Vun nix kütt nix! - Stefan Krewinkel - E-Book

Vun nix kütt nix! E-Book

Stefan Krewinkel

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Beschreibung

Wie bringt man der Jugend - oder Erwachsenen - wirtschaftliche Zusammenhänge leicht verständlich bei? Durch Vergleiche mit dem Sport - Wirtschaft ist Wettbewerb; auf nationaler Ebene wie auch in der globalisierten Welt. Der Versuch einem fiktiven Jungen die Geschehnisse von vor 10 Jahren verständlich zu erläutern ist durchaus auf die heutige Zeit übertragbar, da sich so viel bis heute nicht verändert hat...

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Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Epilog

Prolog

„Viva Colonia“ sangen die meisten der Zuschauer laut und gutgelaunt mit. Viele trugen Trikots des 1.FC Köln oder rot-weiße Schals, genau wie meine Freunde Andreas, Volker und Michael.

Mein Name ist Arthur Kupfer und heute ist mein 10. Geburtstag. Heute ist Sonntag, der 7. November 2004 und mein Vater hat mich und die Jungs zum FC eingeladen. Obwohl das Wetter wie immer an meinen Geburtstagen schlecht war, waren wir sehr aufgeregt, denn wir waren alle das erste Mal im ’Rhein-Energie-Stadion’. Die Stimmung war echt klasse und wir freuten uns auf den Anpfiff. Leider konnte Lukas Podolski heute nicht mitspielen, er war verletzt.

Um 15.00 Uhr pfiff der Schiedsrichter das Spiel gegen den LR Ahlen an und der FC spielte sofort nach vorne und versuchte ein Tor zu schießen. „Das sieht alles sehr überhastet aus.“, meinte Papa nach einigen Minuten. „Wer will eine Wurst?“ Natürlich wollten wir alle. Während Papa die Würste holte, konnte Matthias Scherz eine Flanke nur an die Latte köpfen. Das Geräusch im Stadion war unbeschreiblich als die Leute - wie wir Jungs - hoch sprangen, dann aber doch nicht „Tor“ schrien. Papa erklärte uns, als er mit den Würsten kam: „Die Leute haben gerade geraunt.“ Während ich meine Wurst aß, war ich froh, ein neues Wort gelernt zu haben. Als ein Ahlener kurze Zeit später alleine vor Alexander Bades Tor auftauchte und dieser toll den Rückstand verhinderte, raunten die Leute wieder. Immer wieder feuerten die Zuschauer den FC an; mit Liedern, die wir Jungs leider nicht kannten. In der 39. Minute schoss Matthias Scherz nach einer schnellen Kombination das 1:0. Ein Riesenjubel ging durch das Stadion und wir Jungs sprangen hoch und umarmten uns, so wie die anderen Zuschauer es taten. Alle waren jetzt sehr zufrieden und riefen laut den Namen des Torschützen, als der Stadionsprecher das 1:0 ansagte. Das hat Spaß gemacht. In der Nachspielzeit der 1. Hälfte bekam der FC noch einen Freistoß. Diese Flanke konnte Matthias Scherz zum 2:0 einköpfen. Wieder jubelten wir mit den anderen Zuschauern und freuten uns riesig über das Tor noch vor der Halbzeit. Dies war bestimmt eine Vorentscheidung - so nennen sie das immer im Fernsehen. Wieder feierten wir Matthias Scherz als Torschützen, während die Mannschaften den Platz verließen. Viele Zuschauer blieben stehen oder gingen ein bisschen im Stadion herum, um auf die Toilette zu gehen oder sich eine Wurst zu kaufen. Wir diskutierten noch und bemerkten nach einigen Minuten, wie beschissen das Wetter war. Deswegen wünschten wir uns, dass die 2. Halbzeit schnell beginnt, um abgelenkt zu sein. In der 2. Hälfte kontrollierte der FC souverän das Spiel, dadurch war es allerdings auch nicht mehr so aufregend. „Irgendwie haben die Zusammenfassungen im Fernsehen auch ihre Vorteile.“ „Genau. Zuhause ist es nicht so kalt.“ „Und man sieht nur die interessanten Szenen.“ „Klar, aber jetzt bleiben wir auch bis zum Ende.“ „Logisch.“ Irgendwann sagte der Stadionsprecher, dass heute 33.400 Zuschauer im Stadion waren. In der 78. Minute schoss Sinkiewicz unhaltbar aus 18 Metern das 3:0. Dies feierten wir alle gut gelaunt, auch froh eine Abwechslung zu haben. Nun gingen einige der Zuschauer, hier war alles klar. Wir freuten uns kurz darauf dann über den Abpfiff und versuchten schnell zum Auto zu kommen. Leider dauert es ein bisschen länger, bis so viele Menschen aus einem Stadion raus sind. Auf dem Weg hörten wir noch, dass Fürth nur 2:2 gespielt hatte, dadurch war der FC jetzt Tabellenführer. Super. Nach einer Viertelstunde saßen wir Jungs hinten im Auto und dass wir im Stau standen störte uns nicht besonders, da die Heizung schnell funktionierte. Papa gab uns eine Dose Kekse und die Diskussion ging los: „Wir müssen alle Lieder lernen.“ „Da müssen wir noch mal hin.“ „Aber nicht im Winter.“ „Nach dem Aufstieg, im Sommer.“ „Ja, oder schon im Frühling.“ „Ganz sicher.“ „Auf jeden Fall.“…

Köln-Porz ist auf dem Stadtplan von Köln in Richtung 5 Uhr und liegt zwischen Rhein und dem Flughafen. Wir wohnen in der ‚Richard-Wagner-Straße’, Andreas im ‚Constanzeweg’ und Volker und Michael wohnen in der ‚Mozartstraße’ in Porz-Eil. In diesen Straßen gibt es einige Reihenhäuser, Doppelhaushälften und Einfamilienhäuser. Die ganze Siedlung ist in ihrem Inneren durch Spielstraßen verbunden, das ist für die Kinder natürlich toll - besonders im Sommer. Porz-Eil wird durch die Flughafenautobahn vom Königsforst getrennt, das ist ein großer Wald mit Erholungszentrum und Wildgehege.

Als wir zu Hause ankamen warteten alle Eltern bereits auf uns. Sie aßen Frikadellen, die Mama am Nachmittag gemacht hatte und tranken Bier oder Saft. „Und? Wie war das?“ „Super!“ „Riesig, nur zu kalt.“ „Da will ich noch mal hin.“… So ging es einige Zeit weiter, ich trank heißen Kakao. Irgendwann war es für alle Zeit zu gehen. Tschö bis morgen in der Schule, Schlafanzug, Zähne putzen und ins Bett. „Das war ein toller Geburtstag. Und der FC ist Tabellenführer. So muss das sein“, dachte ich, bevor ich einschlief.

Um 7.00 Uhr klingelte der Wecker und los ging’s. Pinkeln, duschen, Zähne putzen, anziehen und runter zum Frühstück. Papa hatte bereits die Zeitung gelesen und mir den Sportteil an meinen Platz gelegt. Er zog sich gerade seine Anzugjacke an und sagte, als ich zum Esstisch kam: „Da könnt ihr gleich die Tabelle studieren und den nächsten Spieltag planen, Arthur. Tschö und schönen Tag.“ Mama gab er zum Abschied ein Küsschen und wünschte ihr auch einen schönen Tag. Dann nahm er seinen Mantel und seine Aktentasche und ging zur Garage, um zur Arbeit zu fahren. Papa arbeitet bei einer Versicherung, er legt dort Geld in Wertpapieren an. Die Kunden der Versicherung bezahlen regelmäßig etwas Geld, die Versicherungsprämie, um bei einem bestimmten Ereignis, dem Schadensfall, viel Geld zu bekommen. Das kann ein Autounfall, ein Wohnungsbrand oder ein Todesfall sein. Man kann sich auch gegen andere Risiken versichern, zum Beispiel wenn man einen Anwalt braucht oder einen bestimmten Arzt besuchen möchte. Die Versicherung sammelt die Prämien von allen Kunden auf einem Bankkonto und kauft mit dem Geld dann bestimmte Sachen, um das Geld zu vermehren. Das können Grundstücke und Gebäude sein, hier erhält die Versicherung dann Mieteinnahmen. Oder festverzinsliche Wertpapiere, hier erhält die Versicherung Zinseinnahmen. Im Sommer 2015 sind diese Einnahmen deutlich niedriger als 2004, da das Zinsniveau deutlich tiefer ist. Oder Aktien von Unternehmen, hier erhält die Versicherung Dividenden - aber nur, wenn das Unternehmen Gewinn macht.

Um zehn vor acht traf ich mich wie jeden Morgen mit Michael, Volker und Andreas an der Schulstraße und wir gingen zum Eingangstor unserer Grundschule, überquerten den Schulhof und betraten unser Klassenzimmer der 4b. Heute hatten wir Rechnen, Deutsch, Musik (hoffentlich müssen wir nicht singen) und Englisch. Mit dem Schulstoff hatten wir keine Probleme. Das lag daran, dass wir den mit unseren Eltern wiederholten. Allerdings hatten einige ausländische Kinder noch immer Probleme mit der deutschen Sprache. Naja, wenn die nicht rechtzeitig Deutsch lernen, wird das auch später schwer für die. Das wird immer schwerer für die bleiben, als für uns. Muss man auch mal drüber nachdenken. Außerdem gab es noch Basteln, Sport, Religion und Sachunterricht als Schulfächer. Im Oktober baten einige Eltern die Schule darum, dass wir während der kalten Jahreszeit nachmittags die Sporthalle nutzen dürfen. Deswegen konnten wir jetzt jeden Dienstag und jeden Donnerstag nachmittags in der Halle Fußball gegen die Jungs aus der Leidenhausener Straße spielen. Das war bei dem Wetter eine tolle Sache.

In der Pause blieben wir im Klassenzimmer - es regnete wieder und der Pausenhof blieb leer. Wir packten unsere Pausenbrote aus und studierten die Tabelle der 2. Liga. Der FC war seit gestern Spitzenreiter vor Fürth und heute spielt noch Duisburg gegen Aachen, der Dritte gegen den Vierten. Egal wie das ausgehen wird, der FC bleibt oben. Nächste Woche geht es nach Unterhaching, die sind Achter und haben in Karlsruhe verloren, das wird schon klappen. Fürth spielt gegen Saarbrücken, Aachen gegen Essen und Duisburg gegen Cottbus. Da bleiben wir Erster.

Nach der Schule gingen wir nach Hause, ich aß mit Mama zu Mittag und anschließend machte ich meine Hausaufgaben. Später kontrollierte Mama die Hausaufgaben und besprach sie mit mir.

Seit ich in der Schule bin, arbeitet Mama wieder im Kindergarten in der St.-Rochus-Straße. Sie macht dort gymnastische und rhythmische Übungen mit den Kindern zur Verbesserung der Grob- und Feinmotorik. Das heißt, dass sie mit den Kindern Bewegungen des Körpers übt.

Unsere Eltern sind sich einig, dass wir Jungs uns montagnachmittags nicht sehen sollen, damit wir lernen, uns auch alleine zu beschäftigen. Dienstag und Donnerstag spielten wir Fußball und am Mittwochnachmittag fuhren wir mit unseren Müttern ins Schwimmbad. Also spielte ich nach den Hausaufgaben mit meinen ‚LEGO’-Steinen und baute Fußballstadien oder Hochhäuser, las in meinen Büchern oder Comics oder malte Flugzeuge oder Schiffe oder sonst was. Die ganze Zeit lief dabei das Radio. Papa kam normalerweise zwischen halb sieben und halb acht zurück - er trug immer einen dunklen Anzug und ein weißes Hemd mit Krawatte, dazu schwarze Strümpfe und schwarze Schuhe. Sofort nach der Begrüßung ging er sich umziehen, meist Jeans und Holzfällerhemd, dazu Hauslatschen. Beim Abendbrot unterhielten wir uns über die Dinge, die tagsüber geschehen sind oder ich ließ mir Sachen erklären, die ich im Radio gehört hatte.

An jedem Mittwoch fährt Papa mit Bus & Bahn zur Arbeit, da Mama den Wagen braucht, um mit uns Jungs und unseren Müttern ins Schwimmbad zu fahren. Aus diesem Grund legt er Termine und Geschäftsessen gerne auf Mittwoch, denn dann kann er Bier oder Wein trinken ohne an seinen Führerschein denken zu müssen. Da ist Alkohol drin und davon wird man betrunken und es ist verboten, betrunken Auto zu fahren. Wenn man erwischt wird, nimmt die Polizei einem den Führerschein ab, und es kann lange dauern, bis man ihn zurückbekommt.

An diesem Mittwoch fuhren wir wie immer mit dem ‚Defender’. Das ist ein Geländewagen mit zwei quer gestellten Sitzbänken da, wo andere Geländewagen den Kofferraum haben.

Auf diesen Bänken saßen wir Jungs und machten Quatsch. Vorne auf dem Beifahrersitz saß Michaels Mutter.

In dem Wagen von Volkers Eltern saß seine Mutter und Andis Mutter und auf der Rückbank saß Volkers 13-jährige Schwester Ute und Andis 12-jährige Schwester Ines. Wir Kinder hatten wie immer im Kombibad in Porz-Zündorf - das liegt am Rhein - eine Menge Spaß, während sich die Mütter mit Schwimmen, Solarium und unserer Aufsicht abwechselten. Anschließend fuhren wir in eine Pizzeria, um zusammen Abend zu essen. Nachdem wir zu Hause ankamen ging es sofort ins Badezimmer und anschließend ins Bett. Papa hatte heute wieder einen Termin.

Am Freitag war das Wetter zu schlecht, um draußen zu spielen: „Wir treffen uns heute nicht. Wir sehen uns Sonntag bei Michael.“

1

„Papa, was bedeutet es für uns, dass der Herr Bush noch mal Präsident wurde?“ „Für den FC recht wenig.“ begann Papa. „Der schafft den Aufstieg mit oder ohne ihn. Ansonsten denke ich, dass die Amerikaner weiter Schulden machen werden. Somit werden sie weiter Geld ausgeben, welches sie nicht haben, um auch deutsche Produkte zu kaufen.“ „Was denn für Produkte?“ „Cola, Schiffe, Jeans, Computer, Kühlschränke, Fußballschuhe, Autos, Eiscreme, was auch immer.“ „Das hört sich gut an.“ „So gesehen, ja. Sogar für die gesamte Weltwirtschaft. Es ist aber nicht abzusehen, wann und wie diese Schulden zurückbezahlt werden. Irgendwann wird das mal böse Züge annehmen, wenn dieser Trend nicht beendet wird.“ Im Sommer 2015 ist nicht nur die amerikanische Volkswirtschaft so hoch verschuldet wie lange nicht mehr. Besonders einige europäische Volkswirtschaften sind gemäß gängiger Lehre überschuldet; das bedeutet, sie werden die aufgenommenen Schulden nicht mehr zurückzahlen können. All das sind Auswirkungen der globalen Finanzkrise, die 2007 begann. „Wieso?“ „Irgendwann muss man seine Schulden zurückzahlen. Sonst zahlt man nur noch Zinsen, ohne etwas davon zu haben. Im Moment sind die Zinsen niedrig. Das heißt, diese Schulden kosten nicht viel.“ „Und wenn die Zinsen steigen?“ „Dann ist Geld knapper und Schulden kosten mehr. Dann macht man nicht so gerne neue Schulden und dann kommt von dieser Seite auch weniger Geld in den Kreislauf der Wirtschaft. Was denkst Du macht der FC, wenn er aufgestiegen ist?“ „Feiern.“ „Logisch. Wir auch. Und dann? Bleibt die Mannschaft unverändert?“ „Nee. Die werden neue Spieler kaufen.“ „Genau. Um den Klassenerhalt zu sichern. Und bei tiefen Zinsen wird der FC mehr Kredit aufnehmen können und wollen als bei hohen Zinsen.“ „Weil das Geld billiger ist?“ „Richtig. Und wer mehr Geld hat, kann auch mehr Geld ausgeben.“ „Und wie zahlt der FC den Kredit zurück?“ „Von den höheren Fernseheinnahmen aus der Bundesliga. Schaffen sie es nicht, drin zu bleiben - Pech gehabt. Dann müssen sie Spieler verkaufen, um die Kredite zurück zu bezahlen.“ „Die bleiben drin.“ „Abwarten. Borussia Dortmund hat Probleme, weil sie die Teilnahme an der Champions League eingeplant und nicht geschafft haben. Jetzt müssen sie Spieler verkaufen. Sie wollten ihre Kredite mit Fernseheinnahmen aus der Champions League zurück bezahlen.“ „Pech. Und wer erhöht die Zinsen?“ „Das machen die Zentralbanken. Die achten darauf, dass durch das viele billige Geld keine Euphorie entsteht, welches die Preise steigen lässt. Man kauft dann zu viel auf Kredit, weil es ja wenig kostet und die Preise steigen durch die vermehrte Nachfrage. Das nennt man Inflation. Im Sommer 2015 sind die Zinsen immer noch auf Rekordtiefständen, da die Zentralbanken weltweit Deflationstendenzen bekämpfen. Das ist nicht gut.“ „Wieso?“ „Wenn zwei oder drei Vereine den Lukas Podolski kaufen wollen, kann es sein, dass die sich im Preis gegenseitig überbieten.“ „Das ist doch gut für den FC.“ „Klar, der bietet etwas an, das knapp ist. Aber es ist schlecht für die Käufer. Wenn die Zinsen höher sind, bieten die Vereine nicht so aggressiv, weil das Geld dann teurer ist. Zurzeit macht man dies aber sowieso eher nicht, da man sich irgendwo auf der Welt einen Spieler sucht, der ähnlich gut und nicht so teuer ist.“ „So gut wie der Podolski?“ „Ja, denkst Du etwa das ist nicht möglich? Das ist ein Vorteil der Globalisierung, man sucht sich das Benötigte von Anbietern aus der ganzen Welt und findet häufig ein günstigeres Angebot. Dabei hilft auch das Internet. Ein Nachteil ist für einige Verkäufer die Tatsache, dass man selber mit zu hohen Preisen kalkuliert. Dortmund muss jetzt ja Spieler verkaufen, weil sie nicht in der Champions League sind. Denen kann es passieren, dass sie weniger Geld für einen Spieler erhalten, als sie früher bezahlt hatten. Dann muss man eventuell einen zweiten Spieler verkaufen, obwohl man das nicht einplante.“ „Das ist doof.“ „Doof für Dortmund auf jeden Fall. So kommt Druck auf die Preise. In der Weltwirtschaft findet man heute mehr Anbieter von Autos als früher. Das heißt für uns, dass die Auswahl größer geworden ist. In Asien werden die Autos in modernen Fabriken von Arbeitern montiert, die weniger Lohn erhalten als Arbeiter in Europa oder Nordamerika. Diese Autos können dadurch billiger angeboten werden, logisch?“ „Logisch. Das heißt, ich zahle nicht mehr so viel für den Dortmunder Spieler, wie er früher mal kostete. Ich habe jetzt mehr Auswahl.“ „Genau. Aber ich brauche nicht mehr Spieler. Bei Fußballern kommt das Angebot eher aus Südamerika und Osteuropa.“ „Ich kann aber nur 3 Spieler aus Nicht-EU-Ländern aufstellen.“ „Irgendwie sowas, ja. Das nennt man Quote. Die teureren Autoproduzenten müssen jetzt reagieren. Sie haben laufende Kosten für Mieten, Lohnzahlungen, Energie und Zinsverpflichtungen. Das sind die sogenannten Fixkosten, die hat man. Im Sommer 2015 sind in den USA Fabriken wieder unter Dampf, da durch Fracking die Energiekosten deutlich sanken, während die Energiewende in Deutschland die Stromkosten erhöhte und somit Produktion verschwinden könnte. Deswegen müssen sie, wie Dortmund, ständig Geld bekommen. Und deswegen geben sie Rabatte und machen Sonderangebote. Dadurch verkaufen sie ihre Produkte billiger als kalkuliert und machen weniger Gewinn. Oder sogar Verlust. Das kann man nicht ewig machen. Jetzt muss man radikaler sein; Dortmund verkauft einen zweiten Spieler, Im Sommer 2015 hat solch eine Liquidation von Vermögenswerten im großen Stil seinen Zenit überschritten, die Unternehmen sind in der Regel nicht mehr klamm. der Autoproduzent muss Kosten senken.“ „Er muss Fabriken schließen, so wie ‚Opel’ es plant.“ „Ganz so schnell geht es nicht. Am Material für das Auto kann er schwer sparen, wenn die Qualität gleich bleiben soll, richtig?" „Richtig, er braucht immer noch vier Reifen pro Auto, plus Reserverad.“ „Genau. An dem haben einige Hersteller sogar schon gespart. Und ein bisschen noch an dessen Qualität. Die Zinsen für Kredite sind auch da. Im Sommer 2015 sind die Zinsen weltweit auf rekordtiefen Niveaus. Also findet er schnell heraus, dass der einzige große Kostenblock, den er beeinflussen kann, die Lohnkosten sind. Er muss es schaffen, dass die Leute für das gleiche Geld mehr arbeiten.“ „Machen die das denn?“ „Nicht automatisch. Es gibt Verträge, die man einhalten muss. Die müssen neu verhandelt werden. Eine andere Möglichkeit ist, dass insgesamt weniger Lohn bezahlt wird. Wie kann das gehen?“ „Jeder bekommt weniger.“ „Das geht. Was noch?“ „Dadurch, dass weniger Leute arbeiten.“ „Das nennt man Entlassungen. Das sollte die letzte Möglichkeit sein. Man muss eine Einigung finden, die Entlassungen vermeidet. Klappt das nicht, werden oft sogar Werkschließungen notwendig.“ „Das klingt nicht gut.“ „Ist es auch nicht. Dortmund muss Spieler verkaufen, damit der Verein überleben kann. Schlimmer ist der Blick in die Zukunft. Geht es dem Autohersteller wieder besser, wird er neue Jobs vielleicht nur in Ländern schaffen, in denen die Arbeitskosten so niedrig wie bei seinen Wettbewerbern sind.“ „Das macht Sinn. Das ist aber nicht gut für Deutschland, oder?“ „Nein, Arthur. Der Druck für Deutschland und andere Länder, sich anzupassen, ist enorm. Aber daraus kann Deutschland gestärkt hervor kommen, wenn es mal gemacht wurde. Wenn Deutschland nur seine Ersparnisse verfrühstückt, mag das eine gewisse Zeit funktionieren - bis sie weg sind. Aber einige unserer Sachen sind Weltklasse. Und genau das wird Deutschland helfen. Weil es den Anderen immer besser geht, können die sich immer mehr Sachen leisten, auch deutsche. Und sie wollen es auch.“ „Weil sie jetzt mehr verdienen.“ „Genau. Im Inland klemmt es eher. Wir haben fast alles, der letzte große Schub war die Umstellung von analog zu digital. Da war jeder dabei, das war neu. Jetzt hat fast jeder seinen Computer, seine Digitalkamera und den DVD- und CD-Player nebst Discs. Da kommen nur noch Feinheiten hinzu, nichts grundlegend Neues mehr. Wir kaufen irgendwann noch einen DVD-Rekorder, dann sind wir zuhause durch. Da kommt nicht mehr viel. Vielleicht mal was für unterwegs. Im Sommer 2015 hat Apple das iPhone 6 und die Apple Watch als letzte Neuerscheinung im Programm. Samsung und andere Anbieter lancieren ebenfalls regelmäßig neue Modelle ihrer Smartphones, Tablets und wearables. Aber das warten wir ab. Und einen ICE oder TGV brauchen wir ja nicht.“ „Nee. Da haben wir doch keinen Platz für. Selbst im Garten nicht.“ „Wirklich nicht. Aber draußen haben viele das moderne Zeug noch nicht, die wollen das auch haben. Und zwar das Aktuellste. Und auch andere Sachen, die für uns selbstverständlich sind. Es gibt noch jede Menge Menschen, die noch nie einen Kaugummi, eine Jeans oder gar ein Flugzeug gesehen haben.“ „Echt, gibt’s das?“ „Oja, das sind die Märkte der Zukunft. Kann sein, dass die das nur aus dem Fernsehen kennen.“ „Glaub ich nicht.“ „Doch Arthur. Und die Hollywoodfilme helfen denen, es kennen zu lernen. Im Sommer 2015 sind Blockbuster mit übermäßigem Product-Placement keine Seltenheit mehr, exemplarisch sind die James-Bond-Filme zu nennen. Die wollen das dann auch haben. Und irgendwann können sich immer mehr von denen es auch kaufen. Wenn es denen gut geht, geht es uns auch gut.“ „Und irgendwann bauen die den Kram selber.“ „Genau. Und bald danach kaufen wir dann deren Kram. Und einige bauen dann hier sogar Fabriken und wir arbeiten dann für die. Aber heute nicht mehr, es ist fast neun.“ „Ups, ich schau nur noch schnell Videotext. Wo ist die Macht?“ Die Fernbedienung wurde bei uns ‚Macht’ genannt, denn wer sie hat, hat die Macht über das Programm.

SAT1 – VT – Seite 244: Fürth gewinnt 2:0 und ist wieder Erster. „Abwarten, nur bis Montag. Dann spielt der FC in Unterhaching.“ Am Montagabend findet das Topspiel der 2. Liga statt, das auch live im Fernsehen übertragen wird. Komisch, dass der FC nicht immer montags spielt, ist aber auch gut so.

2

Am Samstag kaufte Papa frische Brötchen und frischen Aufschnitt vor dem Frühstück. Wir alle mochten die Frühstücke am Wochenende, länger schlafen, keine Eile und einfach nur Gemütlichkeit. Anschließend ging es zum Großeinkauf. Alles, was für die nächste Woche gebraucht wurde, kauften wir in den nächsten Stunden in diversen Geschäften ein. Supermarkt, Getränkemarkt, Tankstelle, Baumarkt usw. Am Nachmittag half ich Papa bei einigen Reparaturen. Naja, ich schaute eher zu, wie dieses und jenes funktioniert.

Mama und Papa hatten vor einiger Zeit damit begonnen, ihre CDs durch DVDs zu ersetzen. Besonders die Konzerte. Jeden Samstag versuchten sie auf 'ebay' DVDs zu kaufen, die zuhause eine CD ablösen sollte. Die CDs bekam dann ich. Mama wollte keine CDs oder DVDs gebrannt bekommen, dies sei nicht korrekt. Aber sie hatte kein Problem damit, gebrauchte DVDs auf 'ebay' zu kaufen. Das sind wenigstens Originale und sie kosten weniger als im Geschäft. Wenn Papa sagte, der Verkäufer habe sie bestimmt vorher kopiert, war ihr das egal. Sie macht das nicht. Dieses Wochenende versuchten wir eine ’Aerosmith’-DVD zu ersteigern. Papa erklärte mir das Prinzip. „Jedes 'ebay'-Mitglied kann etwas, das es verkaufen möchte auf der Internetseite von 'ebay' anbieten. Das kann eine DVD sein oder eine Comic-Sammlung oder ein altes Möbelstück. Was auch immer, theoretisch könnte der FC auch den Podolski anbieten. Normalerweise ist das Angebot 10 Tage gültig und alle interessierten Käufer können während der Laufzeit einen Maximalpreis abgeben.“ „Und wann machen die das?“ „Das kann jeder für sich entscheiden. Wir bieten jetzt für diese DVD 8,50 Euro, das Angebot läuft bis Dienstag. Wenn bis dahin irgendeiner mehr bietet, haben wir Pech gehabt.“ „Und wann wissen wir das?“ „Wir kriegen sofort mit E-Mail Bescheid, wenn wir nicht mehr an erster Stelle stehen. Dann können wir noch höher bieten, wenn wir wollen.“ „Und? Wollen wir das?“ „Das entscheiden wir dann, aber wahrscheinlich nicht. Wir müssen ja auch noch das Porto bezahlen.“ „Warum?“ „Der Verkäufer bekommt vom Käufer die gebotene Summe und das Porto bezahlt. Er muss die Ware dem Käufer schicken, wenn der sie nicht selber abholen kann oder möchte. Also müssen wir das Porto mitrechnen, um die DVD mit dem Ladenpreis zu vergleichen, logisch?“ „Logisch, aber warum kaufen wir nicht alles bei 'ebay', wenn es hier billiger ist?“ „Erstens wird nicht alles, was man gerade braucht, angeboten und zweitens sollte man nicht alles dort kaufen. Willst du Schuhe am Computer kaufen, ohne sie vorher zu probieren?“ „Nein, aber sonst?“ Im Sommer 2015 ist der Schuhversender Zalando etabliert. „Falls etwas wirklich billig ist, werden viele Käufer einfach mehr bieten, weil es so billig ist - bis die Differenz nicht mehr so groß ist. Das nennt man Arbitrage - der Markt reguliert die Preise, bis sie fast überall gleich sind. Die Geschäfte müssen - wie Dortmund seine Spieler - zu tieferen Preisen verkaufen, wenn sie überhaupt noch Geschäft machen wollen. Man sieht die Preise wie den Käse auf einer Pizza durch die Backofenscheibe schmelzen, das nennt man Transparenz.“ „Das ist doch gut, oder?“ „Für uns Verbraucher schon, wir haben einen besseren Überblick beim Vergleichen. Das passiert seit ein paar Jahren weltweit, das Internet bringt Transparenz. Bei uns mit der DVD und auf der ganzen Welt mit Autos, Computern oder Lokomotiven oder sonst was. Du darfst nur nicht das Porto vergessen. Ein Auto um die halbe Welt zu transportieren ist teurer als einen Brief mit DVD durch Deutschland zu schicken. Und für die Umwelt ist das auch nicht unbedingt das Beste.“ „Das stimmt, aber ich kann im Internet alles kaufen.“ „Fast alles, es gibt mehr Angebot und dadurch verdienen viele Unternehmen weniger Geld - weil sie weniger verkaufen und wenn, dann eventuell nur für weniger Geld. Das ist ähnlich wie bei den Autoherstellern. Das vermehrte Angebot ist nicht hilfreich für die, sie müssen neue Ideen entwickeln. Denn solange andere billiger herstellen können und damit die noch hohen Preise erzielen können, machen die das natürlich auch.“ „Na klar, würde ja jeder machen.“ „Zumindest wenn er das kann. Für uns ist das, wie gesagt, von Vorteil. Mehr Angebot und mehr Auswahl.“ „Bis einige weg sind. So wie bald 'Opel'.“ „So wie eventuell bald 'Opel'. Wir können ja nicht jeden Tag ein neues Auto kaufen. Das zusätzliche Angebot muss schließlich nachgefragt werden. Auch zu tieferen Preisen.“ „Klar, es muss erstmal einer die Dortmunder Spieler haben wollen.“ „Und wenn jetzt lieber einer einen dieser billigeren Dortmunder kauft als den teuren Podolski, den viele haben wollen?“ „Selbst schuld.“ „Und wenn, Arthur?“ „Dann gibt es weniger Inflation beim Podolski.“ „Genau. Das Gegenteil von Inflation heißt Deflation. Und das hohe Angebot an Spielern mindert das Inflationspotential. Ein Dortmunder Spieler ist jetzt verkauft und somit fällt ein Käufer auch weg. Dortmund muss weiter verkaufen, zur Not auch billig, wenn die nicht genug Geld mit einem Spieler bekommen.“ „Dann muss man den zur Not auch woanders hin verkaufen. Oder die haben vielleicht einen von den Ausländern, der zurück will.“ „Kann sein. Irgendwas müssen sie sich einfallen lassen.“ „Dann muss 'Opel' dahin verkaufen, wo die unser Zeugs auch haben wollen und noch nicht haben.“ Im Sommer 2015 hat ‚Opel‘ in Europa einerseits keine hauseigene Konkurrenz mehr durch ‚Chevrolet‘, dafür allerdings Riesenprobleme mit Russland, bedingt durch den Boykott. Andererseits darf ‚Opel‘ seine Modelle nicht außerhalb Europas verkaufen; der Omega, der Astra und der Zafira fahren in Südamerika beispielsweise wiederum als ‚Chevrolet‘ rum. „Yepp, dafür müssen die allerdings ihr Zeugs attraktiv für diese neuen Märkte machen. Sonst wird das nix. Und auf die Idee kommen die Anderen natürlich auch.“ „Ja und dann?“ „Naja, einfach kann jeder. Guck mal, im Moment liegen wir bei der DVD mit 2,80 Euro vorne. Das heißt, der erste Bieter wollte maximal 2,30 Euro bieten. Es wird immer in 50-Cent-Schritten überboten.“ „Cool, die Auktion läuft noch bis Dienstag?“ „Genau, am Dienstagabend wissen wir, ob wir sie bekommen haben. Falls nicht schon vorher jemand mehr als 8,50 Euro bietet.“

Am Sonntagnachmittag trafen wir uns alle bei Michaels Eltern. Es gab Kekse und Kuchen. Diesmal waren auch Ines und Ute wieder dabei, die waren letzte Woche woanders - die trafen schon Jungs aus der Schule. Unsere Eltern trafen sich jeden Sonntagnachmittag abwechselnd und wir alle warteten auf den Sommer, um im Garten zu sein und zu grillen. Jetzt im Winter war man halt im Haus. Spät am Nachmittag wurde dann ein Fass Bier angeschlagen (nicht für uns Kinder) und es gab dazu Kartoffelsalat und Frikadellen oder Ähnliches. Wir Kinder spielten irgendwo und bekamen meist mit, was die Erwachsenen so sprachen. „Wurde aber auch Zeit, dass der Arafat endlich fott ist.“ „Den Tod wünscht man ja keinem, aber das war schon ein Schlawiner.“ „Ein Schlawiner? Ein Terrorist war das und nix Anderes!“ „Und Millionen hat der abgezockt. Zig Millionen.“ „Michael, wo spielt der FC heute?“ „Die spielen erst morgen in Haching.“ „Das müssten die schaffen.“ „Na klar.“ „Logisch.“ Irgendwann gingen wir nach Hause, schnell noch Videotext - Duisburg gewann gegen Cottbus 2:0 und ist nun auch vor dem FC und Aachen spielte nur 1:1 gegen Essen. „Morgen gilt’s.“

3

„Papa, was war denn Arafat jetzt wirklich?“ fragte ich meinen Vater nach dem Abendbrot. „Im Radio war er immer der Palästinenserführer.“ „Yassir Arafat war der Vorsitzende der PLO. Diesen Namen hast Du bestimmt schon einmal gehört.“ „Ist das seine Partei?“ „So ähnlich. Auf jeden Fall war er der Anführer. Und diese Organisation kämpft für ein freies Palästina.“ „Frei von was?“ „Das ist nicht einfach zu erklären. Ich werde es mal auf eine banale Art versuchen, die andere zum Kreischen bringen würde, wenn sie es hören. Egal, ist nun mal so. Das ist alles sehr kompliziert. Holst Du bitte den Atlas?“ „Na klar.“ „Schlägst Du bitte die Karte des ‚Nahen Ostens’ auf?“ Das ist die Gegend vom Mittelmeer bis Saudi-Arabien. „Wo jetzt Israel ist, war während des 1. Weltkriegs ein Teil des ‚Osmanischen Reichs’, das ging von der Türkei hier bis zum Irak hier und Saudi-Arabien hier. Die Türken kämpften mit den Deutschen und den Österreichern gegen die Russen, die Engländer und die Franzosen. Das soll hier genügen.“ „Wieso?“ „Der 1. Weltkrieg fand auch noch anderswo statt. 1918, nach dem Krieg, bekamen die Franzosen die Macht über das heutige Syrien hier und den Libanon hier. Die Engländer herrschten jetzt über den Irak, Jordanien und Israel, das damals noch Palästina hieß.“ „Warum denn?“ „Das wurde so in der Friedenskonferenz beschlossen. Die Engländer hatten während dieses Krieges den Juden die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina versprochen, damit diese in diesem Krieg auf ihrer Seite kämpften. Das war ein Wunsch, den die Juden schon lange hatten.“ „Waren das die Juden, die Moses ins ‚Gelobte Land’ geführt hat?“ „Ja. Und Jesus war auch Jude. Im Laufe der Jahre verbreitete sich sein ‚Christianischer Glaube’ weltweit. Aber Jerusalem wurde irgendwann von den Osmanen erobert. Während dieser Zeit hat Mohammed - das ist der Begründer des Islam - in Jerusalem gelebt. Diese Stadt beherbergt somit Heiligtümer von drei Weltreligionen: den Juden, den Christen und den Muslimen. Wegen ihres Versprechens ließen die Engländer Juden, die in Palästina leben wollten, einreisen. Kompliziert, oder?“ „Ja.“ „Hab ich mir gedacht, versuchen wir es anders. In München kamen die 60er-Fans und die Bayern-Fans lange Zeit gut miteinander aus. 1860 war die Nummer Eins bis der FC Bayern auch in die Bundesliga aufstieg und mit der Zeit immer erfolgreicher wurde.“ „Dann haben sie sich gekloppt?“ „Weiß ich nicht. Aber es gab jetzt mehr und mehr Bayern-Fans. Und so war das in Palästina auch. Es kamen mehr und mehr Juden nach Palästina und es gab auch keine genauen Abmachungen über die Gebiete, die den Juden gehören sollten.“ „Ah, verstehe. Heute gibt es noch viel mehr Bayern-Fans und dass die erfolgreicher sind stört die Löwen-Fans gewaltig. Das war ja mal andersrum.“ „Genau. Und dann wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Staat Israel gegründet, mit Grenzen und so. Und dadurch war für die Araber auf einmal weniger Platz da.“ „Haben die das ganze gelobte Land bekommen?“ „Fast alles.“ „Das stinkt denen natürlich.“ „Und zwar gewaltig.“ „Und jetzt?“ „Jetzt kloppen die sich. Und der Herr Arafat war mit seiner PLO ganz vorne dabei.“ „Immer noch?“ „Immer wieder. Es gab zwar mal einen Friedensvertrag, den hat der Herr Arafat auch unterschrieben und dafür den Friedensnobelpreis bekommen, aber irgendwie ging das später mit der Spirale der Gewalt wieder los.“ „Wieso denn?“ „Nun, die meisten sagen, es sei der Hass auf die andere Religion.“ „Und deswegen hauen die sich immer weiter die Köppe ein?“ „Das alles ist nicht einfach zu verstehen, da geht es vordergründig um Religion, aber auch um Wasser.“ „Wasser?“ „Ja. Für die Landwirtschaft.“ „Und um Siedlungsprojekte. Und Schmuggel und noch mehr Streitpunkte. Außerdem gibt es noch viele Leute außerhalb Münchens, die die Bayern hassen.“ „Es gibt aber doch auch Bayern-Fans in Köln, oder?“ „Ja klar. Und auch in anderen Städten. Aber viele mögen die Bayern halt nicht. Genauso wenig wie die Juden.“ „Können die sich denn nicht einigen?“ „Es wird immer wieder versucht, aber der Hass scheint zu groß zu sein. Für viele der Menschen dort ist Religion extrem wichtig und sie können schon durch eine falsche Beschreibung schwer beleidigt sein. Im November wurde in Holland beispielsweise ein Fernsehregisseur von einem Islamisten getötet, weil dieser einen Film gemacht hat, der den Islam kritisiert. Ich habe den Film nicht gesehen, aber er soll sehr provozierend gewesen sein.“ „Was heißt das?“ „Das heißt, der Film sollte die Islamisten wütend machen, damit sie sich ärgern.“ „Und, haben sie sich geärgert?“ „Der eine ganz bestimmt. Dass er Theo van Gogh dafür getötet hat, beweist es. Dafür werden viele Ausdrücke benutzt wie fanatisch, dogmatisch oder radikal. Und eben Hass.“ „Und was denkst Du?“ „Naja, für viele ist Fußball ein Proletensport, die interessieren sich nicht dafür. Für andere ist die Religion nicht so wichtig. Ich denke, die können so religiös sein, wie sie wollen. Aber sie müssen auch akzeptieren, dass meine Gefühle für Religion weniger intensiv sind und ich deren Ansichten oft zu extrem finde. Ein gemäßigter Glaube ist hinnehmbar, aber fanatische Ansichten sind falsch. Im Namen der Religion und diverser Götter wurde schon viel zu viel Unsinn angestellt und viel zu viele Menschen starben dabei.“ Im Sommer 2015 ist dieser Aussage nichts hinzuzufügen. „Echt?“ „Ja, da gab es Kreuzzüge, Inquisition und heilige Kriege und weiteren Firlefanz.“ „Und es ist immer noch nicht vorbei?“ „Nee, solange diese fanatischen Knallköppe weiterhin ihre Anhänger finden, wohl nicht. Der Islam soll sogar irgendwann die einzige Religion auf der Welt sein und alle sollen an Allah glauben.“ „Warum denn?“ „Das steht so oder so ähnlich im Koran, das ist deren Bibel.“ „Das heißt, alle müssten Fan von Bayern München sein?“ „In unserem Beispiel von 1860.“ „Ach ja, genau. Das will ich aber nicht. Ich bin doch FC-Fan. Das kann mir doch keiner verbieten. Und warum hat der Arafat Millionen abgezockt?“ „Palästina hat viel Geld von anderen Ländern bekommen, um Infrastruktur aufzubauen. Das sind Straßen, Häfen, Schulen, Krankenhäuser usw. Angeblich hat Herr Arafat davon Geld auf sein Konto in der Schweiz geleitet, aber das kann niemand beweisen.“ „Und jetzt?“ „Jetzt gehst Du ins Bett, Arthur. Es ist schon nach acht.“ „Kann ich nicht noch die erste Halbzeit vom FC gucken?“ „Die gewinnen auch ohne Dich. Wir können es aufnehmen und Du kannst es morgen gucken, das Ergebnis ist morgen schon in der Zeitung.“ „Okay. Dann kann ich wenigstens morgen die Tore schauen. Gute Nacht.“

Am nächsten Morgen erledigte ich vor dem Frühstück alles sehr schnell und griff mir sofort die Zeitung: Unterhaching - 1.FC Köln 1:3. Na also, Erster. Zur Halbzeit 1:0 zurückgelegen und anschließend die Hachinger schön ausgekontert. Jetzt lecker frühstücken und nachher mit den Jungs den nächsten Spieltag planen.

Der FC spielt gegen Aue, die sind Neunter, das klappt. Duisburg spielt in Burghausen, die sind Sechster, das müssen die erstmal gewinnen und Fürth spielt in Oberhausen, die sind Letzter, das sollten die schaffen. Also bleibt der FC Erster.

4

Am Freitag gewann der FC 1:0 gegen Aue, die Zeitung nannte es einen Arbeitssieg. Fürth hat sogar in Oberhausen 1:0 verloren. Auch wenn Duisburg gewinnt, bleibt der FC Erster. Und am Sonntag hat Duisburg dann nur 0:0 in Burghausen gespielt. 3 Punkte Vorsprung, jetzt geht es nach Trier, die sind Zehnter - das wird mindestens ein Punkt. Duisburg spielt gegen Frankfurt, die sind Neunter. Das wird Duisburg wohl gewinnen und Fürth spielt gegen Essen, die sind Vorletzter, das muss Fürth gewinnen.

Und so kam es dann auch fast. Der FC spielte 0:0 in Trier, damit blieben wir Erster, Duisburg spielte nur Unentschieden gegen Frankfurt und Fürth gewann gegen Essen zwar nur 3:2, aber sie hatten die drei Punkte.

Am nächsten Sonntag spielt der FC gegen Erfurt, die sind Dreizehnter, alles andere als ein Sieg ist eine Enttäuschung. Fürth spielt bei 1860 München, die sind Achter, da ist alles möglich und Duisburg spielt in Karlsruhe, die hatten in Erfurt verloren und sind Zwölfter, das sollte Duisburg gewinnen.

Am Freitagabend gewann Duisburg wie geplant in Karlsruhe und war punktgleich mit dem FC; aber nur bis Sonntag.

Am Sonntag gab es wieder das übliche Treffen mit Kaffee und Kuchen am Nachmittag und später mit Bier für die Erwachsenen und Frikadellen und Würstchen für uns alle. „Jetzt haben sie alle Angst, dass das mit dem Hartz IV nächstes Jahr nichts wird.“ „Zumindest die Politiker.“ „Kann ja auch nicht, mit der Software.“ „Ist ja nicht nur die Software, sondern auch die Masse an Daten.“ „Wenn die auch so viel wissen wollen, sind sie es selber schuld.“ „Sie wollen vor allem wissen, was die Leute haben.“ „Wer Geld will, muss beweisen, dass er es wirklich braucht und nicht nur zusätzlich erhält.“ „Richtig, die haben die goldene Videocard, ziehen sich täglich in ihren Ballonseidejogginghosen die neuesten Blockbuster rein und dabei den Arsch zu. Und nachmittags machen sie irgendwas schwarz. Ich hab' für so was keine Zeit. Ich muss früh raus und arbeiten gehen und viel zu hohe Steuern zahlen.“ „Das ist doch ein Klischee. Das machen doch die wenigsten.“ „Was ist ein Klischee? Dass ich zu hohe Steuern zahle?“ „Das machen wir doch alle. Nein, dass alle Leute so faulenzen, wie Du es beschrieben hast.“ „Selbst einige Wenige sind noch zu viel.“ „Genau, das Land ist pleite.“ „Die sollen arbeiten gehen und nicht dem Staat auf der Tasche liegen.“ „Es gibt Gegenden, da gibt es nicht ausreichend Arbeitsplätze, die verschwinden da eher.“ „Und kommen so schnell nicht wieder.“ Im Sommer 2015 hält der Trend zurück in die Stadt ungebrochen an, dadurch bluten ganze Landstriche aus. „Nun ja, die sind häufig nicht konkurrenzfähig.“ „Sollen die Leute ausgebeutet werden?“ „Der Preis ist die letzte Stellschraube in der freien Marktwirtschaft. Wenn Wettbewerber über billigere Arbeitskräfte verfügen, dann muss man eventuell mitziehen.“ Im Sommer 2015 gibt es den gesetzlichen Mindestlohn von Euro 8,50 seit ca. einem halben Jahr. „Das Geld fehlt dann dem Konsum.“ „Ja, aber die Alternative ist oft der Arbeitsplatzverlust. Und der Staat kann nicht noch mehr Schulden machen.“ „Der kann ja auch mal Subventionen streichen.“ „Da sind die Lobbys vor.“ „Genau wie die Beamten.“ „Das war klar. Wir Beamten sind jetzt wieder schuld.“ „Na, ihr könnt wenigstens nicht entlassen werden. An euch kann der Staat nicht sparen.“ „Einer muss auch diese Arbeiten machen.“ „Das geht aber effizienter.“ „Mag sein, aber wir setzen auch nur Vorgaben aus Berlin oder Düsseldorf um.“ „Es hat ja keiner gesagt, dass es da effizienter erfunden wird.“ „Müssen die Leute, die dann dieses ALG II bekommen, irgendetwas tun? Blut spenden oder Parks säubern oder sonst was.“ „Die murksen an irgendwas wie Ein-Euro-Jobs oder so rum. Mal sehen, was das wird. Aber sonst hab ich nix gelesen.“ „Also wieder Murks mit Ansage.“ Im Sommer 2015 haben mit rund 43 Millionen Arbeitsverhältnissen so viele Leute wie noch nie in Deutschland einen Arbeitsvertrag. „Halb sieben, meine Herren. Der FC spielt gleich.“

Bei DSF gab es ab halb sechs ‚Anpfiff’. Das ist die Sendung, in der die Spiele der Zweiten Liga gezeigt wurden. Da der FC aber oben dabei war, wurde dessen Spiel immer am Ende gezeigt. Es lief noch Aachen gegen Burghausen - 3:1, Aachen ist Dritter und bleibt es auch, falls Fürth nicht am Montag gewinnt. Jetzt kam der FC. Wir Jungs lagen alle vor dem Fernseher, die Erwachsenen saßen. Der FC spielte mit dem neuen Griechen, Tsiartas, der ist Europameister geworden und Poldi konnte auch wieder spielen. In der 3. Minute direkt die erste Chance, das ging ja gut los. Sofort im Gegenzug schießt Erfurt ein Abseitstor, Glück gehabt, aufpassen. Das Spiel war irgendwie nicht toll und beide hatten so halbe Chancen, nix Echtes. In der zweiten Halbzeit gab es mehr Chancen vom FC, Podolski, Streit, Scherz, nix ging rein. Und dann bekommt Erfurt einen Freistoß im Strafraum vom FC - wegen Rückgabe - so ein Käse. Und den machen die auch noch rein, Mist. 0:1. Jetzt noch mal volle Pulle, Jungs. Da, Hand von einem Erfurter im Strafraum - das muss doch Elfmeter geben, Mann. Dieser Schiri pfeift doch nur Schrott. Dann Ebbers - wieder nix. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Dann, in der 89. Minute zieht Tsiartas aus 18 Metern mit links ab. TOR. 1:1. Immerhin. Das war’s. Wenigstens unentschieden und Erster geblieben. Nächste Woche geht’s nach Duisburg, da müssen wir uns aber mehr anstrengen, bei einer Niederlage sind wir nicht mehr Erster.

Am Montag nach dem Abendbrot fragte ich: „Papa, was ist Hartz IV?“ „Die Regierung möchte die Hilfe für Arbeitslose reformieren. Bisher bekommt jeder, der seinen Arbeitsplatz verliert, für ein Jahr Arbeitslosengeld vom Arbeitsamt und anschließend Arbeitslosenhilfe.“ „Und was genau ist das?“ „Jeder, der eine Arbeitsstelle hat, muss einen bestimmten Teil seines Gehalts in die Arbeitslosenversicherung einzahlen.“ „Ist das eine Versicherung wie bei Dir?“ „Nein. Dies ist eine Pflichtversicherung, bei mir versichern sich die Kunden freiwillig. Das Geld der Arbeitnehmer wird aber auch gesammelt und dann an die Arbeitslosen ausgezahlt.“ „Alles?“ „Das Schlimme zurzeit ist, dass die Versicherung mehr Geld an die Arbeitslosen zahlen muss, als sie von Arbeitenden erhält. Daraus wird dann ein Defizit. So heißt das beim Staat. Und in der Wirtschaft nennt man das Verlust.“ „Weil es jetzt mehr Arbeitslose gibt als früher.“ „Genau. Also plant man jetzt die Arbeitslosenhilfe abzuschaffen - das ist der zweite Schritt nach dem Arbeitslosengeld - und will nur noch ein Arbeitslosengeld II an die wirklich Bedürftigen auszahlen.“ „Was heißt denn das genau?“ „Ich kann es Dir nur so erklären: Die Arbeitslosenhilfe wird komplett gestrichen und durch die Sozialhilfe ersetzt. Und Sozialhilfe ist ein geringerer Betrag, den der Staat nur an Leute auszahlen will, die ohne Chance auf Einkommen sind.“ „Was heißt das?“ „Man prüft, ob die Person, die Sozialhilfe - oder bald Arbeitslosengeld II - beantragt, dieses auch wirklich benötigt, also braucht.“ „Geld braucht man doch immer, oder?“ „Na klar. Deswegen versuchen auch viele Leute, es zu bekommen, die es nicht benötigen. Oder die arbeiten können, aber nicht wollen.“ „Wer prüft denn das?“ „Das sind Beamte, die aufgrund der Angaben der Personen ihre Entscheidungen treffen.“ „Und wenn die lügen?“ „Das passiert häufig, dann kriegen Nichtbedürftige oder Faulenzer Geld vom Staat, während es bedürftige Menschen gibt, die zu stolz sind, es zu fordern.“ „Das finde ich ungerecht.“ „Arthur, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder jeder kümmert sich um seinen Kram, spart so viel wie er will und zahlt dann auch nicht in die Pflichtversicherung. Dann hat man aber auch keinen Anspruch auf Geld vom Staat, wenn man es benötigt. Oder es ist wie jetzt in Deutschland. Wir leben in einer Solidargemeinschaft in der jeder seinen Pflichtteil bezahlt, damit den wirklich Bedürftigen geholfen werden kann. Aber das sind nicht so viele, wie die, die es versuchen werden. Dabei sind immer ein paar Betrüger, die man nicht erwischt.“ „Und was ist besser?“ „Deutschland hat nicht mehr genug Geld, um so viel wie früher zu bezahlen. Das System sollte ruhig etwas sportlicher werden.“ „Wie meinst Du das?“ „Es darf nicht mehr so einfach sein, Staatshilfe zu erhalten. Fordern und bequem abwarten ist zu wenig. Deswegen will man auch mehr Informationen von denen, die diese Hilfe fordern. Können sie woanders arbeiten, wie ist ihre Bildung? Wobei können sie helfen? Außerdem will man wissen, ob diese Leute Geld gespart haben oder sonstige Vermögen besitzen. Das sollen sie vorher ausgeben, bevor der Staat helfen soll.“ „Alles, was man gespart hat und besitzt?“ „Gerade fandest Du es noch ungerecht, wenn jemand vom Staat Geld bekommt, der nicht bedürftig ist.“ „Stimmt. Und müssen die Leute Blut spenden?“ „Das glaube ich nicht. Allerdings habe ich kein Argument, welches dagegen spricht.“ „Und wird das Deutschland helfen?“ „Schwer zu sagen. Der Staat wird wohl weniger Geld ausgeben müssen, das ist positiv. Allerdings ist dadurch weniger Geld im Kreislauf der Wirtschaft, das heißt, es fehlt im Supermarkt, im Kaufhaus, im Kino oder im Schwimmbad und damit fehlt es der Konjunktur. Denn die Ausgaben des Einen sind die Einnahmen des Anderen. Dadurch werden dann wieder keine neuen Arbeitsplätze geschaffen und das ist das große Problem in Deutschland. Es fehlt an konkurrenzfähigen Arbeitsplätzen.“ „Weil andere die Arbeit billiger machen.“ „Das ist ein wichtiger Grund. Aber vielleicht bekommen auch mehr Leute als gedacht die neue Hilfe. Vielleicht wird das Ding auch funktionieren, weil sich wirklich mehr Leute Arbeit suchen und auch finden. Das wird sich zeigen. Im Sommer 2015 haben mit rund 43 Millionen Arbeitsverhältnissen so viele Leute wie noch nie in Deutschland einen Arbeitsvertrag. Ich denke, es ist Zeit fürs Bett, Arthur.“

Heute Abend spielt Fürth noch bei 1860 München und ich las am nächsten Morgen, dass Fürth 2:1 verloren hatte. Fürth war jetzt Vierter mit 30 Punkten, Aachen war Dritter mit 31 Punkten, Duisburg Zweiter mit 33 Punkten und der FC Spitzenreiter mit 34 Punkten. Nächsten Sonntag spielt der FC in Duisburg und am Freitag spielt Aachen in Fürth. Und das am letzten Spieltag vor der Winterpause. Wow!

5

Es war eine weitere kalte, graue, langweilige Winterwoche - obwohl noch Herbst war. Am Freitagabend fragte ich Papa: „Was sind Studiengebühren? Darüber diskutieren sie immer im Radio.“ „Du wirst nächstes Jahr auf das Gymnasium gehen und dort Abitur machen, so heißt dort das Endzeugnis. Danach musst Du Dich entscheiden, ob Du arbeiten gehen willst, um Geld zu verdienen oder ob Du auf der Universität noch mehr lernen willst.“ „Noch mehr? Ich brauche doch neun Jahre auf dem Gymnasium. Reicht das etwa nicht?“ „Es werden wohl nur noch acht sein, da ändert sich was. Wie dem auch sei, wenn Du Anwalt oder Chirurg werden willst, musst Du noch das Fachgebiet studieren, um ein Experte zu werden. Und der Besuch der Universität ist, wie der der Schule, umsonst.“ „Und? Wo ist das Problem?“ „Der Schulbesuch ist Pflicht, das Studium ist freiwillig. Viele Leute gehen nach dem Gymnasium studieren, lernen auf der Uni schlaue Sachen und bekommen danach tolle Jobs. Das ist auch Sinn der Sache. Aber einige gehen aus Langeweile auf die Universität und trödeln dort herum. Außerdem verdienen die Professoren viel Geld. Jetzt gibt es drei Meinungen. Die Ersten sagen: Es soll weiter umsonst bleiben, da viele Studenten wegen des Lernens wenig Zeit haben, um nebenbei Geld zu verdienen. Sonst könnten sich nur Kinder reicher Eltern ein Studium leisten.“ „Das klingt logisch.“ „Das klingt logisch. Die anderen sagen, es soll nach einer bestimmten Zeit Geld kosten, damit die Leute sich Mühe geben und versuchen, das Studium schnell zu beenden.“ „Das klingt auch logisch.“ „Das klingt auch logisch. Die Letzten sagen, man sollte sofort Gebühren verlangen, weil die Studenten später viel Geld verdienen in ihren Berufen. Klingt auch logisch, oder?“ „Ja genau. Und jetzt?“ „Jetzt diskutieren sie.“ „Und was denkst Du?“ „Bildung ist der wichtigste Rohstoff, den Deutschland hat.“ „Was bedeutet das?“ „Nun, wir haben kein Öl, kein Gold, kein Eisen, nur Kohle. Aber Deutschland exportiert beispielsweise komplizierte Maschinen in viele Länder, weil die Qualität besonders gut ist. Solche, die Du früher immer in der 'Sendung mit der Maus' gesehen hast zum Beispiel.“ ,,Ah, ja klar. Andere Länder können das nicht so gut?“ ,,Nee, wie man die Dinger baut, lernt man hier auf der Uni.“ „Verstehe, wenn man das später kann, verdient man bestimmt viel Geld.“ „Genau. Und bis jetzt sind Gebühren noch nicht erlaubt. Meiner Meinung nach sollte jede Universität selber entscheiden dürfen, ob und wann und wie viel sie verlangt. Damit man auswählen kann. Dadurch würde ein Wettbewerb entstehen und jeder Anhänger einer der drei Meinungen kann sich dann seine Wunsch-Universität aussuchen. Ein großer Vorteil von Gebühren ist, dass die Studenten für ihr Geld auf Qualität bestehen werden. Und das zu Recht. Sie würden beispielsweise verlangen, dass das Material erneuert wird und dass das Gelehrte ihren Ansprüchen gerecht wird. Und dann kann es durchaus sein, dass die Gebühren den Ruf einer Universität verbessern. Denn wie sagen wir hier in Kölle: Wat nix kost, is auch nix.“ „Stimmt.“ „Nur vergisst die Diskussion ein anderes Thema. Der Besuch eines Kindergartens kostet in Deutschland Geld. Das darf dann auch nicht sein. Entweder - oder. Wenn die Universität umsonst ist, dann sollte die erste Stufe auch kein Geld kosten. Hier beginnt die Bildung. Da muss mehr investiert werden.“ Im Sommer 2105 verpflichten sich die Politiker trotz des Ziels der ‚schwarzen Null‘ verstärkt in Bildung und Infrastruktur zu investieren - eigentlich wie immer. „Das klingt logisch.“ „Es klingt vieles logisch, das heißt aber nicht, dass die Gesetze logisch sind.“ „Und warum nicht?“ „Die Politiker, die die Gesetze machen, achten oft darauf, dass die Interessen bestimmter Gruppen in den Gesetzen beachtet werden.“ „Wieso denn das?“ „Jedes neue Gesetz bringt eine Veränderung und das bedeutet, dass irgendjemand auch etwas bei sich ändern muss. Und das geht einigen Leuten dann zu schnell oder zu weit oder stört sie überhaupt. Dann jammern sie ein bisschen in den Medien rum und versuchen dann über Lobbyarbeit, so heißt das, den Politikern zu erklären, dass das geplante neue Gesetz auf diesem Weg auch Nachteile hat.“ „Und dann?“ „Dann entscheiden die Politiker, ob das neue Gesetz vielleicht noch verändert werden muss und Ausnahmen bekommt. Zum Beispiel müssten wir seit kurzem unsere leeren Limo- und Cola-Dosen sammeln und zum Supermarkt zurückbringen, weil die Regierung ein neues Pfandsystem beschlossen hat.“ „Ja genau. Deswegen lässt Du uns immer Limo und Cola aus Belgien mitbringen.“ „Exakt. Aber während der Planung dieses Pfandsystems hat die Lobby der deutschen Winzer - das sind Produzenten von Wein - den Politikern erklärt, dass es schlecht für sie wäre, wenn Weinflaschen auch mit Pfand belegt würden.“ „Wie denn?“ „Schwer zu sagen. Alle Fußballer müssen Ohrschmuck und Ringe mit Pflastern abdecken, damit sich keiner daran verletzen kann. Wie würdest Du erklären, wenn diese Regel nicht für linke Verteidiger und Rechtsaußen gelten würde?“ „Keine Ahnung. Wie denn?“ „Die Lobby der linken Verteidiger und der Rechtsaußen hat gute Arbeit geleistet. So heißt das dann. Vielleicht wurden die Politiker von den Winzern eingeladen, um die Produktion zu beobachten. Und dabei wurden die Politiker überzeugt, kein Pfand auf Weinflaschen einzuführen.“ „Ist das denn erlaubt?“ „Jeder Politiker wird immer wieder mal eingeladen. Deswegen sagt keiner, dass es nicht korrekt ist.“ „Und was hat der Herr Mayer falsch gemacht?“ „Der hat von Lobbyisten Geld bekommen und das ist bekannt geworden. Genau wie die Politiker in Niedersachsen von VW.“ „Und das ist verboten?“ „Ja klar. Das nennt man Bestechung und die haben sich erwischen lassen. Schön dumm, jetzt können sie ins Gefängnis kommen.“ „Ui. Kommen die denn auch alle ins Gefängnis?“ „Glaub ich nicht. Noch sind sie nicht angeklagt. Und das kann dauern. Bis dahin kann noch viel passieren. Vielleicht treten sie zurück und das war’s dann oder es passiert gar nix. Das wird woanders entschieden.“ „Versteh ich nicht. Wo ist die Macht? Ich muss gucken, wie Fürth gespielt hat.“ Videotext: Fürth - Aachen 3:2. Das bedeutet, Fürth ist wieder Dritter mit 33 Punkten. Und am Sonntag spielt der FC in Duisburg. Da geht’s ab.

6

Am Sonntag trafen wir uns diesmal alle deutlich später, nämlich erst gegen sechs Uhr. Unsere Eltern hatten beschlossen, dass wir Kinder auch das Spiel gucken dürfen. Der FC spielte um halb neun, weil Lukas Podolski mit der Nationalmannschaft danach nach Asien flog. Und deswegen wurde das Montagsspitzenspiel auf Sonntagabend verlegt. Gut für uns. Bei Bier und Schnittchen diskutierten die Eltern über Klinsi und die Nationalmannschaft. „Schon beeindruckend, was der bis jetzt bewirkt hat.“ „Waren bis jetzt aber noch keine richtigen Gegner bei.“ „Aber das Image ist gestiegen.“ „Er gewinnt allem etwas Positives ab.“ „Weil er in Kalifornien wohnt. Easy Living und Sunshine-State und so.“ „Ich denke, das heißt eher ‚Think positive’.“ „Man kann es auch übertreiben. Weltmeister als Ziel ist schon sehr vermessen.“ „Daran krankt Deutschland. Wenn einer sich mal mutige Ziele fasst und Visionen ausspricht, wird das direkt von allen möglichen Skeptikern und Besserwissern zerredet. So wird das nie was. Er traut es sich und seinem Team zu, das mit seinen Methoden zu erreichen und dafür hat er sich mit vielen alten Säcken angelegt und alte Zöpfe abgeschnitten.“ „Die Methoden wirken aber manchmal komisch, so mit Gummitwist und so.“ „Lasst ihn doch. Er hat sich halt mit Vielen angelegt und die wehren sich jetzt, auch über die Presse. Er geht zumindest den unbequemen Weg zu seinem Ziel und hat damit bis jetzt Erfolg. Auf jeden Fall hat er eine gewisse Aufbruchsstimmung erzeugt, die Deutschland gut tut. Und dass er den jungen Leuten eine Chance gibt, finde ich auch gut.“ „Wahrscheinlich denkst Du, er sollte auch Kanzler werden?“ „Warum nicht, unser Land braucht auch Reformen, die unbequem sind. Es wird doch fast jeder jammern, wenn man mal mit Sparen und Subventionsabbau beginnen würde.“ „Na klar, ist doch fast jeder betroffen.“ „Glaub ich noch nicht mal. Nur haben die Empfänger eine Lobby, die sich sofort in der Öffentlichkeit wehrt und den Eindruck erweckt, dass sie für viele spricht.“ „Genau, und die Gewerkschaften müssen weg. Die blockieren doch nur.“ „Sie sind nicht verboten, aber sie sind meistens sehr unflexibel und einige meinen, sie denken zu marxistisch.“ „Hört doch auf, das ist doch so nicht wahr.“ „Aber der Eindruck ist so. Es geht darum, Wettbewerb zu verhindern, wo es nur geht.“ „Das ist doch Quatsch. Es geht darum, die Auswüchse des angelsächsischen Kapitalismus aufzuhalten.“ „Auch wenn da nicht alles ultrakorrekt läuft, darf man auch nicht alles per se verdammen.“ „Wollt ihr etwa die kurzfristige Gewinnmaximierung über Alles stellen?“ „Nein, aber man muss den Firmen die nötige Flexibilität zugestehen, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Denn wenn sie pleitegehen, hat keiner was davon. Das da draußen ist kein Ponyhof, die globalen Herausforderer warten nicht auf Sozialromantiker.“ „Das stimmt wohl, aber dabei sollen die kleinen Leute bluten, während die Bosse bis zuletzt absahnen.“ „Das ist tatsächlich diskussionswürdig, aber bei den Gewerkschaften benehmen sich die Bosse ebenso. Die Gewerkschaften entlassen die kleinen Leute auch, während sich die Spitzen die Taschen voll machen.“ „Das ist leider richtig. Aber irgendwann fährt der ganze Schuppen an die Wand und dann kommen alle angewinselt, dass ihnen der Staat doch bitte, bitte helfen solle. Wartet’s nur ab. Aber egal, noch isset nit su wigg. Ich finde trotz allem, dass der Klinsi zu offensiv spielen lässt, ihr nicht?“ „Überhaupt nicht. Er versucht modernen Offensivfußball spielen zu lassen. Das ist riskant, auch anstrengend, aber durchaus attraktiv.“ „Ja. Da schaut man gerne zu. Die Burschen kämpfen für den Erfolg. Und sie haben Spaß dabei.“ „Das sieht man denen an. Vorbei die Zeiten der Querpassarien und des Rasenschachs. Bei dem wird der Erfolg gesucht.“ „Und bis jetzt auch gefunden. Da passt so einer wie der Poldi genau rein.“ „Aber riskant ist das trotzdem.“ „Dass ihr Staatsdiener immer bremsen müsst. Schiffe sind im Hafen sicher, aber dafür werden Schiffe nicht gebaut. Verstehste?“ „Jaja. Ist ja schon gut. Ich seh’s ja auch gerne. Jetzt geht die Übertragung los. Mach die Kiste an.“

Das Spiel war selbstverständlich ausverkauft und es war sehr kalt. Die Eltern meinten, dass das kein schönes Spiel wird. Egal, wir Jungs durften es gucken. Aber die Erwachsenen hatten Recht, das Spiel war wirklich langweilig. In der ersten Halbzeit passierte fast gar nix. Nur 2-3 halbe Chancen, nix Echtes. Nach Beginn der zweiten Halbzeit schoss ein Duisburger nur knapp am Kölner Tor vorbei und im Gegenzug hatte Poldi auch eine Riesenchance, aber er schoss auch rechts daneben. Nach einer Stunde hatte Duisburg noch zwei Chancen innerhalb von drei Minuten und die hätten ein Tor mittlerweile auch verdient, die waren jetzt nämlich besser. In der 75. Minute reißt Sinkala einen Duisburger im Strafraum um, dafür gibt’s Elfmeter für Duisburg. So ein Mist. Natürlich drin. 1:0 für Duisburg. Jetzt kommt Ebbers für Konstantinidis. Auf. Wenigstens ein Tor. Der FC wurde jetzt besser, aber es gab keine richtigen Chancen. Fast 90 Minuten rum, jetzt, Tököli, aber der Torwart von Duisburg hält das Ding. Mist. Und dann war Schluss. 1:0 verloren, nur noch Zweiter - und jetzt ist Winterpause. Bis Januar warten. Da wird dann wieder gewonnen. Nur zwei Punkte aus drei Spielen, das wird sich dann wieder ändern. Und morgen fliegt Poldi mit der Nationalmannschaft nach Asien und wir können nächste Woche nach der Schule Fußball gucken. Stark.

7

„Papa, was sind Gewerkschaften?“ fragte ich am Montagabend. Ich war zwar sehr müde, weil ich am Sonntag spät im Bett war und heute zur Schule musste, aber das wollte ich doch noch wissen. „Die Gewerkschaften sind Lobbys, die die Interessen der Arbeiter verteidigen. Du weißt, was der Einzelhandel ist?“ „Ja. Das sind Geschäfte. Supermärkte und Kaufhäuser und so.“ „Und so. Auch Drogerien, Tankstellen und Fotogeschäfte und so. Wenn zum Beispiel die Chefs des Einzelhandels fordern, dass die Geschäfte länger geöffnet werden sollen, sind die Gewerkschaften erst mal dagegen.“ „Warum das?“ „Weil dann die Verkäufer länger arbeiten müssen.“ „Na klar. Wer will das schon?“ „Niemand. Nur müssen die Verkäufer nicht länger arbeiten, sie müssen nur flexibler sein, was ihre Arbeitszeiten betrifft. Vor einigen Jahren war der Supermarkt um halb sieben geschlossen.“ „Warum denn das?“ „Das war Gesetz.“ „Blödes Gesetz.“ „Davon gibt es viele. Es hat lange gedauert, bis es erlaubt war, dass die Geschäfte bis acht Uhr abends öffnen dürfen. Natürlich mussten die Verkäufer ihre Arbeitszeit anders verteilen, da ja auch abends noch jemand da sein muss. Dafür bekam jeder zu anderen Zeiten frei. Da musste man flexibel sein. Und man hat noch neue Leute eingestellt.“ „Das ist doch nicht schlimm, oder?“ „Im Gegenteil. Aber die Gewerkschaften behaupteten, dadurch würden die Preise steigen, weil die Geschäfte höhere Kosten haben würden.“ „Stimmt doch, oder?“ „Die Geschäfte haben dadurch höhere Lohnkosten und sie verbrauchen dadurch zum Beispiel auch mehr Strom. Nur jetzt verkaufen viele Geschäfte auch mehr, sie haben mehr Umsatz, sie müssen die Preise nicht unbedingt zu erhöhen. Aber sie dürfen es. Wenn der FC aufsteigt wird er neue Spieler kaufen, die mehr Geld bekommen. Aber der FC bekommt auch mehr Fernsehgelder in der Bundesliga, er könnte also die Eintrittspreise gleich lassen. Logisch?“ „Logisch. Und wenn die Geschäfte nicht mehr verkaufen?“ „Sie sind nicht gezwungen länger zu öffnen, sie dürfen es. Stell Dir vor, die Geschäfte dürften solange öffnen, wie sie wollen. Was hieße das?“ „Sie wären nachts beleuchtet und leer, weil die Leute nachts schlafen.“ „Also, was macht der Chef?“ „Er lässt nachts zu, weil niemand etwas kauft.“ „Genau. Aber das entscheidet der Chef und nicht das Gesetz.“ „Das wär was. Und wenn er nachts geöffnet haben will und niemand nachts arbeiten will?“ „Dann muss er den Verkäufern nachts mehr bezahlen. Und er muss nachrechnen, ob sich das lohnt. Wenn nicht, lässt er das Geschäft zu.“ „Das klingt logisch. Und warum gibt es das Gesetz?“ „Die Gesetze sind wie die Regeln beim Fußball. Einige Sachen sind verboten und werden bestraft, wenn man dagegen verstößt. Die Polizei oder andere Beamte sind wie der Schiedsrichter, sie kontrollieren, ob die Regeln eingehalten werden.“ „Und bei einem Foul pfeift er!“ „Oder bei einem anderen Regelverstoß. Er kann aber auch weiterspielen lassen. Wenn er pfeift, gibt es Freistoß oder Elfmeter und er entscheidet, ob er eine gelbe Karte zeigt. Das machen in Deutschland die Gerichte. Die Polizei pfeift und die Gerichte entscheiden über die Strafe. Leider gibt es in Deutschland sehr viele Gesetze, das Spiel wird zu oft unterbrochen. Du weißt, dass das nicht schön ist.“ „Nö. Das nervt.“ „ Die Politiker versuchen sehr viel zu regulieren. Und bei jedem neuen Gesetz gibt es natürlich wieder Ausnahmen.“ „Wegen guter Lobbyarbeit.“ „Genau. Und dann ist es schon wieder Murks. Einige wenige Gesetze, die ohne Ausnahme für jeden gelten, sollten das Ziel sein. Es ist verboten, bei Rot über die Ampel zu fahren. Punkt. Das gilt für jeden.“ „Aber das haben wir doch.“ „Das schon. Es gibt aber noch mehr. Ich möchte Dir jetzt etwas zeigen.“ Papa ging an den Schreibtisch, holte einen Stapel Papier heraus und kam zurück. Die weiße Seite war oben. „Zieh bitte irgendein Blatt, dreh es um und lies es mir vor.“ „Irgendeins?“ „Irgendeins.“ Ich zog ein Blatt Papier aus dem Stapel, drehte es um und wunderte mich. „Was ist denn das?“ „Lies es bitte vor.“ Und so las ich meinem Vater vor:

Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen

Fünfte Verordnung

zur Änderung der Hunderteinundachtzigsten

Durchführungsverordnung

zur Luftverkehrsordnung

(Festlegung von Flugverfahren

für An- und Abflüge nach Instrumentenflugregeln

zum und vom Verkehrsflughafen

Karlsruhe/Baden-Baden)

Vom 16. Juli 2001

„Papa, ich verstehe kein Wort. Muss das sein?“ „Unbedingt. Weiterlesen.“