Wahnspiel - Kilian Eisfeld - E-Book
SONDERANGEBOT

Wahnspiel E-Book

Kilian Eisfeld

0,0
12,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Lynchjustiz oder grausamer Ritualmord? Der erste Fall für die Heidelberger Kommissare Alex Schwerdt und Sofija Marković Als der Mörder Lukas Schneider vorzeitig aus dem Gefängnis kommt, verwandelt sich das beschauliche Heidelberg in einen Hexenkessel. Ein Online-Mob ruft zur Lynchjustiz auf. Schneider verschwindet. Seine abgetrennte Hand wird mitten in der Stadt gefunden. Der bizarre Fall zwingt Sofija Marković, die kompetente, aber menschlich unterkühlte Chefin des Dezernats für Kapitaldelikte, den unkonventionellen Alex Schwerdt zu sich ins Team zu holen. Obwohl Markovic, die von ihren Mitarbeitern »die Kaltfront« genannt wird und der »Nerd« Alex verschiedener nicht sein könnten, können sie bald erste Erfolge vorweisen. Doch je mehr sie über die Hintergründe der Tat herausfinden, desto rätselhafter wird der Fall – und sie ahnen, dass sie einem alten und grausigen Geheimnis auf der Spur sind … Alex Schwerdt und Sofija Marković. Ein Ermittlerduo, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Hochspannung in einem Fall, der den Leser*innen alles abverlangt. Erschreckend. Unvorhersehbar. Packend. Florian Schwiecker »Wahnspiel« ist der erste Krimi von Kilian Eisfeld, der als Daniel Wolf historische Romane schreibt, die regelmäßig ganz vorne auf den Bestsellerlisten stehen.  

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 563

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kilian Eisfeld

Wahnspiel

Thriller

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Inhaltsübersicht

Widmung

Hinweise des Verlags

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

Kapitel eins

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

Kapitel zwei

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

Kapitel drei

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Kapitel vier

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

Kapitel fünf

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Kapitel sechs

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Kapitel sieben

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Epilog

1. Kapitel

2. Kapitel

Personenverzeichnis

Triggerwarnungen

Bemerkung des Autors

Danksagung

Für Susanne

Ein Verzeichnis der im Roman auftretenden Personen und eine Aufstellung der Triggerwarnungen finden Sie am Ende dieses Buchs.

Prolog

Der grobkörnige Clip ist, obwohl gerade einmal achtundsiebzig Sekunden lang, ein einziger seelenzerfressender Albtraum.

Die wackelnde Kamera streift ein modernes Verwaltungsgebäude mit Glasfassade, ehe sie nach rechts zu einem kleinen Park schwenkt. Es ist dunkel, gegen 23.30 Uhr. Doch in der Nähe leuchtet trüb eine Straßenlaterne, sodass man Einzelheiten erkennen kann. Bäume. Einen Rasen voller Herbstlaub. Einen Mülleimer bedeckt mit Aufklebern. Neben einer mannshohen Hecke steht eine Gestalt. Nur ihr Oberkörper ist zu sehen, sie trägt einen schwarzen Hoodie.

Sie hat kein Gesicht.

Jedenfalls kein menschliches. Ein Frosch glotzt glupschäugig aus der Kapuze. Seine Züge sind starr, wie eingefroren. Er grinst in die Kamera. Ein dümmliches, bekifftes Dauergrinsen.

Die Person, die die Szene filmt, atmet laut und stoßweise. Das Bild zittert stark, als die Kamera an dem Froschmann herunterfährt. Er ist groß und mager. Die offene Jeans schlackert um die bleichen, dünnen Beine. Der Penis, zu einem Stummel geschrumpelt, lugt unter dem Pullisaum hervor.

Im Gras vor dem Froschmann liegt eine junge Frau.

Michelle Neureuther wimmert leise. Dabei bewegt sie den Kopf, sodass die Kamera für einen Moment ihr Gesicht einfängt. Neureuther hat langes, lockiges Haar. Sie ist zweiundzwanzig Jahre alt. Entsetzen verzerrt die attraktiven Züge zu einer Grimasse. Das figurbetonte schwarze Kleid ist an der Schulter eingerissen. Ein einzelner High Heel und eine kleine Handtasche liegen neben ihr.

Und ein Baseballschläger.

Der Froschmann gibt grunzende, schnaufende Laute von sich. Ohne die Hose hochzuziehen, bückt er sich nach dem Baseballschläger. Neureuther keucht panisch und will aufstehen. Der Froschmann schlägt nach ihr. Die silbergraue Keule trifft sie an der Schulter, sie sackt mit einem Stöhnen zu Boden. Die Kamera zuckt zurück, und das Bild wackelt derart, dass es zwei Sekunden lang nur schwarze und grau-grüne Schlieren zeigt.

Dann filmt sie wieder frontal den Froschmann. Der schwingt erneut den Baseballschläger. Der zweite Hieb trifft Neureuthers abwehrend ausgestreckte Arme. Sie schreit. Der Froschmann holt weit mit seiner Keule aus. Wenn man genau hinsieht und das Video im richtigen Moment – Minute 0:32 – pausiert, kann man erkennen, dass etwas ins Aluminium eingeritzt ist: das Kürzel »E.R.«.

Der dritte Schlag erwischt Neureuther an der Hüfte. Ausgestreckt liegt sie da, zitternd, weinend. Sie unternimmt keinen weiteren Fluchtversuch. Trotzdem hat der Froschmann nicht genug. Er reißt den Baseballschläger in die Höhe und lässt ihn heruntersausen wie ein Henkersschwert. Falls er auf Neureuthers Kopf zielte, verfehlt er diesen teilweise. Die Keule streift lediglich die Schläfe. Gleichwohl löscht der Schlag ihr Bewusstsein aus. Die junge Frau zuckt einmal, zweimal. Liegt still.

Bei Minute 0:58 zieht sich der Froschmann Jeans und Unterhose hoch, schließt den Gürtel und wendet die Grinsefratze der Kamera zu. Er posiert linkisch neben der Reglosen, indem er den Baseballschläger dreimal durch die Luft pfeifen lässt. Dann reckt er die Hiebwaffe in die Höhe und blökt:

»Feels good, man!«

Mann, fühlt sich das gut an!

Er wirbelt herum und rennt stolpernd los. Die Kamera zoomt auf Neureuther und verharrt kurz auf ihr. Zoomt noch näher heran und filmt den Kopf. Undeutlich ist zu erkennen, dass die junge Frau stark blutet. Mit einer Großaufnahme ihres Gesichts endet das Video.

Noch in der Tatnacht wird es im Darknet hochgeladen. Es verbreitet sich wie ein Flächenbrand in den sozialen Medien. Bereits am nächsten Tag wird es tausendfach geteilt. Unzählige Menschen kommentieren.

»wie schrecklich! die arme frau!«, schreibt jemand. »weiß man schon wies ihr geht? ich bete dass sie überlebt!!!«

Twitter-Nutzerin »Heidelbitch« postet: »Hoffentlich finden sie die Drecksau! Für so einen sollte man glatt die Todesstrafe wieder einführen. Kopf ab, hängen, vergasen – ganz egal. Hauptsache, der ist für immer weg.«

»LonelyBoy88« hingegen twittert: »Also ich find’s geil, wie der’s der Schlampe gegeben hat. Findet hoffentlich reichlich Nachahmer. Die Weiber müssen kapieren, wo ihr Platz ist LOL«

Die Bemühungen von Michelles Eltern, das Video löschen zu lassen, sind so mühselig wie fruchtlos. Für jeden Clip, den die Plattformen entfernen, tauchen anderswo drei neue Kopien auf.

Dreieinhalb Monate nach der Gewalttat haben fünf Millionen Menschen das Video gesehen.

1

Kommissar Alexander Schwerdt von der Kripo Heidelberg hatte in seinen fünf Jahren beim Dezernat für Kapitaldelikte viel Verstörendes gesehen. Doch der kurze Clip übertraf alles.

Die unfassbare Gefühlskälte des Täters, die darin zum Ausdruck kam. Die schiere Bestialität, die menschenverachtende Häme. Und die wahnhaften Bilder: wie einem psychotischen Hirn entsprungen.

Alex saß vor dem Rechner, durch die angelehnte Tür fächerte blassgelbes Neonlicht in das dunkle Büro. Als das Video zu Ende war, spielte er es noch einmal ab. In den vergangenen dreieinhalb Monaten hatte er es sich unzählige Male angeschaut. Es verfolgte ihn im Schlaf. Und doch klickte er immer wieder auf Play. Nicht, weil er neue Hinweise zu finden hoffte. Die Experten der Kriminalpolizei hatten das Video längst mit modernster Technik analysiert und selbst kleinste digitale Spuren herausgefiltert. Alex wollte verstehen.

Was treibt einen zu so einer Tat?

Es war und blieb ihm unbegreiflich. Jedem normal denkenden und fühlenden Menschen war das unbegreiflich.

Der Angriff auf Michelle Neureuther hatte sich am 13. Oktober des vergangenen Jahres ereignet. Nachdem der Froschmann vom Tatort geflohen war, hatten vom Lärm alarmierte Passanten die Schwerverletzte gefunden und sofort den Notarzt gerufen. Neureuther wurde ins Krankenhaus gebracht und intensivmedizinisch behandelt. Als sie am frühen Morgen erwachte, war sie imstande, mit dem Kriminaldauerdienst zu sprechen. Anhand dessen, was sie zu Protokoll gab, konnte Alex, der den Fall übernahm, später den Tathergang rekonstruieren.

Zu Beginn des Wintersemesters war Neureuther auf einer Studentenparty gewesen. Auf dem Nachhauseweg hatte sie den Stadtteil Neuenheimer Feld durchquert, allein. Der Froschmann lauerte ihr in einer menschenleeren Straße auf, zerrte sie ins Gebüsch und drückte sie zu Boden, um sie zu vergewaltigen. Als er seine Hose öffnete, erschlaffte die Erektion, was ihn derart in Rage versetzte, dass er zum Baseballschläger griff und auf die Studentin einschlug.

Zur Identität des Täters konnte Neureuther keine Angaben machen, da die groteske Pappmachee-Maske sein Gesicht vollständig verdeckte.

Am 14. Oktober sah es noch so aus, als wäre sie außer Lebensgefahr. Doch schon in der Nacht zum 15. verschlechterte sich ihr Zustand, man behielt sie auf der Intensivstation. Weitere polizeiliche Befragungen waren nicht möglich.

Derweil ermittelte die Kripo mit Hochdruck. Der Leiter des Dezernats für Kapitaldelikte, Christian Stähle, richtete eine Sonderkommission ein, der Alex und fünfzig weitere Kriminalbeamte angehörten.

Gleichzeitig kam der Täter zu seinem Spitznamen. Die entsetzte Öffentlichkeit hielt die Maske fälschlicherweise für eine Referenz auf die Muppet Show. Sie taufte den Froschmann »Kermit«. Leider hielt Christian es für eine gute Idee, das ermittelnde Team daraufhin »Soko Kermit« zu nennen. Der Chef hatte fraglos viele Qualitäten – Fingerspitzengefühl zählte nicht dazu. Die Boulevardpresse spottete genüsslich.

Alex, der mit der Internetkultur vertraut war, hatte hingegen von Anfang an verstanden, was die Maske wirklich bedeutete. Der grinsende Frosch stellte die Comicfigur Pepe dar. »Feels good, man!«, Kermits triumphierender Ausruf am Ende des Videos, war ein Zitat aus den Pepe-der-Frosch-Comics und seit Jahren ein berüchtigtes Meme.

Pepe war das Emblem einer Szene, deren Mitglieder sich »Incels« nannten. Extremer Frauenhass trieb sie an. Das Kürzel auf dem Baseballschläger stützte Alex’ These, dass der Täter der Szene angehörte. »E.R.« stand mit hoher Wahrscheinlichkeit für »Elliot Rodger«. Rodger, der sich in einem Krieg gegen Frauen wähnte, hatte 2014 im kalifornischen Isla Vista mehrere Menschen ermordet, ehe er sich eine Kugel in den Kopf jagte. Radikale Incels verehrten ihn wie einen Popstar, einen Märtyrer des Hasses. »Going E.R.« war Incel-Code für: Rodgers Amoklauf nachahmen.

Alex starrte mit zusammengebissenen Zähnen auf den Monitor. Eben holte Kermit zum vierten und letzten Schlag aus.

Die Folgen der Kopfverletzung, die Neureuther dadurch erlitten hatte, verschlimmerten sich mit der Zeit. Einige Wochen nach dem Angriff waren die Ärzte gezwungen, sie ins künstliche Koma zu versetzen. Neureuther bekam eine Gehirnblutung, bei der Behandlung gab es schwere Komplikationen. Am 26. November war sie gestorben.

Der vierte Schlag mit dem Baseballschläger hatte Kermit zum Mörder gemacht.

Die Incel-Szene feierte ihn dafür. Sie unterlegte den Clip mit aufpeitschender Musik, teilte ihn hämisch im Netz und nannte Kermit »den deutschen Elliot Rodger«.

Der in Wahrheit Lukas Schneider hieß.

Nach dreieinhalb Monaten zäher Polizeiarbeit war die Soko dem Tatverdächtigen endlich auf die Spur gekommen. Seit einigen Tagen wussten Alex und seine Kollegen, wo Schneider wohnte, wo er arbeitete, in welchen Internetforen er sich herumtrieb. Sie hatten seinen PC, seine DNA, sein Gesicht.

Seit wenigen Stunden kannten sie auch sein Versteck.

Das Video endete, der Bildschirm wurde schwarz. Alex war im Begriff, es noch einmal anzuschauen. Es wäre das fünfte Mal heute Nacht. Es war wie eine Obsession.

Er atmete tief ein und klickte es weg.

Wer zum Teufel hat es gedreht?

Das fragte er sich zum tausendsten Mal. Schneider konnte es unmöglich selbst gewesen sein. Ein Komplize filmte rund drei Meter vom Tatort entfernt aus dem Gebüsch heraus. Das Aufnahmegerät, vermutlich eine Digitalkamera, stand nicht auf einem Stativ; er hielt es in den Händen und zappelte dabei. Spuren hatte er kaum hinterlassen. Keine DNA, keine digitalen Indizien beim Upload des Clips ins Darknet. Nur ein paar undeutliche Fußabdrücke auf dem Rasenstück, die nicht ausreichten, um ihn aufzuspüren.

Vielleicht finden wir ihn heute Nacht, dachte Alex.

Sein Chef kam herein.

»Das SEK ist da«, sagte Christian.

Alex schaltete den Bildschirm aus, griff nach der Jacke.

Es war 0.30 Uhr am 6. Februar 2017.

2

Das Spezialeinsatzkommando, bestehend aus vier Männern und zwei Frauen, erwartete sie auf dem Parkplatz der Kriminalpolizeidirektion. Die Gruppenführerin hieß Sofija Marković. Sie war eine kleine, drahtige Person mit straff zurückgebundenem Haar.

»Wer von euch hat sich eigentlich den selten dämlichen Namen ›Soko Kermit‹ ausgedacht?«, fragte sie.

»Was ist daran dämlich?«, grunzte Christian indigniert.

»Alles.«

»Er ist griffig und eingängig, ergo ein guter Soko-Name.« Der Dezernatsleiter trat seine Zigarette aus und versuchte wie üblich, mit einem markigen Spruch die Kontrolle über die Situation zurückzuerlangen. »Männers! Jetzt machen wir mal schön Einsatzbesprechung.«

Christian war Hauptmann bei den Feldjägern gewesen, ehe er Ende der Neunziger bei der Polizei angefangen hatte. Alex kam gut mit ihm aus – solange sie es vermieden, über Politik zu diskutieren.

Sofija zog eine Augenbraue hoch. »Nur die ›Männers‹?« Sie zeichnete Anführungszeichen in die Luft. »Sollen die Frauen weghören, oder was?«

Klugerweise verzichtete Christian auf einen weiteren Kommentar und machte eine beschwichtigende Handbewegung. Die beiden Kripobeamten prüften ein letztes Mal ihre Dienstwaffen und stiegen in den Personentransporter zu den schwarz gekleideten SEK-Leuten.

»Wohin?«

Alex nannte die Adresse. Der Fahrer fütterte das Navi und startete den gepanzerten Sprinter. Eisregen setzte ein und prasselte gegen die Scheiben, als sie Richtung Römerkreis fuhren. Ein Streifenwagen hielt sich direkt hinter ihnen.

»Die Zielperson heißt Lukas Schneider.« Christian reichte Fotos herum. »Neunzehn Jahre alt, bisher nicht polizeibekannt. Ein ›Incel‹ …«

»Was ist das?«, fragte Sofija.

»Ein involuntary celibate«, erklärte Alex. »Eine neue Szene, bestehend aus jungen Männern, die unfreiwillig zölibatär leben, weil sie bei Frauen nicht ankommen. Incels sind vor allem im Internet aktiv. In einschlägigen Foren stacheln sie sich gegenseitig auf, im Extremfall bis zum Mord.«

»Ihr habt ja sicher alle das Video gesehen«, fuhr Christian fort. »Schneider trug bei der Tat eine Maske, sodass es lange dauerte, ihn zu ermitteln. Schließlich fand Alex einen Zeugen, der ihn beschreiben konnte, aber leider den Namen nicht wusste.«

»Wie ist das abgelaufen?«

»Komplizierte Geschichte, erkläre ich euch nachher«, sagte Alex. »Jedenfalls mussten wir Schneider mittels Phantombild suchen. Das hat er natürlich mitgekriegt. Er ist abgetaucht, sodass wir ihn in seiner Wohnung nicht mehr antrafen, als wir endlich den Namen hatten. Aktuell versteckt er sich in der Villa der ›Burschenschaft Gothia zu Heidelberg‹. Die Mitglieder nennen sich ›Gothen‹. Ein Anwohner hat Schneider gegen 18 Uhr am Fenster gesehen. Seitdem observieren wir das Gebäude. Vor gut anderthalb Stunden kam die Bestätigung, dass es wirklich Schneider ist, den der Zeuge gesehen hat.«

»Das MEK ist vor Ort?«, fragte Sofija, während sie auf den Gaisberg-Tunnel zufuhren.

»Das Mobile Einsatzkommando haben wir auf die Schnelle nicht gekriegt«, antwortete Christian. »Ich hab einen Mann oben. Die Zielperson hält sich aktuell im Zimmer eines Burschenschaftlers auf. Möglicherweise ist das der Mittäter, der das Video gedreht hat. Blond, etwa in Schneiders Alter. Die Identität ließ sich bislang nicht feststellen.«

»Wieso sind die so gut zu erkennen? Haben die nicht den Vorhang zugezogen?«

»Sie verhalten sich ziemlich unvorsichtig«, erklärte Alex. »In den vergangenen neunzig Minuten haben sie zweimal das Fenster aufgemacht, ohne im Zimmer das Licht auszuschalten. Vermutlich nehmen sie Drogen. In Schneiders Wohnung haben wir Speed gefunden.«

»Waffen?«

»Wissen wir nicht. Aber ihr habt ja gesehen, wie aggressiv Schneider ist. Rechnet mit Widerstand.«

Damit war alles gesagt, die Beamten schwiegen. Der Sprinter verließ den Tunnel und kämpfte sich wenig später den Schlossberg hinauf. Sie fuhren langsam, aber der Allradantrieb bewältigte die einsetzende Glätte mühelos.

Alex saß neben Christian, sein Chef roch nach Zigarettenrauch. Alex war jahrelang Gelegenheitsraucher gewesen, vor einigen Monaten hatte er endgültig aufgehört. Jetzt hätte er sich liebend gern einen Glimmstängel angesteckt.

Sie fuhren an dem Zivilwagen vorbei, aus dem Lutz die Gothia-Villa observierte. Hundert Meter vom Burschenschaftshaus entfernt, hinter einer scharfen Wegbiegung, parkten sie den Sprinter. Die Beamten stiegen aus. Inzwischen fiel Schneeregen, dicke, matschige Flocken. Die Schutzpolizisten im Streifenwagen stellten den Motor ab und ließen den Scheibenwischer laufen. Christian zündete sich eine Zigarette an. Alex konnte sich gerade so beherrschen, ihn nicht anzuschnorren. Er zog sich die gefütterte Kapuze über und beobachtete die Villa, während die SEK-Leute Sturmhauben und Kevlarwesten anlegten.

»Habt ihr Gebäudepläne?«, fragte Sofija.

»Leider nicht«, antwortete Christian. »Aber der Kollege erklärt euch gleich, wo ihr hinmüsst.«

Lutz musste sie gesehen haben. Eben eilte der hagere Kriminalhauptkommissar an der einzigen Straßenlaterne vor der Villa vorbei und kam die Straße herauf, eine modische Wollmütze auf dem Kopf.

»Was Neues?«, fragte Christian.

»Wenn es so wäre, hätten wir euch angefunkt.« Lutz begrüßte die SEK-Leute knapp. »Weiterhin statische Lage, keiner hat das Gebäude verlassen. Schneider und sein Buddy sind noch im Zimmer und hören Musik. Sieht aus, als würde der Fernseher laufen.«

Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Die Villa aus dem späten neunzehnten Jahrhundert war ein verwinkeltes Gebäude, doch die Straßenlaterne war zu weit weg, als dass man Einzelheiten hätte erkennen können. Es war umgeben von winterkahlen Bäumen und einer Hofmauer. Nur in einem einzigen Fenster brannte Licht.

»Da müsst ihr hin«, instruierte Lutz das SEK. »Der kürzeste Weg für euch: durch den Vordereingang rein, über die Treppe in dem Ecktürmchen hoch in den ersten Stock.«

»Was ist mit den anderen Hausbewohnern – schlafen die?«, fragte die Gruppenführerin.

»Die sind ausgeflogen.«

»Wahrscheinlich sind sie auf dem Stiftungsfest einer befreundeten Burschenschaft in Leipzig«, erklärte Alex. »Vermuten wir zumindest – auf die Schnelle konnten wir das nicht nachprüfen.«

»Dann greifen wir uns mal euren Kermit.« Sofija lächelte Christian zuckersüß an. »Ihr wartet derweil hier … Männers.«

3

Der SEK-Beamte stellte die Teleskopleiter an die Mauer. Sofija war die Erste, die hinaufkletterte und in den Hof sprang. Den Aufprall federte sie mit den Knien ab. Während sie sich aufrichtete, zog sie ihre Pistole, alles in einer einzigen fließenden Bewegung. Mit der Heckler & Koch im Anschlag sicherte sie den kleinen Vorhof, während die Kollegen zügig zu ihr aufschlossen.

Nach wie vor war die Villa dunkel und still. Nur aus dem Zimmer, wo sich die Zielperson aufhielt, drangen dumpfe Bässe und fahles Bildschirmflimmern. Sofija biss die Zähne zusammen. Sie konnte nicht leugnen, dass sie angespannter als sonst war. Dies war ihr letzter Einsatz für das SEK Baden-Württemberg. Schon nächste Woche wechselte sie in den Innendienst, um sich auf die neue Verwendung vorzubereiten. Sie hatte keine Lust, sich auf der Zielgeraden eine Kugel einzufangen.

Doch Angst war seit jeher ein schlechter Ratgeber. Sie atmete tief ein und aus, besann sich auf das harte Training, auf ihre langjährige Erfahrung mit derartigen Einsätzen. Ihre Leute waren die Besten. Sie war die Beste. Binnen weniger Sekunden wich die Anspannung intensiver Konzentration.

Sie gab einem Beamten ein Zeichen. Der zog die Leiter auf die volle Länge aus, stellte sie an dem kleinen Balkon vor dem fraglichen Zimmer an und kletterte mit katzengleicher Agilität hinauf, gefolgt von einem Kollegen. Die beiden verbargen sich rechts und links der gläsernen Balkontür für den Fall, dass die Zielperson diesen Weg wählte, um zu fliehen. Das hielt Sofija zwar für unwahrscheinlich, bei einem Sprung aus dieser Höhe brach man sich ziemlich sicher die Knochen. Doch in ihren zwölf Jahren beim SEK hatte sie Tatverdächtige die verrücktesten Dinge tun sehen. Besonders, wenn Drogen im Spiel waren.

Während die beiden den Balkon sicherten, huschte Sofija mit den anderen zur Vordertür. Drei kräftige Stöße mit der Ramme genügten, um sie aufzubrechen. Die vier Beamten schlüpften hinein. Die Lichtstrahlen ihrer Taschenlampen strichen über die holzgetäfelten Wände einer Eingangshalle, behängt mit Wimpeln und gerahmten Fotos. Sofija lauschte. Keine aufgeregten Schreie, keine trampelnden Schritte. Alles war still, abgesehen von der leisen Musik, die von oben kam. Offenbar hatte niemand ihr Eindringen bemerkt.

Das Gebäude war verwinkelt und unübersichtlich. Mehrere Türen gingen von der Halle ab. Hier konnte man sich leicht verlaufen. Sofija musste sich auf ihren Orientierungssinn verlassen und folgte den wummernden Bässen. Sie führte ihre Leute in einen Flur mit mehreren Zimmern.

Licht flutete in den Korridor, als sich plötzlich eine der Türen vor ihr öffnete. Eine Gestalt verließ das Zimmer, machte kleine, wankende Schritte, gefror jäh in der Bewegung.

»Was zum Fick …?«, krächzte sie mit verklebter Stimme.

»Polizei! Hände hoch und auf den Boden!«, bellte Sofija.

Der junge Mann im Schlafanzug reagierte nicht. Mit aufgerissenen Augen starrte er das SEK an. Sofija und ein Kollege hasteten zu ihm, packten ihn an den Armen, traten ihm die Beine weg. Eine halbe Sekunde später lag er stöhnend auf dem Boden. Sofija hielt ihn fest. Er stank nach Schweiß und strahlte Hitze ab wie ein Radiator. Sie leuchtete ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht. Er war nicht die Zielperson. Auch nicht deren Komplize. Der junge Mann war dunkelhaarig, nicht blond.

»Was wollen Sie?«, röchelte er. »Lassen Sie mich los!«

»Wieso sind Sie nicht mit den anderen Hausbewohnern in Leipzig?«

»Hab ’ne fette Angina.« Er hustete. »Krieg keine Luft …«

Sofija ließ von ihm ab. Der Junggothe war derart schwach, dass er kaum aufstehen konnte. Sie half ihm. Kaum befand er sich wieder in der Aufrechten, schüttelte er ihre Hand ab und wich zurück.

»Was ist das hier überhaupt für eine Scheiße?«

»Ein Polizeieinsatz. Bitte gehen Sie in Ihr Zimmer und halten Sie die Tür geschlossen, bis wir Entwarnung geben.«

»Polizeieinsatz? Hat Jannik was angestellt?«

»Wer hält sich aktuell im Gebäude auf? Nur Jannik und Sie?«

»Klar. Die anderen sind alle auf dem Stiftungsfest.«

Mehr musste Sofija nicht wissen. Jetzt war ein schnelles Vorgehen angeraten, damit sie das Überraschungsmoment behielten. Als der Burschenschaftler zu einer weiteren Frage ansetzte, schob sie ihn ins Zimmer und zog die Tür zu. Er kam nicht wieder heraus, doch während das SEK zu den Stufen am Ende des Flures eilte, hörte sie ihn aufgeregt telefonieren.

»Ich bin’s, Herr Dr. Arbogast. Sorry, dass ich so spät störe. Aber Sie glauben nicht, was hier grade abgeht …«

Über die Wendeltreppe im Ecktürmchen gelangten sie in den ersten Stock. Vor ihnen erstreckte sich ein weiterer dunkler Flur. Sie schlichen zur einzigen Tür, an der ein schmaler Lichtstreif zu sehen war.

Sofija hielt sich nicht damit auf, zu prüfen, ob sie abgesperrt war. Der Kollege schwang die Ramme und brach sie mit einem einzigen kräftigen Stoß auf. Mit einem Blick erfasste Sofija die Situation. Die Studentenbude bildete einen krassen Gegensatz zu den blitzsauberen Räumlichkeiten, die das SEK auf dem Weg hierher gesehen hatte. Das kleine Zimmer war, mit einem Wort, versifft. In dem Müll und dem Chaos stand eine Couch. Darauf saß breitbeinig die Zielperson, Kopfhörer auf den Ohren, und spielte ein Videospiel. Aus zwei Boxen dröhnte deutscher Hip-Hop, eine aggressive Stimme rappte:

Ihr nennt mich Nazi, ihr nennt mich Faschist

Mir scheißegal, ich sag euch, wie’s ist

Kanaken und Linke sind Deutschlands Tod

Die Pest ist die Antifa, Gesindel in Rot

Ein blonder junger Mann stand bei der Balkontür und stellte mit konzentrierter Miene einen Fechtkampf nach, indem er eine Art Säbel durch die Luft zischen ließ. Nachdem die Tür aufgeflogen war, machte er damit noch eine Sekunde weiter, ehe er erschrocken zurücktaumelte.

»Fuck! Lukas!«

Sofija richtete die Pistole auf den Blonden. »Lassen Sie die Waffe fallen – sofort!«

Die Zielperson bekam von alldem nichts mit, sie starrte auf den Fernseher. Erst als die SEK-Leute das Zimmer stürmten, riss sie sich den Kopfhörer von den Ohren und sprang auf.

»Scheiße!«, kreischte Lukas Schneider.

Der Tatverdächtige schrie wie am Spieß, als Sofijas Kollegen ihn zu Boden brachten. Der Blonde hielt immer noch die Fechtwaffe in der Hand, sein Blick zuckte wild umher. Das Ding war definitiv kein Spielzeug, es sah messerscharf aus.

»Runter damit!«, rief Sofija noch einmal.

Statt der Aufforderung nachzukommen, wich er in die Zimmerecke zurück. Die krass geweiteten Pupillen sprachen Bände. Der hat Speed intus. Nicht gut.

Die Kollegin kam ihr zu Hilfe und hielt den Blonden mit der Pistole in Schach, während Sofija ihre Heckler & Koch wegsteckte und langsam auf ihn zuging.

»Ich nehme Ihnen jetzt den Säbel weg. Wenn Sie mich angreifen, schießen wir.«

Sein ganzer Körper war erstarrt. Nur die Klinge pendelte langsam hin und her. Sie griff nach dem Knauf, doch er hielt die Fechtwaffe fest umklammert.

»Loslassen!«

Statt zu gehorchen, blies er die Backen auf. Sein Kopf ruckte vor.

Er griff sie nicht an. Er kotzte ihr nur auf die Schutzweste.

4

Alex versuchte zu erkennen, was in dem Zimmer vor sich ging. Doch der Vorhang an der Balkontür war größtenteils zugezogen, er konnte nur zuckende Schatten sehen und hörte dumpfes Gebrüll.

Christian rauchte wie ein Schlot.

Schließlich verstummte der Lärm aus der Stube. Sofija schob den Vorhang zur Seite, öffnete die Balkontür und hob den Daumen.

Die Kripobeamten atmeten unisono aus.

Drei SEK-Leute verblieben im Gebäude. Sofija und die anderen kamen heraus und führten zwei junge Männer in Handschließen ins Freie.

Der eine war Lukas Schneider alias Kermit.

Für ein Monster, das eine ganze Region in Furcht und Schrecken versetzte, bot der schlaksige junge Mann einen jämmerlichen Anblick. Er zitterte. Neben der Angst setzte ihm die Kälte zu, er trug nur eine Jogginghose, ein ausgewaschenes T-Shirt und Flipflops an den nackten Füßen. Fettiges Haar klebte am Schädel.

Der andere war mindestens fünfzehn Zentimeter kleiner und schmächtig. Sein kurzes blondes Haar war nach Art der Gothen seitlich gescheitelt, er trug eine Cordhose und einen ausgewaschenen Pullover. Obwohl Mitglied einer schlagenden Verbindung, konnte Alex in dem blassen Gesicht keinen Schmiss entdecken, nur reichlich Leberflecken. Vermutlich war er der Burschenschaft erst kürzlich beigetreten und hatte die Mensur noch vor sich.

Beide stanken nach Zigarettenrauch und Bier, doch die weit aufgerissenen Augen waren klar. Der Zugriff hatte sie schlagartig nüchtern gemacht.

»Haben sie Widerstand geleistet?« Christian trat die Kippe aus.

»Die Zielperson hat ein Videospiel gespielt. Bevor sie kapiert hat, was los ist, war sie schon auf dem Boden. Der da« – Sofija nickte zu dem Blonden – »hat mit einem Schwert rumgefuchtelt und mich vollgekotzt. Passt trotzdem auf. Wenn mich nicht alles täuscht, hat der Amphetamine intus. Eine unschöne Überraschung gab’s außerdem. Nicht alle Gothen sind ausgeflogen. Im EG haben wir einen angetroffen. Hat eine Halsentzündung und konnte nicht mit zum Stiftungsfest.«

»Hat er Probleme gemacht?«

»Der ist viel zu krank, um Unsinn anzustellen. Wir haben ihn in sein Zimmer geschickt. Die Kollegin schaut, dass er da bleibt.«

»Danke euch – gute Arbeit. So, dann wollen wir mal.« Christian forderte Schneider auf, seine Personalien anzugeben.

»Du sagst kein Wort!«, zischte der Blonde, dem Erbrochenes am Kinn klebte.

Schneider zitterte immer heftiger. Er starrte zu Boden, die Lippen zusammengekniffen.

»Gut, wie Sie wollen«, sagte Christian. »Wir werden Sie ohnehin erkennungsdienstlich behandeln. Habt ihr ihn schon gefilzt?«

Sofija bejahte. »Hatte nichts bei sich, nur die Kleidung am Leib. Ich geh mich mal sauber machen.«

Christian belehrte den Tatverdächtigen über seine Rechte. »Gegen Sie liegt ein Haftbefehl vor. Wegen Mordverdachts nehmen wir Sie vorläufig fest.«

Die Uniformierten führten Schneider nicht übermäßig sanft zum Streifenwagen. Alex zückte derweil sein Notizbuch und nahm sich den Blonden vor.

»Name? Ich weise Sie darauf hin, dass Sie verpflichtet sind, Ihre Personalien anzugeben«, erklärte er, als sein Gegenüber schwieg.

»Der heißt Jannik«, sagte Sofija, die eben vom Sprinter zurückkam.

Alex schaute den Blonden auffordernd an. »Und weiter?«

»Trabold«, antwortete der junge Mann widerwillig und starrte ihn provozierend an. Anders als Schneider wirkte er nicht sonderlich verängstigt.

»Wohnort?«

»Na hier.«

»Haus der Burschenschaft Gothia zu Heidelberg?«, hakte Alex der Form halber nach.

»Hab ich doch gesagt.« Trabold mochte Anfang zwanzig sein, er benahm sich jedoch wie ein pubertierender Teenager. Auch die übrigen Fragen zu seiner Identität beantwortete er maximal patzig.

Alex schrieb in Ruhe alles auf und belehrte ihn. »Wegen Verdachts auf Strafvereitelung und Beihilfe zum Mord nehmen wir Sie vorläufig fest. Zur Vernehmung bringen wir Sie auf die Wache. Dort machen wir auch ein Drogenscreening.«

»Mord? Lachhaft. Mein Anwalt wird dich auseinandernehmen.«

Alex kommentierte das nicht. Die Streifenbeamten kamen zurück und führten Trabold ab.

Alex atmete tief durch. Es war geschafft – endlich. Allen war die Erleichterung anzusehen. Christian schüttelte Hände und dankte ihnen für den schweren, monatelangen Einsatz.

»Dir besonders, Alex. Das war erstklassige Arbeit. Gehen wir rauf …«

Dem Dezernatsleiter fiel etwas ein, er zog sein Handy aus der Manteltasche. »Aber zuerst ruf ich die Neureuthers an und sag ihnen, dass wir ihn haben.«

Während er durch sein Adressbuch scrollte, zogen Alex und Lutz Handschuhe, Füßlinge und weiße Overalls an. Christian brauchte ewig, um die Nummer zu finden. Smartphones und überhaupt alles Digitale waren nicht seine Welt.

»Ich hab’s gleich, kann sich nur um Stunden handeln …«

Plötzlich klingelte das Handy. Christian ging ran und kam kaum dazu, seinen Namen zu nennen. Der Anrufer redete schnell und schneidend auf ihn ein. Sogar aus mehreren Metern Entfernung konnte Alex die Worte »Überfall«, »Ungeheuerlichkeit« und »Konsequenzen« verstehen. Mit dem Handy am Ohr blickte Christian in die Runde und formte mit den Lippen den Namen »Arbogast«.

Alex war nicht überrascht. Dr. Gregor Arbogast war nicht nur der Vorsitzende des Gothia-Altherrenverbandes, sondern auch ein berüchtigter Anwalt, der der Heidelberger Justiz – wie Christian es formulierte – gehörig auf den Sack ging.

»Immer langsam mit den jungen Pferden«, fiel Christian dem aufgebrachten Juristen jovial ins Wort. »Es hat alles seine Richtigkeit, Herr Dr. Arbogast. Wir haben die nötigen Beschlüsse, die Sie selbstverständlich … Natürlich … Das ist Ihr gutes …«

»Das kann dauern«, sagte Lutz. »Wir gehen schon mal rein.«

5

Drinnen brannte inzwischen überall das Licht. In dem holzgetäfelten Flur, der von der Eingangshalle abging, stand eine SEK-Beamtin und redete auf einen jungen Mann im Schlafanzug ein.

»Gehen Sie bitte zurück ins Zimmer und bleiben Sie da, bis der Polizeieinsatz beendet ist.«

»Erstens heißt das ›auf Stube‹, nicht ›ins Zimmer‹. Zweitens seh ich das überhaupt nicht ein«, empörte sich der leichenblasse Gothe. »Ich wohne hier, ich kann machen, was ich –« Er bemerkte die beiden Kripobeamten und fuhr zu ihnen herum. Anders als Trabold trug er einen Schmiss zur Schau. »Was fällt Ihnen ein? Sie können doch nicht einfach bei uns einbrechen. Das ist Polizeiwillkür! Sind wir hier in der DDR …« Ihm versagte die Stimme, und er krümmte sich unter einem Hustenanfall.

Lutz präsentierte ihm den Durchsuchungsbeschluss. »Lassen Sie uns bitte durch.«

Der junge Mann hörte auf zu husten, wischte sich die schleimverklebte Hand an der Hose ab und setzte zu einer neuen Tirade an. Lutz schob ihn sanft, aber bestimmt zur Seite, und sie stiegen die Treppe hinauf.

Das Obergeschoss wurde gerade von zwei SEK-Leuten nach etwaigen Gefahrenquellen durchsucht.

»Wie sieht’s aus?«, sprach Lutz einen an.

»Alles okay. Hier ist niemand mehr. Aber eine Sache müsst ihr euch anschauen.«

Der SEK-Mann führte die Kripobeamten zu einer Stube am Ende des Flurs. Das kleine, blitzblanke Zimmer enthielt außer einem überkorrekt gemachten Bett nur wenige Möbel. Über dem Schreibtisch, auf dem wirtschaftswissenschaftliche Fachliteratur stand, hing ein gerahmtes Bild von Joseph Goebbels.

»Das dürfte die Kollegen vom Staatsschutz interessieren.« Umständlich zog Alex sein Handy unter dem Overall hervor und machte ein Foto.

Sie gingen den Flur zurück zu Trabolds Stube. Alex schob die zertrümmerte Tür auf. Das Zimmer war ähnlich möbliert wie das des Goebbels-Fans, aber in einem chaotischen Zustand. Obwohl das Fenster offen stand, stank es nach Zigarettenrauch. Auf dem Boden lagen verstreute Kleidungsstücke, in einer Ecke eine blaue Isomatte, darauf ein zerknautschter Schlafsack. Vor der Couch türmten sich leere Junkfood-Verpackungen, Schnapsflaschen und Bierdosen; dazwischen bildeten Kabel, Kopfhörer und diverse Controller für die Spielekonsole ein Wirrwarr.

»Wow«, meinte Lutz. »Kann fast mit deinem Büro mithalten.«

»Ich hab mich gebessert«, protestierte Alex halbherzig.

»Wenn du meinst. Legen wir los, damit wir heute Nacht wenigstens ein bisschen Schlaf bekommen.«

Sie durchsuchten die Studentenbude, machten Fotos und asservierten mögliche Beweismittel. Etwa eine Art Säbel, der inmitten des Durcheinanders auf dem Boden lag: vermutlich das Schwert, das Sofija erwähnt hatte. Es handelte sich um einen Korbschläger, die traditionelle Fechtwaffe schlagender Verbindungen.

In einem Regal standen geschätzt über hundert DVDs. Alles Horrorfilme. Alex betrachtete den Flachbild-TV, an den die Konsole angeschlossen war. Schneider hatte Assassin’s Creed gespielt. Sein Charakter stand eingefroren im achtzehnten Jahrhundert herum, seit er vor Schreck den Controller fallen gelassen hatte. Könnte ich auch mal wieder spielen. Alex schaltete die Konsole aus und packte das Gerät ein.

Er öffnete den Wandschrank. Die gebügelten Hemden und Hosen, alles Kaufhausware, hingen in Reih und Glied auf den Kleiderbügeln: ein Hinweis, dass Trabold nicht immer chaotisch gewesen war, sondern erst vor Kurzem die Kontrolle über sein Leben verloren hatte.

Wo ist die Digitalkamera?

In einem separaten Fach hing Trabolds burschenschaftliche Uniform. Eine Kamera fand Alex nicht, wohl aber einen grünen Müllsack auf dem Schrankboden, versteckt hinter mehreren Schuhkartons. Er öffnete den Plastikbeutel und zog einen Baseballschläger heraus. »E.R.« war in das Aluminium eingeritzt.

»Ich hab die Tatwaffe.«

Vorsichtig legte er den Baseballschläger zur Seite und griff ein zweites Mal in den Beutel.

Ein grünes Froschgesicht aus Pappmachee grinste ihn an.

Feels good, man!

6

Nachdem sie die Stube versiegelt hatten, vernahmen Alex und Lutz den kranken Burschenschaftler. Der beteuerte, die letzten Tage im Bett verbracht und nichts von Schneiders Anwesenheit im Haus gewusst zu haben.

Sie verließen die Villa. Mittlerweile war es fast vier. Es schneite heftig.

»Könnt ihr mal kurz kommen?« Christian stand rauchend bei den SEK-Leuten, die inzwischen bequeme Winterjacken trugen und sich mit heißem Tee und belegten Brötchen stärkten. »Ihr dürft gleich heia machen. Wir müssen nur noch schnell ein, zwei Sachen besprechen.«

Alex hatte eine Ahnung, was jetzt kam. Seit Wochen gab es Gerüchte über bevorstehende personelle Umbrüche bei der Kriminalpolizei, doch keine Führungskraft hatte sich bisher zu konkreten Aussagen hinreißen lassen. Offenbar wollte Christian die Bombe platzen lassen, nun, da die Arbeit der Soko nahezu abgeschlossen war. Von langwierigen »Personalentwicklungsgesprächen« hielt er nichts. Er zog es vor, solche Infos seinen Leuten zwischen Tür und Angel vor den Latz zu knallen – auch nachts um vier, wenn ihm danach war.

»Euer geliebter Chef verlässt euch«, verkündete er. »Sowie der Kermit-Fall in trockenen Tüchern ist, hüpf ich das Karrieretreppchen eine Stufe rauf. Höherer Dienst. Ihr dürft mich demnächst mit ›Kriminalrat‹ anreden.«

»Dann sag ich mal: herzlichen Glückwunsch!« Lutz lächelte. »Wo geht’s denn hin?«

»Leitung der K1. Ich hab mich auf den vakanten Posten beworben und den Zuschlag gekriegt.«

Die Kriminalinspektion 1 war die nächsthöhere Abteilung, zu der unter anderem die Dezernate 11 – Kapitaldelikte – und 12 – Sexualdelikte, genannt die »Sitte« – gehörten.

»Dann bleibst du uns ja erhalten«, sagte Alex.

»So sieht’s aus, mein Freund und Kupferstecher. Euren Oberguru werdet ihr so bald nicht los.«

»Wer wird dein Nachfolger im Elften?«

»Kann ich euch leider nicht sagen. Die Führungsgruppe hält sich bedeckt. Es sind wohl verschiedene Namen in der engeren Auswahl. Fest steht nach meiner Kenntnis bisher nur, dass jemand von außerhalb kommen wird. Frischer Wind, neue Besen et cetera.«

Alex streifte Lutz mit einem Blick, während er sich einen Tee nahm. Der Kriminalhauptkommissar war nach Christian der dienstälteste Beamte im Elften, er hätte durchaus Ansprüche auf die Stelle des Dezernatsleiters anmelden können. War Lutz verärgert, dass man ihn nicht in Betracht zog? So sah er nicht aus. Wie Alex ihn einschätzte, hegte er keine besonderen Ambitionen, Führungskraft zu werden. Der Kollege liebte die Ermittlungsarbeit auf der Straße.

»›Jemand von außerhalb‹?«, wiederholte Lutz. »Come on! Damit kannst du uns nicht abspeisen. Ein bisschen mehr musst du doch gehört haben.«

»Nur Gerüchte«, meinte Christian zögernd und steckte sich noch eine Zigarette an. »Eventuell kommt ein Mann von den Spezialkräften.«

»Wenn ich gerade mal einhaken darf«, bemerkte Sofija. »Es wird kein Mann von den Spezialkräften.«

Der Noch-Dezernatschef schaute sie stirnrunzelnd an. »Woher willst du das wissen?«

»Weil ich die Stelle bekommen habe.«

Christian stand da wie ein zu groß geratenes Räuchermännchen, Kippe in der Hand, dicke Schwaden quollen ihm aus den Nasenlöchern. »Was gibt’s da zu lachen?«, blaffte er Alex an.

»Hat nichts mit dir und deinem sehr intelligenten Gesichtsausdruck zu tun. Muss die Übermüdung sein.« Alex wandte sich an Sofija. »Wann stößt du zu uns?«

»Ich muss noch ein paar Monate Innendienst hinter mich bringen. Mai, Juni, schätze ich.«

»Na dann: auf die baldige Zusammenarbeit. Heidelberg wird dir gefallen. Nettes Städtchen.«

»Oh, ich kenne Heidelberg. Hab da lange gelebt, nachdem meine Familie nach Deutschland gekommen war.«

Alex und die SEK-Frau stießen mit den Teebechern an.

»Ich stör dich ja ungern beim Einschleimen, aber freunde dich besser mal nicht zu sehr mit der neuen Chefin an«, grätschte Christian dazwischen. »Der Kermit-Fall ist dein letzter im Elften. Wenn die Ermittlungen eingetütet sind, wechselst du zur Sitte.«

»Ist das ein Witz?«, fragte Alex.

Der Dezernatsleiter verneinte. »Hat die Führungsgruppe die Tage entschieden. Zwölf hat brutalen Personalmangel, die brauchen dringend Leute.«

»Wir sind auch chronisch unterbesetzt.«

»Beim Zwölften ist es schlimmer. Ein Kollege da hatte letzte Woche einen schweren Unfall. Fraglich, ob der je in den aktiven Dienst zurückkehren kann. Du wirst ihn ersetzen. Jetzt schau mich nicht an wie ein Lamm auf der Schlachtbank. Ich weiß, sieht aus wie eine Strafversetzung, ist aber keine.« Christian schlug versöhnlichere Töne an. »Ich soll dir ausrichten, dass die oberen Zehntausend alle sehr zufrieden mit dir sind. Was du in der Soko geleistet hast, macht dir so schnell keiner nach. Genau deshalb will dich die Sitte. Du hast ein Händchen für das Pack. Also Triebtäter und so weiter. Und damit dir der Abschied vom Elften nicht so schwerfällt, wirst du befördert. Demnächst darfst du dich ›Kriminaloberkommissar‹ schimpfen.«

»Okay«, meinte Alex nur.

»Ich seh schon, deine Begeisterung hält sich in Grenzen. Aber es können halt nicht alle Mörder jagen. Irgendwer muss auch Vergewaltiger, Pädophile und das ganze Gesocks einbuchten.« Christian machte eine Pause, fischte eine neue Zigarette aus der Packung und ergänzte nachdenklich: »Und die Kasper, die in der StraBa wichsen. Einfach abartig, diese Leute. Die muss man ganz entschieden aus dem Verkehr ziehen.«

7

Die Beweislast war erdrückend. Am 22. Mai 2017 verurteilte die Jugendkammer des Landgerichtes Heidelberg Lukas Schneider wegen Mordes an Michelle Neureuther zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren und acht Monaten.

Schneider beteuerte unter Eid, Trabold habe ihn zu dem Angriff angestiftet; der sei bei der Tat zugegen gewesen und habe sie gefilmt. Trabold bestritt das vehement und sagte aus, er habe erst durch Presseberichte von dem Verbrechen erfahren. Die Kriminalpolizei fand weder die Digitalkamera noch andere Beweise gegen Trabold, sodass ihm weder Anstiftung noch Beihilfe zur Haupttat nachgewiesen werden konnten. Er gestand lediglich, Schneider vor der Polizei in seiner Stube versteckt zu haben. Für Strafvereitelung bekam er eine Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung.

Die Gothia zu Heidelberg verurteilte Trabolds Verhalten aufs Schärfste. Der Vorsitzende der Alten Herren, Dr. Gregor Arbogast, sagte aus, Trabold habe allein gehandelt, kein anderes Mitglied der Burschenschaft habe von Schneiders Anwesenheit gewusst. Die Soko »Kermit« kam nach umfangreichen Ermittlungen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass keine weiteren Gothen in den Fall verstrickt waren.

Trabold wurde aus der Burschenschaft ausgeschlossen.

Die Kriminalpolizei konnte schlussendlich nicht klären, wer den Angriff auf Michelle Neureuther gefilmt hatte.

Gleichwohl dachten die Mitglieder der Soko »Kermit« bei Schneiders Verurteilung: Es ist vorbei.

Dabei war das erst der Anfang.

Kapitel eins

Panoptikum

Fünf Jahre und drei Monate später

Er ist allein unter sechzigtausend Toten.

Der Rücken tut ihm weh, aber das kommt vom langen Kauern im Gebüsch. Heute ist einer seiner besseren Tage. Gräber im Zwielicht umgeben ihn. Urnengräber, Säulengräber, Kriegsgräber, schlichte und prunkvolle, ordentliche und ungepflegte, Pyramiden neben Kuppelbauten, Kreuze aus Gusseisen neben Mausoleen mit Bleitüren. Gräber so vielfältig wie das Sterben selbst. Gibt es einen Nachtwächter? Er weiß es nicht, es kümmert ihn nicht sonderlich. Der Frankfurter Hauptfriedhof ist eine unübersichtliche Totenstadt mit zahllosen Verstecken, er kann sich leicht vor Blicken verbergen.

Im August schließt der Friedhof um 21 Uhr. Seitdem wartet er. Als es endlich dunkel ist, steht er mit zusammengebissenen Zähnen auf und schultert den Trekkingrucksack, was den Schmerz zwischen den Schulterblättern kurz aufflammen lässt. Er hat an alles gedacht, hat es zigmal nachgeprüft. Klappspaten, Eimer, Hacke, Stemmeisen, Beil, Kühlbox. Auch die Taschenlampe liegt im Rucksack, doch er braucht sie nicht. Er hat sich alles präzise eingeprägt, er findet sich auch bei Nacht zurecht.

Die Nacht ist seine Zeit. Eigentlich der frühe Morgen. Aber so lange kann er nicht warten.

Er folgt dem Verlängerten Gruftenweg; vereinzelte Grablichter, in Messing eingefasst, flackern links und rechts. Er denkt an das alte Ägypten, an die Grabräuber im Tal der Könige. Waren sie genauso nervös, ängstlich, erwartungsvoll wie er?

Vor ihm zuckt ein Schatten. Der Schreck durchfährt ihn wie ein Elektroschock, er will ins Gebüsch springen. Doch es ist nicht der Nachtwächter, der ihn zur Rede stellen will. Nur ein kleines Tier, das huschend den Weg quert, ein Eichhörnchen vermutlich.

Er atmet tief ein und aus, geht zügig weiter.

Zu seiner Linken liegt der Neue Jüdische Friedhof, zu seiner Rechten der Betriebshof mit den Fahrzeugen des Grünflächenamtes. Dahinter kommt der Grünschnittabladeplatz, was für ein Wort, dann Wasserstelle 100, ein Metallgestell mit einer Plastikgießkanne, es ist nicht mehr weit. Am Wegesrand kann er einen Markstein erkennen. Es ist zu dunkel, um die Inschrift zu lesen, aber er weiß auch so, was draufsteht: Gräberfeld XXVI.

Er verlässt den breiten Weg und folgt einem mit vermoosten Steinplatten belegten Pfad durch die Büsche und Hecken. Nach exakt vierzehn Schritten gelangt er zu zwei Gräbern vor einer verwitterten Sandsteinmauer. Das vordere ist alt und unter den wuchernden Pflanzen kaum zu sehen. Ein schriller gelber Aufkleber warnt die Hinterbliebenen, dass ein verwahrlostes Grab nach der Friedhofsordnung abgeräumt werden könne.

Das hintere ist frisch. Gerade einmal zwei Tage alt. Ein einfaches Holzkreuz mit dem Namen des Toten steckt in der Erde, es gibt keinen Grabschmuck. Keinen »Letzten Gruß«, kein »Stilles Gedenken«, keine »Immerwährende Liebe« für den, der hier liegt. Es ist ein Glücksfall, dass er nicht kremiert wurde. Wer wird für die Erdbestattung aufkommen? Ein entfernter Verwandter, der noch nicht ahnt, was ihm blüht?

Egal. Er muss schnell arbeiten, schnell und systematisch, er hat nur diese eine Chance. Er öffnet den Rucksack, holt den Klappspaten heraus, stößt ihn in den Boden. Gräbt konzentriert, schippt das Erdreich auf den Pfad, macht nach jeweils zehn Schaufeln eine kurze Pause, lauscht. Leiser Autoverkehr von der Landstraße, sonst nichts. Grabesstille, buchstäblich.

Als das Loch einen Meter tief ist und der Erdhaufen daneben genauso hoch, muss er ausruhen. Die Kräfte verlassen ihn schneller als gedacht. Wie spät ist es inzwischen? Er kann es nicht sagen, er hat keine Uhr bei sich, sicher eher eins als zwölf. Er muss sich beeilen. Verbissen gräbt er weiter. Nimmt keine Rücksicht auf die schmerzenden Glieder, den Druck auf der Brust, das Brennen in der Kehle.

Stunden später das ersehnte Geräusch: ein hohles Pochen, als der Klappspaten auf den Sargdeckel prallt. Er wischt sich den Schweiß aus den Augen und legt den Sarg vollständig frei. Streckt die Hand nach dem Rucksack aus, greift nach dem übrigen Werkzeug und holt sich, weswegen er gekommen ist.

Es verlangt ihm alles ab, aus dem Loch zu klettern. Oben liegt er einige Minuten auf dem Boden, schnaufend wie ein Schwindsüchtiger, verdreckt wie ein Grubenarbeiter. Mit letzter Kraft rappelt er sich auf, nimmt den Klappspaten in die zitternden Hände und fängt an, das Grab zuzuschaufeln. Er hat sich verkalkuliert, es wird bald hell, die Zeit läuft ihm davon. Er nimmt den Eimer, damit es schneller geht, doch auch das geht nicht schnell genug. Als er den Erdhaufen zur Hälfte abgetragen hat, muss er aufhören.

Macht nichts. Niemand wird ihm auf die Schliche kommen. Niemand wird der Sache nachgehen, nicht in diesem Fall.

Er packt alles in den Rucksack, reißt von einer nahen Birke einen Zweig ab und verwischt seine Fußspuren um das Grab, ehe er davonhuscht, den Hoodie tief ins Gesicht gezogen. Er kennt eine gute Stelle, wo er den Friedhof unauffällig verlassen kann. Niedrige Mauer, dichter Baumbestand auf beiden Seiten, kaum Anwohner, wenig Autoverkehr so früh am Morgen.

Er schätzt, dass es auf fünf Uhr zugeht. Exakt seine Zeit. Und doch will sich keine Zufriedenheit einstellen.

Ihm ist, als würden sechzigtausend Tote ihn voller Zorn beobachten.

1

Jannik Trabold hatte es wieder getan.

Alex erfuhr in der Frühbesprechung davon. Da er den Beschuldigten gut kannte, übernahm er den Fall und rief sich den Bericht des Kriminaldauerdienstes von der vergangenen Nacht auf, als er nach dem Meeting im Büro saß. Es war warm für Ende September. Während das System hochfuhr, zog er den Hoodie aus; darunter trug er ein grünes Wrangler-T-Shirt. Zwischen April und Oktober trug er kaum etwas anderes als T-Shirts.

Leider enthielt der Bericht nur einige magere Eckdaten. Die ersten Ermittlungen vor Ort waren nicht sonderlich ergiebig gewesen. Beleidigung, sexuelle Nötigung, Randale in alkoholisiertem Zustand. Der Wirt der Kneipe, wo Trabold auffällig geworden war, hatte um 22.47 Uhr die Staatsmacht gerufen, die Trabold aus der Lokalität entfernte und den aggressiven Ex-Burschenschaftler in Gewahrsam nahm.

»Das Übliche«, seufzte Alex.

Ein älterer Kollege schlurfte an der offenen Bürotür vorbei und brummte: »Morgen.«

»Morgen, Helmut. Und, wieder fit?«

»Muss.« Helmut Pfaff, das Urgestein der Sitte, blieb in der Tür stehen. »Die Schwindelanfälle sind weg, aber ich hab immer noch höllisch Kreuzweh. Sitzt hier zwischen den Schultern und zieht runter zum Steißbein, unangenehm wie Sau. Aber der Orthopäde findet nichts. Sagt, es wäre psychosomatisch, und will mich zum Seelenklempner schicken. Kannst du dir das vorstellen?«

Alex bereute, dass er gefragt hatte. Er starrte auf den Bildschirm. »Ist ja ein Ding. Du, ich muss mal telefonieren. Halt die Ohren steif.«

Helmut wirkte enttäuscht, dass Alex nicht tiefer in seine dramatische Leidensgeschichte einsteigen wollte. Er blieb noch ein paar Sekunden in der Tür stehen, ehe er sich trollte. Alex rief beim Revier Heidelberg-Mitte an und erkundigte sich nach Trabold.

»Wir haben eben einen Atemalkoholtest gemacht. Er hat noch Standgas, wirkt aber soweit klar im Kopf«, berichtete der wachhabende Beamte. »Gerade frühstückt er. Danach müssen wir ihn eh springen lassen. Du kannst ihn dir zur Brust nehmen.«

»Hat er schon nach einem Anwalt verlangt?«

»Ja, hat einen angerufen. Der müsste gleich da sein.«

»Okay, ich komm runter.«

Alex legte auf und fragte in den benachbarten Büros nach Unterstützung. Seine Kollegen waren jedoch größtenteils mit anderen Aufgaben ausgelastet. Blieb nur Helmut.

»Ich brauch einen zweiten Mann für eine Vernehmung«, sprach Alex ihn an.

»Komm ja schon«, schnaufte der Einundsechzigjährige und verzog demonstrativ das Gesicht, als er sich aus dem Schreibtischstuhl in die Aufrechte quälte. »Ich sag dir eins, diese Schmerzen wünschst du deinem schlimmsten Feind nicht …«

»Es geht um Trabold«, erklärte Alex auf dem Weg nach unten. »Er sitzt mal wieder in der Gewahrsamszelle. Hat gestern Nacht eine Frau be...«

»Ich war auch in der Besprechung«, fiel Helmut ihm ins Wort. »Nur mein Kreuz ist kaputt, meine Ohren funktionieren noch einwandfrei.«

Helmut fühlte sich schnell angegriffen und rechtfertigte sich dann latent aggressiv. Das hatte nichts mit seinen Beschwerden zu tun, er war einfach so. Wenn er nicht gerade krankgeschrieben war, saß er die restliche Zeit bis zur Pension ab und überschlug sich nicht eben vor Diensteifer. Anstrengend für sein Umfeld, aber im Grunde ein armer Teufel.

Das Revier Mitte befand sich im gleichen Gebäude wie die Kriminalpolizeidirektion. Der Uniformierte, mit dem Alex telefoniert hatte, holte den Beschuldigten aus der videoüberwachten Zelle.

»Hey, Alex«, nuschelte Trabold. Er hatte Mundgeruch und stank nach Zigarettenrauch. Keine Spur des provokanten Trotzes, den er bei ihrer ersten Begegnung im Februar ’17 an den Tag gelegt hatte. Stattdessen grinste er zerknirscht. Wenn er verkatert war – und das war er immer, wenn Alex ihn vernahm –, gebärdete er sich kumpelhaft und devot, als wäre der Kommissar ein großer Bruder, der ihn mit harter Hand zurück auf den rechten Weg geleiten wollte.

»Da wären wir also wieder einmal, Herr Trabold«, sagte Alex. »Na dann – auf ein Neues.« Sie führten den Beschuldigten zum Vernehmungsraum.

Die polizeilichen Ermittlungen in der Gothia-Villa im Jahr 2017, ausgelöst durch den SEK-Einsatz in jener denkwürdigen Februarnacht, hatten innerhalb der Burschenschaft zu erheblichen Verwerfungen geführt. Das Goebbels-Porträt in einer Studentenbude war nur die Spitze des Eisbergs gewesen. Auch in anderen Zimmern hatten die Mitglieder der Soko »Kermit« sowie Beamte des Staatsschutzes Hinweise auf die rechtsextreme Gesinnung der Bewohner gefunden: antisemitische Pamphlete, Musik verbotener Bands, Hakenkreuz-Abbildungen und weitere Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Gegen fünf Gothen wurden Strafverfahren eingeleitet. Allesamt versandeten schlussendlich wegen juristischer Spitzfindigkeiten, doch der Imageschaden für die Gothia war enorm. Die Alten Herren sahen sich gezwungen, nicht nur Trabold aus der Burschenschaft auszuschließen, sondern alle elf Bewohner der Villa, um sich klar von der rechtsradikalen Haltung ihrer studentischen Mitglieder zu distanzieren.

Die anderen Junggothen gaben Trabold die Schuld an ihrem Rauswurf und schnitten ihn seitdem. Verlassen von all seinen Freunden, verlor er den Halt. Er schmiss sein Jurastudium und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Selbst nach Burschenschaftsmaßstäben trank er zu viel und konsumierte außerdem regelmäßig harte Drogen. Während seine alten Kameraden die Skandale ihrer Gothia-Zeit hinter sich ließen, Abschlüsse machten und sich bürgerliche Existenzen aufbauten, startete er eine Karriere als Dauergast bei der Sitte. Wenn Trabold auf Speed oder mit mehreren Herrengedecken intus durch die Altstadtkneipen zog, verwandelte sich der linkische junge Mann bisweilen in einen schmierigen Grapscher, der in schöner Regelmäßigkeit die Polizei auf den Plan rief.

Trabold war ein Incel wie Schneider. Seine große Klappe täuschte darüber hinweg, dass er in nüchternem Zustand gegenüber dem weiblichen Geschlecht krankhaft schüchtern war. Hinzu kamen kolossale Minderwertigkeitskomplexe und steinzeitliche Vorstellungen von Sexualität. So konnte er sich Frauen nicht anders nähern, als sie verbal und physisch zu belästigen. Dabei stellte er sich selbst betrunken clever genug an, dass man ihm nie etwas nachweisen konnte. Stets stand Aussage gegen Aussage, die Strafanzeige der Geschädigten gegen seine Unschuldsbeteuerung, wie so oft bei Sexualdelikten. Zuverlässige Zeugen, die die Attacken hätten bestätigen können, gab es nie – auch diesmal nicht.

Im Vernehmungsraum setzten sie sich an den Tisch, ein uniformierter Kollege blieb bei der Tür stehen. Alex sagte kein Wort, in der Hoffnung, dass Trabold das Schweigen nicht ertrug und von sich aus zu reden anfing. Doch der fiel auf den alten Polizeitrick nicht herein. Oder er war zu verkatert, um die Zähne auseinanderzubekommen. Schief saß er auf dem Stuhl und glotzte die Tür an. Die öffnete sich kurz darauf, und sein Anwalt kam herein. Es war ein alter Bekannter.

»Guten Morgen, Herr Dr. Arbogast«, sagte Alex überrascht.

In den Nachbeben des Kermit-Falles, als Trabold sich wegen Strafvereitelung verantworten musste, hatte er einen Pflichtverteidiger gehabt. Auch in den diversen Verfahren gegen ihn seitdem hatte Arbogast ihn nicht vertreten, wohl um jeglichen Eindruck zu vermeiden, die Gothia würde den Verstoßenen nach wie vor unterstützen.

Wieso macht er es jetzt? Eine interessante Frage, auf die Alex spontan keine Antwort fand.

Der Anwalt begrüßte die Kripobeamten mit ernster Miene und setzte sich. »Lassen Sie uns anfangen.« Er sprach leise und sanft, doch mit einer unterschwelligen Schärfe.

Was für ein Duo, dachte Alex. Links der zerknitterte Trabold, der mit seinem Seitenscheitel und dem marginalen Bartwuchs noch immer wie ein zwanzigjähriger Bubi aussah. Rechts Arbogast: schmal und blass wie sein Mandant, mit altmodischer Hornbrille, militärisch kurz geschorenem Haar und einem erlesenen Anzug, der seine farblose Erscheinung kaum aufwertete, obwohl das Stück sicher so viel gekostet hatte wie Alex’ halber Kleiderschrank. Auffällig an Arbogast war allein die vernarbte Mensur über der Augenbraue.

Alex belehrte Trabold über dessen Rechte. Der wirkte gelangweilt, er hatte den Sermon schon zigmal gehört. Helmut leistete wie üblich keinen Beitrag.

»Ihnen werden die Straftaten Beleidigung sowie sexuelle Belästigung zur Last gelegt. Die Studentin Laila El-Masri, zweiundzwanzig, wirft Ihnen vor, Sie seien ihr gestern Abend gegen 22.20 Uhr auf die Damentoilette gefolgt, wo Sie Frau El-Masri zunächst als ›Araberhure‹ und ›fette Asylantenschlampe‹ bezeichneten, bevor Sie der Geschädigten gegen ihren Willen von hinten ans Gesäß griffen. Trifft es zu, dass Sie Frau El-Masri auf die geschilderte Weise beschimpft und berührt haben?«

»Woher soll ich das wissen?«, nuschelte Trabold. »Ich war hackedicht, Mann.«

»Herr Trabold!«, fuhr Arbogast scharf dazwischen.

»Sie geben also zu, dass Sie am gestrigen Abend stark alkoholisiert waren?«

Trabold nahm sich die anwaltliche Ermahnung zu Herzen und sagte nichts mehr.

Alex überflog seine Notizen und fuhr fort: »Frau El-Masri gab ferner zu Protokoll, sie habe daraufhin die Toilette verlassen. Sie seien ihr nachgegangen und im Kneipenraum auf drei Bekannte der Geschädigten getroffen, die Sie mit dem Vorfall konfrontierten. Sie seien lautstark miteinander in Streit geraten, der damit endete, dass der Wirt Sie der Lokalität verwies. Ist das korrekt?«

Trabold hatte den Blick gesenkt. Schweigend zuckte er mit den Achseln.

»Ich weise Sie darauf hin, dass Sie vorbestraft sind. Bei der nächsten Verurteilung können Sie nicht mit einer Bewährungsstrafe rechnen«, machte Alex Druck. »Ich rate Ihnen daher, mit uns zu kooperieren.«

»Mein Mandant macht von seinem Recht Gebrauch, nicht auszusagen«, erklärte Arbogast.

Alex versuchte es trotzdem weiter. »Wieso haben Sie gestern Abend so viel getrunken?«

»Hab Frust geschoben«, murmelte Trabold zum Missfallen seines Anwalts.

»Weswegen?«

»Nicht antworten!«, zischte Arbogast, doch sein Mandant ignorierte ihn. Trabold wollte offenbar etwas loswerden. Er hob den Kopf und grinste Alex an.

»Liebeskummer.«

»Halten Sie diese polizeiliche Vernehmung für einen Witz?«, schnappte Helmut. »Wir können nämlich auch anders!«

»Unterlassen Sie solche Einschüchterungsversuche!« Arbogast ließ den Satz wie einen Peitschenhieb schnalzen.

»Galt der Liebeskummer Frau El-Masri?«, fragte Alex.

»Ich verarsch dich doch nur, Alex.« Das Grinsen verschwand aus Trabolds Gesicht, er starrte wieder auf die Tischplatte und sprach so leise, dass Alex sich anstrengen musste, um ihn zu verstehen. »Ich Idiot hab mir noch mal das Video angeschaut. Das hat mich runtergezogen.«

»Welches Video?«

»Das von Michelle Neureuther. Bin zufällig bei YouTube drübergestolpert«, fügte Trabold hastig hinzu. »Jedenfalls ist dabei der ganze alte Mist wieder hochgekommen.«

»Welcher ›alte Mist‹?«

»Die ganze Scheiße mit Lukas. Hätte ich ihm damals bloß nicht geholfen. Seinetwegen ging alles den Bach runter.«

»Sie geben Lukas Schneider die Schuld, dass es Ihnen schlecht geht?«

»Klar, wem denn sonst?«

»Dieses Video«, sagte Alex gedehnt, »haben Sie es damals gedreht?«

Trabold hob den Kopf und verzog den Mund, und da war er wieder, der provokante Trotz. »Immer dieselbe Leier. Leg mal eine neue Platte auf, Herr Kommissar.«

»Irgendwann finde ich heraus, ob Sie es waren.«

»Wir sind hier fertig«, sagte Arbogast.

2

Als Trabold und sein Anwalt weg waren, gingen die beiden Kripobeamten in Alex’ Büro. An den weißen Zimmerwänden hingen diverse Poster, etwa das Plakat des Led-Zeppelin-Filmes Celebration Day mit dem schwebenden Luftschiff über Big Ben. Das Poster seiner Lieblingsserie Game of Thrones hatte er abhängen müssen, sein Vorgesetzter fand den aus Schwertern bestehenden Eisernen Thron zu düster. Er hatte es durch eine fröhliche Abbildung der Simpsons ersetzt, die die gelben Bewohner der Comicstadt Springfield zeigte. Nachdem Helmut seinen Spruch aufgesagt hatte, den er immer sagte, wenn er Alex’ Büro betrat (»Hier sieht’s aus wie bei Hempels unterm Sofa!«), nahm er unter dem Simpsons-Poster Platz. Alex fand, dass der Kollege eine gewisse Ähnlichkeit mit Chief Wiggum aufwies.

Er riss eine Tüte Lakritzschnecken auf und nahm sich eine. Er vertilgte die Dinger täglich, seit er nicht mehr rauchte. Seiner Ansicht nach gab es nur eine korrekte Art, sie zu verzehren: Man rollte sie ab und aß die Schlange langsam vom Ende her. Wer in die Lakritzschnecke hineinbiss wie in einen Keks, war in seinen Augen ein Barbar.

»Dir ist schon klar, dass das Zeug den Testosteronspiegel senkt?«, kommentierte Helmut. »Vor allem, wenn man Lakritz in solchen Mengen futtert wie du. Wahrscheinlich hast du deswegen keine Freundin.« Er betrachtete versonnen die Packung. »Na ja, eine kann nicht schaden. Darf ich?« Ohne Alex’ Antwort abzuwarten, nahm er sich eine Lakritzschnecke.

Er biss hinein wie in einen Keks.

Schlimm, dachte Alex. »Ich rede nachher mit dem Wirt. Vielleicht hat er Videomaterial, auf dem man was sehen kann.«

»Von der Damentoilette?«, meinte Helmut kauend. »Also wenn er davon Videos hat, sollten wir dem Kerl dringend auf den Zahn fühlen.«

»Vom Kneipenraum natürlich. Vielleicht kann er uns auch helfen, Zeugen zu finden. Anschließend stelle ich die Akte für den Staatsanwalt zusammen. Viel wird wohl nicht dabei herauskommen …«

»Es wird gar nichts dabei rauskommen. Der wird das Verfahren aus Mangel an Beweisen einstellen, und Trabold lacht sich wieder mal ins Fäustchen.«

»Mich macht das fertig«, sagte Alex. »Es ist genauso abgelaufen, wie El-Masri zu Protokoll gegeben hat. Das weiß ich. Und Trabold wird’s wieder machen. So einer hört nie auf, wenn er nicht kräftig eins auf die Finger kriegt. Beim nächsten Mal begnügt er sich womöglich nicht damit, zu grapschen und unflätige Sprüche rauszuhauen. Der ist eine tickende Zeitbombe. Der will das volle Programm. Vergewaltigung, Schmerzen, Demütigung. Und am besten alles auf Video festhalten als Wichsvorlage für seine Incel-Freunde.«

»Wenn er was Schlimmeres macht, kriegen wir ihn. Einstweilen halten wir schön die Füße still und bleiben gelassen.«

»Das ist keine Gelassenheit, Helmut«, sagte Alex. »Dich lässt das kalt, weil du innerlich längst tot bist.«

»Kann auch sein«, meinte Helmut achselzuckend.

3

Er war der gefährlichste Killer des Viertels. Jeder kannte ihn. Jeder fürchtete ihn. Lauernd beobachtete er die Straße. Hielt Ausschau nach einem neuen Opfer. Es war bereits Stunden her, dass er das letzte Mal getötet hatte. Er wollte frisches Blut sehen.

Da! Sein Mitbewohner tauchte auf. Endlich. Der Hunger quälte ihn.

»Du hockst da schon eine Weile, was?«, sagte Alex und kraulte Frodo im Nacken. »Sorry, ich war noch schwimmen.«

Frodo sprang von dem Stromkasten vor dem Stadthaus aus der Gründerzeit, seinem Stammplatz, und lief neben Alex her zur Haustür.

»Was haben wir denn da?« Alex betrachtete die beiden Mäuseleichen auf der dreistufigen Treppe. »Sieht mir nach einem Tötungsdelikt aus. Und du hast sie nicht mal gefressen, sondern sie einfach zum Spaß umgebracht. Neben Heimtücke haben wir also auch niedere Motive. Das ist Mord, Freundchen. Doppelmord.«

Der Tatverdächtige wirkte nicht schuldbewusst. Schnurrend rieb er sich an Alex’ Bein.

»Ja, ja, ich mach ja schon.« Alex fischte ein zerfleddertes Taschentuch aus der Hosentasche und entsorgte die Mäuse in einem Mülleimer, ehe er die Tür aufschloss. Frodo schoss hinein. Alex stellte das Mountainbike im Flur der Erdgeschosswohnung ab, fütterte den Kater und hängte die Schwimmsachen zum Trocknen auf. Er ging mehrmals pro Woche nach Dienstschluss ins Hallenbad, um jeweils zwei Kilometer zu schwimmen. Noch immer roch seine Haut leicht nach Chlor, obwohl er gründlich geduscht hatte.

Er räumte die Spülmaschine aus und sorgte dafür, dass der Couchtisch wieder benutzbar war, indem er Leergut und Müll in die Küche brachte. Man konnte den Zustand der Dreizimmerwohnung nur als chaotisch bezeichnen. Es war Alex nicht gegeben, Ordnung zu halten. Den Wohn- und Schlafzimmerboden bedeckte eine Kruste aus getragener Kleidung, gestapelten Büchern, aufgerissenem Verpackungsmaterial und verstreuten CDs. Alex kaufte noch CDs, ihm war nicht zu helfen. Melle hatte das Chaos in den Wahnsinn getrieben. Einer der Gründe – aber nicht der wichtigste –, warum sie gegangen war.

Sie hatten sich vor einem Jahr getrennt. Ihre Interessen und Weltanschauungen waren immer weniger kompatibel gewesen, bis zur völligen gegenseitigen Entfremdung. Es war eine einvernehmliche Trennung gewesen, ohne großes emotionales Drama, und er hatte sich längst davon erholt. Das Alleinsein machte ihm nichts aus. Er genoss die Freiheit und konzentrierte sich auf seine Arbeit, seine Hobbys, seinen Sport.

Allerdings hatte ihm die Arbeit schon einmal mehr Spaß gemacht. Die Jagd nach Sexualstraftätern war oftmals zäh, die Aufklärungsquote lag weit unter der von Tötungsdelikten, wenn man die hohe Dunkelziffer von nicht zur Anzeige gebrachter sexueller Gewalt berücksichtigte. Die Sitte fing an, ihn zu zermürben. Noch mal fünf Jahre beim Zwölften, und ich verwandele mich in Helmut.

Egal. Es war Freitagabend. Am Wochenende wollte er keinen Gedanken an die Trabolds dieser Welt verschwenden. Auch keinen an die andere Sache, die ihm seit dem Nachmittag zusetzte.

Pünktlich um acht klingelte es, und Rikki kam herein. Wie üblich trug er ein T-Shirt einer obskuren Punkband. Er hielt ein Sixpack hoch.

»Hab was zu trinken mitgebracht.«

»Guter Mann. Setz dich erst mal in die Küche, ich hab’s gleich. Willst du einen Kaffee?«

»Gern. War eine heftige Schicht.«

Alex schaufelte Kaffeepulver in die French Press und schaltete den Wasserkocher ein. Er musste sich endlich eine neue Espressomaschine anschaffen, das war kein Zustand. Die alte hatte Melle mitgenommen, als sie ausgezogen war. Zuerst geht der Respekt. Dann der Sex. Zum Schluss die Espressomaschine, dachte er. »Wollen wir Essen bestellen?«

»Ist der Papst katholisch?«

Sie einigten sich auf Indisch. Alex griff zum Handy und bestellte Vorspeisen, zweimal Tarka Dal und reichlich Cheese Nan. Rikki hatte unterdessen seine hundertzwanzig Kilo am offenen Küchenfenster platziert, kraulte Frodo und rauchte eine Selbstgedrehte. Er war so alt wie Alex, vierunddreißig, sie kannten sich seit der Schule. Frederik Mand, wie er eigentlich hieß, war ein gemütlicher Gigant, der auf eine bewegte Karriere zurückblickte. Unter anderem war er erfolgloser Medizinstudent, Bassist einer Punkband und Taxifahrer gewesen. Schlussendlich hatte ihn das bürgerliche Leben doch eingefangen. Seit einigen Jahren arbeitete er in einem Pflegeheim und war vor Kurzem zum Stationsleiter aufgestiegen.

Alex goss den Kaffee auf. Rikki hob die Hand mit der glimmenden Zigarette.

»Auch eine?«