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Wie konntet ihr «das mit den Juden» zulassen? Warum wart ihr in der Hitler-Jugend? Weshalb habt ihr euch im Krieg freiwillig gemeldet? Was habt ihr euch nach 1945, als der Krieg verloren war, gedacht? Walter Jendrich, der die Nazizeit zum Teil bewusst miterlebt hat, stellt sich den Fragen seines Sohnes. Aber er hat keine vorgefertigten Antworten darauf. Man begreift, dass «Führer» und Partei nicht hätten regieren können ohne das Stillschweigen und Stillhalten der Mehrheit der Bürger. Sie waren mitverantwortlich.
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Seitenzahl: 228
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Horst Burger
Warum warst du in der Hitler-Jugend?
Vier Fragen an meinen Vater
Ihr Verlagsname
Horst Burger, geb. 1929 in Meiningen (Thüringen), war Schauspieler, Redakteur und Schriftsteller, bevor er 1975 sein Leben durch Freitod beendete.
Die Traumata des 2. Weltkriegs – noch im letzten Kriegsjahr wurde er im Alter von 16 Jahren eingezogen – verfolgten ihn sein Leben lang und veranlassten ihn wohl auch zu dem vorliegenden (posthum erschienenen) Roman, in dem er persönliche Erfahrungen in der Figur des Walter Jendrich verarbeitet hat.
Nach Kriegsende lebte Horst Burger mit seiner Familie in Südbaden und starb nahe seines Wohnorts Wehr. Er hinterließ seine Frau und zwei Töchter.
Ich weiß nicht – für manche ist das Wort Vater wie ein Kaugummi, an dem sie endlos rumkauen, bevor sie ihn ausspucken. Gerade so, als ob es sie eine Menge Überwindung kostete, sich daran zu erinnern, dass sie einen Vater haben, und es auch noch auszusprechen.
Die meisten sagen einfach «mein Alter» oder so. Das geht ihnen leicht von der Zunge. Dabei fallen keinem Sachen ein wie Vaterland, Vater im Himmel oder: «Du sollst Vater und Mutter ehren …» und all der andere Schmus, mit dem man früher die Menschen berieselte, um sie besser gängeln zu können. Heute lässt sich damit kaum noch ein Hund hinter dem Ofen vorlocken. Aber das Unbehagen an dem Wort ist nun mal da.
Zu verstehen ist das schon. Wenn man sieht, was manche Typen für Väter haben, kann man sie wirklich nur bedauern. Die machen den Mund auf, und heraus kommt immer dasselbe. Sie reden überhaupt nur mit einem, um zu erzählen, was sie früher für Kerle gewesen sind. Dass sie noch Ideale hatten, hart und anspruchslos waren, als es darum ging, das Vaterland erst zu ruinieren und später wiederaufzubauen. Wenn man sie so hört, dann haben sie ihr Leben lang gekämpft, damit wir, die Jungen, es einmal besser haben sollten. Hitler? Nein, dafür lehnen sie die Verantwortung ab. Sie waren noch zu jung damals.
Nichts gewusst von den Juden und den Konzentrationslagern. Und außerdem wäre ja auch vieles übertrieben worden. Auf jeden Fall hätte es unter Hitler solche Zustände wie heute nicht gegeben. Keine vergammelten Jugendlichen, Arbeitslosen, Kriminellen, Rauschgiftsüchtigen und Anarchisten. Das alles war damals von der Straße. Es herrschte Ordnung. Wer nicht spurte, bekam eins in die Schnauze. Damals gab es noch Autorität.
Es kann einem schlecht werden, wenn sie einem so kommen. Mich wundert gar nicht, dass das Wort Vater für viele nur noch ein ausgelaugter Kaugummi ist. Väter sind Glückssache. Ich gebe zu, dass ich mit meinem eigentlich zufrieden bin. Von Kleinigkeiten abgesehen, ist er ganz erträglich. Was er sagt, hat Hand und Fuß. Und wenn ich ihn frage: «Wie war das denn früher mit diesem und jenem? Erzähl mal! Du warst doch dabei. Wie stehst du heute dazu?», dann gibt er sich Mühe, eine plausible Antwort zu finden. Er macht es sich nicht leicht. Versucht nicht, sich rauszureden. Das finde ich gut, da hört man auch zu. Und man kommt nicht auf die Idee zu sagen: «Lass mich doch zufrieden mit diesem ganzen Scheiß von früher. Wen interessiert das heute noch?»
Im Gegenteil. Wenn ich meinem Vater zuhöre, habe ich das Gefühl, dass wir uns viel zu wenig mit dem beschäftigen, was damals vor sich ging. Damit man einen Blick dafür kriegt, wie viele Schwierigkeiten passieren und auf welche Art. Und dass es Dinge gibt – auch heute –, gegen die man angehen muss, wenn man nicht einfach abschnallen will.
Fünf bis sechs Millionen Juden waren es, die Hitler in seinen Konzentrationslagern umbringen ließ. Man kann sich das überhaupt nicht vorstellen. Es geschah vor der Nase eines Sechzig-Millionen-Volkes, das von alledem nichts sah, nichts wusste, nichts ahnte. Oder nichts wissen wollte? Einfach die Augen zumachte? Die Menschen haben gelebt und gearbeitet, geliebt und gelacht – wie in einer freien, friedlichen Welt und nicht wie auf einem riesigen Schlachthof.
Heute ist allgemein bekannt, was damals geschehen ist. Es gibt Zahlen und Statistiken, die alles belegen. Doch wie es wirklich war, wie die Menschen dachten, was sie fühlten, was sie glaubten und hofften und was sie tatsächlich wussten – das kann man nur von ihnen selbst erfahren.
Mir fällt es nicht schwer, «Vater» zu sagen. Auch nicht, harte Fragen zu stellen. Es sind insgesamt vier, die für mich in diesem Zusammenhang wichtig sind. Mein Vater hat in langen Gesprächen versucht, sie mir zu beantworten. Die erste lautete: «Wie war das mit den Juden? Wie konntet ihr das zulassen? Oder habt ihr wirklich nichts davon gewusst?»
Walter Jendrich antwortet:
«Bei Kriegsende war ich so alt wie du – 16 Jahre. Das soll keine Entschuldigung sein. Aber es erklärt einiges. In diesem Alter übersieht man die Dinge nicht. Es fehlt an Wissen und vor allem an Erfahrung. Wir hatten bis dahin nur in eine Richtung denken gelernt.
Als mein Vater, dein Großvater also, im Herbst 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte, war mir schon vieles aufgegangen. Mein Vater kam nicht auf Krücken aus dem Krieg zurück. Nicht in Lumpen, ausgezehrt und an Leib und Seele gebrochen. Er kam vor Gesundheit aus den Nähten platzend, wohl genährt und gut gelaunt und versicherte, es sei eine Schande, dass man heute einen Mann wie Hitler mit Dreck bewerfe. Er habe schließlich nur das Beste gewollt und dem Deutschtum überall in der Welt wieder Geltung verschafft. Er werde sich nicht auf eine Stufe mit all den Charakterlumpen stellen, die den Führer verleugneten. Er sei Nationalsozialist gewesen und werde es auch bleiben.
In diesem Augenblick kam ich mir vor wie einer, der aus tiefem Schlaf erwacht und plötzlich glasklar erkennt, dass er in der Dunkelheit in einer falschen Behausung untergekrochen ist. Ich roch auf einmal den Gestank ringsum. Mein Gott, hatte ich auch einmal so gedacht? Und sollte es so weitergehen? Wie falsch und niederträchtig war alles. Von Anfang an. Wie weit würde man zurückgehen müssen, um den Ursprung der Verlogenheit zu finden?»
Sie hatten Gerhard Wandres nicht ins Wasser geworfen. Aber das Bild setzte sich fest. Schuldgefühle sind immer eine Frage des Erinnerungsvermögens. Sie bleiben nicht nur bei Auschwitz und Lidice gegenwärtig. Es war Anfang August 1934. Die Fassaden der Kleinstadthäuser starrten von Fahnen. Ein paar schwärz-weiß-rote, meist aber solche mit dem Hakenkreuz in der Mitte. Fast alle hatten sie am oberen Ende einen Trauerflor. Zum Gedenken an den Reichspräsidenten, der gerade gestorben war.
Die Trauer der Menschen schien echt. Für viele war mit Hindenburg der letzte Vertreter preußisch-deutscher Redlichkeit von der politischen Bühne abgetreten. Und sie ahnten, dass nun jenen wild gewordenen Gefreiten namens Hitler nichts und niemand mehr hindern würde, das Kasernentor aufzustoßen, hinter dem seine viel beschworene neue Zeit lag.
Für den fünfjährigen Walter Jendrich war Hindenburg der Größte. Sein viereckiger Kopf mit dem weit geschwungenen Schnurrbart und dem treuen Bernhardinerblick flößte Vertrauen ein. Doch dem Kopf hätte Entscheidendes gefehlt, wäre nicht der Helm gewesen. Erst die mit glanzvollen Beschlägen verzierte Pickelhaube machte den Mann aus, den Walter Jendrich bewunderte. Er selbst besaß auch so einen Helm mit einer Messingspitze. Er stammte von Onkel Erich, der im Ersten Weltkrieg gefallen war. Nichts Schöneres gab es für Walter Jendrich, als Soldalt zu spielen und einen Helm auf dem Kopf zu haben. Einen richtigen Kopf konnte er sich ohne Helm überhaupt nicht vorstellen. Ein Kopf ohne Helm – das war gar nichts. Walter Jendrich hatte die Pickelhaube an diesem Tag zu Hause gelassen. Obwohl sie eigentlich Soldaten spielen wollten. Ihre Kanone hatten sie mitten auf dem Paradeplatz in Stellung gebracht. Das auf Kinderwagenräder montierte Ofenrohr war auf die lang gestreckte Reithalle gerichtet. Den weiß gestrichenen Leiterwagen hatten sie beiseite geschoben. Er diente lediglich dazu, die Kanone anzuhängen. Mit diesem Gespann rasselten sie mit Vorliebe über das Kopfsteinpflaster, dass die Leute die Köpfe aus den Fenstern streckten. Und wohlwollend vermerkten die meisten, dass die «Artillerie» wieder unterwegs war. «Hindenburg haben sie auf eine Kanone gelegt und auf den Friedhof gefahren, als er tot war», sagte Günther Breitner, der älteste der Jungen. Er ging schon in die zweite Klasse; er kommandierte und bestimmte, was gemacht wurde.
«Warum denn auf eine Kanone?», wollte Karlaugust Budde wissen. Er war der Jüngste und hatte immer eine mächtige Dogge bei sich, die genauso groß war wie er. «Warum nehmen sie denn kein Massinengewehr?» Karlaugust lispelte ein wenig.
«Weil ein Maschinengewehr keine Räder hat, du Dussel. Willst du vielleicht einen Toten auf ein MG[*] binden und ihn in der Gegend rumschleppen?» Günther verdrehte die Augen vor so viel Unverstand. «Warum ist eigentlich Helmut nicht da?»
Walter Jendrich zuckte mit den Schultern. «Sei froh, dass er nicht da ist. Der macht ja doch nicht gern mit. Und dann will er immer bloß das Pferd sein, damit er den Wagen ziehen kann.»
«Wagenssiehen ist Quatss», meinte Karlaugust verächtlich.
«Nein, es ist kein Quatsch», widersprach Günther. «Weil wir diesmal den toten Hindenburg ziehen. Und da kann jedes Pferd stolz drauf sein. Du ziehst also, verstanden? Deinen Hund kannst du ja mit anspannen. Der ist beinahe wie ein richtiges Pferd.»
«Ich will aber lieber tot sein», sagte der Kleine bockig.
«Den Hindenburg muss Walter spielen, weil er einen Spitzhelm hat.»
«Aber er hat ihn nicht dabei.»
Günther Breitner stampfte zornig mit dem Fuß auf. «Dann muss er ihn halt holen. Los, mach!»
«Ich spiel nicht mehr mit!», sagte Walter Jendrich, obwohl sie noch gar nicht angefangen hatten. «Ich geh zum Bleichgraben, vielleicht kann man Fische sehen.»
«Bleib da!», rief ihm Günther nach. «Wer soll denn jetzt den Hindenburg spielen?»
«Nehmt doch Gerhard Wandres. Dort kommt er.»
«Den? Kommt überhaupt nicht in Frage. Der ist ja noch als Toter zu dämlich.»
Der Bleichgraben war ein Bach, der zwischen Reithalle und Zeughaus am Paradeplatz vorüberfloss. Die gemauerte Böschung war auf dieser Strecke durch ein einfaches Eisengeländer gesichert. – Walter Jendrich fragte sich später noch oft, was ihn gerade in diesem Augenblick zum Bleichgraben gezogen hatte, als er Gerhard Wandres vom Zeughaus her kommen sah. Vielleicht tat ihm der blasse Junge mit den komischen Hosen, die bis an die Knie reichten, Leid. Vielleicht wollte er ihm an diesem Tag die Demütigung ersparen, wieder nicht mitspielen zu dürfen. Am Bleichgraben waren sie wenig später alle wieder zusammen. Auch Gerhard Wandres.
Günther Breitner saß auf der obersten Stange des Geländers und hielt sich mit beiden Händen fest. «Oh, ein Fisch!», rief er und deutete in das brackige Wasser, das träge über die Steine floss. «Ich sehe einen Fisch, der ist so groß wie ein …» Es fiel ihm nicht ein, wie groß der Fisch war.
«Wo, wo?» Karlaugust drängte neugierig nach vorn, doch die Dogge stellte sich ihm knurrend in den Weg und ließ ihn nicht ans Wasser.
Gerhard Wandres dagegen war schon unter dem Geländer hindurchgeschlüpft. Er wollte zeigen, dass er keine Angst hatte, und es Günther gleichtun. Aber auf die oberste Stange wagte er sich nicht. Er saß auf der Böschungsmauer, das Gestänge in seinem Rücken, und ließ die Beine über die Uferwand hinunterhängen. «Fische», sagte er. «Es sind ganz viele.»
Natürlich waren da keine Fische. Walter Jendrich blickte über Gerhards Kopf hinweg auf die Schlinggewächse, die sich an mehreren Stellen unter dem Wasserspiegel wie langes grünes Frauenhaar bewegten. Immer stellten sie sich vor, dass das Fische seien. Kalte, schlüpfrige Ungeheuer, die jeden in die Tiefe zogen, der ihnen zu nahe kam.
Gerhard Wandres beugte sich so weit vor, dass Walter das kleine Muttermal in seinem Nacken sehen konnte. Er stand direkt hinter ihm, hatte die schmächtigen Schultern vor sich, den hochgerutschten Pullover, unter dem der Hosenbund und ein Stück der altmodischen Hosenträger sichtbar wurden.
Wenn ich ihm jetzt einen Schubs gebe … Der Gedanke war ganz plötzlich da und ließ sich nicht mehr beiseite schieben. Walter spürte, wie ihm das Herz bis zum Hals hinauf schlug. Immer kleiner wurde die Angst, das «Du darfst nicht», die Vorstellung, was sein würde, wenn es passierte. Der Drang, es zu tun, wurde immer mächtiger. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Er hörte es nicht einmal plumpsen. Als er die Augen wieder aufschlug, war Gerhard Wandres verschwunden. Der unterdrückte Entsetzensschrei von Günther und die Art, wie er sich vom Geländer löste, ohne den Blick vom Wasser zu wenden – das erst machte Walter bewusst, was geschehen war. Nun packte ihn der Schreck mit einem würgenden Griff und nahm ihm die Stimme. Seine Glieder schienen wie gelähmt. Er war außerstande, sich zu bewegen.
«Jess iss er ins Wasser gefallen!» Die Stimme von Karlaugust kam wie aus weiter Ferne. Der Kleine stand hinter seinem Hund, die Augen weit aufgesperrt. «Warum kommt er nicht wieder raus?» Er konnte nicht begreifen, dass hier nichts mehr rückgängig gemacht werden konnte.
Von Gerhard Wandres war nichts mehr zu sehen. Die Strömung hatte ihn fortgezogen, um die Flussbiegung hinter dem Zeughaus. Kein Schrei war zu hören gewesen. Offenbar war er mit dem Kopf auf einen der Steine geschlagen, die überall aus dem Wasser ragten. Walter Jendrich stand noch immer regungslos, so als hätte ihn der Blitz getroffen. Das prickelnde Phantasiebild war schreckliche Wirklichkeit geworden. Er hatte Gerhard Wandres ins Wasser gestoßen, daran war kein Zweifel. Oder doch? Ein schwacher Hoffnungsfunke begann zu glimmen. Vielleicht hatte er alles nur geträumt. Hatte sich den Schubs nur vorgestellt. Und Gerhard hatte eben das Gleichgewicht verloren, war abgerutscht – ganz von selbst.
Er zwang sich, in Günthers Gesicht zu sehen. In den ratlosen, schreckensbleichen Zügen stand alles Mögliche. Doch nicht der erwartete Vorwurf. Nicht das gefürchtete: «Was hast du getan?» Stattdessen murmelte Günther so etwas wie: «Er ist weg! Er hat sich zu weit nach vorn gebeugt. Ich hole Vater. Jetzt kriegen wir alle Dresche!» Er rannte los, hinter das Zeughaus, wo seine Eltern wohnten.
Karlaugust Budde klammerte sich an das Halsband seiner Dogge. «Ich will nach Hause», sagte er weinerlich. «Ich will zu meiner Mutti!»
Aber da waren schon ein paar Leute um ihn herum und versuchten ihn zu trösten. Rufe. Fragen. Und keiner kümmerte sich um Walter Jendrich. Er stand allein und kam sich vor wie Judas, der seinen Herrn verraten hat. Eine Geschichte, die ihnen die Großmutter immer wieder erzählte.
Hans Breitner, Günthers Vater, kam mit langen Schritten über den Platz. Er warf einen kurzen Blick auf Walter. Dann schwang er sich über das Geländer und ging ein Stück am fließenden Wasser entlang. Natürlich entdeckte auch er nichts mehr. Er kam zu den Jungen zurück, noch bevor die beiden Polizisten auf dem Motorrad an der Unglücksstelle eintrafen.
Da kam Bewegung in Walter Jendrich. Mit schnellen Schritten ging er auf den Vater seines Freundes zu. «Ich hab ihn geschubst!», stieß er atemlos hervor und war froh, dass nun alles gesagt war. Sollten sie mit ihm machen, was sie wollten. Für einen kurzen Moment fielen ihm seine Eltern ein, die von alledem nichts ahnten.
Dann sah er nur Hans Breitner, der ernst und prüfend auf ihn herabblickte. Eindringlich, fast befehlend hörte er ihn sagen: «Gerhard ist von selbst ins Wasser gestürzt. Niemand hat ihn gestoßen. Merk dir das! Er war einfach zu unvorsichtig. Hat sich zu weit nach vorn gebeugt. Wenn dich die Polizei fragt» – er sah beschwörend auf Walter herab –, «dann sag nicht, dass du ihn hineingestoßen hast. Denn es ist nicht wahr. Und man muss immer die Wahrheit sagen. Hast du verstanden?»
Die Polizisten wollten es genau wissen. Sie knöpften sich vor allem Günther vor, weil er der Älteste war. Aber sie verschonten auch den kleinen Karlaugust nicht, der heulend den Arm um seine Dogge gelegt hatte.
Walter empfand die Fragen wie Messerstiche. «Wo hast du gestanden? Zeig genau die Stelle! Wie weit hat er sich vorgebeugt? Warum hast du ihn nicht festgehalten? Gib’s zu, du hast ihm einen Tritt gegeben! Natürlich wolltest du nicht, dass er ins Wasser fällt. Aber dann war es auf einmal passiert. Ist es so gewesen? Nun sag schon!»
Walter biss die Zähne zusammen und schüttelte nur immer wieder den Kopf. Dabei suchten seine Augen Hans Breitner, den die Polizisten nach ein paar Fragen beiseite geschoben hatten. Von ihm war keine Hilfe zu erwarten. Wie aus weiter Ferne hörte Walter einen der Polizisten zu Günther sagen, dass er mit auf die Wache kommen müsse, wegen des Protokolls.
Er hatte Angst, er konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Fast war er bereit, die Polizisten anzuflehen: Bitte, bitte, sperrt mich nicht ein! Ich will es ganz bestimmt nicht wieder tun. Lasst mich nach Hause, bitte! Warum sollte er sich jetzt «zusammenreißen», wie man es ständig von ihnen verlangte? Alle hatten bemerkt, dass er heulte. Wozu sich noch verstellen und den Tapferen spielen?
Da geschah etwas Seltsames, das Walter lange Zeit nicht begreifen konnte, nicht begreifen wollte. Ein Mann drängte sich energisch durch die Menge. Ein Mann in der braunen Bluse der SA. Doch trug er schwarze Stiefelhosen und eine schwarze Mütze mit einem silbernen Totenkopf. Er bot gewiss keinen ungewöhnlichen Anblick in diesen Tagen, in denen es auf den Straßen von Uniformen wimmelte. Auch Walter, der sich wie die anderen für alles interessierte, was nur entfernt nach Militär aussah, auch er wusste sofort, dass der Mann der SS angehörte.
Er kannte die SS, und er kannte den Mann in der Uniform. Er wohnte in derselben Straße wie die Jendrichs, nur ein paar Häuser weiter, wo Walters Onkel eine Schuhmacherwerkstatt betrieb. Er lehrte am Gymnasium. Dass er auch als Uniformierter etwas zu sagen hatte, was allgemein respektiert wurde, zeigte sich nun. Die Polizisten nahmen augenblicklich Haltung an. Dann berichteten sie dem SS-Führer, der gleich zu Anfang Walter aufmunternd zugenickt hatte.
Walter hatte auf einmal keine Angst mehr. Ihm fiel ein gewaltiger Stein vom Herzen, als der Mann mit der schwarzen Mütze nach einer Weile auf ihn zutrat und ihm die Hand auf die Schulter legte. «Ein deutscher Junge weint nicht», sagte er scharf, doch es klang nicht unfreundlich. «Und du bist doch ein deutscher Junge, oder nicht?» Als Walter nickte, fuhr er fort, indem er ein Auge zukniff. «Ich kenne deinen Vater. Er ist in Ordnung. Geh jetzt nach Hause. Und hab keine Angst. Wir werden das Kind schon schaukeln.»
Die Leute ringsum machten Walter bereitwillig Platz. Er blickte weder nach rechts noch nach links. Wo Günther und Karlaugust geblieben waren – er wusste es nicht. Er wollte jetzt nur weg von hier. Sonst nichts.
Im Vorbeigehen schnappte er noch ein paar Worte auf, die der SS-Führer mit den Polizisten wechselte: «Buchbinderei Wandres … Juden …» Dann war er mit sich allein.
Ja, die Eltern von Gerhard Wandres hatten einen kleinen Buchbinderladen an der Ecke Schul- und Kapuzinerstraße. Auch dass die Frau Jüdin war, wusste Walter, ohne sich etwas darunter vorstellen zu können.
Er entsann sich, dass sein Vater einmal davon gesprochen hatte. Und er erinnerte sich plötzlich, dass es ziemlich abfällig geklungen hatte.
Eine seltsam bedrückende Ahnung stieg in ihm auf. Hatte man ihn vielleicht nur deshalb laufen lassen, weil sie die ganze Sache nicht so schlimm fanden? Weil Gerhard Wandres und seine Mutter Juden waren?
Lange Zeit sah Walter Jendrich den SS-Führer nicht mehr. Vielleicht hätte er ihn vergessen, wenn es nicht eines Tages zu einer neuen Begegnung gekommen wäre. Vier Jahre später, an einem Novembertag 1938. Walter Jendrich ging bereits in die erste Klasse des Gymnasiums.
«Damit du es einmal besser hast als ich», sagte sein Vater, der nach zwölfjähriger Dienstzeit beim Militär einen mittleren Beamtenposten bekleidete. Er hatte die Hungerjahre nach dem Ersten Weltkrieg, die Inflation und die große Wirtschaftskrise mit über sechs Millionen Arbeitslosen nicht vergessen. Deshalb sah er in Hitler den Retter aus der Not. Ihn und keinen anderen. Und gaben ihm die Ereignisse nicht Recht? Brauchte das Land nicht einen starken Mann, der das Parteiengezänk beendete und das Übel an der Wurzel packte? Walter machte sich nicht viele Gedanken darüber. Man sprach jetzt von «Volksgemeinschaft» und «Gemeinnutz geht vor Eigennutz». Das hörte sich auch gut an. Was war dagegen einzuwenden? Und dann die schneidigen Aufmärsche, Paraden, Kundgebungen. Auch daran konnte Walter nichts Schlechtes finden. Brächte es doch Abwechslung in die kleine Stadt. Im nächsten Jahr würde auch er in einer der braunen Kolonnen marschieren. Sobald er zehn war, könnte er in das Jungvolk eintreten. Durfte vielleicht die Fahne tragen. Oder im Fanfarenzug die Landsknechttrommel schlagen. Dafür nahm er selbst die braune Uniform in Kauf, die er nicht mochte. Für ihn war das traditionelle Feldgrau des Soldaten die einzige Farbe, in die sich seine Ideale kleiden ließen.
An Idealen herrschte kein Mangel. Dass sie alle aus derselben modrigen Kiste kamen – wie hätte es Walter beurteilen können? Wenn man neun Jahre alt ist, hat das Wort «Deutschland» einen besonderen Klang. Zumal, wenn es einem ständig in die Ohren geblasen, gebrüllt, gesungen und deklamiert wird. Es war eine große Zeit, und da hatte man stolz auf Deutschland zu sein, das nun wieder etwas galt in der Welt. So hieß es. Und Heil dem Führer und seiner Partei, die wieder Ordnung geschaffen und den Totengräbern des Reiches – den Gaunern und Schiebern, den Kommunisten und Sozialisten und vor allem den Juden – das Handwerk gelegt hätten. Die Deutschen waren das tapferste, fähigste, fleißigste, treueste und überhaupt das wertvollste Volk der ganzen Welt. Und wer das etwa bezweifelte, der tat gut daran, dies nicht laut zu tun, wenn er nicht seine Existenz gefährden wollte. Aber da es nicht allzu viele Riskierer gab, von denen man hörte, schien alles seine Richtigkeit zu haben.
In der Klasse saß er neben Beppo Braun. Sie waren gute Freunde und hatten in dreijähriger Schulzeit neben Schreiben, Lesen und Rechnen auch die Tricks gelernt, die man den Lehrern gegenüber beherrschen musste, um als ganzer Kerl zu gelten. Dazu gehörte seit eh und je das angesägte Schulkatheder ebenso wie die Stinkbomben und die Reißzwecken unter dem Lehrersitz, die Kaulquappen im Tintenfass, das Niespulver im Klassenbuch und was dergleichen Streiche mehr sind. Besonders Beppo Braun zeichnete sich durch immer neue Einfälle aus. Dank seines kahl geschorenen Hinterkopfs und der lustigen Schweinsäuglein hatte er die Lacher immer auf seiner Seite. Er gab sich jedenfalls alle Mühe, der Rolle eines Klassenclowns gerecht zu werden. Besonders gut konnte er Fräulein Wallners scharfe, keifende Stimme nachahmen.
Sie war zweifellos eine Respektsperson. Meist trug sie eine graue Strickbluse, die von roten, verschnörkelten Wollschnüren durchbrochen war. Diese Schnüre endeten in zwei goldglänzenden Metallspitzen. Fräulein Wallner sah in dieser Bluse aus wie ein Operettengeneral. Manche behaupteten auch wie der Portier vom Hotel Terminus. Ihr glattes, eng anliegendes Haar, die spitze Nase und die stechenden Augen taten ein Übriges, den energischen Eindruck zu verstärken.
Die Lehrerin gab Deutschunterricht, den sie hauptsächlich dazu benutzte, von der ruhmreichen deutschen Vergangenheit zu erzählen. Ihre Schüler spitzten die Ohren, weil alles sich anhörte wie ein schönes Märchen. Mit leuchtenden Augen berichtete sie von Hermann dem Cherusker, der die hinterlistigen Römer aus den deutschen Eichenlaubwäldern vertrieben hat. Sie schwärmte von dem schönen jungen Goethe und sprühte Gift und Galle gegen Franzosen, Engländer und all die anderen, die das deutsche Volk nach seinem heldenhaften Kampf 1914 bis 1918 mit dem Schandfrieden von Versailles bis aufs Blut gedemütigt hatten. Doch dann war der Führer gekommen. Zug um Zug tilgte er die Schande und gab den Deutschen ihren Stolz wieder.
Gestern Morgen war Lettow-Vorbeck an der Reihe gewesen, der Wüstenfuchs des Ersten Weltkrieges. Fräulein Wallner wurde nicht müde, das Loblied des Generals zu singen, der mit 3000 deutschen Schutztrupplern und 11000 schwarzen Askaris vier Jahre lang der Übermacht von 36000 überlegen ausgerüsteten britischen Soldaten getrotzt hatte.
Heute nun sollte Albert Leo Schlageter dran sein. Mit ihm hatte es folgende Bewandtnis: 1923 besetzten die Franzosen das Rheinland – sozusagen als Strafe dafür, dass Deutschland mit seinen Wiedergutmachungszahlungen, die es für den verlorenen Krieg leisten musste, nicht mehr nachkam. Daraufhin formierten sich Widerständler, die im so genannten Ruhrkampf Terrorakte gegen die Franzosen verübten. Sie überfielen Versorgungsstationen, sprengten Brücken und Bahngleise. Einer von ihnen war Schlageter. Den ehemaligen Offizier erhob man zu einer Art Nationalheld, als er von den Franzosen geschnappt und standrechtlich erschossen wurde.
Fräulein Wallner hatte eine besondere Schwäche für Albert Leo Schlageter. Vielleicht, weil er aus ihrer Heimat, dem Schwarzwald, stammte. Vielleicht aber auch, weil ihr der Name so gut gefiel. Sie sprach ihn fast zärtlich aus und konnte fuchsteufelswild werden, wenn einer mit der Betonung der Silben nicht zurechtkam.
«Wie hieß der tapfere Freiheitskorpskämpfer, der auf der Golzheimer Heide erschossen wurde?», fragte sie lauernd, und ihr spitzer Zeigefinger deutete auf Beppo Braun, als wollte sie ihn durchbohren.
Der erschrockene Beppo erhob sich und zwinkerte angestrengt in die Runde. «Er hieß … er hieß …»
«Na?»
«Alfred …», druckste Beppo hervor, und sein Gesicht war voller Hoffnung.
Doch die Lehrerin schüttelte unwillig den Kopf. «Albert», half sie. «Albert – Leo …»
In Beppos Gesicht ging die Sonne auf. «Schlagetter!», sagte er strahlend.
«Wie?»
Noch einmal kam es im Brustton der Überzeugung: «Schlagetter!»
Da klatschte es auch schon ein paar Mal. Aber die Ohrfeigen waren halb so schlimm. Beppo hatte rechtzeitig und gekonnt die Handflächen vor das Gesicht gezogen und hielt so fast mühelos dem Trommelfeuer des zornigen Fräuleins stand. Kein einziger Schlag traf dahin, wo er sollte. Da stampfte die Lehrerin mehrmals mit dem Fuß auf. Sie machte kehrt und segelte wie eine Fregatte mit leichter Schlagseite zum Katheder zurück. Dort holte sie ein paar Mal tief Luft und ging erneut zum Angriff über. Diesmal gegen die ganze Klasse, die verstohlen feixte.
«Der Mann hieß Schlahgdr!», betonte sie übertrieben und ging von einem zum anderen. «Wie hieß er?»
Die Antworten kamen ganz verschieden. Bald zögernd und unsicher, dann wieder forsch und wie aus der Pistole geschossen: «Schlaahgdr – Schllllllgdrrrr – Schla – Schla …» Zwischendurch klatschte es, wenn einer Schlagetter sagte. Aber die meisten schafften es gerade.
Am Schluss war sie wieder bei Beppo Braun angelangt. «Man muss unsere Helden in lebendiger Erinnerung halten», erklärte sie, «deshalb spricht man auch ihre Namen richtig aus. Ich hoffe, dass du es jetzt gelernt hast. Wie also heißt der Mann?», fragte sie drohend.
Beppo Braun nahm einen mehrfachen Anlauf. Seine Äuglein verwandelten sich im Eifer zu kleinen Schlitzen. Es sah aus, als ob er das Ganze zum Totlachen fände.
Das wiederum reizte Fräulein Wallner sichtlich. Sie fauchte wie eine Katze: «Na, wird’s bald!»
«Schsch … Schschsch … Schlaaaa …» Der Rest platzte wie ein Ballon, wenn der Luftdruck zu hoch geworden ist. «… gettterr!»
Und da platzte auch Fräulein Wallner. Ihre spitzen Finger kniffen sich in Beppo Brauns Wangen fest, und sie kreischte: «Ich drücke dich an die Wand, dass du quiiiiietschest!»
Nach diesem befreienden Aufschrei wurde sie wieder normal. Seufzend verwandelte sie sich vom Rumpelstilzchen in die Lehrerin zurück. Mit hängenden Schultern setzte sie sich zur Tafel ab, um im Unterricht fortzufahren.
