Wächter der Magie – Aufbruch nach Artimé - Lisa McMann - E-Book

Wächter der Magie – Aufbruch nach Artimé E-Book

Lisa McMann

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Beschreibung

Der Beginn eines Abenteuers um Kreativität, Anderssein und Mut …
Ein preisgekröntes Fantasy-Abenteuer der New-York-Times-Bestseller-Autorin Lisa McMann. Der erste Band einer Serie um Fantasie, Magie und Kreativität mit jeder Menge Spannung für Mädchen und Jungen ab 10 Jahren.  

Ein Land, in dem Kreativität verboten ist. Zwei Brüder, die alles verändern werden.

In Quill werden alle Dreizehnjährigen bei einem gefährlichen Ritual in „Gewollte“ und „Ungewollte“ eingeteilt. Die Ungewollten, die künstlerisch begabt sind, werden von der Gesellschaft ausgeschlossen. Als die Zwillinge Aaron und Alex bei der Zeremonie getrennt werden, stürzt ihr Leben in Chaos. 

Denn Alex ist ein Ungewollter ... 

Doch ihn erwartet eine Überraschung: Er kommt nach Artimé, einen geheimen und magischen Ort. Hier werden die Ungewollten unterrichtet. Endlich findet Alex ein Zuhause und Freunde. Doch Aaron und Alex stehen nun auf gegnerischen Seiten, und ein Kampf entbrennt, der das Überleben von Artimé entscheidet ...

 “Die Tribute von PanemmeetsHarry Potter.” Kirkus Reviews

  • Das perfekte Geschenk:Mitreißender Lesestoff für Jungen und Mädchen ab 10 Jahren 
  • Atemberaubend spannende Fantasy:Fans von „Keeper of the Lost Cities“, „Die Tribute von Panem“ und „Harry Potter“ werden dieses Buch verschlingen.
  • Spannend und voller Abenteuer:Ein Jugendbuch voller Überraschungen und unvorhergesehener Wendungen, das fesselt und zum Weiterlesen animiert.
  • Tiefgründige Themen:Anderssein, Toleranz, Freundschaft und Mut werden in dieser Reihe behandelt. Beim Lesen stellen sich wichtige Fragen zu Themen wie Gerechtigkeit, Macht und Verantwortung.
  • Bestärkende Botschaft:Die Bücher beschreiben eine magische Welt voller Wunder und Abenteuer. Sie regen dazu an, die eigene Fantasie und Kreativität zu nutzen, sich selbst zu akzeptieren und für seine Rechte einzutreten. 


Alle Bände dieser Reihe:
Band 1: Wächter der Magie – Aufbruch nach Artimé
Band 2: Wächter der Magie – Die zwei Schicksale
Band 3: Wächter der Magie –  Die Feuerinsel
Band 4: Wächter der Magie – Insel der Legenden
Weitere Bände sind in Planung.

 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Lisa McMann

Wächter der Magie

Aufbruch nach Artimé

Aus dem Amerikanischenvon Doris Attwood

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Vollständige eBook-Ausgabe der Hardcoverausgabe München 2024

© 2024 der deutschsprachigen Ausgabe arsEdition GmbH,

Friedrichstraße 9, D-80801 München

Deutsche Erstausgabe

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2011

unter dem Titel »The Unwanteds« bei Aladdin, einem Imprint

von Simon & Schuster Children’s Publishing Division

Text © 2011 Lisa McMann

Übersetzung: Doris Attwood

Lektorat: Kanut Kirches

Covergestaltung: Grafisches Atelier arsEdition

unter Verwendung einer Illustration von Karin Paprocki

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text

und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

ISBN eBook 978-3-8458-5649-0

ISBN Printausgabe 978-3-8458-5648-3

www.arsedition.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Für Kilian

Die Tilgung

Ein leichter Windhauch wehte über die steinernen Mauern und durch den Stacheldrahthimmel, an jenem Tag, an dem Alex Stowe getilgt werden würde. Alex stand wartend auf dem staubigen Zentralplatz von Quill und spürte, wie die sanfte Brise den Schweiß auf seiner Oberlippe kühlte. Sein Zwillingsbruder Aaron stand neben ihm, ihre Eltern hinter ihnen. Ringsum versammelt war das Volk von Quill – wartend, starrend, den leeren Ausdruck schlafender Fische auf den Gesichtern.

Mr Stowe bohrte seine Finger fest in Alex’ Rücken. Ein letzter Stich in die Nieren, ein letztes Auf Wiedersehen, dachte Alex. Oder eine Warnung, nicht davonzulaufen. Alex blickte zu Aaron, dessen Miene nur die winzigste Regung verriet. War es Angst? Oder Trauer? Alex konnte es nicht sagen.

Die Hohepriesterin Justine, ihr langes, weißes Haar unberührt von der Brise, erhob sich zu ihrer vollen Größe und richtete den Blick auf die stille Zuschauermenge. Sie begann ohne einleitende Worte, ohne Aufhebens, denn eine Tilgung war weder aufregend noch langweilig, sie war einfach, genau wie so viele andere Dinge in Quill einfach waren.

In diesem Jahr gab es fast fünfzig Dreizehnjährige. Die Menschen von Quill warteten darauf, zu hören, welche dieser Jugendlichen zu Gewollten oder Notwendigen bestimmt werden würden und welche somit übrig blieben, um getilgt zu werden.

Alex ließ den Blick über die Gruppe und ihre Familien im Halbrund des riesigen Amphitheaters wandern. Einige von ihnen kannte er, aber nicht alle. Alex schweifte in Gedanken ab, während Hohepriesterin Justine zuerst die Namen der Gewollten verkündete, zuckte jedoch kaum merklich zusammen, als sie Aarons Namen aufrief. Aaron, der nichts zu befürchten gehabt hatte, seufzte dennoch erleichtert, als auch sein Name unter den fünfzehn genannten war.

Die Notwendigen kamen als Nächstes. Dreizehn Namen wurden verkündet. Alexander Stowe war nicht darunter. Obwohl Alex wusste, dass er ein Ungewollter war – es schon mit zehn gewusst hatte, seit seine Eltern es ihm eines Morgens beim Frühstück eröffnet hatten –, reichten dieses Wissen und die drei Jahre Vorbereitungszeit nicht aus, um zu verhindern, dass ihm der Schweiß ausbrach und in seinen Achselhöhlen kribbelte.

Es war nur noch eine reine Formalität. Es sei denn, es gab eine Überraschung, was manchmal passierte, aber das spielte keine Rolle. Alle standen reglos da, während die letzten zwanzig Namen aufgerufen wurden. Unter den Ungewollten: Alexander Stowe.

Alex rührte sich nicht, aber sein Herz rauschte wie ein Betonklotz in seinen Magen. Er starrte stur geradeaus, wie er es bei all den anderen Ungewollten in den vergangenen Jahren gesehen hatte. Seine Unterlippe zitterte für einen Moment, aber er kämpfte dagegen an. Als die Kommandeure zu ihm kamen, streckte er die Arme aus, damit sie ihm die rostigen eisernen Handschellen anlegen konnten. Er setzte einen eiskalten Blick auf, bevor er über seine Schulter zu seinen Eltern zurückschaute, die völlig emotionslos blieben. Sein Vater nickte knapp und nahm den Finger aus Alex’ Rücken, nachdem die Handschellen sicher eingerastet waren. Es war immerhin eine kleine Erleichterung, aber was machte das jetzt noch für einen Unterschied?

Aaron schniefte einmal leise und zog Alex’ Aufmerksamkeit in dem stillen Amphitheater auf sich. Die identisch aussehenden Jungen schauten einander einen Moment lang in die Augen. Irgendetwas, eine Art Energiestoß, passierte zwischen ihnen. Dann war es vorbei.

»Leb wohl«, flüsterte Aaron.

Alex schluckte schwer und hielt den Blick seines Bruders noch eine Sekunde lang fest, als die Kommandeure ihn mit einem Ruck aufforderten, ihnen zu folgen, unterbrach die Verbindung dann jedoch und ging mit den Männern zu dem wartenden Bus, der ihn in den Tod bringen würde.

Gewollt

Aaron Stowe, der Gewollte, sah zu, wie sein Bruder Alex in den verrosteten Kasten von einem Bus stieg. Dann richtete er den Blick wieder auf die imposante Erscheinung von Hohepriesterin Justine.

Sie stieg in ihren in die Jahre gekommenen Geländewagen, flankiert von zwei Wachen und ihrer Adjutantin, und sie fuhren den staubigen Hügel hinauf, zurück zum Palast, eine Spur aus grauem Qualm hinterlassend und einen beißenden Geruch, der schwer in der Luft hing. Der Rest von Quill zerstreute sich langsam zu Fuß.

Gemurmel schwoll an, breitete sich in der Menge aus. Nicht über die Tilgung, selbstverständlich. Sie war für viele bereits nur noch eine verschwommene Erinnerung. Stattdessen sprachen sie über ihre Pläne für den Rest des Tages, denn der Tag der Tilgung war in Quill der einzige Feiertag des Jahres. Alle Gewollten und die meisten Notwendigen – abgesehen von jenen, die sich um die Nutztiere kümmerten – durften für den Rest des Tages tun und lassen, wonach ihnen der Sinn stand.

Aaron wusste, was er tun würde. Er drehte sich zu seiner Mutter und seinem Vater um und fragte mit betont fester Stimme: »Sind wir so weit?«

Mrs Stowe nickte steif, dann folgten die drei dem Rest der Massen den staubigen Weg hinunter, der in den Vierten Quadranten führte, in dem sie wohnten. »Wir stellen deine Uniform fertig und packen deine Sachen für die Universität«, sagte Mrs Stowe. »Und schneiden dir die Haare.« Sie blickte zu Mr Stowe und fügte hinzu: »Ich nehme an, wir bekommen die Kleidung und Schuhe des ungewollten Jungen nicht wieder zurück, richtig?«

Mr Stowe, der einst recht attraktiv gewesen war, nach jahrelanger knochenharter Arbeit als Gräber nun jedoch ein wenig gebeugt wirkte, schüttelte den Kopf: »Nein.«

»Na, was für eine Verschwendung! Aaron hätte sie noch gebrauchen können. Zumindest die Schuhe. Ich wünschte, ich hätte daran gedacht, sie ihm abzunehmen, bevor er gegangen ist.«

»Ich hätte sie sowieso nicht tragen wollen«, warf Aaron ein, presste dann jedoch die Lippen zusammen, bevor er noch mehr sagen konnte.

Dennoch kniff seine Mutter die Augen zusammen und erwiderte leise, beinahe verängstigt: »Du tätest gut daran, ihn zu vergessen.«

Aaron schwieg für einen Moment und dachte nach. »Du hast recht«, stimmte er ihr schließlich zu. »Es kommt nicht wieder vor.«

»Das will ich hoffen«, ermahnte Mr Stowe ihn.

Fünfzehn Minuten später hatten sie den Vierten Quadranten erreicht, ein zweieinhalb Quadratkilometer großes Wohngebiet mit winzigen, identischen Häusern, dicht aneinandergereiht wie Mais auf dem Feld, alle von der Farbe der ausgedorrten, rissigen Einöde, die sie umgab. Die Menschenmenge teilte sich und fädelte sich zwischen den Gebäuden hindurch, bis alle ihr Zuhause erreicht hatten.

Aaron und seine Eltern nickten ihren Nachbarn im Vorbeigehen höflich zu. Als Aaron ein ihm bekanntes Ehepaar, ungefähr im selben Alter wie seine Eltern, allein nach Hause gehen sah, zupfte er seine Mutter am Ärmel. »Wie eigenartig«, bemerkte er. »Ist Mr Ranger nicht Melker?«

»Doch«, bestätigte sie.

»Warum ist er draußen unterwegs, anstatt seiner Arbeit nachzugehen?« Aaron kniff die Augen zusammen.

»Sie müssen ihm dieses Jahr den Tag freigegeben haben, wegen der ungewollten Tochter. Ob sie es wohl schon vorher erfahren haben?« Sie wandte sich ihrem Mann zu.

»Nicht, dass ich wüsste. Ein harter Schlag«, fand Mr Stowe. Er gähnte, als sie ihr Haus erreichten, Nummer 54-43. »Damit sind sie von der Fortpflanzung ausgeschlossen – es war ihre zweite Verfehlung.« Er rümpfte die Nase. »Sie werden als jämmerliche Erzeuger furchtbar von den Gewollten verhöhnt werden.«

Mrs Stowe bedachte ihren Mann mit einem missbilligenden Blick. »Pass auf, was du sagst«, zischte sie ihn an. »Vergiss nicht, dass wir uns nun in Gesellschaft eines Gewollten befinden.«

Aaron hob ein wenig das Kinn, als seine Eltern an der Haustür einen Schritt zur Seite wichen, um den Jungen zum allerersten Mal zuerst eintreten zu lassen. »Ja, pass auf, Vater«, warnte Aaron ihn kalt, »sonst muss ich dich bei der nächsten derartigen Bemerkungen wegen Ungehorsams melden.«

Würdevollen Schrittes stolzierte Aaron durch die winzige Küche in das noch winzigere Zimmer, das er sich nun nicht länger teilen musste. Es stimmt, dachte er. Genug getrauert. Alex wurde inzwischen wahrscheinlich bereits liquidiert. Das Stechen in seiner Magengrube wurde schon bald von Gedanken an seine nun sichere Zukunft gedämpft – und von einem leisen Gefühl der Macht. Er war Aaron Stowe, der Gewollte. Doch er würde sich deutlich mehr beweisen müssen als die meisten anderen, weil er von zwei Notwendigen abstammte. Davon, dass er den Makel eines wertlosen Zwillingsbruders überwinden musste, ganz zu schweigen. Für ihn war es, das wusste Aaron, eine gewaltige Leistung, es bis nach oben geschafft zu haben.

Er begann seinen Koffer zu packen, während sich ein befriedigendes Gefühl in ihm ausbreitete: Dies war die letzte Nacht, die er bei seinen notwendigen Eltern verbringen musste. Morgen würde er an die Universität gehen, genau wie all die anderen seines gehobenen Ranges.

Die Farm des Todes

Niemand sprach während der fünfzehnminütigen Busfahrt zur Farm des Todes ein Wort. Es war erstickend heiß. Fliegen schwirrten summend gegen die geschlossenen Fenster, nicht in der Lage zu entkommen. Als Alex schließlich aus seiner Benommenheit erwachte, wischte er sich mit dem Oberarm den Schweiß von der Stirn und sah sich im Bus um.

Vor ihm, durch eine lange Kette über den hohen Lehnen der Bussitze mit ihm verbunden, saß seine Nachbarin und Freundin, Meghan Ranger. Es war ein ziemlicher Schock gewesen, sie in dieser Gruppe zu sehen – soweit er wusste, hatte sie nur einen Verstoß zu verzeichnen, wenn auch einen doppelten: Singen und Tanzen. Alex hatte sie dabei gesehen, sie jedoch nicht gemeldet. Sie hatte eine wirklich schöne Stimme, auch wenn es Alex nicht erlaubt war, darüber nachzudenken. Trotz der Hitze war Meghans Gesicht blass wie der Mond.

Auf der anderen Seite des Gangs saß Samheed Burkesh, den Alex sehr gut kannte, jedoch nicht besonders mochte. Alex war überrascht, ihn hier zu sehen, da Samheed noch in der vergangenen Woche vor Aaron und Alex damit geprahlt hatte, er würde sich dem Quillitär anschließen. Samheed kämpfte ganz offensichtlich mit den Tränen und funkelte Alex wütend an, als dessen Blick auf ihm landete.

»Was glotzt du denn so?«, fragte Samheed, doch eine der jüngeren Kommandeurinnen warf ihm einen warnenden Blick zu. Ungewollten war das Reden nicht erlaubt – ihre letzten Worte hatten sie bereits vor der Tilgung gesprochen.

Alex senkte den Blick, atmete ein paarmal tief durch und schwor sich still, Samheed nicht noch einmal anzusehen, bis … nun, nie wieder. Stattdessen drehte er sich zu dem Platz hinter seinem Sitz um, denn dank seiner Schockstarre angesichts dieser schrecklichen Situation hatte er überhaupt nicht registriert, mit wem er durch die Kette an seinem anderen Arm verbunden war. Eigentlich hätte er aufstehen müssen, um richtig über die hohe Rückenlehne sehen zu können, tat es jedoch nicht, da die Kommandeure ihn beobachteten. Alles, was er erkennen konnte, waren das glatte, rabenschwarze Haar und die großen, wässrig blauen Augen eines Mädchens, da war er sich sicher. Für eine Dreizehnjährige war sie jedoch sehr klein, dachte er. Sie wandte sich nicht ab. Stattdessen hielt sie seinem Blick stand und blinzelte ihre Tränen während des langen Moments nur ein einziges Mal weg.

Ihre Augen waren tief und seelenvoll, ihre nassen schwarzen Wimpern vom vielen Weinen verklebt. Schließlich versuchte Alex sich an einem leichten Lächeln. Er bezweifelte zwar, dass sie seinen Mund sehen konnte, wenn er ihren nicht sah, doch als Antwort bildeten sich um ihre Augen winzige Falten, und aus irgendeinem Grund fühlte sich Alex ein klitzekleines bisschen besser.

Ansonsten saß in dem klapprigen alten Bus niemand, den Alex kannte. Er fragte sich flüchtig, wie es wohl wäre, allein mit den Kommandeurinnen und Kommandeuren hier zu sein. Aus irgendeinem selbstsüchtigen Grund, den er sich nicht richtig erklären konnte, empfand er einen Anflug von Freude dank des Wissens, dass Meghan und die anderen mit ihm hier waren. Dass er nicht der einzige Ungewollte in ganz Quill war.

Der Bus tuckerte an der Baumschule vorbei, in der sämtliche Bäume von Quill wuchsen, an der Rinderfarm am Rand der Stadt und an der kargen, schäbigen grauen Mauer im Süden von Quill. Erst nach mehreren Minuten verschwanden die farblosen Häuser, und die nun unbebaute Landschaft wurde immer trostloser.

Alex drehte sich der Magen um, als die Fahrerin auf die Bremse trat und der Bus langsam und ächzend vor dem schwarzen, soliden Eisentor des Ortes zum Stehen kam, den die Menschen von Quill als Farm des Todes kannten.

Niemand außer Hohepriesterin Justine und den Kommandeurinnen und Kommandeuren war je durch dieses Tor geschritten und lebendig wieder zurückgekehrt, aber sie sprachen niemals darüber. Nur die Menschen von Quill redeten, mit gedämpften Stimmen, hin und wieder davon und spekulierten darüber, wie lange die Ungewollten wohl dort festgehalten wurden, bevor die Liquidatoren sie schließlich beseitigten. Und wie genau taten sie es? War es schmerzhaft? Wurden sie betäubt, bevor man sie in den Großen See aus brodelndem Öl warf? Alex gab sich alle Mühe, nicht selbst über all diese Dinge nachzudenken, doch je angestrengter er es versuchte, desto mehr begann er zu grübeln. Deshalb war er beinahe erleichtert, als er hörte, wie sich die Bustür knarrend öffnete und die Kommandeurinnen und Kommandeure den Ungewollten befahlen, aufzustehen und auszusteigen.

Es lag ein deutlich wahrnehmbarer, ätzender Geruch in der Luft, als die Kinder den Bus verließen und sich vor dem schwarzen Tor versammelten, hinter dem die Farm lag. Es war ein ungewöhnlicher Geruch, anders als die Bratölgerüche der Quillitärfahrzeuge. Alex vermutete, dass er von dem brennenden Öl auf dem nahen See stammte. Er war dem See vorher noch nie so nahe gewesen, weil es niemandem erlaubt war, sich ihm zu nähern. Niemand durfte den See auch nur sehen, und die das Land umschließende turmhohe Betonmauer reichte bis an die Stacheldrahtdecke knapp fünfzehn Meter über ihnen hinauf. Niemand außer den Ungewollten zumindest.

Alex blickte zu dem schwarzhaarigen, blauäugigen Mädchen neben ihm. Die schützende Stacheldrahtdecke, die sich mit ihrem Zickzackmuster über ganz Quill erstreckte, zeichnete einen eckigen Schatten auf ihr Gesicht, der eine ihrer Tränen umrahmte. Sie zitterte still. Sie war noch keine dreizehn, da war Alex sich ganz sicher. In einem Moment der Tapferkeit – schließlich hatte er nichts mehr zu verlieren – flüsterte er ihr zu: »Ich bin Alex. Es wird ganz schnell gehen.« Er wusste selbst nicht genau, warum er es sagte. Es war das einzig Tröstliche, was ihm einfiel.

Sie blickte blinzelnd zu ihm hinauf und die Schattenmuster huschten dabei über ihr Gesicht. Das taten sie immer, überall. »Lani«, flüsterte sie zurück und schüttelte den Kopf. »Und nein, wird es nicht.«

Alex wusste nicht, was er sagen sollte. Er stand stramm, während eine der Kommandeurinnen einen Schlüssel von einer um ihren Hals hängenden Kordel nahm und das Tor aufschloss. »Ruft die Liquidatoren«, befahl die Frau.

Eine weitere Kommandeurin gehorchte, indem sie gegen das Tor hämmerte. Als sich die gewaltigen Eisenflügel mit lautem Knarren öffneten, wandten sich die Aufseher ab und stiegen wieder in den Bus.

Lani blickte ihnen nach, Tränen strömten über ihr Gesicht. »Leb wohl, Vater«, sagte sie, als ein schmächtiger, grauhaariger Mann einstieg. Der ältere Kommandeur hielt für einen Sekundenbruchteil in der Tür inne und ging dann weiter – ein wenig schwerfälliger vielleicht – die Stufen hinauf, ohne sich noch einmal umzublicken. Er ließ sich auf der gegenüberliegenden Seite des Busses nieder. Lani wandte sich ab und wischte sich grob die Tränen von den Wangen. Der Bus fuhr davon, als sich das mächtige schwarze Eisentor der Farm des Todes bereits so weit geöffnet hatte, dass die angeketteten Kinder im Gänsemarsch hindurchgehen konnten.

Dahinter erwarteten sie vier riesige, komplett schwarz gekleidete Liquidatoren. Ihre Köpfe waren in Stoff gehüllt, aber ihre runden, roten Augen schienen sich direkt in die ohnehin verängstigten Seelen der Kinder zu bohren. Lani wirkte mit einem Mal als Einzige vollkommen ruhig. Mit erhobenem Haupt marschierte sie in der langen Reihe der Kinder durch das Tor.

»Was sind sie?«, fragte Meghan erschrocken und tastete unbeholfen nach Alex’ Hand.

Alex ergriff sie und drückte sie voller Angst. »Ich weiß es nicht«, flüsterte er zurück. Er hatte das Gefühl, sein Brustkorb würde in sich zusammenfallen. Langsam atmete er ein und aus, schloss für einen Moment die Augen und erschauderte, als sich das Tor ächzend wieder schloss und mit lautem Scheppern zufiel, bevor es sich von der anderen Seite automatisch mit einem Klicken verriegelte und sie für immer von Quill trennte. Die Liquidatoren griffen nach den Enden der Kette und trotteten langsam davon. Die Kinder folgten ihnen notgedrungen.

Sie befanden sich in einem kleinen Hof aus Beton. Ein graues Steingebäude ragte vor ihnen auf, und dahinter brodelte ein dampfender schwarzer See. Alex spürte den nächsten Schauder. Dort werden sie es uns antun. Der ölige Gestank schien stärker zu werden, als sie weiter über den Beton schlurften, vorbei an Bündeln verbrannter Gräser, stetig auf das Gebäude zu. Die Farm war noch trostloser als der am schlimmsten verfallene Sektor von ganz Quill. Selbst der Himmel hier war wolkenverhangen und grau, auch wenn es keinen Stacheldraht gab – nur freien Himmel. Keins der Kinder hatte jemals zuvor einen undurchbrochenen Himmel gesehen.

Alles war unheimlich still, bis auf das Rasseln der Ketten und das Schlurfen ihrer Schritte, während sich die Ungewollten vorwärtsbewegten. Die Sekunden fühlten sich an wie Stunden. Als die Liquidatoren stehen blieben und die Augen gen Himmel richteten, folgte Alex ihrem Blick.

Die anderen Kinder sahen ebenfalls nach oben. Am Himmel über dem brodelnden schwarzen See näherte sich langsam ein großer Vogel – oder etwas Ähnliches. Die Liquidatoren schienen auf ihn zu warten, denn sie verharrten reglos – riesig, massig, schweigend –, bis eine vierbeinige geflügelte Kreatur mit einem dumpfen, unheilverheißenden Schlag vor ihnen landete.

Die Liquidierung

Bei der Kreatur handelte es sich um eine außergewöhnlich schöne, aber ebenso furchterregende Schildkröte mit langen, von glänzend weißen Federn bedeckten Flügeln, ihre Spitzen schwarz. Das Wesen mit dem Mosaikpanzer stand auf seinen vier Beinen, reckte den Hals, um sein Publikum genauer zu betrachten, und war selbst auf allen vieren mehr als halb so groß wie das kleinste der Kinder, Lani. Die beeindruckende Kreatur nickte mit dem Kopf in Richtung der Liquidatoren, bevor sie jeder und jedem einzelnen Ungewollten in die Augen schaute. Die Kinder senkten instinktiv den Blick und zogen sich zurück, so weit ihre Ketten es erlaubten.

Nach ein paar Augenblicken schien die Schildkröte zufrieden. Als sie sprach – und den Kindern damit einen gewaltigen Schrecken einjagte –, tat sie es mit tiefer, quälend langsamer Stimme.

»Will…kommen«, sagte die Schildkröte, leise und düster, und bei dem Wort jagte ein eiskalter Schauer über Alex’ Rücken. »Wir haben …«, sie hielt inne, um Atem zu schöpfen, »euch … bereits … erwartet.«

Samheed, der böse funkelnde Junge aus dem Bus, der die ganze Zeit geschwiegen hatte, stieß leise murmelnd einen Fluch aus und hob die Fäuste, zum Kampf bereit. Alex und die anderen waren jedoch vor Angst wie hypnotisiert von der seltsamen Kreatur.

Was war dieses Ding? Würde es sie angreifen? Was hatte es mit dieser heruntergekommenen Farm zu tun, auf der es nichts gab außer den Geruch des Todes? Die Ungewollten beobachteten die Schildkröte, beinahe zu verängstigt, um direkt in ihr grimmiges Gesicht zu schauen, aber auch nicht in der Lage, den Blick von ihr abzuwenden.

Die Schildkröte blinzelte wie in Zeitlupe. Sie bog ihren langen Hals, um hinter sich zu blicken, hob ihr rundliches Vorderbein und führte es zum Mund, als wollte sie für ihre nächsten Worte einen Trichter bilden. »Mar...cus«, rief sie mit träger, finsterer Stimme. »Es ist Zeit.«

Was in Quills Namen tut sie bloß?, wunderte sich Alex. Doch dann tauchte eine dünne Gestalt aus dem grauen Gebäude auf und hob eine Hand.

Plötzlich wurde Alex schwindlig. Alles um ihn herum schien sich zu drehen, der ölige See schien sich mit dem grauen Gebäude und der Mauer hinter ihnen zu verstrudeln, bis Alex nur noch kohlengrauen Dunst sah. Er blinzelte heftig und fragte sich, ob er und all die anderen Kinder bereits liquidiert worden waren – ob es womöglich bereits vorbei war. Aber ihm tat nichts weh, und im nächsten Moment verblasste der kohlengraue Nebel wieder zu Weiß und wirkte weicher, kühler, bevor er immer heller leuchtete und Alex beinahe blendete. Es war definitiv nicht das, was Alex erwartet hatte, wenn er in den Großen See aus brodelndem Öl eintauchen würde.

Meghan schien sich offenbar nicht länger beherrschen zu können und schrie: »Was passiert hier?«

Alex drückte ihre Hand, eher um sich selbst als um Meghan zu versichern, dass sie immer noch zusammen waren. Er japste nach Luft, konnte aber nichts erwidern.

Einen Moment später schmolz das gleißende Weiß dahin und leuchtende Farben erstrahlten. Der kleine, trostlose Hof hatte sich in eine riesige und so bunte Welt verwandelt, dass Alex kaum richtig sehen konnte.

Die Sonne schien von einem kräftig blauen Himmel. Der Beton verwandelte sich in einen Teppich aus saftig grünem Gras, Wasserfontänen sprühten aus der Erde. Tausende Bäume sprossen und wuchsen zu ihrer vollen Größe heran, weit und breit verstreut. Der kochende See flaute zu einem ruhigen Meer aus Blau und Grün ab, und das einsame, graue Gebäude streckte sich zu einer mächtigen, weitläufigen Villa aus Feldstein. Das verdorrte Unkraut um die Füße der Kinder begann zu zittern und verwandelte sich in weitäugige Tiere, gewöhnliche wie fantastische.

Selbst die Liquidatoren veränderten sich. Ihre schwarzen Gewänder verschwanden und alle vier wurden noch größer, mit tierähnlichen Köpfen und langen, schlanken Hälsen, die sich zu den imposanten, kräftigen Körpern von Wesen formten, wie die Ungewollten sie noch nie zuvor gesehen hatten. Die frisch verwandelten Liquidatoren waren von einer feinen Schicht aus schimmerndem schwarzem Fell bedeckt, das das Sonnenlicht reflektierte, und ihre zuvor so furchterregenden roten Augen wirkten nun freundlich und intelligent und leuchteten in tiefem Bernsteinbraun.

Während die Ungewollten nur staunend gaffen konnten, lösten sich die Fesseln von ihren Handgelenken und fielen zu Boden. Die Kinder schnappten voller Ehrfurcht kollektiv nach Luft, rieben sich ihre wunden Handgelenke und schauten sich um, um sich zu vergewissern, dass alle anderen auch noch da waren.

Bei der großen, dünnen Gestalt, die aus dem grauen Gebäude aufgetaucht war, das sich in eine Villa verwandelt hatte, handelte es sich um einen in ein wallendes, farbenprächtiges Gewand gehüllten Mann. Er schlenderte auf die Kinder zu. Auf seinem Kopf stand ein flauschiger weißer Haarschopf in alle Richtungen ab, so, als wäre er gerade vom Blitz getroffen worden.

»Seid gegrüßt, liebe Freundinnen und Freunde«, sagte der Mann. Seine Stimme, warm und klar, tönte wie angenehmes Glockenläuten. Er breitete die Arme weit aus. »Ich bin Marcus Today. Willkommen in Artimé.« Er verstummte, legte einen Finger an seine Lippen und setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Sagt mir, Kinder, was ist es für ein Gefühl, liquidiert zu werden?«

Mr Today

Es war, als wären Alex und die anderen plötzlich stumm. Tatsächlich hätten allein die prächtigen Farben dieses magischen Ortes genügt, um jedem Quiller einen Schock zu versetzen, denn Quill war eine fahle Welt, deren strahlendste Farbe das Grün der Laubbäume in der Baumschule war. In Quill waren sämtliche Bäume auf ein einziges Gebiet begrenzt, damit niemand auf die Idee kam, womöglich eine leuchtende Farbe in einen der Wohnquadranten einfließen zu lassen.

Hier in Artimé fühlten sich jedoch alle Farben wunderbar warm an, vom intensiven, waldigen Grün der Pflanzen bis zu den beruhigenden Blautönen des Himmels und des Meers. Auch der Strand war nicht schäbig grau wie die Quill umschließenden Betonmauern, sondern sauber und weiß, mit winzigen Silber- und Goldsprenkeln, die in der Sonne glitzerten.

Eine kühle Brise vertrieb den Gestank von brennendem Öl aus den Nasen der Kinder und ersetzte ihn durch den intensiven Duft des Meeres und der Wälder. Die Kinder atmeten den wundervollen Geruch ein, zögerlich zunächst, weil er so fremd war, doch schon bald schlangen sie ihn beinahe gierig hinunter – einige von ihnen hatten seit geraumer Zeit die Luft angehalten.

Und dennoch schaute sich nicht einer der Ungewollten um und fragte: »Soll das ein Witz sein?« Quill war ein ernster Ort, und es stand zu bezweifeln, dass auch nur einer oder eine der zwanzig einen Witz überhaupt für möglich hielt.

Höchstwahrscheinlich kannten neunzehn von ihnen das Wort »Witz« gar nicht, und der oder die Einzige, die es kannte, war mit ziemlicher Sicherheit aufgrund dieses Wissens bei den Kommandeuren angeschwärzt worden und hier gelandet. Wo immer »hier« auch war, wenn nicht die Farm des Todes.

Staunend starrten Alex und die anderen auf den farbenfroh gekleideten Mann. Einige von ihnen hatten vielleicht sogar Angst – nicht vor Mr Today, sondern eher um ihn, denn sein Lächeln war so lebendig, seine Freude so offensichtlich, dass er deswegen gewiss den Kommandeuren gemeldet werden würde, und dann würden sie auch ihn … nun, sie würden auch ihn hierherschicken.

Doch gewaltiger als all das war der pure Schock darüber, eine geflügelte Schildkröte zu sehen – die im Augenblick ein drolliges Lächeln im Gesicht hatte –, die Verwandlung der Landschaft und des Sees – so einladend, dass einige unter anderen Umständen vielleicht mit dem Gedanken gespielt hätten, an diesem warmen Tag schwimmen zu gehen, obwohl derartig fantasievolle Gedanken in Quill nicht erlaubt waren – und die … nun, wie sollten sie die Liquidatoren wohl nennen? Niemand hatte je zuvor ein Wesen wie sie gesehen. Was immer sie auch waren, ihre tiefe, schwere Atmung war im Moment für den Großteil der Geräuschkulisse verantwortlich. Alles war so überwältigend, dass es beinahe – nur fast, aber nicht ganz – unbehaglich war.

Und so standen die Ungewollten blinzelnd da, der Mann namens Mr Today stand lächelnd da, die Liquidatoren standen schnaufend da und die geflügelte Schildkröte stand drollig da, und alle zusammen bildeten sie einen mehr oder weniger runden Kreis.

Dann lud Mr Today sie ein, mit ihm über das Anwesen zu spazieren, während er sie auf kleine, fantastisch zusammengesetzte Kreaturen aufmerksam machte – Kaninsel und Biebops, Einhörnchen und Fledereulen –, die auf der Suche nach Futter durchs Gras hüpften, in ein angeregtes Gespräch vertieft nebeneinander die Wege entlangschlenderten oder kopfüber von Bäumen hingen und ihre Hälse hierhin und dorthin bogen. Nach einer Weile strömte eine schier endlose Schlange aus Menschen und verrückten Kreaturen aus der Villa, die alle ihrer üblichen Routine zu folgen schienen, was die Ungewollten nur umso mehr schockte.

Und einem Kind aus Quill, das in den Tod geschickt werden konnte, nur weil es etwas so Gewöhnliches tat wie mit einem Zweig im Matsch zu malen – ein Quadrat zum Beispiel, oder, gütiger Himmel, gar eine Raute –, kam all das ein wenig wie Folter vor. Tatsächlich dachte gut die Hälfte der Ungewollten noch immer: Wir werden hier alle gleich sterben.

Die Schildkröte räusperte sich und wandte sich an Mr Today: »Du kannst«, begann sie langsam, »dich vielleicht … er…innern, Marcus, … was«, sie gähnte, »jedes Jahr … passiert.«

Mr Today, der bisher nur geschaut und gelächelt und sich am Anblick all dieser neuen wundervollen Menschen erfreut hatte, der ihre Gesichter und Augen betrachtet und der festgestellt hatte, ob sie lange Finger hatten oder kurze, und der sich eingeprägt hatte, welches der Kinder wie dastand, erschrak richtig, als die Schildkröte zu sprechen begann. Tatsächlich machte er vor Schreck beinahe einen Satz und alle anderen damit nur umso nervöser.

»Gütiger Himmel, Jim, du hast recht.« Mr Today richtete sich gerade auf und verkündete in leicht hektischem Tonfall: »Es ist tatsächlich so, Kinder. Für gewöhnlich vergesse ich von einem Jahr aufs andere, was für eine schrecklich furchterregende Erfahrung das hier für Ungewollte ist. Genau dasselbe ist mir letztes Jahr auch passiert – all diese lieben, armen Kinder, den halben Vormitttag von Todesangst gequält … Ich möchte euch daher, bevor ihr meiner Führung für den Rest des Tages folgt, an dieser Stelle klipp und klar versichern, dass ich euch mit dem Anblick dieser Welt und dem entsetzlichen Schock, unter dem ihr wahrscheinlich steht, keiner zusätzlichen Tortur unterziehen will, bevor wir zu eurer eigentlichen Liquidierung schreiten. Nein, tatsächlich habe ich euch … nun …«, er lächelte vorsichtig, »ich habe euch gerettet. Natürlich nur, falls ihr gerettet werden wollt.«

Die Kinder starrten ihn an.

»Lasst mich euch etwas fragen«, fuhr der Mann nun langsamer fort und versuchte, seine Begeisterung vor den verdutzten Ungewollten ein wenig zu zügeln. »Wünscht irgendjemand hier, jetzt sofort liquidiert zu werden?« Mr Today wartete höflich etwa zehn Sekunden ab, um zu sehen, ob sich Freiwillige meldeten. Als er sah, dass es keine gab, nickte er wohlwollend und lächelte. Die Kinder wiederum, bei denen allmählich die Erkenntnis über ihr neues Schicksal ankam, schnappten nach Luft und begannen, voller Verblüffung untereinander zu murmeln: »Wir sind gerettet?« Und: »Wow!« Und: »Unglaublich!«

Mr Today verharrte still lächelnd, bis sie fertig waren, und sagte dann: »Oh, ausgezeichnet. Gut, also … dann wollen wir unsere kleine Führung fortsetzen.«

Er entließ die stämmigen, langhalsigen Liquidatoren – Girrinos, wie er sie nannte – mit einem freundlichen: »Vielen Dank, Arija. Meine Damen …!«, und die vier Girrinos antworteten mit melodiösen Stimmen ebenso freundlich: »War uns ein Vergnügen, lieber Marcus«, bevor sie zum Tor zurücktrampelten, um Wache zu stehen. Jim hob salutierend ein Vorderbein, löste sich aus dem Kreis, brach in einen wackligen Laufschritt aus, um Schwung aufzunehmen, und begann kräftig mit den Flügeln zu flattern. Langsam, sehr, sehr langsam stieg er in die Luft auf und flog über das Anwesen hinweg, wobei er beinahe die Krone eines besonders hohen Baumes streifte, der vor dem Dschungel in der Ferne aufragte, gleich hinter dem Rand der Grasfläche.

Mr Today drehte sich wieder zu den Kindern um, die sich die ganze Zeit kaum vom Fleck gerührt hatten, und winkte sie zu sich heran. »Kommt mit mir«, forderte er sie auf, und dann spazierte er leichtfüßig über den Rasen davon, zeigte dabei wie ein Reiseleiter auf verschiedene Blumen und die unterschiedlichsten Kreaturen und tat, als wäre überhaupt nichts Ungewöhnliches daran, dass ihm zwanzig scheinbar stumme Kinder hinterherstolperten.

Quill floriert,wenn die Starken überleben

Nach der Tilgung blickte Hohepriesterin Justine starr aus dem Fenster der schrottreifen Quillitärkarre, in der sie fuhr. Neben ihr saß ihre Adjutantin, ein verschrumpeltes altes Weib, das dem Land Quill diente, seit Justine vor fünfzig Jahren die Herrschaft übernommen hatte. Und obwohl die Adjutantin keine kopflose Person war, hatte sie es irgendwie geschafft, schon vor Jahrzehnten ihren eigenen Namen zu vergessen, und auch sonst konnte sich niemand an ihn erinnern. Und so hieß sie nun schlicht Adjutantin.

Für gewöhnlich wurde Hohepriesterin Justine von mindestens einem Kommandeur begleitet, doch am Tag der Tilgung waren sämtliche Kommandeurinnen und Kommandeure damit beschäftigt, die Ungewollten in den Tod zu führen, daher saßen heute nur die beiden Frauen auf dem Rücksitz des Fahrzeugs.

»Adjutantin«, begann Justine tonlos, »ich habe beschlossen, dass dies dein letztes Jahr ist.«

Die Adjutantin blickte starr geradeaus auf den Hinterkopf des Fahrers. Sie nickte langsam.

Die Hohepriesterin fuhr fort: »Ich werde einen Studenten der Universität als deinen Nachfolger auswählen. Du wirst ihn als deinen Assistenten ausbilden. Wenn er so weit ist, schicken wir dich in den Ältestensektor, wo du eingeschläfert werden wirst.«

»Quill floriert, wenn die Starken überleben«, murmelte die Adjutantin. Ihre Stimme verriet keinerlei Emotion.

Das Ganze war, selbstverständlich, eine Frage der Nützlichkeit. Bis zu diesem Jahr, bevor das Sehvermögen der Adjutantin langsam abzunehmen begann, hatte es keinen Grund gegeben, sie zu liquidieren, obwohl sie sich in jüngster Zeit auch ein wenig langsamer zu bewegen schien. Doch ihre Zeit war nun gekommen. Und das Letzte, was die Adjutantin wollte, war, Schande über die Hohepriesterin Justine oder das Land Quill zu bringen, weil sie nicht weiterhin absolute Stärke bewies. Die Adjutantin nickte steif und beobachtete die schwindelerregenden verschwommenen Schachbrettschatten, die dank des Stacheldrahthimmels über das Fahrzeug huschten. Heute gaben ihr die Schatten kein Gefühl von Sicherheit.

Als sie am Palast eintrafen, begaben sich Hohepriesterin Justine und ihre Adjutantin in den Speisesaal zum alljährlichen Steakfestessen, mit dem in diesem Jahr die größte Tilgung Ungewollter gefeiert wurde, die Quill je erlebt hatte. Kurz darauf traf auch Quillitärgeneral Blair ein, begrüßte die Hohepriesterin und setzte sich auf seinen Platz am hinteren Ende des Tisches.

Die drei warteten schweigend, bis die Kommandeurinnen und Kommandeure von der Farm des Todes zurückgekehrt waren. Justines Augen glänzten, als sie endlich erschienen. »Seid gegrüßt, Kommandeurinnen und Kommandeure. Die Ungewollten wurden beseitigt, nehme ich an?«, fragte sie, während die Bediensteten des Palasts das Essen servierten.

Der Oberste Kommandeur Haluki nickte knapp und reichte Hohepriesterin Justine den Torschlüssel zur Farm des Todes. »Es ist vollbracht«, bestätigte er. Er war einer von zwei Kommandeuren mittleren Alters. Die anderen vier waren jung und noch relativ neu auf ihren Posten, die sie erst vor etwa fünf Jahren übernommen hatten, allesamt als frischgebackene Absolventen der Universität der Gewollten. Sie hatten Justines ältere Kommandeure ersetzt, die eingeschläfert worden waren, nachdem sie ihren Biss verloren hatten.

Die Hohepriesterin nickte Haluki zufrieden zu. »Ein Rekordjahr«, bemerkte sie. Sie war damit beschäftigt, mit ihrem stumpfen Messer ihr Steak durchzusägen – ohne Erfolg. Sie hob den Blick. »Es war das erste Jahr, in dem die Ungewollten den Gewollten zahlenmäßig überlegen waren.«

Haluki grunzte, während er sich sein eigenes Steak vornahm. »Wir waren in den letzten Jahren zu nachsichtig«, entgegnete er mürrisch. »Quill erscheint mir ohne sie jetzt schon reicher.«

»In der Tat, in der Tat«, murmelte Justine, während sie weiter mit ihrem Steak kämpfte. Schließlich knallte sie frustriert das Messer auf den Tisch. »Koch!«, brüllte sie in Richtung der leeren Tür, bevor sie sich wieder dem Obersten Kommandeur zuwandte. »Großes Land Quill, Haluki. Finden Sie mir an unserer großartigen Universität jemanden, der das Rindfleischproblem lösen kann, ja? Dieses Steak ist nicht mal annähernd erstklassig.«

»Selbstverständlich«, erwiderte Haluki und nickte dem jungen Kommandeur Strang zu, der sich den neuen Auftrag für später merkte.

Auf den Ruf der Hohepriesterin hin eilte der Palastkoch in den Speisesaal und verbeugte sich tief. Er zitterte am ganzen Körper, aber sein Gesicht wirkte leer und leblos.

Justine funkelte den Koch wütend an. »Räum die Küche auf. Wenn du fertig bist, beschaffe mir einen Ersatzkoch – einen, der tatsächlich was vom Kochen versteht und mir an deiner Stelle dienen kann.«

Die Augen des Kochs weiteten sich. »Aber das Fleisch …«, begann er.

»Ruhe!«, fauchte Justine. »Ich will, dass du dich bei Sonnenuntergang auf den Weg zum Heim der Ältesten machst. Die Zeit deiner Nützlichkeit ist vorbei. Wie du es mit dreizehn an mir vorbeigeschafft hast, ist mir ein Rätsel. Du hättest zu den Ungewollten gehören müssen.«

»Ja, Hohepriesterin Justine«, murmelte der Koch. Das Entsetzen über die Erkenntnis, dass er noch an diesem Abend sterben würde, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Doch er wusste es besser, als zu fragen, ob er vorher noch in seinem Zuhause im Dritten Quadranten vorbeigehen durfte, um sich von seiner Frau zu verabschieden.

Justine entließ den Koch mit einem Winken und er verschwand. »Haluki«, begann sie erneut, »Sie haben recht. Ich war viel zu nachsichtig und habe einige Notwendige durch das Netz schlüpfen lassen, obwohl sie hätten liquidiert werden müssen. Von nun an ist schon ein gemeldeter Verstoß einer zu viel. In Quill sollte es keinen Platz für Fehler geben!«

Lauter Jubel brandete am ganzen Tisch bis hinunter zu General Blair auf, der laut rief: »Quill floriert, wenn die Starken überleben!«

Fünf der Kommandeurinnen und Kommandeure pflichteten ihm bei. Der Oberste Kommandeur Haluki nagte energisch an seinem Steakknochen herum und blickte zu der älteren Hohepriesterin. »Hört, hört«, sagte er.

Artimé

Es dauerte einen Großteil des Nachmittags, bevor die Kinder allmählich auftauten. Alex litt unter leichten Kopfschmerzen, die sich jedoch verflüchtigten, als ihnen eine Gruppe Jugendlicher, die ein wenig älter zu sein schienen als die Ungewollten, ein köstliches Picknick im Gras am Meeresufer servierte. Während die Kinder aßen, stellten sich die Jugendlichen in zwei Reihen vor ihnen auf. Ein furioser, aber nicht unangenehmer Lärm dröhnte aus den nahen Büschen, woraufhin die Jugendlichen sie mit freundlichen Worten, aber auf recht eigentümliche Weise willkommen hießen. Die Kronen der nahen Bäume schienen wie Pompons in der Brise zu rascheln. Die Ungewollten hatten keine Ahnung, was los war, da sie noch nie zuvor etwas Derartiges gesehen oder gehört hatten.

Alex – der Zeuge von Meghans offenbar sehr ernstem Verstoß gewesen war – konnte jedoch erraten, dass es sich bei dem, was die Jugendlichen taten, um Gesang handeln musste. Und obwohl ihr Singen sehr laut und schnell klang, war es auch irgendwie aufregend und gefiel ihm gut. Er warf Meghan einen besorgten Blick zu, weil er wusste, wie falsch all das war. Meghan schien jedoch völlig verzaubert von der Darbietung und nahm überhaupt keine Notiz von ihm.

Als der Gesang zu Ende war, verbeugte sich der Chor höflich, während Mr Today begeistert applaudierte. »Klatscht ihnen Beifall!«, forderte er die Ungewollten auf. »So, indem ihr die Hände zusammenführt! Applaus! Es zeigt ihnen, dass es euch gefallen hat«, erklärte er, während der Chor auseinanderging. »Es hat euch doch gefallen, oder? Ich wette, dir ganz bestimmt, Meghan!«

Meghan riss die Augen auf und blickte unbehaglich in sämtliche Richtungen, wahrscheinlich aus reiner Gewohnheit. Sie räusperte sich. »Ja, sehr sogar, Sir.« Und dann, als Mr Today fröhlich kicherte, fügte sie hinzu: »Danke«, und versuchte sich an einem Lächeln.

Er nickte ihr ermutigend zu, genau wie allen anderen Kindern, bevor er eine ernste Miene aufsetzte. »Hier in Artimé dürft ihr euren Gefühlen Ausdruck verleihen und offen aussprechen, was ihr denkt«, sagte er mit sanfter Stimme. »Anfangs wird es euch schwerfallen. Aber hier dürft ihr frei eure Meinung sagen. Ihr alle.« Einen Moment lang glänzten seine Augen wässrig, dann faltete er die Hände im Schoß. »Es gibt ein paar Dinge, über die wir reden sollten«, fuhr er fort.

Alle unterbrachen, was sie gerade taten, und sämtliche Augen richteten sich auf Mr Today, der hinzufügte: »Wie ihr wisst, glauben eure Eltern und die Regierung von Quill, ihr wärt inzwischen liquidiert worden. Und ihr wisst, dass sie nicht um euch trauern. Sie tun, was sie auch an jedem anderen Tag tun: hart dafür arbeiten, Quill zu einem Ort gewaltiger Macht und überragender Intelligenz aufzubauen. Ihr, meine lieben Kinder, seid das, was sie als ›kreativ‹ bezeichnen, als fantasiereich. Doch die Regierung, vor allem Hohepriesterin Justine, will kreativ Denkende wie euch vernichten, weil sie Kreativität als Schwäche betrachtet. Schließlich könnte Kreativität zu etwas so Grauenvollem führen wie … Magie.« Er setzte ein leises Lächeln auf, pflückte eine Blume und reichte sie Meghan. Sie zögerte, nahm sie dann jedoch entgegen – und die Blume verwandelte sich in ihrer Hand in eine kleine silberne Spieldose.

Vor Schreck schnappte die verdutzte Meghan nach Luft.

»Musik«, erklärte Mr Today. »Wenn du die Spieluhr mit dem kleinen Schlüssel aufziehst, spielt sie ein Lied. Manchmal erklingt ein Lied auch mit Stimmen, die etwas erzählen, so wie wir es hier gerade gehört haben.«

Meghan nickte. »Singen«, sagte sie. Sie drehte vorsichtig an dem Schlüssel, und ein paar wundersame Noten ertönten aus der Dose. Sie erschrak, doch ihr Schock löste sich sofort in einem Grinsen auf.