Vorhang zu! - André Storm - E-Book

Vorhang zu! E-Book

André Storm

0,0

Beschreibung

Wenn man Leichen einfach wegzaubern könnte … Bühne frei für ein großartiges Krimidebüt! Mysteriöse Sabotageakte im Dortmunder Zack-Varieté, ein tragischer Unfall der Schlangenbeschwörerin Lily Polley, der sich als Mordanschlag herausstellt und mittendrin Dortmunds Vorstadtzauberer Ben Pruss … Am Ort des Geschehens ist der nicht etwa in seiner Funktion als Zauberkünstler - ein Auftritt im Varieté wäre doch eine Nummer zu groß für ihn - sondern als Privatdetektiv. Leider ist aber auch das eine Nummer zu groß für ihn, denn Ben hat überhaupt keine Ahnung von der Arbeit eines privaten Ermittlers. Und von Mord war schon mal gar nicht die Rede! Doch zum Aussteigen ist es jetzt zu spät, denn Ben steht selbst auf der Liste der Verdächtigen … Ein Roman, so grau wie der Himmel zu Zeiten von Kohle und Stahl. Und gespickt mit allen Facetten, die den Ruhrpott so bunt, humorvoll und selbstironisch zeigen, wie er zu allen Zeiten war.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 374

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS



André Storm (Pseudonym), geb. 1974, ist Profizauberkünstler aus Hamm in Westfalen. Seinen »ordentlichen« Beruf hat er schnell abgelegt, und er freut sich noch heute jeden Tag, dass er das Studium zum Elektroingenieur rechtzeitig abgebrochen hat. Sein Schreibtalent nutzte er in den letzten Jahren dafür, in seinen Shows »Helden« auf die Bühne zu bringen, denen man ihre Heldenhaftigkeit auf den ersten Blick nicht unbedingt ansehen kann. Die aber jedes Mal über sich hinauswachsen und so das Publikum auf ihre Seite ziehen. André Storm ist verheiratet und hat zwei Kinder.

André Storm

Vorhang zu!

Kriminalroman

Originalausgabe

© 2020 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

unter Verwendung von © etienn280 - stock.adobe.com

Lektorat: Volker Maria Neumann, Köln

Print-ISBN 978-3-95441-517-5

E-Book-ISBN 978-3-95441-529-8

Für Kirsten.Die Liebe meines Lebens.

INHALT

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

EPILOG

DANKSAGUNG

PROLOG

Der Junge rannte die Straße entlang. Hastig. Obwohl er völlig außer Atem war, zog er das Tempo weiter an. Er schämte sich. Gestern hatte er seiner Mutter hoch und heilig versprochen, er werde ab jetzt pünktlich um sechs zu Hause sein.

Er bog links in die schmale, kopfsteingepflasterte Gasse ab. Noch ein Stück geradeaus, dann rechts – und er hatte es geschafft. Er schaute auf die Uhr. 18.42. Sein T-Shirt und die kurze Jeans klebten ihm am Körper.

Der Junge erreichte das graue Mehrfamilienhaus. Die Haustür stand offen. Er rannte die Treppen hoch, zweiter Stock rechts. Kramte in seiner Hosentasche, griff den Wohnungsschlüssel und öffnete die Tür. »Ich bin’s«, rief er in den leeren Flur. Mit dem Unterarm wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

Sein erster Weg führte ihn ins Wohnzimmer. Der Raum war leer. Der Fernseher nicht eingeschaltet, was merkwürdig war. Sobald Mama nach Hause kam, schaltete sie als Erstes den Fernseher an. War sie noch gar nicht zu Hause? Er spürte einen Druck im Magen. Gewöhnlich war sie um fünf Uhr zurück. Spätestens um sechs. Die Küche war ebenfalls verwaist.

»Mama?«, rief er in den leeren Flur. Keine Antwort. »Mama?«

Ein Blick in sein Zimmer, dann ins Schlafzimmer. Leer. Was sollte er tun? Abwarten? Sollte sie in einer halben Stunde nicht da sein, würde er runter zu Frau Wiesner gehen. Vielleicht wusste sie sogar, wo seine Mutter war. Er beschloss, ihr jetzt gleich einen Besuch abzustatten – nur noch im Badezimmer nachsehen.

Er drückte die Klinke und schob die Tür auf. Dort hing sie.

Ihr Gesicht blau und aufgedunsen. Ihr rechtes Auge blickte verdreht zur Decke, das linke starrte ihn an. Ihr Körper hing über der Badewanne an einem Seil. Mein Springseil, dachte er mit einer merkwürdigen Sachlichkeit.

Sie war auf den Wannenrand gestiegen, hatte das Seil über das gusseiserne Rohr unter der Decke gebunden und sich daran erhängt. Einer ihrer Pantoffeln lag in der Wanne, der andere hing noch an ihrem Fuß.

Er griff nach dem Umschlag, der auf dem Waschbecken lag. Sein Name stand darauf. Die Worte in dem Brief ergaben allerdings keinen Sinn. Später würde er den Brief noch oft lesen, sehr oft. Jeden Tag. Er faltete ihn zusammen und steckte ihn zurück in den Umschlag. Dann verließ er das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich. Langsam, als stapfte er durch tiefen Schnee, schlurfte er in den leeren Hausflur.

Und schrie.

KAPITEL 1

Das Kapitel, in dem wir Ben Pruss kennenlernen,der denkt, er sei der Star der Show,aber schon bald eines Besseren belehrt wird.

Ben war damit beschäftigt, mit einer blauen Kunststoff-Stempelmaschine seine Schreibtischunterlage zu verzieren. Über vierzig Mal hatte er bereits gestempelt: Ben Pruss – Ihr Zauberkünstler in Dortmund – Close-Up und Bühne. Dazu seine Telefonnummer, Web- und E-Mail-Adresse. Ihm kam der Gedanke, dass er das Blatt abreißen müsse, bevor er das nächste Mal jemanden in seinen, wie er es nannte, »Büro-Schrägstrich-Probenraum« ließ.

Das Telefon klingelte, und er zuckte schuldbewusst zusammen. Misstrauisch blickte er das Gerät an. Die letzten beiden Anrufe waren nicht eben dazu bestimmt gewesen, seine Laune zu heben. Im Gegenteil.

Beim ersten Mal war es seine Mutter gewesen, die ihn mit ihrem ständigen »Bennilein« gequält hatte, und beim zweiten Mal seine Vermieterin Frau Heimel. Diese hatte sich lautstark darüber ausgelassen, dass bereits der 18. sei und die Miete immer noch nicht überwiesen. Na, danke auch!

Und nun verlangte das Telefon zum dritten Mal, dass er dem Gerät seine Aufmerksamkeit widmete. Ben seufzte. Vielleicht war es ja diesmal ein Firmenboss, der einen Zauberer brauchte, dachte er, ohne wirklich daran zu glauben und griff nach dem Hörer. »Ben Pruss am Apparat.«

»Pedro Möller mein Name. Ich hätte gerne einen Termin bei Ihnen. Wenn möglich heute noch. Es ist dringend«, kam eine kantige, männliche Stimme am anderen Ende der Leitung sofort zum Punkt.

Ok. Will Vorgespräch. Scheinbar wirklich ein Firmenboss, dachte Ben und hatte das Gefühl, dass ihm der Name des Typen irgendwie bekannt vorkam. »Ja … Lassen Sie mich mal sehen …« Er raschelte geschäftig mit einigen Papieren und klimperte nutzlos, jedoch deutlich hörbar auf der Tastatur herum – schließlich hatte er seinen Terminplan komplett im Kopf – nächste Woche Freitag, 21 Uhr, Show bei Frau Piontek auf dem Sechzigsten. Ende. »Jaaaa«, sagte er gedehnt, als wägte er im Kopf den stimmigsten Termin ab und rückte virtuelle Zeitfenster zurecht. »Also. Eben hat jemand spontan für heute Nachmittag abgesagt. Passt Ihnen 16 Uhr?«

»16 Uhr ginge bei mir.«

»Worum geht es denn, wenn ich fragen darf?«

»Ich könnte kurzfristig Ihre Dienste gebrauchen«, gab der Anrufer zurück. Und nach einer kurzen Pause: »Ich hätte da einen Spezialauftrag für Sie.«

Nach diesem Telefonat war Bens Magen noch nervöser, und das ohnehin flaue Gefühl legte kräftig zu. Der Anrufer wollte ihm am Telefon keine Details geben, was genau er mit Spezialauftrag meinte, aber im Prinzip konnte es nur eines bedeuten.

Ben hatte den unüblichen Namen des Anrufers gleich nach dem Telefonat gegoogelt und war direkt fündig geworden. Pedro Möller war Chef des in Dortmund ansässigen Zack-Varietés. Soviel Ben wusste, war die aktuelle Saison voll im Gange, und das neue Programm würde erst im Herbst starten. Vielleicht bedeuteten die Schlüsselbegriffe kurzfristig und Spezialauftrag also, dass er, Ben, als Krankenersatz für einen anderen Künstler einspringen sollte.

»Ach du Scheiße«, murmelte er. Ein Angstpfeil schoss ihm eiskalt von oben nach unten durch den Körper, und er griff instinktiv nach einem Fläschchen mit Bachblüten-Tinktur, welches auf seinem Schreibtisch stand – inmitten einer Vielzahl weiterer Fläschchen, Gläschen und Töpfchen. Befüllt mit allen möglichen Mittelchen, die ihm gegen sein krankhaftes Lampenfieber helfen sollten. Er ließ sich vier Tröpfchen auf die Zunge fallen und meinte, sich gleich etwas ruhiger zu fühlen. Ob es daran lag, dass seine Bachblüten mit hochprozentigem, französischem Cognac gemischt waren, ob er dem Placebo-Effekt auf den Leim gegangen war, oder ob die Bachblüten tatsächlich ihren Dienst taten, war ihm egal. Er wusste nur, dass es das beste Mittel gegen Auftrittspanik und Mutter-induzierte miese Laune war.

»Ich glaub, das muss ich absagen«, sagte er beklommen zu sich selbst.

Die Zeit bis zu seinem Termin benutzte Ben dazu, die Rückseite seiner Schreibtischunterlage (die Vorderseite bot durch die Stempelschmierereien eindeutig zu wenig Platz) mit den unterschiedlichsten Show- und Nummernkonstellationen zu bekritzeln. Er war sich mittlerweile sicher, dass der Moderator der Show – Frank Pracht, wie Google wusste – ausgefallen war, denn der war Zauberkünstler der aktuellen Spielzeit und außerdem Conférencier der Show. Alles andere ergab keinen Sinn. Ben war sich im Klaren darüber, dass sich seine Zauberei, die eher auf runde Geburtstage und Sommerfeiern von Kegelclubs ausgelegt war, nicht mit der Theaterdarbietung eines Frank Pracht messen konnte. Aber es war ihm gelungen, das Blatt mit einigen Nummern zu füllen, die er eines Varietéabends würdig fand. Solide Handwerkskunst mit Klassikern wie der Flaschenwanderung, dem zerschnittenen und wieder hergestellten Seil und dem Ringspiel nach Dai Vernon. Der Gedanke, zumindest eine Zeitlang über ein geregeltes Einkommen zu verfügen, behagte ihm mittlerweile sogar.

Seine größte Sorge war, dass Pedro Möller von ihm verlangen könnte, bereits am Abend aufzutreten. Sollte das so sein, müsste er wahrscheinlich die ganze Pulle Bachblüten wegnuckeln und reichlich mit Cognac pur nachspülen.

Es klingelte. Ben fuhr erschrocken hoch und stieß sein Knie an der Tischplatte an. »Mist, verdammter!«, fluchte er, riss die Schreibtischunterlage vom Tisch und warf sie kurzerhand in den angrenzenden Toilettenraum. Ebenso verfuhr er mit dem Bündel Sonntagszeitungen, welche er sich am vergangenen Wochenende in der Nachbarschaft geklaut hatte, um das Kunststück der zerrissenen und wiederhergestellten Zeitung einzustudieren. Die schwarze Lautsprecherbox samt Stativ rückte er von der Tür weg, damit sein Gast nicht drüber stolpern konnte. Den schwarzen Bühnenhintergrund schob er ein Stück weiter nach links, um die dahinter hängenden, antiken Drucke einer Show des legendären Harry Houdini und einer magischen Soirée des Zauberkünstlers Dante freizulegen.

Es klingelte erneut. Diesmal länger und drängender. Er hastete hinüber zum Bücherregal, dessen halbseitige Schiebetür er kurzerhand von links nach rechts schob. Auf diese Weise verdeckte sie das Chaos an bunt zusammengewürfelten und angestaubten Requisiten und gab den Blick auf halbwegs ordentlich sortierte Zeitschriften und Bücher aus dem Reich der Zauberkunst frei. Er widerstand dem Drang, noch einmal zu den Bachblüten zu greifen, atmete zwei Mal tief ein und aus, lief durch den kurzen Flur zur Wohnungstür und öffnete, während er gleichzeitig den Türöffner für die Haustür betätigte. Er schrak zusammen, als er unerwartet in das Gesicht seines Besuchers blickte. Offenbar war die Haustür drei Treppen tiefer nicht, wie sonst üblich, verschlossen gewesen. Schnell hatte er sich wieder gefangen. Vor ihm stand ein etwa fünfzigjähriger, gepflegter Herr mit blauem Designeranzug, locker sitzender Krawatte und goldenen Manschettenknöpfen. Eine Sonnenbrille steckte lässig in seinem grauen Haar.

»Moin! Pedro Möller mein Name, wir haben einen Termin.« Der Mann streckte Ben eine braungebrannte Hand mit einem goldenen Gliederarmband entgegen.

»Ach ja … Richtig, richtig«, antwortete Ben. »Kommen Sie rein.« Er tat einen Schritt zur Seite und wies mit der ausgestreckten Hand in den Flur.

»Vielen Dank«, sagte Pedro Möller und schob sich an Ben vorbei.

Dieser bemerkte einen markanten Tabakgeruch, gepaart mit der durchdringenden Note eines herben Aftershaves. Pedro Möller hatte seine Zigarette wohl erst unten vor der Tür weggeworfen. Im Gehen fragte Ben: »Was kann ich für Sie tun?« Ihm fiel auf, dass er die linke Hand immer noch in der »Herzlich willkommen«-Geste hochgestreckt hielt.

Pedro Möller deutete das als ein Zeichen, ins Büro zu gehen und an der Gästeseite des Schreibtischs Platz zu nehmen. Ben setzte sich an seine Seite der Tischplatte und sah sein Gegenüber mit einer etwas größeren Spur Neugierde an, als beabsichtigt.

Pedro Möller antwortete nicht, sondern sah sich interessiert im Raum um. Sein Blick blieb einige Sekunden auf dem Schriftzug Harry Houdini’s Death defying Mystery hängen, dann fragte er: »Interessieren Sie sich für Zauberei?«

Ben zögerte mit seiner Antwort einen Moment zu lange, und als er endlich mit einem verhaltenen »Äh, ja« antwortete, blickten sich beide mit einem Funken Irritation in den Augen an.

»Hab ich was Falsches gesagt?«, fragte Pedro Möller, der als Erster die Sprache wiederfand.

»Nein«, begann Ben. »Natürlich nicht. Aber sind Sie nicht der Pedro Möller vom Zack-Varieté?«

»Doch, der bin ich. Sollte mir deshalb klar sein, dass Sie sich für Zauberei interessieren?«

»Ehrlich gesagt, hatte ich angenommen, dass Sie genau deswegen hier sind. Ich dachte, Sie wollen mich engagieren«, antwortete Ben, der sich dafür am liebsten geohrfeigt oder die Lippen zugetackert hätte. Am besten beides.

»Ähm, ehrlich gesagt, nicht«, stellte Pedro Möller klar, der jetzt ein wenig konsternierter dreinblickte. »Sie sind mir empfohlen worden.« Er räusperte sich und richtete sich in seinem Stuhl auf. »Von Urs Schneider. Er hat mir gesagt, dass Sie ein erstklassiger Privatdetektiv seien und seinen Fall in kürzester Zeit gelöst hätten. Dass Sie auch Zauberer sind, hat er mir nicht verraten. Tut mir leid.«

»Macht doch nichts, macht doch gar nichts«, sagte Ben mit einer abwinkenden Geste und einem aufgesetzten Lächeln. Er hatte das Gefühl, dass das Gespräch plötzlich an ihm vorbeilief und er nicht mehr als ein Zuschauer war. Jemand sagte absurde Dinge, und ein anderer antwortete nicht minder absurd. Und wer um Himmels willen sollte dieser Urs Schneider sein?

Mit einem Blick, der Hochachtung ausdrückte, redete Pedro Möller weiter: »Urs wollte mir nicht sagen, worum es genau ging, aber da er eine dicke Firma hat, nehme ich an, Wirtschaftsspionage oder so was, richtig?«

Und in dem Moment fiel es Ben wieder ein. Im März hatte er einen Auftritt für irgendeine Beraterfirma im Hotel l’Arrivée in Dortmund-Höchsten gegeben. Der Geschäftsführer – eben der genannte Urs Schneider – hatte im Nachgespräch in der Lobby ganz mitgenommen ausgesehen. Ben dachte schon, seine Show sei der Grund dafür gewesen. Er fand eigentlich, dass er anständig abgeliefert hatte, auch wenn die knapp fünfzig Mitarbeiter sich nicht gerade zu exzessiven Begeisterungsstürmen hatten hinreißen lassen. Fahrig hatte Urs Schneider sich immer wieder ins Haar gegriffen, und seine Augenringe hatten Ben, der sich damit auskannte, gezeigt, dass er seit längerer Zeit nicht mehr gut geschlafen hatte.

»Ich glaube, meine Frau betrügt mich«, stieß er unvermittelt aus, als Ben gerade die Frage gestellt hatte, ob ihm die Show gefallen habe.

»Ich hatte das Gefühl, die Kollegen hatten Spaß«, antwortete Ben zaghaft, und hoffte, damit das drohende Konfliktgespräch abwenden zu können. Als Urs Schneider keine Anstalten machte darauf einzugehen und stattdessen unverwandt eine Stehlampe anstarrte, entschloss sich Ben dazu, die Stille zu brechen und die Flucht nach vorn anzutreten: »Äh, Entschuldigung. Was sagten Sie? Ihre Frau betrügt Sie?« Nach einer Pause hörte er sich ungeschickt sagen: »Soll ich einen Ihrer Kollegen holen? Ich müsste dann auch gleich los …«

»Was?«, sagte Urs Schneider und schien erst da aus seiner Lethargie zu erwachen. »Nein, nein. Ein Kollege hilft da nicht.« Er sah Ben durchdringend an, und dieser bekam das Gefühl, die Blicke würden direkt in seinen Körper stechen. »Ich brauche Klarheit! Ich könnte damit umgehen, wenn es so wäre, aber mit dieser Ungewissheit kann ich nicht leben!«

»Ja, haben Sie sie denn mal drauf angesprochen?«, versuchte Ben es mit einem proaktiven Vorschlag.

»Natürlich! Mehrfach! Sie streitet alles ab.« Wieder strich er durch sein wirres Haar. »Können Sie sie nicht beschatten und mir Beweise liefern?«, sagte er mit einem flehenden Lächeln und sah für Bens Geschmack eine Spur verrückt dabei aus.

»Ich?«, fragte Ben. »Wie stellen Sie sich das vor?«

»Na, Sie haben doch oft Zeit«, begann er mit einer unbewiesenen Behauptung. »Claudia verlässt das Haus fast jeden Tag um zwölf. Ich habe sie beobachtet, aber ich kann ihr nicht hinterherfahren. Früher oder später würde sie das garantiert merken.« Er seufzte angestrengt und legte Ben beide Hände auf die Schultern. Dann versuchte sein Gesicht, ein Lächeln zu imitieren, das aber eher zur Maske eines hungrigen Horrorclowns passte. »Und ich bezahle Sie selbstredend.« Er musterte Ben von oben bis unten, bevor er weiterredete: »Sie fallen doch überhaupt nicht auf. Schauen Sie sich doch mal an. Sie sind ein richtiger Allerweltstyp.« Ben war zu überrumpelt, als dass er diese Aussage als unverschämt hätte deuten können. »Gegen einen kleinen Spezialauftrag haben Sie doch nichts, oder?«

Ja, dachte Ben jetzt, das war ein Spezialauftrag gewesen. Laut hörbar atmete er aus, schob seinen Bürostuhl ein Stück nach hinten und lehnte sich weit zurück, die Handflächen in den Nacken gelegt. Er hatte den Fall damals angenommen. Und tatsächlich, er hatte ihn aufgeklärt. Besonders schwierig war das nicht gewesen, denn besagte Dame fuhr am ersten Abend der Observation auf direktem Wege in ein abgelegenes Restaurant in Hombruch und setzte sich in eine schummrige Nische an einen Tisch für zwei. Nach fünf Minuten war ein blonder Hüne in Lederjacke hinzugekommen und die beiden hatten ohne nennenswertes Begrüßungsritual heftig zu knutschen begonnen. Bis der Kellner irgendwann leise hüstelnd an den Tisch getreten und die Speisekarten ausgeteilt hatte. Ben hatten seinem Auftraggeber die Beweise in Form von achtundzwanzig hochauflösenden Digitalbildern geliefert. Zwei davon brauchbar, die restlichen verwackelt. Allerdings fand die Übergabe erst am dritten bezahlten Arbeitstag statt, denn Ben fand, dass sich so ein Spezialauftrag auch ein bisschen lohnen musste. Der Betrogene hatte sich tausendfach bei Ben bedankt und war in Tränen ausgebrochen.

»Hallo?«, sagte Pedro Möller. »Sind Sie noch da?«

»Äh, was?« Ben erschrak fast. So waren seine Gedanken abgeschweift. Er blinzelte ein paar Mal und sagte: »Nein … Ich meine ja. Ich bin noch da. Hatte nur kurz nachgedacht.« Er tippte sich mehrfach mit Zeige- und Mittelfinger an die Stirn.

»Worum ging’s denn jetzt bei dem Urs? War es Wirtschaftsspionage?«, wollte Pedro Möller wissen.

»Tut mir leid, dazu kann ich leider nichts sagen. Schweigepflicht.« Doch um seinen Gesprächspartner nicht ganz von seinem Ursprungsgedanken abzubringen, fügte er geheimnisvoll hinzu: »So was in der Art.«

»Na, ist nicht so wichtig. Ich habe jedenfalls Probleme mit meiner eigenen Firma, und deshalb bin ich hier.« Sein Blick schweifte durch den Raum und blieb kurz auf den Fläschchen mit den Tröpfchen und Globuli hängen, bevor er wieder zu Ben aufsah.

»Was für ein Problem haben Sie?«, fragte Ben, der spürte, wie ihm schwindelig wurde, und der sich nichts sehnlicher wünschte als vier weitere Tröpfchen seiner Bachblütenmischung.

»Es ist so«, begann Pedro Möller, als er von einem sechsfachen Sturmklingeln an der Tür unterbrochen wurde.

»Entschuldigen Sie mich.« Ben passte die Unterbrechung gar nicht, und er hatte keinen Schimmer, wer da so dringend etwas von ihm wollte. Hoffentlich nicht Frau Heimel, dachte er mit einem Anflug von Panik, schritt mit größtmöglicher Dynamik an Pedro Möller vorbei durch den Flur und öffnete die Tür.

»Kai? Was machst du denn hier?« Ben schaute seinen alten Schulfreund Kai Siebert irritiert an. Dann drehte er sich kurz in Richtung seines Büro/Probenraums und bemerkte, dass er die Tür offengelassen hatte und Pedro Möller die beiden mit Interesse beobachtete. »Warte.« Er schritt zurück durch den Flur und sagte lächelnd an Pedro Möller gewandt: »Mein Assistent. Etwas früher von einem Außeneinsatz zurück. Ich bin sofort wieder bei Ihnen.« Dann schloss er die Tür und war allein mit Kai.

»Wie jetzt, Assistent?«, fragte Kai.

»Erkläre ich dir später. Was machst du hier? Und wie siehst du überhaupt aus?« Ben musterte Kai von oben bis unten. Der ansonsten sportliche, gepflegte und dynamisch wirkende, junge Mann sah aus wie durch eine Mühle gedreht. Wirre Haare, müde Augen, ungebügeltes Commodore64-T-Shirt, Jeans mit mindestens drei verschiedenen Fleckenarten.

»Kann ich bei dir pennen? Steffi hat mich rausgeschmissen.«

»Was? Oh Mann. Na klar, warte.« Ben holte den Schlüsselbund aus der vorderen Tasche seiner Jeans und machte sich umständlich daran, den Schlüssel für seine Wohnung, die einen Stock höher lag, vom Schlüsselring zu trennen. »Warte oben auf mich. Ich habe nur noch diesen einen Klienten, dann komme ich.« Er übergab den Schlüssel und Kai sagte: »Klient? Bist du jetzt Anwalt oder was?«

»Erkläre ich dir später«, antwortete Ben mit einem Lächeln, das gleichzeitig Hoffnung, Irritation und Überforderung ausdrückte, und schloss die Tür.

»Wo waren wir stehen geblieben?« Ben nahm erneut Platz und bemühte sich, professionell, investigativ und engagiert zu wirken. Bei aller Nervosität und Aufregung schmeichelte es ihm, dass Pedro Möller ihn für einen echten Detektiv hielt.

»Das Zack-Varieté in der Innenstadt kennen Sie ja?« Pedro Möller formulierte den Satz als Frage.

»Selbstverständlich kenne ich das!« Ben war zehn, fünfzehn Jahre zuvor oft dort gewesen, um sich Zaubererkollegen anzusehen, die bereits das geschafft hatten, was er anstrebte. Als irgendwann abzusehen gewesen war, dass er diese Höhen mit seiner Kunst eher nicht erklimmen würde, waren die Besuche weniger geworden, bis sie schließlich ganz eingeschlafen waren. Heute kannte er das Varieté hauptsächlich wegen seines Parkplatzes, auf dem er unberechtigterweise, dafür kostenlos, parkte, wenn er etwas in der Innenstadt zu erledigen hatte.

»Gut! Wir sind das einzige noch inhabergeführte Varieté in einem Umkreis von knapp 150 Kilometern, und das, obwohl wir hier mitten im Ruhrgebiet sitzen. Seit einigen Wochen haben wir immer wieder mit Sabotageakten zu kämpfen, die uns das Leben schwer machen. Vor einer Woche musste die Show komplett ausfallen. Jemand hat die Toilettenanlage derart unter Wasser gesetzt, dass nichts mehr ging. Eine Sauerei war das! Sicher haben Sie davon in der Zeitung gelesen?«

»Natürlich!« Ben hatte außer den geklauten Sonntagsblättern seit Ewigkeiten keine Zeitung mehr in der Hand gehabt, aber sollte mehr Fachwissen aus dem Tagesblättchen von ihm verlangt werden, konnte er ja behaupten, die Details nicht mehr präsent zu haben.

»Ich hab natürlich versucht, das so wenig hochkochen zu lassen wie möglich. In der Zeitung stand nur, dass wegen eines technischen Defektes die Show ausfallen musste.« Pedro Möller wirkte aufgebracht und kratze fortwährend mit dem Daumen seine Nase. »Schaden von knapp 15.000 Euro. Der Teppich in der Eingangshalle musste komplett erneuert werden. Und die Versicherung stellt sich quer, weil klar ist, dass da einer was manipuliert hat.«

»Haben Sie die Polizei verständigt?«

»Klar, die kamen sofort und haben alle Mitarbeiter befragt. Weiter gemacht haben die aber nichts. Keine Spuren genommen oder so was. Unglaublich!« Er schaute Ben empört an, der sein Verständnis zeigte, indem er einfach denselben Gesichtsausdruck annahm.

»Was wurde denn an der Wasserversorgung manipuliert? Technische Ermüdungserscheinungen scheiden definitiv aus?« Ben freute sich, dass ihm dieses tolle Wort eingefallen war. Das machte was her.

»Ganz ohne Zweifel. Jemand muss irgendwann in der Nacht eingedrungen sein und hat jeden Wasserhahn in den Gästetoiletten aufgedreht und die Abflüsse verstopft. Damen- und Herrentoilette zusammengenommen sind das zehn Wasserhähne, die stundenlang aufgedreht waren.«

»Wer hat alles einen Schlüssel für das Varieté? Ich denke, es gab keine Einbruchspuren, richtig?«

»Stimmt. Der Täter muss einen Schlüssel gehabt haben. Davon gibt es natürlich einige. Ich, meine Sekretärin, zwei der Techniker, das ganze Ensemble, der Choreograf, der Regisseur, die drei Putzfrauen, und wer weiß, wer sonst noch alles.«

»Könnten Sie mir eine Liste davon zukommen lassen?« Wow, Ben fühlte, wie er in Fahrt kam. Zumindest hier, gemütlich im gepolsterten Bürostuhl, fing die Sache an, ihm Spaß zu machen.

»Natürlich. Ich lasse das meine Sekretärin gleich morgen früh erledigen.« Er deutete zuerst auf Ben, dann auf sich. »Wenn wir uns einig werden. Ich hätte ja zumindest gedacht, dass die Polizei so eine Liste auch fordert, aber nichts. Als ich nachfragte, sagte der Kripotyp, dass es da zu viele Möglichkeiten gäbe, und sie sich deshalb nicht drum kümmern könnten.«

»Wie hieß der denn?«

»Das war ein Herr Schnieders. Kriminalinspektion 4.«

»Ach klar, der Schnieders …« Ben zog die Stirn kraus und lächelte wissend. Er fand, es könne nicht schaden, Pedro Möller das Gefühl zu vermitteln, er würde den Herrn Schnieders von der Polizei kennen, was selbstverständlich nicht der Fall war.

»Ach, Sie kennen den? … Ja, klar … Flitzpiepe!« Pedro Möller stieß ein krächzendes, kurzes Lachen aus. Er wirkte beeindruckt.

Volltreffer!

»Sie haben erwähnt, Herr Möller, dass es vorher schon Fälle von Sabotage gab. Was war das?« Ben verspürte den ungeheuren Drang, seine Beine auf die Tischplatte zu legen und sich eine Zigarre anzuzünden, doch er beherrschte sich – außerdem hatte er keine Zigarre im Haus.

»Genau. Zwei weitere Vorfälle gab es, die aber weitaus weniger ins Gewicht fielen. Die haben wir mehr oder weniger abgehakt. Einmal waren alle Kabel aus unseren drei Kassencomputern verschwunden. Monitorkabel, Netzkabel alle weg. Da konnten wir uns relativ schnell helfen, weil wir die Praktikantin nach nebenan in den Elektroladen zum Einkaufen geschickt haben. Eine Woche später waren dann die Schlösser der Eingangstüren mit Sekundenkleber verklebt. Das hat unser Techniker auch schnell wieder im Griff gehabt.«

»Mmmmh, mmmmh«, murmelte Ben nachdenklich, nickte und stellte fest, dass er die Augen zu schmalen Schlitzen geschlossen hatte. »Können Sie sich vorstellen, was für ein Motiv hinter der ganzen Sache steckt?«

Pedro Möller runzelte die Stirn und dachte nach: »Tja, da will wohl ein Mitarbeiter dem Varieté was Schlechtes.«

»Haben Sie da jemand bestimmtes im Blick?«

»Absolut nicht. Ich bin mir nur sicher, dass es keiner von den Künstlern und aus der Technik ist. Wir kennen uns seit Jahren.«

»Also eher jemand aus dem Service?«

»Kommt mir eher schlüssig vor. In dem Bereich gibt es auch eine höhere Fluktuation«, antwortete Pedro Möller mit einem Schulterzucken.

»Vielleicht wurde der von einem Mitbewerber angeheuert?«

»Unwahrscheinlich. Hier in der Stadt gibt es noch ein Varieté, das einer Kette angeschlossen ist und nicht privat betrieben wird. Bei denen fallen die Kosten viel geringer aus, weil die ihre Künstler für zwei Jahre buchen und in die verschiedenen Städte schicken. Außerdem sitzen wir in einer so großen Stadt, die problemlos zwei Varietés verträgt.«

»Dann eher was gegen Sie als Arbeitgeber?«

»Das habe ich mir auch schon überlegt. Klar, man macht sich nicht immer nur Freunde bei den Mitarbeitern. Allerdings kenne ich niemanden, der mir da feindlich gesinnt sein würde und dem ich so dermaßen auf die Füße getreten hätte, dass er so weit geht.«

»Okay.« Das gute alte, flaue Gefühl kehrte in Bens Magen zurück, und er überlegte, ob er die Sache nicht doch an dieser Stelle abbrechen sollte. Sein Blick fiel auf den Kalender, auf dem der 18. August rot eingerahmt war, und er erinnerte sich an seine Mietschulden. Dann sagte er: »Wie stellen Sie sich meinen Einsatz vor? Wenn jemand aus Ihrem Umfeld dahintersteckt, dann wird er vorsichtig werden, sobald ein Detektiv die Bühne betritt.« Er musste selbst über sein kleines Wortspiel lachen, doch Pedro Möller, der keine Miene verzog, schien den Witz nicht zu bemerken. Ben räusperte sich und fuhr fort: »Sie könnten mich als Zauberkünstler engagieren, der vor der Show die Gäste im Foyer unterhält.«

Pedro Möller wiegte den Kopf hin und her und verzog skeptisch den Mund. »Halte ich mitten in der Spielzeit für keine gute Idee. Mit welcher Begründung sollte ich das den Kollegen erklären? Wir sind jeden Tag ausverkauft, trotzdem bleibt von den Einnahmen nicht sonderlich viel übrig. Außerdem müssten Sie ja immer nur kurz vor den Shows vor Ort sein.« Dann setzte er ein breites Lächeln auf. »Aber ich hab da schon eine andere Idee für Sie.«

»Als Masseur?«, fragte Ben entgeistert und hoffte inständig, sich verhört zu haben. Vielleicht hatte Pedro Möller ja doch Regisseur gesagt, oder wenigstens Chauffeur? Hautsache irgendein anderes Wort mit eur am Ende.

»Genau! Dann wären Sie immer mittendrin im Spektakel. Wir hatten vor zwei, drei Jahren einen Choreographen im Team, der gleichzeitig Physiotherapeut war. Der hat sich gut um die Wehwehchen der Künstler gekümmert. Irgendwas haben die ja immer, bei zwei Shows am Tag.«

»Sie sagen es, Herr Möller. Um die Wehwehchen der Künstler. Mein Hauptaugenmerk soll aber doch auf den Mitarbeitern rundherum liegen?«

»Sehen Sie«, sagte Pedro Möller beifallheischend. »Und genau darin liegt die Stärke meines Plans. Sie bieten Ihre Dienste natürlich allen Mitarbeitern an. Gehen schön Klinkenputzen bei den Kollegen und stellen sich überall vor. So kommen Sie richtig schön mit jedem ins Gespräch. Da wird garantiert keiner misstrauisch.«

Ben spürte, wie er misstrauisch wurde. »Und was wäre, wenn Sie mich einfach auch im Service einsetzen? Kasse oder so? Oder an der Bar«, versuchte er einen Kompromissvorschlag.

»Schlecht. Ganz schlecht.« Pedro Möller schüttelte den Kopf. »Da müssen Sie ja richtig arbeiten. Und ins Gespräch kommen Sie mit den Leuten auch nicht. Das würde viel zu lange dauern … Lange Rede. Ich mache die Stelle einfach wieder frei für Sie. Sie bekommen einen Raum im Garderobenbereich und können von da aus schalten und walten, wie Sie wollen. Die alte Massageliege habe ich auch noch irgendwo in den Katakomben rumstehen. So machen wir’s und nicht anders.«

Ben nickte und zog in einer Was-soll-man-machen-Geste die Schultern nach oben. Pedro Möllers Argumente waren schlüssig. Als Masseur hatte er wirklich einen guten Grund, jeden Mitarbeiter einzeln anzusprechen, und es würde auch kein Misstrauen erregen, wenn er zu allen möglichen Tageszeiten vor Ort war. Merkwürdigerweise fühlte er sich gleichzeitig erleichtert und aufgeregt. Erleichtert über die Tatsache, dass er nicht vor 400 Zuschauern auf einer großen Bühne zaubern musste. Und aufgeregt darüber, dass er kurz davor war, einen Job anzunehmen, von dem er überhaupt (aber überhaupt!) keinen blassen Schimmer hatte. Und das auch noch als verdeckter Ermittler, der seines Zeichens wiederum einen Job hatte, von dem er überhaupt (aber überhaupt!) keinen blassen Schimmer hatte.

»Kennen Sie den?«, wollte Pedro Möller wissen.

»Was? Wen?« Ben schwirrte der Kopf, und er meinte, ein leises Piepsen im Ohr zu vernehmen.

»Frank Pracht. Unseren Zauberer.«

Ach richtig, um den ging es. Er nickte. »Ja, den kenne ich. Ist ein netter Kerl.« Er hatte ihn zwei, drei Mal bei Zauberkongressen getroffen und ein paar Worte mit ihm gewechselt. Er war einer von den Zauberern, die auf Anhieb sympathisch wirken und vor Zauberkollegen unproblematisch offen mit ihren Geheimnissen umgehen.

»Das ist er«, bestätigte Pedro Möller und ergänzte: »Was sagen Sie zu meinem Plan?«

»Also ehrlich … Der Gedanke behagt mir nicht besonders.« Die Antwort kam zurückhaltender, als ihm zu Mute war. Er hatte sich wieder so weit gefangen, dass sich ein schrill ausgestoßenes »What the fuck?« angemessener in seinen Ohren angehört hätte. Trotzdem fuhr er in gemessenem Ton fort: »Ich hab doch gar keine Ahnung davon.« In seinem Kopf ploppte ein erschreckendes Bild auf, auf dem er die Hände durch fremdes, rotpockiges Rückenfett knetete und der schwabbelige Kerl auf der Liege dabei genussvoll ächzte und stöhnte.

»Ach, papperlapapp«, Pedro Möller winkte ab. »Brauchen Sie doch gar nicht. Ehrlich. Wenn einer kommt, dann walken Sie den ein bisschen durch und fertig. Latexhandschuhe und alles Mögliche an Ölzeugs besorge ich. Sie haben doch bestimmt schon ab und zu einem hübschen Mädchen die Schultern massiert, oder?« Er schnalzte anzüglich mit der Zunge und kniff dabei ein Auge zu. Zum Glück war die Frage nur rhetorisch gemeint, denn Bens ehrliche Antwort darauf hätte »Äh, nein« lauten müssen. Pedro Möller fuhr fort: »Ist doch egal, wenn die denken, dass Sie eine Niete dabei sind. Aber das glaube ich nicht mal. Das kriegen Sie hin. Improvisieren Sie eben.« Er nickte und klatschte einmal in die Hände, als wollte er signalisieren, dass die Sache damit unwiderruflich beschlossen sei. »Und noch eins.« Jetzt hob er wichtig einen Zeigefinger und setzte erneut den anzüglichen Blick auf. Dann beugte er sich über die Tischplatte, so nah wie möglich an Ben heran und flüsterte: »Wir haben bei uns Frauenüberschuss. Und das sind nicht die Schäbigsten. Das kann ich Ihnen sagen!«

Ben atmete schnaubend aus und ließ sich zurück in seinen Stuhl fallen. Pedro Möller tat es ihm gleich und gab ihm Gelegenheit, die Sache zu überdenken. Als Masseur würde er unweigerlich dicht am Geschehen sein. Und auch das Bild in Bens Kopf hatte nach Pedro Möllers enthusiastischem Plädoyer den größten Schrecken verloren. Und er erinnerte sich an die wenigen Male, als er massiert wurde. Einmal war es eine Sechsersitzung bei der Krankengymnastik gewesen, und einmal hatte er sich nach einem Auftritt im Saunapark Wischlingen eine Lomi-Lomi-Massage gegönnt. Das Rumkneten sollte er wohl hinbekommen, auch wenn es danach aller Voraussicht nach niemandem besser gehen würde.

»Machen wir«, sagte er schließlich und streckte Pedro Möller die Hand entgegen, der augenblicklich einschlug und mit seinem übertrieben festen Händedruck beinahe dafür sorgte, dass Ben gleich an Ort und Stelle einen Physiotherapeuten nötig hatte.

»Den ersten Termin bei Ihnen, nehme ich«, sagte Pedro Möller bestimmt, und Ben blickte ihn entgeistert an.

»Spaaaaaaß«, schickte er prustend hinterher, nachdem er Bens Schrecken eine Sekunde ausgekostet hatte. Dann sagte er in gesetztem Ton: »Heute haben wir einen unserer Ensembleabende. Das ist sowas wie ein Betriebsfest. Das machen wir einmal in der Mitte jeder Saison und am Ende. Da kommen alle Mitarbeiter, nicht nur die Künstler. Da könnte ich Sie mit den Kollegen bekannt machen, und jeder hat Sie mal gesehen. Wie ist das überhaupt? Haben Sie denn gerade noch andere Fälle?«

»Gerade den letzten mit Außeneinsatz abgeschlossen.« Ben wies mit der Hand in Richtung Flur, um an seinen Assistenten Kai Siebert zu erinnern. »Ansonsten gibt es momentan nur eine Menge Recherchearbeit, und die kann ich vom Laptop und Handy erledigen. Kein Problem.« Die Lügen gingen ihm leicht über die Lippen, wie er feststellte. Erstens hatte er gar keinen Laptop, und sein Handy war ein uralter Knochen aus den Pionierzeiten der Mobiltelefonie. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass es zu den wichtigsten Leistungen eines guten Zauberers und sicher auch eines Möchtegern-Detektivs gehörte, die Wahrheit hier und da etwas zu dehnen. Und er tat das ja für einen guten Zweck.

»Bleibt nur noch die Frage nach der Bezahlung. Ich hoffe, wir werden uns einig. Ich dachte mir, ich engagiere Sie erst mal für maximal zwei Wochen«, sagte Pedro Möller.

»Ja. Ja, richtig.« Ben überlegte und spürte den Herzschlag unter seinem karierten Hemd. Es behagte ihm nie, einen Preis zu nennen, selbst bei seinen Engagements. Und meistens ärgerte er sich im Nachhinein, wenn er seine Arbeit wieder mal zu billig verkauft hatte. Bei der Zauberei merkte man das daran, dass die Kunden am Telefon entspannt ausatmeten und postwendend zusagten. Man hörte ihr gewinnendes Lächeln förmlich durch den Hörer. Manchmal hatten sie dann sogar noch den Schneid zu fragen, ob das »wirklich so in Ordnung« sei. »Mein Tagessatz liegt bei 150 Euro«, sagte er entschlossener, als er sich fühlte.

Pedro Möllers Augen leuchteten auf. Er lächelte übers ganze Gesicht und streckte begeistert seine Hand aus. »Ist das auch wirklich so in Ordnung?«

»Plus Spesen!«, setzte Ben mit eingefrorenem Lächeln hinterher, als er Pedro Möllers Hand griff und sich Mühe gab, diese möglichst zu Brei zu quetschen.

Dass dieser Preis viel, viel, viel zu günstig war, sollte sich schon wenige Stunden später im Zack-Varieté herausstellen.

»150 Euro? Alter, Magnum hat schon 200 Dollar als Tageshonorar genommen – und das war 1980.« Kai Siebert saß auf Bens Couch im Wohnzimmer und lachte seinen Freund aus. Eine Flasche Bier in der Hand. Die Reisetasche und die erste bereits geleerte Flasche standen neben ihm auf dem Boden. »Du hättest locker 400 oder 500 nehmen können. Ich meine, schließlich denkt der, du wüsstest, wovon du redest.« Wieder lachte er los. »Und zur Tarnung als Masseur?« Sein Kichern wurde schriller, und er schlug sich mit der flachen Hand mehrfach auf den Oberschenkel, dass es laut klatschte. »Wo hast du dich da wieder reinquatschen lassen?«

»Also bei den Künstlern gibt es weit mehr Frauen«, rechtfertigte Ben sich. »Und das sind nicht die schäbigsten, glaub mal. Alles Artistinnen und so und junges Gemüse bei den Servicekräften.« Er saß Kai gegenüber auf dem Sessel. Die Beine gemütlich auf einem gepolsterten Hocker abgelegt. Couch, Sessel und Hocker waren wild durcheinander gewürfelt. Die Couch, bezogen mit grauem, mittlerweile glänzend geriebenem Velours, gehörte vormals seinen Eltern, er hatte sie auf dem Dach seines Ford Fiesta vom Sperrmüll gerettet. Sessel und Hocker hatte er in der Schnäppchenabteilung bei Ikea entdeckt. Sessel weiß, Hocker blau – im Laden war ihm das wie ein ausgeklügeltes Wohnkonzept vorgekommen. In seinem Wohnzimmer stellte es dann eher eine Beleidigung für die Augen dar. Doch davon gab es ohnehin eine ganze Menge in seiner Wohnung. Die meisten Möbel hatte er irgendwo gebraucht erstanden. Es war ihm nicht wichtig, eine perfekt durchgestylte Wohnung zu haben. Besuch gesellte sich so gut wie nie zu ihm, und wenn sich seine Eltern mal, was selten genug vorkam, zum Kaffee bei ihm einluden, um sich über seinen Lebensstil aufzuregen, beglückte ihn das Chaos in seiner Wohnung umso mehr.

Kai hatte nach Bens schlagfertigem Argument nachdenklich die Stirn krausgezogen und schien die Angelegenheit vor diesem bedeutungsvollen Hintergrund noch einmal abzuwägen. »Mehr Frauen als Männer?«, murmelte er.

»Viel mehr.«

»Artistinnen und so, oder? Und junges Gemüse bei den Servicekräften.«

»Alle perfekt durchtrainiert und fast keine über dreißig.«

Kai verschraubte die Augen, dann sagte er: »Und ich bin doch dein Assistent, oder? Hast du selbst gesagt.«

»Ha, vergiss es«, sagte Ben lachend. »Wenn ich da jemanden durchkneten muss, dann mach ich das schön alleine!«

»Ja, mach du mal«, sagte Kai und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber mal was anderes. Du hast doch überhaupt gar keinen Schimmer von Detektivarbeit. Höchstens vielleicht von deinen TKKG-Kassetten.«

»Drei Fragezeichen«, gab Ben schnippisch zurück. »Als Zauberer hab ich doch sowieso ein detektivisches Gespür … Und außerdem kann jeder Depp sich Detektiv nennen. Meinst du, die haben immer Ahnung. Man muss ja mal was Neues ausprobieren. Und wenn nichts dabei rumkommt, dann schreibe ich eben einen Bericht, dass ich nichts rausfinden konnte und ein bisschen Bla Bla – und die Kohle kassiere ich trotzdem. So!« Er atmete zischend ein und fuhr dann fort: »Sorry, hab bis jetzt nur von mir erzählt. Steffi hat dich rausgeschmissen?«

»Ist schon okay«, entgegnete Kai merklich stiller. »Ja. Sie sagt, sie will sich von mir trennen.« Die kurze Ablenkung durch das Detektiv-Thema schien mit einem Schlag vorbei zu sein.

»Oh Mann, wie scheiße. Warum denn?«

»Na, es war ja schon ’ne ganze Zeit nicht mehr so toll zwischen uns. Hab das nur keinem erzählt. Wahrscheinlich, weil ich das selbst nicht so richtig geglaubt hab.« Er trank den letzten Schluck aus der Flasche und stellte sie zur ersten auf den Boden. Es gab ein leises Klimpern, als die Flaschen aneinanderstießen. Ansonsten herrschte Stille. »Sie hat sich nur noch beklagt, dass ich angeblich nichts auf die Reihe kriege. Ist ja auch irgendwie so. Die kapiert nicht, dass ich keinen Bock habe, in irgend so einer Firma vor mich hinzuvegetieren und Arbeit zu erledigen, die mir vorgesetzt wird.« Er faltete die Hände vor dem Bauch, strich sich dann durchs Haar, um sie danach erneut zu falten. So als wüsste er nicht, weil keine Bierflasche mehr zum Festhalten da war, wohin mit seinen Händen. Er blickte auf den Boden.

Wow, dachte Ben. Das waren Töne von seinem Freund, die man so gar nicht von ihm kannte. Gewöhnlich hielt er sich nämlich, wie er gerne und oft betonte, für den »geilsten Typen unter der Sonne«. Heute offensichtlich nicht. Ben sagte: »Du machst doch viel selbstständig, oder läuft das nicht?«

»Mal so, mal so. Kennst das ja. Hier und da als freier Mitarbeiter in der Programmierung und ab und zu direkt für ’nen Kunden. Das Problem ist, dass manche Monate ganz gut aussehen, und in anderen gar nichts reinkommt.«

»Ja, das kenn ich.«

»Und sie will ja unbedingt ein Kind haben, oder noch besser – Kinder! Und das ist momentan einfach nicht möglich. Die Kohle kann ich dafür nicht ranbringen. Jedenfalls gab es deswegen ständig Ärger, und dann hab ich heute Morgen noch ein Jobangebot von ihrem Vater ausgeschlagen. Da ist sie ausgerastet. Aber bin ich bescheuert? Ich arbeite doch nicht bei ihrem Alten in der Firma. Papas Schoßhündchen oder was? … Nee!« Kai wurde immer lauter, doch das »Nee!« hauchte er mehr, als dass er es sprach. Er stand auf und ging in Richtung Küche. Im Vorbeigehen klopfte er Ben auf die Schulter. »Danke, Alter, dass ich bei dir wohnen kann!«

Wohnen? Ben fand, dass es einen gewissen Unterschied zwischen »Kann ich bei dir pennen?« und »Danke, dass ich bei dir wohnen kann« gab, doch das Thema wollte er erst mal nicht anschneiden. »Ist doch klar, Kollege«, sagte er stattdessen und versuchte, aufmunternd zu lächeln.

An der Küchentür drehte Kai sich noch einmal um. »Wirklich kein Bier?«

»Nein, danke. Ich muss heute Abend einen klaren Kopf haben … Ach ja, und du solltest auch nichts mehr trinken, ich wollte dich mitnehmen.«

»Mich?« Ein Klappern aus der Küche, ein Zischen, dann trat er zurück ins Wohnzimmer. In der Hand eine geöffnete Flasche Bier, in seiner anderen ein Glas Bockwürstchen.

»Ja. Der Typ, dieser Pedro Möller, hat gesagt, ich kann gerne eine Begleitung mitbringen«, sagte Ben mit einem motivierenden Lächeln.

»Der meint bestimmt ein Mädel, Alter.« Kai wirkte weder überzeugt noch sonderlich begeistert.

»Ach, ist doch vollkommen egal. Und wen sollte ich mitnehmen? Der hat dich außerdem schon mal gesehen. Der wird denken, dass ich gleich meinen Assistenten mitbringe und wir gemeinsam die Lage checken. Kann doch nicht schaden. Und ’ne gute Show und was Leckeres zu Essen gibt’s noch dazu. Na?« Ben lächelte noch fetter und hielt einen Daumen hoch.

Es knackte, und ein penetranter Wurstwasserduft machte sich im Raum breit.

»Ja, äh, dann komm ich mit. Klar doch! Nur behandle mich bloß nicht wie deinen Assi!« Kai schien Bens Begeisterung nicht zu teilen.

»Top«, sagte Ben. »Zieh dir was anderes an, dann können wir los!«

KAPITEL 2

Das Kapitel, in dem die Show beginnt und endet,und danach erst die richtige Show abgeht.

Die Bersonstraße in der nördlichen Dortmunder Innenstadt konnte nicht als Aushängeschild bezeichnet werden. Fünf- und sechsstöckige Häuser säumten die Seiten der Straße und wirkten, bis auf wenige Ausnahmen, grau und schäbig. In den Erdgeschossen reihten sich die verschiedensten Geschäfte aneinander. Ein gewissenhafter Beobachter konnte auf den 380 Metern drei Dönerbuden, zwei Italiener, zwei Chinaimbisse und eine Pommesbude ausmachen. Des Weiteren residierten hier noch ein Friseur, ein Elektrofachmarkt, mehrere Billigmodeläden und ein Geschäft für Druckerpatronen. Menschen, die in der Bersonstraße wohnten, brauchten praktisch nie die Straße zu verlassen. Selbst Kultur war hier vertreten. Neben einem Programmkino gab es ein Striplokal und das Zack-Varieté. Dieser Bau war deutlich flacher als die anderen und dehnte sich über die doppelte Grundstücksbreite nach hinten aus. Er hatte den Eingang für die Künstler in der parallel gelegenen Jakobistraße. Dort lag auch der unbewachte Parkplatz, den Ben verbotenerweise benutzte, wenn er die Innenstadt besuchte. Es gab zwar ein Schild Parkplatz nur für Mitarbeiter des Zack-Varietés – unberechtigt parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt, aber diese Warnung wurde niemals wahrgemacht. Es gab einfach mehr Parkplätze als benötigt für die Mitarbeiter, und das Geheimnis um die widerrechtliche Parkmöglichkeit wurde von den Eingeweihten als Geheimtipp behandelt. Ben wusste es von seinem Kumpel Dennis und hatte es noch keinem anderen verraten. Heute wollte er eine Ausnahme machen. Er hatte das Gefühl, sein Freund Kai könne eine Aufmunterung gebrauchen.

Langsam fuhr er seinen klapprigen, rostroten 1995er Ford Fiesta Magic die Auffahrt zum Parkplatz hoch und sagte mit unverkennbarer Freude in der Stimme: »Das hier ist ein Parkplatz, auf dem du immer parken kannst! Den überwacht keiner. Ich parke hier jedes Mal, wenn ich einkaufen gehe.« Er streckte in einer präsentierenden Geste die Hand aus und blickte seinen Freund verschwörerisch an.

»Weiß ich. Weiß jeder!«, sagte Kai, der seit seinem vierten Bier recht kurz angebunden war und grimmig aus der Frontscheibe schaute. Er hatte seine fünfte Flasche Bier einsatzbereit zwischen die Beine geklemmt.

Ben wollte protestieren und holte tief Luft für einen verbalen Gegenschlag, besann sich aber eines Besseren und hielt den Mund. Er stellte sein Auto neben die C-Klasse von Pedro Möller. Ben wusste, dass es dessen Auto war, denn er hatte den Varietéchef durch die Vorhänge hindurch beobachtet, als dieser sein Büro/Probenraum verlassen hatte. Sorgen bereitete Ben, dass Kai immer besoffener wurde. Im Moment war er damit beschäftigt, aus dem Fußraum des Fiesta sein sechstes Bier zu fischen und es mit den Worten »Für später. Blöde Weiber!« in seine hintere Hosentasche zu stopfen.

Sie umrundeten das Gebäude über einen schmalen Kiespfad, vorbei an einer verrosteten Tür, die mit Künstlereingang beschriftet war, und einer fensterlosen, langen Wand, hinter der der Vorführsaal lag.

Bei Tage war das Zack keine Augenweide und reihte sich ebenso trostlos wie die übrigen Gebäude in die Straße ein. Es wirkte, als wäre es schon vor langer Zeit »in die Jahre« gekommen. Die Schrift auf dem roten Vordach verkündete in goldenen Lettern Zack Varieté-Theater. Hinter einer Glasfront, in der sich mittig der Eingang befand, prangten Bilder und Plakate der aktuellen Produktion mit dem Namen Back to the Roots neben Schwarz-Weiß-Fotografien von Künstlern aus Produktionen vergangener Tage. Auf einem Flachbildschirm in Augenhöhe lief in Endlosschleife ein Film mit den Highlights der Show. Seinen Glanz versprühte das Gebäude erst in der Dunkelheit, sobald die indirekte Beleuchtung die roten Wände in ein zauberhaftes Licht tauchte. Dann leuchteten die anthrazitfarbenen Steinstufen, die unter das Vordach führten, zart golden. Aus versteckten Lautsprechern ertönte gedämpfte Musik, und zwei Mitarbeiter in roter Uniform erwarteten die Gäste an beiden Seiten der geöffneten Eingangstür.

Ben sah auf die Uhr. Zehn vor sieben. Sie hatten noch über eine Stunde Zeit, bis die Show begann, und Ben hoffte, sich vorher ein wenig umsehen zu können. Vielleicht ergab sich auch die Möglichkeit, noch einmal mit Pedro Möller zu sprechen und seine Schlüssel zu erhalten. Kai parkte er am besten so lange an der Bar.

Bis jetzt hatten sich nur wenige Leute im Foyer eingefunden, doch in einer halben Stunde würde es hier nur so von Menschen wimmeln. Ben marschierte auf direktem Weg zum Ticketschalter, Kai schlurfte brav hinterher, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, um sein geheimes Mitbringsel in der Hosentasche vor den Blicken der Mitarbeiter zu schützen. Durch eine verkratzte Plexiglasscheibe strahlte eine junge Frau der Marke »Ich bin Germanistikstudentin, und das ist nur mein Nebenjob« Ben warmherzig lächelnd an.

»Guten Abend«, sagte Ben. »Für mich sollen zwei Karten hinterlegt sein. Ben Pruss.« Die Dame nickte, ohne ihren Gesichtsausdruck zu variieren, tippte klackernd in die Tastatur und blickte in den Monitor. Sekunden später setzte sich ein Drucker neben dem Bildschirm sirrend in Bewegung. Routiniert riss sie die Karten an der Perforation ab und überreichte sie Ben. »Tisch 12. Mit den besten Grüßen von Herrn Möller. Sie möchten bitte in sein Büro kommen. Die Tür hier links, dann den Gang durch und die vorletzte Tür rechts.«