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Mord, Skandal, Erpressung – entdecken Sie die dunklen Seiten von Island im Kriminalroman »Walküren« von Thráinn Bertelsson, jetzt als eBook bei dotbooks. Ein Auto in der Kraterlandschaft von Rauðhólar, ein Schlauch, durch den Auspuffgase ins Innere gepumpt wurden, und eine einsame Tote: Auf den ersten Blick sieht alles nach Selbstmord aus – doch warum sollte Freya Hilmarsdóttir freiwillig aus dem Leben scheiden? Die ebenso bekannte wie verhasste Politikerin arbeitete an einem Buch, mit dem sie einen Skandal in höchsten Kreisen provozieren wollte; nun ist das Manuskript verschwunden. Kommissar Gunnarsson und seine Kollegin Hallsdóttir von der Kripo Reykjavík beginnen zu ermitteln – und stechen in ein Wespennest. Denn in Island, wo jeder jeden kennt, gibt es nur einen Weg, Geheimnisse zu wahren: Man muss die Mitwissenden aus dem Weg räumen … »Ein bissiger, manchmal kaltschnäuziger Krimi, der keine Wünsche offen lässt. Bertelsson hat seine Story fest im Griff, ist einfallsreich und wortgewandt. Ein sehr spannendes Buch, das jeder Fan von skandinavischen Krimis gelesen haben sollte.« Jugend-themenguide.de Jetzt als eBook kaufen und genießen – das Scandi-Crime-Highlight »Walküren« von Thráinn Bertelsson ist ein Muss für Island-Fans und alle, die von den Bestsellern von Arnaldur Indriðason, Eva Björg Ægisdóttir und Yrsa Sigurdardóttir begeistert sind. Wer liest, hat mehr vom Leben! dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Über dieses Buch:
Ein schwarzes Auto in der Kraterlandschaft von Rauðhólar. Ein Schlauch, durch den Auspuffgase ins Innere gepumpt werden. Eine einsame Tote. Auf den ersten Blick sieht es nach Selbstmord aus – doch Freya Hilmarsdóttir hatte keinen Grund, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Die ebenso bekannte wie verhasste Politikerin arbeitete an einem Buch, mit dem sie einen Skandal in höchsten Kreisen provozieren wollte; nun ist das Manuskript verschwunden. Víkingur Gunnarsson und Guðrún Hallsdóttir von der Kripo Reykjavík beginnen zu ermitteln – und stechen in ein Wespennest. Denn in Island, wo jeder jeden kennt, gibt es nur einen Weg, Geheimnisse zu wahren: Man muss die Mitwisser aus dem Weg räumen …
Über den Autor:
Thráinn Bertelsson, geboren 1944 in Reykjavík, war Mitglied des isländischen Parlaments und ist außerdem als Roman- und Drehbuchautor, Journalist, Kolumnist und Regisseur erfolgreich; sein Film Magnús wurde für den Europäischen Filmpreis nominiert.
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eBook-Neuausgabe August 2017
Copyright © 2005 Þráinn Bertelsson
Titel der isländischen Originalausgabe: Valkyrjur
(Published by agreement with JPV Publishers, Reykjavík)
Copyright der deutschsprachigen Erstausgabe © 2008 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven shutterstock/Boyloso und shutterstock/Le Panda
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)
ISBN 978-3-96148-007-4
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Þráinn Bertelsson
Walküren
Ein Island-Krimi
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
dotbooks.
Island ist der zweitgrößte Inselstaat Europas mit nur rund dreihunderttausend Einwohnern. Das bedeutet: Jeder kennt jeden, man duzt sich ganz selbstverständlich und spricht sich ausschließlich mit dem Vornamen an.
Der Zündfunke der auf den Seiten dieses Buches lodernden Feuersbrunst sind reale Ereignisse. Die von den Flammen umzingelten Personen sind hingegen Erfindungen des Autors und haben keine lebenden oder toten Vorbilder. Das Treibholz, das ich an den Stränden der Literatur sammele, hielte einem Vergleich mit den dicht belaubten Eichen der dunklen Lebenswälder niemals stand.
Þráinn Bertelsson
Sie wählen die Männer für den Tod aus und bestimmen den Sieg.
Snorri Sturluson
(1179–1241, bedeutender isländischer Dichter, Historiker und Politiker)
Die Neuen Frauen! Ich kann es kaum fassen, dass sie dem gleichen Geschlecht angehören wie ich, mit ihren arrogant in engen Jeans dargebotenen Hintern, so offensichtlich einladend, mit ihren Brüsten, die frei und schamlos wippen, und sie fühlen sich nicht im Geringsten verpflichtet, zu lächeln, hübsch auszusehen oder leise zu sprechen. Und wie sie leben! Ihr braucht sie ja nur anzusehen! Wenn ein Mann sie nicht zum Orgasmus bringt, suchen sie sich einen anderen, der es schafft. Und wenn sie ungewollt schwanger werden, treiben sie ab. Wenn ihnen das Essen nicht schmeckt, schieben sie den Teller beiseite. Wenn ihnen der Job nicht passt, kündigen sie. Sie sind rundum satt und hungern nach gar nichts. Sie sind, was ich sein wollte; sie sind, wofür ich gekämpft habe: Und jetzt, da ich sie sehe, hasse ich sie.
Fay Weldon, »Die Decke des Glücks«
Der schwarze Skoda Octavia, Baujahr 2003, stand in einer Senke in den roten Hügeln von Rauðhólar. Selbst als das Herz der Frau auf dem Fahrersitz schon längst aufgehört hatte zu schlagen, pumpte der Motor noch giftige Dämpfe ins Auto.
Ihr Körper wog sechsundfünfzig Kilo und bestand aus Milliarden von Zellen.
Jede einzelne Zelle war ein winziges Mirakel, jede für sich komplizierter als ein Düsenflugzeug, eine komplexe Einheit aus vielen hundert Millionen Molekülen; jedes Molekül ein eigener Kosmos aus hunderttausend Milliarden mikroskopisch kleiner Atome; jedes Atom ein Kern und Elektronen; die Kerne bestehend aus einer Vielzahl von Protonen und Neutronen, die Neutronen wiederum aus Quarks.
Bis 1:46 Uhr am Morgen des 14. März waren all diese Einheiten Bestandteile eines lebendigen Menschen gewesen, eine komplexe Welt von Molekülen namens Freyja Hilmarsdóttir.
Jetzt hatte der Tod das Leben abgelöst.
Die Arbeit der stofflichen Einheiten war beendet; nun erwarteten sie verschiedene neue Aufgaben auf einer anderen Daseinsebene, sogar die Teilnahme an neuem Leben in einer Welt, in der Nichts zu Nichts wird und Materie und Energie ständig neue Formen annehmen.
Der Tod mischt mit kalten Fingern die Karten und verteilt sie gänzlich neu.
An jenem Morgen ging die Sonne in Reykjavík um 7:21 Uhr auf, aber grimmige, düstergraue Wolken hingen über der Stadt und versperrten dem Tageslicht den Weg, sodass die Schwärze der Nacht sie noch eine Weile umschlossen hielt.
Um kurz vor acht öffnete Þorleifur Baldursson die Stalltür am Weg C im Víðidalur.
»Guten Morgen, Jungs«, rief er, obwohl zwei der sechs Pferde im Stall Stuten waren. »Habt ihr schon auf mich gewartet?«
Er schaltete das Licht ein, im Stall war es noch dämmrig, obwohl man draußen schon recht gut sehen konnte.
»Sollen wir das gute Wetter nutzen?«, sagte er. »Zumindest ist es im Moment einigermaßen windstill und regnet nicht.«
Die Frage war im Grunde überflüssig, denn Þorleifur hatte bereits auf dem Weg zum Stall beschlossen, den Mausfalben zu satteln, im Schritt eine Runde durch die Rauðhólar zu reiten und das Pferd dabei in aller Ruhe nachgeben zu lassen.
Mói gehörte Þorleifurs kleiner Enkeltochter Inga, ein ordentliches Pferd, wenn auch ein bisschen frech. Bei dem Mädchen hatte er sich die Unart angewöhnt, sich auf den Zügel zu legen. Inga nannte ihn Stjörnufákur, edles Ross mit Stern, aber einen solch romantischen Namen nahm ihr Großvater nicht in den Mund. Stattdessen nannte er ihn einfach Mói, den Mausfalben.
Eine halbe Stunde später ritten Mói und Þorleifur über einen schmalen Pfad durch die roten Hügel. Sie kamen nur langsam voran, hatten es aber auch nicht eilig. Mói war die Arbeit schon langweilig geworden, und es drängte ihn nach Hause zu seiner Morgenration. Þorleifur ließ ihn Schritt gehen, mal zwanzig Meter, mal fünfzig, parierte ihn dann zum Halt durch, ließ ihn ein paar Schritte rückwärtstreten, gab den Zügel nach und trieb ihn dann vorwärts, wieder und wieder.
Der Pfad führte an einem Hügel entlang, der sich nach innen wölbte wie ein Vulkankrater. Bis weit ins vorige Jahrhundert hinein hatten die Hügel als Steinbrüche gedient. Der rote, verbrannte Kies war ein begehrter Straßenbelag, und erst als man diesen Naturwundern schon unwiderrufliche Schäden zugefügt hatte, wurde beschlossen, sie nicht weiter zu zerstören. Þorleifur war erstaunt, ein Auto in der Senke stehen zu sehen. Er vermutete, dass jemand einen gestohlenen Wagen dort abgestellt hatte.
Das geht mich nichts an, dachte Þorleifur. Er hatte genug vom Training und freute sich schon darauf, zum Stall zurückzukehren, die Pferde zu füttern und sich selbst einen Kaffee zu kochen.
Da sah er, dass jemand im Wagen saß, auf dem Fahrersitz.
Es war kein Motorengeräusch zu hören. Aber das hatte nichts zu bedeuten, denn Autos waren heutzutage so leise, dass Þorleifur einen Blick auf den Auspuff werfen musste, um feststellen zu können, ob der Wagen lief. Dabei entdeckte er die Röhre, einen grauen Schlauch, der durch einen Spalt im Fenster der Hintertür ins Auto führte.
»Zum Teufel noch mal«, schimpfte Þorleifur. »Können die Leute sich nicht zu Hause umbringen?«
»Weißt du eigentlich«, fragte Terje, »dass die Menschheit aus zwei Gruppen besteht? Da sind diejenigen, die Beatles hören, und die, die Rolling Stones hören. Entweder man steht auf Mick Jagger oder auf John Lennon. Zu welcher Gruppe gehörst du?«
»Zu keiner von beiden«, sagte Guðrún und dachte: Die Menschheit besteht aus zwei Gruppen. Da sind diejenigen, die permanent labern. Zu der anderen Gruppe gehöre ich. Die schweigende Mehrheit, das bin ich.
»Vielleicht hat sich das ja auch geändert«, schlug Terje vor. »Vielleicht teilt sich die Menschheit inzwischen in diejenigen, die in der Zeitung den Sportteil lesen, und in diejenigen, die ihn nicht lesen.«
»Ja, vielleicht«, entgegnete Guðrún und warf ihrem Kollegen einen Blick zu. Sie saß am Steuer, und Terje konnte sich voll und ganz auf den Unsinn konzentrieren, den er ununterbrochen von sich gab.
Ein Leichenfund in Rauðhólar. Wahrscheinlich Selbstmord. Terje Joensen von der Kriminalpolizei und Guðrún Sólveig Hallsdóttir aus der Technischen Abteilung hatten ihren Bereitschaftsdienst gerade beenden wollen, als Frigg Stefánsdóttir, die diensthabende Beamtin der zweiten Wache, sie anrief und bat, zum Tatort zu fahren. Von Amts wegen hätten sich ihre Kollegen von der Tagesbereitschaft der R3-Gruppe, Kripo Reykjavík, um den Einsatz kümmern müssen, aber die hatten an diesem Tag etwas anderes vor. Um zehn Uhr musste der ganze Trupp raus zu einer erneuten Suchpatrouille nach der Leiche einer Frau, deren Ehemann abwechselnd behauptete, er habe sie ins Meer geworfen, vergraben, in einem Erdloch versteckt, oder aber vehement abstritt, irgendetwas über ihren Verbleib zu wissen.
»Bist du heute irgendwie gefrustet?«, fragte Terje. »Die Menschheit besteht nämlich aus zwei Gruppen: diejenigen, die frustriert sind, und diejenigen, die nicht frustriert sind.«
»Ich hab schlecht geschlafen.«
»Wie alt bist du noch mal?«, fragte Terje.
»Sechsunddreißig«, antwortete Guðrún. »Hast du schon mal drüber nachgedacht, dass die Menschheit aus zwei Gruppen besteht: diejenigen, die sechsunddreißig sind, und diejenigen, die nicht sechsunddreißig sind?«
»Dann hast du ja noch ein paar feine Jährchen vor dir«, erklärte Terje. »Bevor du in die Wechseljahre kommst und wirklich Frust kriegst. Wir Männer werden in den Wechseljahren nicht von Frust, sondern von einer inneren Unruhe ergriffen, dem sogenannten Zweiten Frühling. Auf den kann man sich eigentlich freuen; kein Grund, genervt zu sein.«
Ach nein?, dachte Guðrún. Wenn du wüsstest.
Als ihr Mann gestern Abend zu Hause angerufen und ihr mitgeteilt hatte, er müsse im Krankenhaus Überstunden machen, hatte sie endgültig die Schnauze voll gehabt. Sie hatte ihm befohlen, sofort nach Hause zu kommen, da sie ganz genau wüsste, mit welcher Art Untersuchungen er beschäftigt sei. Falls er je wieder mit ihr reden wolle, solle er gefälligst sofort seinen Hintern herbewegen.
Als Bergþór zu Hause war, sprach sie erst mit ihm, nachdem die Kinder im Bett waren. Als sie ihm dann erklärte, sie wüsste von seinem Verhältnis, versuchte er gar nicht erst zu widersprechen, sondern gab die Sache mit der blonden Krankenschwester von der Unfallstation gleich zu – Guðrún nannte sie im Geiste längst die Silikonschlampe.
»Warum?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete er. »Es ist einfach passiert. Hat sich so ergeben.«
»Sie ist ja sogar älter als du«, sagte Guðrún. »Oder hat sie dir das verschwiegen?«
»Darüber hab ich wirklich nicht nachgedacht«, entgegnete Bergþór. »Sie interessiert sich einfach dafür, was ich mache. Du interessierst dich nur für deinen Job. Das kann ich dir natürlich nicht vorwerfen.«
»Nein, wie verständnisvoll. Ja, ich interessiere mich für meinen Job, und ich interessiere mich – stell dir vor – für meine Kinder! Interessiert sich diese verdammte geschiedene Nutte auch so brennend für unsere Kinder?«
In dem anschließenden langen, zähen Gespräch hielt Bergþór sich zurück, fingerte aber nervös an den Haaren über seinen Ohren herum.
Sie hätte ihn umbringen können.
Sie hätte sich ihm in die Arme werfen können.
Sie tat weder das eine noch das andere.
Den Spuren nach zu urteilen, hätte es gar nicht eindeutiger sein können. Selbstmord. Die Frau hatte einen Staubsaugerschlauch auf den Auspuff gesteckt und das andere Ende durchs Hinterfenster in den Wagen geführt. Dann hatte sie ruhig auf dem Fahrersitz gesessen und auf die Ohnmacht und den Tod gewartet.
Eine Kohlendioxidvergiftung wie im Lehrbuch: Verfärbung des Gesichts, Flecken um die Augen.
Die Leiche hatte keine sichtbaren Verletzungen. Ein typischer Selbstmord.
»Die Menschheit besteht aus zwei Gruppen«, sagte Terje, »Lebende und Tote. Keine Frage, zu welcher Gruppe die Frau gehören wollte. Da müssen wir uns nicht lange mit rumschlagen. Fehlt nur noch der Abschiedsbrief. Vielleicht hat sie ihn in ihrer Wohnung hinterlassen, wo auch immer die ist. Das Kennzeichen wird gerade bei der Kfz-Meldestelle überprüft.«
Guðrún dokumentierte den Tatort, zuerst auf Film, dann machte sie ein paar Fotos.
»Hier ist ihre Adresse«, sagte sie. »Der TÜV-Bericht war im Handschuhfach, und hier ist der Führerschein. Sie wohnte in Álfheimar. Freyja Hilmarsdóttir. Geboren 1955.«
»Wechseljahre«, erklärte Terje. »Ich hab doch gesagt, da muss man vorsichtig sein.«
Manchmal war Guðrún – wie viele andere auch – empört über Terjes Art, aber meistens tat sie ihm nicht den Gefallen, daran Anstoß zu nehmen, denn genau darauf wollte er hinaus. Obwohl sie nichts sagte, sah Terje ihr an, dass sie verstimmt war.
»Entschuldige«, sagte er. »Was soll man denn schon sagen, wenn man einen Menschen im besten Alter sieht, der resigniert hat?«
»Muss man denn immer etwas sagen?«
»Kommt drauf an, zu welchem Teil der Menschheit man gehört«, entgegnete Terje. »Zu denen, die laut denken, oder zu den anderen.«
»Wird es dir eigentlich nie langweilig, immer den gleichen Witz zu erzählen?«
»Doch, schon«, sagte Terje, »aber man tut, was man kann. In unserem Job gibt’s nicht viel zu lachen. Müssen wir hier noch irgendwas tun? Sollen wir bei dieser Adresse in Álfheimar, der Elfenwelt, vorbeischauen? Ich will nur hoffen, dass da nicht eine ganze Schar Kinder auf sie wartet.«
»Da besteht keine Gefahr«, sagte Guðrún. »Die Frau hatte keine Kinder.«
»Woher weißt du das?«, fragte Terje. »Steht das auch im TÜV-Bericht?«
»Willst du damit sagen, dass du nicht weißt, wer diese Frau ist?«, fragte Guðrún. »Sie war Redakteurin und Journalistin und Schriftstellerin und saß für die Frauenpartei im Parlament, als Ersatzabgeordnete.«
»Ich gehöre zu denjenigen, die nur den Sportteil lesen«, sagte Terje.
Ein Abschleppwagen der Firma Vaka sowie ein schwarzer Transporter der Städtischen Friedhöfe Reykjavík hatten sich zu dem Fuhrpark in Rauðhólar gesellt. Die Friedhofsarbeiter legten die Leiche auf eine Bahre, und der Fahrer, an dessen Namen sich Guðrún nicht erinnern konnte, breitete ein Laken und eine Decke darüber. Er nahm eine ordentliche Prise Schnupftabak und gab seinem Kollegen dann ein Zeichen. Routiniert hoben sie die Bahre hoch und trugen sie zu dem schwarzen Transporter, während der Fahrer des Abschleppwagens den Skoda vorne anhob und auflud.
Terje starrte den Mann mit dem Schnupftabak an. Er dachte, den Leuten, die sich um Leichentransporte kümmerten, stünde es wohl zu, sich ab und zu eine ordentliche Prise zu genehmigen.
Þorleifur, der Reiter, blieb zurück und setzte seinen Helm ab, als die Autos an ihm vorbeifuhren. Obwohl es sich nicht direkt um einen Trauerzug handelte, hielt er das für angemessen.
»Also dann, Mói«, sagte er, als er wieder aufs Pferd stieg. »Man kann wohl kaum von dir erwarten, dass du die Menschen verstehst.«
Sveinbjörn Ragnarsson heulte lauthals, Schleim rann ihm aus der Nase, er schnäuzte sich in die Hand und wischte sie an seinem Hosenbein ab. Dann legte er die Innenflächen seiner Hände gegeneinander, sodass die Handschellen nicht in die Handgelenke einschnitten, und versuchte, sich die Tränen mit dem Jackenärmel aus dem Gesicht zu wischen.
Randver Andrésson, Assistent des Hauptkommissars der Kripo Reykjavík, konnte sich nicht erinnern, während seiner Laufbahn schon einmal einen derartigen Tränenausbruch gesehen zu haben. Obwohl er schon vielen Menschen in schwierigen Situationen begegnet war.
»Ich habe das Recht, mit einem Arzt zu sprechen«, schluchzte der Mann. »Ihr dürft mich nicht länger quälen. Ihr seht doch, dass ich krank bin.«
Acht Kriminalpolizisten standen im Halbkreis um den Mann herum, der tränenüberströmt auf einer halbzerfallenen Steinmauer an der Anhöhe Öskjuhlið saß. Dagný Axelsdóttir war die einzige Frau in der Gruppe.
»Wer hat dich denn gequält?«, fragte Randver.
»Alle quälen mich«, sagte der Mann und blickte vorwurfsvoll in die Runde. »Ich stehe unter Schock. Seht ihr das denn nicht? Das ist doch Folter, einen Mann, der gerade seine Frau verloren hat, festzunehmen, ins Gefängnis zu sperren und des Mordes zu bezichtigen.«
»Bist du jetzt auf einmal unschuldig?«, fragte Randver. »Gestern hast du doch noch was ganz anderes erzählt.«
»Das ist ja wie in der Geschichte von dem Mann, der seine Eltern umbringt und den Richter anschließend bittet, ihn zu verschonen, weil er Waise ist«, bemerkte Dagný.
»Da hört ihr es! Diese Person will sich an mir rächen«, stieß Sveinbjörn hervor und zeigte auf Dagný. Er hatte aufgehört zu weinen.
»Warum sollte sie sich an dir rächen wollen?«, fragte Randver. »Hast du ihr irgendwas getan?«
»Sie will sich an mir rächen, weil sie eine Frau ist«, sagte Sveinbjörn. »Das ist doch offensichtlich!«
»Du solltest dich schämen und dir das, was du getan hast, vor Augen führen«, entgegnete Dagný.
»Ich muss mit einem Arzt sprechen«, sagte der Mann. »Ich kann diese Drohungen nicht ertragen. Ich stehe unter Schock. Ich bin kein Mörder. Ich bin Opfer. Warum wollt ihr das nicht begreifen?«
»Jetzt reiches aber langsam«, sagte Randver. »Das ist jetzt schon der dritte Ort, an den du uns schleppst, um uns zu zeigen, was du mit der Leiche gemacht hast. Zum dritten Mal fängst du an zu heulen und behauptest, unschuldig zu sein, obwohl du bereits alles gestanden hast und obwohl wir genügend Beweise haben, um dir die Tat zehnmal nachweisen zu können. Ich möchte dich jetzt bitten, dir zwei Dinge klarzumachen: Erstens ist es egal, wie sehr du jammerst und so tust, als seist du verwirrt – auch wenn du dich bis jetzt durch Heulen und Lügen immer entziehen konntest, wirst du damit nicht um die Konsequenzen herumkommen.
Zweitens wird sich deine Position jedes Mal, wenn du uns an der Nase herumführst, verschlechtern. Wenn du die Sache nicht anders angehst, wird dein Urteil wahrscheinlich so hart ausfallen, wie es das Gesetz gerade noch zulässt. Zumindest werde ich veranlassen, dass die Anklage herausstellt, dass du nie einen Funken Reue gezeigt hast. Bis jetzt haben wir dich mit Samthandschuhen angefasst. Überleg dir also gut, wie es weitergehen soll.«
Randver schlug den Mantelkragen hoch und zuckte mit den Schultern.
»Helgi und Dagný, ihr bringt ihn zum Skólavörðustígur. Gehen wir.«
»Läufst du selbst oder soll ich dir behilflich sein?«, fragte Helgi.
Sveinbjörn stand erschöpft auf. Er schaute zu Dagný und zog die Nase hoch. Dann streckte er seine Hände in ihre Richtung und sagte: »Entschuldige. Ich wollte dich nicht beleidigen.«
»Du könntest mich nicht beleidigen, selbst wenn du es wolltest«, sagte Dagný und ignorierte seine ausgestreckten Hände. »Man ist nicht beleidigt, wenn man in Hundescheiße getreten ist.«
Freyja Hilmarsdóttir, 1. Etage rechts, stand auf der Türklingel. Die Schlüssel am Schlüsselbund, der im Zündschloss des Wagens gesteckt hatte, glitten mühelos in die Schnappschlösser an der Eingangstür und an der Wohnungstür im ersten Stock. Terje öffnete und reichte Guðrún anschließend den Schlüsselbund.
»Nimm du ihn lieber. Auf mir lastet ein Fluch, der mich immer alle Schlüssel verlieren lässt.«
Als sie den Flur betraten, sahen sie als Erstes einen Staubsauger, der mitten im Raum stand, so als könne er es nicht erwarten, als Zeuge aufzutreten. Ein stummer Zeuge. Der Schlauch fehlte.
Es war eine Vierzimmerwohnung mit Küche, Bad und einem schönen Balkon. Der Wohnblock stammte aus den Jahren des Aufschwungs um 1960, und die Wohnung sah so aus, als sei seitdem nichts verändert worden: glatt furnierte Türen, schlichte, schmucklose Fußleisten. Das Wohnzimmer war groß, die übrigen Zimmer dementsprechend klein.
Der Flur bildete den Mittelpunkt der Wohnung; von ihm aus gelangte man in die Küche, ins Wohnzimmer, ins Bad und in einen Gang, an dem die Zimmer lagen. Im Schlafzimmer stand ein frisch bezogenes Einzelbett. Der nächste Raum sah aus wie ein Museum; ein Mädchenzimmer aus den sechziger oder siebziger Jahren, drei Poster an der Wand: Che Guevara, Karl Marx – und Cliff Richard. Auf der Bettdecke am Kopfende saß ein gelber einäugiger Teddybär und starrte die Gäste ausdruckslos an.
»Karl Marx und Che, na gut, aber Cliff Richard!«, meinte Guðrún. »Wer hätte das gedacht?«
Die Wände des Arbeitszimmers waren mit Bücherregalen bedeckt. Ein einfacher Stuhl stand vor dem alten Schreibtisch. Hier herrschten Ordnung und Sauberkeit.
Kein Abschiedsbrief weit und breit.
Im Wohnzimmer stand eine Couchgarnitur im Bauhausstil, offenbar so alt wie die Wohnung. An der Wand ein Gemälde von Þorbjörg Höskuldsdóttir, eine Grafik von Sigrid Valtingojer und ein altes Gemälde der Esja von Eyfells. Auf der Fensterbank stand eine Tonfigur von ›Sæmundur dem Gelehrten‹, wie er den Teufel in Seehundsgestalt mit einer Bibel erschlägt – ein Symbol für den Sieg der Weisheit über das Böse, den aufrichtigen Glauben an die Macht der Bildung.
Terje ging ins Badezimmer, als Guðrún die Balkontür öffnete und hinaustrat. Der Balkon war leer. Keine Wäscheleine. Noch nicht einmal ein Grill. Als sie wieder hineinging, hatte sie Schwierigkeiten, die Balkontür zu schließen; sie klemmte und schien sich durch den vielen Regen im Winter verzogen zu haben. Terje kam ihr zu Hilfe und schlug die Tür mit voller Wucht zu, sodass Guðrún zusammenzuckte. Ein solcher Lärm schien an diesem Ort nicht angemessen.
»Ich glaube, das ist die unpersönlichste Wohnung, die ich je betreten habe«, sagte Terje. »Irgendwie so, als hätte hier nie jemand gewohnt, außer vielleicht ein alter Witwer, der kein Händchen für Gemütlichkeit hat und alles so zweckmäßig wie möglich haben möchte.«
»Wie kommst du darauf?«, fragte Guðrún.
»Es gibt zum Beispiel keine Pflanzen«, antwortete Terje.
»Sie ist viel gereist und war oft im Ausland«, sagte Guðrún.
»Dann lässt man eben die Nachbarn die Blumen gießen«, entgegnete Terje. »Und Freunde oder Verwandte schauen nach der Wohnung. Falls man Freunde hat. Aber hier scheint kein normaler Mensch gewohnt zu haben. Keine Fotos von anderen Leuten, bis auf dieses alte Hochzeitsfoto auf dem Schreibtisch, wahrscheinlich von ihren Eltern. Kein Kleinkram. Nichts Unnützes. Keine überflüssigen Kosmetikartikel im Bad; eine Gesichtscreme, zwei Parfüms, und das war’s. Noch nicht mal ein Lippenstift. Abgesehen von diesem bizarren Kinderzimmer kommt mir das hier vor wie ein Kloster. Was war sie eigentlich für ein Mensch?«
Was für ein Mensch war Freyja Hilmarsdóttir?
Wie sollte Guðrún diese Frage beantworten? Sie kannte Freyja nur aus den Medien, als Schriftstellerin und Referentin für Frauenforschung, die sich stets in der Frauenbewegung engagiert hatte, bei den Rotsocken, in der Frauenpartei und als Feministin. Überall gehörte sie zum innersten Zirkel, zur Führungsgruppe, aber nirgendwo hatte man ihr die Leitungsposition anvertraut. Dafür war sie wohl zu radikal gewesen in ihren Ansichten, starrsinnig und manchmal richtig diffamierend. Sie wollte, dass Frauen sich für Frauen einsetzten, statt sich, bis auf die Kleidung, wie Männer zu geben.
Bei ihrer Antrittsrede im Parlament schockierte sie viele, als sie sagte, Frauen seien dort nur schmückendes Beiwerk und das Althing, auf das die Isländer so unendlich stolz sind, sei immer noch derselbe Macho-Verein wie vor tausend Jahren – und ebenso undemokratisch. Der Parlamentsvorsitzende rügte sie wegen dieser Äußerung und sagte, sie habe das Andenken an alle Frauen, die je in diesem ehrwürdigen Parlament gesessen hätten, beschädigt.
Anstatt sich zu entschuldigen, fügte Freyja Hilmarsdóttir hinzu, das Althing sei eine chauvinistische Privatveranstaltung, und wenn das so weiterginge, würden weitere tausend Jahre ins Land ziehen, bis Frauen in diesem Männerladen etwas zu sagen hätten. Am Ende ihrer Rede stolzierte sie aus dem Parlamentssaal und distanzierte sich anschließend von ihren Gefährtinnen aus der Frauenpartei, die damals bereits von Karrieren als Berufspolitikerinnen träumten und sich heimlich mit den Sozis einließen.
Freyja saß nur drei Tage im Parlament, aber die Parlamentsgeschichte schenkte ihr mehr Beachtung als vielen, die dreißig Jahre dort gesessen hatten. Nach und nach erinnerte sich auch Terje wieder an den Vorfall.
»Ach, die war das?«, sagte er. »Toughe Frau! Natürlich hab ich von ihr gehört. Stand nicht letztens in der Zeitung, dass sie wieder ein Buch geschrieben hat?«
»Doch, woher weißt du das? Ich dachte, du liest nur den Sportteil.«
»Und die Klatschseiten«, sagte Terje. »Es sollte nämlich eine knallharte Abrechnung mit ihren Exmännern werden.«
»Nicht mit ihren Männern«, erklärte Guðrún. »Sie war nie verheiratet. Das Buch muss fast fertig gewesen sein und sollte von zwei Frauen jenseits der vierzig handeln, die beide von ihren Ehemännern verlassen und entsorgt worden sind, weil die sich was Jüngeres gesucht haben. Der Clou ist nur – die beiden Männer kennt hierzulande jeder: Der eine ist Magnús Mínus, der reichste Mann Islands, der eigentlich Magnús Magnússon heißt, der andere Kjartan A. Hansen, der Botschafter. Das Buch sollte von Frauen als Konsumgüter für Männer handeln und Interviews mit den beiden Frauen enthalten.«
»Radikale Ansichten muss man immer irgendwie rechtfertigen«, sagte Terje. »Ich hätte jedenfalls gerne was über die Bettgeschichten von Magnús Mínus und das Leben des isländischen Jetsets gelesen.«
»Ich weiß nicht mehr, wo das Buch erscheinen sollte«, sagte Guðrún. »Aber das kriegen wir raus. Wir sollten vielleicht mal mit dem Verleger sprechen.«
»Ich bezweifle, dass wir viel Zeit haben werden, der Sache nachzugehen«, meinte Terje. »Aber eins würde mich interessieren.«
»Was denn?«
»Wo ist ihr Computer?«
»Vielleicht hatte sie keinen«, sagte Guðrún.
»Na, hör mal«, erwiderte Terje. »Natürlich hatte sie einen Computer. Eine Schriftstellerin ohne Computer ist wie eine Prostituierte ohne Möse.«
Guðrún hätte es vielleicht etwas anders ausgedrückt – aber er hatte zweifellos Recht.
»Stimmt«, entgegnete Guðrún. »Wo ist das Manuskript? Der Computer? Das Handy?«
»Ich möchte wetten, dass das gestern noch alles hier war«, sagte Terje.
Hervar Guðmannsson, Verleger, fragte, seit wann es Aufgabe der Polizei sei zu ermitteln, ob Autoren ihre Manuskripte schon eingereicht hätten.
»Klar möchte man denjenigen, die die Absprachen nicht einhalten, manchmal die Polizei auf den Hals hetzen. Aber wir haben jetzt März, und die Bücher erscheinen im Herbst – kein ernstzunehmender Schriftsteller gibt jetzt schon sein Manuskript ab. Ich weiß nur, dass Freyja ziemlich weit ist, aber am besten sprichst du mit ihr persönlich. Ich kann dir ihre Handynummer geben.«
Terje notierte die Nummer, bevor er dem Verleger den Grund für seinen Anruf und die Frage nach Freyja Hilmarsdóttirs Manuskript erläuterte.
»Was meinst du mit ›tot aufgefunden‹?«, fragte Hervar entgeistert. »Hatte sie einen Unfall? Versteh ich alles nicht. Eine Frau im besten Alter, in der Blüte ihres Lebens. Sie saß vor ein paar Tagen noch bei mir im Büro. Wie kann das sein?«
Terje antwortete wahrheitsgemäß, dass die Todesursache noch unbekannt war, aber einiges wiese darauf hin, dass es sich um Selbstmord handelte. Dann fragte er den Verleger, ob er Freyjas nächste Angehörige kenne.
»Ich habe nicht die geringste Ahnung«, sagte Hervar. »Ich kannte Freyja nur beruflich. Meistens reicht es einem, die Autoren zu kennen, da möchte man nicht auch noch der ganzen Verwandtschaft vorgestellt werden. Äh, entschuldige, wenn ich das so sage.«
Terje verstand gar nicht, wofür der Verleger sich entschuldigte.
»Ich meine«, erklärte Hervar, »viele Leute in dieser Branche sind nicht sonderlich umgänglich. Das ist ja kein Geheimnis.« Schon bedauerte er diesen Satz, der zudem auch gar nicht stimmte. Hervar hatte sich schon oft darüber gewundert, warum die schwierigsten Autoren die liebenswürdigsten Ehepartner hatten. Vermutlich irgendein Naturgesetz, um das Ungleichgewicht auszubalancieren.
»Und Freyja?«, fragte Terje. »Wie war sie so im Umgang?«
»Was soll man sagen?«, entgegnete der Verleger. »Nicht schlimmer als manch anderer. Und besser als viele.«
»Ist diese ganze Autorenbagage tatsächlich so kauzig?«, hakte Terje noch mal nach.
»So würde ich das nicht unbedingt formulieren«, versuchte Hervar nun einzulenken.
»War sie lesbisch?«
Als Verleger war Hervar es gewohnt, dass sich die Leute mehr für die sexuellen Vorlieben der Autoren als für ihre Werke interessierten. Daran hatte er im Grunde auch nichts auszusetzen, obgleich das Sexleben der Autoren in den meisten Fällen so trist war wie ihr Werk.
»Hast du wirklich noch nichts von ihr gelesen?«, fragte er.
»Nein«, antwortete Terje.
»Dann würde ich vorschlagen, du schaffst dir ›Bettfreuden – Liebhaber und Leidensgenossen‹ an. Das ist eine der offenherzigsten Abrechnungen über Sex, die eine Frau je geschrieben hat«, erklärte Hervar. »Ist vor drei Jahren erschienen.«
»Schreibt sie darin über sich selbst?«
»Ja, und über ihre Liebhaber und Leidensgenossen.«
»Ganz offen?«
»Offener kann ein Buch nicht sein.«
»Und sie war also lesbisch?«
»Steht alles im Buch.«
»Kannst du mir eins schicken?«, fragte Terje.
»Ja, selbstverständlich. Gib mir einfach deine Adresse und deine Kreditkartennummer«, sagte Hervar. »Möchtest du das Taschenbuch oder die gebundene Ausgabe?«
»Die Taschenbuchausgabe reicht«, antwortete Terje. »Aber du kannst das nicht in Rechnung stellen; es ist für die Kripo Reykjavík.«
»Das Buch ist gerade im Angebot, eintausendvierhundertneunzig Kronen plus Versandkosten«, sagte Hervar, der nicht nur bei den Autorenhonoraren geizig war. Kleinvieh macht schließlich auch Mist. »Wie ist dein Name?«
»Terje Joensen.«
»Terje Jóhannsson. Kripo Reykjavík. Und die Kartennummer?«
»Joensen«, sagte Terje. »Mein Großvater war Färinger.«
»Mit den Färingern bin ich schon immer gut klargekommen«, sagte Hervar, der noch nie im Leben einem Färinger begegnet war.
»Was meinst du mit Versandkosten?«, fragte Terje. »Hör zu, das ist Unsinn. Ich komme einfach vorbei und hole das Buch. Dann können wir uns noch mal in Ruhe unterhalten.«
Es tut weh, Kinder weinen zu sehen. Aber irgendwie ist es fast noch trauriger, wenn Erwachsene in Tränen ausbrechen. Vielleicht, weil Weinen bei Kindern an der Tagesordnung ist, ein natürlicher Bestandteil ihrer Ausdrucksweise, ein Warnsignal, das ankündigt, wenn ihnen etwas fehlt. Die Tränen eines Erwachsenen hingegen sind ein Rettungsanker, Resignation oder Anklage in einer ausweglosen Situation.
Hauptkommissar Víkingur Gunnarsson hatte schon viele Erwachsene bitter weinen sehen – aus purer Verzweiflung, provozierender Arroganz, Reue, Selbstmitleid oder einfach, um ihr Herz auszuschütten. Manchmal fühlte er sich schuldig, wenn jemand weinte. Am Ende war zwar jeder selbst verantwortlich für die Situation, in die er sich hineinmanövriert hatte, aber Mitleid empfand man trotzdem. Man wusste einfach, dass man leicht in eine ähnliche Situation geraten konnte.
Am schwierigsten war es, unschuldige Menschen weinen zu sehen aus Verzweiflung über Umstände, in die sie ohne eigenes Zutun geraten waren – vorausgesetzt, das Opfer war nicht genauso schuldig wie der Täter. Aber das ist eine andere Geschichte, dachte Víkingur, und es ist unangebracht, die eigenen Gefühle mit philosophischen oder theologischen Haarspaltereien zu unterdrücken, wenn eine unschuldige Person weint.
Eigentlich war das Gespräch beendet. Und Víkingur hatte nichts anderes erreicht, als dass die Person, die er unterstützen und ermutigen wollte, vor ihm saß und weinte.
Es war Guðrún.
Die Tür hatte halb offen gestanden, und sie war in den Türspalt getreten und hatte gefragt: »Störe ich? Hör mal, Víkingur, ich muss was mit dir besprechen.«
Víkingur hatte sie hineingewunken und sofort gemerkt, dass es sich um eine vertrauliche Sache handelte, da Guðrún sorgfältig die Tür hinter sich schloss.
Zuerst die Arbeit: Sie erzählte ihm, Terje und sie seien gegen Ende ihres Bereitschaftsdienstes zu einem Leichenfund in die Rauðhólar gerufen worden, wahrscheinlich ein Selbstmord, zumindest deutete bislang alles darauf hin.
»Keinerlei Hinweise von der Toten selbst«, sagte Guðrún. »Aber ist es nicht seltsam, dass so gar keine Spuren gefunden wurden, keine Fußspuren, keine Fingerabdrücke, kein Handy, gar nichts?«
»Worauf willst du hinaus?«, fragte Víkingur.
»Die Frau hat keine Handschuhe getragen. Trotzdem waren keine Fingerabdrücke auf dem Lenkrad, dem Schalthebel oder dem Armaturenbrett und auch nicht auf dem Türgriff. Es waren keine Fingerabdrücke auf dem Staubsaugerschlauch. Und in ihrer Wohnung haben wir keinen Abschiedsbrief gefunden, was vielleicht nicht unbedingt etwas zu bedeuten hat. Aber wir wissen, dass sie an einem Buch schrieb, doch das Manuskript scheint spurlos verschwunden zu sein – keine Notizen, kein Computer. Das finde ich jedenfalls merkwürdig. Gelinde gesagt. Vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil das Buch, an dem sie schrieb, einigen Zündstoff enthalten haben soll.«
»Ja«, sagte Víkingur. »Ich habe davon gelesen.«
»Es stand schon jede Menge darüber in der Presse. Das Buch sollte Einblick in das Leben der Schickeria geben, in ihr Luxusleben im Ausland, Korruption und Machenschaften in Politik und Wirtschaft. Und dann diese Sache mit den untreuen Ehemännern.«
»Stimmt«, sagte Víkingur. »Da waren die Erwartungen ziemlich hochgeschraubt.«
»Meinst du, dass Freyja an diesen Erwartungen möglicherweise zerbrochen ist?«
»Keine Ahnung, das habe ich so auch gar nicht gemeint«, antwortete Víkingur. »Aber wenn dir an diesem Todesfall irgendetwas komisch vorkommt, dann möchte ich, dass du dem nachgehst und den Fall erst abschließt, wenn du davon überzeugt bist, dass wir die richtigen Schlussfolgerungen gezogen haben. In der Technischen Abteilung ist hoffentlich momentan nicht so viel zu tun, du könntest doch selbst ein bisschen ermitteln.«
Guðrúns Gesicht hellte sich unvermittelt auf, verdunkelte sich aber genauso schnell wieder.
»Aber ich bin doch nur Technikerin«, sagte sie. »Bei einer Ermittlung muss man mit Menschen reden können. Ich ermittele nur durchs Mikroskop. Ich bin völlig blind für alles, was drum herum passiert.«
»Um in der Technischen Abteilung zu arbeiten, braucht man ein komplexes Fachwissen«, erklärte Víkingur. »Der Rest ist mehr eine Frage des gesunden Menschenverstands, und den hast du. Terje ist doch mit dir rausgefahren. Ich sage ihm, dass ihr den Fall gemeinsam bearbeiten werdet.«
Víkingur schaute zu Guðrún, die auf einem der Stühle vor seinem Schreibtisch saß und ihre Zehen betrachtete, so als hätte sie sie noch nie zuvor wahrgenommen.
»Abgemacht?«, sagte Víkingur als Zeichen, dass das Gespräch beendet sei.
Sie murmelte etwas, das er nicht verstand, daher wiederholte er seine Frage. Sie räusperte sich und sagte: »Nein, das geht nicht.«
»Warum geht das nicht?«
»Weil ich aufhöre. Ich höre bei der Polizei auf. Ich bin hier, um dir das zu sagen.«
»Denkst du schon lange darüber nach?«, fragte Víkingur. »Oder ist was passiert?«
»Nicht bei der Arbeit«, sagte Guðrún und brach ganz plötzlich in Tränen aus. »Ich will einfach aufhören. Und wenn ich einen Grund dafür angeben muss, dann ist es wohl der, dass es nicht mit einer Ehe zu vereinbaren ist, Vollzeit zu arbeiten und Kinder großzuziehen.«
»Wer sagt das?«, fragte Víkingur.
»Ich sage das«, antwortete Guðrún. »Es wurde mir gestern Abend mitgeteilt.«
»Jetzt bin ich aber platt«, entgegnete Víkingur. »Will Bergþór etwa auch im Krankenhaus kündigen – oder gilt diese Regel nur für Frauen?«
Als Antwort auf die Sorgen der heutigen Zeit hat die Wohlstandsgesellschaft billige Papiertaschentücher in handlichen Verpackungen produziert, damit sich die Bewohner der westlichen Welt auf kultivierte Weise die Tränen aus den Augenwinkeln tupfen können, anstatt sich in die Hand zu schnäuzen und mit dem Ärmel über die Augen zu wischen. Víkingur zog unauffällig seine Schreibtischschublade auf, in der Hoffnung, ein Päckchen Taschentücher vorzufinden, griff ins Leere, erinnerte sich jedoch daran, dass im Verhörzimmer immer genug Vorrat vorhanden war.
»Hör zu«, sagte er. »Wir müssen reden. Bleib mal kurz sitzen, ich hole uns einen Kaffee.«
Als er wiederkam, lehnte Guðrún den Kaffee ab, nahm aber die Taschentücher entgegen, und es gelang ihr, die Tränen eine Weile zu unterdrücken. Víkingur setzte sich auf den Stuhl neben sie und lauschte ihrem Bericht vom gestrigen Abend. Als das Telefon klingelte, behauptete er, beschäftigt zu sein, und verlangte, in der nächsten halben Stunde nicht gestört zu werden.
»Ich verstehe ja, dass das eine schwierige Lage für dich ist«, sagte er. »Ihr braucht Zeit, um euch über die Situation klar zu werden.«
»Ich hab mich entschieden«, entgegnete Guðrún.
»Was den Job angeht«, sagte Víkingur, »finde ich es ein bisschen voreilig, heute zu kündigen. Du kannst dir natürlich so lange wie nötig frei nehmen, aber am liebsten wäre mir, wenn du die Sache erledigst, über die wir eben gesprochen haben. Du kannst dir deine Arbeit frei einteilen, aber wir können nicht komplett auf dich verzichten, vor allem nicht so unerwartet. Du brauchst Zeit, um nachzudenken, aber wir müssen diesen Fall abschließen, und du bist dafür zuständig. Darauf kann ich mich doch verlassen, oder?«
»Ich höre auf. Mein Entschluss steht fest.«
»Das musst du natürlich selbst entscheiden. Aber es ist eine wichtige Entscheidung; du musst sie irgendwann fällen, aber ich möchte, dass du dir etwas Zeit lässt. Wenn man meint, unbedingt sofort etwas in die Wege leiten zu müssen, ist das ein unverkennbares Zeichen dafür, dass es vernünftiger wäre, es nicht zu tun.«
Sie schaute auf und blickte ihn an.
Víkingur bemerkte, dass ihre Wimperntusche gar nicht verlaufen war. Ob es endlich gelungen war, tränenfeste Maskara herzustellen?
»Das hast du dir bestimmt gerade ausgedacht«, sagte sie und versuchte zu lächeln.
»Ja«, sagte Víkingur. »Aber es stimmt trotzdem. Ich schlage vor, du nimmst dir für den Rest des Tages frei. Bist du mit dem Auto hier oder soll ich dich nach Hause fahren?«
»Ich hab zu Hause nichts zu tun«, erwiderte sie. »Zu Hause ist niemand. Darf ich noch einen Moment hier sitzen bleiben und wieder zu mir kommen?«
Und dann fing sie wieder an zu weinen.
Mensch zu sein ist schwer, dachte Víkingur. Aber Frau zu sein ist noch schwerer. Das muss ich mal Gott weiß wo gelesen haben. Aber Frauen können wenigstens weinen.
Am schlimmsten fand er, dass sie das Schluchzen unterdrückte und lautlos weinte. Er wollte sie in den Arm nehmen, aber das wäre unangebracht. Er war ein Mann. Sie war eine Frau. Und er war ihr Vorgesetzter.
Er legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. Eine innigere Berührung wäre anstößig gewesen.
Dagný Axelsdóttir, Kriminalkommissarin in der R3-Gruppe, war Randver Andrésson, dem Assistenten des Hauptkommissars, in vielerlei Hinsicht zugetan, aber tief im Inneren glaubte sie, dass es sowohl ihr Können als auch ihre Produktivität einschränkte, sämtliche Entscheidungen von diesem bedächtigen Streber oder altmodischen Chauvi, je nachdem, wie man es sehen wollte, absegnen zu lassen.
»Nur damit das klar ist«, sagte sie, »ich finde, wir sollten die Samthandschuhe ausziehen und diesen Idioten in die Mangel nehmen, bis er gesteht.«
»Wir haben nun wirklich genügend Geständnisse von ihm«, sagte Randver. »Immerhin hat er schon dreimal gestanden.«
»Ja, aber dann macht er jedes Mal einen Rückzieher, wenn wir anfangen, nach der Leiche zu suchen. Ich hab langsam den Eindruck, er legt zum Spaß ein Geständnis ab, wenn er mal wieder raus an die frische Luft möchte.«
Sie sprachen über Sveinbjörn Ragnarsson, der am selben Morgen in Tränen ausgebrochen war, als ein Polizeitrupp auf seine Anweisungen hin begonnen hatte, nach der Leiche seiner Frau zu suchen. Noch am Tag zuvor hatte er unumwunden zugegeben, seine Frau erwürgt und ihre Leiche in einem halbzerfallenen Bunker am Öskjuhlíð versteckt zu haben. Er hatte behauptet, seine Frau sei bedauerlicherweise selbst schuld daran, da sie plötzlich schimpfend und prügelnd auf ihn losgegangen sei, er ihr Nase und Mund hatte zuhalten müssen und dabei ein bisschen zu fest und zu lange zugedrückt habe.
»Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Wahrheit eher aus ihm herausbekommen werden, wenn wir ihn mit großem Trara verhören«, sagte Randver. »Eigentlich glaube ich, je weniger wir uns um ihn kümmern, desto mehr hat er das Bedürfnis, uns zu erzählen, was passiert ist.«
»Das sehe ich anders«, erwiderte Dagný. »Es geht ja gar nicht darum, ein Riesentheater zu veranstalten, aber dieser Mann ist so verlogen, dass wir ihm klarmachen müssen, dass wir es ernst meinen, wenn wir ein echtes Geständnis von ihm wollen – falls wir überhaupt noch eins brauchen. Denn eigentlich haben wir schon so viele Beweise gegen ihn in der Hand, dass wir sein Geständnis gar nicht mehr benötigen; das Blut in der Wohnung, das Blut im Auto, das Blut auf seiner Kleidung. Das hast du ihm ja auch schon einige Male erklärt.«
»Aber wir brauchen natürlich ein echtes Geständnis, und dazu wird er uns die Leiche zeigen müssen. Das Blut allein beweist gar nichts. Wir wissen noch nicht mal, ob es überhaupt von der Frau stammt«, sagte Randver. »Sie ist verschwunden, und auch wenn alle Umstände und gesunder Menschenverstand darauf hinweisen, dass Sveinbjörn sie getötet und ihre Leiche versteckt hat, reicht das vor Gericht nicht. Die haben andere Maßstäbe. Erstens müssen wir beweisen, dass die Frau wirklich tot ist, zweitens, dass sie ermordet wurde, und drittens, dass Sveinbjörn der Mörder ist. Falls die Leiche nicht auftaucht, ist es verdammt schwer zu beweisen, dass sie nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Mir ist nur ein Mordfall in Island bekannt, bei dem ein Urteil ausgesprochen wurde, obwohl man die Leiche nicht gefunden hat. Das war der Geirfinnur-Fall, und ich habe wirklich kein Interesse daran, dass sich bei einem meiner Fälle dieses Chaos wiederholt. Es ist alles eine Frage der Geduld.«
Dagný schaute ihren Vorgesetzten an und dachte:
Diese Trantüte wäre bei der Verkehrspolizei besser aufgehoben, da könnte er sich mit Rasern herumschlagen. Laut sagte sie: »Okay, und was machen wir jetzt?«
»Bezüglich des Falls?«, fragte Randver.
Dagný konnte sich nur mit Mühe und Not ein Seufzen verkneifen.
»Ja, bezüglich des Falls, über den wir gerade sprachen.«
»Wir machen gar nichts«, sagte Randver. »Die Zeit arbeitet für uns.«
»Kann schon sein«, meinte Dagný. »Das ›Abendblatt‹ aber nicht. Sie schreiben, ein des Mordes verdächtiger Mann nehme die Polizei auf die Schippe.«
»Na und?«, entgegnete Randver. »Diese ehrenwerte Zeitung hat schon ganz andere Lügen verbreitet.«
Als Hauptkommissar Víkingur Gunnarsson sich für die Beförderung von Randver Andrésson zu seinem Assistenten eingesetzt hatte, protestierte nur eine einzige Person gegen diesen Plan. Das war Randver selbst.
»Mir gefällt’s gut da, wo ich bin«, sagte er. »Manchmal habe ich sogar das Gefühl, meinen Job einigermaßen vernünftig zu machen. Warum sollte ich mir mehr Stress aufhalsen?«
»Du musst dir mehr Stress aufhalsen, um mich zu entlasten«, sagte Víkingur. »Wer Lasten schultern kann, sollte es auch tun. So einfach ist das.«
Víkingur wusste, dass nicht mangelnder Ehrgeiz oder Gleichgültigkeit die Gründe dafür waren, dass sich Randver nicht um eine Beförderung bemühte. Randvers Ehrgeiz war nicht auf Beförderungen ausgerichtet, sondern darauf, seine Arbeit so gut wie möglich zu machen und vor allem immer gewissenhaft die ihm gesetzten Regeln zu befolgen. Aufgrund dieses Ehrgeizes bewertete er ständig seine eigene Leistung und machte sich Gedanken über Dinge, die nach Meinung der meisten anderen weder in seiner Macht lagen noch in seinen Aufgabenbereich fielen.
»Dagný findet mich furchtbar rückständig. Sie wird immer besser«, sagte Randver. »Sie ist ganz schön dynamisch. Ich bin ja so altmodisch, dass es mir am liebsten wäre, wenn Frauen nicht zur Polizei gehen dürften. Aber weil die Welt nun mal so ist, wie sie ist, finde ich, dass wir uns das, was Frauen vielleicht besser können als wir, zunutze machen und nicht zögern sollten, ihnen mehr Verantwortung zu überlassen.«
»Was können sie denn besser als wir?«, fragte Víkingur.
»Ich weiß auch nicht so genau«, antwortete Randver. »Ich weiß nur, dass meine Briet immer wieder Kleinigkeiten registriert, die ich übersehe, und ohne sie wäre ich schlecht dran.«
»Das gleicht sich bei euch wahrscheinlich aus«, meinte Víkingur.
»Ich hoffe es«, sagte Randver. »Aber ich glaube trotzdem, dass Bríet, wenn’s drauf ankommt, ohne Probleme einen Reifen wechseln könnte.«
»Wenn du die Beförderung annimmst, wird eine Kommissarstelle für Dagný frei«, sagte Víkingur.
»Aber dann muss ich bestimmt zu irgendwelchen verdammten Fortbildungen fahren«, entgegnete Randver. »Und alles Mögliche über Human Resources und Management und Diagramme lernen.«
»Ja«, sagte Víkingur. »Ich wüsste auch nicht, warum dein Leben ein fortwährender Tanz auf Rosen sein sollte.«
»Ich verstehe diese sogenannte Informationsgesellschaft nicht«, sagte Theódór Albertsson, als Guðrún ins Labor der Technischen Abteilung kam. »Über jeden Mist werden Daten gesammelt, aber niemand denkt daran, die Daten zu erheben, die man wirklich braucht.«
»Zum Beispiel?«, fragte Guðrún.
»Zum Beispiel sollte es nicht zu viel verlangt sein, dass die Polizei in einem so kleinen Land Zugang zu den Fingerabdrücken aller Einwohner hat, und außerdem müsste es DNA-Proben jeder einzelnen Person im Land geben«, erklärte Theódór, der genau genommen Polizist im Ruhestand war. Er war zweiundsiebzig Jahre alt, aber anstatt sich als Rentner zur Ruhe zu setzen, hatte er sich bei der Technischen Abteilung, die er zuvor geleitet hatte, als Mitarbeiter einstellen lassen und arbeitete in der Regel halbtags. Fingerabdrücke waren sein Spezialgebiet, und auch für Blutflecke interessierte er sich brennend.
Theódór schimpfte weitet Guðrún war sein besonderer Liebling. Unter seiner Anleitung hatte sie Erfahrung und Routine bei der Untersuchung von Tatorten gesammelt und war zur besten Schülerin geworden, die er je hatte.
»Es war nicht gerade leicht, eine Klinik zu finden, die mir Auskunft darüber erteilen konnte, dass diese Ásgerður eine Blutuntersuchung hatte machen lassen. Und dann die ganze Bürokratie, bis ich die Ergebnisse sehen durfte. Als es endlich so weit war, hat sich herausgestellt, dass nur Werte von Cholesterin, Blutsenkung und so was vorlagen, die uns nicht weiterhelfen. Niemand ist auf die Idee gekommen, die Blutgruppe der Frau zu bestimmen. Aber die Blutgruppe ist genau das, was ich gebraucht hätte. Jetzt müssen wir warten, ob die DNA-Analyse von dem Blut auf dem Brecheisen mit den Haaren, die wir in ihrem Bett gefunden haben, übereinstimmt.«
»Es wird schon alles ans Licht kommen«, sagte Guðrún.
»Ja«, sagte Theódór. »Äußerst brutal: seine Frau mit einem Brecheisen totzuschlagen, selbst wenn die Ehe nicht glücklich war.«
Er musterte Guðrún und sah, dass sie anders war als sonst.
»Hör mal«, sagte er. »Ich hab genug für heute. Du gehst jetzt mit mir zum Rauðarárstígur, und wir trinken einen Kaffee.«
Zum zweiten Mal an jenem Tag erzählte Guðrún, dass ihre Ehe mit Bergþór am Ende sei und sie beschlossen hätte, die Polizei zu verlassen. Diesmal schon, ohne zu weinen.
Theódór hörte zu und unterbrach sie nicht. Er tunkte einen Schmalzkringel in seinen Kaffee und kaute genüsslich. Die Krümel, die in der Tasse zurückblieben, fischte er mit einem Teelöffel heraus.
»Trink deinen Tee«, sagte er, als Guðrún von ihrem Gespräch mit Víkingur erzählt hatte. Sie nahm den letzten Schluck und dachte, wie seltsam, dass beide Personen, denen sie sich anvertraut hatte, Arbeitskollegen waren. Und außerdem Männer. Hatte sie überhaupt noch andere Vertraute?
»Willst du deinen Schmalzkringel nicht essen?«, fragte Theódór.
»Nee, kannst du haben. Ich hab keinen Appetit.«
»Wenn man keine Schmalzkringel mehr mag, hat man ein Problem«, sagte Theódór und griff nach ihrem Teller.
»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, sagte Guðrún. »Ich komme mir so idiotisch vor.«
»Unsinn. Du bist aufgewühlt«, sagte Theódór. »Ist doch normal. Ich glaube, es ist eine instinktive menschliche Reaktion auf Probleme, alles von sich zu schmeißen und weglaufen zu wollen. Vielleicht war es nur so möglich, sich vor Feinden oder wilden Tieren zu schützen. Aber man kann nicht vor allen Schwierigkeiten im Leben davonlaufen. Man darf die Kostbarkeiten, die man über einen langen Zeitraum gesammelt hat, nicht einfach wegschmeißen und fliehen.«
»Welche Kostbarkeiten denn?«, fragte Guðrún. »Mein sogenannter Ehemann kommt mir im Augenblick nicht besonders kostbar vor.«
»Eine Ehe ist kostbar«, erwiderte Theódór. »Ihr habt bestimmt schon einiges zusammen durchgemacht und eure Ehe mühevoll aufgebaut. Dein Job, deine Arbeit ist kostbar. Ich habe niemandem so viel beigebracht wie dir, und du kannst nicht einfach aufhören, ohne dieses Wissen an jemand anderen weiterzugeben. Aber das Kostbarste bist du selbst. Denk daran.«
»Darüber gibt es offenbar geteilte Meinungen«, sagte Guðrún.
»Dein Wert liegt darin, wer du bist und was du tust, nicht darin, ob dein Mann gescheit genug ist, zu Hause zu schlafen. Willst du wirklich keinen Schmalzkringel?«
Als sie ihr Gespräch beendet hatten und aufgestanden waren, tat Guðrún etwas, das sie während der ganzen Jahre, die sie mit Theódór zusammengearbeitet hatte, noch nie getan hatte. Sie umarmte ihn und schmiegte sich an ihn.
Er erwiderte ihre Umarmung, und so standen sie eine ganze Weile reglos im Raum, bevor sie gingen.
Die Bedienung schaute ihnen nach und fand, dass sie trotz des großen Altersunterschieds ein schönes Paar waren.
Der Buchverlag Altúnga residierte in der Straße Síðumúli. Als Erstes kam man in einen kleinen Buchladen, wo die Bücher des Verlags auslagen. Das Büro befand sich hinter dem Laden; ein offener Raum, in dem vier Mitarbeiter auf ihre Computertastaturen einhämmerten oder telefonierten.
Terje fragte nach dem Verleger, und das Mädchen, das am nächsten zur Tür saß und telefonierte, zeigte in eine Ecke des Raumes, wo sich ein abgetrenntes Zimmer befand. An der Tür hing ein Namensschild: Hervar Guðmannsson. Terje klopfte an die Tür, wartete die Antwort aber gar nicht erst ab, sondern öffnete und ging hinein.
Zwei Männer schauten auf und verstummten, als Terje im Türrahmen erschien. Der eine war unverkennbar der Verleger Hervar Guðmannsson; er saß an einem riesigen Schreibtisch vor einer großen Fensterfront. Die Wände waren mit Bücherregalen bedeckt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Schreibtischs saß ein junger Mann in Lederjacke, Jeans und Cowboystiefeln. Sein Gesicht kam Terje bekannt vor.
Er nutzte die Stille, zückte seinen Polizeiausweis, schaute den Verleger an und sagte: »Terje Joensen, Kriminalpolizei. Wir haben vorhin miteinander telefoniert.«
Der Verleger nahm den unerwarteten Überfall gelassen. Er erhob sich, begrüßte Terje mit Handschlag, blickte dann zu dem jungen Mann und sagte: »Entschuldige, Sigurður, aber ich bin mit diesem Mann verabredet und muss mich jetzt um ihn kümmern. Wir kommen im Moment sowieso nicht weiter. Das erste Kapitel geht so noch nicht, aber schreib das Buch erst mal zu Ende, dann lasse ich es redigieren und treffe anschließend eine Entscheidung.«
»Ich soll also das ganze verdammte Buch auf gut Glück schreiben?«, fragte der junge Mann.
»Du bestimmst natürlich selbst, was du tust«, entgegnete Hervar. »Ich verlege auch auf gut Glück Bücher. In dieser Branche gibt es nicht viele Sicherheiten.«
»Und du wagst es trotzdem nicht, es drauf ankommen zu lassen?«, insistierte der junge Mann.
»Es ist in vielerlei Hinsicht eine interessante Idee, die du da hast«, sagte Hervar geduldig. »Aber es kommt auf die Ausarbeitung an. Wir verlegen schließlich Bücher und keine Ideen.«
»Ich kann mit meiner Idee auch woanders hingehen«, erwiderte der junge Mann und stand auf.
»Dein Manuskript ist jedenfalls bei uns willkommen«, sagte Hervar und reichte ihm die Hand.
Sie verabschiedeten sich, und der junge Mann ging hinaus, ohne Terje zuzunicken. Hervar setzte sich wieder und bot Terje den Stuhl gegenüber an. Der Sitz war ganz warm. Der junge Mann hatte wahrscheinlich ziemlich lange dort gesessen.
»Immerhin hat er sich schon ein Pseudonym zugelegt«, sagte Hervar und wies zur Tür in Richtung des jungen Mannes. »Zigur ZigurZZon mit großem Z anstelle von s. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das allein den Verkauf ankurbeln würde.«
»Du hast ihm gesagt, du würdest Bücher und keine Ideen herausgeben«, bemerkte Terje.
