(W)ehrlos. Irgendwann finden sie dich - Susanne Clay - E-Book

(W)ehrlos. Irgendwann finden sie dich E-Book

Susanne Clay

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Beschreibung

"Du weißt nicht, auf wen du dich einlässt", schreibt Gina an Luke. Sie liebt ihn und Luke liebt Gina. Alles könnte schön sein, Schmetterlingsleicht, rosarot. Doch blutrot ist Ginas Geheimnis. Schwarz und zerbrechlich sind die Lügen, die sie erzählt, weil sie leben will. Seit einem Jahr versteckt sich Gina: vor ihrer eigenen Familie, die sie töten wird - im Namen der Familienehre. Gina will eine Zukunft haben, sie will ihre Liebe zu Luke leben. Aber was, wenn die, die sie töten wollen, sie finden?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Susanne Clay

WEHRLOS

Irgendwann finden sie dich

 

Susanne Clayhat Germanistik, Politik und Philosophie studiert. Sie arbeitete viele Jahre gemeinsam mit Pädagogen und Sozialarbeitern in Projekten mit Jugendlichen, um diesen einen Weg in das »normale« Alltags- und Arbeitsleben zu ermöglichen. Noch während dieser Tätigkeit schrieb sie ihren ersten Roman. Seit 2006 arbeitet Susanne Clay als freie Autorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Köln. www.susanne-clay.com

Ebenfalls von Susanne Clay als Arena-Taschenbuch erschienen: Cybermob. Mobbing im Internet (Band 2749)

Für Randolf, Rieke und Mo

Und für meine Mutter, die immer eine Tür offen hält für mich, zu ihrem Haus und zu ihrem Herzen

Und mit besonderem Dank an Stefan und Tom, die ich Tag und Nacht mit Fragen löchern konnte und von denen ich immer Antworten bekam

 

 

Originalausgabe 1. Auflage als Arena-Taschenbuch 2015 © 2015 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Frauke Schneider, unter Verwendung eines Bildes von © gettyimages/Todor Tcvetkov Umschlagtypografie: KCS GmbH · Verlagsservice & Medienproduktion, Stelle/Hamburg ISSN 0518-4002 ISBN 978-3-401-80518-4

www.arena-verlag.deMitreden unter

Erster Teil

Liebe. Gestern noch eine Idee von irgendwelchen Romantikern. Und dann begegnet sie mir in Ehrenfeld in einer regnerischen Nacht im November. (Luke)

1

Verdammt«, murmelte er. Gerade noch rechtzeitig wich er einer Wasserlache auf dem dunklen Gehweg aus, während er sich bemühte, das verbeulte Rad mit einer Hand auszubalancieren und mit der anderen die riesige Sporttasche zu halten, die ihm immer wieder von der Schulter rutschte.

November in Köln, das waren Nieselregen, dichter Smog, Tage, die nicht einmal versuchten, hell zu werden. November in Köln waren schlechte Laune, Lustlosigkeit und grottenmieses Wetter. Als wollte er dies unterstreichen, legte sich der einsetzende Regen wie ein kalter Hauch auf Lukes Haut, kroch unter die geöffnete Jacke, machte den Lenkergriff glitschig.

»Verdammt!«, fluchte Luke erneut, als ihm zum dritten Mal das Pedal schmerzhaft gegen die Wade knallte. Entnervt ließ er die Tasche auf den von matschigem Laub bedeckten Gehweg fallen. Mutlos wanderte sein Blick durch die vor ihm liegende Philippstraße. Schmutzig und still lag die schmale Straße im schummrigen Laternenlicht da, der Asphalt von Schlaglöchern zerrissen. Eine schwache Böe spielte kurz mit ein paar Blättern, wehte sie halbherzig vor sich her, ließ sie gelangweilt wieder fallen. Nasses Laub türmte sich mit Zeitungen, durchweichten Pommestüten, leeren Zigarettenpackungen und achtlos weggeworfenen Werbebroschüren zu einem matschigen Wall entlang der bröckeligen Ziegel. Vereinzelt drang verhaltenes Motorengeräusch von der Venloer Straße herüber. Entfernt hörte Luke das warnende Gebimmel der Linie 13, die in die Haltestelle einfuhr, während ein paar Fußgänger, die, die rote Fußgängerampel ignorierend, noch schnell den Gürtel überqueren wollten.

Ein kurzer Blick auf die Digitalanzeige seiner Armbanduhr zeigte ihm, dass er seine Bahn nicht mehr erwischen würde, es sein denn, er würde sein Rad hier anketten und einen olympiaverdächtigen Sprint hinlegen.

»Scheiße!« Wieder suchten seine Augen die nächtliche Straße ab. Blieben kurz an einem breiten Tor auf dem gegenüberliegenden Gehweg hängen. Ein einsames Rad stand davor, doppelt gesichert durch ein Bügelschloss und eine Spiralkette, die mehrfach um ein Straßenschild geschlungen war. Er zögerte kurz, dann schüttelte er den Kopf. Hier würde er sein Rad auf keinen Fall lassen, egal wie oft ihm das verdammte Pedal noch in die Waden schlagen und seine Tasche im Dreck landen würde. Das letzte Mal, als er sein Rennrad in einer so düsteren Gegend über Nacht hatte stehen lassen, war am nächsten Tag bis auf den Rahmen nichts mehr da gewesen. Selbst der alte, löchrige Sattel, auf dem er sich nach Regen immer eine nasse Jeans geholt hatte, war abgeschraubt. Und das war nicht einmal ein besonders gutes Rad gewesen.

Seufzend nahm er die Tasche vom Boden, hob den Rahmen leicht an, um nicht das Knirschen des verbeulten Hinterrads ertragen zu müssen, und warf die Tasche über die Schulter. Kurz streifte der raue, feuchte Nylonstoff seine Wange – und dann roch er es.

Mit einer heftigen Bewegung schleuderte er die Tasche wieder von sich, lehnte das Rad an die Mauer und suchte den Boden ab. Es war nicht zu übersehen. Und auch nicht zu überriechen. Ein riesiger, gut durchweichter Hundehaufen, geschmückt mit ein paar nassen Blättern, mitten auf dem Gehweg. Der Abdruck, den seine Tasche in der schmierigen Kacke hinterlassen hatte, war selbst im schummrigen Licht der verdreckten Laterne deutlich sichtbar.

»Das ist doch nicht wahr!« Seine Stimme war heiser vor unterdrückter Wut.

Mit gequältem Gesicht führte er die Hand zur Nase. Sie roch nach Regen, nach Seife, aber nicht nach Hundescheiße. Erleichtert wischte er sich über die Wange, wo die Tasche ihn gestreift hatte, schnupperte erneut.

»Ich glaub das einfach nicht!«

Das Rad fiel achtlos auf den Gehweg. Luke wühlte in seinen Sportklamotten, zog ein Handtuch aus der Tasche, wischte sich hektisch übers Gesicht. »Scheißköter! Verdammte scheißende Scheißköter!« Die Empörung ließ seine Stimme fast hysterisch kieksen, er schnappte nach Luft, dann bemerkte er aus den Augenwinkeln den Schatten hinter sich. Blitzschnell drehte er sich herum, richtete die vor Wut zusammengekniffenen Augen drohend auf die kleine, vermummte Gestalt, die hinter ihm aus dem Dunkel aufgetaucht war.

»Was gibt’s zu glotzen?«, knurrte er, das Gesicht halb in rotem, vom Duschen noch feuchtem Frottee vergraben.

Eine kleine Person in einem viel zu großen Sweatshirt, das um ihre Oberschenkel herumschlackerte, die weite Kapuze tief in die Stirn gezogen, stand vor ihm. Langsam, fast wie in Zeitlupe, schob sich eine große dunkle Nase an ihrem Oberschenkel vorbei, dann drängte sich, in eleganter Gelassenheit, ein riesiger cremefarbener, fast rindsgroßer Hund an ihr vorbei.

»Na super! Hat dein Köter den Dreck da hinterlassen?« Ein leises Grollen drang aus der Kehle der Dogge. Luke trat einen winzigen Schritt zurück. Ohne den Hund aus den Augen zu lassen, wies er mit dem Kinn zu dem eingedellten Haufen. »Ist das sein verdammter Scheißhaufen?«

Wortlos ergriff eine kleine Hand das Halsband des Hundes, das Grollen verebbte nach und nach, bis nur noch ein fast sanftes Brummen wie von einer Nähmaschine zu hören war.

»Nein!«, sagte eine weibliche Stimme schließlich leise, aber bestimmt. Das Brummen verstummte endgültig.

Irritiert wandte Luke den Blick von Hund zur Herrin. Versucht,e das Gesicht unter der Kapuze zu erkennen. Zwei dunkle, leicht mandelförmige Augen musterten ihn ruhig.

Schöne Augen, schoss es Luke durch den Kopf und verwirrt fuhr er sich durch die von Feuchtigkeit gekräuselten, fast schwarzen Haare. Was interessieren mich ihre Augen, dachte er ärgerlich.

Luke warf einen kurzen Blick auf den Hund, der ruhig dasaß und Luke aus bernsteinfarbenen Augen stumm fixierte. Er trat vorsichtig einen Schritt näher heran. Jetzt konnte er ihr Gesicht etwas besser im spärlichen Licht der Straßenlampe ausmachen.

Auf ihren Lippen lag ein heller rosa Glanz. Nur mühsam bezwang Luke den fast unwiderstehlichen Drang, ihre Kapuze nach hinten zu schieben, um ihr Gesicht ganz sehen zu können. Obwohl es nur der Hauch eines Lächelns war, der ihren Mund jetzt umspielte, beobachtete Luke fasziniert das kleine Grübchen, das sich auf ihrer linken Wange gebildet hatte.

Verlegen beugte sich Luke zu seiner Tasche und murmelte: »Ist doch wahr, die Köter scheißen alles zu!«

Er stopfte das Handtuch hinein, zog den Reißverschluss zu, stand auf, hob sein Rad hoch und lehnte es an die Mauer. Einen Moment lang fummelte er sinnlos an dem Lenker herum, dann holte er tief Luft und drehte sich entschlossen um. »Sorry, war bestimmt nicht dein Hund. Oder?«

Sie schüttelte den Kopf, schwieg noch immer. Ihre Augen, riesig in dem schmalen Gesicht, waren nach wie vor ruhig auf ihn gerichtet. Er trat ein wenig näher heran. Schokobraun, dachte Luke. Sie drehte den Kopf, als wollte sie seinem Blick ausweichen. Fasziniert beobachtete er, wie sich der Farbton ihrer Iris mit wechselndem Licht veränderte. Winzige dunkle Pünktchen ließen ihre Augen mal hellbraun, mal fast schwarz glitzern. Ein dunkler Tuschestrich betonte den schrägen Schwung ihrer Lider. Sie könnte eine Kriegerin in einem Fantasyfilm spielen, überlegte Luke.

»Und? Alles gesehen, was du sehen willst?«

Das erneute Klingeln der Linie 13 drang wie durch Nebel an Lukes Ohr, dann erst realisierte er ihre Worte.

Verlegen trat er einen kleinen Schritt zurück, wies mit dem Kinn auf sein Rad. »Ich wollte die Bahn nehmen, mein Rad ist kaputt«, murmelte er und sah fast erleichtert, wie sie den Blick langsam von seinem Gesicht löste und ihn mit gerunzelter Stirn der verbeulten Felge zuwandte.

Sie ging in die Hocke. »Wow. Schlagloch, was?« Fachmännisch glitten ihre Finger über das kalte Metall, tasteten ab, wie groß der Schaden war.

Luke beobachtete, wie Regentropfen kleine dunkle Sprenkel auf ihre Kapuze malten. Sie trug keinen Mantel, nicht einmal eine Weste. Bevor sein Verstand Einspruch erheben konnte, riss Luke den Reißverschluss seiner Jacke auf, zog sie nervös aus, hielt sie ihr hin. »Hier, zieh die an!«

Ihr heftiges Kopfschütteln ließ ihn verlegen die Achseln zucken. »Ich dachte … na ja, du hast nur ein Sweatshirt an.«

Sie erhob sich, wischte sich die Hände achtlos an ihrer Cargohose ab und sah zu ihm hoch. Und diesmal, Luke war sich sicher, lächelte sie ihn an. Nur kurz. Entschlossen trat Luke einen Schritt näher.

»Danke«, sagte sie und ging zwei Schritte zurück, sodass der Hund jetzt zwischen ihr und ihm stand. »Ich hab es nicht weit.«

»Nur wegen dem Regen«, sagte Luke gedankenverloren und fragte sich, was der Riesenköter wohl tun würde, wenn er sich einfach an ihm vorbeischieben würde.

Die Dogge sah ihn aus gelben Augen an, dann setzte sie sich mit einem leichten Seufzer auf den nassen Asphalt, stellte die Ohren auf, ohne den Blick auch nur für eine Sekunde abzuwenden.

Eine Böe schüttelte die wenigen Bäume hinter ihnen. Luke sah, wie das Mädchen fröstelte und sich mit gekreuzten Armen über ihre Schultern strich.

»Hier! Nun nimm schon meine Jacke!« Schnell streckte er sie ihr entgegen. Einen Moment lang dachte er, sie würde ihn auslachen. Doch sie legte nur den Kopf in den Nacken, sah mit ihren schrägen Augen nachdenklich zu ihm hoch.

Sie ist ziemlich klein, ging es Luke durch den Kopf. Langer Lulatsch. Luke, der Lulatsch. Seine Schwester Charly nannte ihn so. Er selbst hatte seine Einsneunzig nie als übermäßig riesig empfunden. Doch jetzt, als diese Fremde vor ihm stand, den Kopf nach hinten gebogen, als starrte sie zu einem Turm hoch, fühlte er sich ungelenk und schlaksig. Luke spürte, wie er rot wurde. Doch er hielt ihrem Blick stand, zwang sich, in diese Augen zu sehen, die ihn so aufmerksam musterten.

»Danke«, sagte sie schließlich, »aber ich brauch sie wirklich nicht.«

Sie schnalzte mit der Zunge, sofort sprang ihr Hund auf, wedelte erwartungsvoll. Sie packte sein Halsband, machte einen Schritt, als wollte sie die Straße überqueren, und blieb wieder stehen. Sah ihn über die Schulter hinweg an.

»Wolltest du nicht deine Bahn kriegen?« Ihre Stimme klang weich. Dennoch glaubte Luke, einen leicht spöttischen Ton herauszuhören.

Verlegen schob er sein Rad ein winziges Stück vorwärts. »Ja, klar, das wollte ich, muss ich ja …« Der Rest seiner Worte ging in ein undeutliches Gemurmel über. Luke bückte sich nach seiner Tasche, verzog das Gesicht, als der Geruch nach frischer, feuchter Hundescheiße ihm in die Nase drang. Seine Hand schloss sich fest um den Lenker.

Ein letzter Blick zu dem Mädchen.

»Vielleicht bekomme ich meine Bahn ja doch noch«, brummelte er und setzte sich widerstrebend in Bewegung.

Heiß fuhr ihm der Schmerz durch das Bein, als das Pedal erneut auf die schon brennende Wade prallte.

Luke blieb stehen, schloss kurz die Augen. Wenn du jetzt gehst, siehst du sie nie wieder!, schoss es ihm durch den Kopf. Sag irgendetwas, drängte eine Stimme in seinem Inneren. Irgendetwas. Aber möglichst etwas Kluges …

»Warte!« Obwohl sie leise sprach, hallte ihre Stimme klar und deutlich über die dunkle Straße. Blitzschnell drehte er sich um, stieß sich schmerzhaft die Hüfte am Lenker, sah, wie sie mit zögernden Schritten auf ihn zukam.

»Ja?«, fragte Luke leise und versuchte, die völlig unbegründete Aufregung, die ihn durchfuhr, nicht in seine Stimme dringen zu lassen.

»Dein Rad hat richtig was abbekommen«, stellte sie mit sachlicher Stimme, den Blick auf die verbeulten Felgen gerichtet, fest. Er nickte schweigend. »Damit kannst du auf keinen Fall fahren.« Kurz sah sie zu ihm hoch.

»Jetzt sag endlich was, du Idiot«, forderte die leise Stimme in seinem Kopf, doch bevor ihm auch nur ein sinnvoller Satz einfiel, fuhr das Mädchen fort: »Du solltest es nicht hier stehen lassen! Dann ist es morgen weg.«

»Ja, dann ist es morgen weg«, sagte Luke und presste schnell wieder die Lippen aufeinander, als er seine Stimme hörte, die aus seinem Mund drang wie das heisere Krächzen einer Krähe. Und klappte ihn wieder auf, als er sie zu seiner Verblüffung sagen hörte: »Okay. Bringen wir es zu mir. Dann kannst du es morgen wieder abholen!«

Sie zeigte auf das doppelflügelige Tor auf der anderen Straßenseite. Magowski Antiquitäten – Trödel – Gebrauchtwarenhandel stand in schwarzen Lettern auf einem naturbelassenen, fein geschliffenen Holzoval darüber.

»Da wohne ich«, sagte sie. »Komm, wir stellen es in die Einfahrt.« Nachdenklich sah sie das Rad an, dann erneut Luke. »Sorg dich nicht, es ist ganz bestimmt noch da, wenn du es morgen abholst!«

2

Leises Stimmengemurmel mischte sich mit gedämpft vor sich hin plätschernder Musik aus der Küche, als Luke die schwere Haustür aufschloss. Er blieb kurz stehen, sah sich um in dem hellen, langen Flur. Auch nach einem Jahr konnte er noch immer kaum glauben, dass er hier wirklich wohnte. »Zuhause«, murmelte er leise, dann erst stellte er seine Tasche vor der Garderobe ab, warf seine nasse Jacke achtlos darüber, streifte die Schuhe von den Füßen. Er schnupperte an der Sohle, hielt sie mit spitzen Fingern weit von sich weg und verbannte sie mit angeekelt verzogenem Gesicht ins Treppenhaus. Auf einem kleinen IKEA-Regal hatten sich bereits verschiedenste Schuhe in verschiedensten Größen versammelt.

Luke ließ das Schloss einschnappen und hob schwungvoll Poldi hoch, der ihm ungeduldig maunzend um die Waden strich. Der grau getigerte Kater war zwar im Laufe der Jahre deutlich runder und behäbiger geworden, doch einfach so hochheben ließ er sich deshalb noch lange nicht. Mit einem entrüsteten Maunzen ruderte er sich hektisch aus der ungewollten Umarmung und lief, den Schwanz wie eine Flaschenbürste aufgestellt, über den bei jedem Schritt leise knarrenden Dielenboden.

»Glaub bloß nicht, nach dieser Begrüßung renne ich jetzt in die Küche und geb dir was zu fressen, du treuloses Vieh«, murmelte Luke und folgte dem Kater durch den von zwei kleinen Wandleuchten nur dämmrig erhellten Flur.

Er schloss im Vorbeigehen die nur angelehnte, frühlingshaft grün lackierte Tür, die ins Bad führte, und blieb vor der nächsten stehen. Luke zu Lukes Kammer stand auf einem kleinen Schild in krakeligen Buchstaben. Um die Schrift herum hatte Charly zarte Blattranken gepinselt. Er öffnete die leicht quietschende Tür, erklomm die Treppe zum Dachboden, zu seinem Reich. Mit großen Schritten durchquerte er den rechteckigen Raum, stieg über herumliegende Bücher, Kleidungsstücke und achtlos verteilte CDHüllen hinweg, bis er am schräg in das Dach eingelassenen Fenster stand. Er wischte ein paar Sachen von der Fensterbank und öffnete das Fenster. Mit geschlossenen Augen atmete er die feuchte, kalte Novemberluft ein.

Verhaltene Stimmen, leises Lachen und gedämpfte Gitarrenklänge drangen aus der unter seinem Zimmer liegenden Küche herauf.

Morgen würde er sie wiedersehen. Ob sie das beabsichtigt hatte? Dass sie sich wiedersahen? Warum sonst sollte sie einem Fremden anbieten, sein Rad unterzustellen? Oder fand sie ihn albern?

Gequält schloss Luke die Augen, als er daran dachte, wie sie auseinandergegangen waren. Das Tor war bereits hinter ihr geschlossen gewesen, er schon einige Meter Richtung Venloer Straße marschiert, als ihm siedend heiß einfiel, dass er nicht einmal wusste, wie sie hieß. Er hatte sie nicht nach ihrem Namen gefragt! Er war zurückgesprintet, hatte an die Tür geklopft, und als es still blieb, vorsichtig gerufen: »Hallo, ich bin’s noch mal. Wie heißt du eigentlich? Ich heiße Luke.« Er lauschte. Doch kein Geräusch drang durch das fest verriegelte Tor.

Luke schüttelte den Kopf, wischte sich die feuchten Finger an der Jeans ab. Morgen würde er sein Fahrrad holen. Er würde sie wiedersehen. Und dann? Er seufzte, warf einen letzten Blick über die Dächer der Stadt. Dann schnappte er den vor der Tür zusammengerollten Poldi, drückte ihn gegen seinen strampelnden Widerstand fest an sich, grub die Nase in das weiche, lange Katerfell und betrat die Küche.

Charly rekelte sich wie immer in dem tiefen Sessel vor dem Fenster. Luke lächelte, als er sah, wie sie sich in die Decke kuschelte, die ihre Mutter aus Hunderten von Stoffvierecken genäht hatte.

Neben ihr hockte Daniele. Klein, fast schmächtig, die eingefallenen Wangen noch betont durch die ziegenbartähnliche, kümmerliche Kinnbehaarung, die er oft lange und ausgiebig kratzte. Dabei zog er die Brauen zu einem nachdenklichen Dreieck zusammen, eine Mimik, die ihm den Spitznamen Fox eingebracht hatte. Nur in Momenten, in denen Daniele seine dunklen Augen auf jemanden richtete, erkannte man den Sizilianer. Schwarze, glatte Murmeln. Der Blick, mit dem Daniele jetzt zu Charly hochsah, war der Blick eines heißblütigen, sehnsüchtigen Südländers. Luke wusste, wie alle hier im Raum, das Daniele Charly mochte. Sehr mochte. Er hatte sich nie gefragt, ob Daniele unglücklich war. Daniele und Liebeskummer? Luke schüttelte den Kopf. Das passte einfach nicht. Luke nickte nur kurz, als Danieles Blick ihn streifte. Einen Moment lang glaubte er, einen Ausdruck von Unsicherheit über das Gesicht des Freundes huschen zu sehen, doch dann verzogen sich dessen Lippen zu dem typischen, spöttischen Daniele-Grinsen, ein lässig grüßendes Wedeln mit der Hand, dann wandte sich Daniele wieder Charly zu. Daniele und seine Schwester? Würde ihn das beunruhigen?

Daniele und dessen Geschäfte. Keiner von ihnen wusste, was für Leute das waren, für die Daniele arbeitete. Er wusste nur, dass er eine Menge Geld damit verdiente, als Bote zwischen verschiedenen »Geschäftsleuten« zu fungieren, wie er selbst sie nannte. Doch nebenbei paukte Daniele wie ein Irrer, um an der Abendschule seine Fachoberschulreife zu schaffen. Oft kam er später als die anderen, dann setzte er sein Fuchsgesicht auf, grinste sein schlitzohriges Grinsen und sagte mit künstlich übertriebenem italienischem Akzent: »Bisiness, amigos, capice?«

»Luke, hey!« Becky setzte Käthe, Poldis Adoptivmutter, sanft auf den Boden, stand auf, nahm Luke kurz in die Arme. Eine so vertraute Geste, eine so vertraute Umarmung. Manchmal dachte Luke, dass Becky zwar größer, erwachsen geworden war, doch ihr Gesicht erschien ihm kaum verändert seit ihren gemeinsamen Kindergartentagen. Beckys unbändige dunkle Locken wurden von einem einfachen Stoffband aus der Stirn gehalten, doch wie immer hatten sich unzählige, kleine, gekringelte Strähnchen befreit und standen wie zerzauste Federn um ihr rundes, ungeschminktes Gesicht.

»Schön, dich zu sehen!«, flüsterte er ihr ins Ohr, und als ihre warmen Finger flüchtig über seine Wange strichen, hielt er ihre Hand für einen Moment lächelnd fest.

Lisa, wie immer umgeben von einem Berg von Büchern, sah auf, warf ihm einen Luftkuss zu und redete weiter auf Pascal ein. Offensichtlich ging es um etwas Technisches, Pascal studierte Maschinenbau, Lisa war mal wieder auf der Suche nach einem neuen Fach.

Pascal winkte lässig, zuckte dann mit dem Kinn Richtung Lisa, verdrehte grinsend die Augen.

»Das habe ich gesehen!«, sagte Lisa spitz, um dann unbeirrt weiter auf Pascal einzureden.

Luke wandte sich zum Kühlschrank, prüfte kritisch den Inhalt. »Wer hat denn das hier mitgebracht?« Kopfschüttelnd holte er eine Dose heraus. »Pils! Und dann auch noch Dosenbier statt Flaschenkölsch!« Missbilligend sah Luke in die Runde.

»Jemand, der wusste, dass es hier nichts zu trinken gibt, der Kölsch für Kinderpisse hält und der keine Lust hat, bei dem Sauwetter noch mal zum Kiosk zu latschen. Laufen müssen wir Sportstudenten doch an der Uni genug, oder?!« Ein blonder Junge mit runden Wangen und fröhlichen blauen Augen saß auf dem Sofa und lugte kurz über den Rand des Kölner Stadt-Anzeigers hinweg.

»Niklas, du Verräter!« Gespielt ungläubig schüttelte Luke den Kopf. »Wer so was trinkt in der Stadt des Kölsch, der hört wahrscheinlich auch Oldies von Neil Young.«

Niklas richtete die Fernbedienung auf die kleine Kompaktanlage im Regal und schon sang Neil Youngs sanfte Stimme When I first saw your face, it took my breath away. Leise summte Niklas mit, zwinkerte Luke zu und forderte ihn mit einem Fingerschnippen auf, ihm auch eine Dose zu geben. Luke nahm sich einen der vielen Stühle, die in der Küche verteilt waren, stellte ihn neben das Sofa, schwang sich drauf und öffnete mit leisem Zischen die Bierflasche.

Im Dezember wurde es genau ein Jahr, dass sie zu fünft diese wunderschöne, riesige Altbauwohnung gemietet hatten. Pascal, der Wortkarge, Lisa, die Urkölsche mit der Schnodderschnauze, Niklas, Daniele und er selbst.

Zwischen zweihundert und zweihundertfünfzig Euro, mehr konnte keiner von ihnen in den Topf werfen, hatten sie beschlossen. Doch damit hätten sie niemals auch nur den Hauch einer Chance gehabt, eine solche Traumwohnung zu mieten. Vier Studenten und ein italienischer Kleinganove mit schulischen Ambitionen. Alle mit hochtrabenden Zukunftsplänen und mies bezahlten Aushilfsjobs.

Eine Altbauwohnung in einem der teuersten, schönsten und begehrtesten Stadtteile Kölns, dem Belgischen Viertel, fünf Zimmer, dazu ein ausgebauter Dachboden, eine weiträumige Dachterrasse, Doppelflügeltüren, original erhaltene Rundbogenfenster und den inzwischen so vertraut knarzenden, restaurierten Holzboden – eine Wohnung für Yuppies mit einem Monatsgehalt im fünfstelligen Bereich. Und davon gab es einige.

Dann kam Pascal ins Spiel. Pascal Overbeck mit einem Vater in allen wichtigen wirtschaftlichen Gremien der Stadt. Und einer Mutter, die sich einen Namen als Kunstmäzenin und Förderin der Kölner Museen gemacht hatte. Pascal hatte kurzerhand seine Eltern gebeten, die Wohnung zu mieten. Für Sohn und Kommilitonen. Sie hatten sich gemeinsam mit den Overbecks die Wohnung angesehen. Kurz darauf unterschrieben Luke, Pascal, Lisa, Niklas und Daniele den Mietvertrag. Niemanden wunderte es besonders, dass als Eigentümer und Vermieter Maria und Karl Overbeck auf der ersten Seite des Vertrags auftauchten.

Nach und nach war es leer geworden in der Küche. Die Zeiger wanderten langsam über den offenen Sack Kaffeebohnen und den Becher Cappuccino auf dem Hintergrundbild der alten Porzellanuhr Richtung halb zwei. Poldi hatte sich auf der Fensterbank zusammengerollt, das ausladende Hinterteil als dicke Fellkugel über die warme Heizungsluft geschoben. Käthe schnurrte entspannt mit müde blinzelnden Augen auf Lukes Oberschenkeln.

Luke liebte diese Momente, in denen er allein in der Küche saß. Die Spuren der anderen überall verteilt, Lisas Bücher, Pascals Tabakkrümel. Leere Bierdosen auf dem Tisch, eine vergessene Wolljacke auf der Sofalehne, der Schlüsselbund mit dem großen N auf dem Tisch, daneben die Hülle von Niklas’ Handy – Niklas’ Streuordnung machte vor keinem Zimmer der WG halt. Luke lächelte.

Käthe blinzelte verschlafen, als er aufstand und zum Regal ging, eine CD einlegte und sich mit einer Dose kaltem Bier in den durchgesessenen, mit weichen Kissen gepolsterten Rattansessel zurückfallen ließ.

And I want you and I want you and I want you so it’s an obsession … Annie Lennox’ überirdische Stimme, so oft gehört, den Song, Love is a Stranger …

Liebe. Wann immer einer seiner Freunde Liebeskummer hatte oder sich in diese peinliche Aufregung vor der ersten Verabredung mit einem Mädchen hineinsteigerte, war es ihm nur albern vorgekommen.

»Was soll das Getue?«, hatte er Niklas mal gefragt, als dieser eine Zeit lang Abend für Abend mit ihm darüber diskutierte, ob er ein Mädchen, das sich nicht mehr meldete, anrufen solle oder nicht. Ob ihr Schweigen eine Botschaft sei, die er nicht verstand, oder ob sie ihn einfach nicht mehr sehen wollte. »Wieso regst du dich auf? Sei froh, dass sie wieder weg ist, und genieß dein Leben!«

Doch jetzt bekam er selbst Herzklopfen wegen eines wildfremden Mädchens. Eines wildfremden Mädchens mit einem riesigen Hund. Luke nahm einen großen Schluck Bier, sein Blick fiel auf die Uhr. Zehn vor zwei. Morgen standen die Laufeinheiten an, seine schwächste Disziplin, doch mit hartem Training würde er die Mindestpunktzahl für den Schein schaffen. Erneut ein großer Schluck Pils.

Wieder schoben sich zwei braune, mandelförmige Augen über seine Gedanken. Einmal hatte sie ihn angelächelt. Na ja, fast jedenfalls. Ein seltsames Prickeln breitete sich in ihm aus.

Fühlte es sich so an? Begann so das, was seine Freunde immer wieder in diesen peinlichen Zustand versetzte?

»Habe ich mich verliebt, Käthchen aus Heilbronn?«, fragte er flüsternd die Katze, die ihn aus rätselhaften grünen Augen ansah.

»Habe ich mich etwa verliebt in eine wunderschöne, rätselhafte Frau mit einem Monsterhund an ihrer Seite?«

3

Die U-Bahn war überraschend voll für die Mittagszeit. Luke stand eingequetscht zwischen einem mageren Langhaarigen in Jeans, die ungefähr vier Nummern zu groß wirkte, aus dessen Kopfhörern ein harter, monotoner Rhythmus schallte, und einer älteren Dame mit einem riesigen, stetig tropfenden Regenschirm, den sie beim Einsteigen kurz, aber schmerzhaft in Lukes Fuß gebohrt hatte. Die Frau funkelte Luke misstrauisch an, umklammerte ihre Handtasche mit festem Griff und hielt sich mit der anderen an der Halteschlaufe fest. Der Typ mit den Kopfhörern wippte mit dem Kopf und starrte blicklos über die Menge hinweg.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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