte. All das jagte durch Sofies Kopf, aber der Redeschwall der fülligen Frau, die in ihrem dunklen Kleid so sehr schwitzte, dass sich unter den Achseln schon nasse Schatten gebildet hatten, war nicht einmal für einen einzigen Satz aufzuhalten.

Unpässlich, wiederholte die Frau, stockte kurz und seufzte. Unser Sohn, Basil.

Und kaum hatte sie den Namen ausgesprochen, schreckte ihr Blick ruckartig hoch zu den Fenstern der Hausfassade, als wollte sie sich vergewissern, dass sich keine Vorhänge bewegten und kein Fenster einen Spaltbreit offen stand, und sie fasste Sofie auch schon vorsichtig am Ärmelaufschlag ihres Kleides und zog sie fort vom Haus, damit das, was sie ihr zu beichten hatte, nicht in falsche Ohren gelangen und wenig später im Ort herumerzählt, weitergetragen und womöglich mit allerlei Erfundenem ausgeschmückt werden konnte. Sie, die jede Woche mehrere Male das Hochamt besuchte und sich in einem Verein unerbittlich für gefallene Jungfrauen und vor allem gegen Männer einsetzte, die solche Unglücke verursachten.

Und schon knirschten sie gemeinsam auf dem Kiesweg in den Schatten der Nussbäume, die nahe an der Straße standen und allen, die die beiden belauschen wollten, höchstens abgerissene Wortfetzen und das Rascheln der Blätter zutragen würden.

So heiß heute, flüsterte der Mann, der den Frauen gefolgt war, und strich sich mit dem Handrücken über die Stirn. Eine Bemerkung, für die seine Frau jetzt keine Geduld hatte und die sie nur mit einer Handbewegung verscheuchte. Sofort nahm sie den Faden ihrer Gedanken wieder auf und setzte fort: Unser Sohn, Basil, mit dem Sie vor einiger Zeit in Ihrer Kammer … An die Sache in der Kammer werden Sie sich vermutlich erinnern.

Und in den fragenden Blick von Sofie, die den Ausführungen der Frau nicht zu folgen vermochte, brauste sie auf: An die Sache in der Kammer werden Sie sich doch wohl noch erinnern?

Sofie nickte. Und die beleibte Frau, deren Hände vor Erregung zitterten, versicherte: Basil liebt Sie, wie man einen Menschen nur lieben kann, und verstummte.

Dann fächelte nur noch ein warmer Wind an den Blättern der Nussbäume und versetzte die Kronen in ein leises Rascheln, während die Frau eine Begründung suchte, die Sofie nicht sofort zu Tränen zwang und neugierige Blicke unter die Bäume lockte. Und trotzdem platzte es aus ihr heraus, da ihre Aufregung keine besonnenen Worte erlaubte und es in Wirklichkeit auch keine besänftigenden Worte geben konnte für das, was ihr Sohn an dieser jungen Frau verbrochen hatte.

Gestern, als hätte er alles schon seit Langem geplant, ist er abgereist. Mit dem Nachtzug. Vier Wochen wird er unterwegs sein, bemerkte sie mit einem Schmerz in der Stimme.

Und dann begann ihr Grübchen an der Spitze des Kinns auf einmal zu zittern. Sie ahnte schon das Nahen von Tränen und fingerte unter dem Ärmelaufschlag nervös nach einem Taschentuch, während ihr Mann mit dem Gehstock auf den sommertrockenen Boden tippte und ihrer Verzweiflung mit einem Else, nicht hier, wo dich alle sehen begegnete.

Worte, die seine Frau mit einer scharfen Handbewegung sofort zum Schweigen brachte, nachdem sie kurz in ihr Taschentuch geschnäuzt hatte.

Dann holte sie tief Luft: Er ist mit dem Nachtzug nicht nur in die nächste Stadt gefahren. Er will in den Süden, an die Küste, mit dem Schiff übers Meer und noch weiter. Den Kontinent hinab, dorthin, wo die Wilden hausen, um seinem inneren Ruf zu folgen.

Sogleich ging eine Welle des Zorns durch Sofies Gedanken, da sie plötzlich glaubte, Basil habe sie lediglich für seine Zwecke missbraucht, und sie wollte schon zu einer wütenden Rede ansetzen, als die Stimme von Basils Vater in ihren Zorn wehte und sie verstummen ließ, bevor sie auch nur ein Wort von sich geben konnte.

Die Wilden, wiederholte er und schüttelte traurig den Kopf. Zu den Wilden.

Aus jetzt!, fuhr seine Frau dazwischen.

Aber sofort floss ihre aufgebrachte Stimme wieder zurück ins Sanfte und Beruhigende.

Mein liebes Kind. Er hat uns geschrieben, dass Sie in dieser Kammer … Und dann brach es auf einmal ohne Umschweife aus ihr heraus: Sie erwarten ein Kind.

Sofie nickte errötend und suchte in ihrer Verlegenheit Halt an den weiß gestrichenen Latten eines nahen Gartenzauns, flüchtete mit ihren Blicken hinauf in das Grün einer Wiese, die dahinter begann.

Mein Kind, unterbrach die füllige Frau das Schweigen.

Hören Sie zu! Wenn niemand den Namen des Vaters erfährt, werden wir für dieses Kind sorgen. Aber nur, wenn Sie uns zukünftig so begegnen wie noch vor einigen Minuten und in Ihrem Leben zuvor.

Sofie blickte die Frau ungläubig an und nickte.

Wir haben alles vorbereitet. Im Ort erzählen Sie allen, die es wissen sollen, dass Sie Ihrer Cousine zur Seite stehen müssen, die schwanger ist und krank. Sie werden bald eine mehrstündige Zugfahrt unternehmen, die Sie in jene Stadt bringen wird, in der meine Schwester wohnt. Dort beziehen Sie eine Kammer, helfen bei der Hausarbeit und bringen das Kind zur Welt. In drei, vier Jahren kehren Sie zurück und unterrichten alle, die es wissen sollen, dass Ihre Cousine gestorben ist und Sie das Kind in Ihre Obhut genommen haben. Wir bezahlen einen Pflegeplatz, und Sie erhalten wieder Ihre Anstellung in jener Tuchfabrik, in der Sie jetzt arbeiten.

Kaum hatte sie mit den Ausführungen geendet, zog ihr Mann einen dicken Umschlag aus der Innentasche seines Anzugs.

In diesem Kuvert befinden sich eine Zugfahrkarte, Geld und eine Wegbeschreibung, die Sie zu meiner Schwester führt. Wenn das in Ihrem Sinne ist, reisen Sie in drei Wochen ab.

Ja, nickte Sofie, als ihr der Mann den Umschlag überreichte, den sie danach fest in der Hand hielt. So fest wie einen Rettungsring. Sofie, die noch in der Nacht zuvor schlaflos in ihrem Bett gelegen war und sich vor nichts mehr gefürchtet hatte, als demnächst in der Kirche auf der Ungnadebank sitzen zu müssen, dem Spott der Menschen ausgesetzt, und die Schande von Woche zu Woche auffälliger vor sich hertragen würde, nickte abermals: Ja, natürlich.

In drei Wochen, wiederholte die Frau, gab ihr die Hand, die noch immer vor Erregung schwitzte und zitterte, verabschiedete sich und trat mit ihrem Mann rasch aus dem Schatten der Nussbäume, zurück auf die staubige Straße, und nahm mit ihm denselben Weg, den der Limonadenausfahrer kurz zuvor gegangen war.

Lange blickte Sofie den beiden hinterher, während ihre Gedanken wie aufgewühlter Sand in einem Teich durcheinanderwirbelten. Alles war genau so geschehen, wie es Basil erst vor wenigen Tagen versprochen hatte. Sie hatte ihn damals noch gebeten, keine Späße mit ihrem Leid zu treiben. Er aber hatte sie getröstet und ihr versichert, dass sich alles zu ihrem Besten fügen werde.

Dann sah sie Basils Eltern auf einmal stehen bleiben und die Frau mit einer Hand durch die Luft fächeln, so als wollte sie gerade etwas Unsinniges verscheuchen. Aber schon bald verschwammen beide hinter dem flüssigen Vorhang dieses Sommertages zu zwei wabernden Punkten und verschwanden nach einer Wegbiegung endgültig aus Sofies Augen.

Es dauerte keine zwei Wochen, bis die ersten Briefe und Ansichtskarten, die Basils Weg in den Süden beschrieben, seine Eltern, Freunde und Sofie erreichten. Von einigen Karten entnahm auch der Postbote in bruchstückhaften Sätzen und Worten Nachrichten, die er später im Gasthaus Zum Elefanten und in der Wirtschaft Zur Giraffe ausstreute und so über zahlreiche Menschen weitertrug. Seinen Eltern berichtete Basil vor allem davon, dass er Sofie wie eine Schwester liebe, und ein andermal, dass er jeden Abend für ihr Seelenheil bete und hoffe, dass sie keine Not leide, und er immer ganz nah bei ihr sei, obwohl er sich jeden Tag weiter von ihr entferne.

Und jedes Mal, wenn seine Mutter Post von ihm bekam, wusste sie, dass auch andere Bewohner des Ortes Ansichtskarten oder Briefe von ihm empfangen hatten. Und immer wieder wurde ihr heiß, wenn sie auf die Straße trat und Menschen begegnete, die Basil kannten, und glaubte in den Gesichtern manchmal sogar hämischen Spott zu erkennen. Aber stets verhielten sich die Menschen so, wie sie es gewohnt war.

2

Sieben Tagesreisen von zu Hause entfernt, bestieg Basil in einer großen Küstenstadt einen Viermaster, der in blauen Lettern den Namen Mond des Südens trug, fuhr bei unruhiger See über das Meer und erreichte eine Woche später wieder das Festland. Dort zwang ihn ein Fieber mehrere Tage in den Schatten eines stickigen Hotelzimmers, ehe er einen Begleiter fand, der ihn weiter hinab in den Süden des Kontinents führte.

Auf diesem Weg fiel er einmal von einem Kamel und verstauchte sich die Hand, da er das Reiten auf diesen Tieren nicht gewohnt war. Ein andermal riss ihn die Pranke eines Panthers aus dem Sattel eines Pferdes, und seine Rettung war allein der Geistesgegenwart seines Gefährten zu verdanken, eines Schwarzen übrigens, den Basils Eltern gewiss als Wilden bezeichnet hätten, der den Panther mit mehreren knallenden Peitschenhieben in die weitläufige Steppe vertrieb und so Schlimmeres verhinderte.

Basils Reise dauerte mit mehreren erzwungenen Unterbrechungen tatsächlich viele Wochen, wobei er von etlichen Wegelagerern mit dem Tod bedroht wurde, falls er nicht sofort all sein Vermögen aushändige. Eine Forderung, die er jedes Mal erfüllen konnte. Und trotzdem besaß er zuletzt noch genügend Reserven, da er sein Geld an sechs verschiedenen Orten in seinem Gepäck verwahrt hatte.

Irgendwann im September erreichte er schließlich das Ziel seines inneren Rufes, eine Missionsstation, die sich am südlichsten Rand des Kontinents befand.

In dieser Station erholte sich Basil von den Strapazen und bezog eine ruhige Hütte, in der alle Gerüche neu und fremd waren: der Atem des Holzbodens, das Bett, auf dem er lag, und der abbröckelnde Lehmverputz an den Wänden. Und wehte draußen ein Wind, der durch das offene Fenster zog und schon eine Ahnung des nahenden Frühlings brachte, fiel die Sehnsucht nach seiner Heimat wie ein Stein in sein Inneres.

In diesen Tagen saß er oft vor seiner Hütte auf einer grob gehobelten Bank und dachte an die Wiesen zu Hause, die bestimmt schon alle abgemäht waren, und an den Geruch von Heu, der träge über den Boden strich. Und natürlich dachte er auch an das Geheimnis, das ihn mit Sofie verband. Denn all das, was er den Eltern in seinem Abschiedsbrief eröffnet hatte, war nichts anderes gewesen als eine große Lügengeschichte. Denn Basil war gar nicht der Vater von Sofies Kind.

Er erinnerte sich noch an den warmen Abend im letzten Juni, als ihm Sofie draußen im Ried begegnet war. Sie, die während der gesamten Schulzeit neben ihm in der Bank gesessen war, senkte an diesem Sommerabend nur den Kopf, als sie ihn auf der staubigen Überlandstraße erkannte, ging nah an ihm vorüber, grüßte ganz entrückt und blickte mit traurigen Augen, die so gerötet waren, als sei sie zu lange in einem verrauchten Raum gesessen. Er folgte ihr und bat sie, stehen zu bleiben. Später, als sie im Schatten einer Eiche saßen, die weit entfernt war von der Straße, auf der manchmal das Geklapper von Pferdehufen näher wuchs und wieder in die Ferne verschwand, blickte sie noch einmal hinüber zum schmalen Pfad, auf dem sie gerade entlanggekommen waren und der schwarz und speckig in der Sonne glänzte. Dann seufzte sie und ließ ihrem Elend freien Lauf. Unter Tränen eröffnete sie ihm, dass sie an keinem Fluss mehr vorübergehen könne. Magisch ziehe sie die Tiefe des Wassers an. Und oft stehe sie an einem Teich, der nicht weit entfernt sei von hier, und werfe Steine in seinen Spiegel und sehe die Kreise, die immer größer würden, bis sie ausliefen und nichts mehr zurückbleibe als eine glatte Oberfläche, in die manchmal Luftbläschen blubberten oder aus der ein Fisch aufsteige, dem das Wasser zu warm geworden sei. Sie kenne eine Stelle in diesem Gewässer, an der das Ufer sehr gemächlich in die Tiefe sinke.

Immer wieder, wenn sie vor diesem Teich stehe, sehne sie sich nach dem Wasser, das den Saum ihres Kleides dunkel färbe, und gehe in Gedanken immer weiter, bis zu den Hüften, bis zur Brust und noch weiter versinke sie, und ihr Haar wehe bald dahin wie Fahnen von Wasserpflanzen in einer sanften Strömung. Vor ihren Augen sehe sie nur noch einen grünen Nebel, der allmählich in die Dunkelheit wachse, und spüre den schlammigen Boden zwischen ihren Zehen nicht mehr. Losgelöst gehe sie weiter und sinke immer tiefer. Ihr Herzschlag verlangsame sich kurz, wenn keine Luft mehr in das Innere des Körpers ströme. Das habe sie einmal gelesen. Doch schon bald beginne er zu rasen und hetze das Blut panisch durch die Adern. Dann heiße es, stark bleiben und ja nicht umdrehen, hin zum schlammigen Grund, der den Füßen wieder Halt gebe, dann gelte es, weiter durch das Wasser zu gleiten wie eine Balletttänzerin, mit Schritten, die auf Wolken gehen. Und ihr Herz schlage noch einmal ganz wild vor Sehnsucht nach dem Leben und vor der Angst, es zu verlieren, und poche gleichzeitig der größten Aufregung entgegen.

Aber dann verlangsame sich das Pochen, verebbe, gebe das Herz plötzlich auf und kümmere sich nicht mehr um den Körper, der ihm so gleichgültig geworden sei wie die Kühle, die ihn umgebe. Zurück blieben nur noch das Ende und die ewige Stille.

Und jedes Mal, wenn sie zu einem Gewässer aufbreche, bete sie darum, dass sie ihren vorausgedachten Weg hinter sich bringe. Aber sosehr sie auch bete, ihr Mut reiche stets nur zu Tränen.

Dann eröffnete sie Basil, dass sie ein Kind erwarte und es nicht mehr lange dauern werde, bis es alle wüssten. Und dort, in dieser Wiese, die sich hüfthoch um die beiden schloss, versprach Basil, ihr zu helfen.

Einige Tage später erzählte er davon, dass seine Eltern ihr bald einen Vorschlag unterbreiten würden. Er werde sich zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Weg in den Süden befinden und ihnen einen Abschiedsbrief hinterlassen haben. Sie solle zu den Ausführungen seiner Eltern lediglich nicken und ihre Fragen nur mit Ja beantworten, dann werde alles gut.

Viele Jahre sollte Basil im Süden des Kontinents leben und nie wieder zurückkehren zu den gemähten Wiesen, aus denen es so heuig roch, bis er mit über neunzig Jahren an einem Morgen im späten Herbst, während ein fegender Wind das Rot aus den Bäumen vor seiner Hütte kämmt, auf seiner Bank lächelnd zusammensinken und für immer einschlafen würde.

Doch davon wusste Basil noch nichts, als er einige Tage nach seiner Ankunft in der Missionsstation auf seiner Bank saß und wenig später einen Glaubensbruder sagen hörte, dass endlich Regen in der Luft liege, den man seit Langem herbeisehne. Der Regen, versicherte er, bringe das ganze Land über Nacht zum Blühen. Ein Blumenpolster nach dem anderen sprieße dann aus dem Boden und Gerüche seien das, die fast an die Heimat erinnern würden. Ja, nickte Basil, nach solchen Gerüchen sehne ich mich.

3

Drei Wochen später begann an einem frühen Septembernachmittag die große Stille in Sofies Kammer. In der Luft, die noch ein wenig warm war von der verklingenden Hitze des Ofens, stand noch der Atem von Bohnen, unter den sich der Geruch des feuchten Holzbodens mengte, den Sofie kurz zuvor gebürstet und aufgewischt hatte. Allein das Pendel der Wanduhr unterbrach mit seinem gleichmäßigen Ticken das Schweigen im Raum, bis es nach einigen Tagen einschlief und reglos in das Zimmer blickte. Nur noch selten herrschte Leben in der Kammer. In manchen Nächten, wenn eine Maus in das Zimmer schlüpfte und über den Boden schnupperte, unter dem Stuhl, dem Tisch und unter dem Bett herumtrippelte, um nach Fressbarem zu suchen, wenn Kolonnen von Ameisen die Kammer bevölkerten und Brotkrümel und Zuckerkristalle davonschleppten, oder spät im Herbst, wenn Marienkäfer durch die Fensterritzen krochen und einen trockenen, windstillen Ort suchten, an dem sie überwintern konnten. Oft drang auch ein leises Klappern von Geschirr und Besteck in die Kammer oder das Geräusch von Schritten, die über einen ächzenden Boden gingen.

An schönen Tagen legte sich der Schatten des Fensterkreuzes auf den welligen Holzboden und wanderte in den Nachmittagsstunden langsam gegen Osten, bis er mit der tief stehenden Sonne immer mehr in die Länge wuchs, verblasste und schließlich ganz erlosch. Auf die Möbel senkte sich ein grauer Schleier. Und manchmal spielte ein Windhauch, der durch einen Spalt im Fensterrahmen zog, mit kleinen Staubwolken und verrückte sie einen Fingerbreit. Das war alles, was in den folgenden Monaten und Jahren in der Kammer geschah, die abgesperrt und verwaist Sofies Rückkehr erwartete.

Noch in der Nacht vor ihrer Abreise war sie wach und verzweifelt in ihrem Bett gelegen. Und jedes Mal, wenn sie am Horizont ihrer Gedanken schon den beginnenden Schlaf erahnt hatte, war ein neuer Zweifel in ihr aufgezuckt. Was wäre, wenn sie diese fremde Frau bereits nach einigen Tagen wieder entließ, weil sie die Wäsche zu lange wusch, die Kohle zu langsam aus dem Keller holte oder bei anderen Aufgaben nicht genügte?

Und immer tiefer verstrickte sie sich in Zweifel, die sie auch am folgenden Septembernachmittag auf der Straße zum Bahnhof begleiteten und an denen sie schwerer trug als an ihrem Koffer. Auf den polternden Bohlen der Holzbrücke, die hinein in den Ort führte, blieb sie schließlich stehen und starrte über die Brüstung hinab auf das ziehende Wasser, hinab auf einen Wirbel, der ein Ästchen gefangen hielt, und blickte den braunen und gelben Blättern hinterher, die langsam bachabwärts tanzten. Ihr kam auf einmal alles so sinnlos vor, der Weg zum Bahnhof, die Zugfahrt, die Fremde, vor der sie sich fürchtete. Und als die Verzweiflung noch größer wurde, stieg sie nach der Brücke von der Straße und betrat den Pfad, der dem Lauf des Baches folgte. Sie hörte, wie sich ihr Koffer an den hohen Grashalmen rieb, und ging weiter, hinab zum Teich, hinab zum flachen, sandigen Ufer.

Das Wasser lag vor ihr wie glattes, grünes Glas. Sofie stellte den Koffer ins tiefe Gras, das noch feucht war von der letzten Nacht und auch während des Tages nicht trocknen wollte. Und plötzlich erfasste sie eine Sehnsucht, die jede Angst vor der Tiefe und Ungewissheit des Wassers vertrieb.

Sieben Minuten, flüsterte sie mehrere Male, als sie ihre Schuhe neben den Koffer stellte und danach ihre ausgezogenen Strümpfe in die Schäfte schob. Dann wurde alles ganz einfach. Obwohl das Wasser kalt war, durchflutete sie jetzt eine angenehme Wärme, und der schlammige Sand, der in graubraunen Wolken aufstieg, fühlte sich an wie ein weicher Schleier. Und während die Nässe schon dunkel am Saum ihres Kleides hochkroch, dachte sie: Bald ist es vorüber, kein nagender Schmerz, keine Verzweiflung oder Angst, nur noch die ewige Stille.

Drei, vier Schritte, dann würde der Grund des Teichs steil abfallen. Noch einmal holte sie tief Luft.

Bald beginnen deine Füße zu schweben.

Und dann, ganz plötzlich, riss ihr Blick hinüber zum Schilf, hinüber zu den Gesichtern von zwei Jungen, die sich an ihren Angelruten festhielten und diese Fremde anstarrten, da ein Verdacht in ihnen erwacht war. Kaum hatte Sofie die beiden bemerkt, wandte sie sich ab, hin zum Ufer, ins feuchte Gras, und zwängte ihre Strümpfe über die nassen Füße. Ganz langsam schlüpfte sie in die Schuhe, griff nach dem Koffer und spazierte davon, bis sie einen Strauch erreichte und aus den Augen der Jungen verschwand. Nun gewannen ihre Schritte an Eile, hin zur Brücke, hin zur Straße, die hinein in den Ort führte, hin zum Bahnhof.

An die nächsten Stunden konnte sie sich später nur noch in Schemen erinnern. Dass sie im Zug saß, der das breite Tal verließ und bergwärts an steil aufragenden Felsen vorüberfuhr, an das ratternde Geräusch, wenn der Zug eine der vielen Bogenbrücken überwand, die eiligen Schatten von Dampf an den sonnenbeschienenen Felswänden, die Dunkelheit eines Tunnels und das blassgoldene Licht einer Petroleumlampe und den blauzackigen Rand, der nervös flackerte, oder das krachende Knacken eines Apfels, in den sie biss.

In jenem Ort, der als Ziel auf ihrer Fahrkarte angegeben war, stieg sie aus. In der Bahnhofshalle, die sie an das Innere eines Domes denken ließ, kam sie allmählich wieder zu sich. Lange saß sie auf einer Bank und aß das Jausenbrot, das sie daheim eingepackt hatte, verlor sich beim Anblick eilender Menschen, bis sie eine dumpfe Verzweiflung anflog und die Sehnsucht nach ihrer Kammer zu Hause im Westen.

Begleitet vom Lärm holpernder Kutschen und klackender Hufeisen, suchte sie dann den beschriebenen Weg, als ihr plötzlich ein Mann auf die Schulter tippte und ihr ein aufdringlicher Geruch von Parfum entgegenwehte. Aber noch bevor er ein Wort an sie richten konnte, flüchtete sie in die nächste Gasse, während der Koffer bei jedem Schritt gegen ihre Knie schlug und das Klatschen ihrer Schuhsohlen laut in den Häuserschluchten widerhallte. Als sie wieder stehen blieb, hatte sie sich längst verlaufen und irrte nun durch die Gassen und Straßen dieser Stadt, bald heulend vor Verzweiflung, bald heulend vor Wut, bis sie spätabends mit verweinten Augen endlich die Straße und das Haus erreichte, das ihr Basils Mutter auf einem grauen Bogen Papier beschrieben hatte. Erst jetzt bemerkte sie den Regen, der schon seit einiger Zeit niederging und von ihren Haaren tropfte.

Sie wird dich schelten, weil du so spät kommst, mitten in der Nacht. Sie wird dich wegschicken, weil sie glaubt, dass du dich bis jetzt herumgetrieben hast, dachte sie, während sie die Glockenschnur herabzog. Schon kurz danach hörte sie jemanden näher kommen und spürte gleichzeitig ihren aufgeregten Puls am Hals schlagen.

Langsam öffnete sich ein Tor und vor ihr stand eine Frau, die Basils Mutter glich und ein schwarzes Kleid mit einer weißen Schürze trug. Wortlos stellte sie die Petroleumlampe auf ein Wandbrett. Und dann geschah etwas, womit Sofie niemals gerechnet hätte. Denn auf einmal trat die Frau vor sie hin und nahm sie in die Arme, hielt sie ganz fest und streichelte ihr Haar.

Mein Kind, begann sie. Eines sollst du wissen. Dein Stolpern wird kein Fallen, denn ich habe dich längst aufgefangen.

Und Sofie schniefte und lächelte, als sie der Frau durch einen weitläufigen Arkadenhof zu einer breiten Tür folgte, hinter der sich eine Wohnung mit weiß gekalkten Räumen öffnete, in denen es nach Herbstblumen und gewachsten Holzböden roch. Am Ende des Flurs befand sich eine schmale Tür, die in Sofies Kammer führte. Nach dem Zimmer gelangte man über einen gepflasterten Halbmond hinaus in einen kleinen Garten, der von einer hohen Mauer aus Backsteinziegeln umgeben war. Drüben unter einem Kirschbaum standen eine Holzbank und ein schmalbeiniges Tischchen aus Eisen.

Als Sofie in dieser Nacht in ihrem Bett lag und durch das offene Fenster den Regen hörte, der leise auf die Blätter des Kirschbaumes fiel, und ein sanftes Rauschen in den Dachrinnen anschwoll, verspottete sie ihren Kleinmut und ihren Leichtsinn am letzten Nachmittag, als sie im Teich gestanden hatte, und seufzte, während sie eine angenehme Müdigkeit erfasste.

Und bald zerfielen ihre Gedanken, kreiselten hinab in einen Traum, der ihr einen Wald und ein Haus mit duftenden Wänden aus Bienenwaben zeigte. Und aus dem Haus trat eine Frau, die alt war und hässlich, aber gütig sprach und ihr ein großes Bett mit weichen Kissen und Decken anbot, eine Frau, die sie jedoch schon nach einem kurzen Schlaf wieder zurück in die Wachheit riss und tobte.

Flüchtig schwamm Sofies erwachender Blick durch das Zimmer: Alles ist gut. Und ihre Augen flimmerten noch einmal kurz, ehe sie wieder in einen tiefen Schlaf sank.

Die folgenden Wochen und Monate glitten friedlich und ruhig an ihr vorüber. Und wenn sie auf den Straßen und Gassen durch die Stadt ging und auf dem Markt Obst oder Gemüse besorgte, gab es niemanden, der ihren Bauch verspottete, den sie von Woche zu Woche größer vor sich hertrug, und niemanden, der hinter ihrem Rücken hämisch lachte oder versteckte Zeichen machte. Es war, als sei ihr wachsender Bauch das Normalste der Welt.

Der Winter kam mit wirbelnden Flocken im Dezember und knietiefem Schnee, der bis in den späten März blieb. An einem klaren, glasigen Tag im April, an dem noch die letzten schmutzigen Flecken Schnee in den Gassen lagen, gebar Sofie nach kurzen Wehen eine Tochter, die bald auf den Namen Annemie getauft wurde. Und als das Kind mit seinen schwarzen Haaren zum ersten Mal neben ihr lag und die Beinchen gegen ihre Seite stemmte, flogen ihre Gedanken zurück an einen warmen Tag im letzten September, zu grauen Wolken und Sand im Wasser eines Teichs. Als sie ein Weinkrampf zu schütteln begann, musste sie auf einmal an die beiden Jungen denken, die allein mit ihren entsetzten Blicken zwei Leben gerettet hatten.

Bereits mit neun Monaten hielt sich Annemie mit ihren Händen aufrecht an der glatten Rinde des Kirschbaumes fest und stolperte keine zwei Wochen später über die Wiese. Oft saß sie breitbeinig auf ihren Unterschenkeln und kaute Gänseblümchen, Gras oder Blätter, was ihr auch nicht abzugewöhnen war, wenn man ihr auf die Finger klopfte. Ja, diese Züchtigungen bewirkten lediglich, dass sie ganze Grasbüschel in den Mund stopfte, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, und zu einem Brei zerkaute, den sie dann, gelangweilt vom faden Geschmack, meist hinten an der Backsteinmauer ins Moos spuckte, falls er nicht schon vorher von ihrer Mutter oder Basils Tante mit gekrümmtem Zeigefinger aus ihrem Mund geangelt und weggeworfen worden war.

Sie ist ein Wildfang, schüttelte Basils Tante manchmal lächelnd den Kopf, wenn sie über das Kind sprach und sich wegen seiner Unbekümmertheit Sorgen machte.

Mit zweieinhalb Jahren überlebte Annemie einen Sturz von der Kirschbaumleiter nur deshalb, weil sich ihre Schuhe an einer der obersten Sprossen verfingen, als sie gerade kopfüber auf den gepflasterten Boden zuraste. Und als sie einmal in der Krone des Baumes herumkletterte und ausrutschte, endete ihr Fallen nur deshalb, weil sich ein Ärmel ihres blauen Kleides glücklich an einem Ast verhakte. Wohl eine halbe Stunde lang kaute sie mit baumelnden Beinen gelangweilt an einigen Kirschbaumblättern, bis ihre Mutter sie wie einen Ballon in den Ästen hängen sah und befreite. Ein andermal wäre sie beinahe von einer Kutsche überfahren worden, als sie sich nach einer Weinbergschnecke bückte, die sie vor der Gefahr der Straße retten wollte. Nur dem Geschick des Kutschers, der seine Pferde in einem scharfen Bogen an Annemie vorbeijagte und sein Entsetzen noch Gassen später zwischen die Häuserzeilen schrie, war es zu verdanken, dass weder sie noch die Schnecke zu Schaden kamen. Oft versteckte sie sich unter den Röcken von Basils Tante und verbrachte dort Stunden des Tages. Ja, Annemie bewegte sich nach einiger Zeit sogar gemeinsam mit deren Schritten, wenn sie hinaus in den Hof oder Garten ging, so als verfüge sie über die Gabe, durch den dunklen Stoff hindurchzublicken.

4

Viele Monate später, als ein kühler Herbst das Grün aus den Kirschbaumblättern wusch und sie an windigen Tagen im Oktober gelb und rot über die hohe Backsteinmauer hinaus auf die Felder trug, die hinter der Stadt begannen, erhielt Sofie einen dicken Umschlag aus der Heimat, in dem sich eine Fahrkarte, Geld und eine Beschreibung befanden, die den Weg und den Ort nannte, an dem sie ihre Tochter zukünftig in Obhut geben sollte.

Den Brief, den Basils Tante noch am selben Tag an ihre Schwester schrieb, sowie die beiden folgenden blieben ohne Antwort. Natürlich hätte Basils Tante Sofie und ihr Kind weiter bei sich wohnen lassen, doch das Geld, das sie aus einem Kriegswitwenfonds für ihren Mann erhielt, der vor Jahren tief im Süden in einem sinnlosen Krieg gefallen war, reichte kaum für sie selbst. Und so stand Annemie eines Tages im Oktober neben einem braun gelackten Koffer aus Karton, den sie noch nie gesehen hatte, und staunte über die beiden Frauen, die hoch über ihrem Kopf weinten. Über diese Tränen und den Trost, den sie einander zusprachen, ertranken ihre Stimmen, und wenig später hielt Basils Tante Sofie so fest wie an jenem Tag, an dem sie angekommen war, und streichelte ihren Kopf, während Annemie, die nichts verstand, unter die Röcke von Basils Tante kroch und sich die Ohren zuhielt, die nicht hören wollten, was ihr Verstand nicht begriff.

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