Wanderpfade der Liebe -  - E-Book

Wanderpfade der Liebe E-Book

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Beschreibung

Die blaue Blume und der goldene Topf symbolisierten die Liebe in der Romantik. Wie erfährt ein moderner Mensch diese Zuneigung? Ist die Gefühlsregung noch modern? 21 Autor/innen nehmen die Leser/innen in 10 Prosatexten und 20 Lyrikwerken auf atmosphärische Reisen voller Sehnsucht und Hoffnung mit. Jedem Text wohnt ein Herz inne, das auf Wanderung durch Kunst, Spiel, Natur, Mensch und Maschinen geht. Allererste Annäherungsversuche und Rückblicke aus bereits gesammelten Erfahrungen entführen die Leser/innen in die Tiefen von Unterwasserwelten, über Wälder und Wolken bis zum Mars hinaus.

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Seitenzahl: 239

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Wanderpfade der Liebe. Die blaue Blume und der goldene Topf symbolisierten die Liebe in der Romantik. Wie erfährt ein moderner Mensch diese Zuneigung? Ist die Gefühlsregung noch modern?

21 Autor:innen nehmen die Leser:innen in Prosa und Lyrik auf atmosphärische Reisen voller Sehnsucht und Hoffnung mit. Jedem Text wohnt ein Herz inne, das auf Wanderung durch Kunst, Spiel, Natur, Mensch und Maschinen geht.

Allererste Annäherungsversuche und Rückblicke aus bereits gesammelten Erfahrungen entführen die Leser:innen in die Tiefen von Unterwasserwelten, über Wälder und Wolken bis zum Mars hinaus.

Die Münchner Schreiberlinge sind eine Gruppe freier Autor:innen in und um München. Kennengelernt haben wir uns in Schreibkursen, Leserunden und Buchveranstaltungen und treffen uns seit Anfang 2017 regelmäßig einmal die Woche zum gemeinsamen Austausch, Schreiben und Lesen.

Einige von uns haben bereits Bücher veröffentlicht, andere schreiben nur für sich und genauso vielfältig wie wir sind auch unsere Texte und Genres.

Über Zuwachs freuen wir uns immer!

www.muenchner-schreiberlinge.de

Die Erlöse dieser Anthologie unterstützen den

KulturRaum München e.V..

Kultur ist Nahrung für die Seele. Kultur schafft Zugehörigkeit. Kultur ist der Schlüssel zu einer gelungenen Inklusion in die Gesellschaft. Wir von KulturRaum München wollen, dass Kultur für alle Menschen in München zugänglich ist. Deshalb vermitteln wir gespendete Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen kostenlos an Menschen mit geringem Einkommen. Zusätzlich zur Kartenvermittlung engagieren wir uns mit verschiedenen Projekten für mehr kulturelle Teilhabe für alle in München.

Einfach. Kultur für alle.

www.kulturraum-muenchen.de

Dieses Buch enthält Inhaltswarnungen / Content Notes

auf der letzten Seite gegenüber der Deckelinnenseite.

Siehe auch:https://www.muenchner-schreiberlinge.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Dani Aquitaine

Sonnenzungen

Lidia Kozlova-Benkard

Beste Freunde

Barbara Kloska

Dein volles Herz

Franziska Bauer

Höhenrausch

Jochen Stüsser-Simpson

Kardiothymie und Karditis oder funktionelle frühlingshafte Herzstörung und Entzündung

Lidia Kozlova-Benkard

Herzhunger nach Lyrik

Jürgen Buchholz

Not

Anna-Lena Brandt

Ein Herz läßt sich nicht ignorieren

Tino Falke

Sepia

Andreas Vohburger

Paradise Park

Claire Walka

Maschinenblumenliebe

Jochen Stüsser-Simpson

Auswärtiges Herzspiel

Roxane Bicker

Fraktale

Aimée M. Ziegler-Kraska

Meine Braut

Claudia Windirsch

Du und ich

Marie Wilhelmsen

Über den Wolken

Barbara Kloska

Weißt du eigentlich …

Franziska Bauer

Philemon und Baucis

Matthias Sebastian Biehl

Danke

Matthias Sebastian Biehl

Alles, was dann bleibt, ist Liebe!

Matthias Rothe

Liebe heißt

Kristin Fieseler

Ein fetter Fisch

Barbara Senek

Herz der Fontäne

Andreas Vohburger

Eingefroren

Lucia Herbst

Wiedersehen

Kristin Fieseler

Nur wenn du willst

Sarah Malhus

Herz

Claudia Windirsch

Marie und die Essenz des Lebens

Liubov Falke

Meinem Einzigen

Liubov Falke

Gen neue Ufer

Danksagung

Die Autor:innen

Inhaltswarnungen / Content Notes

Vorwort

Wie versprochen legen die Münchner Schreiberlinge den Leser:innen zum dritten Mal eine Anthologie vor.

ZumThema Liebe in Buchform herrschen kontroverse Meinungen. Umso erfreulicher ist es für uns, den Lesenden 21 Autor:innen zu präsentieren, die sich in 10 Prosa- und 20 Lyrikwerken öffnen und ihre Figuren durch die verschlungenen Pfade der Liebe wandern lassen.

In jedem Text findet sich, wie in der Ausschreibung gefordert, das Wort »Herz«, wobei sich alle Teilnehmenden einig sind, dass bei der Liebe das Herz sowieso nicht fehlen darf.

Die Zusammenarbeit an dieser Anthologie basiert, wie auch schon bei ihren beiden Vorgängerwerken, auf unentgeltlicher Beteiligung allerseits.

Die Verkaufserlöse dieses Buches kommen dem gemeinnützigen Verein Kultur Raum München e.V. zugute.

Dani Aquitaine

Sonnenzungen

Ich schob einen Zweig beiseite und spähte zum anderen Flussufer hinüber. Nie konnte ich sicher sein, ob sie auftauchte. Es kam mir vor, als würde genau diese Unwägbarkeit einen Teil des Reizes ausmachen, der mich täglich vor Sonnenaufgang hierher trieb, wenn meine Sippenmitglieder noch schliefen.

Ich hatte Glück: Sie saß auf den Kieseln und wusch sich die Zehen im eisigen Nass der Isar. Es gab zwei Dinge, die ich an ihr liebte. Das erste waren ihre Füße – oder vielmehr die Hingabe, mit der sie ihre Sohlen von Erde und Staub befreite, bevor sie sie sorgsam mit einem Leinentuch abtrocknete und wieder mit einem Bastband im Leder ihrer Schuhe verschnürte. Das zweite waren ihre dunklen Haare. Sie reichten ihr bis zum Oberschenkel und wehten sanft in der kühlen Brise, die den Fluss herabkam. Strähne um Strähne kämmte sie mit einem beinernen Kamm aus.

Die anderen Frauen, die ich kannte, gaben sich nie solche Mühe; ihre zerzausten Haare bildeten unförmige Gewitterwolken auf ihren Köpfen. Zwar fasste die Angebetete ihre entwirrten Strähnen ebenfalls zu einem Knoten zusammen, aber anders als die Frauen meiner Sippe trug sie ihn wie eine Krone, mit geradem Rücken und erhobenem Kinn. Ihr Körper war klein, doch ihre Glieder kräftig und ihre Haltung aufrecht. Für mich war sie eine Königin, und genauso nannte ich sie in Gedanken. Inzwischen hatte sie ihr Morgenritual vollendet. Anmutig erhob sie sich, legte sich ihren Lederumhang um die Schultern – und blickte ruckartig in meine Richtung. Ich erstarrte und hielt die Luft an. Sie konnte mich unmöglich sehen. Die Farbe meiner abgetragenen Fellweste verschmolz mit dem Dickicht hinter mir, und in meinem Gesicht klebten Staub und Stroh aus dem Nachtlager. Und doch … könnte ich wetten, dass sie mir eben zugezwinkert hatte.

Schlotternd vor Aufregung kam ich bei unserer Siedlung an.

»Wo warst du, du Faulpelz! Das Salz ist angekommen!«, herrschte mich die Oma an. Sie kam aus dem Schatten der Höhle hervorgewatschelt und ließ sich ächzend auf dem morschen Baumstumpf unter der Weide nieder.

Die Oma war das Oberhaupt unserer Sippe, sie führte uns schon seit vielen Jahren mit Weitsicht – und ohne Nachsicht. Ich hatte die runde, runzlige Frau gern, doch wenn ihr Kälte in die Knochen kroch, wurde sie bisweilen bösartig. Dann ließ sie mich ihren Hacklstecken, auch bekannt als zeremonieller Ältestenstab, spüren und schimpfte über Tatsachen, die niemand zu ändern vermochte.

»Herbert!«, wetterte sie beispielsweise über meinen Namen. »Du bist überhaupt kein Herbert! Schau dich an! Ein Herbert ist groß und stark und breit!«

Meine Brüder hätten demnach bessere Herberts abgegeben. Doch die hießen Murg und Joe, denn traditionell erhielten nur die Jüngsten den Namen Herbert, was eine ausgesprochen sorgfältige Familienplanung erforderte. Es war kompliziert. Wie so vieles. Aber ich ließ mich nicht entmutigen. Insgeheim hoffte ich, dass nicht nur Äußerlichkeiten einen Herbert ausmachten und tief in mir, in meinen Gedanken und Ideen, doch ein Kämpfer schlummerte.

Ich beeilte mich, Tante Rosa und Cousine Schnapp je einen Ledersack voll Salz abzunehmen – Frauen, die im Übrigen ebenfalls bessere Herberts abgegeben hätten als ich.

Das Salz war für uns überlebenswichtig, denn nur so waren wir in der Lage, Fleisch zu konservieren. Zweimal im Jahr brach ein Teil der Sippe auf, um es aus den Bergen zu holen; eine lange, gefährliche Unternehmung, die meinen Onkel und seinen Sohn das Leben gekostet hatte. Vor zwei Sommern hatte ich angeregt, ins Gebirge zu ziehen, um näher beim Salz zu siedeln. Die Oma aber hatte die Orakelknochen studiert und uns im Namen der Götter mit rollenden Augen Elend und Untergang beschieden, sollten wir unser Heim aufgeben. Im Nachhinein war ich heilfroh, dass wir am Fluss geblieben waren. Sonst hätte ich die Königin nicht gefunden.

Während ich die Salzsäcke in der Höhle stapelte und später das Fleisch zerlegte und pökelte, das mein Vater von der morgendlichen Jagd mitgebracht hatte, dachte ich an niemand anderen als die Angebetete. Hatte sie mich wirklich angeblickt? Oder trieben mich der Schlafmangel und die Zuneigung zu ihr in den Irrsinn? Wie sah wohl ihre Augenfarbe aus? Wie mochte sie riechen?

Die Oma merkte, dass ich nicht bei der Sache war, mein Fleiß jedoch hatte sie milde gestimmt. »Na, kleiner Herbert, soll ich mal ein paar Rebhuhnknochen für dich und deine Freundin werfen?«

Einen Moment lang blieb mir die Spucke weg. Ich hatte niemandem von der Angebeteten erzählt und doch hatte meine Großmutter mit ihrem unheimlichen Gespür genau ins Schwarze getroffen. »Oma, ich bin nicht klein! Ich bin 16! Ich bin ein Mann!« Immerhin hatte ich zur letzten Tag-und-Nacht-Gleiche meinen Initiationsritus mit Bravour bestanden, eine Woche im tiefsten, dunkelsten, wildesten Teil des Waldes überlebt und war seitdem ein vollwertiges, erwachsenes Sippenmitglied.

»Natürlich.« Die Oma streichelte über meine sandfarbenen Kopfzotteln. »Was wirst du unternehmen, um ihr Herz zu gewinnen?«

Mir blieb selbiges fast stehen. »Nichts!« Die Oma kam auf Ideen. Als hätte ich nur die geringste Chance, in die Nähe der Königin zu gelangen. »Sie wohnt auf der anderen Seite.«

»Des Hügels?«

»Des Flusses.«

Die Oma nickte vor sich hin und schaute so konzentriert in die Ferne, dass sich die Furchen um ihre Augen bis zu ihren schlohweißen Schläfen in die Haut gruben. »In einer Woche ist der längste Tag. Geh zu ihr und beschenk sie.«

»Ich werde es nicht schaffen, in so kurzer Zeit ein Boot zu bauen.«

»Nimm die Furt.«

»Die ist drei Stunden entfernt!«

»Dann lauf früh genug los.«

»Und was soll ich ihr überhaupt schenken?«

Da presste die Oma die Lippen fest zusammen und ließ ihren Hacklstecken mit kräftigen Schlägen auf meinen Rücken hinabsausen. »Du Faulbert! Zu faul zu denken, zu faul zu leben, zu faul zu lieben. Mach, dass du davon kommst, sonst –«

Ich wartete Omas Drohungen nicht ab, sondern floh jaulend in den Wald. Weit lief ich nicht; es dämmerte. Bald würden die ersten hungrigen Wölfe durchs Dickicht streifen, und außer einem Steindolch trug ich keine Bewaffnung bei mir. Ich kletterte zwei Äste in einen Walnussbaum hinauf. Von dort aus beobachtete ich aufmerksam die Umgebung und dachte über die Worte meiner Großmutter nach.

Sie hatte Unrecht. Ich war nicht faul. Ich war bloß feige. Zumindest, was die Königin betraf. Die Oma verstand das Problem nicht: Die Angebetete war ein hinreißendes, anmutiges Wesen und ich … ein Herbert, der nicht mal diesen Namen verdiente. Schlank … na ja, eher schlaksig, mit Händen, die zupacken konnten, und sturmhimmelblauen Augen. So zumindest hatte meine Mama die Farbe immer genannt. Sie war es auch gewesen, die mir eingeschärft hatte, dass das Schicksal nicht von ein paar alten Knochen, sondern allein von uns selbst abhing. Das hatte sie sich aber nur zu sagen getraut, wenn die Oma nicht zugehört hatte.

Eine ganze Weile lang dachte ich nichts. Ich betrachtete die Nebel, die von der nahen Lichtung in den Wald gesogen wurden, und lauschte den hallenden Rufen des Trauerschnäppers. Und dann kam mir der Gedanke: Was, wenn ich es einfach versuche? Was, wenn ich mich kämmte, meine Füße wusch und ihr das allerschönste Geschenk brächte, das der diesseitige Wald zu bieten hatte? Sie könnte mich auslachen. Dann würde ich ihr Isarufer nie wieder betreten. Oder sie konnte mich erwählen. Und ich wäre im Paradies.

Der Mond war aufgegangen, als ich zurück ins Lager schlich und mich im Dunkel der Höhle zwischen meinen Sippenmitgliedern zusammenrollte.

Eine Woche später, am längsten Tag des Jahres, brach ich im Morgengrauen auf. Um vor Nachteinbruch wieder zu Hause zu sein, musste ich jeden hellen Moment ausnutzen. Ich hatte mich von Kopf bis Fuß gereinigt und die Haare, so gut es eben ging, gebändigt. Die Oma hatte meinen Aufbruch mit beifälligem Nicken begleitet, der Vater hatte mir schweigend auf die Schulter geklopft. Im Bündel trug ich Trockenfleisch, ein paar hutzelige Nüsse vom vergangenen Herbst und das schönste Geschenk diesseits der Isar, das ich sorgsam in einige Huflattichblätter gewickelt hatte.

Es war schwül, die Luft am Fluss sirrte und dampfte. Ich lief viele Stunden, bis ich an die Furt kam. Hier lag das Flussbett doppelt so breit vor mir wie zu Hause. Ich nahm mir keine Zeit zu zaudern, sondern packte meine Kleidung in den Ledersack und hob ihn über den Kopf. Dann balancierte ich auf glitschigen Kieseln durch das eisige, klare Nass, das mir bald bis an die Hüfte reichte. Die Strömung zerrte an mir, doch ich gab nicht nach. Wenn ich den Halt verlor, würden mich die Fluten mit sich reißen und meinen Schädel an den Findlingen zerschmettern. Um mich von meiner Furcht abzulenken, konzentrierte ich mich darauf, das Geschenk trocken zu halten.

Zitternd vor Kälte und Anstrengung kam ich auf der anderen Flussseite an. Ein paar Atemzüge lang blieb ich im Kiesbett liegen und ließ mich von der Sonne trocknen.

Der Gedanke an die Königin trieb mich schließlich voran. Eilig verzehrte ich das zähe, salzige Fleisch aus dem Proviant, löschte meinen Durst mit Isarwasser und marschierte den gesamten Weg zurück, den ich morgens am anderen Isarufer entlanggelaufen war. Am frühen Nachmittag vernahm ich Trommeln; ich näherte mich dem Lager des westlichen Stammes. Am längsten Tag herrschte zwar Frieden zwischen allen Sippen im Umkreis, und ich trug nur mein kleines Steinmesser bei mir, dennoch bewies mir ein stetiges Kribbeln im Nacken, dass ich unter Beobachtung stand. Tatsächlich: Einige Minuten später brach ein hünenhafter Mann mit breiten Schultern und schmaler Stirn aus dem Unterholz hervor und baute sich mit verschränkten Armen vor mir auf.

»Warum bist du hier?«

Mein Mund wurde trocken. Zum ersten Mal sprach ich es laut aus: »Ich werbe um eine eurer Töchter.« Ich richtete mich auf und bemühte mich um einen genauso entschlossenen Gesichtsausdruck wie mein Gegenüber. Zu meiner Erleichterung brach der Wächter nicht in Gelächter aus, sondern nickte nur finster, bevor er mir den Weg freigab.

Dennoch bewegte ich mich leise und unauffällig weiter, bis ich die aus Weidengeflecht und Lehm errichteten, geduckten Hütten erreichte. Ich spähte zwischen dem knorrigen Baumstamm einer Linde und einem Holzgestell hindurch, an dem Fleisch zum Trocknen aufgehängt war. Inmitten der Gebäude jagte eine wilde Horde Kinder herum, ein alter Mann saß auf dem Boden und arbeitete an einem Fischernetz.

Da wurde der Lederlappen vor dem Eingang zu einer kleinen Hütte beiseitegeschoben, und sie trat heraus. Meine Königin. Mein Herz hämmerte in meiner Brust, überholte den Takt der rituellen Trommler im Wald. Keine dreißig Schritte von ihr entfernt erkannte ich, wie zauberhaft sie wirklich war. Der warme Ton ihrer makellosen Haut, der Glanz ihrer Haare, die ausnahmsweise offen um ihre runden Hüften wogten, ihre strahlenden Augen – deren Farbton ich noch immer nicht genau festlegen konnte. Doch das würde ich jetzt ändern.

Gleich.

Sofort.

Äh, sobald ich den Mut dazu fand.

Anmutig ließ die Angebetete sich neben dem Alten nieder, um ihm zu helfen. Ich straffte meine Haltung und atmete tief ein.

Ich griff in meinen Lederbeutel, tastete nach dem Geschenk.

Ich – zog mich ruckartig wieder hinter den Baum zurück, denn ein anderer Mann war auf den kleinen Platz zwischen den Hütten getreten: ein wahrer Herbert, muskulös und selbstbewusst. Er verbeugte sich vor der jungen Frau und legte ihr ein Bärenfell vor die Füße. Ich meine, ein richtiges, riesiges Bärenfell! Zottig und muffig und zweifelsohne vom Schenker selbst erbeutet. Der Alte strich anerkennend über den braunen Pelz, das Mädchen nickte huldvoll, doch sobald der Jäger abgezogen war, rollte sie mit den Augen und widmete sich erneut ihrer Arbeit.

Dennoch hatte sein Auftritt meinem Selbstbewusstsein einen empfindlichen Stich versetzt. Ehe ich wieder Mut fasste, begannen die Kinder voll Freude zu kreischen. Sie spritzten förmlich aus dem Weg, als ein Hüne mit einem Baumstamm auf der Schulter ins Lager kam. Ungelogen, ein richtiger, dicker Baumstamm! Den legte er allen Ernstes vor meiner Königin ab, die sich mit gelangweilter Miene bedankte. Meine Arme fühlten sich mit einem Mal weich und kraftlos an. Auch wenn die junge Frau mit dem Geschenk des Hünen nichts anfangen konnte, war die Symbolik klar: Stärke. Mein Geschenk kam mir im Vergleich dazu armselig vor. Sinnlos. Was brauchte die Angebetete? Einen Helden. Jemand, der sie schützte und ihre Zukunft sicherte. Keinen … Spinner. Das Trommeln in meiner Brust ebbte zu einem dumpfen Schmerz ab. Ich schaute zu Boden, erlaubte mir den Anblick meiner Königin keine Sekunde länger, sondern zog mich lautlos zurück.

Die Oma prügelte in meinem Geist mit ihrem Hacklstecken nur so auf mich ein. Angstbert! Angstbert! Angstbert!, skandierte sie in meinem Kopf. Ich stolperte wie in Trance durch den Wald, gelangte zur Isar zurück, folgte ihr flussaufwärts Richtung Furt. Massige Wolkentürme hatten sich vor die Sonne geschoben, doch das brachte keine Abkühlung: Die warme, feuchte Luft drückte auf mich herab, erschwerte mir das Atmen und ließ meine Sicht verschwimmen. Ah, verdammt. Hektisch blinzelte ich die Tränen weg. Es half niemandem, wenn ich mich von einem Bären fressen ließ, den ich aus Selbstmitleid übersehen hatte. Ich atmete durch, gönnte mir einen Moment für eine Bestandsaufnahme. Von Raubtieren fand ich keine Spur, die Isar aber hatte einen schlammigen Grünton angenommen, der Himmel die Farbe von giftigem Greiskraut. Schon schlugen einzelne, dicke Regentropfen auf den Blättern rundum ein. In der Ferne grollte es. Jetzt aber schnell!

Windböen beutelten die mächtigen Baumkronen, trieben mich vor sich her, während mich sturzbachartiger Regen binnen Sekunden durchnässte. Ein Tosen ließ mich aufhorchen. Ich verlangsamte meinen Lauf – und das war gut so, denn nur einen Steinwurf vor mir rumpelte eine Schlammlawine das Hochufer herab, riss Bäume um und Felsbrocken mit sich. Atemlos wartete ich kostbare Minuten ab, ob ein zweiter Erdrutsch folgen würde. Da nichts geschah, wagte ich mich über Gestein und in die Höhe aufragende Baumwurzeln weiter. Da entdeckte ich eine Höhle, die offenbar erst durch die Lawine freigelegt worden war. Es schien verlockend, Schutz darin zu suchen, doch ich musste die Furt überqueren, ehe der Fluss zu reißend wurde. Und da ich weder Bewaffnung noch Jagdwerkzeug bei mir trug, wollte ich nicht längere Zeit in der Höhle ausharren.

Sowie der erste Blitz in die Isar einschlug, bedauerte ich meine Entscheidung. Mein Glaube verbot mir, bei Gewitter draußen herumzulaufen, und, ganz ehrlich: der gesunde Menschenverstand auch. Ich musste mich vom Wasser entfernen, wenn ich überleben wollte. Stolpernd kämpfte ich mich das Hochufer hinauf, durch das Unterholz Richtung Westen, dann durch lichten Wald. Immerhin hatte der Regen nachgelassen.

Und da geschah es: Die Erde begann zu summen, die Luft zu knistern, die Haare auf meinen Armen stellten sich auf wie von unsichtbaren Fäden gezogen. Mit einem gewaltigen, erderschütternden Knall schlug ein Blitz in den freistehenden Kastanienbaum vor mir ein. Schlotternd vor Angst warf ich mich zu Boden und versteckte das Gesicht in den Händen. In meinen Ohren dröhnte der Nachhall des Donners wie die drohende Stimme des großen Gottes. Keine Ahnung, wie lang ich dort lag und betete. Als keine weiteren Donnerschläge folgten und mir mit einem Mal ein unbekannter, würziger Geruch in die Nase stieg, riskierte ich einen vorsichtigen Blick – und vergaß alles um mich herum. Ich wusste, ich frevelte, und konnte doch nicht wegschauen. Sonnenleuchtende Zungen fraßen am geschwärzten Baum, beißende Schwaden strebten, zusammen mit funkelnden Sternschwärmen, den düsteren Abendwolken entgegen. Das musste das verbotene Element sein, vor dem uns die Alten immer gewarnt hatten.

Feuer.

Ohne es zu wollen, hatte ich mich ihm genähert; seine Wärme taugte mir. Als ich jedoch auf einen herumliegenden, orangeflimmernden Ast trat, stach mich die Hitze durch den Schuh, ich hüpfte jaulend auf. In dem Wissen, dass die Götter meine – durch den Anblick des verbotenen Elements – verdorbene Seele ohnehin verschlingen würden, begutachtete ich das Wunder voller Neugierde. Ich stellte zweierlei fest: Der Lehmboden unter dem Feuer wirkte wie versteinert. Und das Eichhörnchen, das offenbar im falschen Baum Schutz gesucht hatte, schmeckte hervorragend. Ich lernte außerdem, dass leichter Wind die Sonnenzungen antrieb, zu viel davon sie aber vernichtete; dass sie Holz, jedoch kein frisches Gras fraßen, und die meiste Hitze in den orange-rot leuchtenden Steinen steckte.

Funkelströme tanzten in den Himmel und die Regenwolken verzogen sich. Es war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Nun, neben meiner Königin versteht sich.

Die Königin! Sie musste dieses Wunder sehen. Denn mit einem Mal war mir klar: Die anderen Bewerber waren nichts als Angeber! Sie wollten zeigen, was sie konnten, wie kräftig sie waren, welch geschickte Jäger. Gefreut hatte sich die Königin weder über das stinkende, für Kleidung zu schwere Bärenfell, noch über den unhandlichen Baumstamm, der den Eingang ihrer Hütte blockierte. Doch ich hatte ihr jetzt etwas Besseres zu bieten als all meine Mitbewerber zusammen. Nur konnte ich sie kaum bitten, den weiten Weg bis hierher mit mir, einem Fremden, auf sich zu nehmen. Ich brauchte eine andere Lösung …

Wieder stand ich bei der alten Linde und beobachtete den Platz zwischen den Lehmhütten. Es war niemand zu sehen. Wo konnten sie sein? Aßen sie in einer der Hütten? Hatten sie für eine Zeremonie einen rituellen Ort aufgesucht? Das Licht war fast verschwunden; wenn die Nacht erst einmal hereingebrochen war, würde die Königin sicher nicht mit mir mitgehen. Es ärgerte mich, dass ich so lange gebraucht hatte – das Feuer war eben ein schwer zu bändigendes Wesen.

Mir blieb beinahe das Herz stehen, als mich jemand am Arm berührte. »Da bist du ja endlich!«, stellte eine sanfte Stimme fest. Ich fuhr herum. Die Angebetete stand vor mir: klein, fein und entschlossen, mit einem Lächeln, das meine Knie weich werden ließ.

»Wa– …? Wie …?« Ich schluckte, sammelte meine Sinne. »Du kennst mich?«

»Natürlich. Und du warst heute morgen nicht am Fluss.« Sie klang vorwurfsvoll.

Alles in mir summte, während ich versuchte, ihre Nähe und die neue Erkenntnis zu verarbeiten. »Ich war auf dem Weg hierher.«

»Hast aber lang gebraucht.«

»Ein Unwetter kam dazwischen.«

Sie zupfte an meinen feuchten Haaren. Ein Grübchen bildete sich in ihrer linken Wange. »Das sieht man. Wo ist mein Geschenk?«

»Es ist leider nass geworden. Aber ich habe noch was Besseres …«

»Zeig mir das nasse Geschenk!«

»Es hat sehr gelitten und ich möchte dich nicht enttäuschen.«

Sie reckte ihr Kinn in die Höhe. »Zeig es mir.«

Umständlich zerrte ich das Huflattichpäckchen aus dem klammen Lederbündel. Die Königin riss es mir beinahe aus den Händen, um es zu öffnen. Dann sagte sie:

»Oh.«

Zu meiner Überraschung war es halbwegs heil geblieben. Die Federn, deren Kiele ich durchbohrt und der Größe nach an ein schmales, aus meinen Haaren geflochtenes Band gehängt hatte, waren ein wenig zerzaust, doch die Königin glättete sie sorgsam. Die Oma hatte beim Anblick des Geschenks entsetzt ihren Stecken geschwungen. »Wenn du ihr deine Haare überlässt, wird sie Macht über dich erlangen!« Omas Warnung hatte mich kalt gelassen – mein Herz gehörte dem Mädchen längst, was juckten mich die paar Haare.

»Welch schöne Kette! Danke dir.« Die Augen der Königin leuchteten. Sie waren braun mit grünen Sprenkeln um die großen Pupillen herum, und von dichten, dunklen Wimpern umgeben.

Ich schloss die Kette in ihrem zarten, nach Freesien duftenden Nacken. »Ich habe die Federn von allen Vögeln gesammelt, die auf meiner Seite der Isar leben.«

Sie wandte sich zu mir um und hob eine Augenbraue. »Ich schätze mal, es sind dieselben Vögel, die auch auf unserer Seite der Isar leben. Die können fliegen, weißt du?«

»Weiß ich. Die Kette zeigt, wie nah wir beieinander sind, auch wenn wir uns nicht erreichen können.«

Da lächelte sie. »Schlau. Romantisch. Und ein bisschen traurig. Wie heißt du eigentlich?«

»Herbert.«

Und sie lächelte noch mehr. Ganz ohne Häme. »Ich bin Walla. Du hast gesagt, du hast noch ein zweites Geschenk?«

Aufregung prickelte in meinem Magen. »Ja! Ich kann es dir nur nicht hier im Lager geben. Wir müssten ein Stück isaraufwärts zu einer Höhle laufen.«

»Du möchtest also, dass ich im Zwielicht mit dir zu einer fremden Höhle gehe, wo du mir etwas zeigen möchtest, das hier keiner sehen darf?« Spöttisch legte Walla den Kopf schief.

Ich spürte, wie mir Hitze in den Nacken stieg. »Ja! Äh, nein, es ist vielmehr so, dass –«

»Gut, gehen wir.«

Hatte ich recht gehört? »Möchtest du niemandem Bescheid geben? Werden sie dich nicht suchen?«

»Großvaters Orakel hat deine Ankunft prophezeit. Er wird sich keine Sorgen machen.«

Obwohl ich nichts lieber tun wollte, als meine Entdeckung sofort mit Walla zu teilen, zögerte ich. »Glaubst du an Prophezeiungen? Bist du sehr religiös? Es kann sein, dass die Götter Ärger machen, wenn du das Geschenk siehst.«

Sie lachte auf, ein weicher, leichter Klang. Ihre warme Hand ergriff fest die meine. »Es wird immer spannender. Komm, lass uns abhauen.«

Im letzten Licht des Tages liefen wir zur Höhle, die der Erdrutsch freigelegt hatte. Walla riss die Augen auf. »Was ist hier passiert?«

»Der Regen hat den Boden aufgeweicht. Ich nehme an, dass ihr an dieser Stelle viel gerodet habt? Der Hang ist herabgerutscht.« Ich half ihr die Steigung hinauf, nicht, weil sie meine Hilfe gebraucht hätte, sondern weil ich es nicht über mich brachte, ihre Hand loszulassen. Wir kletterten in die Höhle hinein. Mehr als ein paar Schritte traute sich Walla aber nicht ins Dunkel.

»Es ist so finster.« Zum ersten Mal an diesem Abend zitterte ihre Stimme.

»Nicht mehr lange.« Ich betete, dass die orange-roten Leuchtsteine noch lebten. Aus Lehm hatte ich eine grobe Schüssel mit dicken Henkeln und einen passenden Deckel mit Löchern geformt. Mithilfe eines Stockes hatte ich sie vorsichtig unter einen auf dem Boden liegenden Ast des Kastanienbaums geschoben, an dem die Sonnenzungen fraßen. Sobald der Topf halbwegs gehärtet war, hatte ich die Leuchtsteine und ein bisschen Holz hineingelegt, den Deckel geschlossen und einen dünnen Ast durch die Henkel gesteckt, sodass ich die Schüssel zur Höhle transportieren konnte.

Meine Hände zitterten, als ich jetzt mit einem Stock den Deckel weghob … Sie waren noch da! Ein paar der heißen Steine waren grau und tot, aber vier leuchteten hypnotisierend vor sich hin. Ich riskierte einen schnellen Blick Richtung Walla, vermochte ihren Gesichtsausdruck jedoch nicht zu erkennen. Eilig legte ich einige Zweige in den Topf, die ich zuvor gesammelt hatte, und blies sacht und stetig hinein. Schwarze Wolken stiegen auf. Ich befürchtete schon, dieses Geschenk ebenfalls verdorben zu haben – da züngelte eine orangefarbene Fahne auf.

»Oh!«, hauchte Walla. Sie hielt die Federkette fest umklammert. »Ist das …«

Ich nickte. »Feuer.«

Nach und nach gab ich den Sonnenzungen mehr zu fressen, bis sie den gesamten Eingangsbereich der Höhle in einem warmen Ton leuchten ließen. Dann trat ich zu Walla, die wie gebannt schien.

»Ich weiß, dieses Licht gehört den Göttern, es ist nicht für uns Menschen gedacht. Wenn du möchtest, vernichte ich es auf der Stelle. Doch ich wollte, dass du es vorher siehst.«

»Nein!«, rief sie. »Wenn du das Zauberlicht gefunden hast, war es auch der Wille der Götter. Es ist wunderschön!« Sie hockte sich hin und streckte die Hand nach den Sonnenzungen aus.

»Sei vorsichtig! Sie beißen.«

Sie schien mich gar nicht zu hören. »Überleg, was wir tun könnten! Wir könnten nachts sehen. Wir könnten uns im Winter wärmen. Wir könnten –«

»Wölfe vertreiben«, ergänzte ich. Ein vorwitziges Exemplar hatte mir bei meinen Experimenten mit den Leuchtsteinen ans Leder gewollt, doch ich hatte rasch gemerkt, dass das Tier mir winselnd auswich, sobald ich mit einem Stock voll Sonnenzungen auf es losging. »Und Eichhörnchen schmecken auch besser, wenn man sie vor dem Servieren auf die orangefarbenen Steine legt.«

Walla verzog gespielt angewidert das Gesicht. »Du isst Eichhörnchen? Du Wilder!«

»Es war zur falschen Zeit am falschen Ort.« Ich zuckte mit den Schultern. »Und ich war hungrig. Und es war gut.«

Walla lachte laut auf. Der Schein des Feuers tanzte fröhlich in ihren Augen. Sie fütterte voll Hingabe das Zauberlicht mit Zweigen, unterdessen ging ich rückwärts, um mich ein paar Schritte weiter im Höhleninneren auf einen Felsen zu setzen. Der Erschöpfung des langen Tages zerrte an meinen Gliedern. Ich hatte nur Augen für die Liebste und die Begeisterung, die mein Geschenk in ihr hervorgerufen hatte, deswegen merkte ich zuerst nicht, worüber ich stolperte.

Es war nicht der lange Knochen, der meine Aufmerksamkeit auf sich zog, sondern die Farbe des Leders, das daran hing. Ich sah genauer hin. Nein, es handelte sich um ein anderes Material, war weicher, feiner und doch kein Fell. Vor allem aber war es blau, leuchtend wie der Himmel an einem sonnigen Herbsttag, und es waren zwei Riemen daran befestigt, offenbar, damit man es wie eine Art Beutel verwenden konnte. Sowie ich die unwirklich-bunte Tasche hochhob, plumpste ein flaches, viereckiges Ding heraus, so groß wie zwei Hände. Es glänzte schwarz wie eine Pfütze bei windstiller Nacht und fühlte sich hart und kühl an. Was für ein seltsamer Tag. Beim besten Willen konnte ich mir nicht erklären, was es mit dem Ding auf sich haben mochte. Ich drehte es in den Händen, da schoss auf einmal Helligkeit aus der Oberfläche und meine Fingerspitzen prickelten wie vor dem Blitzeinschlag.

Erschrocken ließ ich das Viereck fallen. Sowie es den Kontakt zu meiner Haut verlor, verdunkelte es sich wieder. Es war auf dem Nicht-Leder-Beutel gelandet und obwohl mir ein ungutes Gefühl den Magen zusammendrückte, nahm ich das Ding erneut hoch. Diesmal war ich halbwegs darauf gefasst, es durch meine Berührung zum Leben zu erwecken. Es vibrierte, prickelte und leuchtete. Im