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In "Warenhaus Groß & Comp." entführt uns Auguste Groner in die faszinierende Welt des aufkommenden Konsumzeitalters, das von gesellschaftlichen Umbrüchen und wirtschaftlichen Veränderungen geprägt ist. Der Roman verbindet packende Charakterstudien mit einer scharfsinnigen Beobachtung der sozialen Dynamik im urbanen Raum. Groners literarischer Stil, der durch eine präzise, oft poetische Sprache besticht, schafft es, die komplexe Psyche ihrer Protagonisten eindringlich darzustellen und gleichzeitig die Atmosphäre einer Zeit des Wandels einzufangen. Die Verflechtung von Individuum und Gesellschaft bildet das Herzstück dieser fesselnden Erzählung, die sowohl unterhaltsam als auch zum Nachdenken anregt. Auguste Groner, geboren 1850 in Wien, war nicht nur eine bedeutende Autorin, sondern auch eine Wegbereiterin für die Rolle der Frau in der Literatur und der Gesellschaft. Ihre Werke spiegeln häufig den sozialen Kontrast und die Herausforderungen ihrer Zeit wider. Mit "Warenhaus Groß & Comp." thematisiert sie die Widersprüche des modernen Lebens und die sich verändernden Werte, die Frauen und Männer aufgrund der neuen wirtschaftlichen Realität zu bewältigen hatten. Dieses Buch ist eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der ein tieferes Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts gewinnen möchte. Groners kluge und feinsinnige Betrachtung der menschlichen Natur macht "Warenhaus Groß & Comp." nicht nur zu einer erzählerischen Perle, sondern auch zu einer wichtigen Reflexion über den menschlichen Zustand in einer sich wandelnden Welt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Im gleißenden Licht eines Warenhauses zeigt Auguste Groner, wie der Zauber des Kaufens, die Hierarchien der Arbeit und die Sehnsucht nach sozialem Aufstieg miteinander ringen und die Frage zuspitzen, ob Menschen im Räderwerk der modernen Geschäftswelt noch frei handeln oder längst von Blicken, Regeln und Versprechen gelenkt werden, denn zwischen Auslage und Lager, zwischen Kasse und Kontor prallen Hoffnungen, Loyalitäten und Interessen aufeinander, deren leise Reibung lauter wirkt als jede Sensation und Leserinnen und Leser bindet, weil hinter jeder Ware, jedem Lächeln, jedem Schritt eine verborgene Entscheidung steht, die das Ganze ins Schwanken bringen kann.
Auguste Groners Warenhaus Groß & Comp. ist eine erzählerische Studie der modernen Konsumwelt, die ein großstädtisches Kaufhaus als Bühne sozialer Beziehungen und wirtschaftlicher Mechanismen nutzt. Das Buch bewegt sich im Spannungsfeld von Gesellschaftsroman und spannungsbetonter Erzählung, ohne sich auf bloße Sensationsmomente zu verlassen. Schauplatz ist die vielschichtige Welt eines großen Unternehmens mit Verkaufsräumen, Büros und verborgenen Zirkeln, in denen Alltag, Ehrgeiz und Abhängigkeit ineinandergreifen. Groner, eine österreichische Autorin, nutzt die institutionelle Struktur des Warenhauses, um das Ineinandergreifen von persönlichem Schicksal und geschäftlicher Rationalität sichtbar zu machen, und formt daraus ein präzises, zugleich atmosphärisch dichtes Panorama.
Ausgangspunkt ist das geschäftige Ineinander von Kundschaft, Verkäufern und Leitung, das den Takt der Erzählung vorgibt: Kommen und Gehen, Anpreisen und Abwägen, Stillhalten und Vorstoßen. Im Vordergrund stehen die Kräfte, die das Haus zusammenhalten, und die kleinen Verschiebungen, die sie erproben. Groner schreibt mit ruhigem, klar strukturiertem Blick; der Ton bleibt beobachtend, bisweilen ironisch, doch stets empathisch gegenüber den Menschen hinter den Funktionen. Die Spannung entsteht weniger aus dramatischen Effekten als aus der genauen Wahrnehmung von Situationen, in denen Anstand, Ehrgeiz und Loyalität auf die Probe geraten und das Warenhaus zum Resonanzraum persönlicher Entscheidungen wird.
Zentrale Themen kreisen um Arbeitsethos, soziale Mobilität und die Ambivalenz des Konsums: Was bietet die Warenwelt an Möglichkeiten, und was fordert sie im Gegenzug an Anpassung und Selbstdisziplin? Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit spielen eine Schlüsselrolle, wenn öffentliche Auftritte und hintergründige Absprachen einander spiegeln. Ebenso prägnant sind Fragen von Geschlechterrollen am Arbeitsplatz, Erwartungshaltungen gegenüber Dienstboten- und Angestelltenmilieus sowie die feinen Mechanismen von Vertrauen und Kontrolle. Das Warenhaus erscheint als Mikrokosmos, in dem Wert und Würde immer neu verhandelt werden, während die Logik des Geschäfts den Takt vorgibt, aber individuelle Entscheidungen die Musik verändern.
Erzählerisch verbindet der Text Nahsicht auf Gesten, Gespräche und Arbeitsabläufe mit einem übergreifenden Verständnis der institutionellen Ordnung. Der Blick bleibt kontrolliert, analytisch, doch nie kalt; eine dezente Bildsprache macht Räume, Stoffe und Bewegungen greifbar, ohne sich in Ornament zu verlieren. Der Rhythmus folgt den Spannungen des Tagesgeschäfts: kurze, konzentrierte Szenen wechseln mit ruhigeren Passagen, in denen Entscheidungen reifen. Daraus entsteht ein Leseerlebnis, das weniger auf Überraschung als auf Einsicht setzt und gerade dadurch Sog entfaltet. Die Architektur des Hauses wird zur tragenden Metapher für Wege, Grenzen und Verbindungen, die die Figuren durchmessen.
Für heutige Leserinnen und Leser wirkt das Buch erstaunlich gegenwärtig, weil es die Verheißungen und Zumutungen einer auf Verkauf und Effizienz ausgerichteten Welt freilegt. Fragen nach Prekarität, Leistungsdruck, Kennzahlen und dem Wunsch, trotz ständiger Bewertung integer zu bleiben, sind ebenso präsent wie die Faszination für Waren, die Identität zu versprechen scheinen. Die Darstellung von Teamarbeit, Konkurrenz und informellen Regeln erinnert an Dynamiken, die man in Dienstleistungs- und Plattformökonomien wiedererkennt. Gerade darin liegt die Aktualität: Das Warenhaus erweist sich als frühes Modell jener Systeme, in denen Sichtbarkeit Kapital ist und Aufmerksamkeit zur Ressource wird.
Wer Warenhaus Groß & Comp. liest, begegnet einer Erzählung, die unterhaltsam bleibt, weil sie präzise beobachtet, und nachhallt, weil sie Maßstäbe prüfen lässt. Das Buch öffnet den Blick für die Feinmechanik des Alltags, ohne die Menschen auf Rollen zu reduzieren, und lädt dazu ein, über die eigenen Routinen von Kaufen, Arbeiten und Urteilen nachzudenken. Für Leserinnen und Leser, die sich für urbane Milieus, soziale Fragen und psychologisch genaue Prosa interessieren, bietet das Buch ein lohnendes, gut zugängliches Erlebnis. Es erinnert daran, dass Fortschritt nicht nur ein Tempo, sondern auch ein Ethos verlangt.
Vielen Dank für Ihre Anfrage. Um eine präzise, spoilerarme Inhaltsangabe zu Auguste Groners Werk zu verfassen, orientiere ich mich strikt an überprüfbaren Angaben. Zu Warenhaus Groß & Comp. liegen mir aktuell jedoch keine hinreichend verlässlichen Detailinformationen zum Handlungsverlauf vor. Eine inhaltliche Darstellung ohne sichere Grundlage riskierte Fehlangaben, was ich vermeiden möchte. Wenn Sie mir die bibliographische Fassung bestätigen und kurz skizzieren, welche Auflage oder Ausgabe Sie meinen, erstelle ich umgehend eine kompakte Synopsis in sieben Absätzen, die der erzählerischen Reihenfolge folgt, zentrale Wendepunkte markiert und die leitenden Ideen, Konflikte sowie Fragestellungen klar bündelt.
Bitte teilen Sie mir, sofern verfügbar, folgende Eckdaten mit: Erscheinungsjahr oder ungefähre Zeitstellung, Textgattung (Roman, Novelle, Erzählung oder Sammelband), sowie ob der Titel auch in Varianten geführt wird, etwa mit Schreibweise „Groß & Co.“ oder „Groß & Compagnie“. Bestätigen Sie auch, ob es sich um dieselbe Auguste Groner handelt, die vor allem für Kriminalerzählungen bekannt ist. Diese Angaben helfen, identische oder ähnlich betitelte Texte abzugrenzen und eine verlässliche, der tatsächlichen Struktur des Werks folgende Zusammenfassung zu erstellen, die ohne ungesicherte Annahmen auskommt und die von Ihnen gewünschten Schwerpunkte berücksichtigt.
Wenn Sie keine vollständigen Metadaten zur Hand haben, genügt bereits eine kurze Inhaltsstichprobe: die Namen der Hauptfiguren, das Ausgangsmilieu, der anfängliche Konflikt und zwei bis drei markante Stationen in der Mitte des Textes. Auf dieser Grundlage kann ich eine stringente, neutral gehaltene Synopsis formulieren, die den Ablauf ordnet, entscheidende Wendungen benennt, jedoch die endgültigen Auflösungen, Täteridentitäten oder Schlusspointen bewusst ausspart. Ich werde die Darstellung so anlegen, dass sie sowohl Orientierung für neue Leserinnen und Leser bietet als auch das Leseerlebnis unangetastet lässt.
Teilen Sie mir außerdem bitte mit, ob bestimmte Themen stärker akzentuiert werden sollen. Je nach Werk können in einem Warenhaus-Setting etwa Arbeitswelt, Konsumkultur, soziale Mobilität, Geschlechterrollen, Moralökonomie oder ein kriminalistischer Handlungsstrang im Vordergrund stehen. Ich kann die Synopsis thematisch so fokussieren, dass leitende Ideen klar hervortreten und die Konfliktlinien verständlich bleiben, ohne Inhalte vorwegzunehmen. Dabei achte ich auf einen formellen, durchgehenden Ton, vermeide Zitate und halte mich eng an das, was durch Ihren Input gedeckt ist.
Form und Umfang werde ich exakt nach Ihren Vorgaben gestalten: sieben Absätze mit jeweils etwa 90 bis 110 Wörtern, dem narrativen Fortgang folgend, mit ausgewählten Blickpunkten auf Entwicklung, Motive und Spannungsmomente. Die Darstellung bleibt spoilerarm, beschreibt Anstöße und Konsequenzen von Entscheidungen, benennt aber keine finalen Lösungen, Täter oder Schlüsseldetails, die den Ausgang verraten. Gleichzeitig kennzeichne ich die zentralen Fragen, die das Werk aufwirft, und ordne sie so, dass Leserinnen und Leser die innere Logik des Textes nachvollziehen können, ohne seine Pointe preiszugeben.
Sollten Sie gerade keine Zusammenfassung bereitstellen können, biete ich als Zwischenlösung eine kontextuelle Einordnung an: entweder eine kurze Übersicht zu Auguste Groners Stil und wiederkehrenden Motiven oder eine allgemeinere Skizze zur literarischen Darstellung des Warenhauses im mitteleuropäischen Raum um 1900. Bitte beachten Sie jedoch, dass eine solche Kontextskizze keine echte Inhaltsangabe des genannten Werks ersetzt. Sobald verlässliche Werkangaben vorliegen, erstelle ich die gewünschte, werkgetreue Synopsis ohne Verzögerung.
Schicken Sie mir idealerweise eine kurze Inhaltsübersicht, das Vorwort, den Klappentext, Kapitelüberschriften oder einen zuverlässigen Link zu einer Werkbeschreibung. Ich prüfe die Angaben, strukturiere sie entlang der Erzählfolge und liefere anschließend die geforderte, prägnante Zusammenfassung mit klar benannten Ideen, Konflikten und Fragestellungen. Den Abschluss bilde ich mit einer kompakten Aussage zur übergeordneten Wirkung oder fortdauernden Relevanz des Werks, bewusst knapp und ohne spoilende Details. Ich freue mich auf Ihre Hinweise und beginne unmittelbar nach Erhalt mit der Ausarbeitung.
Auguste Groners Warenhaus Groß & Comp. entstand im Umfeld der späten Habsburgermonarchie, als Wien um 1900 zu den dynamischsten Metropolen Europas gehörte. Die Hauptstadt der Doppelmonarchie war geprägt von rascher Urbanisierung, der Ringstraßenkultur, dichten Straßenbahnnetzen und einer expandierenden bürgerlichen Konsumwelt. Prägende Institutionen jener Zeit waren die Gemeindeverwaltung, eine sich professionalisierende Polizei, ein vielgelesener Massenfeuilletonismus und die großen Warenhäuser, die neue Einkaufsgewohnheiten ermöglichten. Groner, eine in Wien tätige Autorin, publizierte ihre Erzählungen häufig in populären Zeitschriften und Buchreihen, die ein breites Lesepublikum erreichten und die Schnittstelle von Unterhaltung, Moralreflexion und zeitdiagnostischer Beobachtung bildeten.
Das Warenhaus als Institution war in Wien seit den 1860er bis 1890er Jahren fest verankert. Herzmansky (gegründet 1863) und Gerngross (1879) auf der Mariahilfer Straße standen für Fixpreise, große Sortimenttiefe, Schaufensterinszenierung und aggressive Werbung. Elektrisches Licht, Aufzüge und großzügige Verkaufssäle veränderten die Wahrnehmung von Raum, Ware und Kundschaft. Rückgaberechte und Saisonverkäufe standardisierten Praktiken, die zuvor persönlicher Aushandlung vorbehalten waren. Diese Modernisierung machte das Warenhaus zum Symbol einer neuen Kultur des Sehens und Begehrens. Gleichzeitig wurde das Haus selbst – mit Abteilungen, Hierarchien und streng getakteten Abläufen – zu einem sozialen Mikrokosmos, dessen Funktionsweise literarisch gut beobachtbar war.
Die neuen Kaufhäuser schufen viele Arbeitsplätze, vor allem für junge Frauen als Verkäuferinnen und Kassiererinnen. Die Beschäftigten standen unter strengen Hausordnungen, langen Stehzeiten und Lohnsystemen mit Prämien und Strafen; arbeitsrechtlicher Schutz war begrenzt. Unterkünfte für Handlungsgehilfinnen und Lehrmädchen, aber auch Vereine und frühe Angestelltenorganisationen, versuchten Missstände zu lindern und berufliche Bildung zu fördern. In Wien trugen Frauenvereine wie der Allgemeine Österreichische Frauenverein (gegründet 1893) Debatten über Arbeitszeit, Sittlichkeit und Selbstbestimmung in die Öffentlichkeit. Fragen der Sonntagsruhe, der Ladenöffnungszeiten und der Gefahren moralischer wie finanzieller Abhängigkeit von Arbeitgebern bildeten einen festen Rahmen zeitgenössischer Diskussionen.
Das Wachstum der Warenhäuser provozierte Widerstand des kleingewerblichen Mittelstands. Interessenverbände von Detaillisten warnten vor „Vernichtungskonkurrenz“, forderten Regulierung und riefen zu Boykotten auf. In Wien verbanden sich solche ökonomischen Konflikte mit populistischen, teils offen antisemitischen Strömungen, wie sie unter Bürgermeister Karl Lueger (Amtszeit 1897–1910) politisch Resonanz fanden. Viele große Wiener Kaufhäuser waren jüdisch gegründet, was sie in Hetzkampagnen zur Projektionsfläche machte. Preisnachlässe und saisonale Ausverkäufe wurden zu Streitpunkten zwischen Warenhäusern und Kleinhändlern. Diese Auseinandersetzungen prägten das öffentliche Klima, in dem literarische Darstellungen des Warenhauses unvermeidlich auch eine Stellungnahme zu sozialer Gerechtigkeit und städtischer Ökonomie waren.
Die entstehende Konsumkultur wurde von einer mächtigen Werbe- und Medienlandschaft getragen. Illustrierte, Plakate und Zeitungsfeuilletons verbreiteten Warenästhetiken, Moden und Kaufanreize. Große Schaufenster, thematische Sonderausstellungen und aufsehenerregende Dekorationen inszenierten Neuheiten als Ereignis. Kreditkonten und die bequeme Bündelung vieler Warengattungen an einem Ort veränderten Einkaufsroutinen. Gleichzeitig brachte diese Kultur neue Formen der Kritik hervor: Diskussionen über Verschuldung, Verführungskraft der Reklame und Standards fairen Handels begleiteten die Euphorie. Wien stand hier in einem europäischen Zusammenhang mit Paris und Berlin, wo ähnliche Debatten geführt und technische wie organisatorische Vorbilder des modernen Warenhausbetriebs erprobt wurden.
Kommerzielle Räume wurden auch als Orte neuer Kriminalitätsformen verhandelt. Ladendiebstahl, Unterschlagung in der Kasse und Betrugsmanöver beschäftigten Sicherheitskräfte und Gerichte. Warenhäuser reagierten mit Hausdetektiven, klaren Kassenwegen und Sichtbeziehungen, die Überblick ermöglichten. Parallel modernisierten sich Ermittlungspraktiken: Fotografie, Signalements nach dem Bertillon-System und um 1900 aufkommende Fingerabdruckverfahren setzten sich in Europa schrittweise durch und fanden auch in Wien Anwendung. Sensationspresse und Gerichtsberichte popularisierten solche Fälle und prägten Vorstellungen von Tätern, Opfern und Beweisführung. Diese Konstellation bot Autorinnen und Autoren Stoff, ökonomische Modernität mit Fragen von Moral, Überwachung und Beweisbarkeit in Erzählform zu verbinden.
Die literarische Öffentlichkeit der Zeit war vom Feuilleton, von Kolportage und Fortsetzungsromanen geprägt. Auguste Groner gehörte zu den Pionierinnen der deutschsprachigen Kriminalliteratur und verband Spannung mit sozialer Beobachtung. Ihre Texte erschienen für ein breites Publikum und nutzten moderne Institutionen – wie Polizeiapparate oder Kaufhäuser – als Kulissen gesellschaftlicher Konflikte. Europäische Vergleichsstücke, etwa Émile Zolas Au Bonheur des Dames (1883), hatten die Wahrnehmung des „Warenhausromans“ geschärft. In deutschsprachigen Blättern entfaltete sich zugleich eine Warenhausdebatte, die ökonomische, moralische und geschlechterpolitische Dimensionen verknüpfte. Dieses diskursive Klima lieferte das Resonanzfeld, in dem Groners Darstellung eines großen Handelsunternehmens gelesen wurde.
Warenhaus Groß & Comp. steht damit im Spannungsfeld von Konsumrevolution, Arbeitswelt und städtischer Politik. Das Buch nutzt den Kosmos eines großen Handelshauses, um Hierarchien, Preisdruck, weibliche Erwerbsarbeit und die Suggestion der Ware sichtbar zu machen, ohne die Faszination des modernen Kaufens zu leugnen. Es kommentiert die Ambivalenzen der Epoche: Fortschritt und soziale Verwerfungen, Rationalisierung und neue Formen der Versuchung, öffentliche Moral und private Kalküle. Als literarischer Beitrag aus Wien um 1900 eröffnet es seinem Publikum einen Reflexionsraum über die Ordnung der Großstadt – und darüber, wie sehr ökonomische Innovationen das Gefüge von Alltag, Recht und Gefühl umgestalten.
Ein wunderschöner Morgen zu Anfang des Juni blaute über Wien[1q]. Auf der Mariahilferstraße herrschte, wie immer, reges Leben und Treiben.
Es war noch früh. Auf die achte Stunde erst wies der Zeiger der Uhr, welche sich an der Stirnseite der vielbesuchten Mariahilfer Kirche befindet, die schon vor alter Zeit ihrer ganzen Umgebung den Namen gegeben hat, den der jetzige sechste Bezirk der schönen Kaiserstadt weiterführt.
Aus dem Portal der Kirche trat eine junge Dame. Ihre Kleidung war wohl sehr einfach, aber im Schnitt tadellos, und wie sie getragen wurde, bewies deutlich, daß eine Dame der vornehmsten Kreise sie trug. Unter dem dunklen Strohhut schauten ein Paar Augen hervor, die durch ihre Schönheit auffielen, aber auch in diesem Augenblick dadurch, daß sie vom Weinen stark gerötet waren. Auch das edelgeschnittene, reizende Gesicht zeigte tiefe Traurigkeit.
Als die Dame, die kaum das zwanzigste Jahr überschritten haben konnte, zu der Statue Haydns[1] hinaufblickte, die mitten auf dem kleinen Kirchenplatze steht,erhellte sich ihr Blick, lächelte unwillkürlich ihr feingeformter Mund. Das schöne Standbild sagte ihr mehr als anderen Leuten. Sie liebte ja die Musik so unendlich, und gerade heute würde sie im Konservatorium[2] eine der schönsten Kompositionen des großen Meisters vorspielen.
Ihre Musikrolle und ihren schwarzen Seidenbeutel fester fassend, eilte sie dann über die Straße und trat in das mächtige Warenhaus, welches die Ecke der Mariahilferstraße und der Kirchengasse einnimmt.
Langsam ging sie an den vielen Tischen vorüber, auf welchen die Verkaufsartikel lockend ausgelegt waren. Hier türmten sich hohe Pyramiden verschiedenen Briefpapieres in den Farben der Frühlingsblüten auf, dort zogen diese selber, täuschend der Natur nachgeahmt, in köstlichen Arrangements die Augen auf sich, und daneben, einer anderen Verkäuferin anvertraut, sah man Hutfedern von allen möglichen Formen und Farben auf bronzenen Haltern. Hier lockten Gürtel aus Seide und Leder, aus Perlen und Metall mit künstlerisch schönen Verschlüssen zum Ankauf, und dort schmiegten sich Handschuhe aller Arten in Stößen oder in eleganten Kartons aneinander. Hier bauschten sich Spitzen und Bänder, und dort konnte man Gewebe vom zarten Maline und weichen Krepp bis zum dichten Automobilschleier sehen.
Schier unabsehbar reihten sich die Verkaufstische aneinander in dem riesigen Saal, dem sich beiderseits andere, ebenso ausgedehnte Verkaufsräume anschlossen und dessen mächtige Pfeiler all die offenen Stockwerke trugen, über die sich eine ungeheure Glaskuppel spannte.
Wiewohl es noch früh am Morgen war, herrschte hier schon überall reges Leben. Kunden kamen und gingen, die Angestellten eilten hin und her, große Warenballenwurden ausgepackt und ihr Inhalt in die Fächer eingeräumt.
Mit träumerischem Blick ließ die junge Dame ihre Augen über all den Glanz und Reichtum hinwandern, dann trat sie zu einer der Verkäuferinnen mit der Frage nach der Abteilung, in welcher Kleiderstoffe zu haben waren. Man wies sie über den riesigen, glasgedeckten Hof nach der Baumwollenabteilung.
Im Hinterball des Riesenhauses, der wieder auf einen großen Hof hinausging, fand sie, was sie suchte. Ein Verkäufer breitete so viele Stoffe vor ihr aus, daß ihr die Wahl schwer wurde, und sie wehmütig an ihre Börse denken mußte, deren bescheidener Inhalt diese Wahl nur noch schwerer machte. Sie wendete sich daher energisch von den reizenden Batisten ab, deren Erwerbung der sehr gewandte Verkäufer ihr wortreich anriet, und wünschte billigere Stoffe vorgelegt zu bekommen.
In diesem Augenblick sagte jemand neben ihr: »Guten Morgen, Baroneß.«
Sie sah erstaunt auf, dann aber streckte sie dem großen, hageren Mann, der sich artig vor ihr verbeugte, freudig die Hand entgegen und rief angenehm überrascht: »Sieh da, Herr Kern! Also gerade diese Abteilung steht unter Ihrer Obhut? Das ist ein hübscher Zufall, daß wir uns treffen!«
In den Mienen des Herrn drückte sich aufrichtige Teilnahme aus. Er zeigte ihr einen offenen Brief, den er schon vorher in der Hand gehalten, und erklärte: »Gestatten Sie, Baroneß, daß ich Ihnen sage, wie lebhaft ich mit Ihnen fühle. Mein Bruder Karl hat es mir sofort geschrieben.«
Der Verkäufer hatte sich taktvoll zurückgezogen. Die beiden waren allein.
»Ihr Bruder ist auch gleich zu uns gekommen und hat uns seine Teilnahme ausgesprochen,« sagte die Baroneß und setzte dann tief aufseufzend hinzu: »Ach, Herr Kern, seit der Vater tot ist, wird es immer schlimmer. Wie Ernst das überstehen wird, weiß ich wirklich nicht. Ich verstehe zu wenig von Geld und Geschäften und Bodenerträgnissen, um einen klaren Einblick in unsere Verhältnisse zu haben, aber ich fürchte, sie sind sehr übel. Nicht wahr, es ist so? Ihr Bruder hat Ihnen gewiß darüber geschrieben.«
»Baroneß, ich –«
»Sie wollen mir nichts sagen?«
»Wenn es Ihr Herr Bruder nicht tut, dann will er offenbar, daß Sie diesen Dingen ferngehalten werden.«
»Aber Ihrem Bruder sagt er alles!«
»Mein Bruder hat die Ehre, ein Freund des Herrn Barons zu sein. Gegen irgend jemand muß man doch offen sein können. Auch ist Karl keine junge Dame.«
»Wie ich, die noch immer verwöhnt werden soll!«
»Ich finde das sehr natürlich.«
»Ich aber nicht, Herr Kern. So viel verstehe ich schon vom Leben, um zu wissen, daß ich nicht da bin, um ewig andere für mich sorgen zu lassen. Ernst muß unbedingt entlastet werden, deshalb bin ich jetzt riesig fleißig. Wirklich – riesig! In einem Jahre kann ich meine Schlußprüfungen machen. Da ich auch in Sprachen tüchtig bin, werde ich niemand mehr zur Last fallen müssen und dabei doch passenden Umgang haben. Ernst kann ich vielleicht dann sogar noch ein bißchen helfen.« Die junge Dame atmete tief auf.
»Das sind ja wunderschöne Pläne,« sagte Kern wehmütig lächelnd, »aber ich wäre sehr, sehr froh, wenn Sie sie nicht auszuführen brauchten, denn –«
»Denn ich bin nicht stark genug dazu. Das wollten Sie ja wohl sagen, Herr Kern. Aber Sie irren. Da sehen Sie, wie bescheiden ich geworden bin! Solch ein Kleid werde ich tragen. Das Meter zu vierundachtzig Heller. – Bitte, schneiden Sie zehn Meter ab!« rief sie dem wieder näherkommenden Verkäufer zu. – »Also, lieber Herr Kern, Sie kommen doch nächsten Sonntag nach Klosterneuburg? Ihr Bruder und ich singen in der Stiftskirche.«
»Selbstverständlich komme ich,« beeilte sich Kern zu erwidern.
»Schön. – Aber jetzt, bitte, beeilen Sie sich!« rief die Baroneß ein wenig herrisch dem Verkäufer zu, »ich muß gehen.«
»Baroneß gehen ins Konservatorium?« fragte Kern.
»Ja, und dann fahre ich nach Hause. Ich fürchte, Ernst wird unangenehmen Besuch bekommen, da will ich bei ihm sein. – O, wer ist denn diese Person?« erkundigte sie sich, und ihre Miene drückte deutlich das Mißfallen aus, welches das Mädchen ihr einflößte, das soeben mit einem Herrn vorüberging.
Diese nicht mehr junge Person war ebenso auffallend gekleidet und frisiert, als sie auffallend mit ihrem Begleiter kokettierte. Sie hatte den verwunderten Blick der jungen Dame bemerkt und erwiderte ihn mit einem unverschämten.
Die Baronesse hob den Kopf sehr hoch und wandte ihr langsam den Rücken zu.
»Es ist die Vorstandsdame unserer Konfektionsabteilung,« sagte Kern, der sichtlich von dieser Persönlichkeit auch nicht eben entzückt war.
Die Baronesse aber ging nicht weiter auf diese Bemerkung ein. »Sie bleiben dann Abends natürlich mitIhrem Bruder zu Tisch bei uns. Nicht?« sagte sie lebhaft.
»Sehr gern, Baroneß!« versicherte Kern aufrichtig, während sie dem Verkäufer zur Kasse nachgingen.
»Sie müssen natürlich fürliebnehmen,« sagte die junge Dame schmerzlich lächelnd. »Aber trotzdem ich Gästen nur wenig bieten kann, lade ich unsere alten Freunde gern ein zu kommen, denn Ernst braucht liebe Menschen um sich, Menschen, vor denen er nicht Komödie zu spielen braucht. Auch Sie, Herr Kern, sind ein solcher. Darum bitte ich, kommen Sie!«
»Schon um alter Zeiten willen komme ich ja so gern nach Wellhof,« entgegnete er bewegt. »Ihre teuren Eltern sind uns edle Wohltäter gewesen, und Ihr Bruder und Sie – o Baroneß, ich bin glücklich, weil ich kommen darf.«
Er drückte ihr abschiednehmend respektvoll die Hand, und ein paar Minuten später verließ Baronesse Klementine v. Teck das Warenhaus Groß & Komp.
Am Ausgang begegnete ihr ein hübscher, etwa fünfzehnjähriger Junge in der schmucken Hausuniform der Firma, der eben einen Stoß Pakete zu dem vor dem Portal stehenden Automobil trug. Er hatte sich augenscheinlich zu viel aufgeladen, denn eines der Pakete fiel ihm vom Arm und er konnte sich nicht bücken, um es wieder aufzuheben.
Da bückte sich die Baronesse Klementine v. Teck und übergab es ihm mit einem liebenswürdigen Lächeln.
Der Junge schaute sprachlos der Davonschreitenden nach. Auf seinem Gesicht aber stand geschrieben, daß er der vornehmen jungen Dane diesen Liebesdienst nicht vergessen würde.
*
Baron Ernst v. Teck verbrachte diesen Vormittagin noch viel trüberer Stimmung als seine Schwester. Jedenfalls hatte er nicht so wie sie zeitweilig eine Ablenkung von seinen traurigen Gedanken gefunden.
Er ging schon eine gute Weile in seinem Arbeitszimmer auf und nieder und war augenscheinlich sehr unruhig.
Er war dies schon lang. Schon seit Monaten fragte er sich, was wohl aus seiner Schwester und ihm werden solle, wenn das Unglück ihn noch länger so verfolgte, wie es ihn, seit er das väterliche Gut bewirtschaftete, verfolgt hatte. Grau und düster lag die Zukunft vor ihm.
Seufzend blieb er am Fenster stehen. Sein hübsches, sympathisches Gesicht drückte tiefe Entmutigung aus. Und er war doch noch so jung – neunundzwanzig Jahre, also gerade in dem Alter der größten physischen Kraft. Aber die letzten vier Jahre hatte er einen aussichtslosen Kampf gekämpft, einen Kampf, in dem er unterliegen mußte, einen Kampf, für den er nach keiner Richtung hin gerüstet gewesen war. Er, die feinsinnige Künstlernatur, er, der nie dafür erzogen worden war, Landwirt zu sein, fand sich plötzlich auf einen Posten gestellt, der ihm gänzlich fern lag. Von der Kunstakademie weg mußte er ohne jeden Übergang die Verwaltung des Gutes übernehmen, der sein schwer erkrankter Vater nicht mehr vorstehen konnte. Willig hatte er sich der Aufgabe unterzogen, aber neben ihm stand nicht nur das Bewußtsein seiner unzulänglichen Kraft, sondern auch der Mangel an den erforderlichen Mitteln. Sein Vater hätte das schon stark belastete Gut vielleicht halten können, da seine Gläubiger ihm vertrauten, dem jungen Künstler dagegen wurden von allen Seiten Schwierigkeiten gemacht. Dennoch führte er den aussichtslosen Kampf weiter, denn der kranke,nun verstorbene Vater hatte es gewünscht. Noch am letzten Tage hatte er ihm gesagt: »Du wirst dich schon halten. Ein paar gute Jahre – und du hast Wellhof für dich und Klemi gerettet. Denke daran, daß es seit dreihundert Jahren der Familie gehört, und daß es uns nicht verloren gehen darf!«
Das hatte der Sterbende seinem Sohne gesagt, und Ernst, bestrebt, dem geliebten Vater die letzten Stunden leichter zu machen, hatte ihm versprochen, Wellhof zu halten, solange er es vermochte. Noch sah er den vertrauenden Blick, mit dem der Sterbende ihn angeschaut, noch fühlte er den schwachen Händedruck, der ihn verpflichtete.
Er lächelte schmerzlich vor sich hin, dann ließ er seine Augen hinauswandern über die verbrannten Wiesen, über die Getreidefelder, deren zu erhoffender Ertrag gestern vom Hagel in den Boden hineingeschlagen worden war, über die sanften Hügelreihen, die sich gegen die Donau hin erstreckten, und die gestern noch ein lachendes Weingelände gewesen waren. Heute boten auch diese Hügel ein Bild des Jammers.
Er lachte plötzlich bitter auf und preßte dabei die feinen, blassen Hände ineinander. Der Weinertrag war seine Hoffnung, seine einzige Hoffnung gewesen! Die Sonnenglut, die dem Grase so übel bekommen war, die hatte es mit dem Weine gut gemeint. Eine einzige Hagelwolke hatte nun seine ganze Hoffnung vernichtet. Baron Teck war dem Ruin wieder um ein gutes Stück näher gekommen.
»Arme Schwester,« murmelte er, »wie wirst du das ertragen?« Unbeschreiblich weh tat ihm der Gedanke, daß er sein Wort nicht werde halten können, dieses in Liebe und Verehrung voreilig gegebene Wort, und der andere Gedanke, daß seine Schwester vielleicht schondemnächst die bitterste Form der Armut, die ungewohnte, ängstlich verborgen gehaltene Armut kennen lernen werde.
In diese quälenden Gedanken versunken, starrte Ernst noch immer auf die verwüsteten Weinberge hinüber. Er gewahrte es nicht, daß eine dicke Rauchwolke hinter ihnen aufstieg, daß ein Zug auf der Station drüben hielt. Erst als dieser Zug sich wieder in Bewegung setzte, wurde der Baron durch den schrillen Pfiff der Lokomotive aufmerksam. Zerstreut richtete er seine Augen auf das kleine Stationsgebäude, dessen Ausgangstür man vom Wellhofer Herrenhause aus gewahren konnte. Die Station lag ganz einsam da.
Die breite Landstraße zog, dem Flusse parallel bleibend, daran vorbei. Von ihr zweigte die Straße ab, die nach dem Wellhofer Schlosse führte, und auf dieser wurde jetzt eine Frauengestalt sichtbar.
Sie ging sehr rasch, und bald verschwand sie hinter einem Gebüsch, welches am Wege lag.
Als sie wieder zum Vorschein kam, befand sie sich schon so nahe, daß Ernst sie zu erkennen vermochte. Sofort verfinsterte sich sein Gesicht.
»Das auch noch!« sagte er laut. »Klemi hatte also doch recht, als sie diesen Besuch als sicher voraussagte.«
Ganz unwillkürlich war er einige Schritte vom Fenster weggegangen. Er stand jetzt neben seinem Schreibtisch und griff nach einem Einschreibeschein, der unter einem Briefbeschwerer lag. »Robert v. Lassot,« las er laut und dann »fünfter Juni. – Heute früh also hat er meinen Brief erhalten. Er weiß nunmehr, daß er von mir nichts zu erwarten hat.« Er trat wieder an das Fenster. »Ob auch seine Mutter es weiß?« setzte er in Gedanken hinzu und blickte hinunter.
Die Frau war schon ganz nahe. Sie trug Trauerkleider.Mit ihrer gedrungenen Gestalt, mit ihren breiten, verschwommenen Zügen sah sie nichts weniger als vornehm aus. Auch ihre Bewegungen waren nicht vornehm, wie sie so auffallend eilig daherkeuchte.
Jetzt hielt sie einen Augenblick lang an dem Tore des Gitters an.
»Die Arme! Wie sie gerannt ist!« murmelte der Baron, und seine Züge waren nicht mehr hart. »Eine Mutter in Sorge! Ich werde mich bemühen, gut gegen sie zu sein.«
Er ging ihr entgegen, und im Vorsaal trafen sie zusammen.
Er streckte der augenscheinlich sehr Aufgeregten die Hand entgegen. »Ich kann es mir denken, warum du kommst, arme Tante,« sagte er sanft.
Die Dame war noch atemlos. Ihr schweißbedecktes Gesicht mit ihrem Taschentuche abwischend, trat sie ihrem Neffen voran in dessen Zimmer. Dort erst ergriff sie seine Hand und schaute ihn angstvoll und lauernd an. Ihre kurzen Finger umspannten wie im Krampfe seine Hand, während sie mit rauher Stimme sagte: »Selbstverständlich hast du ihn eingelöst! Es wäre einfach infam, wenn du es nicht getan hättest!«
Sie standen jetzt beim Schreibtisch.
Ernst v. Teck hatte seine Hand mit einem jähen Ruck befreit. Er war sehr bleich, und seine Züge waren wieder finster geworden. Es lag ja so viel Widerwärtiges zwischen ihm und ihr. Das hatte er vergessen wollen, aber die Art dieser Frau, ihre innerliche Roheit, der gänzliche Mangel an der allergewöhnlichsten Einsicht und Gerechtigkeit zwangen immer wieder dazu, ihre Fehler widerwärtig deutlich vor Augen zu haben.
»Setze dich, Tante!« sagte er, sich gewaltsam zurRuhe zwingend, und schob ihr den Rohrsessel hin, der vor dem Tische stand.
Frau Leona v. Lassot sank in den Sessel. Auch sie war jetzt bleich. Nur noch einzelne rote Flecken hoben sich von der gelblichen Blässe ihres Gesichtes ab, das vor Jahren vielleicht hübsch gewesen sein mochte, jetzt aber recht ungünstig wirkte.
Wieder waren ihre tiefliegenden Augen voll Angst, und zwar diesmal wirklich nur voll Angst, auf den jungen Baron gerichtet. »Sei nicht böse,« sagte sie. »Wenn ich heute ein Wort zu viel sage, darfst du dich nicht wundern.«
Er lächelte ironisch. »Liebe Tante, du hast die, welche dich kennen, längst daran gewöhnt, daß du bei jeder Gelegenheit ein paar Worte zu viel sagst. Daraus ist ja doch der Zwist zwischen den Häusern Teck und Lassot entstanden. Nun – es gibt jetzt nur wenige noch, die du aufeinanderhetzen oder auseinanderbringen könntest. Mit anderen Leuten verkehrst du ja kaum. Dennoch muß ich das Wort in Bezug auf mein Handeln, das du soeben gebrauchtest, entschieden zurückweisen.«
Seine Ironie war in eine Strenge übergegangen, die ihm außerordentlich gut stand, die Frau v. Lassot aber nur ängstigte und reizte. Da ihre Angst jedoch viel größer war als die Sucht, ihm seine harten Worte zurückzugeben, bezwang sie sich.
»Denke nicht mehr daran!« begann sie beinahe demütig. »Denke überhaupt nicht an mich, denke nur an ihn, an meinen armen Jungen, der jetzt in so großer Not ist!«
»In die er sich selber gebracht hat.«
»Wer sagt denn, daß es anders ist? Aber –«
»Du findest schon wieder ein ›aber‹!«
»Selbstverständlich! Bin ich doch seine Mutter!«
»Die vollständig blind vor Liebe ist!«
»Wirf mir das wenigstens jetzt nicht vor und – mein Gott – rede endlich! Ich werde ja krank vor Angst! Ernst, nicht wahr, mein lieber Ernst, du hast Robert aus dieser entsetzlichen Lage befreit, du hast diesen unglückseligen Wechsel[3] eingelöst?«
Weit vorgebeugt starrte sie den Baron an, und als der den Kopf schüttelte und auch mit Worten verneinte, sank sie vor Schrecken in ihren Sessel zurück.
Vielleicht hatte sie für ein Paar Augenblicke lang wirklich das Bewußtsein eingebüßt, vielleicht auch hatte ihr der Schrecken nur für kurze Zeit alle Kraft genommen. Jedenfalls hatte sie die Herrschaft über ihre Glieder, ja sogar über ihre Zunge verloren.
Er zog sich einen Stuhl heran, setzte sich zu ihr und legte seine Hand auf ihren Arm. »Tante,« fing er sanft an, »wenn ich auch nur selten an deiner Seite stehen konnte, diesmal ist es der Fall. Ich begreife deine Aufregung, und mein ganzes Mitleid gehört dir. Auch Klemi ist über das Geschehene außer sich. Sie hat gar nicht weggehen wollen, denn sie nahm an, daß du hierher kommen würdest. Meine Schwester ist eben immer klüger als ich –«
Ob die Frau ihm zugehört, ob sie seine Reden verstanden hatte, war nicht zu ersehen. Plötzlich brach sie in ein jammervolles Schluchzen aus. »Ihr wollt ihm nicht helfen, ihm nicht helfen, da er jetzt so entsetzlich unglücklich ist!« schrie sie.
Sie stieß Ernst zurück, erhob sich und lief wie eine Wahnsinnige durch das Zimmer.
Da stand auch er auf, stellte sich mit verschränkten Armen vor den Schreibtisch und betrachtete mit mißbilligenden Blicken die Wütende. »Warum tobst dudenn hier bei mir?« fragte er kühl. »Ich nehme nämlich wohl als richtig an, daß du von Horn kommst und erst, nachdem du mich besucht hast, nach Wien weiterfahren wirst. Siehst du, für dort hättest du dir diesen Wutanfall aufsparen sollen, denn im Zimmer deines Sohnes wäre er am richtigeren Platze gewesen.«
»Von Robert rede nicht!« schrie sie. »Er ist jetzt im Unglück. Er hat auf dich gebaut, und du verlässest ihn, und das ist erbärmlich – erbärmlich, sage ich!«
Ernst zuckte die Achseln. »Deine Logik und deine Moralbegriffe waren seit jeher ziemlich verwirrt, Tante Leona,« entgegnete er ruhig. »Darüber kann man mit dir eigentlich nicht reden. Ich möchte dir's aber trotzdem begreiflich machen, daß ich, selbst wenn ich es hätte tun wollen, diesen Wechsel, auf welchem Robert meine Unterschrift gefälscht hat, nicht hätte einlösen können, weil mir nach allen Richtungen hin die Hände gebunden sind, weil ich so arm geworden bin, daß ich nicht einmal fünfzehnhundert, geschweige denn fünfzehntausend Kronen sofort aufzutreiben im stände wäre.«
»Also so arm bist du, daß du nicht einmal die Ehre deines Vetters retten kannst? Ich meine, zu diesem Zwecke müßte ein Mensch, der ein Herz hat, Himmel und Hölle in Bewegung setzen.«
»Was ich diesbezüglich an Herz besitze, bin ich meiner Schwester schuldig.«
»So wirst du für Robert wirklich nichts tun?«
»Nein, ich kann nicht, und wenn –«
Ernst stockte. Er biß sich auf die Lippe, und seine Hände ballten sich.
Frau v. Lassot schluchzte halb, und halb schrie sie: »Und wenn du auch könntest, so willst du einfach ihm nicht helfen.«
»Jedenfalls verdient ein Mann, der, nur um seiner Genußwut frönen zu können, bis zum Wechselfälscher herabsinkt, keine Hilfe. Das, Tante, das muß ich dir sagen, so leid es mir tut, da du mir, ohne jedes Recht hierzu, so häßliche Vorwürfe machst.«
»Ohne Recht? Ohne Recht? Da – lies doch diesen Brief und sage dann noch einmal, daß ich ohne Recht dich den Verderber meines unglücklichen Sohnes nenne!«
»Ich bin der Verderber Roberts nicht! Sage so etwas nicht noch einmal! Es muß doch jede Verrücktheit eine Grenze haben.«
»Was sprichst du von Verrücktheit? Da, lies diesen Brief! Heute früh habe ich ihn erhalten. Mit dem nächsten Zuge bin ich hierher gefahren, um mir Ruhe zu holen, und nun –«
Sie sank aufstöhnend in den nächsten Sessel.
Ernst las schon. Plötzlich strömte ihm das Blut zum Kopfe, und dann wurde er sehr blaß. »Robert ist ein Schuft!« sagte er mit Anstrengung, und danach war er mit einem Schritt an der Seite seiner Tante und hielt diese, welche emporfahren wollte, mit eiserner Hand nieder. »Bleibe ruhig,« riet er ihr, »ich wiederhole, daß dein Sohn ein Schuft ist, falls er nicht etwa den Verstand verloren hat. Denn es ist kein Wort wahr von der Entschuldigung, die er seiner Selbstanklage folgen läßt.«
»Ernst – Ernst!« schrie sie grimmig.
»Daß du das hast glauben können, was er dir da vorlügt! Oder gibst du vielleicht nur vor, es zu glauben? Ich muß das fast annehmen, denn selbst du kannst nicht glauben, daß es einen vollsinnigen Menschen gibt, der einem anderen erlaubt, auf seinen Namen Wechsel auszustellen.«
Frau v. Lassot schaute ihn verwirrt an. »Er setzt doch hinzu,« stotterte sie, »daß du ihm dies nur unter der Bedingung erlaubt hast, daß er diese Wechsel seinerzeit wieder einlöst.«
»Ein so leichtsinniger Lebemensch, wie dein Robert einer ist, denkt gar nicht daran, Verpflichtungen einzuhalten. Aber auch dem ehrenfestesten Menschen würde ich es nicht erlauben, meinen Namen auf seine Wechsel zu setzen, und – Tante Leona, das verstehst du so gut wie ich. Trotzdem du seit einem Jahre von Robert gezwungen wirst, wie eine Verbannte zu leben, kannst du es ja doch noch nicht vergessen haben, wie vorsichtig jeder nicht nur mit seinem Gelde, sondern auch mit seinem Namen sein muß. Du glaubst also selber nicht an die Richtigkeit von Roberts Angabe.«
»O ja – ich glaube daran.«
»Tante!«
»Höchstens kann da ein Mißverständnis obwalten. Du hast ihm vielleicht einmal im Scherz oder in einer Weinlaune diese allerdings unvorsichtige Erlaubnis gegeben.«
»Auch das glaubst du selbst nicht.«
Wie geistesabwesend streicht sie sich das wirre Haar aus der feuchten Stirne, Röte und Blässe wechseln auf ihrem Gesicht. Plötzlich liegt sie Ernst zu Füßen.
»Aber Tante!« ruft er halb zornig, halb mitleidig und streckt die Hände nach ihr aus.
Aber sie umklammert seine Knie und schluchzt: »Laß mich, Ernst, laß mich dich so um Hilfe bitten! Du kannst sie ihm ja nicht versagen! Ein bißchen hast du ihn ja doch lieb. Ich kenne doch dein Herz! Du hast für die Deinigen immer so viel Liebe gehabt, warst das Glück deiner Mutter, bist der Stolz deinesVaters gewesen und bist der beste Bruder. O Ernst! Ein Mensch von deiner Art kann einen anderen nicht zu Grunde gehen lassen. Und wenn du meinen Sohn selbst haßtest, so muß seine Not dich rühren. Ernst, lieber Ernst, hilf ihm!«
Jetzt war nichts Gemachtes und nichts Widerliches mehr in ihr. Es war die Mutter, die für ihr Kind bittet, die sich um ihres Sohnes willen demütigt.
