1,99 €
Walter Benjamin: Selbstzeugnisse ist ein bedeutendes Werk des renommierten Philosophen und Literaturkritikers Walter Benjamin. In diesem Buch werden die persönlichen Schriften und Tagebücher von Walter Benjamin präsentiert, die einen tiefen Einblick in seine Gedankenwelt und sein Leben bieten. Benjamin, bekannt für seinen einflussreichen Essaystil und seine tiefgründigen philosophischen Überlegungen, präsentiert in diesem Werk eine Sammlung von Selbstzeugnissen, die sowohl faszinierend als auch bedeutungsvoll sind. Diese persönlichen Dokumente bieten einen einzigartigen Einblick in Benjamins Denkweise und sein literarisches Schaffen. Walter Benjamin: Selbstzeugnisse ist ein wichtiger literarischer Beitrag, der sowohl für Literaturwissenschaftler als auch für allgemeine Leser von großem Interesse ist. Durch die Lektüre dieses Werkes können Leser einen tieferen Einblick in das Leben und die Gedanken eines der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts gewinnen. Diese Sammlung von persönlichen Schriften ist ein unverzichtbares Werk für alle, die sich für die Werke und das Leben von Walter Benjamin interessieren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine Einführung verknüpft die verschiedenen Stränge, indem sie erörtert, warum diese unterschiedlichen Autoren und Texte gemeinsam in einer Sammlung Platz finden. - Der Abschnitt zum historischen Kontext beleuchtet die kulturellen und intellektuellen Strömungen, die diese Werke geprägt haben, und bietet Einblicke in die gemeinsamen (oder gegensätzlichen) Epochen, die jeden Autor beeinflusst haben. - Eine kombinierte Synopsis (Auswahl) umreißt kurz die wichtigsten Handlungen oder Argumente der enthaltenen Texte, damit die Leser den Gesamtumfang der Anthologie erfassen können, ohne wesentliche Wendungen vorwegzunehmen. - Eine kollektive Analyse hebt gemeinsame Themen, stilistische Variationen und bedeutsame Überschneidungen in Ton und Technik hervor, um Autoren aus verschiedenen Hintergründen miteinander zu verbinden. - Reflexionsfragen ermutigen die Leser, die verschiedenen Stimmen und Perspektiven innerhalb der Sammlung zu vergleichen, und fördern so ein tieferes Verständnis des übergreifenden Gesprächs.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 557
Veröffentlichungsjahr: 2017
Books
Diese Sammlung versammelt Walter Benjamins Selbstzeugnisse, um das Kontinuum zwischen Leben, Wahrnehmung und Schrift sichtbar zu machen. Von Curriculum Vitae Dr. Walter Benjamin über Reisetagebücher, TAGEBUCH PFINGSTEN 1911, TAGEBUCH VON WENGEN und VON DER SOMMERREISE 1911 bis zu MEINE REISE IN ITALIEN PFINGSTEN 1912 und MOSKAUER TAGEBUCH 1926/1927 entfaltet sich eine Geographie des Ich. Ihr wird ein anderes Register gegenübergestellt: Protokolle zu Drogenversuchen, HAUPTZÜGE DER ERSTEN HASCHISCH-IMPRESSION, HAUPTZÜGE DER ZWEITEN HASCHISCH-IMPRESSION, PROTOKOLL DES HASCHISCHVERSUCHS VOM 11. MAI 1928, HASCHISCH, CROCKNOTIZEN sowie FRITZ FRÄNKEL: PROTOKOLL DES MESKALINVERSUCHS VOM 22. MAI 1934. Leitmotiv ist die präzisierende Selbstbeobachtung, die sich durch Reise, Erinnerung und induzierte Intensität hindurch bewährt.
Die Auswahl folgt dem Motiv der Schwelle: Bewegung durch äußere Räume spiegelt innere Übergänge. TAGEBUCH MEINER LOIRE-REISE, REISENOTIZEN MAI-JUNI 1931, SPANIEN 1932 und MOSKAUER TAGEBUCH 1926/1927 zeigen Erkundungen, in denen Landschaften zu Formen der Aufmerksamkeit werden. Dem treten die bewusstseinsnahen Protokolle zu Drogenversuchen an die Seite, in denen Wahrnehmung, Sprache und Zeit neu justiert erscheinen. Curriculum Vitae Dr. Walter Benjamin setzt einen nüchternen Fixpunkt im Biographischen. Kuratorisches Ziel ist, den Faden der Selbstprüfung sichtbar zu halten, der Beobachtung, Reiseschreiben und experimentelle Notatkunst verbindet, und so die Vielfalt der Stimmen als Einheit des Ich zu entfalten.
Mit TAGEBUCHNOTIZEN 1938, AUFZEICHNUNGEN 1933-1939 und dem Tagebuch vom siebenten August neunzehnhunderteinunddreißig bis zum Todestag entfaltet sich ein Langbogen der Selbstauslegung unter wechselnden Lebenslagen. Das Reiseschreiben der frühen Stücke, etwa TAGEBUCH PFINGSTEN 1911, VON DER SOMMERREISE 1911 und MEINE REISE IN ITALIEN PFINGSTEN 1912, wird hier durch eine verdichtete, manchmal fragile Notation ergänzt. Ziel dieser Zusammenführung ist, Kontinuitäten und Brüche gleichermaßen lesbar zu machen: wie Beobachtungsdisziplin, Affektökonomie und sprachliche Erfindungskraft einander tragen, sich korrigieren oder in neue Register kippen, ohne die Selbstverantwortung des Schreibens aufzugeben. CROCKNOTIZEN und HASCHISCH fungieren dabei als Scharnier zwischen Erlebnis, Erinnerung und methodischer Versuchsordnung.
Im Vergleich zur isolierten Lektüre einzelner Texte eröffnet die gemeinsame Anordnung einen Resonanzraum, in dem Reisetagebücher und Versuchsprotokolle einander ausleuchten. Hier lassen sich wiederkehrende Verfahren – etwa die Motivführung über Orte, Körperempfindungen und Gegenstände – transversal verfolgen. Dadurch tritt ein praxisnahes Verständnis von Selbstzeugnis hervor: nicht Festschrift des Ich, sondern Übungsfeld für Aufmerksamkeit, Genauigkeit und Wandel. Die Sammlung bietet damit keine Addition, sondern eine Werkstattstruktur, deren innere Übergänge die Lesart prägen. So wird aus heterogenen Stücken ein konzentrierter Zusammenhang, der den Reichtum der Register sichtbar vereint und ihre gegenseitige Prüfung produktiv macht.
Die ausgewählten Texte treten in ein Gespräch über Wahrnehmungsökonomien. TAGEBUCH MEINER LOIRE-REISE führt Flusslandschaft, Brücken und Wege als Leitpunkte eines tastenden Sehens vor. REISENOTIZEN MAI-JUNI 1931 und SPANIEN 1932 variieren dieses Verfahren, indem sie Ortswechsel als Taktgeber für Beobachtung nutzen. Dem antworten HAUPTZÜGE DER ERSTEN HASCHISCH-IMPRESSION und HAUPTZÜGE DER ZWEITEN HASCHISCH-IMPRESSION mit inneren Landschaften: Farben, Töne und Mikrogesten erhalten kartographischen Rang. MOSKAUER TAGEBUCH 1926/1927 kontrastiert damit, indem es Fremdheit und Nähe topologisch verschaltet. So entsteht ein Wechselspiel von Karte und Erfahrung, das Schreibweise ebenso verändert wie Gegenstandsauffassung. Im TAGEBUCH VON WENGEN intensiviert sich diese Methode durch die Höhe, die Perspektiven ordnet und skaliert.
Über die Gattungsgrenzen hinweg kehren Motive wieder: Fenster, Schwellen, Zimmer, Wege, aber auch die kleine Geste der Hand, der Blick auf ein Objekt, das plötzlich Signatur erhält. TAGEBUCH PFINGSTEN 1911 und VON DER SOMMERREISE 1911 erproben eine frühe Disziplin des Sehens, die später in HASCHISCH und CROCKNOTIZEN als Mikrologie innerer Zustände wiederkehrt. Curriculum Vitae Dr. Walter Benjamin stellt eine sichtbare Selbstformulierung bereit, die die Tagebucheinträge befragt und erweitert. Daraus erwachsen moralische Fragen nach Maß, Kontrolle und Hingabe, nach der Verantwortung, Erfahrungen zu prüfen, ohne sie zu verriegeln oder vorschnell zu verallgemeinern.
Ton und Perspektive schalten zwischen lakonischer Notiz, erzählerischer Skizze und phänomenologischer Analyse. Protokolle zu Drogenversuchen, insbesondere PROTOKOLL DES HASCHISCHVERSUCHS VOM 11. MAI 1928, zeigen ein strenges Setting, in dem das Ich zugleich Gegenstand und Instrument wird. Dem gegenüber stehen die Reisetagebücher mit einer beweglichen, dialogischen Beobachtung der Umgebung. FRITZ FRÄNKEL: PROTOKOLL DES MESKALINVERSUCHS VOM 22. MAI 1934 bringt eine zweite Stimme ein, die Beschreibungsweisen spiegelt, prüft und ergänzt. Aus diesen Kontrasten entsteht ein innerer Austausch, der die Reichweite der Selbstbeschreibung testet und methodische Begriffe in situ performativ verständlich macht. So klärt sich, wie Tonlage Erkenntniswege eröffnet.
Subtile Anklänge verstärken diesen Dialog. Beobachtungsweisen, die im MOSKAUER TAGEBUCH 1926/1927 an städtischen Räumen geschult werden, kehren in HAUPTZÜGE DER ZWEITEN HASCHISCH-IMPRESSION als innere Architekturen wieder. SPANIEN 1932 und TAGEBUCH MEINER LOIRE-REISE verhandeln Bewegung als Lernform, die in HASCHISCH in mikrologische Zeitdehnungen umschlägt. TAGEBUCHNOTIZEN 1938 und AUFZEICHNUNGEN 1933-1939 nehmen diese Verdichtung auf, indem sie Erinnerungsfiguren, Gegenstände und Stimmungen variieren. Das Tagebuch vom siebenten August neunzehnhunderteinunddreißig bis zum Todestag bindet solche Motive, ohne sie abzuschließen, und stellt damit eine Form gelassener Unabschließbarkeit in die Mitte der Selbstbeobachtung. Die CROCKNOTIZEN erweitern diesen Fächer, indem sie Beobachtung als instrumentelle Praxis ausweisen.
Heutige Relevanz erwächst aus der exemplarischen Verbindung von Reiseprosa, Tagebuchkunst und Versuchsschrift. Die Sammlung zeigt, wie Aufmerksamkeit organisiert wird: durch Takt, Wiederholung, Unterbrechung und genaue Benennung. Curriculum Vitae Dr. Walter Benjamin, die Reisetagebücher und die Protokolle zu Drogenversuchen bilden eine Schule der Wahrnehmung, die weder romantisiert noch distanziert, sondern Verfahren prüft. Darin liegt ein Angebot an interpretierende Praxis in Literatur, Kulturbeobachtung und Erfahrungsforschung. Die Texte entfalten, wie das Ich sich tastend formt, ohne Authentizität zu behaupten, und wie Sprache zu einem Instrument wird, das Differenzen hält und produktiv macht. So entstehen präzise Modelle des Lesens und Wahrnehmens.
In der kritischen Rezeption gelten diese Selbstzeugnisse als bedeutende Beiträge zur Beobachtungsgeschichte des 20. Jahrhunderts, weil sie Formen der Notation entwickeln, die zwischen Beschreibung und Analyse vermitteln. Reisetagebücher, SPANIEN 1932 und MOSKAUER TAGEBUCH 1926/1927 stehen exemplarisch für eine dichte Praxis der Ortslektüre, während HASCHISCH und die zugehörigen Protokolle für die Erforschung veränderter Bewusstseinslagen maßgeblich wurden. Diese Doppelbewegung hat Diskussionen über Autorschaft, Erfahrung und Ethik befruchtet und methodische Standards in benachbarten Feldern inspiriert. Die Texte werden daher nicht nur als historische Dokumente, sondern als operative Werkzeuge gelesen, die Fragestellungen schärfen und Begriffe klären.
Auf kultureller Ebene haben die Reise- und Versuchstexte vielfältige Bezugnahmen ausgelöst. Künstlerische Projekte der Ortsbegehung, performative Praktiken der Aufmerksamkeit und literarische Formen der Notiz regen sich an Reisetagebücher, TAGEBUCH MEINER LOIRE-REISE und SPANIEN 1932. Wissenschaftliche Diskussionen über Wahrnehmung, Gedächtnis und methodische Selbstbeobachtung greifen auf HASCHISCH, HAUPTZÜGE DER ERSTEN HASCHISCH-IMPRESSION und FRITZ FRÄNKEL: PROTOKOLL DES MESKALINVERSUCHS VOM 22. MAI 1934 zurück. Diese Wirkungen bleiben vielfältig: Sie fördern nüchterne Beschreibungsweisen, ermutigen zur interdisziplinären Kooperation und schärfen das Bewusstsein für die ethische Dimension der Selbstprüfung im Schreiben und Forschen. Zugleich eröffnen sie Wege, Erfahrung politisch, ästhetisch und erkenntnistheoretisch zusammenzudenken.
Langfristig überzeugt die Sammlung durch eine seltene Einheit von Stimme und Verfahren, deren Spannweite vom Curriculum Vitae Dr. Walter Benjamin bis zu den späten Notaten reicht. Sie bietet Ausgangspunkte für präzise Lektüren, die das Verhältnis von Ort, Körper und Wahrnehmung neu ausbalancieren. Indem Reisetagebücher, MOSKAUER TAGEBUCH 1926/1927, TAGEBUCHNOTIZEN 1938 und die Protokolle zu Drogenversuchen nebeneinanderstehen, wird die Vielzahl möglicher Erkenntnispfade sichtbar. Diese Texte wirken als kontinuierliche Herausforderung, Aufmerksamkeit zu schulen und eine Sprache zu erproben, die der Komplexität des Erlebens entspricht, ohne sie zu nivellieren oder in bloße Effekte aufzulösen.
Curriculum Vitae Dr. Walter Benjamin verortet eine Biografie in den tektonischen Verschiebungen vom Kaiserreich über Krieg und Revolution bis zur Auflösung demokratischer Institutionen. Als amtlich klingende Selbstdarstellung steht es mitten in jenen Bürokratien, die Zugehörigkeit, Karriere und Bewegungsfreiheit regulierten. Der Schwerpunkt auf Abschlüssen, Positionen und Kompetenzen zeigt, wie sehr Lebenswege von prüfenden Gremien, Aktenzeichen und Beglaubigungen abhingen. Zugleich lässt das Dokument die sozialen Verwerfungen einer Generation erahnen, deren Bildungsversprechen im Krieg und in wirtschaftlichen Krisen ausgehöhlt wurden. Der Lebenslauf schafft so den institutionellen Resonanzraum, in dem die späteren Reisetagebücher und Notizen ihre Beobachtungen politischer Verdichtung entfalten.
Die frühen Reisetagebücher, insbesondere TAGEBUCH PFINGSTEN 1911, TAGEBUCH VON WENGEN und VON DER SOMMERREISE 1911, sind in einer spätkaiserzeitlichen Gesellschaft angesiedelt, die Freizeit, Mobilität und Bildung als Distinktionsmittel pflegt. Alpenorte, Pensionen und gepflegte Promenaden spiegeln bürgerliche Räume, in denen Nationalstolz, internationale Höflichkeit und soziale Kontrolle koexistieren. Hinter scheinbar harmlosen Szenerien stehen Grenzposten, Zoll, uniformierte Präsenz und die leise Nervosität eines Europa, das in Blockbildungen driftet. Die Notate registrieren Rituale des Reisens – Reservierungen, Speisesäle, Fahrpläne – als Elemente einer Ordnung, die bald unter militärischem Druck zerbrechen wird, und geben der Alltagsbeobachtung eine politische Tiefenschärfe.
MEINE REISE IN ITALIEN PFINGSTEN 1912 bewegt sich zwischen Modernisierung und Tradition. Bahnhöfe, Hafenanlagen und Museumsräume markieren einen Staat auf dem Weg zur technischen Verdichtung, während kirchliche Feste, Prozessionen und städtische Hierarchien die Persistenz älterer Machtformen zeigen. Die Notizen halten die Diskretion von Polizeipräsenz, Passkontrollen und städtischer Ordnungspolitik ebenso fest wie die Ökonomie des Kunsttourismus. In diesem Panorama wird der Reisende Zeuge eines Europas, das in Infrastruktur investiert, aber soziale Spannungen überdeckt. Die Tagebuchform erlaubt, diese Übergänge zu protokollieren: kurze Szenen verdichten geopolitische Lagebilder; kleine Begegnungen lassen die Administration des mediterranen Raums als politisches Gewebe sichtbar werden.
Das MOSKAUER TAGEBUCH 1926/1927 dokumentiert eine Gesellschaft im Versuch, Produktion, Wohnen und Kultur zentral zu planen. Rationierungen, Komitees, Wohnraummangel und Zeremonien politischer Öffentlichkeit bilden die Umwelt der Beobachtung. Der Text verortet seine Wahrnehmung im Zusammenspiel von euphorischen Versprechen und disziplinierenden Routinen: Schlange stehen, Ausweiskontrollen, Sitzungen. Er zeigt, wie die Umcodierung von Arbeit und Freizeit die Wahrnehmung von Straßen, Läden und Theatern verändert. Zugleich protokolliert er Gesprächssituationen, in denen Loyalität, Ironie und Angst koexistieren. Politische Macht erscheint hier nicht nur in Dekreten, sondern in räumlichen Arrangements, Zeitplänen und Blickregimes, die das Alltagsleben fein regulieren.
TAGEBUCH MEINER LOIRE-REISE, REISENOTIZEN MAI-JUNI 1931 und das Tagebuch vom siebenten August neunzehnhunderteinunddreißig bis zum Todestag entstehen unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise. Währungsknappheit, Arbeitslosigkeit und demonstrative Straßengewalt sind Teil der Kulisse, gegen die sich Landschaftsbeschreibungen und Museumsbesuche abheben. In Grenzbahnhöfen verdichten sich Misstrauen und Kontrolle; städtische Plätze werden zu Arenen politischer Massierung. Die Notate registrieren die Prekarität privater Bewegungen: Kassenstände, Umwege, improvisierte Quartiere. Sie machen sichtbar, wie wirtschaftliche Erschütterungen Wahrnehmungsmuster verschieben, Konsumlandschaften ausdünnen und das Reden über Sicherheit, Ordnung und Zukunftsaussichten verändern. Der Reisebericht wird so zur Chronik einer demokratischen Erosion im Modus der Nahaufnahme.
SPANIEN 1932 betrachtet die fragile Reformdynamik einer Republik, die Bildungs-, Agrar- und Kirchenpolitik umstreitet. Plätze, Cafés und Amtsräume wirken als Bühnen kontroverser Aushandlungen, auf denen Hoffnung und Gegengewalt gleichzeitig präsidieren. AUFZEICHNUNGEN 1933-1939 und TAGEBUCHNOTIZEN 1938 verlagern den Blick in das Exilregime: Visa, Bürgen, Registraturen, Polizeivorsprachen. Nach der Zerstörung rechtsstaatlicher Sicherungen in Deutschland wird die Verwaltung des Aufenthalts zum bestimmenden Hintergrundton. Die Notizen sind von der Anspannung permanenter Prüfung geprägt und zeigen, wie sich Politik als Bürokratie, aber auch als Gerücht, Flüsterpropaganda und Reiseunruhe in den Alltag einschreibt. 1938 erscheint als Jahr europäischer Zuspitzung.
Die Protokolle zu Drogenversuchen – HAUPTZÜGE DER ERSTEN HASCHISCH-IMPRESSION, HAUPTZÜGE DER ZWEITEN HASCHISCH-IMPRESSION, PROTOKOLL DES HASCHISCHVERSUCHS VOM 11. MAI 1928, HASCHISCH, CROCKNOTIZEN sowie FRITZ FRÄNKEL: PROTOKOLL DES MESKALINVERSUCHS VOM 22. MAI 1934 – stehen im Spannungsfeld zwischen medizinischer Forschung, Sittlichkeitsdebatten und Polizeipolitik. Innerhalb urbaner Milieus, in denen Vergnügungsgewerbe und Reformhygiene kollidieren, werden Wahrnehmungsexperimente zu politisch sensiblen Praktiken. Das Jahr 1934 akzentuiert die Verschärfung autoritärer Moralpolitik; zugleich beanspruchen die Texte eine wissenschaftlich-protokollarische Nüchternheit. Indem sie die Mikrophysik von Stimmung, Angst und Euphorie festhalten, zeigen sie Macht als Wirkung im Körper und in der Zeitorganisation: ein Gegenstück zur großformatigen Geschichte von Parteien, Fronten und Dekreten.
Curriculum Vitae Dr. Walter Benjamin und die Reisetagebücher entwickeln eine Poetik des Selbstberichts, die das Gelehrten-Ich im Wechselspiel von offiziöser Selbstdarstellung und skizzenhafter Introspektion formt. Der Titelzusatz Dr. markiert eine institutionelle Signatur, doch die Notate bewahren den brüchigen Takt persönlicher Erfahrung. TAGEBUCH PFINGSTEN 1911, TAGEBUCH VON WENGEN und VON DER SOMMERREISE 1911 erproben die kleine Form: Notizen, knappe Dialoge, Ortsnamen als semantische Knoten. Die ästhetische Ökonomie des Weglassens, die Montage heterogener Eindrücke und die Aufmerksamkeit für Übergänge – Türen, Brücken, Fahrpläne – binden Wahrnehmung an Rhythmus. So entsteht ein Bewegungsstil, in dem Erkenntnis an Schritte, Strecken und Zwischenhalte gekoppelt ist.
Die Reiseliteratur der Sammlung reflektiert moderne Medientechnik: Fahrpläne, Kataloge, Museumslegenden, Hotelregister. In MEINE REISE IN ITALIEN PFINGSTEN 1912 und TAGEBUCH MEINER LOIRE-REISE wird das Sehen durch Rahmungen gelenkt, die Institutionen bereitstellen – der Blick lernt anhand von Vitrinen, Stadtgrundrissen und Aussichtspunkten. Gleichzeitig opponieren die Notate den vorgeprägten Pfaden, indem sie Nebenwege, Nebensächlichkeiten und zufällige Gespräche aufwerten. Ästhetisch schlägt sich dies in einer Rhetorik des Umwegs nieder, die den klassischen Leitfaden unterläuft. Das Schreiben gewinnt seine Form aus Karten, Kompassen und Irrtümern; kleine Verschiebungen werden zur Quelle von Erkenntnis und Ironie.
Im MOSKAUER TAGEBUCH 1926/1927 tritt eine Beobachtungsmethode hervor, die ethnografische Nüchternheit mit sensibler Selbstrelativierung verbindet. Der Text sammelt Mikrogesten – Tellergeräusche, Amtsschritte, Blickwechsel – und konstelliert sie zu Bildern einer Gesellschaft im Entwurf. Die ästhetische Entscheidung für das Protokollhafte, für verknappte Szenen statt großer Synthesen, antwortet auf die Unfertigkeit der politischen Lage. Theorie entsteht als Collage von Episoden, in der das Ich als Messinstrument erscheint. Diese Schreibweise schließt Enttäuschung und Faszination kurz, ohne sie durch Sentenz zu versöhnen. Der Erkenntnisanspruch liegt in der Genauigkeit der Übergänge zwischen Satz, Raum und Regel.
Die Drogen-Texte – HAUPTZÜGE DER ERSTEN HASCHISCH-IMPRESSION, HAUPTZÜGE DER ZWEITEN HASCHISCH-IMPRESSION, PROTOKOLL DES HASCHISCHVERSUCHS VOM 11. MAI 1928, HASCHISCH, CROCKNOTIZEN und FRITZ FRÄNKEL: PROTOKOLL DES MESKALINVERSUCHS VOM 22. MAI 1934 – konzipieren Wahrnehmung als experimentelle Variable. Formell werden Rollen verteilt: Versuchsperson, Beobachter, Niederschrift. Die Sprache zielt auf Kalibrierung – Wiederholbarkeit, Zeitmarken, Vergleichsgrößen –, während das Erlebte synästhetisch entgrenzt. Aisthesis wird unter Laborbedingungen befragt, doch der Stil bleibt sensibel für Metaphern, für das Verschieben von Maßstäben. Aus der Spannung von Protokoll und Bildsprache entsteht eine ästhetische Methodik, die das Flüchtige fixiert, ohne es zu banalisieren.
In REISENOTIZEN MAI-JUNI 1931, im Tagebuch vom siebenten August neunzehnhunderteinunddreißig bis zum Todestag, in AUFZEICHNUNGEN 1933-1939 und in TAGEBUCHNOTIZEN 1938 verdichtet sich eine Schreibweise der Krisenjahre: verkürzt, listenhaft, doch aufmerksam für Medienoberflächen – Plakate, Schaufenster, Kinos. Das Fragment wird zum Leitformat, das schnelle Umlagerungen der Umwelt abbildet. Gleichzeitig zeigt sich eine ästhetische Ökonomie der Tarnung: Anspielungen, Kürzel, selbstschutzende Leerstellen. Die Notizen werden zum mobilen Archiv der Gegenwart, das Orte, Geräusche und Aktenwege sammelt. In dieser Ökonomie des knappen Zeichens verschränkt sich Dokument und Essay, Alltagsdetail und geschichtliche Signatur.
SPANIEN 1932 fügt diesem Ensemble eine Studie politischer Theatralität hinzu. Reformforen, Straßengespräche und lokale Rituale erscheinen als Szenen, deren Formen – Rede, Zwischenruf, Schweigen – ästhetisch präzisiert werden. Das Schreiben tastet die Dynamik von Hoffnung und Gegenwehr über Tonlagen ab. Die Reiseskizze wird zu einer Poetik der Performanz demokratischer Möglichkeiten: Stimmen, Körper, Möbel rücken als Requisiten in den Blick. Das Ergebnis ist weder Reportage noch Doktrin, sondern eine meshed texture politischer Erscheinungen. Damit erweitert der Band die Palette von Wahrnehmungsregistern, mit denen das Politische als Form und als Alltag schlechthin erfahrbar wird.
Nach 1945 wurden Curriculum Vitae Dr. Walter Benjamin und die frühen Reisetagebücher zunehmend als Quellen einer verlorenen bürgerlichen Welt gelesen. In Ausstellungen, Lesekreisen und historischer Forschung dienten sie zur Rekonstruktion von Reisegewohnheiten, Bildungswegen und urbanen Höflichkeiten vor der Katastrophe. Zugleich wuchs das Bewusstsein, wie leicht retrospektive Teleologie Wahrnehmungen verzerren kann. Die Texte laden deshalb zu einer vorsichtigen Lektüre ein, die ihr eigenes Wissen um spätere Zerstörungen suspendiert. Der Lebenslauf und die Notate behalten ihren Wert, indem sie Gegenwart als Gegenwart festhalten – eine Haltung, die spätere Generationen zur geduldigen Beschreibung im Angesicht drohender Umbrüche ermutigte.
Das MOSKAUER TAGEBUCH 1926/1927 erfuhr wechselnde Deutungen im Licht sich verändernder politischer Konstellationen. In Phasen der Polarisierung wurde es als Plädoyer gelesen, in Phasen der Ernüchterung als Skepsisprotokoll; nach tiefgreifenden Umwälzungen in Osteuropa verschob sich der Blick auf Alltagsregime, Wohnpolitiken und kulturelle Praxis. Die Stärke des Textes, partikulare Szenen statt Thesen zu bieten, bewahrte ihn vor Vereinnahmung und machte ihn zugleich anschlussfähig. Spätere Lektüren betonten seine methodische Strenge: die Entscheidung für dichte Beschreibung, das offene Ende, das Nebeneinander von politischem Ritual und privater Logistik.
Die Reisetexte von 1931 sowie das Tagebuch vom siebenten August neunzehnhunderteinunddreißig bis zum Todestag, AUFZEICHNUNGEN 1933-1939 und TAGEBUCHNOTIZEN 1938 wurden im Zuge der Beschäftigung mit Migration, Staatenlosigkeit und Flüchtlingsschutz neu gewürdigt. Forschungen zu Visa, Internierung und Grenzregimen fanden in den Notaten eine Mikroperspektive, die Verwaltung als Alltag erfahrbar macht. In Zeiten verschärfter Grenzpolitiken erhielten diese Seiten Aktualität, weil sie die Grammatik von Warteschlangen, Schaltern und Formularen dechiffrieren. Die Texte fungierten zugleich als Gegenmittel gegen abstrakte Debatten, indem sie Biografisches und Politisches unauflöslich verknüpfen und so das Exil als Lebensform verständlich machen.
Die Protokolle zu Drogenversuchen wurden in Phasen medizinischer und kultureller Öffnungen wiederentdeckt, zunächst im Kontext experimenteller Psychiatrie und später angesichts erneuter Forschung zu bewusstseinsverändernden Substanzen. Debatten kreisten um Ethik, Reproduzierbarkeit, Set und Setting sowie um die Frage, inwieweit ästhetische Sprache wissenschaftlichen Wert trägt. HAUPTZÜGE DER ERSTEN HASCHISCH-IMPRESSION, HAUPTZÜGE DER ZWEITEN HASCHISCH-IMPRESSION, PROTOKOLL DES HASCHISCHVERSUCHS VOM 11. MAI 1928, HASCHISCH, CROCKNOTIZEN und das Protokoll von Fritz Fränkel wurden als präzise, nicht romantisierende Versuche gewürdigt. Zugleich blieb die Vorsicht präsent, euphorische Lesarten nicht in unreflektierte Apologien zu überführen.
SPANIEN 1932 gewann in Zeiten europäischer Demokratiedebatten und historischer Aufarbeitungen neue Resonanz. Leserinnen und Leser suchten in den szenischen Miniaturen Hinweise auf die Verletzlichkeit von Reformprozessen und die Bedeutung lokaler Praktiken. Spätere Inszenierungen und Adaptionen griffen die Notatform und performative Sensibilität der Texte auf, um Erfahrungen von Öffentlichkeit unter Druck zu vergegenwärtigen. Insgesamt wurde die Sammlung Selbstzeugnisse als Archiv der Haltung neu gelesen: als Schule der Aufmerksamkeit, die nicht nachträgliche Gewissheiten liefert, sondern die Kompetenz des genauen Sehens trainiert – im Wissen darum, dass Geschichte sich zuerst in der Feinmechanik des Alltags ankündigt.
Ein nüchternes Selbstporträt, das Bildungswege, berufliche Stationen und Arbeitsfelder bündelt. Die knappe Form zeigt, wie Benjamin seine Kompetenzen und Projekte ordnet und nach außen hin strukturiert.
Von den frühen Pfingst- und Sommerreisen 1911 über Italien 1912 bis zu Loire und Spanien in den frühen 1930er Jahren entstehen Momentaufnahmen von Landschaften, Städten und Begegnungen. Beobachtung von Kunst, Alltagsmilieus und Verkehrsformen verbindet sich mit Überlegungen zur Wahrnehmung und Erinnerung. Der Ton schwankt zwischen sachlicher Notiz und essayistischer Miniatur und markiert den Weg von jugendlicher Neugier zu historisch geschärfter Aufmerksamkeit.
Ein Stadt- und Zeitprotokoll, das persönliche Erfahrungen mit der politischen und kulturellen Atmosphäre Moskaus verschränkt. Benjamin tastet Spannungen zwischen revolutionärem Anspruch und Alltag ab und prüft, wie sich Ideen im urbanen Leben niederschlagen.
Der Ton ist zugleich forschend und selbstbeobachtend, geprägt von Faszination, Skepsis und präziser Situationsanalyse.
Laufende Eintragungen, die Arbeit, Beziehungen und äußere Umstände in einer zunehmend unsicheren Zeit festhalten. Die Notate zeigen den Wechsel zwischen Alltagsrhythmus und intellektuellen Projekten sowie die Belastungen durch politische Entwicklungen.
Der Ton verdichtet sich von gelassener Beobachtung zu angespanntem Registrieren, ohne den analytischen Blick preiszugeben.
Fragmentarische Reflexionen, Lektüren und ideenpolitische Skizzen aus Jahren des Umbruchs. Sie dokumentieren Anpassungsversuche, Denkbewegungen und Netzwerkpflege unter prekären Bedingungen.
Der Duktus ist konzentriert, oft aphoristisch, und richtet das Augenmerk auf Verfahren des Notierens als Denkform.
Experimentelle Berichte zu veränderten Bewusstseinslagen, die Wahrnehmung, Sprache, Zeit- und Körpergefühl unter kontrollierten Bedingungen kartieren. Quasi-klinische Protokolle verbinden sich mit literarischen Vignetten, um feine Verschiebungen der Erfahrung sichtbar zu machen.
Die Texte sind gemeinschaftlich beobachtend angelegt und zielen weniger auf Exzess als auf eine Theorie der Erfahrung im Ausnahmezustand.
Die Reisetagebücher und das Moskauer Tagebuch fungieren als mobile Laboratorien der Wahrnehmung: Unterwegs-Sein wird zur Methode, um Umwelt, Bilder und soziale Formen zu prüfen. Die späten Notizen verschieben diesen Fokus auf die Bedingungen des Denkens im historischen Druck.
Zwischen alltäglicher Kleinbeobachtung und theoretischer Abstraktion entsteht ein Dialog: knappe Notate bereiten größere Argumente vor, während Eindrücke als Rohstoff für Begriffsbildung dienen.
Die Drogenprotokolle kontrastieren mit den Reisetexten, indem sie Innenwahrnehmung radikal zuspitzen; beide Stränge teilen jedoch ein präzises Interesse an Schwellenzuständen der Erfahrung. Dadurch erscheinen Stadtgänge, Gespräche und Selbstversuche als Varianten eines empirischen Schreibens.
Ein wiederkehrendes Motiv ist das Protokollieren als Form: ob Curriculum, Reiseeintrag, Tagebuch oder Versuch, stets werden Spuren gesammelt und vergleichbar gemacht. Daraus ergeben sich serielle Lektüren von Orten, Zeiten und Zuständen, die Differenz und Wiederholung gleichermaßen sichtbar machen.
Ich bin am 15. Juli 1892 als Sohn des Kaufmanns Emil Benjamin in Berlin geboren. Meinen Unterricht erhielt ich auf einem humanistischen Gymnasium, das ich im Jahre 1912 mit dem Abschlußexamen verließ. Ich studierte an den Universitäten Freiburg i. B., München, Berlin Philosophie, daneben deutsche Literatur und Psychologie. Das Jahr 1917 führte mich in die Schweiz, wo ich meine Studien an der Universität Bern fortsetzte.
Entscheidende Anregungen kamen mir in meiner Studienzeit von einer Reihe von Schriften, die zum Teil meinem engeren Studiengebiet fern lagen. Ich nenne Alois Riegls »Spätrömische Kunstindustrie«, Rudolf Borchardts »Villa«, Emil Petzolds Analyse von Hölderlins »Brod und Wein«. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließen mir die Vorlesungen des Münchener Philosophen Moritz Geiger sowie des Berliner Privatdozenten für finnisch-ugrische Sprachen, Ernst Lewy. Die Übungen, die der letztere über Humboldts Schrift »Über den Sprachbau der Völker« abhielt sowie die Gedanken, die er in seiner Schrift »Zur Sprache des alten Goethe« entwickelte, erweckten meine sprachphilosophischen Interessen. Im Jahre 1919 bestand ich an der Universität Bern mit dem Prädikat summa cum laude meine Doktorprüfung. Meine Dissertation ist als Buch unter dem Titel »Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik« (Bern 1920) erschienen.
Nach meiner Rückkehr nach Deutschland erschien als erste Buch-Publikation daselbst eine Übertragung der »Tableaux Parisiens« von Baudelaire (Heidelberg 1923). Das Buch enthält eine Vorrede über »Die Aufgabe des Übersetzers«, die den ersten Niederschlag meiner sprachtheoretischen Reflexionen darstellte. Von vornherein ist das Interesse für die Philosophie der Sprache neben dem Kunsttheoretischen vorherrschend bei mir gewesen. Es veranlaßte mich während meiner Studienzeit an der Universität München der Mexikanistik mich zuzuwenden – ein Entschluß, dem ich die Bekanntschaft mit Rilke verdanke, der 1915 ebenfalls die mexikanische Sprache studierte. Das sprachphilosophische Interesse hatte auch an meinem zunehmenden Interesse für das französische Schrifttum Anteil. Hier fesselte mich zunächst die Theorie der Sprache wie sie aus den Werken von Stephane Mallarmé hervorgeht.
In den ersten Jahren nach dem Friedensschluß war meine Beschäftigung mit der deutschen Literatur noch vorwaltend. Als erste der einschlägigen Arbeiten erschien mein Essay »Goethes Wahlverwandtschaften« (München 1924/25). Diese Arbeit trug mir die Freundschaft von Hugo von Hofmannsthal ein, der sie in seinen »Neuen Deutschen Beiträgen« publizierte. Hofmannsthal hat seinen lebhaftesten Anteil auch meinem nächsten Werk geschenkt, dem »Ursprung des deutschen Trauerspiels« (Berlin 1928). Dieses Buch unternahm, eine neue Anschauung vom deutschen Drama des siebzehnten Jahrhunderts zu geben. Es macht sich zur Aufgabe, dessen Form als »Trauerspiel« gegen die Tragödie abzuheben und bemüht sich, die Verwandtschaft aufzuzeigen, die zwischen der literarischen Form des Trauerspiels und der Kunstform der Allegorie besteht.
Im Jahre 1927 trat ein deutscher Verlag mit dem Antrag an mich heran, das große Romanwerk von Marcel Proust zu übersetzen. Ich hatte die ersten Bände dieses Werkes im Jahre 1919 in der Schweiz mit leidenschaftlichem Interesse gelesen und ich nahm diesen Antrag an. Die Arbeit gab den Anstoß zu mehrfachem ausgedehnten Aufenthalt in Frankreich. Mein erster Aufenthalt in Paris fällt in das Jahr 1913; ich war 1923 dorthin zurückgekehrt; von 1927 bis 1933 verging kein Jahr, während dessen ich nicht mehrere Monate in Paris verbracht hätte. Im Laufe der Zeit trat ich zu einer Anzahl der führenden französischen Schriftsteller in Beziehung; so zu André Gide, Jules Romains, Pierre Jean Jouve, Julien Green, Jean Cassou, Marcel Jouhandeau, Louis Aragon. In Paris stieß ich auf die Spuren Rilkes und gewann Fühlung mit dem Kreis um Maurice Betz, seinen Übersetzer. Gleichzeitig unternahm ich es, das deutsche Publikum durch regelmäßige Berichte, die in der »Frankfurter Zeitung« und in der »Literarischen Welt« erschienen sind, über das französische Geistesleben zu unterrichten. Von meiner Übersetzung Prousts konnten vor dem Machtantritt Hitlers drei Bände erscheinen (Berlin 1927 und München 1930).
Die Epoche zwischen zwei Kriegen zerfällt für mich naturgemäß in die beiden Perioden vor und nach 1933. Während der ersten Periode lernte ich auf längeren Reisen Italien, die skandinavischen Länder, Rußland und Spanien kennen. Der Arbeitsertrag dieser Periode liegt, abgesehen von den erwähnten Schriften in einer Reihe von Charakteristiken der Werke bedeutender Dichter und Schriftsteller unserer Zeit vor. Hierher gehören umfangreiche Studien über Karl Kraus, Franz Kafka, Bertolt Brecht sowie über Marcel Proust, Julien Green und die Surrealisten. Der gleichen Periode gehört ein aphoristischer Sammelband »Einbahnstraße« (Berlin 1928) an. Nebenher beschäftigten mich bibliographische Arbeiten. Im Auftrage verfaßte ich eine vollständige Bibliographie des Schrifttums von und über G.Chr. Lichtenberg, die nicht mehr im Druck erschienen ist.
Ich verließ Deutschland im März 1933. Seither sind meine größeren Studien sämtlich in der Zeitschrift des »Institute for Social Research« erschienen. Mein Aufsatz »Probleme der Sprachsoziologie« (»Zeitschrift für Sozialforschung«, Jg. 1935) gibt einen kritischen Überblick über den gegenwärtigen Stand der sprachphilosophischen Theorien. Der Essay »Carl Gustav Jochmann« (a.a.O., Jg. 1939) stellt einen Nachklang meiner Untersuchungen zur Geschichte der deutschen Literatur dar. (In den gleichen Zusammenhang gehört eine Sammlung deutscher Briefe aus dem neunzehnten Jahrhundert, die ich 1937 in Luzern publiziert habe.) Einen Niederschlag von Studien zur neuen französischen Literatur gibt meine Arbeit »Zum gegenwärtigen gesellschaftlichen Standort des französischen Schriftstellers« (a.a.O., Jg. 1934). Die Arbeiten über »Eduard Fuchs, den Sammler und den Historiker« (a. a. O., Jg. 1937) sowie über »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« (a.a.O., Jg. 1936) stellen Beiträge zur Soziologie der bildenden Kunst dar. Die letztgenannte Arbeit sucht bestimmte Kunstformen, insbesondere den Film, aus dem Funktionswechsel zu verstehen, dem die Kunst insgesamt im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung unterworfen ist. (Einer analogen Problemstellung auf literarischem Gebiet geht mein Aufsatz »Der Erzähler« nach, der 1936 in einer schweizer Zeitschrift erschienen ist.) Meine letzte Arbeit »Über einige Motive bei Baudelaire« (a.a.O., Jg. 1939) ist ein Bruchstück aus einer Folge von Untersuchungen, die sich die Aufgabe stellen, die Dichtung des neunzehnten Jahrhunderts zum Medium seiner kritischen Erkenntnis zu machen.
BRIEF:
Skovsbostrand per Svendborg, den 4.7.34 per Adr. Brecht
An das Danske Komité til Støtte for landsflygtige Aansarbejdere z. Hd. des Herrn Prof. Aage Friis Kopenhagen, Solsortvej 62
Sehr geehrter Herr!
Zur Unterstützung und Begründung der Bitte, die ich am Schlusse dieses Briefes an Sie zu richten mir erlaube, gestatte ich mir, Ihnen die folgenden Mitteilungen über mich zu machen:
Im März 1933 habe ich, deutscher Staatsbürger, im 41. Lebensjahr stehend, Deutschland verlassen müssen. Durch die politische Umwälzung war ich als unabhängiger Forscher und Schriftsteller nicht nur mit einem Schlage meiner Existenzgrundlage beraubt, vielmehr auch – obwohl Dissident und keiner politischen Partei angehörig – meiner persönlichen Freiheit nicht mehr sicher. Mein Bruder ist im gleichen Monat schweren Mißhandlungen ausgesetzt und bis Weihnachten in einem Konzentrationslager festgehalten worden.
Von Deutschland habe ich mich nach Frankreich begeben, da ich dort auf Grund meiner vorhergehenden wissenschaftlichen Arbeiten ein Wirkungsfeld zu finden hoffte.
Im folgenden verzeichne ich die wichtigsten Daten meiner Ausbildung und meiner wissenschaftlichen Tätigkeit: Nach Absolvierung des humanistischen Gymnasiums habe ich in Deutschland und in der Schweiz Literaturwissenschaft und Philosophie studiert und im Jahr 1919 in Bern den Doktor der Philosophie mit dem Prädikat summa cum laude gemacht. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland wandte ich mich literaturwissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet des deutschen und französischen Schrifttums zu. Um mir für diese Forscherarbeit die nötigen wirtschaftlichen Grundlagen zu sichern, habe ich nebenher eine regelmäßige Tätigkeit als literarischer Referent für wissenschaftliche Publikationen an der Frankfurter Zeitung sowie am Südwestdeutschen Rundfunk in Frankfurt versehen. Außerdem bin ich gelegentlich Mitarbeiter einiger weniger angesehener Zeitschriften gewesen, die im deutschen Sprachgebiet zwischen 1920 und 1930 erschienen sind. Ich nenne vor allem die Neue Schweizer Rundschau und die Neuen Deutschen Beiträge.
Der Herausgeber der letztgenannten Zeitschrift war Hugo von Hofmannsthal, dem ich in den letzten sieben Jahren seines Lebens freundschaftlich verbunden war und der meinen Arbeiten eine ganz besondere Schätzung entgegengebracht hat. Von meiner Beschäftigung mit dem französischen Schrifttum legt neben kritischen Arbeiten meine Übersetzung des Werkes von Marcel Proust – von der in Deutschland vor dem Umsturz noch zwei Bände (Verlag R. Pieper, München) erscheinen konnten – Zeugnis ab. Daneben habe ich eine Übersetzung der Tableaux Parisiens von Baudelaire (Verlag Richard Weißbach, Heidelberg) erscheinen lassen, die als Einleitung eine umfangreiche Theorie der Übersetzung enthält.
Meine selbständigen wissenschaftlichen Publikationen sind:
Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik (Verlag A. Francke, Bern, 1920)
Ursprung des deutschen Trauerspiels (Verlag Ernst Rowohlt, Berlin, 1928)
Goethes Wahlverwandtschaften (Verlag der Bremer Presse, München, 1924/25)
Daneben nenne ich einen Band philosophischer Reflexionen
Einbahnstraße (Verlag Ernst Rowohlt, Berlin, 1928)
sowie meinen Artikel »Goethe« in der großen russischen Sowjet-Enzyklopädie.
Über einen Sammelband meiner Abhandlungen zur Literaturwissenschaft bestand mit meinem Verleger Ernst Rowohlt ein Vertrag, der in Folge der politischen Umstände nicht mehr zur Ausführung kommen konnte.
In Folge meines eiligen Aufbruchs aus Deutschland ist meine Sammlung der über meine Schriften erschienenen Rezensionen in Berlin zurückgeblieben; eine umfangreiche zusammenhängende Darstellung meiner Schriften, die in der Frankfurter Zeitung erschienen ist, hoffe ich mir noch zu verschaffen und werde ich mir gestatten, Ihnen nachzureichen.
Meine Hoffnung auf Gründung einer selbständigen Existenz in Paris ist leider nicht in Erfüllung gegangen. Nichtsdestoweniger habe ich mir die nötigsten Mittel durch pseudonyme Arbeiten in der Frankfurter Zeitung (gezeichnet Detlef Holz oder K.A.Stempflinger ) eine Zeitlang beschaffen können. Mit dem Ende des Frühjahrs hat sich auch diese Möglichkeit mir verschlossen. Ich habe Frankreich verlassen müssen, da der Aufenthalt für mich dort zu teuer war. In Paris bin ich mit dem, ebenfalls flüchtigen, großen Sammler und Kulturhistoriker Eduard Fuchs übereingekommen, die Grundlinien seiner Lebensarbeit, deren dokumentarisches Material von der Berliner Polizei beschlagnahmt und zum großen Teil vernichtet worden ist, in einer zusammenfassenden und abschließenden Darstellung festzuhalten. Diese Darstellung beschäftigt mich gegenwärtig.
In Dänemark habe ich bei der mir befreundeten Familie Brecht ein provisorisches Unterkommen gefunden. Ich kann aber die Gastfreundschaft der Familie Brecht nur auf kurze Zeit in Anspruch nehmen. Auf der anderen Seite bin ich vollkommen vermögenslos; mein einziger Besitz ist eine kleine Arbeitsbibliothek, die im Hause von Herrn Brecht Aufstellung gefunden hat.
Ich habe mir erlaubt, Ihrem Hilfskomité diese Tatsachen in der Hoffnung zu unterbreiten, daß es Ihnen möglich ist, meine gegenwärtige Lage in etwas zu erleichtern.
Zu jeder weiteren Auskunft stehe ich Ihnen zur Verfügung.
Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Walter Benjamin
11.4.11. Überall in Deutschland werden jetzt die Äcker bestellt. – Man sollte auf der Reise doch nicht seinen schlechtesten Anzug anziehen, denn das Reisen ist ein internationaler Kulturakt: man tritt aus seiner Privatexistenz in die Öffentlichkeit. – Ich las während der Fahrt Anna Karenina: Reisen und Lesen – ein Dasein zwischen zwei neuen aufschluß- und wunderreichen Wirklichkeiten. – Ein Thema: Religion und Natur (Naturreligion). Der Bauer muß religiös sein. Alljährlich erlebt er das Wunder, daß er aussäet und erntet. Dem Großstädter geht mit der Natur vielleicht auch die Religion verloren; an ihre Stelle tritt das Sozialgefühl. –
Das sind einige Gedanken, die ich während der Fahrt dachte. Von Halle bis Großheringen genießt man das Saaletal; dann aber nur Äcker, Äcker, die sich schneiden, heben und senken und dazwischen Dörfer mit der breiten Chaussee.
In Fröttstädt hat man plötzlich das Gebirge vor sich. Es lag in durchsichtigen Nebeln in ganz verschiedenen Höhenabstufungen. Von Waltershausen aus geht die Bahn durch schönen Wald.
Steinfeld überraschte mich schon in Reinhardsbrunn. Von da gingen wir eine viertel Stunde bis zu unserer Pension (Koffer). Der Wirt ist anscheinend ein freundlicher, gemütlicher Mann. Er abboniert die »Jugend« und das »Israelitische Familienblatt«. Im Annoncenteil herrschen Solomonsche u. Fäkeles und Würste und Sederschüsseln. [Diese verwendet man zum Passahfest und sie haben verschiedene Abteilungen für Verschiedenes. So sagt Steinfeld.] Nachmittags gingen wir den Herzogsweg – an der Mühle vorbei zum Wasserfall, zurück an Dorothea-Waldemar-Lottchen-August-Ruheplätzen vorbei durchs Dorf. Immer nach Spittelers Rat: nicht die Natur anglotzend, sondern redend, über Berlin, Theater, Sprachverhunzung. Jetzt mache ich Schluß, um den Plan für morgen mit Steinfeld zu entwerfen.
Das Objekt war friedlich.
Vorpostengefechte mit dem 2 ten Backenzahn oben. Ich hoffe…!
12.4.11. Heute ist Jontew. Eben habe ich in der Hagadda gelesen. – Beim Essen sagt Herr Chariz immer: »Ja, was soll man an Jontew machen« (d. h. kochen) Man sagt nicht: guten Tag, sondern: gut Jontew. Beim Abendbrot stand ein dreiarmiger Leuchter auf dem Tisch. Gott sei Dank wurde nicht Seder gemacht. Es wäre wohl sehr interessant gewesen und es hätte mich vielleicht auch ergriffen aber es wäre mir für mich wie unheiliges Theater vorgekommen. –
Immerhin, heute Abend bin ich in der Weltgeschichte wohl an 500 Jahre zurückgereist.
Regen und Sturm leiteten den Festabend ein. Wir besuchten Salomon und gingen mit ihm spazieren. Wie genießbar die Menschen allein sind. Und draußen, steht man ihnen auch so selbstständig, überlegen und gleichgestellt gegenüber. (Denn eben wo die Worte fehlen, da stellt ein Paradox … u.s.w.)
Heute vormittag schleifte ich meinen Körper über die Seebachsfelsen zum Spießberghaus. Dann war er brav und wir stiegen mitsammt dem Gottlob auf sein bemoostes Haupt. Unten liegt Friedrichroda, gegenüber ein koketter Berg, der seine Spitze schief aufgesetzt hat (novarum rerum cupidus) und die Ebene mit Dörfern u. Höhenbahn. – Als wir nach Friedrichroda hinuntergingen fröhnte St. seinem Hauptvergnügen, Psychologie an harmlosen Objekten zu treiben. Diesmal wars eine Bauernfrau. In der Riege trug sie leider Käse.
Am Nachmittag fand eine Revolte des Objekts statt. Drei Bananen, die sich auf dem Luftwege zu St. begaben, der im Bett lag, zerschlugen seinen Kneifer. Mein Taschenmesser begab sich auf ähnliche Weise unters Bett, wo es am dunkelsten ist.
Der Zahn erließ Amnestie für ein paar Bonbons. Auch sonst führte er sich lobenswert.
13.4.11. Heute war der Abend die Krone des Tages. Morgen fand nicht statt, da wir uns mit Aufgebot aller Kräfte des Willens und des Intellekts von der Notwendigkeit des Aufstehens erst um 9 ¼ Uhr überzeugten. Zum Kaffee gabs Matze und so wird bleiben. Denn gestern war Jontew und wir leben in der Passahwoche. Dann gings zum Abtsberg. Unten lag die Ebene mit Sonne und Wolkenschatten. Bis zu einer Bank marschierten wir; dann zurück und rechts den Wald hinauf zur Schauenburg. Nichtsahnend vorbei an der Alexandrinenruh und der Gänsekuppe. Es handelte sich um den Novellenschluß des Romans, darin um die Landschaft in der Dichtung. Wenn Steinfeld und ich zusammen sind entsteht eine philosophisch-literarische Spannung. – Statt einer Beschreibung, Charakteristik und Statistik des Mittagsbrots (»Was soll man am Jontew machen«) folgt eine solche des Herren des Hauses:
Ein Spießer, der 9 Jahre in Berlin verlebt hat, nicht soviel Takt besitzt mit seinen Gästen ein Gespräch zu beginnen, sondern seine lange Weile durch leise Pfiffe und Räckeln manifestiert. Gutmütig und, was die Umgebung Friedrichrodas anbetrifft, aufschlußreich. – Nachmittags fanden häusliche Szenen im Bett statt; draußen herrliche große Schneeflocken, drinnen wurde Graphologie gesimpelt. Ich sah Briefe von Steinfelds Eltern.
Dann gingen wir, erstanden den Simplizissimus (auf dem Rückweg eine Kokusnuß) in der Richtung des Bahnhofs über Friedrichroda hinaus. Wege und Wiesen waren naß, alles wundervoll frisch. Ein Stück Chaussee durch so eine sanfte Hügellandschaft, die ich sehr liebe, weil Haubinda da lag, dann einen Waldweg hinauf an einem Bergrücken entlang. Da lag eine Schonung: ganz kleine Tannen und größere Sprößlinge voll welker Blätter. Nach dem Regen war ein wundervoller Sonnenuntergang. Friedrichroda lag in Sonnendunst; der Wald war rot überstrahlt und einzelne Zweige und Stämme am Wege glühten.
Aus Wolkengluten erhebt sich neu
Eine junge Welt;
Purpur umsäumte Nebelberge,
Wollen Riesenleiber gebären
die goldenen Ströme brechen sich Bahn,
Fließen aus dichtem Wolkenhimmel
Durch die abendklaren Lüfte
Nieder zu der stillen Erde.
Senken sich in Fels und Äcker,
Glühnde Goldesadern ziehen
Durch der Erde schwere Tiefen.
Morgen wird Herbert kommen.
14.4.11. Heute kam Blumenthal. Das Bild ist geändert. Wir gingen mit ihm spazieren, es gab eine vorübergehende Mißstimmung zwischen Steinfeld und mir; der ganze Weg litt, da wir vorher ziemlich intim verkehrt hatten, unter der Gegenwart eines Dritten. Später, zu Hause, sprach ich mit Steinfeld darüber und hoffentlich gleicht sich alles aus.
Von heute vormittag datiert der bis jetzt stärkste landschaftliche Eindruck der Reise. Wir kletterten an einem Bergmassiv herum, kamen zu mehreren Felsen mit schöner Aussicht und auch zu einem, auf den die Sonne sehr heiß schien, der freie Aussicht auf den Inselsberg und in ein schönes Waldtal ließ. Vorher hatten wir uns immer noch losgerissen, aber hier konnten wir nicht gehen. Wir legten uns hin und blieben eine viertel Stunde. Es war 2¼ Uhr, als wir gingen, um ½ Uhr wurde schon gegessen, Blumenthal kam um 3½». Auf dem Rückweg, der durch den »ungeheuren Grund« führte und unerwartet lang wurde, ging ich schließlich voraus und erreichte Herbert an der Post. –
Am Abend sahen wir wieder, in derselben Gegend wie gestern, einen sehr schönen Sonnenuntergang. Folgende Unterhaltung:
Ich: Gestern abend waren wir spazieren und haben auch Dings gesehen.
Herbert: Was, Dings?
Ich: Na, Sonnenuntergang.
15.4.11. Durch nächtliche Gespräche und morgendlichen Schlaf gehen die Vormittagsstunden verloren. Um 11 Uhr gingen wir heute los und gelangten nach längeren Streitigkeiten auf einen Stein am schroffen Abhange eines Tales. Wir stiegen hinunter und kamen durch ziemlich eiligen Marsch noch zu rechter Zeit zum Essen. Nachmittags Bummel in der Umgegend. Schluß: früh zu Bett. Denn morgen gehts auf den Inselberg.
Ich lege das Tagebuch in Rückblicken an, teils, weil ich erfahrungsgemäß nicht jeden einzelnen Tag zum Schreiben Zeit finde, teils weil der Rückblick schon manches klärt. Also ich beginne mit dem Rückblick auf Weggis. Ort: der Schreibsalon des Hotel Belvédère in Wengen. Links in der Ecke zwei Backfische mit einem etwas albernen Herrn in meinem Alter; sie schreiben eine Karte an ihren Konfirmationspfarrer; draußen im Vestibül ein gespanntes Publikum, worunter sehr viel Kinder, die auf die Vorführungen der musikalischen Medien Prof. Matteo u. Frau Tuoselli (zu verwechseln mit Tosulli!) harren.
Wir reisten über Basel. Um 10 Uhr abends stiegen wir in den italienischen Expreß um, der in einer sehr weiten, einsamen Bahnhofshalle stand. Ein ganz leeres Coupe II schloß der Schaffner für uns auf. Nach ¼ Stunde verließ der Zug die Halle und fuhr in die regnerische, von großen Gaslaternen aufgehellte Nacht hinaus, zwischen Mauern mit Reklameaufschriften. Die Fahrt war schön: Wie von Zeit zu Zeit runde waldige Berge in ganz verschwommenen Umrissen auftauchten. Hier und da Lichter und vor allen Dingen die weißen Landstraßen.
Am nächsten Morgen ein ganz kurzer Aufenthalt an der Luzerner Kurpromenade bei der Musik. Dann im Dampfer nach Weggis. Am Nachmittag ein Spaziergang nach Hertenstein. Papa und ich alleine, denn Crzellitzers und die anderen ruderten. Je heißer die Straße für Papa wurde, um so schöner wurde sie für mich. Man hat, sowie man sich umdreht, den Rigi vor sich. Der schönste Teil der Straße liegt nicht am See, sondern im Hinterland, wo der Weg um einen Hügel biegt.
– Jetzt kommt ein sehr interessantes Intermezzo, da hinter mir Frau Tuoselli, wie ich vermute, (eine Dame in seidener, schwarzer Flitterrobe, genaueres steht noch nicht fest) hereingetreten ist, und ab und zu auf einem Klavier bekannte und wenig berückende Weisen spielt. Hinter das genauere werde ich noch zu kommen suchen. Augenblicklich steht die Dame an der geöffneten Tür (wenn sie es ist?)
Jetzt wieder Weggis: In Hertenstein entdeckte ich »limonade gazeuse«, die mir von da aus auf vielen Spaziergängen als lockende Belohnung vorschwebte. Georg und Crzellitzers fuhren trotz drohenden Gewitters mit dem Boote nach Weggis. Als sie unterwegs waren, brach das Gewitter aus. Sehr beängstigend, mit außerordentlich starken Blitzen. Gelb graue Wolken senkten sich schnell tief an den Bergen und der See bekam Schaumkämme. Der Rückweg war wenig angenehm, da wir große Angst ausstanden; und obwohl wir wesentlich kürzer gingen, kam er mir viel länger vor. Am Sonnabend ging mein Geburtstag ziemlich sang-und klanglos vorüber, da ich die Geschenke schon in Berlin erhalten hatte und Mama auch nicht einmal, wie ich heimlich vermutet hatte, ein kleines Reservegeschenk (einen Füllfederhalter hatte ich mir gewünscht und nicht bekommen) zurückbehalten hatte. Nur Onkel Fritz hatte eine Bonbonniere gestiftet.
Nachmittags waren wir auf dem Bürgenstock. Eine Bergbahn, Hotels, ein langsam steigender Weg am Felsen entlang und dann ein 120 m hoher Fahrstuhl bis auf die Piazza. Anfangs in den Felsen hineingebaut, dann aber ganz frei neben dem Felsen sich erhebend. Von unten sieht die Anlage schwindelnd aus; ist man jedoch drinnen, so fühlt man sich vollkommen sicher; denn erstens bewegt sich der Fahrstuhl in einem starken Eisengerüst und außerdem kann man nicht in die Tiefe sehen. Aber auch oben, auf der Brücke, die vom Ende des Fahrstuhls auf den Felsen führt, fühlte ich mich ganz schwindelfrei. Abstieg. Und der Abend beschwor bei zwei Flaschen Asti eine leise Feierlichkeit herauf.
Sonntag wurde ruhig bei Tolstoi, Burckhardt und lateinischer Formenlehre verbracht. Am Vormittag stieg ich heldenhaft einen heißen Hügel hinan um unter einem Baume einsam ein Buch zu genießen. Und es war schön, wenn das Buch auch nur die lateinische Formenlehre war.
Montag vormittag erblickte ich die Mythen, an deren einen ich noch eine ganz blasse Erinnerung von meinem ersten Aufenthalt in Brunnen her (5 Jahre) bewahrt hatte. Mit anderen hatten wir ein Motorboot gemietet, mit der Absicht zur Felsplatte zu fahren und ein Stück der Axenstraße zu gehen. Es wurde zu spät; und Mama, Georg und ich führten die Absicht am nächsten Tage aus. (Es ist die Dame)
Wir hatten Glück. Wundervoll klar war alles am Nachmittag und auf dem zweiten Platz des Schiffes wurden Jungen und Mädchen von der Volksschule befördert. Ich stand vorn und hörte zu; sehr schön begeistert von den Liedern die sie sangen. Mir fiel ein: Im Volkslied kommt das Volk zum Bewußtsein seiner selbst. Das macht seine mächtige, allgemeine Wirkung aus; das macht es so unsympathisch und falsch, wenn anstatt selbstverständlicher Einfachheit (das einzig durchaus originelle wird wohl meist nur Sprache oder Dialekt sein), ein nationales Protzen sich breit macht.
Am Rütli stiegen die Kinder aus; es war ein Geistlicher (die man überhaupt dort viel sieht) unter ihnen, dessen imposante Dummheit sich unverhüllt in seinem Lächeln offenbarte.
Und an der Teilsplatte stiegen wir aus. Der epische Fluß der Erzählung muß hier unterbrochen werden, durch einen wissenschaftlich getreuen, doch feuilletonistisch erheiternden Modenbericht. So ungefähr stelle ich mir einen Zweig der Familie Eckel vor, die ihre berühmte Alpenfahrt macht. Mann, Frau, Tochter. Das Familienmerkmal – sozusagen – des Mannes war ein Monokel. Im Knopfloch eine Georgine von imposanter Größe. Die Gattin – die Signalstange der Familie, die »Achtung« rief. »Achtung« rief der Hut. Von ganz normalen Dimensionen. Verhältnismäßig normal auch die Labz-Spitzengarnitur. Normal, weil in Mode. Über den Spitzen, auf der angenehmen Wölbung des Hutes jedoch befand sich das Auffallende. Zunächst weiß und seltsam zwischen hell und dunkelrot. Bei näherer Beachtung ein Vogel, ein vollständiger Vogel, der als Bekleidungsstück am Kopf und an den Flügelenden in besagtem merkwürdigen Rot erglänzte. Alles übrige weiß mit Spitzen. Der Ausdruck eines beleidigten Dienstmädchens krönte das ganze. Die Tochter war charakterisiert durch die Mutter. Ebenso dienstmädchenhaft vornehm, ebenso dick, nur noch mit einer fast tragischen Note in einem naiven Lächeln. Dieselbige Familie saß auch auf dem Dampfer, mit dem wir von Flüelen zurückfuhren.
Also zunächst zur Teilsplatte. Was die Platte betrifft, so ist sie von einem Gitter umgeben und von den Füßen 1000der patriotisch oder poetisch durchglühter Waller wohl noch ebener gemacht als Tell sie vorfand. Den Hintergrund schmückt ein Raubtierkäfig, der aber statt Löwen oder Tigern fromme Altarlichter und sterbensblasse Wandgemälde (deren Zeichnung nicht schlecht ist) in seinem schauerlich nüchternen Innern birgt. Hinauf zur Axenstraße. Ein ziemlich steiler Aufstieg brachte mich durch große Anstrengung in meinen gewohnten Wanderzustand, so daß ich nunmehr schnell und leicht die große Straße, die teils eben geht, später sich senkt, verfolgte. Die üblichen großen Bogen der Bergstraßen, vorwiegend einer nach innen. Links die ganz steilen Felswände, die oben an einen tiefblauen Himmel zu stoßen scheinen. Und deutlich sieht man in der größten Höhe schwankendes Gehölz, Laubbäume, leise wehen oder in der großen Schwüle unbewegt stehen. Unten geht, am Rande des Sees, oft durch Tunnel die Gotthardbahn … nach Italien. Über ein halbes Jahr? Der See, den von drüben hohe, zum Teil schneebedeckte Berge einfassen, in leisem, windgekräuseltem Farbenspiel. Wo der Wald sich spiegelt ein märchengoldnes grün, wo die Sonne das Wasser trifft, seegrün, wie von Tang gefärbt. Und den Bergen drüben sieht man geradezu ins Gesicht, d. h. man sieht ihre schroffen Abstürze und Schluchten. Über ihnen erscheinen Wolken, die sich bis Flüelen recht stark verdichten. Die Axenstraße führt durch Tunnel, in denen arme Ansichtskartenverkäufer ihren »Bazar« aufgeschlagen haben. Drei große Fenster sind in den längsten dieser Tunnel gesprengt; unerwartet öffnet sich der See.
Eine ganz starke Wanderstimmung überkommt mich. Als ob ich schon den ganzen Tag gehe, Morgen und Mittag der Sonne erblickt habe. Das machen die Berge; der Himmel über ihnen, der so blau ist und vor allem ihr gewaltiger Linienrhytmus. Sie scheinen wie ewige Weltwanderer, die dahinziehen und wenn man mit ihnen wandert, so glaubt man selber aus Fernen zu kommen.
Bis sich das beruhigt und mäßigt; die ersten Häuser von Flüelen; ein alkoholfreies Restaurant weckt Kulturgedanken; und ein normales Bewußtsein erwacht bei einer Flasche »Limonade gazeuse«. Leider ist sie abgestanden.
Am Mittwoch früh ein entzückender, wenn auch gänzlich rührungsloser Abschied von Franz, Robert und Jete. Franz hat etwas Gravitätisches, Robert ist für sein Alter erstaunlich schelmisch; mehr wohl im Ausdruck als sonst; aber sehr lieb. Jete ist 2 Jahre. Mehr kann man zum Lobe eines Menschen wohl kaum sagen.
Mit dem Dampfboot nach Alpnachstad über den Teil des Sees, den wir noch nicht befahren hatten. Am Bahnhof ein erstes »Abenteuer der Seele«. (Und damit hier ein erstes schüchternes Bekenntnis) Vom Warteraum aus besah ich mir im Korridor Reklamebilder, dabei sah ich ein Mädchen an einer Tür zum Stationsraum lesend, ganz flüchtig, ein rosa Kleid mit schwarzem, glänzendem Gürtel. Sie schien mir sehr hübsch. Wahrscheinlich die Tochter des Stationsvorstehers. Ich streifte sie nur sehr schnell mit dem Blick; denn im gleichen Korridor saßen auf einer Bank zwei ältere Tanten in schwarz. Daher ging ich. Noch zwei Mal besichtigte ich eingehend und aufmerksam die bunten Plakate. Das Mädchen stand noch da, aber ich konnte es nicht ansehen.
Nachher, als der Zug die Station verließ, sah ich sie. Es war ein kurzes Abenteuer der Seele und fand mit diesem Anblick seinen Schluß. Sie war nicht besonders hübsch.
Die Brünigbahn ist schön. Ich genoß die Fahrt mit 2 Schweizer Knaben und mehreren Herrn auf der Plattform des Wagens. Vom Brünig nach Meiringen – Brienz. Mit dem Schiff nach Interlaken. Mit zwei Franzosen (ein älterer Herr und eine junge Dame), deren Gespräch ich zu meiner Genugtuung verstehen konnte, mit der herrlichen Bergbahn von Lauterbrunnen nach Wengen. Was da Erinnerung, was vorübergehender Verdruß oder Genuß sein wird, und gewesen sein wird, weiß ich nicht.
Für den folgenden, am 25 ten hier in Wengen begonnenen Teil dieses Pseudotagebuches trage ich schwere Bedenken. Nur die beständig im einzelnen wechselnden und doch im Grunde sehr ähnlichen Stimmungen der Hochgebirgsnatur sind festzuhalten; noch dazu unter möglichster Ausschaltung der pragmatischen, unwichtigen Begleitumstände. Und diese feinsten Gründe verschiedener Natureindrücke festzuhalten ist schwer und manchmal und für manchen unmöglich. Und vielleicht wird da doch wieder an einzelnen Stellen im pragmatischen, im gewöhnlichen, begleitenden Erlebnis, der einzige Schlüssel und Ausdruck liegen.
Mit leichterem und gleich reizendem kann ich beginnen. Mit dem eindrucksvollen Merkmal des Tages als ich mit meinen Geschwistern 10 Minuten in dem bestrickend kunstgewerblichen Vestibül des Hotels zubrachte und eine Entscheidung der Eltern über die Wohnung erwartete (die imponierenden Blätter der Times und des Matin musternd) und mit dem zweiten Genrebild: Einem tagebuchbeflissenen Jüngling in dem allmählich sich leerenden Schreibzimmer (nur ein vornehmer Herr mit lang ausgezogenem Bart legt seine abendliche Patience) während im erleuchteten Vestibül ein Zauberer seine scharf accentuirten Reden vor dem Publikum hält und bis in meine stille Ecke sendet.
Danach wohnte ich dieser Vorstellung bei, ohne weitere tiefere oder denkwürdige Gefühle, Gedanken oder Erinnerungen daran zu bewahren.
Ein harmlos angelegter Spaziergang des folgenden Vormittags entwickelte sich zu einem etwas längeren Gang, der mit einer Bergtour wenigstens das Ziel und die Anstrengung gemein hat. Man erklomm auf heißen, steilen Hügelrücken und zuletzt auf kurzem braunen, mit Wurzeln durchquertem Waldweg das Lauberhorn, das diese Bemühungen mit einem Ausblick auf Interlaken lohnt.
Es wechselte nun mit ziemlicher Regelmäßigkeit eine Reihe von Tagen der Beschaulichkeit mit solchen, die von mehr oder weniger langen, harmlosen Touren ausgefüllt werden; während die Lektüre der »Anna Karenina«, der »Kultur der Renaissance«, einiger Zeitungsfeuilletons und Vormittage, die in mehr oder weniger bequemer Lage auf dem Waldboden verbracht werden die beschaulichen Tage darstellen. Nicht zu vergessen ein bandwurmartig anwachsender Briefwechsel mit Herbert, so wie auch im übrigen ein mit der Intelligenz von Berlin-W geführter leider reger Briefwechsel, der dadurch nicht interessanter wird, daß die Umstände Veranlassung zu mehrfach wiederholten Schilderungen identischer Urbilder geben. Ferner bringt jeder Tag eine Stunde der Göttin des Examens zum Opfer. Desgleichen jede Nacht ihr einen Traum.
Und nun erst gelangen wir in medias res, wobei die Sache die Alpenwelt darstellt. Da Sinn und Verstand weder für noch gegen eine chronologische Aufzeichnung sprechen, so wähle ich sie. Oder trotzdem. Auch das bleibt dahin gestellt. Denn die Niederschrift eines Tagebuches kostet schon an sich genug geistige Arbeit.
Ich muß also beginnen mit Ausflug und Fahrt in den Jungfrautunnel. Leider ist der Schreibtisch nicht besetzt und am 28 d.M. des Abends setzte ich mein Werk fort.
Die Bahn (eine Bergbahn mit offenen Wagen) geht nach Wengen-Scheidegg und wieder sendet dem rückwärts sitzenden die Bergwelt nur kurze, blendende Grüße. In einer langen, ausgedehnten Menschenkolonne geht’s zu Fuß von Scheidegg nach dem Eigergletscher. 250 m Steigung. Ich berechne immer eifrig Höhengewinnste und Verluste; kann mich geruhsam darüber ärgern daß erworbene 30 m in 1 Min. in einem kleinen Abstieg wieder geraubt werden, bleibe weit hinter den Eltern und dann hinter Nachfolgenden zurück und gelange schließlich recht erschöpft auf die Höhe. Mühsam muß ich eine Übelkeit unterdrücken. Merkwürdig, wie gereizt die Anstrengung mich macht. Auf eine Frage nach meinem Befinden antworte ich fast frech. Die errungene Höhe, die Nähe der Gletscher läßt Mama endlich den zurückgedämmten Wunsch nach einer Fahrt mit der Jungfraubahn wach werden. Sogar Papa wird ergriffen und eine Fahrt nach Station Eismeer beschlossen. Wobei ich ein Opfer meines etwas aufrührerischen Herzens zurückbleiben soll. Sofort stand bei mir fest mit Aufwand aller Diplomatik wenigstens etwas zu erreichen. Und nach ganz kurzem Kampf setzte ich eine Fahrt nach Eigerwand durch. Dora sollte dort mit mir bleiben und der nächste Zug sollte uns zurückbringen.
Noch ist Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Wir verlassen das festungsmäßig düster gebaute Bahnhofs-und Restaurationsgebäude und auf Schuttabhängen hinab zum Eigergletscher. Bald haben wir Schnee unter den Füßen und vor uns Eis und Schneemassen, den Gletscher und eine ziemlich schneefreie braun-schwarze Felswand. Man ist mitten in der Gletscherwelt. Aber das Kulturbewußtsein wird wach erhalten durch zahlreiche Bewunderer am selben Orte, durch eine Eisgrotte mit Eintritt nach Belieben, durch Männer, die angelegentlichst eine Rodelfahrt in Schlitten empfehlen, die gegen eine Gebühr auszuleihen sie gern bereit sind. Rückweg und Fahrt in der Jungfraubahn. Leis, ganz leise enttäuschend. Nur vage Ahnungen der Gletscherwelt stehen dem Fahrgast in einer endlosen, vom elektrischen Licht der Coupees erhellten Tunnelfahrt frei. Und dann der kühle Tunnel, mit etwas satterer Belichtung, wo der Zug hält: Station Eigerwand in bunten Glühbirnen oben an der Wölbung zu lesen. Überrascht und erfreut, doch etwas zu entdecken laufe ich zu, auf den Fleck, wo Tageslicht grüßt. Ein Ausblick, wie viele Ausblicke. Ein Stück Felsenwand, Dunkelheit und 5 m entfernt, noch so ein Loch im Felsen mit eisernem Gitter davor. Ebenso zur anderen Seite. Die Fahrgäste verlaufen sich allmählich; kehren in ihre Coupees zurück. Nicht genug damit: das Schicksal hatte mir noch eine kleine Liebesgabe zugedacht, die ich aber sogleich als solche erkannte und die mich daher nicht sehr ärgern konnte. Zwei junge Damen, die auch auf der Station bleiben wollten, aber durch lockende Schilderungen des Eismeers von dem Bahnbeamten bewogen wurden, im letzten Augenblick einzusteigen. Der Zug fährt ab. Meine Schwester, ich ein Fernrohr … und nach einiger Zeit der Bahnbeamte die einzigen. Wir entwickeln unser Lunch. Der Bahnbeamte schenkt Dora einen Glimmerstein; dann nähert es sich und wir bewundern entflammt nach seinen Weisungen im Fernrohr in plötzlicher Deutlichkeit die Umgegend. Tandlhorn, Schyn Platte, Grindelwald u.s.w. Ich fühle mich zu einer Erkenntlichkeit bewogen; habe aber kein Kleingeld bei mir und helfe mir, indem ich eine Karte kaufe. Hoffentlich gehörte ihm der Stand und wahrscheinlich, da er doch Dora etwas vom Bestande geschenkt hatte. Unter spärlichem Unterhalten mit Dora vergehen die letzten 10 Minuten kalter Einsamkeit, das Lunch geht aus, die letzten Augenblicke; soeben fährt der Zug ein, Abfahrt und Ankunft wieder im Eigergletscher.
Ich will hier nachträglich einiges herausheben und aufheben, da mancherlei und nicht zum wenigsten auch die Schwierigkeit der Aufgabe, eine leise, liebevolle Schilderung auch des Alltages einer Reise, und des gemäßigten, schön bewegten Schwankens und Träumens in Erwartung und befriedigtem Genuß verhindert hat.
Am reichsten an unverhüllten inneren Freuden und beinahe andächtigen Festen war der Aufenthalt am Genfer See. Die erste Berührung aus der Ferne von einem Hochplateau, in dem sich nähernden niedersteigenden Eisenbahnzug. Unten gewahre ich eine leere Tiefe. Wohl wenige oder keine Landschaften im Gebirge gibt es, die eine gleich ruhige, befreite Spannung gewähren, wie der erste weite Ausblick auf die See oder eine große Wasserfläche. Die Eltern orientierten sich und uns an den Aufenthaltsorten ihrer früheren Reise am See. Schloß Chillon, deutlich in der Vorstellung durch bürgerliche Mondscheindrucke suchen wir noch vergebens. Ein farbenvoller Sonnenuntergang spielt schon am Himmel. Wir fahren durch Weinpflanzungen, halten an kleinen Orten mit französischen, zusammengesetzten Namen; die rätselvolle Ferne des Sees ist verdrängt durch das imposante Bild der Badestadt Montreux-Vevey-Territet in der Tiefe. Die Bahn immer zwischen Weinhügeln und ab und zu eine niedrige Mauer oder ein Schloßturm. Bis die Einfahrt mit schamlosen Hotel-Rücken in prassenden Aufschriften das Bild bestauben, aber nicht verdrängen.
Von einem Zimmer-Balkon des Eisenbahnhotels genieße ich in jener durchaus selbstbefriedigten Ruhe nach einer längeren Reise Fortgang und Ende des Sonnenuntergangs. Mir noch unbewußt läßt eine Musikkapelle auf der nüchternen Hotel-Terrasse nach dem Bahnhof hinaus italienische Stimmung entstehen und wachsen.
½ Stunde später gehe ich nach dem Abendbrot auf der Terrasse ein paar Schritt hin und her – nur wenige Schritt, (dann gleich zu Bett) und die Stimmung ist schon da, stark gegenwärtig. Die sehr nüchterne Bahnhofs-Terrasse muß nach dem See zu abfallen und mit Palmen bestanden sein. Die Musik ist durch eine längere Pause unterbrochen und die Luft sehr lind. An den See will ich nicht mehr gehen. Morgen. Ich bin müde und weiß alles, habe ja diese Landschaft schon erfaßt und genieße sie ganz. Und so schließt der Tag. Mit der Aussicht auf morgen, den Überfluß, der kommt ohne ersehnt zu werden.
Dieses »Morgen« stand im Zeichen der Sonne. Ein Gang durch die heiße, helle Stadt. Zuerst hinunter zum See, der liegt unbewegt, blau – die hohe Lage des gegenüberliegen Ufers deckt ein leichter Dunst. Dunst überall, er verwehrt den deutlichen Blick in die Ferne und gibt See und Land eine ebene weite Ruhe. Doch die Sonne vertreibt uns vom Ufer mit der Brüstung und dem Eisengeländer vor dem See und Bäumen, deren Schatten recht tief sich von alle dem Licht absetzt. Zurück zur Stadt. Gegenständlicher wirds in Farbe und Form. 10 Uhr. In der Vormittagshitze formen sich alle Gebäude hell und kantig; das weiße oder gelbe Pflaster sogar strahlt Licht aus. Und doch wieder, gerade durch dies Licht, gerade in dieser Klarheit, märchenhaft seltsam … märchenhaft hell. Ganz verlassene Hotelfassaden, schimmernde Juweliersläden an der Straße … vornehm luxuriös erscheinen sie, als wären sie für sich da. Denn Badepublikum gibt es nicht. Ein dicker Schlächter steht in Hemdsärmeln vor der Tür und ein paar Einheimische beleben die Straßen – oder heben gerade um so deutlicher die Einsamkeit hervor. Die Weinberge, kahle Felsenpartien oberhalb der Stadt erscheinen als die gegenständliche Atmosphäre. Die Straße hat eine Brüstung; darunter sieht man das Geleise der Simplonbahn und manchmal fauchen und poltern Züge drüber hin. Der Weg hat ein Ziel … das Ziel ist Schloß Chillon. Im Burggraben … im früheren Burggraben liegt der Schienenstrang der Simplonbahn. Ich war mißtrauisch diesem Schloß gegenüber … wie allen Schlössern gegenüber seit ich die Wartburg sah … und noch ganz besonders in manchen unklaren Erinnerungen an Mondschein-Romantik. Doch meine Enttäuschung war groß und angenehm. Überall interessant … stellenweise, in den tiefen Felsgemächern ist der Eindruck stark und würdig. Ganz besonders fiel mir in drei Zimmern die neuerdings freigelegte durchaus modern, im geschmacklosen und schönen Sinne wirkende Bemalung auf.
Auf dem Vorderperron der Tram stehend, hoffte ich die Fahrt nach Vevey recht zu erschöpfen. Doch nur bis zu einer Schokoladenfabrik an der Landstraße blieb der Blick frei. Fabrikschluß … ich stand gedrängt in einem Haufen von Arbeitern und Arbeiterinnen, die einen angenehmen, intensiven Schokoladengeruch aus der Fabrik mitbringen. Die Straße geht am See entlang. In bestaubten Gärten, oft hinter grauen Steinmauern, liegen Landhäuser. Auf dem See liegt Dunst. Auf alles drückt die Hitze ihre schwer und hell machende, und in der Ferne lichtdämpfende Hand. Unvermittelt liegt das Aristokratenviertel hinter mir. Jetzt – so denke ich mir die Straßen einer italienischen Landstadt. Eng, mit wenig verlockenden) Blicken ins Innere der Häuser, unsauberen Auslagen, Menschen aus demselben Milieu. Unangenehm sind mir solche Straßen als Kultureuropäer. Sehr interessant, noch mehr, fesselnd, sind sie mir aus individuelleren Gründen. So ganz unvermittelt aus all dem Schatten taucht plötzlich ein Lichterreich auf, blendend wie eine nahe Sonne … der Markt von Vevey. Der weiße, helle Platz mit flüchtig aufgerichteten, braunen, gelben und farblosen Buden strahlt sein Licht zurück auf die umgebenden Häuser, alle ohne bestimmte Färbung, in den feinsten Nuancen von weiß zu leuchtenderem und verwaschenem gelb. Buntes schmutziges Papier liegt massenhaft am Boden. Aus dieser ganzen Lichtfülle aber hebt sich hinten abschließend und beherrschend der fein sanft gebogene, mäßig hohe Mont Pelerin. Dunkle Waldflächen wechseln mit hellen, angebauten Saatfeldern, graue Flecke, Häuser, stellenweise vielleicht kleine Dörfer heben sich heraus. Und in diesem gleichen weißen Ton, der alles beherrscht und alle Farbenpracht, die das Leid wohl sonst entwickeln mag, mildert, spannt sich der Himmel.
Am Nachmittag bringt eine Fahrt auf dem See mir wieder diese seine seltsam ruhige, fast wesenlose und tief beruhigende Erscheinung vor Augen. Gewitterwolken stehen am Himmel, ganz gelb erstrahlt das Wasser an einer Stelle von ihrer Spiegelung, einige bewegtere Schaumwellen erheben sich, aber vergebens erhoffe ich ein kleines stürmisches Abenteuer. Die Ufer liegen klarer zu beiden Seiten. Weiter entfernt von der hochgebirgsartigen französischen Seite, fahren wir an dem hügeligen Lande vorbei, das Schweizer Gebiet ist. Keine bewegte, sondern im wesentlichen eine langsam aufsteigende Linie stellt es dar … die Dörfer am Bergrücken ganz gedrängt in der Entfernung, nehmen bisweilen die sonderbarsten, farbenstärksten Gestalten an.
Auf dem Dampfer sind zwei ungefähr 20jährige Schwestern. Die eine sehe ich am Schiffsende stehen … mit anmutigem, weitem Schwung wirft sie Brot ins Wasser, das die Möwen, die dem Dampfer folgen, schnappen. Darin ist sie ganz vertieft und sichtlich dadurch erfreut. Von allem anderen abgesehen … ein seltenes und liebenswürdiges Schauspiel, selten leider auch auf Reisen, in so natürlicher Beschäftigung einen Erwachsenen eifrig handelnd zu sehen. … O! aber ein sehr feines, ein fein-schönes Gesicht … es läßt sich nicht sagen … um Gotteswillen kein rundweg schönes Gesicht… man denkt an Würde und Hermelin. Sondern bei allem Ernst erscheint die Fähigkeit fein zu lachen, bei aller Gründlichkeit erscheint verborgen glühendes Feuer. Alles lebendig und gar nicht »interessant«. Denn sie hatte sich umgedreht und ich sah nun auch eine schöne Eigentümlichkeit der Kleidung: über einer einfachen weißen Bluse ein dunkler Sammetschlips, groß, frei herunterhängend … wie farbig-stark das wirkt! Das alles die Entdeckung wohl kaum einer Sekunde. Ich wende mich und begegne nach wenigen Schritten ihrer Schwester. Gleich gekleidet, die gleichen hellblonden Locken zu Seiten der Schläfen eng gewunden, gleich große dunkle Augen und dieselbe süße Farbe des Gesichts. Das alles macht mich sehr vergnügt … froh.
