Wagen 8 - Mario Schulze - E-Book

Wagen 8 E-Book

Mario Schulze

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Beschreibung

In der beschaulichen Kleinstadt Wernigerode steht ein Zug der berühmten Schmalspurbahn bereit, seine Fahrt zum Brocken aufzunehmen. Die ersten Gäste sind eingestiegen, als zwei Männer mit Handfeuerwaffen den Rangierer überwältigen. Sie zwingen ihn, sofort loszufahren. Steuern kann er den Zug nur mit der Fernbedienung, der Platz des Lokführers in der Maschine ist unbesetzt! Ein Terroranschlag? Das Spezialeinsatzkommando der Polizei wird alarmiert. Seine Männer versuchen alles, den Zug zu stoppen. Das ist nicht so einfach wie gedacht, zumal ein schwerer Sturm über dem Harz tobt. Eine dramatische Fahrt, die für die Geiseln zum Horrortrip zu werden droht.

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalte

Titelangaben

Figurenregister

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

Danksagung

Info

Mario Schulze
Wagen 8
Harz-Krimi
Prolibris Verlag
Handlung und Figuren dieses Romans entspringen der Phantasie des Autors. Darum sind eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt. Einige Handlungsorte werden die Besucher des Harzes oder seine Bewohner jedoch bestimmt wiedererkennen.
Alle Rechte vorbehalten,
auch die des auszugsweisen Nachdrucks
und der fotomechanischen Wiedergabe
sowie der Einspeicherung und Verarbeitung
in elektronischen Systemen.
© Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel, 2021
Tel.: 0561/766 449 0, Fax: 0561/766 449 29
Titelfoto © Markus Behrla, Bergkamen
Schriften: Linux Libertine
E-Book: Prolibris Verlag
ISBN E-Book: 978-3-95475-235-5
Dieses Buch ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich.
ISBN: 978-3-95475-226-3
www.prolibris-verlag.de
Die wichtigsten mitwirkenden Figuren:
Richard (Rick) Emmeran - Unternehmer und Bäcker
Sophie Emmeran - Ballonfahrerin und Ricks Frau
Ulrich Medow - Ricks Schwager
Die Bahnangestellten
Ernst Urbanek - Rangierlokführer
Conrad Fichte - Fahrdienstleiter
Ralph Bärbaum - Conrads Chef
Simone - Zugbegleiterin
Die Polizeibeamten
Marvin Mölter - Kriminaloberkommissar beim Landeskriminalamt Magdeburg (LKA)
Robert König - Gruppenleiter des Spezialeinsatzkommandos Magdeburg (SEK)
Sören Schmieder - Mitglied des SEK
Habermann - Kriminalrat beim LKA
Lore Sikora - Polizeibeamtin und Fahrgast in Zug 8925
Holger Matthies - Lores Kollege
Roth und Schwarz - LKA-Beamte
Achtendorff - Polizeipsychologe
Weitere Fahrgäste im Zug
Nadja Thimm - Zockerin
Franz Berger - ohne seine Frau, aber mit einem Koffer
Frau Freytag - kann nicht rückwärtsfahren
Nils + Wilma Langhans - wollen am Mammutmarsch teilnehmen
Sonstige
Claudius Eisen - Handelsvertreter für Heizungsanlagen
Victoria - Claudius’ Ehefrau, aber seit über 13 Jahren tot
Hermann Prior - ist ebenfalls tot
Heiner Auck - Revierförster
Ines Kraff - eine Zeugin, die sich irrt
Dr. Helge Rüdenbach - Oberstaatsanwalt, der es eilig hat
Henning Gabler - rechtmäßig verurteilter Steuerverkürzer
Bärbel Knecht - Urbaneks Freundin, versteht etwas von Blumen
Holly - versteht etwas von Heißluftballons
Mörke - versteht etwas von Milchvieh
Tomáš - Mörkes Landarbeiter
Prolog
Daniela war ein paar Stunden zu früh. Alle, die davon etwas verstanden, hatten ihre Ankunft erst für den angehenden Nachmittag erwartet. Doch nun war sie da. Zornig kam sie daher und unbändig, wich keinem der Hindernisse aus, arbeitete sich an Tälern und Bergkuppen ab, an Brücken, Dächern und Masten, an Werbebannern und Baukränen.
Schon seit fast zwei Wochen war es ununterbrochen windig gewesen in Norddeutschland. Ein Umstand, dem die Einheimischen im Harz mit Gleichmut begegneten. So etwas war man hier gewöhnt. Nur die wenigen Touristen, die sich um diese Jahreszeit hierher verirrten, traf es unvorbereitet. Als Daniela von Süden und Westen kommend die ersten Höhenzüge des kleinen, aber stolzen Mittelgebirges erreichte, war Cora, ihre kleine Schwester, bereits seit einigen Stunden fort. Ab den späten Abendstunden dieses Novembertages war es unvermittelt völlig windstill gewesen, und das hatte Nachtarbeiter oder die Menschen, die aus Sorge um ihr Habe oder aus anderen Gründen schlecht schlafen konnten, aufatmen lassen – in der trügerischen Hoffnung, das Gröbste hinter sich zu haben. Auf die Wetterleute verließ man sich hier nicht. Wind und Wolken trieben es rund um den Brocken nach ganz eigenen Gesetzen.
Doch nun war Daniela da. Im Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin hatte es zunächst Diskussionen um den Namen gegeben. Nach Cora war nun der Buchstabe D an der Reihe, Dorothea hätte ganz passabel gepasst, nur hatte es vor nicht allzu langer Zeit bereits ein Hoch dieses Namens gegeben. Einer der Meteorologen schlug Dagmar vor, in Würdigung seiner Frau, die just am gestrigen Tag ihren fünfzigsten Geburtstag begangen hatte, doch dieser Kollege war im Institut nicht sehr beliebt, und so überging man ihn einfach und schließlich wurde an die Nachrichtenagenturen der Name Daniela gemeldet.
Daniela kam zunächst aus Neufundland, wo sie einfach so geboren worden war. Ein ganz normales Tiefdruckgebiet, wie es sie zu jeder Zeit unzählige Male auf der Welt gab. Doch immer mehr warme Luft stieg nach oben, Daniela wuchs heran und zog deshalb schnell die Aufmerksamkeit der Meteorologen auf sich. Sie beobachteten ihre nach Osten verlaufende Bahn über den Atlantik genau und erkannten bald, dass man es hier mit einem Orkan zu tun haben würde, wenn die Front Europa erreichte. Sie würde nicht so gewaltig sein wie einige berühmte Vorfahren, etwa Lothar oder Kyrill, aber dennoch so stark, dass man es für besser hielt, eine Unwetterwarnung herauszugeben.
Nachdem Daniela über die Britischen Inseln hinweggezogen war, traf sie auf das Festland, beschleunigte wiederum und benötigte daher nur noch eine Nacht bis zu den westlichen Ausläufern des Harzes.
Danielas Kraft würde – so hatten es die Wissenschaftler errechnet – in ein paar Stunden merklich nachlassen. Aber noch war dieser Zeitpunkt nicht gekommen. Der hoch aufragende Brocken wirkte wie eine Flasche, an der sich der Windstrom teilte, um hernach dicht an seinem Bauch entlangzuströmen. Auf der Rückseite des Berges bündelte er seine Kräfte wieder und zog weiter gen Osten. Seine Energie reichte durchaus noch, um den ohnehin bereits geschwächten Baumbestand auf den Höhenzügen des Ostharzes anzugreifen. Denn auch der Boden war durch den spärlichen Regen der letzten beiden Sommer entkräftet. Deshalb konnte er besonders die dort reichlich vorhandenen Flachwurzler nicht halten. Und so geschah es, dass am Morgen dieses Novembertages die ersten besonders exponiert stehenden ausgewachsenen Fichten ihren Widerstand aufgaben und ganz in der Nähe des Großen Thumkuhlenkopfes mit mächtigem Getöse zu Boden stürzten.
Kapitel 1
09.58 Uhr. Auch im Stellwerk Wernigerode, dem Herz der Harzer Schmalspurbahnen, wurde unterdessen aufmerksam registriert, dass der Orkan Daniela ungestümer als erwartet auf den Westharz getroffen war. Bald würde er auch hier angekommen sein. Der diensthabende Verantwortliche für den Fahrbetrieb, Ralph Bärbaum, telefonierte in diesem Augenblick mit dem zuständigen Wetteramt, denn er stand vor der Frage, ob er den Zug 8925, der in siebenundzwanzig Minuten Abfahrt in Richtung Brocken haben würde, noch freigeben sollte. –
Rick Emmeran hingegen, der nur zweihundert Meter vom Stellwerk entfernt auf dem Gelände des Wernigeröder Bahnhofs stand, hatte Angst, und diese Angst war jetzt so stark geworden, dass sie in seinen Hals hineinwuchs. Verzweifelt schloss er die Augen, kurz nur; er versuchte, diese Nähmaschine in seinen Fingern zu beruhigen.
Die Umgebung beobachten, hatte Ulrich gesagt. Zunächst nur beobachten. Achte auf alles, was ungewöhnlich ist. Das wirst du ja wohl noch hinbekommen. Das bekam er hin. Hier war nichts Auffälliges zu sehen. Der Bahnsteig war ohnehin fast verwaist. Es regnete.
Gemächlich rollte, geschoben von einer brummigen weinroten Diesellok, ein leerer Zug in den kleinen Kopfbahnhof ein. Noch achtzig Meter vielleicht, dann würde er zum Stehen kommen müssen. Grüne Leuchtbuchstaben auf der schmächtigen elektronischen Anzeigetafel verrieten, dass dies ein Zug zum Brocken war. Zehn Uhr fünfundzwanzig ab Wernigerode Hauptbahnhof. Bis zur Abfahrt blieb zum Glück noch etwas Zeit.
Rick, der eigentlich Richard hieß, aber von niemandem so genannt wurde, weil das klänge, als wäre es der Name seines Vaters, Rick gewann wieder die Kontrolle über seinen Körper. Er ballte in den Taschen seiner dunkelblauen, festen Regenjacke die Fäuste zusammen, bis die Daumen schmerzten. Das Zittern musste ganz verschwinden. An Sophie zu denken, half etwas. Der vom langsam aufkommenden Sturm getriebene Niesel an diesem nasskalten, ungemütlichen Tag im November, der den Menschen schon seit dem Aufstehen die Laune verdorben hatte und die Bahnsteige glänzen ließ, legte sich auf die Gläser seiner Brille.
Warum hatte er sich damals nur auf diesen ganzen Irrsinn eingelassen, dachte er voller Selbstmitleid. Dann würde er jetzt hier nicht stehen. Dann würde sein Leben ganz normal weitergehen und niemand wäre in Gefahr.
Rick bemerkte nun auch die für die Fahrt zum Brocken vorgesehene Dampflok. Noch stand die nicht an ihrem Zug. Ihr Heizer war draußen im Bahnhofsvorfeld auf einen altertümlich anmutenden blauen Drehkran geklettert und füllte ihren Tender nun mit anthrazitfarbenen, regennassen Kohlebrocken. Aber Rick hatte nicht lange Sinn für die Szenerie. Wie schon mehrfach in den letzten Minuten blickte er sich verstohlen um. Für Ulrichs Vermutung, er könnte beobachtet werden, fand er nicht den geringsten Hinweis. Doch das musste nichts bedeuten. Gar nichts musste das bedeuten.
Vielleicht fünfzehn Meter fehlten dem Zug nun noch bis zum Erreichen des Prellbocks. Es wurde Zeit für den Rangierer, das mächtige Ungetüm am anderen Ende des Zuges, das damit beschäftigt war, die Wagenkette in den Bahnsteig zu drücken, zu zügeln. Im Schritttempo näherte sich diese ihrem Ziel. Routiniert sprang der Mann mit der verschmutzten, einst signalfarbenen Arbeitskluft von der unteren Stufe des letzten Waggons auf das nasse Pflaster und griff sogleich nach den Hebeln des Paneels, das er vor seinen Bauch geschnallt hatte. Der Mann bediente die Maschine per Funkfernsteuerung. Oben in der Kanzel der Lokomotive saß niemand. Der Führerstand war leer.
Die Bremsen schlugen an und gaben ein kurzes, markantes Quietschen von sich. Der Zug stand. Nun, da die Waggons an ihrem Platz waren, würde der Mann nach vorn gehen, die Diesellok abkuppeln, sich auf ihren Rangiertritt stellen und ihr mit seinen Hebeln den Befehl geben, allein davonzubrausen, eine Rußfahne in den Himmel stoßend. Danach setzte sich die schwarzglänzende Dampflok, deren Männer nun noch damit beschäftigt waren, ihre Wasservorräte zu ergänzen, vor den Zug, um ihn bald darauf die steilen Hänge des Harzes hinaufzuschleppen.
»Bin wieder bei dir. Alles okay?«
Endlich! Rick atmete auf. Ulrich hatte es doch noch rechtzeitig geschafft. Als die SMS gekommen war, die Rick befahl, sich zum Bahnhof zu begeben, hatte Ulrich nach seiner Jacke gegriffen, das Auto verlassen und war überhastet davongeeilt. Er werde pünktlich da sein, hatte er ihm noch zugerufen.
»Hier ist niemand«, antwortete Rick knapp. Nichts war los hier. Der Bahnsteig zeigte sich beinahe menschenleer. Gut für sie. Das Wetter war auf ihrer Seite. Rick zog sich die Kapuze seiner Jacke tiefer über die Augen. »Sie müssen die Lok erst austauschen. Die Dampflok muss an den Zug. Kann aber nicht mehr lange dauern«, ergänzte er.
Ulrich warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Noch haben wir ein bisschen Reserve. Knapp vierzig Minuten braucht der Zug bis Drei Annen Hohne.«
Unvermittelt wechselte Ulrich das Thema. Er müsse nicht so ein Gesicht machen, alles werde nach Plan verlaufen, umarmte ihn sein Schwager und drückte ihm dabei unauffällig den warmen, glatten Stahl einer Pistole in die Hand. »Die Beretta 92. Solide Waffe. Eins der ersten Stücke aus meiner Sammlung. Versagt nie. – Aber pass auf, sie ist geladen.«
»Spinnst du? Das war nicht ausgemacht!« Rick wurde schon wieder schlecht. Wozu brauchte er eine Waffe? Sie waren doch keine Verbrecher.
Er solle sie ja nicht benutzen. Aber man wisse nie, was alles passieren könne. Vielleicht müsse er sich verteidigen oder jemanden in Schach halten. Und wenn es darauf ankomme: Besser dieser Dreckshund als Sophie.
Rick griff nur widerwillig nach der Beretta. Ungelenk steckte er sie in den Gürtel, nachdem er sich zuvor bei Ulrich vergewissert hatte, dass sie nicht entsichert war. Er verstand nicht viel von Waffen. Ulrich dagegen schon. Sein Schwager besaß eine ganze Vitrine voll davon. Von jedem Auslandsurlaub brachte er sich eine neue mit. Rick hatte keine Ahnung, wie er sie sich beschaffte. Er würde hohe Wetten eingehen, dass die meisten davon nicht einmal registriert waren. Vor ein paar Jahren hatte Ulrich ihn sogar einmal in einen alten Steinbruch mitgenommen, um Schießübungen zu machen. Rick hatte nie wieder danach gefragt. Er fürchtete sich vor Waffen.
Jetzt galt es erst einmal, kein Aufsehen zu erregen. Sonst war alles verloren. Niemand beachtete sie. Die Zugbegleiterin war soeben, mit einem Regenschirm über dem Kopf, auf dem das Logo der Bahngesellschaft prangte, aus ihrem Dienstabteil gestiegen, das sich im Waggon direkt hinter der Lok befand. Nun ging sie die Wagenreihe entlang, warf einen prüfenden Blick auf die Bremsen und klebte danach in die Fenster des vorletzten Waggons Zettel, auf denen man in fetten, roten Buchstaben das Wort Reserviert lesen konnte. Offenbar erwartete sie nachher noch eine Reisegruppe, die vorbestellt hatte. Viele Touristen stiegen erst in Drei Annen Hohne oder Schierke zu. An einem verregneten, windigen Novembertag wie diesem allerdings, noch dazu mitten in der Woche, fanden sich normalerweise kaum Fahrgäste, die hoch hinauf in den Harz wollten. Es waren die Schönwettertouristen, die die Züge auf den Brocken füllten.
Ulrich zündete sich mit einiger Mühe noch eine letzte Zigarette vor der Abfahrt an, da öffnete sich plötzlich die Tür des kleinen Bahnhofsgebäudes hinter ihnen. Etwa eine Handvoll Menschen quoll heraus und hastete auf den Zug zu. Drei weitere folgten ein paar Schritte später. Sie hatten offenbar den Schutz des Wartehäuschens, in dem auch ein Fahrkartenschalter untergebracht war, genutzt, um nicht nass zu werden. Wind und Wasser trotzend, liefen die Leute zu ihrem Bahnsteig, und einige Sekunden später schon begannen sie, in den letzten Waggon zu steigen, denn der war dem Bahnhofsgebäude am nächsten. Niemand wollte länger als nötig dem Regen ausgesetzt sein. Ein älteres Ehepaar, mit Wanderstöcken, Rucksack und schweren Schuhen beladen, bildete den Schluss und mühte sich die eisernen Stufen am Ende des Zuges hinauf. Sie war einen Kopf kleiner als er, weshalb ihr Abstand und Höhe der Stufen Mühe bereiteten. Der Mann half ihr und schloss anschließend geräuschvoll und mit einem kräftigen Ruck die Schiebetür des Waggons.
Rick sah seinen Schwager ratlos an. Er hatte gehofft, dass sie vielleicht allein in ihrem Wagen sitzen würden. »Was machen wir nun?«
Ulrich, der die kleine Menschengruppe ebenfalls aufmerksam verfolgt hatte, zog an seiner Zigarette und ließ den grauen Qualm aus seinem halb geöffneten Mund kriechen. »Nichts. Was kümmern sie uns.«
»Wir könnten einen anderen Waggon nehmen.«
»Können wir nicht. Das weißt du.« Er hielt Rick sein Handy hin. Auf dem Display war die Nachricht mit der unmissverständlichen Anweisung zu lesen.
Rick spürte sofort wieder das Gefühl der Panik in seinem Magen. »Woher weiß er, dass wir seine Forderungen befolgen?«
»Weil er uns immer zwei Schritte voraus ist. Und weil wir keine Wahl haben.« Ulrich rauchte hastig. Er hielt die Zigarette zwischen Zeigefinger und Daumen. Das machte er sonst nie. »Wenn der Rangierer fertig ist, steigen wir ein. Wir setzen uns auf unsere Plätze und sind zwei ganz normale Reisende. Alles geht glatt.«
»Und wenn die Zeit doch knapp wird?«
»Keine Sorge. Wir haben zwanzig Minuten Reserve. Wir schaffen es.«
»Wir müssen noch Fahrkarten holen«, fiel Rick plötzlich ein. Wie hatte er das vergessen können!
»Das habe ich bereits getan.«
Rick atmete durch und war wieder einmal froh, dass er seinen Schwager hatte. Allein hätte er das hier bestimmt nicht durchgestanden. Ulrich mochte genauso nervös sein, doch er traf klare, richtige Entscheidungen.
Die unsichtbare Stimme am Mikrofon für die Lautsprecherdurchsage meldete sich mit der Mitteilung, dass der Zug um 10.25 Uhr zum Brocken aufgrund der extremen Witterung heute nur bis Schierke verkehren würde. Man bitte um Verständnis. Ihre Blicke trafen sich. Na und? Das ist unwichtig für uns, sagte Ulrich stumm, die Anweisung lautete, in Drei Annen Hohne auszusteigen. Ein kleiner Ort mit nur wenigen Häusern auf halber Strecke zum Brocken. Was danach geschah, war gleichgültig. Rick deutete ein Nicken an. Ulrich hatte ja recht.
»Glaubst du wirklich, er beobachtet uns?«
Ulrich wiegte den Kopf. »Nicht ausgeschlossen. Vielleicht hat er aber auch einen zweiten Mann hier irgendwo. Möglicherweise sogar im Zug. Oder er steigt später zu. Wir sollten die Fahrgäste unbedingt im Auge behalten.«
Ricks unglückliche Miene veranlasste den Schwager, ihm einen Klaps auf die Schulter zu geben. »Kopf hoch. Das wird schon.«
Der Rangierer schien es heute nicht besonders eilig zu haben. Er machte nun eine hohle Hand, um sich eine Zigarette anzustecken, dann schwatzte er noch ein wenig mit der Zugbegleiterin, die ihm einen Platz unter ihrem zerzausten Schirm anbot, den sie kaum zu bändigen vermochte. Während sie fast nur zuhörte und fortwährend über seinen Monolog lachte, hatte der Mann das Paneel mit den kleinen Hebelchen, das Rick eher an die Steuereinheit einer Modelleisenbahn erinnerte, nun abgeschnallt und über die Schulter gehängt. Gestenreich untermalten seine Hände die Worte, die den Mund verließen. Die Zigarette zwischen den Lippen wippte dabei ständig auf und nieder.
Rick rümpfte die Nase. Er hatte nicht daran gedacht, einen Schirm mitzunehmen. Langsam kroch die Nässe auf seine Schultern. Da verabschiedete sich der Rangierer nach einem Blick auf die Uhr von seiner Kollegin, die ihm das Paneel aus der Hand nahm und sich zurück an die Spitze des Zuges begab. Im Gehen winkte sie ihm noch einmal zu.
»Der hat Feierabend! Sie bringt die Fernsteuerung zu einem anderen Rangierer! Was machen wir jetzt, Ulrich?«
»Nichts, Mann. Es ist doch völlig zweitrangig. Reiß dich jetzt zusammen, Rick!« Der Schwager brauchte nicht viel Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. »Los! Wir gehen.«
Ulrichs schroffe Erwiderung machte Rick bewusst, wie schwer es ihm selbst gerade fiel, Dinge richtig einzuordnen. Er griff nach der fliederfarbenen, gut gefüllten Sporttasche, die bis eben zu seinen Füßen auf dem nassen Pflaster gestanden hatte und an ihrem Boden nun einige dunklere Flecken zeigte, und ging eiligen Schrittes dem Schwager hinterher. Doch er merkte selbst, dass ihm die Souveränität fehlte. Wie ein Kind sehnte er sich jetzt in seine Hexenküche zurück, einem kleinen Backstübchen zum Ausprobieren und Kreativsein, sozusagen das Hirn seiner Bäckerei Emmeran, die jeden Tag den halben Landkreis mit frischem Brot und knusprigen Brötchen versorgte.
Diese Hexenküche war einer seiner Lieblingsplätze. Dort konnte er Entscheidungen treffen, die sich richtig anfühlten, die die Firma voranbrachten. Dafür hatte er ein Händchen. Für Aktionen wie diese hier war er einfach nicht geschaffen.
Der Rangierer kam ihnen nun vom Ende des Bahnsteigs entgegen, hatte sich den Kragen seines Pullovers hochgeschlagen und die Schultern in den Nacken gedrückt, um dem Regen zu trotzen. Er hielt auf den Ausgang zu. Als sein linker Arm in einem Augenblick der Unachtsamkeit mit Ricks Sporttasche kollidierte, die dieser gerade wie einen Obstkorb in der Armbeuge trug, weil er dabei war, sich mit dem Taschentuch die Brille zu säubern, geschah etwas, das für die Ereignisse danach nicht folgenlos bleiben würde. Rick merkte es sofort, ohne dass er es noch verhindern konnte. Die Beretta, die unter seiner Jacke aus dem Gürtel gerutscht war, fiel direkt vor dem Mann auf das Pflaster. Eine Chance, dass der Rangierer die Waffe übersah, gab es nicht.
Sie wirkte eher unscheinbar und auf jeden Fall harmlos, wie sie da einen halben Meter von Ricks Füßen entfernt lag. Schwarzer Stahl und klare Linien. Doch die Reaktion des Bahnangestellten war genau die, die man von ihm in einer solchen Situation erwarten musste. Eine Sekunde benötigte er, um die Lage zu erfassen, dann kickte er die Waffe beiseite und griff schon zu seinem Handy. Ohne zu zögern, drückte Ulrich, der das verräterische Fallen der Waffe ebenfalls gehört hatte, dem Mann die Mündung der eigenen Pistole an den Hals. »Zurück zum Waggon!«
Ulrich musste seine Aufforderung wiederholen, ehe der Mann sich zögernd bewegte. Rick klaubte die Beretta wieder auf und hielt sich dicht hinter den beiden, sicherte so leidlich ab, dass diese Geiselnahme der Welt zunächst verborgen blieb. Der Rangierer war kräftig, hatte breite Schultern. Er blieb sogar unbewaffnet ein nicht zu unterschätzender Gegner, sollten sie unvorsichtig sein. Er hatte begriffen, dass er von zwei Männern mit einer Pistole bedroht wurde, aber den Sinn dieser Aktion verstand er selbstredend nicht. »Was soll das werden?«, fragte er mit fester, kratziger Stimme. »Halten Sie das da für einen Postzug voller Geld?«
»Maul halten! Schneller, gehen Sie! Wir meinen es ernst! Zurück zum Waggon! Steigen Sie wieder auf die Plattform und tun Sie genau das, was ich Ihnen sage. Die Knarre ist geladen und ich kann damit umgehen!«
Rick zitterte schon wieder. Ulrich klang jetzt tatsächlich wie ein Verbrecher. Bloß keinen Fehler machen. Selbst einfache Handlungen wie das Einsteigen in einen Zug wuchsen plötzlich zu großen Herausforderungen heran.
Tatsächlich. Es funktionierte. Nach einem Moment des trotzigen Zögerns ging der Mann nun, mit kleinen Schritten zwar, aber dennoch zielgerichtet los, erreichte den letzten Waggon, fasste nach der Haltestange und zog sich mit geübtem Griff auf die Plattform hoch. Ulrich folgte ihm, dann Rick. Die Mündung von Ulrichs Waffe zeigte wieder auf das Gesicht des Rangierers.
»Was wollen Sie?«, fragte der nochmals und versuchte das Kratzen wegzuräuspern.
»Rufen Sie jetzt die Zugbegleiterin zurück!«
Kopfschütteln. Seine Kollegin bringe er nicht in Gefahr, krächzte der Mann trotzig. Erst als Ulrich die Waffe mit einem deutlich hörbaren Klicken entsicherte, überlegte er es sich anders.
Rick verfolgte Ulrichs Aktion mit Fassungslosigkeit. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was sein Schwager plante. Er wusste nur, dass sie dafür in den Knast wandern würden. Bisher hätte alles noch als eine Art Notwehr gelten können, doch dies war eine Geiselnahme! Man konnte nicht ein Verbrechen mit einem anderen bekämpfen.
Der Rangierer beugte sich vor, um Sichtkontakt zu bekommen, und rief energisch den Namen Simone. Als sie reagierte, winkte er ihr, zurückzukommen.
Rick und Ulrich hatten sich bis zum letzten Moment auf der Plattform vor ihr verborgen; als sie nahe genug war, sprang Ulrich vom Waggon. Mit der Waffe in ihrem Rücken schob er die überraschte Frau nach oben zu den anderen und schloss den Sicherheitsbügel hinter sich. Es war nun eng auf dem kleinen Vortritt des Wagenkastens. Rick war unschlüssig, was er tun musste. Sollte er die Tür öffnen und in den Waggon hineingehen?
»Das Bedienpult!«, forderte Ulrich im nächsten Moment von der Zugbegleiterin. Mit schreckgeweiteten Augen, aber ohne ein einziges Wort reichte die Frau ihm das Paneel.
»Was hast du vor?«, fragte Rick zischelnd. Dass er seine Ahnungslosigkeit preisgab, war ihm nun egal. »Der Zug fährt erst in knapp zwanzig Minuten! Das schaffen wir nie, so lange hier nicht aufzufallen! Bis dahin hat der ganze Bahnhof mitbekommen, was hier vor sich geht!«
»Abwarten!« Ulrich schob dem Rangierer das Pult in die Hand. »Sie starten jetzt den Zug!« Um seiner Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, drückte er die immer noch entsicherte Waffe in dessen Gesicht. »Machen Sie schon!«
Der Eisenbahner, dessen stoppelige, wettergegerbte Wangenhaut vom Lauf der Pistole nun seltsam deformiert war, begann einen letzten, vorsichtigen Versuch des Widerstands. »Hören Sie! Das hier ist keine Straße. Wir haben eine eingleisige Strecke mit anderen Zügen im Gegenverkehr. Sie kommen nicht weit.«
Der Schuss durchschlug mit einem fürchterlichen, trockenen Knall das Tonnendach des Waggons und hinterließ ein kleines, aber eindrückliches Loch in seinem Blech. Feiner, kaum sichtbarer Rauch kroch aus der Mündung der Waffe.
Nun wusste der Rangierer, dass Ulrich nicht bluffte. »Sind Sie irre?«, entfuhr es ihm, doch er griff ohne weiteres Zögern zu seinem Paneel und nach zwei, drei Handgriffen gehorchte die Diesellok: Der Motor schlug mit einem kurzen Bellen an, ging dann in ein dumpfes Brummen über und entfaltete vorsichtig seine Kräfte. Der Zug setzte sich tatsächlich in Bewegung. Bänke, Masten und zwei tropfnasse Fahrräder, die zur Verladung bereitstanden, zogen vorbei. Die wenigen Menschen, die sich bei dem Wetter neugierig und in Regencapes gehüllt auf die große Aussichtsplattform gleich neben dem Stellwerk gewagt hatten, um den Dampflokschuppen zu besichtigen, hatte der Knall der Beretta erstarren lassen.
Die Zugbegleiterin, die noch immer kein einziges Wort gesagt hatte, schwebte offenbar in Todesangst, denn mit ungeahnten Kräften stieß sie Rick, der ihr im Weg stand, beiseite, öffnete den Sicherheitsbügel auf der anderen Seite und sprang ab, bevor der Zug zu schnell geworden war. Mit den Armen über dem Kopf blieb sie am Rande des Schotterbetts liegen.
Rick überforderte die Situation nun endgültig. Er schob Ulrich ein wenig beiseite, damit der Rangierer nicht mithören konnte. »Was machst du? Wir können doch nicht so losfahren? Von hier hinten! Auf der Lok ist kein Mensch!«
»Wir können und wir werden. Wir müssen das hier jetzt zu Ende bringen. Denk an Sophie! Oder hast du eine bessere Idee? Außerdem sparen wir so noch ein bisschen Zeit! Wer weiß, wozu das gut ist.«
»Und die Leute im Waggon?«
»Betrachte sie als unsere Lebensversicherung.«
»Aber wenn einer von denen draufgeht?«
»Wenn alles nach Plan läuft, passiert keinem was.«
Rick war noch nicht überzeugt von Ulrichs Worten. »Und was ist, wenn uns wirklich ein Zug entgegenkommt? Hast du daran auch gedacht?«
Ulrich grinste triumphierend. »Lass dich nicht von diesem Rangierer ins Bockshorn jagen, Rick! Ich habe den Fahrplan gelesen. Der erste Zug des Tages startet von Drei Annen Hohne um 11.08 Uhr. Da sind wir längst oben. Und wenn nicht, dann wartet er.«
Langsam bewegte sich die Wagenschlange mit der weinroten Diesellok an der Spitze aus dem Bahnhof heraus. Der blaue Kohlekran wurde passiert und die kräftige Dampflok, die eigentlich diesen Zug zum Brocken schleppen sollte.
»Wir haben soeben ein rotes Signal überfahren …«, setzte der Rangierer vorsichtig an, offensichtlich noch immer in der Hoffnung, die Katastrophe abwenden zu können.
»Geben Sie mir das Funkgerät!«, verlangte Ulrich und riss es dem Mann fast aus der Hand.
Dem Fahrdienstleiter auf dem Stellwerk war längst aufgefallen, dass sich der Zug ohne Abfahrauftrag in Bewegung gesetzt hatte. Ulrich ließ ihn nicht zu Wort kommen, sondern erteilte mit klaren Worten seine Anweisungen. Der Mann da oben würde sie sehen können, in diesem Moment passierte der letzte Waggon des Zuges die Höhe des Stellwerks. Deutlich sichtbar hielt Ulrich ihrer Geisel die Waffe an den Kopf. »Freie Fahrt in Richtung Drei Annen Hohne, alle Signale auf Grün, keine Störungen, sonst wird es Tote geben!«
Kapitel 2
10.10 Uhr. Nicht nur im Wagen 8 des Zuges 8925 hatte man wahrgenommen, dass soeben ein Schuss gefallen war. Sein Knall rollte durch den ganzen Bahnhof. Menschen drehten sich um, Fenster wurden geöffnet. Und so dauerte es nicht lange, bis auch die große Maschinerie der polizeilichen Gefahrenabwehr begann, die dafür vorgesehenen Routinen abzuspulen. –
Lore Sikora hörte für zwei Sekunden auf zu atmen, als der Schuss fiel. Ihre Hand fuhr, dem Reflex folgend, an die rechte Hüfte, doch sie griff ins Leere. Dafür kullerte die kleine Porzellaneule von ihrem Schoß auf den Boden des Waggons.
Lore hatte gerade versucht, die filigrane Figur mit den großen blauen Glasaugen in einem mit Seidenpapier ausgeschlagenen Schächtelchen unterzubringen, das noch eine rote Schleife bekommen sollte. Es war das Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter, die heute siebenundsiebzig Jahre alt wurde. Eulenfiguren waren ihre große Leidenschaft, sie sammelte sie seit Jahren. Manche von ihnen waren richtig wertvoll, man würde dreistellige Summen dafür bekommen. Da war es schwer, noch eine zu finden, die nicht schon in der gläsernen Vitrine mit den Perlmuttgriffen ihren Platz gefunden hatte. Einer von Lores Kollegen aus dem Revier, der kürzlich in Italien im Urlaub gewesen war, hatte ihr eine mitgebracht, die in der Sammlung noch fehlte. Mutter würde sich freuen.
Doch nun hatte Lore keinerlei Gedanken mehr an den Geburtstag. Das Geräusch eines Schusses kannte sie genau. Lore war Polizeibeamtin. Die Stunden auf dem Schießstand zählte sie längst nicht mehr. Das war vor wenigen Sekunden nicht etwa die spektakuläre Fehlzündung eines Pkw oder das Herunterknallen eines stumpfen schweren Gegenstands auf eine Stahlplatte gewesen, wie es bei Eisenbahnen manchmal vorkommen konnte. Hier hatte jemand gerade aus nächster Nähe eine Waffe abgefeuert und deren Kugel hatte irgendwo die Haut dieses Waggons durchschlagen. Jeder hier konnte eben die kurze Resonanz an den Wänden spüren. Das Entsetzen stand den Reisenden ins Gesicht geschrieben.
Seit sie vor vier Jahren, kurz nach ihrem fünfundvierzigsten Geburtstag, nach Schierke gezogen war, um näher bei ihrer Mutter zu wohnen, nahm sie täglich die Bahn. Und normalerweise fuhr sie in Uniform. Wegen der erhöhten Sicherheit für die Fahrgäste. Eine Vereinbarung mit der Bahngesellschaft. Aber heute würde Lore die Zeit nicht reichen, um vor dem Mittagessen bei ihrer Mutter noch einmal nach Hause zu fahren, um sich umzuziehen, deshalb saß sie ausnahmsweise in Zivil in diesem Zug. Und das verschaffte ihr nun möglicherweise einen kleinen strategischen Vorteil.
Lore blieb ganz ruhig, zitterte nicht. Ihre Finger hätten einen Faden durch ein Nadelöhr bringen können. Die Routine ihrer vielen Dienstjahre ließ sie auch in gefährlichen Situationen besonnen reagieren. Erfahrung lernte man nicht auf der Polizeischule. Lore war heute Morgen nach einem anstrengenden Dienst, der auch noch mit einem Gewaltverbrechen hatte enden müssen, erst mit großer Verspätung aus der Dienststelle herausgekommen und hatte sich ein wenig sputen müssen, den Zug noch zu erreichen. Das Frühstück in der Bäckerei Emmeran ganz in der Nähe ihres Kommissariats, das sie sonst nach einer Nachtschicht gerne nahm, musste ausfallen. Dabei war ihr Kollege Holger am Schluss noch so nett gewesen, ihr den anstehenden Papierkram abzunehmen. Das machte er manchmal. Texte zu verfassen war nicht so ihre Sache, auch wenn das neue Rechtschreibprogramm, mit dem das System jetzt arbeitete, es schaffte, für sie die größten Klippen zu umschiffen. Längst hatte Holger ihr kleines Problem erkannt und einfach den Mund gehalten. Die meisten anderen auf der Wache ahnten davon nicht einmal etwas, obwohl sie nun schon so viele Jahre dabei war. Jeder, dem es ähnlich erging wie ihr, entwickelte seine kleinen Strategien, damit umzugehen. Aber Holger hatte sie durchschaut. Er sah eben Dinge, die nicht jedem auffielen. Lore wäre froh, säße er jetzt ebenfalls in diesem Zug.
Sie orientierte sich kurz. Der Wagen war zum Glück nur mäßig besetzt. Insgesamt befanden sich zehn Personen darin, sie eingeschlossen. Vorne links ein Pärchen, beide so um die sechzig, vielleicht auch ein bisschen älter. Sie trugen trotz des unwirtlichen Wetters Wanderkleidung. Auf der anderen Seite, in die Ecke gefläzt, ein Mädchen, vielleicht gerade so volljährig, tätowiert und mit einer schwarzen Wollmütze auf dem Kopf, unter der lange braune Haare hervorquollen. Sie starrte auf ihr Handy, auch der Schuss hatte sie nicht ablenken können. Eine Reihe davor zwei junge Frauen. Sie waren wahrscheinlich Kellnerinnen in einem Hotel in Schierke, die sonst das Auto nahmen und nur wegen des aufkommenden Sturms heute lieber im Zug saßen. Lore hatte bis eben unfreiwillig ihrem ungenierten Gespräch folgen können. Wieder eine Reihe weiter, mit dem Rücken zum Klo, ein älterer Mann, der ganz so aussah wie ein Feriengast: im staubgrauen Regenmantel mit Gürtel und mit einem völlig aus der Mode gekommenen karierten Reisekoffer. Ganz hinten, in der letzten Reihe, dann noch zwei Männer. Der linke, am Fenster, ein schmächtiger Kerl. Fettig wirkende Haare, Seitenscheitel und Kinnbart, feste Wetterjoppe und gute Winterschuhe. Er hatte sich die ganze Zeit in regelmäßigen Abständen eine Handvoll Erdnüsse aus der Jackentasche geholt, um sie sich mit zwei Fingern einzeln in den Mund zu schieben. Nun tat er das nicht mehr. Neben ihm, etwas älter wirkend, ein gut aussehender Mann im schwarzen Anorak. Das Haar schon etwas schütter, die Haut glattrasiert, neugierige braune Augen mit gepflegten Augenbrauen darüber. Die beiden schienen sich zu kennen, denn sie hatten sich zuvor vertraut miteinander unterhalten.
Außerdem war da noch Frau Freytag, die Lore gegenübersaß. Lore kannte sie flüchtig, weil die alte Dame ebenfalls manchmal den Zug benutzte. Gelegentlich hielten sie ein Schwätzchen miteinander. Sie fuhr nicht gerne rückwärts, setzte sich stets in Fahrtrichtung. Nun stand ihr Mund offen und ihre dürren weißen Finger krallten sich ins Sitzpolster.
Die augenblicklich eingetretene Stille im Waggon war noch nicht vorüber. Totenstille. Niemand der anderen Fahrgäste tat etwas. Genau diese Art von Ruhe, wie sie oft unmittelbar vor einer Massenpanik auftrat. Lore musste vermeiden, dass es dazu kam. Sie erhob sich vorsichtig, las noch die kleine Eule vom Fußboden auf und bewegte sich langsam auf die Tür am Ende des Zuges zu. Auf der Plattform standen mehrere Menschen. Von dort musste der Schuss gekommen sein. Lore war sich nicht ganz sicher, doch sie meinte, aus ihren Augenwinkeln durch das kleine Fenster in der Tür ein Mündungsfeuer wahrgenommen zu haben. Um von draußen nicht bemerkt zu werden, duckte sie sich tief ab und presste sich schließlich dicht neben die Tür. In diesem Augenblick setzte sich der Zug in Bewegung.
»Das ist viel zu früh! Meine Frau! Meine Frau ist noch gar nicht da!«, stammelte halblaut, jedoch ein zweites Mal sichtlich erschreckt der alte Herr im grauen Mantel. Das stimmte. Genau sechzehn Minuten fehlten noch bis zur planmäßigen Abfahrt. Als kurz darauf abermals eine Hand mit einer Pistole an dem Fenster in der Tür vorbeihuschte, fehlte nicht mehr viel, und die Panik wäre ausgebrochen.
Der Mann, der seine Frau vermisste, stand plötzlich auf und langte nach dem roten Griff über seinem Kopf. Die Bewegung des Zuges machte es ihm nicht ganz leicht, die Notbremse zu greifen.
Lore war schneller, schaffte es, dass er sich wieder setzte. Mit beiden Händen versuchte sie, die Menschen zu beruhigen, was nur leidlich gelang. »Hören Sie bitte zu!«, rief sie mit gedämpfter Stimme, damit nichts nach außen drang. »Ich bin Polizeibeamtin. Bewahren Sie Ruhe und begeben Sie sich bitte sofort in den nächsten Waggon!« Sie hielt gut sichtbar ihren Dienstausweis hoch.
Es brauchte nur diese Initialzündung, die Gewissheit, dass es für ihre Situation nicht irgendeine harmlose Erklärung gab, sondern etwas Schreckliches passiert sein musste oder gleich passieren würde, einerlei – jeder der Passagiere folgte nun seinem natürlichen Fluchtinstinkt. Alles ging furchtbar schnell. Lore bildete den Schluss der Gruppe und blickte dabei immer wieder über ihre Schulter, um den Gefahrenherd im Auge zu behalten.
Doch schon auf den Übergangsblechen zum nächsten Waggon kam der kleine Menschenstrom zum Stillstand und plötzlich strebte alles zurück. »Die Tür lässt sich nicht öffnen!«, rief der Mann in der Wanderkluft. Die Reservierung! Die Zugbegleiterin hatte den vorletzten Wagen wahrscheinlich verschlossen. Die Schilder an den Fenstern hatten ihr nicht genügt. Alle Blicke waren nun auf Lore gerichtet. Dass sie sich als Polizistin zu erkennen gegeben hatte, brachte sie von ganz allein in die unangenehme Lage, Antworten geben zu müssen, Entscheidungen zu treffen.
Inzwischen hatte der Zug den Bahnhofsbereich verlassen. Durch das Türfenster sah sie in der Ferne den auffälligen blauen Kohlekran langsam kleiner werden. Der Zug beschleunigte noch einmal. Einfach abzuspringen war nicht mehr möglich.
»Alle setzen sich in den Bereich hinter der Toilette!« Die hölzerne Kabine für die Notdurft war ungefähr in der Mitte des Waggons eingebaut und bildete in der Tat eine gewisse Nische, um vom anderen Ende des Waggons nicht gesehen zu werden. Zwölf Personen konnten hier Platz finden. Das reichte. So fühlten sich die Menschen vorerst einigermaßen sicher.
»Bald kommt der Bahnhof Westerntor, da können wir bestimmt raus.« Frau Freytag war es, die diesen Satz gesprochen hatte, voller Inbrunst und unerschütterlicher Überzeugung. Worte, an die sich ihre Mitgefangenen klammern konnten. Ein Strohhalm Hoffnung, nicht mehr. Eine Minute später wusste Lore, dass diese Aussicht nichts als ein fataler, vorhersehbarer Irrtum war.
Die hintere Waggontür öffnete sich, zuerst schob sich die Pistole in den Spalt, dann ein ganzer Arm, schließlich drängte einer der drei Männer von der Plattform ins Innere des Waggons. Ganz in Schwarz gekleidet, von den Schuhen bis zur durchfeuchteten Schirmmütze, die er sich nun herunterriss und neu aufsetzte. Auch seine Haare waren schwarz. Glatt, voll und nach hinten gekämmt. Er schien Ende dreißig oder Anfang vierzig zu sein und wirkte durchtrainiert und entschlossen.
Lore, die einen Sitzplatz am Gang gewählt hatte, wiederum mit Blickrichtung zum Zugende, kannte ihn nicht. Sie hatte ihn noch nie in ihrem Leben gesehen. Doch sie erkannte von den beiden, die draußen geblieben waren, wenigstens einen. Es war der Rangierer, der noch immer diese orangefarbene Warnweste trug. Er dürfte nicht zu den Kriminellen gehören. Der dritte Mann schien ihn ebenfalls mit einer Waffe in Schach zu halten.
Der Schwarzhaarige sah sich kurz um, trat näher an die kleine, auf ihren Sitzen kauernde Menschengruppe heran. »Jeder bleibt an seinem Platz. Wenn Sie tun, was wir sagen, passiert niemandem etwas. Betrachten Sie sich weiterhin als Fahrgäste, nicht als Geiseln. Das bleibt auch so, wenn Sie unsere Anweisungen befolgen.« Er sprach nicht sehr laut. Mit der Mündung der Waffe bedeutete er den Leuten, dass er es ernst meinte. »Unsere Waffen werden wir zur Not auch benutzen, das haben Sie ja sicherlich mitbekommen. Wie gesagt, nur im Notfall.«
Er versuchte irgendwie, nicht bedrohlich zu wirken, sondern zu beruhigen, was jedoch völlig misslang. Die bloße Nähe zu dieser Waffe, die erst vor ein paar Augenblicken abgefeuert worden war, ließ die meisten Reisenden vor Angst erstarren.
Dem Gangster fiel etwas ein und er ging zurück zu seinem Kumpan, der ebenfalls aufgetaucht, aber zunächst im Türrahmen stehen geblieben war. Der andere war ein Typ ebenfalls so um die vierzig. Sein kurzes Haar begann sich bereits zurückzuziehen und zeigte schon deutliche Spuren einer Graufärbung, wie auch der Dreitagebart. Moderne Brille mit schwarzem Horngestell. Ein offenes Gesicht. Jeans, durchnässte dunkelblaue Winterjacke, sportliche Schuhe. Als wollte er zum Training, hing über seiner Schulter eine fliederfarbene Tragetasche, die er nun absetzte und etwas unbeholfen unter die erste Sitzbank auf der linken Seite schob. Lore war sich sicher, dass sie es nicht mit Profis zu tun hatten. Die beiden flüsterten miteinander, als der Rangierer ihnen von draußen etwas zurief. »Wir erreichen den Bahnhof Westerntor. Soll ich halten?«
»Durchfahren! Ohne zu drosseln durchfahren!« Der Schwarzhaarige drängelte sich nach draußen und fuchtelte mit der Waffe herum. »Geht das nicht schneller?«
»Die Lok hat eine Höchstgeschwindigkeit von fünfzig«, rief der Mann ungerührt gegen den schweren Fahrtwind an, »die haben wir bereits.«
»Und die Schranken? Ulrich, direkt hinter dem Bahnhof kommt doch der Bahnübergang an der Mittelstraße!« Der mit der Brille stürzte ans Fenster, um irgendetwas zu erkennen.
»Hupen Sie! Los, hupen Sie!«, befahl der Schwarze.
Der Rangierer gehorchte offenbar, denn gleich darauf gab das Typhon der Lok seinen dröhnenden Pfeifton von sich, immer wieder. Menschen auf dem Bahnsteig mit verblüfften Gesichtern zogen vorbei, das Bahnhofsgebäude, die offenen Schrankenbäume.
»Wir fahren jetzt auf die große Westerntorkreuzung zu!« Der mit der Brille klebte weiterhin an der tropfenfeuchten Scheibe, war kurz davor, die Kontrolle zu verlieren. Doch der Schwarzhaarige, den er mit Ulrich angesprochen hatte, blieb ganz ruhig.
Der Rangierer war es, der die Situation erst einmal entspannte. »Keine Sorge«, konnte Lore mühsam verstehen, »die Ampeln der Kreuzung werden vom Zug automatisch auf Rot gestellt. Die Autos müssen warten. Es kann also erst einmal nichts passieren.«
Lore hatte die Szene ebenso angespannt verfolgt wie die anderen Geiseln; doch sie beobachtete auch genau. Die beiden kannten sich hier aus. Niemand von außerhalb würde den Namen der winzigen Straße kennen, die sie gerade passiert hatten. Und Ulrich hatte nicht reagiert, als eben sein Name gefallen war. Es schien den beiden also egal zu sein, dass sie schnell zu identifizieren sein würden.
Der Zug fuhr nun eine langgezogene Rechtskurve und passierte, wiederum laut pfeifend, unbehelligt die belebte Kreuzung. Alles war wie immer. Man erkannte Autoschlangen an den Ampeln und Passanten, die geduldig warteten, bis der Zug die Kreuzung verlassen hatte. Der Brillenträger atmete durch, lächelte sogar ein wenig, kam nun auf die Fahrgäste zu, die gleichzeitig ja doch seine Geiseln waren. Was er sah, ließ das Lächeln sofort wieder verschwinden. Das junge Mädchen, das sich abermals ihren Platz ganz in der Ecke ergattert hatte und nun mit angezogenen Beinen anscheinend teilnahmslos dasaß, tippte auf ihrem Handy herum. Offenbar war sie dabei, eine Nachricht zu versenden. Als der Mann es ihr aus der Hand riss, fuhr sie hoch und griff danach. Er stieß sie weg, doch das schreckte sie keineswegs, sie sprang geradezu auf ihn los, klammerte sich an seiner Jacke fest und versuchte, ihr Eigentum zu erreichen. Dass er eine Waffe hatte, schien nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen. Bevor die Situation weiter eskalierte, war Ulrich herbeigeeilt und versetzte dem Mädchen einen kraftvollen Stoß, der sie unsanft auf ihren Platz zurückbeförderte.
»Die Handys! Von allen!«, forderte er, ging durch den Gang und kassierte sie der Reihe nach ein. Die Handfeuerwaffe in der Hand des Mannes, deren Mündung vor ihren Gesichtern kreiste, ließ alle anderen ohne Widerstand gehorchen. Bis auf Frau Freytag, die kein Mobiltelefon besaß. Der Kerl musste sich die Geräte in die Tasche stopfen, mit einer Hand konnte er nicht alle halten. Doch nun fackelte er nicht lange. Fünf Sekunden später lagen sie allesamt im Gleisbett, während der Zug davoneilte.
»Reiß dich jetzt zusammen!«, zischte er seinen Komplizen an und schloss von außen die Waggontür. Dem Brillenträger blieb wiederum die Aufgabe, ihre Geiseln zu bewachen.
Das junge Mädchen hatte noch nicht aufgegeben. Unvermittelt sprang sie auf und stürzte auf die Notbremse zu, hatte sie sogar schon beinahe erreicht, da griff sie der Kidnapper am Arm und fauchte: »Setz dich wieder hin. Bitte!« Er konnte offenbar zupacken; das Mädchen riss sich los, rieb sich den Oberarm und verzog sich in ihre Ecke.
»Ihr Verbrecher!«, schimpfte der alte Mann. »Meine Frau steht noch auf dem Bahnsteig!«
»Die wird schon auf Sie warten …«, bekam er als Antwort.
Die Wanderliebhaberin hatte zu weinen angefangen. Ihr Mann hielt ihre Hand und versuchte, sie zu trösten. Zwischendurch machte er dem jungen Mädchen mit der Wollmütze leise Vorwürfe. Wäre es nicht so provokant aufgetreten, dann hätten sie ihre Handys jetzt noch. Die Kleine schaute wütend durch das tropfenbenetzte Fenster und reagierte nicht.
Lore hatte ihr Telefon noch in der Tasche. Das Diensthandy war soeben auf den Gleisen zerschellt. Ihr privates hatte sie nicht herausgerückt. Es war ein Risiko gewesen, doch mit ihrer Einschätzung, dass die beiden vergessen würden, nach einem Zweithandy zu fragen, hatte sie richtiggelegen. »Darf ich mal auf die Toilette, bitte …«, fragte sie, nachdem sich alle etwas beruhigt hatten.
Kapitel 3
10.18 Uhr. Rangierlokführer Urbanek überlegte angestrengt, was er gegen die beiden Kriminellen, denen offensichtlich die Sicherungen durchgebrannt waren, tun konnte. Und er ärgerte sich. Hätte er die Funkfernsteuerung ordnungsgemäß seinem Kollegen übergeben und nicht einfach Simone, der Zugbegleiterin, in die Hand gedrückt, wäre dies vielleicht alles nicht passiert. –
Holger Matthies, Polizeibeamter im Revierkommissariat Wernigerode, ahnte in diesem Augenblick noch nichts von der Entführung des Zuges, doch selbst wenn er es täte, würde es ihn vermutlich auch nicht mehr erstaunen. Manchmal erwischte man in der Reihe der ungezählten ruhigen, oft sogar eintönigen Schichten so eine wie heute, da kam eben alles zusammen.
Wie meistens war er mit seiner Kollegin Lore Sikora auf Streife gefahren und es schien eine ganz normale Nacht zu werden. Er mochte Lore. Man konnte sich auf sie verlassen.
Lore war zehn Jahre älter als er, also fünfzig, und einen Dienstgrad höher. Ihr Lockenschopf umrahmte ein etwas grob geschnittenes, immer braungebranntes Gesicht. Sogar jetzt noch, im November, wo alle Leute blass waren wie ein Eimer Kalk. Wie sie das anstellte, war ihm ein Rätsel. Dass sie sich unter eine Sonnenbank legte, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Sie war keine Schönheit, keine Frau, auf die die Männer flogen. Eher der Typ zupackende Bäuerin. Seit sie sich kannten – seit fünfzehn Jahren –, war sie solo und stets auf der Suche.
Wenn man unzählige Stunden zusammen in einem Streifenwagen verbrachte, erzählte man sich so manches. Besonders in den Nachtschichten. Wernigerode war nicht Hamburg St. Pauli oder Berlin Kreuzberg. Neben den üblichen Einsätzen, von Verkehrsunfällen bis zu ruhestörendem Lärm aus einer Wohnung, hatten sie es vor allem mit Kleinkriminalität zu tun. Der Klientenkreis war überschaubar. So ein Fall wie vor einer Woche, als alle vier Räder von einem Mazda gestohlen worden waren, zählte dann schon zu den größeren Vorkommnissen. Die Täter hatten die Dreistigkeit besessen, das Fahrzeug immer an einer Ecke anzuheben und auf ein paar Betonpflastersteine aufzubocken. Es mussten drei gewesen sein, denn die Spurensicherung hatte von allen Fingerabdrücke gefunden, die eindeutig der Tat zuzuordnen waren. Dann konnten sie in aller Ruhe die Räder abschrauben. Gefasst hatten sie die Typen noch nicht. Doch das würde noch passieren, irgendwann. Holger war sich sicher.
In der Regel jedoch schoben sie einen ziemlich ruhigen Dienst. Da geschah auch schon einmal zwei Stunden gar nichts. Freitags vielleicht oder samstags, da war mehr los. Da wollten die Leute das Wochenende feiern. Doch heute war Dienstag. Wenn man nicht wieder einrücken sollte, fuhr man in gemächlichem Tempo mehr oder weniger ziellos durch die Straßen oder postierte sich am Bahnhof oder in der Nähe einer der wichtigen Kreuzungen der Stadt. Und dann kam man ins Plaudern, sprach neben dem üblichen Klatsch über Kollegen auch Dinge aus, die man bei Tage niemals preisgegeben hätte. Später, wenn man darüber nachdachte, bereute man es vielleicht. Die Nacht schaffte sich ihre eigenen Regeln.
Lore wollte stets viel über seine Familie wissen, obwohl es da im Grunde genommen kaum etwas zu berichten gab. Seit er verraten hatte, dass Luna, seine Frau, schwanger war, ließ sie nicht mehr locker. Luna war erst im dritten Monat. Er glaubte, dass sie ein Problem damit hatte, sechzehn Jahre nach der Geburt von Daniel noch ein zweites Kind zu bekommen. Über weiteren Nachwuchs hatten sie nie geredet. Für Holger war ihre gemeinsame Familienplanung eigentlich abgeschlossen gewesen. Als sie ihn dann an einem Sonntagabend nach der Schicht mit der Nachricht überraschte, freute er sich, wie er sich lange nicht gefreut hatte. Sie aber beobachtete ihn und verlor später über eine mögliche Abtreibung nie auch nur ein einziges Wort. Nun also doch noch eins, wieder alles von vorn. Windeln, Fläschchen, Babysitter. Er durchschaute sie. Sie wollte das eigentlich nicht mehr. Doch zugeben würde sie es niemals. Stattdessen ging sie neuerdings gerne ihre eigenen Wege. Entweder saß sie stundenlang, den Harz durchstreifend, auf ihrem Mountainbike und kam mit Morast bekleckert zurück oder sie schrieb langweilige Kochbücher über ernährungsphysiologisch wertvolle Speisen. Zwei hatte sie bereits fertig. Die schickte sie dann an Verlage und Frauenzeitschriften in der Hoffnung, dass jemand auf sie aufmerksam würde. Zusammen unternahmen sie nicht mehr viel. Früher war das anders gewesen. Holger hoffte, dass sich das wieder änderte, wenn das Kind erst da war.
Lore selbst erzählte von ihren Männerbekanntschaften. Holger fragte nicht danach. Sie tat es von allein. Er hätte gern auf ihre Geschichten verzichtet, wollte sie jedoch nicht vor den Kopf stoßen. Besser so, als wenn sie sich stundenlang anschwiegen. Gelegentlich gabelte sie jemanden auf, der dann für eine Nacht blieb, niemals länger. Sie sprach erst nach ein paar Tagen darüber, vielleicht auch erst nach Wochen. Mit genügend Abstand wusste sie, dass es wieder nicht der Richtige gewesen war. Meist redete sie dann verächtlich von ihm. Dass er dabei grunzte, störte sie, oder sein langes, dichtes Nasenhaar. Wie sie die Kerle kennenlernte, wusste Holger nicht. Er vermutete, dass sie auf irgendeinem Dating-Portal unterwegs war. Wenn das stimmte, hätte er gerne gewusst, wie sie sich dort beschrieb.
Er hatte sich auch schon vorgestellt, wie es wäre, wenn er mit ihr schliefe. Dabei mochte er weder Locken noch stand er auf ältere Frauen. Einmal hatte er von ihr geträumt. Sie hatte es ihm angeboten. »Wilden, animalischen Sex. Hier direkt auf dem Schreibtisch. Die Akten schieben wir beiseite. Aber das geht nicht. Ich bin dir zu alt.«
Er wollte verneinen, gleichzeitig bekunden, dass er kein Interesse hatte, nicht auf sie bezogen, sondern an dieser Idee im Allgemeinen, verhaspelte sich, stotterte sich in einen roten Kopf. Sie lachte, dass ihr die Tränen kamen, und ging zum Schredder, um alle seine Akten zu schnitzeln.
Nach dem Aufwachen hatte er wie vor den Kopf geschlagen im Bett gesessen und sich gefragt, was das wohl über ihn verriete, wenn er so etwas träumte. Aber das war schon ein paar Jahre her und nie wieder vorgekommen. Heute konnte er nur noch verwundert darüber grinsen.
Gleich ihr erster Einsatz hatte sie gestern Abend an den Stadtrand zu einer Gruppe kiffender Jugendlicher geführt, die sich mit ihren Mopeds oder Fahrrädern immer an einem Rastplatz für Wanderer trafen. Unter einer Straßenlaterne stand dort ein hölzernes Wetterdach mit ein paar Sitzbänken. Lore, die am Steuer saß, fuhr im Schritttempo heran und hielt in einem Abstand von etwa fünfzehn Metern an. Sie stiegen aus, und obwohl alle Jugendlichen ein Kapuzenshirt trugen, erkannte Holger sofort, dass sein Sohn unter ihnen war. Er hatte schon vorher gewusst, dass Daniel heimlich kiffte. Es ihm auszutreiben, war ihm bisher nicht gelungen. Daniel hatte stets alles abgestritten und wollte nicht mehr über das Thema reden. Irgendwie war ihm der Draht zu seinem Jungen gerissen.
Lore, die sich Ausweise zeigen ließ und Daniel kannte, gab ihm dann die Chance, zusammen mit zwei seiner Kumpane zu fliehen, bevor er an der Reihe war. Holger nahm die Verfolgung auf. Er hatte sie weder darum gebeten noch dergleichen erwartet, und trotzdem war er froh, dass Daniel auf seinem Rad nach ein paar Häuserecken seinen Blicken entschwunden war. Dass die drei anderen, die sie erwischt hatten, die Klappe halten würden, war sozusagen Ehrensache, von ihnen drohte keine Gefahr für Daniel. Holger glaubte auch nicht, dass Daniels Freunde wussten, was sein Vater von Beruf war. Damit prahlte man nicht in seinen Kreisen.
Holger kannte Lore fast ebenso gut wie seine eigene Frau. Sie verstanden sich blind. Dennoch wusste er nicht, wie er mit der Sache umgehen sollte. So ein Fall, der ins Private abdriftete, ging ihm an die Nieren. Damit hatte er keinerlei Erfahrung. Nachher im Wagen verlor er über den Vorfall nicht ein einziges Wort, und auch sie schien zu spüren, dass sich ein Gespräch darüber zu einem Fiasko entwickeln könnte.
Noch auf der Rückfahrt machten sie einen fünfzigjährigen Mann dingfest, der sich – betrunken, wie er war – vorgenommen hatte, in der Innenstadt sämtliche Straßenlaternen zu zertrümmern. Zu diesem Zweck trug er eine Stofftasche mit Schottersteinen bei sich, die, wie er nachher freimütig zugab, aus dem Gleisbett der Schmalspurbahn an der Westerntorkreuzung stammten. Dabei war er allerdings so alkoholisiert, dass es meistens bei einem kläglichen Versuch blieb; nur zweimal waren die Scheiben zu Bruch gegangen. Kaum saß er auf der Rückbank ihres Einsatzwagens, kotzte er Holger ohne jede Vorwarnung in den Nacken, um dann augenblicklich einzuschlafen. Holger kochte vor Wut. Er musste duschen gehen und sich aus seinem Spint ein neues Hemd besorgen, während sich Lore um den Mann kümmerte. Sie konnte zupacken und schaffte es auch allein, ihn auf die Wache zu verbringen. Während sie die Anzeige wegen Sachbeschädigung schrieb, wollte Holger sich noch um einen neuen Einsatzwagen kümmern. Hätte er sich dafür etwas mehr Zeit gelassen, wären sie vielleicht um den letzten Einsatz ihrer Schicht herumgekommen.
Leblose männliche Person im Stadtteil Nöschenrode. Hier, wo sich der Zillierbach von Drei Annen Hohne kommend in das Mühlental schlängelte und sich eine Weile seinen Weg gemeinsam mit der Bundesstraße 244 hinunter in die Stadt suchte, hatte um diese Zeit schon ein Jogger, mit Stirnlicht und Schrittzähler ausgerüstet, seine Trainingseinheit absolviert und dabei den Mann entdeckt. Als sie ankamen und ihren Wagen vorläufig am Straßenrand parkten, war es bereits ein paar Minuten nach sieben Uhr. Ihre Schicht hätte längst zu Ende sein müssen. Der Morgen dämmerte, doch so richtig hell wurde es nicht. Das Wetter hatte sich plötzlich verschlechtert. Es regnete und stürmte.
Der Sportler, der den Toten gefunden hatte, stand auf einer klapprigen, offenbar kaum noch genutzten Brücke über dem Wasser und behalf sich mit einigen gymnastischen Übungen, um die unfreiwillige Pause zu kompensieren und nicht auszukühlen. Ein junger, hoch aufgeschossener Mann in schwarzer Hose und neongelbem Oberteil. Am Oberarm eine durchsichtige Handytasche. Sein Stirnlicht hüpfte hin und her, als wäre es noch stockfinster. Dass er einen kaltblütigen Mord entdeckt hatte, schien ihn nicht weiter zu berühren. »Moin«, begrüßte er die Beamten und wies auf den Bachlauf direkt unter der Brücke.
Dem Toten fehlte das halbe Gesicht. Er lag im Wasser, das jedoch bisher nicht die Kraft aufgebracht hatte, ihn fortzutragen. Vollständig bekleidet, der Kopf in Fließrichtung, Rückenlage, ein Bein leicht angewinkelt. Eine Schussverletzung, wahrscheinlich aus nächster Nähe, befand Lore, die den gespenstischen Anblick, der sich ihnen bot, nicht lange ertragen konnte. Der Mann musste schon eine ganze Weile tot sein, denn es fanden sich keinerlei frische Blutspuren mehr. Die Wunde war vollkommen getrocknet.
Sie taten das, was getan werden musste. Tatort absichern, Personalien aufnehmen, den Kriminaldauerdienst informieren, ebenso die Staatsanwaltschaft. Die Kollegen der Mordkommission mussten aus Magdeburg anrücken, das würde eine ganze Zeit dauern. Einen pünktlichen Dienstschluss konnten sie somit vergessen. Sie verjagten den Jogger von der Brücke und verfrachteten ihn auf den Rücksitz ihres Dienstwagens, wo er warten sollte, bis die Kollegen eingetroffen waren. Die würden sicher noch Fragen an ihn haben. Ob er ihnen bei der Aufklärung des Falls weiterhelfen konnte, bezweifelte Holger.
»Aber nicht jetzt auch noch kotzen«, sagte Holger, unterdrückte ein Gähnen und schlug mit Schwung die Autotür zu. Der Regen kam nun unangenehm von der Seite. Der Jogger verstand nicht und zeigte ihm durch die Scheibe einen Vogel. Er war wohl wütend, dass er jetzt nicht pünktlich nach Hause kommen würde. Dabei hatte er eine Adresse angegeben, die nur ein paar Hundert Meter entfernt von ihrem Standort lag. Vielleicht musste er zum Dienst oder hatte andere Pläne, die sie gerade durchkreuzten. Holger ließ die Beleidigung ungeahndet, ging um den Wagen herum und setzte sich auf den Fahrersitz. So konnte er dem hässlichen Wetter wenigstens ein paar Augenblicke entgehen.
»Laufen Sie hier jeden Morgen?«
»Wird das hier jetzt ein Verhör?«
»Wenn, dann wäre es eine Vernehmung. Aber dafür sind meine Kollegen zuständig. Nennen wir es einfach ein Gespräch.«
Der junge Mann nickte knapp. »Immer vor der Arbeit. Außer am Wochenende, da schlafe ich aus.«
»Kann es sein, dass der Tote hier schon gestern im Wasser lag und Sie ihn übersehen haben?«