Warten. Leben. Sterben - Inken Witt - E-Book
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Warten. Leben. Sterben E-Book

Inken Witt

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Beschreibung

Dürfen wir vorstellen? Isa Winter – unkonventionell, sympathisch, nicht zu stoppen Isa Winters Beruf ist das Warten. Sie ist Privatdetektivin, und zwar eine richtig gute. Sie beobachtet aus der Ferne, bleibt anonym. Doch als Katharina Schneider ihre Hilfe sucht, ändert sich alles. Isa ist von ihrer neuen Klientin so beeindruckt, dass sie ihre eigenen Regeln bricht: Als Katharinas Mann während einer Observation kurz davor ist fremdzugehen, schreitet Isa ein. Damit setzt sie eine Kette verheerender Ereignisse in Gang. Wenig später stürzt Katharina Schneider aus dem Fenster ihrer Wohnung in den Tod. Isa Winter glaubt nicht an einen Unfall, und so beschließt sie, das Warten endlich aufzugeben und zu handeln. »Klasse Krimi!« Für Sie »Ein gelungener Debütroman, durch den ein Hauch von Raymond Chandler weht.« Die Presse Online Eine Ermittlerin mit Ecken und Kanten und einer untrüglichen Menschenkenntnis »Mein Name ist Isadora Winter. Ich bin 35 Jahre alt, habe einen fünfzehnjährigen Sohn und arbeite seit sieben Jahren als Privatdetektivin in Berlin. Mein Job besteht zu achtzig Prozent aus Warten, zu fünfzehn Prozent aus Bürokram, zu vier Prozent daraus, Menschen dabei zu beobachten, wie sie sich selbst und andere belügen, und zu einem Prozent daraus, meinen Klienten viel Geld dafür abzunehmen, dass ihnen das Herz gebrochen wird.« Inken Witt hat schon unzählige Figuren auf die Leinwand gebracht, doch diese Privatdetektivin sticht mit ihren trocken-melancholischen Beobachtungen über die menschliche Verlorenheit hervor »Besonders interessant aber sind ihre Figuren, die ein bisschen verloren in der Welt zu sein scheinen und sich jeden Tag aufs Neue entscheiden müssen, ob sie weiter durchhalten wollen.« NDR Bücher »Eine spannende Geschichte mitten aus Berlin. Für Fans von kühlen Protagonistinnen, die ihr eigenes Päckchen zu tragen haben.« Kölner Stadtanzeiger Inken Witt hat in den letzten zwei Jahrzehnten Hör- und Drehbücher geschrieben sowie bei deren Entwicklung beraten – von Krankenhausserie bis Kinderkrimi, von Seifenoper bis Superheldenabenteuer. So startete auch die Geschichte um die Privatdetektivin Isa Winter als Idee für eine Fernsehserie, entwickelte sich aber rasch zu einem Roman, um ihrer unkonventionellen Heldin genug Raum zu geben. Inken Witt unterrichtet Drehbuchentwicklung, arbeitet als Coachin und glaubt fest an die Kraft von Geschichten. Mit ihrer Familie lebt sie in ihrer Wahlheimat voller Widersprüche: Berlin.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Jaron

 

© Piper Verlag GmbH, München 2022

Redaktion: Martina Schwarz

Covergestaltung: Sandra Taufer

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

 

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

TEIL 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

TEIL 2

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

TEIL 3

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

TEIL 4

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

TEIL 5

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

TEIL 6

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

TEIL 7

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

TEIL 8

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Mein herzlicher Dank gilt:

Quellen

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Literaturverzeichnis

TEIL 1

»You are not lost. You are here.«

Kapitel 1

Wenn ich heute an diesen Morgen zurückdenke, dann erscheinen mir meine Erinnerungen wie Schnappschüsse – kurze Momentaufnahmen, ohne jede Verbindung zu Gedanken und Gefühlen. Manche davon spielen sich vor meinem inneren Auge immer und immer wieder ab, wie in Zeitlupe. Ich erinnere mich an den Schimmelfleck in der Dusche. Ich sehe den Wasserkocher vor mir und weiß, dass er gerappelt hat, weil ich den Deckel nicht richtig geschlossen hatte, aber in meinem Kopf gibt es dazu keine Tonspur. Ich weiß, dass ich meine Lieblingsjeans und den grauen Kaschmirpullover angezogen habe, den mit den Löchern an den Ellbogen, weil ich wusste, dass ich keine Kliententermine haben würde. Und ich sehe noch genau vor mir, wie die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster in mein Zimmer fielen, wie dreckig die Scheiben waren und wie sich die Schatten der nackten Platane auf dem Dielenboden abzeichneten.

Und dann schaltete ich mein Handy ein und sah, dass Katharina Schneider um 2:41 Uhr das erste und um 3:17 Uhr das zweite Mal angerufen, aber keine Nachricht hinterlassen hatte.

Ich rief zurück, ohne nachzudenken. Beim zweiten Klingeln hob sie ab.

Ich erkannte ihre Stimme kaum. Sie klang spröde und heiser.

»Wie konnte ich mich so täuschen?«, fragte sie und: »Wieso? Ich verstehe nicht, wieso er das braucht …«

Ich bat sie um mehr Informationen, und auch meine eigene Stimme kam mir merkwürdig vor – atemlos und ohne Substanz.

»Können Sie herkommen? Ich bin zu Hause.«

Ich versprach, mich direkt auf den Weg zu machen, aber sie hatte schon aufgelegt.

Ich weiß noch, dass mich der Geruch von Old Spice Aftershave, staubigen Polstern und Motoröl in Eugens Taxi so nervte, dass ich das Fenster runterkurbelte und den Kopf in den Fahrtwind streckte. Kurz vor der U-Bahn-Haltestelle Schillingstraße war die Karl-Marx-Allee dicht. Ich sprang aus dem Wagen.

Ich zwang mich, nicht zu rennen und stattdessen darüber nachzudenken, wie ich am besten vorgehen sollte. Erst Erklärung, dann Entschuldigung, dann das Angebot, zu helfen? Oder erst Hilfsangebot, dann Erklärung, dann Entschuldigung? Bestand überhaupt die Hoffnung, dass sie meine Hilfe annehmen würde?

Ich weiß nicht mehr, wann ich die Blaulichter bemerkt habe. Die Karl-Marx-Allee führt von der Otto-Braun-Straße einen Kilometer lang schnurgeradeaus bis zum Strausberger Platz – ich hätte sie schon von Weitem sehen müssen. Ambulanz, Notarzt, mehrere Streifenwagen.

Es hatte sich eine Menschenmenge gebildet. Polizisten stellten einen weißen Sichtschutz auf. Die Morgensonne strahlte ihn so an, dass man dahinter die Silhouette eines Notarztes erkennen konnte, der eine Herzmassage durchführte. Seine Bewegungen waren präzise und rhythmisch … und vergebens.

Von dort, wo ich stand, konnte ich eine leblose Hand erkennen.

Ich weiß noch, wie ich sie einmal gehalten habe und dass ich sie gerne fester gedrückt hätte, aber sie hatte zerbrechlich gewirkt, und die teuren Ehe- und Verlobungsringe hatten unbequem ausgesehen.

Kapitel 2

Mein Name ist Isadora Winter. Ich bin fünfunddreißig Jahre alt, habe einen fünfzehnjährigen Sohn und arbeite seit sieben Jahren als Privatdetektivin in Berlin.

Mein Büro liegt in einer ruhigen Seitenstraße in Wilmersdorf. Es hat drei Räume. Völlig übertrieben für einen Ein-Frau-Betrieb. Aber ich will es so. Den hinteren, größten Raum werde ich eines Tages als Atelier nutzen. Der mittlere ist mein eigentliches Büro, und davor liegt das Wartezimmer.

Ein paar Stunden pro Woche kommt meine Mitbewohnerin Tina und spielt meine Assistentin. Sie ist (meist arbeitslose) Schauspielerin aus Leidenschaft und bringt immer neue Nuancen oder Hintergrundgeschichten in diese Rolle ein. Sie sitzt dann an dem winzigen Rezeptionstresen und beobachtet die Menschen, die darauf warten, auf ihre Fragen Antworten zu bekommen, die sie in den meisten Fällen gar nicht hören wollen. Jede ihrer Vermutungen oder »Analysen«, wie sie sie nennt, schickt sie mir per Handy. Emoji-Kurzgeschichten, die sich erstaunlich oft als zutreffend erweisen.

Tatsächlich kommen die Menschen eigentlich nur aus zwei Gründen zu mir: Geld oder Liebe. Meist vermischen sich die beiden früher oder später. Auch wenn das viele meiner Klienten empört verneinen würden.

Ich bin wirklich gut in meinem Job, denn ich kann warten. Und mein Job besteht nun mal zu achtzig Prozent aus Warten, zu fünfzehn Prozent aus Bürokram, zu vier Prozent daraus, Menschen dabei zu beobachten, wie sie sich selbst und andere belügen, und zu einem Prozent daraus, meinen Klienten viel Geld dafür abzunehmen, dass ihnen das Herz gebrochen wird.

»Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann«, zitiert Eugen immer dann Leo Tolstoi, wenn ich mal wieder zu spät zu einem unserer Treffen in das Stehcafé in Alt-Tegel komme, in dem wir uns vor vierzehn Jahren kennengelernt haben. Da war er schon fast siebzig. Er ist eigentlich Doktor der Physik, kam 1993 aus Russland nach Deutschland und hat sich hier mit einer Akribie, die mich immer wieder beeindruckt, sofort darangemacht, Berlin zu erforschen. Er hat mich damals als Taxifahreranfängerin unter seine Fittiche genommen. Ich weiß keinen Besseren. Nicht nur, weil er alle Straßen, alle Schleichwege und alle Sonderziele kennt, sondern weil er Menschen liebt. Er lässt sich voll und ganz auf sie ein. Ich verstehe immer noch nicht, wieso.

Ich selbst halte lieber Abstand. Und warte. Bis sich die Puzzleteile zusammenfügen. Bis sich die Menschen unbeobachtet fühlen. Bis sie aufgeben. Bis sie sich so sehr in die Lügen, aus denen sie sich ihr Leben zusammengesetzt haben, verstricken, dass sie nicht mehr weglaufen können.

Auf diese Weise vermeide ich es, zu einer Variablen in den manchmal komplizierten, manchmal erschütternd einfachen Gleichungen zu werden, die sich mir überall offenbaren. Eugen hält diese Vorstellung für Quatsch und versucht mir immer mal wieder zu erklären, dass Beobachtung die Wirklichkeit beeinflusst. Manchmal frage ich mich, ob das auch für die Beobachterin gilt. Ich frage aber nie laut.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich Katharina das erste Mal begegnet bin, und ich weiß nicht, ob ich mir je verzeihen kann, dass ich nicht vorbereitet war auf das, was kommen sollte. Ich hatte an diesem Tag vier Stunden lang die Angestellte einer Klientin observiert, um herauszufinden, ob sie wirklich krank war. Wir waren kreuz und quer durch Charlottenburg gelaufen, ohne Pause. Es hatte geschneit. Alle Geräusche waren gedämpft, und strahlendes Weiß ersetzte das übliche Grau und Anthrazit. Ich weiß noch, wie schön ich Berlin an diesem Tag fand. Der Schnee machte es so viel einfacher, die Formen der Stadt zu erkennen. Beschaffenheit und Farben der Oberflächen lenkten nicht mehr von ihnen ab, und ich hatte leicht die Flächen und ihre Beziehungen zueinander erkennen können.

Ich habe eine Vorliebe für Abstraktes, dafür, Klarheit zu suchen, wo andere in den Details versinken. Deshalb ist Marmor auch mein Lieblingsmaterial. Er ist hart und abweisend, unbestechlich, aber auch zerbrechlich und durchscheinend, mit ganz eigenem Charakter. Man braucht sehr viel Geduld, um ihn zu erkennen, und es erfordert Behutsamkeit, ihn zu bearbeiten, wenn einem das eigene Werk nicht unter den Händen zerspringen soll. Ich bin studierte Bildhauerin, und eines Tages werde ich vielleicht ausstellen, was ich an Klarheit gewonnen habe. Deshalb ja auch das Atelier. Im Moment ist es leer. Bis auf ein paar alte Aktenordner, eine ziemlich runtergekommene Schlafcouch und ein Rennrad, das ich nie benutze.

Ich war der Frau damals durch den Schnee gefolgt. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Ihr Mantel hatte eine Kapuze, aber die hatte sie nicht aufgesetzt, und der Knoten ihres Schals hatte sich schon in der ersten Stunde unserer Tour gelöst. Sie hatte ihn nicht erneuert. Irgendwann war sie in den Luisenfriedhof I eingebogen. Sie war die Erste, die den weißen Fußweg betreten hatte. Sie war bis zu einem Familiengrab gegangen, das erst kürzlich erweitert worden war, für einen Mann – laut Akte nicht ihren. Einen »liebevollen Sohn, Ehemann und Vater«, der zwei Wochen zuvor im Alter von neunundfünfzig Jahren gestorben war. Sie hatte sich mehrfach umgesehen und mich dabei natürlich zwei Reihen hinter sich bemerkt.

Ich werde nicht oft bemerkt, doch auch wenn es passiert, ergibt sich daraus selten ein Problem. Sebastian sagt, das liege an meinem vertrauenswürdigen Aussehen. Ich finde das eine seltsame Aussage für einen Kriminalkommissar, aber er hat natürlich recht. Nichts an mir ist auffällig: ich bin mittelgroß, schlank, habe mittellange mittelbraune Haare und grüne Augen. Tina behauptet, aus mir könnte man was machen. Manchmal platziert sie Modezeitschriften in der Küche oder im Wohnzimmer, sodass ich darüber stolpern muss, oder sie leitet mir YouTube-Clips weiter mit Schmink- oder Haarstyling-Tipps, die ich nie öffne. Tatsache ist, dass ich so viel aus mir heraussehe, dass ich keine Zeit und kein Interesse am Mich-an- oder In-mich-Hineinsehen habe. Vielleicht wird sich das irgendwann ändern.

Auch in diesem Fall hat mich die Frau nicht weiter beachtet. Ich war offensichtlich nicht, wen sie erwartet oder gefürchtet hatte. Ihre Augen waren gerötet, ob durch die Kälte oder etwas anderes, konnte ich in dem Moment nicht sagen. Ich war sicher, dass mein Auftrag damit erledigt sein würde. Meine Klientin war Besitzerin einer kleinen Boutique und hatte nur diese eine Angestellte. Das Verhältnis zu ihr hatte sich in den vergangenen Monaten schlagartig verändert. Die Angestellte hatte sich plötzlich distanziert und abweisend verhalten, ihre Pausen überzogen und an Freitagen oder Montagen häufig gefehlt. Außerdem sei sie ständig mit ihrem Smartphone beschäftigt gewesen. Dann habe sie sich krankgemeldet und sei wochenlang nicht erreichbar gewesen. Meine Klientin hatte bereits angekündigt, nicht noch mehr Geld in eine Beziehung investieren zu wollen, die offensichtlich zerrüttet war. Ich vermutete, dass sie zu einem Anwalt gehen und sich beraten lassen würde, wie sie den Arbeitsvertrag am besten auflösen konnte.

Ich hatte gerade beschlossen, den Namen auf dem Grab nicht in meinen Bericht aufzunehmen, als die Frau eine einzelne weiße Chrysantheme aus ihrer Tasche holte und auf den Grabstein legte – ein Detail, das Tina sehr interessiert und aus dem sie innerhalb kürzester Zeit ein Melodram gesponnen hätte. Manchmal tat sie so etwas mit Unterstützung von Karl, meinem Sohn, der schon als kleiner Junge einen Riesenspaß daran gehabt hatte, ihre Herzschmerzgeschichten mit Rittern, Räubern oder Außerirdischen zu kapern.

Ich war der Frau noch bis nach Hause gefolgt und hatte dann überlegt, Feierabend zu machen, als ich eine SMS von Sebastian bekam. Sie enthielt einen Link, den ich nicht öffnete, und die Frage, ob er vorbeikommen könne. Wir treffen uns immer im Büro, im Hinterzimmer – das ist für uns beide am praktischsten.

Ich habe oft darüber nachgedacht, was passiert wäre, wenn ich ihm abgesagt hätte und an diesem Abend nicht im Büro gewesen wäre. Wäre Katharina ein zweites Mal vorbeigekommen? Oder hätte sie sich einen anderen Privatdetektiv gesucht? Was hätte er herausgefunden? Wie hätte er gehandelt?

Ich weiß noch, wie kalt mir war, als ich die Bürotür aufschloss. Und dass es staubig roch. Ich stellte den Wasserkocher und die Heizung an. Ich öffnete den Laptop und begann, meinen Bericht zu schreiben. Ich war dankbar für die Ablenkung, als ich eine WhatsApp von Tina erhielt. Ein Foto von einer Tafel, offenbar aus einem Geschäft oder Café, auf der in einer albern hübschen Handschrift stand: »You are not lost. You are here.« Es ist Tinas größter Spaß, mir solche Fundstücke zu schicken, ob Aufkleber, Plakate, Karten oder Postings. Sie ist sicher, dass sie sie nicht zufällig findet und sie einen tieferen Sinn haben. Mich amüsieren sie meist, dieses Mal aber war ich genervt. Wo war denn bitte »here«? Ich hätte fast ihre zweite Nachricht übersehen, in der sie geschrieben hatte: »Wow! Ich glaub, Karl ist verknallt!« Gefolgt von etlichen Smileys mit Herzchenaugen.

Ich schaltete mein Handy aus und öffnete das Fenster. Ich stand mit meiner Teetasse in der Hand da und sah den Schneeflocken zu, als es an der Tür klingelte. Ich gab mir keine Mühe, ein Lächeln aufzusetzen, als ich öffnete. Das ist einer der Vorteile von Sebastian: Ich muss ihm nichts vormachen. Ihm nicht gefallen.

Aber da stand nicht Sebastian.

Kapitel 3

Ich mochte sie sofort. Es kam mir vor, als kannten wir uns schon ewig. Als seien wir uns ähnlich, aber sie war schön. Ich meine klassisch schön. Sie war größer als ich und feingliedrig, mit hohen Wangenknochen, einer geraden, eleganten Nase und hübsch geschwungenen Lippen. Und sie strahlte, als sei das Leben selbst schön. Als wisse sie etwas darüber, was andere nicht wussten. Sie schien vollkommen sicher darin zu sein, wer sie war und was sie wollte. Und dass sie es haben konnte und verdiente.

»Entschuldigen Sie. Ich habe keinen Termin. Aber ich kann nicht warten. Konnte ich noch nie.« Ihre Stimme war warm und tiefer, als ich erwartet hätte. Sie klang klar und – ich weiß, es hört sich albern an – mutig. Katharina Schneider wirkte, als sei sie es gewohnt, dass Menschen akzeptierten, was sie sagte oder wollte. Nachdem sie sich gesetzt und einen Kaffee entgegengenommen hatte, saßen wir uns eine Weile schweigend gegenüber.

Ich finde die Fragen »Was führt Sie zu mir?« oder »Wie kann ich Ihnen helfen?« überflüssig und einschränkend. Die Klienten suchen dann nach Antworten, wo sie doch erzählen sollen. Ich gebe ihnen eine Viertelstunde, bis ich das erste Mal nachhake. Ich höre nur zu. Ich schreibe nichts auf, ich nicke nicht aufmunternd, ich helfe nicht weiter. Denn alles, was in dieser Zeit gesagt und getan oder auch nicht gesagt und getan wird, gehört für mich zum Fall. Wie der rohe Marmorblock, in dem schon alles steckt, was einmal klar werden und zum Vorschein kommen wird. Alles ist da, ob der Klient oder ich es in dem Augenblick schon erkennen oder nicht. Es überrascht mich immer wieder, wie wenig den Menschen bewusst ist, wie viel sie sagen, wenn man sie lässt. Eugen nennt das: »ausrollen lassen«. Er sagt, wenn eine Taxifahrt fünfzehn Minuten oder länger dauert und die Menschen es wollen, »rollt jeder aus«, zumindest solange man ihnen mit echter Offenheit begegnet. Wieso Eugen das macht, verstehe ich nicht, aber in meinem Beruf ist diese Methode sehr effektiv. Statt die Klienten mit Fragen in ihrem Kopf hin- und herzujagen, höre und sehe ich zu, wohin sie kullern.

Die meisten Frauen fangen an zu reden, noch bevor sie sich gesetzt haben. Sie entschuldigen sich und erklären, rechtfertigen und entschuldigen sich wieder. Einige weinen erst mal und entschuldigen sich, fangen dann an zu erklären und zu rechtfertigen und weinen dann weiter. Sie trösten sich damit, dass ich sicher schon alles gesehen habe und dass auch andere Frauen betrogen und belogen werden. Sie suchen nach Bestätigung von mir, und fast immer interpretieren sie mein regungsloses Gesicht als Zustimmung. Wenn es um Geld geht, sind Frauen meist lebhafter und lauter, als wenn es um Liebe geht. Ich schätze, Existenzangst und Wut erscheinen ihnen erst einmal wuchtiger als Selbstzweifel und Schmerz.

Männer glauben, es mache die bevorstehende Eröffnung weniger schmerzhaft, wenn sie mit mir flirten. Oder sie tun völlig unbeeindruckt. Dann betonen sie, dass sie nur einen Abschluss suchen, weil sie ja eh schon längst durch sind oder nie wirklich ernsthaft interessiert waren. Wenn es um Geld geht, sind sie eher ruhiger. Solange nicht doch Liebe im Spiel ist – gerne die der Eltern. Männer sitzen manchmal bis zu einer Minute, bevor sie anfangen. Dieses Anlaufnehmen ist immer wieder faszinierend. Man kann von außen sehen, wie viel im Inneren gegeneinander kämpft.

In sieben Jahren sind nur zwei Klienten wieder gegangen, ohne ihre Geschichte fertig zu erzählen: Ein Mann um die vierzig, dessen Termin seine Sekretärin vereinbart hatte. Er hat sich gesetzt, über drei Minuten mit zusammengepressten Lippen auf seine Schuhe gestarrt und ist dann ohne ein Wort verschwunden. Ich habe einmal gelesen, dass einem das eigene Schweigen siebenmal länger vorkommt als dem Zuhörer. Am nächsten Tag hat seine Sekretärin angerufen und mich um Rechnungsstellung gebeten. Die zweite Person war eine Frau, die wegen eines Erbschaftsstreits gekommen war und nach einer Viertelstunde aufstand und ging, weil ich ihrer verhassten Schwester ähnlich sah.

Katharina Schneider saß einige Minuten da und trank schweigend ihren Kaffee. Ich mochte ihr Schweigen. »Ich bin keine Romantikerin«, waren schließlich ihre ersten Worte. Sie grinste dabei. Ich weiß noch, wie sehr dieses schiefe, selbstironische Grinsen mich gefreut und gleichzeitig überrascht hat. Es schien nicht so recht zu ihrem fast vornehmen Auftreten zu passen. »Ich bin Projektmanagerin. Ich bin auf der Suche nach Struktur und Zusammenhängen, und ich habe realistische Zielvorstellungen. Ich weiß, dass Beziehungen Arbeit bedeuten und Kompromisse und dass sie sich verändern. Aber mit Martin ist das anders. Ich war vierzehn Jahre mit meinem ersten Mann verheiratet, als ich Martin kennenlernte. Das war vor fünf Jahren. Er hat mich interviewt, und ich habe die ganze Zeit gedacht: ›Wo warst du denn so lange?‹« Sie grinste wieder. »Kitschig, ich weiß.«

Sie schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. Als sie sie wieder öffnete, sah sie mich direkt an. Herausfordernd vielleicht, oder trotzig.

»Ziemlich kitschig«, stimmte ich grinsend zu.

Das war der Moment, an dem ich hätte aussteigen müssen. Ich hatte mein Schweigen, mein Beobachten, gebrochen. Ich war plötzlich zu einer Variablen in einer Gleichung geworden, die ich nicht verstand. Das Schlimmste ist, ich hab’s gemerkt: Ich wollte den Auftrag!

Ich verbringe einen Großteil meiner Zeit damit, untreuen Lebens- oder Geschäftspartnern nachzuspüren, lügenden Familienangehörigen oder langjährigen, scheinbaren Freunden. Am Ende muss ich meinen Klienten eine Wahrheit präsentieren, von der sie zu Beginn überzeugt sind, dass sie sie kennen möchten, die zu akzeptieren sie dann aber in den seltensten Fällen bereit sind. Ich erlebe meine Auftraggeber in ihren verletzlichsten Momenten, werde Zeuge ihres Schmerzes und ihrer Kränkung – in gewissem Sinne bin ich sogar der Grund dafür –, und damit habe ich kein Problem. Das gehört nun mal zu meinem Job, dafür werde ich bezahlt. Doch aus irgendeinem Grund war das bei Katharina Schneider anders. Ich wollte, dass sie die eine Ausnahme war. Die eine Klientin, zu der ich eine Meinung hatte. Der ich helfen konnte. Der ich wiederbegegnen konnte, ohne dass sie sich beschämt abwandte, weil ich sie an ihre Schwäche oder ihren Schmerz erinnerte. Vielleicht lag das an dem Mut und der Entschlossenheit, die sie ausstrahlte, vielleicht an der Unverstelltheit und Präsenz, mit der sie mir gegenübersaß und dank derer ich mich ihr so nahe fühlte. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich in diesem Moment nicht schweigen konnte. Dass ich ihr Grinsen einfach erwidern musste.

»Martin hat mich nach dem Interview auf einen Kaffee eingeladen. Daraus wurden ein Abendessen und dann ein ganzes Wochenende. Am nächsten Tag habe ich mich von meinem ersten Mann getrennt.«

Ich hätte sie gerne gefragt, woher sie die Klarheit genommen hat, so eine Entscheidung zu treffen. Wieso hatte sie nicht gewartet? Doch ich schwieg, und sie sprach weiter. Sie lächelte dabei.

»Ich wusste gleich, dass er ›der Richtige‹ ist. Es macht Spaß, ihn zu lieben. Nichts fällt mir leichter. Mein erster Mann hat mich gefragt, was mir gefehlt hat. Ich hätte ihm wirklich gerne eine Antwort gegeben. Ich hatte das Gefühl, ihm eine zu schulden, aber es gibt keine. Ich brauchte nichts und niemanden. Doch ich wollte Martin.«

Ihre Stimme bröckelte an dieser Stelle. Sie wollte ihn immer noch. Ich fragte mich, wie es fünf Jahre später mit dem Brauchen aussah …

Sie beschrieb, wie einfach mit Martin alles gewesen war, wie viel sich von allein ergeben und richtig angefühlt hatte. Wie sehr sie dieses Gefühl genossen hatte. Sie erzählte, dass auch andere Bereiche ihres Lebens davon profitiert hatten. Ihre Karriere habe einen deutlichen Sprung gemacht, alles sei ihr leichtgefallen, selbst die Scheidung von Richard, einem Bundestagsabgeordneten – allerdings habe der sich auch gerade im Wahlkampf befunden und unbedingt einen souveränen Eindruck machen wollen. Auch Martins Karriere hatte sich positiv entwickelt, wenn auch nicht ganz so rasant wie ihre eigene. Er schrieb mittlerweile große Reportagen zu Wirtschaftsthemen.

Ich beobachtete sie über den Rand meiner Teetasse hinweg und fragte mich, wie sie wohl aussah, wenn sie weinte. Wenn ihre Wimperntusche verlaufen und die perfekt geschnittenen Haare zerzaust waren. Ich war sicher, ich würde es erfahren. Und dann habe ich mich gefragt, wann ich das letzte Mal geweint hatte. Aber es ist mir nicht eingefallen.

Katharina Schneider machte eine Pause und erklärte dann mit ruhiger Stimme: »Unser Sex ist fantastisch. Immer noch.« Die Bemerkung überraschte mich – obwohl sie das sonst nie tut. Früher oder später kommen die Klienten, die wegen Beziehungsangelegenheiten da sind, immer auf das Thema. Aber sie tun es meist in einem schamvollen oder rechtfertigenden Ton, manchmal auch angriffslustig. Katharina erwähnte es, als sei es lediglich ein Faktor, den sie der Vollständigkeit halber nicht auslassen konnte. Ich war so in meine Gedanken dazu versunken, dass ich fast ihre erste und einzige Frage verpasst hätte: »Ich habe gelesen, dass Männer, die eine Affäre haben, sich entweder entziehen oder plötzlich anderen Sex als bisher wollen. Das ist bei uns nicht so. Ist das ein gutes Zeichen?«

Ich goss ihr schweigend einen weiteren Kaffee ein und begann, statt zu antworten, meine Standardfragen zu stellen – viel zu früh!

Zehn Minuten später hatte ich alle persönlichen Details, einschließlich Fotos von Martin Kaufmann (46), Adressen der gemeinsamen Wohnung, von Arbeitsplatz, Fitnessstudio, Lieblingsrestaurants und engen Freunden. Katharina war einverstanden mit meinem Kostenvoranschlag, und wir vereinbarten eine Observationszeit von zwei Wochen mit einem Zwischenbericht.

Erst danach erklärte sie, dass sie gekommen sei, weil sich das Verhalten ihres Mannes in den letzten Wochen verändert habe. Er sei abwesend, gereizt, weiche ihren Blicken und Fragen aus und erkläre alles mit der intensiven Arbeit an seiner bisher größten Reportage. Seit ein paar Tagen nehme er sein Handy mit ins Bad.

Zum Abschied reichte sie mir die Hand. Ich hätte sie gerne fester gedrückt, aber sie wirkte zerbrechlich, und die teuren Ehe- und Verlobungsringe sahen unbequem aus. Im Hausflur drehte sie sich noch einmal zu mir um und sagte: »Ich brauche Klarheit.« Ich nickte nur.

Ein paar Minuten später klopfte Sebastian. An den Sex kann ich mich nicht erinnern.

Kapitel 4

Es war ein natürlicher Schritt von der Taxifahrerin zur Privatdetektivin. Eines Nachts vor sieben Jahren sprang an einer roten Ampel eine junge Frau in meinen Wagen. Sie flehte mich an, einem anderen Taxi zu folgen, das weiter vorne in der Schlange stand. Was ich getan habe. Sie bot mir viel Geld, um ihrem Verlobten, der in diesem Wagen saß, auf der Spur zu bleiben und gegebenenfalls per Handyfoto zu dokumentieren, mit wem er sich traf. Das war der erste in einer sehr langen Reihe von Seitensprüngen, den ich bezeugt habe.

Daran musste ich denken und an Katharina Schneiders Entscheidung, sich trotzdem auf die große Liebe einzulassen, als ich auf dem Weg nach Hause war. Ich habe natürlich Klienten, die nicht an die »große Liebe« glauben, die sie gar nicht wollen. Welche, die mehrere haben, auch gleichzeitig, oder von sich sagen, dass sie noch nie geliebt haben oder nie geliebt wurden – und doch kommen sie alle zu mir aus Angst, verraten worden zu sein. Ich fahre meist mit der U-Bahn. Ich nehme die U7 Richtung Rudow bis Südstern und laufe dann noch ein paar Minuten bis in den Graefekiez. Normalerweise habe ich keine Schwierigkeiten, in dieser Zeit meinen Arbeitstag gedanklich abzuhaken. An jenem Abend aber war ich gereizt und nervös. Ich dachte erst, das liege an Sebastian.

Ich hatte ihm dabei zugesehen, wie er sich angezogen hatte. Ein schöner Anblick. Sebastian war Kampfschwimmer gewesen, nachdem er ein Psychologiestudium abgebrochen und bevor er sich für den Polizeidienst entschieden hatte. Er schwimmt immer noch mehrmals in der Woche. Als er jung war, wäre er mir vermutlich zu hübsch gewesen – aber seiner Frau scheint er gefallen zu haben. Die beiden sind seit siebzehn Jahren zusammen. Drei Kinder, von denen ich die Namen, aber keine Gesichter kenne. Er hat nie angeboten, Fotos zu zeigen, und ich hätte sie nicht sehen wollen. So sind »wir« nicht. Es gibt nicht einmal ein »wir«. Zumindest nicht außerhalb meines Hinterzimmers.

Jedenfalls hatte er gerade nach seinem T-Shirt geangelt und dabei ganz beiläufig gefragt: »Wie findest du das Hotel?«

Ich hatte keine Ahnung gehabt, wovon er sprach.

»Ich hab dir vorhin den Link geschickt.« Er hatte sich konzentriert die Schuhe gebunden.

Wir reden nicht viel, und wenn, dann über einen seiner Fälle, in dem ich Nachforschungen anstelle, die er nicht genehmigt bekommt. Ich habe kein Problem damit, für ihn zu arbeiten. Er bezahlt meinen Standardsatz, und wie er später erklärt, an die Informationen gekommen zu sein, frage ich nicht. Und er fragt auch nicht. Er weiß, wie geduldig und sorgfältig ich bin und dass ich mich an Regel Nummer 1 halte. Immer. »Nicht einmischen! Niemals!« Immer. Niemals.

Ich hatte mir also die Website eines »idyllischen Familienhotels« an der Ostsee angesehen. Ich weiß nicht, was mich mehr gestört hat, die furchtbar kitschigen Fotos oder die Tatsache, dass Sebastian mich dabei beobachtete.

»Reetdach? Honeymoon-Suite? Ernsthaft?«

Ich hatte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten können, aber mir war ein längeres Gespräch zu dem Thema erspart geblieben, als sein Handywecker geklingelt hatte. Er hatte losgemusst, um seinen ältesten Sohn vom Handballtraining abzuholen.

Als ich endlich zu Hause ankam, hoffte ich, dass Tina ein Date hatte und Karl noch bei einem seiner Kumpels war – doch sobald ich die Wohnungstür aufschloss, hörte ich die beiden herumalbern. Ich schlich in mein Zimmer und legte mich fünf Minuten aufs Bett. Ich versuchte, mich an die Meditationsanleitungen zu erinnern, die Tina mir immer wieder schickt, aber mein Kopf wollte nicht langsamer werden. Also gab ich auf und ging in die Küche, wo Tina gerade mit Karl um dessen Handy rangelte.

»Du hast tausend Fotos von ihr, gib’s doch zu!«, meinte sie lachend.

»Lass mich in Ruhe!«

Karl hielt sein Smartphone umklammert und blickte mich flehend an. Einen Moment lang sah er wieder aus wie der bezaubernde kleine Junge, der jede Nacht mit einem Teddybären und seiner Bettdecke im Arm zu mir gekommen war, damit ich besser schlafen konnte. Das war in seiner Helden- und Ritterphase gewesen. Die war schon lange vorbei.

»Tina, hör doch auf!« Ich glaube, meine Stimme klang schärfer als beabsichtigt.

»Spaßbremse! Auf welcher Seite stehst du eigentlich? Du willst doch auch wissen, in wen Karl verknallt ist!«

»Mama, du bist die Allerallerbeste!« Karl grinste erleichtert.

»Schleimer!«, seufzte Tina theatralisch.

Als sein Handy klingelte und der Name »Ava« auf dem Display erschien, hastete Karl aus dem Raum. Ich fühlte mich müde und … alt.

Tina drehte sich wieder mir zu und verkündete beleidigt: »Ich sag dir nicht, wer die Kleine ist, wenn ich es rausgekriegt habe. Und das werde ich!«

Das würde sie wirklich. Tina ist unfassbar gut im Online-Stalking.

»Das hältst du doch gar nicht aus«, meinte ich lachend.

»Ha, von wegen!«, erwiderte sie empört.

Während sie sich Wein eingoss und kalorienreduzierte Tiefkühlpizza in den Ofen schob, versuchte ich, meinen nächsten Arbeitstag zu organisieren. Ich hatte zwei Klientengespräche am Vormittag und einen Gerichtstermin gegen Mittag. Ich sollte in einem Kündigungsverfahren als Zeugin aussagen – Routine. Das ließ mir nur den frühen Morgen und den Abend, um Martin Kaufmann zu beobachten. Was mich nervte. Ich wollte nicht, dass Katharina Schneider auf ihre Klarheit warten musste.

Ich sah den Plan für die kommenden Tage durch und bat dann Tina in meinem allerfreundlichsten Tonfall, den Terminkalender für den Rest der Woche freizuräumen. Um sie zu besänftigen, verriet ich ihr Avas Namen und fühlte mich im selben Moment schuldig.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, bevor mein Wecker ging. Das Display zeigte 5:55 Uhr. Ich duschte kurz und befüllte meine Thermoskanne mit Kaffee. Karl tappte gerade aus seinem Zimmer, als ich die Wohnung verlassen wollte. Verstrubbelte hellbraune Haare, halb geschlossene blaue Augen mit sehr langen Wimpern und ein Grübchen in der linken Wange. Er sah aus wie sein Vater. Aber den Gedanken schob ich schnell zur Seite. Ich winkte ihm zu und deutete einen Kuss an, den er mit einer Mischung aus Augenrollen und Grinsen kommentierte. Dann hastete ich los.

Um 6:45 Uhr verließ Martin Kaufmann seine Wohnung am Strausberger Platz, um ins Fitnessstudio zu gehen – angeblich.

Kapitel 5

Er wählte ein Laufband am Fenster. Ich saß an der Bushaltestelle gegenüber dem schicken Fitnessstudio und tippte meine Beobachtungen in mein Handy.

Die meisten Leute denken, Privatdetektive sitzen die ganze Zeit in Autos und haben Ferngläser und Richtmikrofone dabei. Davon abgesehen, dass die durch Eindringen in die Privatsphäre erlangten Informationen in den meisten Fällen vor Gericht nicht zulässig sind und man sich unter Umständen strafbar macht, wenn man sie beschafft – wie wahrscheinlich ist es, in einer Stadt wie Berlin einen passenden Parkplatz zu finden? Bushaltestellen sind ein Glückstreffer, vor allem wenn sie, wie in diesem Fall, von mehreren Linien angefahren werden. Niemand wundert sich, wenn man sitzen bleibt, und niemand ist lange genug da, um zu merken, dass man gar nicht vorhat, aufzustehen.

Martin Kaufmann war groß, schlank, mit leicht hochgezogenen Schultern und zurückweichendem Haaransatz. Er trug eine schwarz gerahmte Brille und weiße In-Ear-Kopfhörer. Er war perfekt ausgeleuchtet, wie in einem Schaufenster, und ich fragte mich, ob ihm das klar war, ob er es so wollte. Sein Laufstil war angestrengt und unrund. Seiner Gesichtsfarbe nach zu urteilen, übernahm er sich. Nach etwas über einer halben Stunde verließ er das Laufband. Anschließend wuchtete er – für mich schwerer zu erkennen – im hinteren Teil des Studios ein paar Minuten lang Gewichte, auch das mit eckigen und unausgewogenen Bewegungen. Als ihn ein Trainer ansprach, winkte er ab und verließ den Raum.

Vierzehn Minuten später trat er, in einen dicken schwarzen Wollmantel, Schal und Mütze gehüllt, auf die Straße und ging in Richtung U-Bahn-Station Weberwiese. Ich folgte ihm auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig auf gleicher Höhe, ließ mich dann etwas zurückfallen und wechselte auf seine Seite. Er schaute sich einmal um und schien etwas in sein Handy zu sprechen. Ob er telefonierte oder ein Memo diktierte, konnte ich nicht hören.

Auf der Zwischenebene der Station wendete ich meinen Daunenparka von der dunkelblauen auf die tarngrüne Seite und zog meine Mütze aus.

In der Bahn stand ich direkt hinter Kaufmann, der einen Eckplatz ergattert hatte, und konnte ihm sogar über die Schulter gucken, während er in sein Smartphone vertieft war. Konzentriert scrollte er sich durch sein E-Mail-Postfach. Da ich den Inhalt der Nachrichten ohnehin nicht lesen konnte, ohne von ihm bemerkt zu werden, sah ich ihn mir aus der Nähe an. Ich kann mich genau daran erinnern, wie unangenehm mir das war. Die zusteigenden Fahrgäste drängten, und ich hatte Mühe, zu verhindern, dass wir uns berührten. Er roch nach Bergamotte und Zeder und ein kleines bisschen nach Zigaretten. Ich konnte ihn im Profil und sein Spiegelbild in der gegenüberliegenden Fensterscheibe sehen. Er hatte eine scharf geschnittene, gerade Nase, ein kantiges Kinn, das im Begriff war, seine Definition zu verlieren, und einen breiten Mund mit im Moment schmal aufeinandergepressten Lippen. Er sah müder und älter aus als auf den Fotos, die ich von ihm hatte. Seine Gesichtshaut war leicht gebräunt, für seine sechsundvierzig Jahre hatte er schon erstaunlich viele Falten, vor allem um die Augen. Ich weiß noch, dass ich einen Augenblick lang für Katharina Schneider hoffte, dass es Lachfalten waren, und mich dann wieder auf meine Beobachtung konzentrierte. Als die Bahn langsamer wurde, steckte er sein Handy ein. Seine Hände waren ungewöhnlich schön. Kräftig, aber mit langen, eleganten Fingern und gepflegten Nägeln. Das Auffälligste an ihnen war jedoch sein breiter und glänzender Ehering. Ich folgte Kaufmann, bis er das Redaktionsgebäude des Wochenmagazins betrat, bei dem er fest angestellt war. Dann rief ich Eugen an, um mich von ihm in seinem Mercedes 240 D Baujahr 1974 ins Büro fahren zu lassen.

Noch bevor ich auf dem Beifahrersitz Platz genommen und die Tür zugezogen hatte, fragte er mich, was los sei. Dabei lächelte er mich so an, dass seine goldenen Zähne blitzten. »Ärger mit dem Kommissar, moya malen’kaya?« Er reichte mir eine Tüte mit Croissants. Das machen wir immer so. Ich bringe den Kaffee, schwarz, kein Zucker, und er die Croissants. Dann fragt er mich, ob ich reden will. Ich sage meistens Nein, er schmunzelt und sagt mir auf den Kopf zu, was gerade in meinem Leben vor sich geht. Ich zucke dann meist mit den Schultern, lache ein ertapptes Lachen oder schüttele empört den Kopf. Eugen beginnt daraufhin, von der vergangenen Nachtschicht zu berichten, oder er spricht über Nadja, seine Frau. Sie ist vor fast zwanzig Jahren gestorben, aber wenn er von ihr erzählt, klingt es, als sei sie immer noch Teil seines Lebens. Wahrscheinlich ist sie das.

Während Eugen seelenruhig durch den morgendlichen Berufsverkehr steuerte, sah er mich immer wieder von der Seite an und verkündete schließlich kopfschüttelnd: »Er ist nicht gut für dich, der Kommissar. Und für sich ist er auch nicht gut. Du kannst viel mehr haben, wenn du dich traust!«

Ich musste an Katharina Schneider denken, die sich getraut hatte und jetzt sich selbst und ihrer großen Liebe nicht mehr trauen konnte. Gab es ein Zurück aus dem Misstrauen, das sie zu mir geführt hatte? Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Martin Kaufmann sie nicht hinterging – hatte nicht sie ihn hintergangen und verraten, indem sie mein Büro betreten hatte?

»Wie geht es Karl?«, fragte Eugen, als ihm klar wurde, dass ich nicht antworten würde, aber an den wollte und konnte ich auch nicht denken. Wenn er wirklich verknallt war, würde zwangsläufig der erste Liebeskummer folgen. Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit, mir und meinen Klienten jeden Tag aufs Neue zu beweisen, dass es das »glücklich bis ans Ende ihrer Tage« nicht gibt. Ich hätte mir etwas vorgemacht, wäre ich davon ausgegangen, dass mein Sohn da eine Ausnahme bildete. Die Frage war nur: Würde er Ava das Herz brechen oder sie ihm? Würden sie sich in zwanzig Jahren noch aneinander erinnern?

Den Rest der Fahrt saßen wir schweigend nebeneinander. Es wurde langsam hell. Der Schnee war fast überall geschmolzen. Die Stadt war wieder anthrazit, kalt und dreckig. Zum Abschied nahm Eugen meine Hand und zitierte Seneca: »Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.« Ich konnte ihm nur verzeihen, weil seine alte Stimme so heiser knarzte und seine »Rs« rollten und er dazu sein goldenes Lächeln lächelte.

Im Büro wartete Tina auf mich. Sie hatte Ava im Internet gefunden und kannte jetzt Alter, Größe, Augen- und Haarfarbe, Lieblingsbands und Hobbys. Informationen, die ich nicht haben wollte.

»Echt jetzt? Du bist kein bisschen neugierig?«, fragte sie beleidigt.

»Kein bisschen.« Wenn man glauben will, was man sagt, ist es dann eine Lüge?

»Karl hat es richtig erwischt!«

»Hast du die Termine verschoben, wie wir es besprochen hatten?«, versuchte ich, das Thema zu wechseln.

»Kein Wunder, dass Karl lieber mit mir redet als mit dir!« Sie war offenbar eingeschnappt und hackte deshalb demonstrativ laut auf ihre Tastatur ein.

Ich weiß nicht, woher meine Wut so plötzlich kam und so heftig. Ich werde eigentlich nie derart wütend, dass man es mir ansehen kann, aber wenn nicht im selben Moment ein Klient hereingekommen wäre, hätte ich … Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich getan hätte.

Tina sah mir kopfschüttelnd nach, als ich mit dem älteren Herrn, der mich engagieren wollte, um einen alten Brieffreund wiederzufinden, in mein Büro ging und die Tür zu laut hinter uns schloss.

Der Rest des Tages verlief ruhig. Nachdem sich der Brieffreund, noch während der Klient in meinem Büro saß, bei Facebook auffinden ließ, stellte ich den Kontakt her und verabschiedete einen glücklichen Mann. Das verbesserte meine Laune, und auch Tina hatte sich inzwischen wieder eingekriegt. Den zweiten Klienten lehnte ich ab, weil er falsche Vorstellungen davon hatte, was Privatdetektive leisten können und tun dürfen. Wir haben keine besonderen Befugnisse, dürfen genauso wenig wie jeder andere gegen Persönlichkeitsrechte verstoßen, und wir tragen auch keine Schusswaffen. Sebastian findet allerdings, dass wir gegenüber der Polizei dadurch im Vorteil sind, dass wir oft schon dann eingeschaltet werden, wenn sich eine Krise anbahnt.

Nach meinem Gerichtstermin traf ich mich mit Karl in einem Café in der Nähe seiner Schule, bevor er sich zum Fußballtraining und ich mich zu meiner zweiten Beschattung von Martin Kaufmann aufmachte. Wir wollten beide nicht reden. Er vermutlich nicht, weil er, was auch immer in ihm vorging, beschützen wollte, und ich nicht, weil ich nicht wollte, dass sich etwas änderte. Ich wollte, dass unsere Beziehung so blieb, wie sie war. Und doch habe ich etwas verändert, als ich ihn zum Abschied länger als sonst umarmte und ihm einen Kuss auf die Wange gab, was er so richtig bescheuert fand.

Während ich in einem Hauseingang vor dem eiskalten Wind geschützt darauf wartete, dass Kaufmann die Redaktion verließ, erhielt ich eine SMS von Katharina Schneider. Martin hatte ihr geschrieben, dass er am Abend ein Geschäftsessen mit seinem Ressortleiter habe. Kurz darauf verließ er das Gebäude allein. Ich folgte ihm mit U-Bahn und Bus bis in die Bleibtreustraße in Charlottenburg. Er wirkte noch angespannter als am Morgen. Vor einem Vier-Sterne-Superior-Hotel zündete er sich eine Zigarette an und warf sie nach einigen hastigen Zügen in den Rinnstein. Dann straffte er seine Schultern und betrat das Foyer.

Ich überquerte die Straße und ging ihm nach.

Ende der Leseprobe