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Friedrich Glausers 'Wachtmeister Studer: Kriminalroman' entführt den Leser in die düstere und faszinierende Welt des schweizerischen Kriminalkommissars Studer. Der Roman, der erstmals 1936 erschien, zeichnet sich durch seinen präzisen und atmosphärischen Schreibstil aus, der die Spannung von Seite zu Seite steigert. Glausers Werk ist bekannt für seine realistische Darstellung der Kriminalfälle und die tiefgründige Charakterentwicklung.'Wachtmeister Studer' gilt als Meisterwerk des Kriminalgenres und hat einen bleibenden Einfluss auf die schweizerische Kriminalliteratur hinterlassen. Friedrich Glausers subtile und nuancierte Erzählweise schafft eine packende Atmosphäre, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Unter der scheinbar makellosen Oberfläche einer geordneten Schweiz tastet Wachtmeister Studer mit beharrlicher Ruhe und menschlicher Skepsis nach den Rissen, durch die das Unwahre sickert, und verwandelt einen vermeintlich einfachen Polizeifall in eine leise, aber unerbittliche Prüfung von Wahrnehmung, Gewissen und gesellschaftlichem Druck, getragen von müden Zügen auf Bahnhöfen, verrauchten Amtsstuben und den schmalen Spielräumen, in denen Anstand, Angst und Vorteilssuche ineinandergreifen, sodass die Suche nach Fakten stets auch zur Erkundung dessen wird, was Menschen einander schulden, verschweigen oder zumuten, und die Maßstäbe von Ordnung und Gerechtigkeit im Kleinen neu vermessen.
Wachtmeister Studer: Kriminalroman ist ein Schweizer Kriminalroman von Friedrich Glauser, erstmals 1936 veröffentlicht, und eröffnet die Reihe um den eigenwilligen Ermittler der kantonalen Polizei im Berner Umfeld. Das Buch verankert den Genreklassiker fest in Alltagsmilieus der 1930er Jahre: Gasthäuser, kleine Städte, Werkstätten, Behördenflure. In dieser Welt ohne grelle Sensation, doch voller Beobachtungen, folgt der Text weniger spektakulären Effekten als der geduldigen Entfaltung eines Falles, dessen gesellschaftliche Verästelungen sich nach und nach zeigen. Der historische Kontext zwischen wirtschaftlicher Unsicherheit und konservierter Provinzialität bildet den Resonanzraum, in dem Glauser seinen nüchternen, präzisen Blick schärft.
Die Ausgangssituation wirkt zunächst überschaubar: Ein Vorfall auf dem Land, ein begrenzter Kreis von Beteiligten, eine Erklärung, die rasch plausibel scheint. Studer aber registriert das Kleine, das nicht passt, und beginnt, Fäden zu ziehen, die quer durch soziale Kreise laufen. Das Leseerlebnis ist ruhig, beinahe beiläufig, getragen von einer Stimme, die weder zynisch noch pathetisch ist. Statt greller Wendungen gibt es präzise gesetzte Beobachtungen, Pausen, Zwischentöne. Der Ton bleibt unaufgeregt und doch spannungsvoll, weil das Vertrauen des Lesers in die scheinbare Ordnung Schritt für Schritt unterwandert wird, während die Ermittlungsarbeit als geduldiges Handwerk sichtbar wird.
Glausers Stil ist knapp und anschaulich, mit einem Ohr für Umgangsformen, Redewendungen und die leisen Machtspiele des Alltags. Dialoge tragen viel von der Psychologie, Beschreibungen bleiben funktional und doch atmosphärisch dicht. Man spürt Tabak, Regen, kalte Treppenhäuser; zugleich bleibt der Blick respektvoll, nie ausstellend. Die Erzählhaltung vertraut der Intelligenz des Lesers und meidet Übererklärung. Tempo und Rhythmus folgen der Arbeit des Ermittlers: warten, prüfen, wieder losgehen. Subtiler Humor, oft trocken, bricht die Schwere, ohne sie zu relativieren. So entsteht ein Ton, der Sachlichkeit und Wärme vereint und die Figuren als widersprüchliche Menschen ernst nimmt.
Im Zentrum steht die Frage, wie Recht und Gerechtigkeit zueinander finden, wenn soziale Hierarchien und persönliche Abhängigkeiten den Blick trüben. Das Dorf als Mikrokosmos zeigt, wie Gerede, Ehre und wirtschaftlicher Druck Entscheidungen lenken. Glauser zeichnet die Grauzonen zwischen Schuld und Verstrickung, Absicht und Zufall, Gesetz und Gewissen. Studers Methode ist weniger brillant als beharrlich: zuhören, aushalten, misstrauen – und Mitgefühl nicht als Schwäche, sondern als Erkenntnismittel verstehen. Damit verbindet der Roman Krimispannung mit einer leisen, aber nachhaltigen Gesellschaftsanalyse, die den Leser an die Verantwortung erinnert, die in jedem Urteil und jeder Zuschreibung mitschwingt.
Heute liest sich Wachtmeister Studer nicht nur als historisches Dokument, sondern als aktuelle Reflexion über Vertrauen in Institutionen, den Umgang mit Außenseitern und die Versuchung schneller Erklärungen. Die Figuren handeln unter ökonomischem Druck, suchen Halt in Routinen und sind anfällig für Vorurteile – Erfahrungen, die sich in veränderter Form fortsetzen. Der Roman erinnert daran, dass sorgfältige Ermittlungsarbeit Zeit braucht und Fairness kein automatisches Nebenprodukt der Ordnung ist. Gerade seine Nüchternheit, der Verzicht auf Überdramatisierung, macht ihn zu einer Schule des Hinsehens: zu prüfen, bevor man urteilt, und zwischen Regelkonformität und moralischer Verantwortung zu unterscheiden.
Als Auftakt der Studer-Romane bündelt dieses Buch viele Qualitäten, die Glausers Werk dauerhaft prägen: die Aufmerksamkeit für Ränder und Routinen, die Menschenfreundlichkeit ohne Naivität und die geduldige Dramaturgie des Alltags. Es ist zugleich ein eigenständiger Roman, der mit klaren Mitteln eine anhaltende Wirkung erzielt und sich einen festen Platz in der deutschsprachigen Kriminalliteratur erarbeitet hat. Wer heute einsteigt, findet einen Zugang zu einer ganzen Reihe weiterer Studien über Schuld, Milieu und Institutionen, und begegnet einem Ermittler, dessen Hartnäckigkeit ebenso überzeugend ist wie seine Weigerung, die einfache, bequeme Erklärung den schwierigen Fragen vorzuziehen.
Friedrich Glausers Roman Wachtmeister Studer erschien 1936 und führte den Berner Kriminalbeamten als eigenwillige, unaufgeregte Ermittlerfigur ein. Der Fall beginnt mit der Festnahme eines Mannes, dem ein Tötungsdelikt zur Last gelegt wird; kurz darauf verhindert Studer in der Arrestzelle dessen Suizidversuch. Diese Szene setzt den Ton: Skepsis gegenüber vorschnellen Urteilen, Empathie für die Schwachen und ein nüchterner Blick auf Institutionen. Studer spürt, dass das offensichtliche Motiv nicht trägt, und beschließt, die Umstände des Verbrechens neu zu prüfen. Sein Weg führt aus der Stadt in eine ländlich geprägte Umgebung, in der alte Bekanntschaften, Gerüchte und wirtschaftliche Abhängigkeiten ineinandergreifen.
Am Tatort und in seinem Umfeld registriert Studer unspektakuläre, doch sprechende Details: kleine Unstimmigkeiten in Aussagen, Gegenstände, die nicht recht passen, Wege, die kürzer oder länger sind, als behauptet. Der Verdächtige wirkt weniger wie ein entschlossener Täter als wie eine bequeme Lösung für überforderte Behörden. In der Dorfgemeinschaft prallen Loyalitäten aufeinander; man schützt Ruf und Besitzstand, meidet offene Konflikte und liefert dennoch willig Gerüchte. Früh deutet sich an, dass Geldfragen, Schulden und verdeckte Abmachungen eine Rolle spielen. Studer ordnet Zeitleisten, vergleicht Strecken, befragt Zeugen erneut und tastet sich so vom offensichtlichen Bild zu einer komplexeren, widersprüchlichen Lage vor.
Die Ermittlung schärft den Blick auf das soziale Gefüge der 1930er Jahre: wirtschaftliche Not, Abhängigkeiten von Arbeitgebern, die Macht lokaler Honoratioren. Studer spricht mit Wirten, Handwerkern und Angehörigen, stets darauf bedacht, den Ton zu treffen, der Menschen zum Reden bringt. Aus beiläufigen Bemerkungen und Nebensächlichkeiten entsteht ein Mosaik aus verletzten Eitelkeiten, alten Liebesgeschichten und stillen Erpressungen. Ein vermeintlich eindeutiges Beweisstück verliert an Gewicht, während ein unbeachtetes Detail an Bedeutung gewinnt. Der leitende Konflikt zeigt sich als Kampf zwischen Schein und Wirklichkeit: die schnelle, ordentliche Aktenlösung gegen die mühsame Suche nach einem Motiv, das wirklich trägt.
Ein markanter Wendepunkt tritt ein, als neue Spuren die anfängliche Täterschaftsthese ins Wanken bringen. Eine Beobachtung, die zu Beginn als Zufall abgetan wurde, erhält durch einen späteren Fund plötzlich Kontur. Der Kreis der Verdächtigen weitet sich, und Studer muss die Beziehungen zwischen mehreren Beteiligten neu kartieren. Dabei stößt er auf Verschwiegenheit und halbe Wahrheiten, die weniger aus Bosheit als aus Angst vor Ansehensverlust geboren sind. Der Ton bleibt sachlich, doch der Druck wächst: Je mehr Puzzleteile sich fügen, desto deutlicher werden alte Rechnungen sichtbar, die mit dem aktuellen Verbrechen unentwirrbar verwoben scheinen.
Konflikte mit Vorgesetzten und Justiz verdeutlichen die institutionelle Dimension des Falls. Man drängt auf rasche Erledigung, um öffentliche Unruhe zu dämpfen, während Studer auf Sorgfalt und Plausibilität besteht. Er prüft Alibis, reist erneut an Schauplätze, testet Varianten des Tathergangs und überprüft Annahmen gegen die stummen Zeugen von Wegen, Zeiten und Routinen. Die Figur zeichnet sich als unheroischer Pragmatiker aus, der dem Zufall misstraut und der Psychologie der Befragten vertraut. Nach und nach kristallisiert sich ein Motivbündel heraus, in dem materielle Not, gekränkte Selbstachtung und die Angst, soziale Abstiege öffentlich zu machen, zusammenwirken.
Im letzten Drittel verdichtet Glauser die Fäden: Studer arrangiert Gespräche, die Unvereinbarkeiten offenlegen, und setzt auf Geduld statt Druck. Ein sorgfältig gesetzter Test zwingt eine Schlüsselfigur dazu, sich zwischen Schweigen und einem rettenden Teilgeständnis zu entscheiden. Ohne die finale Auflösung vorwegzunehmen, wird deutlich, dass die Wahrheit weniger in spektakulären Enthüllungen liegt als in der präzisen Korrektur kleiner Irrtümer. Die moralische Grauzone bleibt bestehen: Schuld verteilt sich auf Handlungen und Versäumnisse, auf Einzelne und auf ein Milieu, das Schwäche bestraft und Anpassung belohnt. So richtet sich der Fokus vom Täterbild auf die Bedingungen, die Tatgelegenheiten schaffen.
Wachtmeister Studer verbindet einen nüchternen Kriminalfall mit einem dichten Zeit- und Milieuporträt der Schweiz der Zwischenkriegszeit. Der Roman prägt das Bild des bedächtigen, menschenkundigen Ermittlers, der Autorität nicht mit Wahrheit verwechselt und institutionellem Eifer Skepsis entgegensetzt. Glausers klare, beobachtende Prosa und die leise Ironie machen das Buch zu einem prägenden Werk der Schweizer Kriminalliteratur. Nachhaltig bleibt die Frage, wie leicht Gesellschaft und Behörden sich mit plausiblen, aber falschen Lösungen zufriedengeben, und welche Geduld Gerechtigkeit tatsächlich verlangt. Gerade in seiner Zurückhaltung entfaltet der Text Wirkung: Er zeigt, wie genaues Hinsehen Vorurteile und bequeme Erzählungen korrigieren kann.
Der Kriminalroman Wachtmeister Studer erschien 1936 in der Schweiz und spielt überwiegend im Kanton Bern, also in einer ländlich-kleinstädtisch geprägten Umgebung. Die Epoche ist die Zwischenkriegszeit, in der der schweizerische Bundesstaat mit seinem ausgeprägten Föderalismus, die Gemeinden und Kantone, die Milizarmee sowie ein dichtes Eisenbahn- und Postnetz den Alltag strukturierten. Prägend für Ermittlungen waren kantonale Polizeikorps und die Justizbehörden mit Untersuchungsrichtern und Amtsstatthaltern. Die Schweiz war Mitglied des Völkerbunds in Genf, hielt an Neutralität und innerer Ordnung fest und regelte ihre Finanzbranche mit dem Bundesgesetz über die Banken und Sparkassen von 1934, das auch das Bankgeheimnis kodifizierte.
Die institutionellen Rahmenbedingungen der Strafverfolgung in den 1930er Jahren waren kantonal unterschiedlich. Vor der landesweiten Vereinheitlichung durch das 1937 angenommene, ab 1942 in Kraft getretene Schweizerische Strafgesetzbuch galten in Strafsachen kantonale Kodifikationen und Verfahren. In Bern wirkten Amtsstatthalter als lokale Exekutiv- und Untersuchungsbehörden neben Staatsanwaltschaft und Gerichten. Polizeiliche Arbeit stützte sich auf Protokolle, Hausdurchsuchungen, Verhöre und Amtshilfe zwischen Gemeinden; moderne Hilfsmittel wie Fingerabdrücke waren bereits bekannt, doch die Ermittlungspraxis blieb stark personenbezogen. Der Roman bildet dieses Gefüge ab, indem er die Abhängigkeit der Kriminalpolizei von lokalen Machtverhältnissen, Verwaltungswegen und formellen Zuständigkeiten im föderalen System realistisch aufgreift.
Die Weltwirtschaftskrise traf die Schweiz ab 1931 spürbar: Arbeitslosigkeit stieg, die Uhren- und Textilindustrie brachen ein, öffentliche Notstandsarbeiten und kommunale Armenfürsorge gewannen an Gewicht. Parallel verschärfte der Bund mit dem Bankengesetz von 1934 die Aufsicht über Institute und verankerte strafbewehrtes Bankgeheimnis. In Dörfern und Kleinstädten prägten Spar- und Darlehenskassen, Notariate, Wirte und Handwerker das Wirtschaftsleben; Überschuldung und Hypothekenstreitigkeiten waren verbreitet. Diese Konstellation liefert dem Roman ein glaubwürdiges ökonomisches Umfeld: Geldknappheit, Kreditabhängigkeiten und lokale Netzwerke erklären Reibungen zwischen Gemeindepolitik, Justiz und Privatinteressen, die sich in den Konflikten um Eigentum, Reputation und soziale Stellung der Beteiligten spiegeln.
Politisch standen die mittleren 1930er Jahre im Zeichen autoritärer Regime in den Nachbarländern und der innenpolitischen Frontenbewegung. In der Schweiz kam es 1932 in Genf zum Plainpalais-Schusswaffeneinsatz der Armee gegen Demonstrierende mit Toten; das prägte Debatten über öffentliche Sicherheit. Als Völkerbundsmitglied beteiligte sich die Schweiz 1935 an Wirtschaftssanktionen gegen Italien nach dem Abessinienkrieg, kehrte jedoch bis 1938 schrittweise zur traditionellen Neutralität zurück. Die Behörden legten Wert auf Ordnung, Grenz- und Ausweiskontrollen (u. a. auf Basis des Ausländergesetzes von 1931). Der Roman reflektiert diese Atmosphäre der Wachsamkeit, ohne sie programmatisch zu thematisieren, durch genaue Milieuschilderungen und behördliche Routinehandlungen.
Literarisch steht das Buch im Umfeld der deutschsprachigen Neuen Sachlichkeit, die nüchterne Beobachtung, präzise Dialoge und soziale Detailtreue bevorzugte. Zugleich hatte der europäische Kriminalroman, angestoßen durch Georges Simenons ab 1931 erscheinende Maigret-Reihe, an Popularität gewonnen und Ermittlerfiguren mit Alltagsnähe etabliert. Glausers Roman knüpft daran an, verlegt die Handlung jedoch konsequent in schweizerische Verhältnisse mit Dialektfärbungen, Amtsstuben und Gasthäusern. 1936 markiert damit auch einen frühen, eigenständigen Beitrag zum Schweizer Kriminalgenre, das ohne Großstadtmystik auskommt und Spannungsdramaturgie mit sozialer Beobachtung verbindet, wie sie zeitgenössische Leserinnen und Leser aus Reportagen und Gerichtsberichten der Tagespresse kannten.
Die 1930er Jahre brachten der Polizei bessere Kommunikations- und Analysemittel: Telefonverbindungen zwischen Gemeindehäusern, Telegramme und ein dichtes Bahnnetz beschleunigten Abläufe. In der Schweiz existierte seit 1909 an der Universität Lausanne ein Institut für wissenschaftliche Polizei; daktyloskopische Verfahren, forensische Fotografie und Obduktionen waren bekannt und wurden punktuell eingesetzt. Gleichzeitig blieb die Aufklärung stark auf Ortskenntnis, Zeugenbefragungen, Gerüchte und den Takt im Gespräch angewiesen. Der Roman spiegelt diese Übergangsphase, indem er traditionelle Polizeiarbeit – Akten, Gendarmen, Amtsärzte – mit punktueller Techniknutzung kombiniert und die Grenzen formaler Beweise angesichts sozialer Abhängigkeiten in kleinen Gemeinden sichtbar macht.
Friedrich Glauser (1896–1938), in Wien geboren und als Schweizer Autor tätig, verbrachte längere Zeit in Bern und der Westschweiz. Dokumentiert sind Morphinabhängigkeit, Entmündigungen und Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken, darunter Münsingen und die Waldau bei Bern, wo er zeitweise als Gärtner arbeitete. Er diente in der französischen Fremdenlegion. Zwischen 1936 und 1939 erschienen mehrere Romane um Wachtmeister Studer; einige wurden postum veröffentlicht. Seine Texte enthalten detailgetreue Beschreibungen von Behördenwegen, Klinikalltag und kleinbürgerlichen Milieus, die mit zeitgenössischen Verhältnissen korrespondieren, ohne auf sensationelle Effekte zu setzen. Er starb 1938 in Nervi bei Genua. Daneben publizierte er Erzählungen und Reportagen, die ähnliche Milieutreue zeigen.
1939 verfilmte Leopold Lindtberg den Stoff; Heinrich Gretler verkörperte Studer. Die Figur blieb in späteren Ausgaben, Hörspielen und Fernsehproduktionen präsent und prägte das Bild des bodenständigen Schweizer Ermittlers. Im historischen Rückblick lässt sich der Roman als Kommentar zur Zwischenkriegszeit lesen: Er zeigt, wie föderale Institutionen, ökonomische Verwerfungen und politische Verunsicherung den Alltag der Gemeinden strukturieren und wie rechtsstaatliche Verfahren dennoch funktionieren. Ohne zentrale Wendungen preiszugeben, demonstriert die Erzählung, dass Aufklärung in diesem Kontext aus Beharrlichkeit, Amtskenntnis und sozialem Takt entsteht – und damit eine spezifisch schweizerische Antwort auf die Unruhe der 1930er Jahre bietet.
Der Gefangenenwärter mit dem dreifachen Kinn und der roten Nase brummte etwas von »ewigem G'stürm«, – weil ihn Studer vom Mittagessen wegholte. Aber Studer war immerhin ein Fahnderwachtmeister von der Berner Kantonspolizei[1], und so konnte man ihn nicht ohne weiteres zum Teufel jagen.
Der Wärter Liechti stand also auf, füllte sein Wasserglas mit Rotwein, leerte es auf einen Zug, nahm einen Schlüsselbund und kam mit zum Häftling Schlumpf, den der Wachtmeister vor knapp einer Stunde eingeliefert hatte.
Gänge… Dunkle lange Gänge… Die Mauern waren dick[1q]. Das Schloß Thun schien für Ewigkeiten gebaut. Überall hockte noch die Kälte des Winters.
Es war schwer, sich vorzustellen, daß draußen ein warmer Maientag über dem See lag, daß in der Sonne Leute spazieren gingen, unbeschwert, daß andere in Booten auf dem Wasser schaukelten und sich die Haut braun brennen ließen.
Die Zellentüre ging auf. Studer blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen. Zwei waagrechte, zwei senkrechte Eisenstangen durchkreuzten das Fenster, das hoch oben lag. Der Dachfirst eines Hauses war zu sehen – mit alten, schwarzen Ziegeln – und über ihm wehte als blendend blaues Tuch der Himmel. Aber an der unteren Eisenstange hing einer! Der Ledergürtel war fest verknüpft und bildete einen Knoten. Dunkel hob sich ein schiefer Körper von der weißgekalkten Wand ab. Die Füße ruhten merkwürdig verdreht auf dem Bett. Und im Nacken des Erhängten glänzte die Gürtelschnalle, weil ein Sonnenstrahl sie von oben traf.
»Herrgott!« sagte Studer, schoß vor, sprang aufs Bett – und der Wärter Liechti wunderte sich über die Beweglichkeit des älteren Mannes – packte den Körper mit dem rechten Arm, während die linke Hand den Knoten aufknüpfte.
Studer fluchte, weil er sich einen Nagel abgebrochen hatte. Dann stieg er vom Bett und legte den leblosen Körper sanft nieder.
»Wenn Ihr nicht so verdammt rückständig wäret«, sagte Studer, »und wenigstens Drahtgitter vor den Fenstern anbringen würdet, dann könnten solche Sachen nicht passieren. – So! Aber jetzt spring, Liechti, und hol den Doktor!«
»Ja, ja!« sagte der Wärter ängstlich und humpelte davon.
Zuerst machte der Fahnderwachtmeister künstliche Atmung. Es war wie ein Reflex. Etwas, das aus der Zeit stammte, da er einen Samariterkurs mitgemacht hatte. Und erst nach fünf Minuten fiel es Studer ein, das Ohr auf die Brust des Liegenden zu legen und zu lauschen, ob das Herz noch schlage. Ja, es schlug noch. Langsam. Es klang wie das Ticken einer Uhr, die man vergessen hat aufzuziehen; Studer pumpte weiter mit den Armen des Liegenden. Unter dem Kinn durch, von einem Ohr zum andern, lief ein roter Streifen.
»Aber Schlumpfli!« sagte Studer leise. Er nahm sein Nastuch aus der Tasche, wischte sich zuerst selbst die Stirne ab, dann fuhr er mit dem Tuch über das Gesicht des Burschen. Ein Bubengesicht: jung, zwei dicke Falten über der Nasenwurzel. Trotzig. Und sehr bleich.
Das war also der Schlumpf Erwin, den man heut morgen in einem Krachen des Oberaargaus verhaftet hatte. Schlumpf Erwin, angeklagt des Mordes an Witschi Wendelin, Kaufmann und Reisender in Gerzenstein.
Zufall, daß man zur rechten Zeit gekommen war! Vor einer Stunde etwa hatte man den Schlumpf ordnungsgemäß im Gefängnis eingeliefert, der Wärter mit dem dreifachen Kinn hatte unterschrieben – man konnte getrost den Zug nach Bern nehmen und die ganze Sache vergessen. Es war nicht die erste Verhaftung, die man vorgenommen hatte, es würde auch nicht die letzte sein. Warum hatte man das Bedürfnis verspürt den Schlumpf Erwin noch einmal zu besuchen?
Zufall?
Vielleicht… Was ist schon Zufall?… Es war nicht zu leugnen, daß man dem Schicksal des Schlumpf Erwin teilnahmsvoll gegenüberstand. Richtiger gesagt, daß man den Schlumpf Erwin liebgewonnen hatte… Warum?… Studer in der Zelle strich sich ein paar Male mit der flachen Hand über den Nacken. Warum? Weil man keinen Sohn gehabt hatte? Weil der Verhaftete auf der ganzen Reise seine Unschuld beteuert hatte? Nein. Unschuldig sind sie alle. Aber die Beteuerungen des Schlumpf Erwin hatten ehrlich geklungen. Obwohl…
Obwohl der Fall eigentlich ganz klar lag. Den Kaufmann und Reisenden Wendelin Witschi hatte man am Mittwochmorgen mit einem Einschuß hinter dem rechten Ohr, auf dem Bauche liegend, in einem Walde in der Nähe von Gerzenstein aufgefunden. Die Taschen der Leiche waren leer… Die Frau des Ermordeten hatte behauptet, ihr Mann habe dreihundert Franken bei sich getragen.
Und am Mittwochabend hatte Schlumpf im Gasthof zum ›Bären‹ eine Hunderternote gewechselt… Am Donnerstagmorgen wollte ihn der Landjäger[2] verhaften, aber Schlumpf war geflohen.
So war es eben gekommen, daß der Polizeihauptmann am Donnerstagabend den Wachtmeister Studer in seinem Bureau aufgesucht hatte:
»Studer, du mußt an die frische Luft. Morgen früh gehst du den Schlumpf Erwin verhaften. Es wird dir gut tun. Du wirst zu dick…«
Es stimmte, leider… Gewiß, sonst schickte man zu solchen Verhaftungen Gefreite. Es hatte den Fahnderwachtmeister getroffen… Auch Zufall?… Schicksal?…Genug, man war an den Schlumpf geraten, und man hatte ihn liebgewonnen. Eine Tatsache! Mit Tatsachen, auch wenn sie nur Gefühle betreffen, muß man sich abfinden. Der Schlumpf! Sicherlich kein wertvoller Mensch! Man kannte ihn auf der Kantonspolizei. Ein Unehelicher. Die Behörde hatte sich fast ständig mit ihm beschäftigen müssen. Sicher wogen die Akten auf der Armendirektion mindestens anderthalb Kilo. Lebenslauf? Verdingbub bei einem Bauern. Diebstähle. – Vielleicht hat er Hunger gehabt? Wer kann das hinterdrein noch feststellen? – Dann ging es, wie es in solchen Fällen immer geht. Erziehungsanstalt Tessenberg. Ausbruch. Diebstahl. Wieder gefaßt. Geprügelt. Endlich entlassen. Einbruch. Witzwil. Entlassen. Einbruch. Thorberg drei Jahre. Entlassen. Und dann hatte es Ruhe gegeben – zwei volle Jahre. Der Schlumpf hatte in der Baumschule Ellenberger in Gerzenstein gearbeitet. Sechzig Rappen Stundenlohn. Hatte sich in ein Mädchen verliebt. Die beiden wollten heiraten. Heiraten! Studer schnaubte durch die Nase. So ein Bursch und heiraten! Und dann war der Mord an dem Wendelin Witschi passiert…
Es war ja bekannt, daß der alte Ellenberger in seinen Baumschulen mit Vorliebe entlassene Sträflinge anstellte. Nicht nur, weil sie billige Arbeitskräfte waren, nein, der Ellenberger schien sich in ihrer Gesellschaft wohlzufühlen. Nun, jeder Mensch hat seinen Sparren, und es war nicht zu leugnen, daß die Rückfälligen sich ganz gut hielten beim alten Ellenberger… Und nur weil der Schlumpf am Mittwochabend eine Hunderternote im Bären gewechselt hatte, sollte er den Raubmord begangen haben?… Der Bursche hatte das so erklärt: es sei erspartes Geld gewesen, er habe es bei sich getragen…
Chabis!… Erspart!… Bei sechzig Rappen Stundenlohn? Das machte im Monat rund hundertfünfzig Franken… Zimmermiete dreißig… Essen? – Zwei Franken fünfzig am Tag für einen Schwerarbeiter war wenig gerechnet. Fünfundsiebzig und dreißig macht hundertfünf, Wäsche fünf – Cigaretten, Wirtschaft, Tanz, Haarschneiden, Bad – Blieben im besten Falle fünf Franken im Monat. Und dann sollte er in zwei Jahren dreihundert Franken erspart haben? Unmöglich! Das Geld bei sich getragen haben? Psychologisch undenkbar. Solche Leute können kein Geld in der Tasche tragen, ohne es zu verputzen… Auf der Bank? Vielleicht. Aber nur so in der Brieftasche?…
Und doch, der Schlumpf hatte dreihundert Franken bei sich gehabt. Nicht ganz. Zwei Hunderternoten und etwa achtzig Franken. Studer sah das Einlieferungsprotokoll, das er unterzeichnet hatte:
»Portemonnaie mit Inhalt: 282 Fr. 25.«
Also… Es stimmte alles! Sogar der Fluchtversuch im Bahnhof Bern. Ein dummer Fluchtversuch! Kindisch! Und doch so begreiflich! Diesmal langte es ja für lebenslänglich…
Studer schüttelte den Kopf. Und doch! Und doch! Etwas stimmte nicht an der ganzen Sache. Vorerst war es nur ein Eindruck, ein gewisses unangenehmes Gefühl. Und der Fahnderwachtmeister fröstelte. Diese Zelle war kalt. Kam denn der Doktor nicht bald?
Wollte der Schlumpf eigentlich gar nicht aufwachen?… Ein tiefer Atemzug hob die Brust des Liegenden, die verdrehten Augen kamen in die richtige Stellung und Schlumpf sah den Wachtmeister an. Studer fuhr zurück.
Ein unangenehmer Blick. Und jetzt öffnete Schlumpf den Mund und schrie. Ein heiserer Schrei – Schrecken, Abwehr, Furcht, Entsetzen… Viel lag in dem Schrei. Er wollte nicht enden.
»Still! Willst still sein!« flüsterte Studer. Er bekam Herzklopfen. Schließlich tat er das einzig mögliche: er legte seine Hand auf den lauten Mund…
»Wenn du still bist«, sagte der Wachtmeister, »dann bleib ich noch eine Weile bei dir, und du kannst eine Zigarette rauchen, wenn der Doktor fort ist. Hä? Ich bin doch noch zur rechten Zeit gekommen…« und versuchte ein Lächeln.
Aber das Lächeln wirkte auf den Schlumpf durchaus nicht ansteckend. Zwar sein Blick wurde sanfter, aber als Studer seine Hand vom Munde fortnahm, sagte Schlumpf leise:
»Warum habt Ihr mich nicht hängen lassen, Wachtmeister?«
Schwer auf diese Frage eine richtige Antwort zu finden! Man war doch kein Pfarrer…
Es war still in der Zelle. Draußen tschilpten Spatzen. Im Hof unten sang ein kleines Mädchen mit dünner Stimme:
»O du liebs Engeli, Rosmarinstengeli, Alliweil, alliweil, blib i dir treu…«
Da sagte Studer und seine Stimme klang heiser:
»Eh, du hast mir doch erzählt, daß du heiraten willst? Das Meitschi… es wird doch zu dir halten, oder? Und wenn du sagst, du bist unschuldig, so ist's doch gar nicht sicher, daß du verurteilt wirst. Und du kannst dir doch denken, daß ein Selbstmordversuch die größte Dummheit gewesen ist, die du hast machen können. Das wird dir als Geständnis ausgelegt…«
»Es war doch kein Versuch. Ich hab wirklich…«
Aber Studer brauchte nicht zu antworten. Es kamen Schritte den Gang entlang, der Wärter Liechti sagte »Da drin ist er, Herr Doktor.«
»Scho wieder z'wäg?« fragte der Doktor und griff nach Schlumpfs Handgelenk. »Künstliche Atmung? Fein!«
Studer stand vom Bett auf und lehnte sich gegen die Wand.
»Ja, also«, sagte der Doktor. »Was machen wir mit ihm? Selbstgefährlich! Suicidal! Na ja, das kennt man. Wir werden eine psychiatrische Expertise verlangen… Nicht wahr?«
»Herr Doktor, ich will nicht ins Irrenhaus«, sagte Schlumpf laut und deutlich, dann hustete er.
»So? Und warum nicht? Naja, dann könnte man… Ihr habt doch sicher eine Zweierzelle, Liechti, in die man den Mann legen könnte, damit er nicht so allein ist… Geht das? Fein…«
Dann, leise, so, wie man auf dem Theater flüstert, jedes Wort verständlich: »Was hat er angestellt?«
»Gerzensteiner Mord!« flüsterte der Wärter ebenso deutlich zurück.
»Ah, ah«, nickte der Doktor bekümmert – so schien es wenigstens. Schlumpf drehte den Kopf, sah hinüber zum Wachtmeister. Studer lächelte, Schlumpf lächelte zurück. Sie verstanden sich.
»Und wer ist dieser Herr da?« fragte der Arzt. Das Lächeln der beiden brachte ihn in Verlegenheit.
Studer trat so heftig vor, daß der Doktor einen Schritt zurückwich. Der Wachtmeister stand steif da. Sein bleiches Gesicht mit der merkwürdig schmalen Nase paßte nicht so recht zu dem ein wenig verfetteten Körper.
»Wachtmeister Studer von der Kantonspolizei!« Es klang aufrührerisch und bockig.
»So, so! Freut mich, freut mich! Und Sie sind mit der Untersuchung des Falles betraut?« Der blonde Arzt versuchte seine Sicherheit wiederzugewinnen.
»Ich hab ihn verhaftet«, sagte Studer kurz. »Übrigens, ich will gern noch eine Weile bei ihm bleiben bis er sich beruhigt hat. Ich hab Zeit. Der nächste Zug nach Bern fährt erst um halb fünf…«
»Fein!« sagte der Arzt. »Wunderbar! Tut das nur, Wachtmeister. Und heut abend legt Ihr mir den Mann in eine Zweierzelle. Verstanden, Liechti?«
»Jawohl, Herr Doktor.«
»Lebet wohl miteinander«, sagte der Arzt und setzte den Hut auf. Liechti fragte ob er schließen solle. Studer winkte ab. Gegen Haftpsychosen waren wohl offene Türen das wirksamste Gegenmittel.
Und die Schritte verhallten im Gang.
Umständlich setzte Studer den Strohhalm in Brand, den er aus der Brissago gezogen hatte, hielt die Flamme unter das Ende derselben, wartete bis der Rauch oben herausquoll und steckte sie dann in den Mund.
Dann zog er ein gelbes Päckli aus der Tasche, sagte: »So, nimm eine!« Schlumpf sog den ersten Zug der Zigarette tief in die Lungen. Seine Augen leuchteten. Studer setzte sich aufs Bett.
– Der Wachtmeister sei ein Guter, sagte der Schlumpf.
Und Studer mußte sich zusammennehmen, um ein merkwürdiges Gefühl im Halse zu unterdrücken. Um es zu vertreiben, gähnte er ausgiebig.
»So, Schlumpfli«, sagte er dann. »Und jetzt. Warum hast du Schluß machen wollen?«
– Das könne man nicht so ohne weiteres sagen, meinte der Schlumpf. Es sei ihm alles verleidet gewesen. Und er kenne ja den Betrieb. Wenn man einmal verhaftet sei, dann käme man nicht mehr los. Vorbestraft! – Und jetzt werde es für lebenslänglich langen… Und das Meitschi, von dem der Wachtmeister gesprochen habe, das werde ja wohl auch nicht warten wollen. Es wäre schön dumm, wenn es das täte. – Wer denn das Meitschi sei? – Es heiße Sonja und sei die Tochter vom ermordeten Witschi. – Und ob die Sonja glaube, daß er den Mord begangen habe? – Das wisse er nicht. Er sei einfach fort, damals, als er gehört habe, man beschuldige ihn. – Wie das denn zugegangen sei, daß man gerade auf ihn verfallen sei? – Eh, wegen der Hunderternote, die er im ›Leuen‹ gewechselt habe. – Im ›Leuen‹? Nicht im ›Bären‹? – Es könne auch im ›Bären‹ gewesen sein. Natürlich im ›Bären‹! Der ›Leuen‹ sei die fürnehme Wirtschaft, da hätten sie einmal bei einem Anlaß aufgespielt…
»Bei welchem Anlaß? Und wer hat aufgespielt?«
»Bei einer Hochzeit. Der Buchegger hat Klarinette gespielt, der Schreier Klavier und der Bertel Baßgeige. Und ich Handharfe…«
»Schreier? – Buchegger? – Die – die kenn' ich doch!« Studer runzelte die Stirn.
»Denk wohl!« sagte der Schlumpf, und ein kleines Lächeln entstand in seinen Mundwinkeln. »Der Buchegger hat oft von Euch erzählt und der Schreier auch. Ihr habt ihn vor drei Jahren geschnappt…«
Studer lachte. So, so! Alte Bekannte! – Und die hätten sich also zu einer Ländlerkapelle zusammengetan? »Ländlerkapelle?« Schlumpf tat beleidigt. »Nein! Ein richtiger Jazzband. Der Ellenberger, unser Meister, hat uns sogar einen englischen Namen gegeben: ›The Convict Band‹! Das soll heißen: Die Sträflingsmusik…«
Der Bursche Schlumpf schien ganz zufrieden zu sein, von nebensächlichen Dingen zu sprechen. Aber wenn man vom Mord anfing, versuchte er abzubiegen.
Studer war einverstanden. Der Schlumpf sollte nur abschweifen, wenn er Freude daran hatte. Nicht drängen! Es kommt alles von selbst, wenn man genügend Geduld hat…
»Dann habt Ihr auch in den umliegenden Dörfern gespielt?«
»Sowieso!«
»Und ordentlich Geld verdient?«
»Zünftig…« Zögern. Schweigen.
»Also, Schlumpfli, ich will dir ja glauben, daß du den Witschi nicht umgebracht hast – um ihm die Brieftasche zu rauben. Dreihundert Franken hast du erspart gehabt?«
»Ja, dreihundert Erspartes…« Schlumpf blickte zum Fenster auf, seufzte, vielleicht weil der Himmel so blau war.
»Du hast also die Tochter vom Ermordeten heiraten wollen? Sonja hieß sie? Und die Eltern, die waren einverstanden?«
»Der Vater schon; der alte Witschi hat gesagt, ihm sei es gleich. Er war oft beim Ellenberger zu Besuch und dort hat er mit mir gesprochen, der Ermordete, wie Ihr sagt… Er hat gemeint, ich sei ein ordentlicher Bursch, und wenn ich auch ein Vorbestrafter sei, man solle nicht zu Gericht sitzen, und wenn ich einmal die Sonja zur Frau hätte, dann würde ich keine Dummheiten mehr machen. Die Sonja sei ein ordentliches Meitschi… Und dann hat mir mein Meister die Obergärtnerstelle versprochen, weil doch der Cottereau schon alt ist und ich tüchtig bin…«
»Cottereau? Hat der die Leiche gefunden?«
»Ja. Er geht jeden Morgen spazieren. Der Meister läßt ihn machen, was er will. Der Cottereau stammt aus dem Jura, aber man merkt ihm das Welsche nicht mehr an. Am Mittwochmorgen ist er in die Baumschule gelaufen gekommen und hat erzählt, im Walde liege der Witschi, erschossen… Dann hat ihn der Meister gleich auf den Landjägerposten geschickt, um die Meldung zu machen.«
»Und was hast du gemacht, nachdem du vom Cottereau die Neuigkeit erfahren hast?«
Ach, meinte der Schlumpf, sie hätten alle Angst gehabt, weil der Verdacht auf sie fallen müsse, als Vorbestrafte. Aber den ganzen Tag sei es ruhig gewesen, niemand sei in die Baumschule gekommen. Nur der Cottereau habe sich nicht beruhigen können, bis ihn der Meister angeschnauzt habe, er solle mit dem G'stürm aufhören…
»Und am Mittwochabend hast du die hundert Franken im ›Bären‹ gewechselt?«
»Am Mittwochabend , ja…«
Stille. Studer hatte das Päckchen Parisiennes neben sich liegen lassen. Ohne zu fragen nahm Schlumpf eine Zigarette, der Wachtmeister gab ihm die Schachtel Zündhölzer und sagte:
»Versteck beides. Aber laß dich nicht erwischen!«
Schlumpf lächelte dankbar.
»Wann habt Ihr Feierabend in der Baumschule?«
»Um sechs. Wir haben den Zehnstundentag.« Dann fügte Schlumpf eifrig hinzu: »Überhaupt, in der Gärtnerei kenn ich mich aus. Der Vorarbeiter auf dem Tessenberg hat immer gesagt, ich kann etwas. Und ich schaff' gern…«
»Das ist mir gleich!« Studer sprach absichtlich streng. »Nach dem Feierabend bist du ins Dorf, in dein Zimmer. Wo hast du gewohnt?«
»Bei Hofmanns, in der Bahnhofstraße. Ihr findet das Haus leicht. Die Frau Hofmann war eine Gute… Sie haben eine Korberei.«
»Das interessiert mich nicht! Du bist in dein Zimmer, hast dich gewaschen. Dann bist du zum Nachtessen gegangen? Oder?«
»Ja.«
»Also: sechs Uhr Feierabend.« Studer zog ein Notizheft aus der Tasche und begann nachzuschreiben. »Sechs Uhr Feierabend, halb sieben – viertel vor sieben Nachtessen…« Aufblickend: »Hast du schnell gegessen? Langsam? Hast du Hunger gehabt?«
»Nicht viel Hunger…«
»Dann hast du schnell gegessen und warst um sieben fertig…«
Studer schien in sein Notizbuch zu starren, aber seine Augen waren beweglich. Er sah die Veränderung in den Gesichtszügen des Schlumpf und unterbrach die Spannung, indem er harmlos fragte:
»Wieviel hast du für das Nachtessen bezahlt?«
»Eins fünfzig. Zu Mittag hab ich immer beim Ellenberger eine Suppe gegessen und Brot und Käs mitgebracht. Der Ellenberger hat nur fünfzig Rappen für den Teller Suppe verlangt, und z'Immis hat er umsonst gegeben, denn der Ellenberger war immer anständig mit uns, wir haben ihn gern gehabt, er hat so kohlig dahergeredet, er sieht aus, wie ein uralter Mann, hat keine Zähne mehr, aber…« dies alles in einem Atemzug, als ob der Redende vor einer Unterbrechung Angst hätte. Doch Studer wollte diesmal auf das Geschwätz nicht eingehen.
»Was hast du am Mittwochabend zwischen sieben und acht Uhr gemacht?« fragte er streng. Er hielt den Bleistift zwischen den mageren Fingern und blickte nicht auf.
»Zwischen sechs und sieben?« Schlumpf atmete schwer.
»Nein, zwischen sieben und acht. Um sieben warst du mit dem Nachtessen fertig, um acht hast du im ›Bären‹ eine Hunderternote gewechselt. Wer hat dir die dreihundert Franken gegeben?«
Und Studer blickte den Burschen fest an. Schlumpf drehte den Kopf zur Seite, plötzlich warf er sich herum, drückte die Augen in die Ellbogenbeuge. Sein Körper zitterte.
Studer wartete. Er war nicht unzufrieden. Mit kleinen Buchstaben schrieb er in sein Notizbuch: ›Sonja Witschi‹ und malte hinter die Worte ein großes Fragezeichen. Dann wurde seine Stimme weich, als er sagte:
»Schlumpfli, wir werden die Sache schon einrenken. Ich hab' dich extra nicht gefragt, was du am Dienstagabend, also am Abend vor dem Mord, getan hast. Da hättest du mich doch nur angelogen. Und dann steht es sicher in den Akten, und ich kann auch deine Wirtin fragen… Aber sag mir noch: Was ist die Sonja für ein Meitschi? Ist sie das einzige Kind?«
Schlumpfs Kopf fuhr in die Höhe.
»Ein Bruder ist noch da. Der Armin!«
»Und den Armin magst du nicht?«
Dem habe er einmal zünftig auf den Gring gegeben, sagte Schlumpf und zeigte die Zähne wie ein knurrender Hund.
»Der Armin hat dir die Schwester nicht gönnen mögen?«
»Ja; und mit dem Vater hat er auch immer Krach gehabt. Der Witschi hat sich oft genug über ihn beklagt…«
»Soso… Und die Mutter?«
»Die Alte hat immer Romane gelesen…« (›die Alte‹, sagte der Bursche respektlos). »Sie ist mit dem Gemeindepräsidenten Aeschbacher verwandt und der hat ihr den Bahnhofkiosk in Gerzenstein verschafft. Dort ist sie immer gehockt und hat gelesen, während der Vater hausiert hat… Nicht gerade hausiert. Er ist mit einem Zehnderli herumgefahren, als Reisender für Bodenwichse, Kaffee… Und das Zehnderli hat man ja auch gefunden, ganz in der Nähe, es stand an der Straße…«
»Und wo ist der alte Witschi gelegen?«
»Hundert Meter davon, im Wald, hat der Cottereau erzählt…«
Studer zeichnete Männlein in sein Notizbuch. Er war plötzlich weit weg. Er war in dem Krachen im Oberaargau, wo er den Burschen verhaftet hatte. Die Mutter hatte ihm aufgemacht. Eine merkwürdige Frau, diese Mutter des Schlumpf! Sie war gar nicht erstaunt gewesen. Sie hatte nur gefragt: »Aber er darf noch z'Morgen essen?«.
Ein kleines Mädchen in Gerzenstein, eine alte Mutter im Oberaargau… und zwischen beiden der Bursche Schlumpf, angeklagt des Mordes…
Es kam ganz darauf an, was für ein Untersuchungsrichter den Fall übernehmen würde… Man müßte mit dem Mann reden können. Vielleicht…
Schritte kamen näher. Der Wärter Liechti erschien in der Tür und sein rotes Gesicht glänzte boshaft.
»Wachtmeister, der Herr Untersuchungsrichter will Euch sprechen.«
