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Verflixt, die Tür des Waschraums klemmt! Mit vereinten Kräften bekommen Rachel und ihre Freundin sie endlich aufgeschoben – und starren schockiert auf die Leiche eines Mädchens! Wie eine leblose Puppe hat jemand sie in dieses Restaurant gelegt, wo Rachel einen netten Abend verbringen wollte. Sie entdeckt bei der Toten einen Ausweis, der auf den Namen Debbie Jean ausgestellt ist, und muss einfach herausfinden, was geschehen ist. Ist Dedmon's Landing beginnt eine gefährliche Jagd nach dem Mörder – bei der bald Rachel selbst ins Fadenkreuz des Killers gerät ...
Neuauflage des Bestsellers von Dana Kilborne – Spannung pur! Alle Romane der Reihe "Deadman's Landing" sind einzeln und unabhängig voneinander lesbar.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Ein ohrenbetäubender Donner ließ die Erde erbeben, und kurz darauf zuckte ein greller Blitz vom Himmel. Regen trommelte auf dem schmalen Vordach, unter dem das dunkelhaarige Mädchen Schutz gesucht hatte.
Dicht an die Häuserwand gedrängt stand sie da und wartete.
Ihr Blick schweifte über den kleinen Hinterhof des Diners. Besonders einladend war es hier nicht gerade. Der große graue Müllcontainer quoll beinahe über, immer wieder hörte sie ein leises Rascheln und Quieken, und ab und zu blickten ein paar kleine schwarze Knopfaugen über den Rand des Behälters hervor.
Sie schauderte.
Ratten!
Wie sie diese ekligen kleinen Biester verabscheute! Es gab kaum etwas auf der Welt, vor dem sie sich mehr fürchtete. Natürlich wusste sie, dass die Nager sich im Grunde nicht im Geringsten für sie interessierten. Doch was sie wusste und was sie fühlte waren zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Und im Moment spürte sie einfach nur den dringenden Wunsch, durch die Hintertür in die behagliche Wärme des Diners zu flüchten und zu vergessen, dass sie jemals hier draußen gewesen war.
Aber genau das würde sie nicht tun.
Sie wartete nun schon so lange auf diese Chance, dass selbst ein ganzes Rudel hungriger Ratten sie nicht hätte abschrecken können. Heute Abend würde sie ihn endlich treffen. Und dann sollte sie – nach all der Zeit! – endlich erfahren, warum …
Ein scharrendes Geräusch hinter ihr ließ sie herumwirbeln. Aus den Augenwinkeln sah sie etwas aufblitzen, und im nächsten Moment zuckte ein so furchtbarer Schmerz durch ihren Körper, dass sie erstickt aufkeuchte.
Sämtliche Kraft wich aus ihren Gliedern, und sie schmeckte Blut in ihrem Mund, ehe sie fiel. Ihre Arme und Beine waren wie betäubt, und so schlug sie ungebremst auf dem schlammigen Boden auf, doch sie spürte den Aufprall kaum. Stattdessen wütete ein Feuer zwischen ihren Schulterblättern, das sich langsam durch ihre Nervenbahnen fraß und sie in Flammen setzte.
Jemand drehte sie auf den Rücken. Sie wollte schreien, aber mehr als ein blubberndes Stöhnen brachte sie nicht zustande. Vor dem düsteren Himmel zeichnete sich ihr Angreifer als schwarzer Schatten ab. Ungerührt blickte er zu ihr hinab, und obwohl sie sein Gesicht nicht sehen konnte, wusste sie, dass sie kein Mitleid, keine Gnade darin finden würde.
Dann verschwand er, ging einfach davon und ließ sie im eisigen Schlamm des Hinterhofs zurück, ohne noch einmal zurückzublicken.
Mit einem Aufstöhnen mobilisierte sie ihre letzten Kräfte und stemmte sich auf die Arme. Quälend langsam, Zentimeter für Zentimeter, zog sie sich voran und schaffte es sogar irgendwie, die Hintertür des Diners aufzudrücken.
Sie wollte verzweifelt um Hilfe rufen, doch kein Laut drang über ihre Lippen. Betäubende Kälte breitete sich in ihr aus und schwemmte den Schmerz und die Angst davon.
Dann wurde es schwarz um sie herum.
Auf einem Bein balancierend streckte Rachel Latimer die Hand nach dem Papiertuchspender aus und stieß dabei die Krücke um, die sie gegen den Rand des Waschbeckens auf der Toilette des Burger Shacks gelehnt hatte.
„Verdammter Mist!“ Genervt pustete sie sich eine ihrer langen rotblonden Ponysträhnen aus dem Gesicht. Sie war es so was von leid!
Die freundlich lächelnde Ärztin, die ihr vor etwas mehr als zwei Wochen dieses dämliche Gipsbein verpasst hatte, war der festen Überzeugung gewesen, dass sie sich innerhalb kürzester Zeit an den Umgang mit ihrem kleinen Handicap gewöhnen würde. Doch das Gegenteil war der Fall: Mit jedem Tag kam sich Rachel steifer und unbeweglicher vor. Aber wenigstens brauchte sie inzwischen nur noch eine Krücke, und das war immerhin schon ein Fortschritt – wenn auch nur ein kleiner.
„Hey, was ist denn los?“, fragte Nathalie Portman, mit der sie schon seit Kindertagen befreundet war, als sie hinter ihr aus einer der beiden Toilettenkabinen des Diners trat. „Gibt's Probleme?“
Rachel seufzte. „Ach, nur schon wieder diese dämliche Krücke. Warum habe ich eigentlich in letzter Zeit immer nur Pech, kannst du mir das mal verraten? Zuerst stürze ich die Stufen im Hörsaal der Uni runter und mach mich zum Gespött meiner Kommilitonen, dann fällt wegen des gebrochenen Beins auch noch der geplante Skiurlaub ins Wasser, und ich kann die Semesterferien stattdessen zu Hause bei meinen Eltern verbringen.“
Aufmunternd klopfte Nathalie ihr auf die Schulter. „Ach komm schon, ich kann mir ja vorstellen, wie du dich fühlst, aber es hat doch auch seine Vorteile. Immerhin sehen wir uns so wenigstens mal wieder, ist das etwa nichts? Seit du an der Uni bist, habe ich dich jedenfalls kaum noch mal zu Gesicht bekommen.“
Schuldbewusst verzog Rachel die Miene. Es stimmte ja, es war schon eine ganze Weile her, seit sie Nathalie und die anderen zum letzten Mal gesehen hatte. Dabei waren Nat, Rezza, Billy, Mike und sie früher praktisch unzertrennlich gewesen. Aber ihre Highschool-Zeit lag mittlerweile ein paar Jahre zurück, und sie hatten sich alle fünf weiterentwickelt – jeder auf seine eigene Weise. Trotzdem freute Rachel sich natürlich, dass sie ihre alten Freunde zumindest in den Semesterferien eine Weile um sich haben würde.
Aber es gab noch einen weiteren Grund, der ihr den erzwungenen Ferienaufenthalt in Dedmon's Landing versüßte – und der war männlich, etwa einsfünfundneunzig groß und besaß die tollsten graublauen Augen, in die sie jemals geblickt hatte.
„Und außerdem ist da ja auch noch dein Charlie“, sprach Nathalie genau das aus, was sie gerade selbst gedacht hatte, und Rachel konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. Allein der Gedanke an den süßen Typen, der erst vor ein paar Monaten aus Sacramento nach Dedmon's Landing gekommen war, ließ ihre schlechte Laune augenblicklich verschwinden. Gegen ihn verblasste sogar der Junge, der in der Biovorlesung immer zwei Reihen vor ihr saß und den sie nun schon seit Monaten heimlich anschmachtete, sich jedoch nicht traute, ihn anzusprechen.
„Wie ist er denn so?“, fragte Nathalie jetzt neugierig. „Ich bin dir extra aufs Klo gefolgt, um dich auszuquetschen. Also, ihr sitzt jetzt schon seit über einer halben Stunde zusammen in der Nische. Geht da was?“
Rachel spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. „Nathalie!“
Ihre Freundin lachte. „Typisch Rachel – schüchtern wie eh und je. Ehrlich, da fragt man sich, wie du dir je einen Typen angeln konntest. Aber wahrscheinlich ist es genau so, wie es heißt: Stille Wasser sind tief!“
Rachel schluckte. Jeder, der sie ein bisschen besser kannte, wusste, dass sich unter der Fassade der immer gut gelaunten Spaßmacherin im Grunde ein ziemlich schüchternes und verletzliches Mädchen verbarg. Sie war sich schmerzlich der Tatsache bewusst, dass sie zu klein und zu pummelig war, um dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Umso überraschender erschien es ihr immer noch, dass Charlie ausgerechnet sie auf eine Coke ins Burger Shack eingeladen hatte. Sie – und nicht Monique Saunders mit ihrer perfekten Cheerleaderfigur, der blondierten Mähne und den rosa lackierten Fingernägeln.
„Lass mich raten, du denkst an Monique, stimmt's?“
Rachel blinzelte. „Was? Woher weißt du …?“
„Na, hör mal! Wie lange kennen wir uns jetzt? Ich glaube, wenn ich mich anstrenge, kann ich sogar deine Gedanken lesen.“ Lachend beugte sie sich nach Rachels Krücke und reichte sie ihr. „Und jetzt komm, Süße. Ich glaube zwar nicht, dass dein Charlie wirklich auf diese aufgedonnerte Kuh abfahren würde, aber wir sollten ihr lieber gar nicht erst eine Chance geben. Und deshalb siehst du jetzt zu, dass du so schnell wie möglich wieder zu deinem Schwarm kommst, einverstanden?“ Lachend drückte sie mit der Schulter gegen die Schwingtür des Waschraums – und runzelte irritiert die Stirn.
„Was ist los?“, fragte Rachel.
Nathalie rüttelte am Knauf. „Das ist doch ...! Ich krieg diese verdammte Tür nicht auf. Irgendetwas blockiert sie von außen.“
Rachel stützte sich auf ihre Krücke und humpelte los, um ihrer Freundin zu helfen. Doch auch mit vereinten Kräften gelang es ihnen nicht, die Tür aufzustemmen.
„Hallo?“ Lauschend legte Rachel ihr Ohr an den Türspalt, doch der Korridor, der zwischen den Toiletten und dem Gastraum des Lokals lag, war völlig still. „Ist da jemand? Hört mal, Leute, wenn das ein Witz sein soll …“
Nichts rührte sich, und draußen auf dem Flur blieb es totenstill.
„Hey!“, rief sie, erneut ohne Reaktion. „Hallo, hört uns denn niemand? Wir sind hier eingesperrt!“
„Vielleicht ist das Moniques neue Strategie, um dich von Charlie fernzuhalten“, kicherte Nathalie albern, doch Rachel konnte darüber nicht lachen. Sie war als kleines Mädchen einmal beim Versteckspielen versehentlich im Kohlenkeller ihrer Tante Grace eingeschlossen und erst nach mehreren Stunden gefunden und befreit worden. Seitdem hatte sie einen absoluten Horror davor, eingesperrt zu sein, der im Laufe der Jahre zwar schwächer geworden, aber nie ganz verschwunden war.
Das war auch der Grund, weshalb ihr jetzt der kalte Schweiß auf der Stirn stand und ihr das Herz wie verrückt gegen die Rippen hämmerte. Natürlich wusste sie, dass sie eigentlich nur abwarten mussten. Früher oder später würde Charlie sie vermissen und nach ihr sehen, oder jemand musste ganz einfach aufs Klo. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand sie befreite.
Zeit, die Rachel nicht hatte.
Schon jetzt spürte sie, wie die Panik ihr langsam, aber sicher die Kehle zuschnürte. Verzweifelt hämmerte sie gegen die Tür und rang dabei nach Atem. Doch niemand hörte sie, und im Grunde hatte Rachel es auch nicht anders erwartet. Das Burger Shack war der Treffpunkt für alle jüngeren Leute von Dedmon's Landing. Ansonsten hatte die kleine Stadt and der Küste, die wegen ihrer ziemlich blutigen Vergangenheit von den meisten Kids gerne Deadman's Landing genannt wurde, allerdings auch nicht viel zu bieten. Und der Fahrplan der einzigen Buslinie, mit der man in eine der nächstgelegenen größeren Städte gelangen konnte, war eine echte Katastrophe.
Jedenfalls platzte der Diner heute Abend aus allen Nähten, und entsprechend hoch war auch der Lärmpegel im Gastraum. Alle lachten, quatschten und flirteten wild durcheinander.
Kein Wunder, dass keiner Rachels Rufe hörte.
„Rachel?“ Nathalie legte ihr von hinten eine Hand auf die Schulter. „Hey, was ist denn los? Warum drehst du gleich so durch? Ist es immer noch wegen dieser alten Geschichte?“
Rachel nickte – weitere Erklärungen waren nicht nötig. Nathalie kannte – wie all ihre Freunde aus Kindertagen – den Grund für ihre Ängste. Und wenn sie sie auch nicht nachvollziehen konnten, so wussten sie doch, wie sehr sie darunter litt.
„Komm, versuchen wir's noch mal zusammen“, schlug Nathalie mit einem aufmunternden Lächeln vor.
Gemeinsam stemmten sich die beiden Mädchen gegen die Toilettentür. Zuerst bewegte sich nichts. Was immer da draußen lag, es war verdammt schwer. Aber dann – endlich! – gab der Widerstand ein wenig nach.
Angestrengt spähte Rachel durch den schmalen Türspalt, doch da war nichts als Dunkelheit.
Also gut, dann eben mit roher Gewalt!
„Noch einmal“, stieß sie gepresst hervor. „Komm schon. Eins, zwei, drei – und los!“
Mit ihrem ganzen Gewicht lehnten sie sich erneut gegen die Tür, doch auch diese Strategie schien zunächst keinen Erfolg zu bringen – bis es plötzlich einen Ruck gab und die beiden Mädchen hinaus auf den Korridor stolperten.
Um ein Haar hätte sich Rachel bei ihrem Sturz auch noch das andere Bein gebrochen, doch irgendwie schaffte sie es, sich abzurollen. Dafür landete sie auf ihrem Gips, und ein scharfer Schmerz zuckte ihren ganzen Schenkel hinauf und trieb ihr die Tränen in die Augen.
„Au, verdammt!“, stöhnte sie, und es dauerte eine ganze Weile, bis der Schmerz endlich nachließ. Erst danach nahm Rachel ihre Umgebung wieder richtig wahr.
Und was sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Keuchend rutschte sie ein paar Meter auf dem glatten Linoleumboden zurück. Sie kniff die Augen zusammen, doch das Bild, das sich ihr innerhalb weniger Sekunden auf alle Ewigkeit ins Gedächtnis gebrannt hatte, veränderte sich nicht.
Direkt vor ihr lag, in einer glänzenden dunklen Lache, ein fremdes Mädchen und blickte sie aus starren, toten Augen an.
Rachel öffnete den Mund, um zu schreien, brachte aber nur ein heiseres Krächzen zustande. Im nächsten Moment schwang die Tür zum Gastraum plötzlich auf, und helles Licht flutete in den düsteren Korridor, als Monique Saunders eintrat.
Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, dann begann sie, laut und gellend zu schreien, wirbelte auf dem Absatz herum und stürmte davon.
***
„Also, mir läuft es immer noch eiskalt den Rücken hinunter, wenn ich auch nur daran denke, dass draußen vor der Tür, nur ein paar Meter von uns entfernt, jemand umgebracht worden ist. „ Nathalie, die auf Rachels Bett saß, zog die Knie an und schlang die Arme darum. Knapp zwei Stunden waren seit dem grausigen Fund im Burger Shack vergangen, und die beiden Mädchen saßen mit ihren drei anderen Freunden – Mike, Rezza und Billy – in Rachels ehemaligen Kinderzimmer zusammen. Rachels Vater hatte sie direkt vom Diner hierher verfrachtet, Rachel war nicht einmal dazu gekommen, Charlie alles zu erklären und sich von ihm zu verabschieden.
Rezza, der im Schneidersitz auf dem Schreibtischstuhl saß, runzelte die Stirn. Er war von jeher ein Fan von Horrorfilmen, je blutrünstiger, desto besser – trotzdem erstaunte es Rachel, wie nüchtern er die ganze Sache nahm. Immerhin war ein Mensch ums Leben gekommen. Ein Mädchen, jünger als er selbst! „Sie soll erstochen worden sein“, sagte er. „Ich weiß nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass so eine Sache völlig lautlos über die Bühne geht. Hättet ihr das nicht hören müssen?“
„Wenn ich das richtig verstanden habe, ist sie wohl gar nicht im Korridor umgebracht worden, sondern im Hinterhof vom Burger Shack“, warf Mike, Nathalies Freund, ein. „Es soll jedenfalls Blutspuren geben, die darauf hindeuten, dass sie sich mit letzter Kraft durch die Hintertür in den Diner geschleppt hat.“
Angewidert verzog Rachel das Gesicht. „Habt ihr eigentlich kein anderes Thema mehr? Ich weiß es ja nicht, aber bin ich echt die Einzige hier, die es total schrecklich findet, was diesem Mädchen zugestoßen ist?“
„Natürlich ist das schrecklich“, meldete sich nun zum ersten Mal Billy, der schweigsamste ihrer Freunde und zugleich derjenige, den Rachel am längsten kannte, mit finsterer Miene zu Wort. „Der Tod eines Menschen hinterlässt immer irgendwo eine Lücke, und außerdem …“
„Apropos irgendwo“, unterbrach Rezza. „Hat einer von euch das Opfer schon mal gesehen?“ Fragend sah er in die Runde, blickte aber nur in ratlose Gesichter. „Ist doch merkwürdig, oder? Eine Wildfremde kommt nach Deadman's und wird sogleich ermordet. Und soweit ich weiß hat niemand gesehen, wie sie das Burger Shack betreten hat. Aber auf einem anderen Weg als durch das Lokal kommt man nicht auf den Hinterhof, zumindest nicht ohne über Mauern zu klettern.“
„Na, aber das wundert mich eigentlich nicht“, entgegnete Mike, der schon seit der Junior High mit Nathalie zusammen war. „Im Shack war es so voll, dass mir wahrscheinlich nicht mal aufgefallen wäre, wenn Lady Gaga höchstpersönlich den Laden betreten hätte.“
„Lady Gaga?“ Spielerisch knuffte Nathalie ihrem Freund mit dem Ellbogen in die Seite. „So ist das also. Und mir erzählst du immer, dass andere Frauen nicht mal bemerkst. Aber jetzt weiß ich ja Bescheid. Ich …“
„Könnt ihr den Mist jetzt endlich mal lassen?“, brauste Billy plötzlich auf, und alle verstummten.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte Mike irritiert. „Kannst du jetzt etwa auf einmal keinen Spaß mehr vertragen?“
Billy atmete tief durch. Als er jetzt sprach, klang er nicht mehr sauer, sondern viel mehr traurig. „Tut mir leid, aber ich finde, über das Thema reißt man keine Witze. Ihr wisst doch gar nicht, wie sich das anfühlt, betrogen zu werden. Und wie weit Eifersucht einen Menschen treiben kann.“
Nathalie rollte mit den Augen. „Mein Gott, findest du nicht, dass du ein bisschen übertreibst?“
Rachel reichte es. Sie konnte nicht verstehen, wie ihre Freunde nach allem, was heute geschehen war, einfach so zur Tagesordnung übergehen konnten. Sie lachten und stritten miteinander, so als sei überhaupt nichts passiert. Ihr selbst steckte der Schock noch immer in den Knochen. Aber vielleicht traf es sie auch nur deshalb so hart, weil sie selbst es gewesen war, die das tote Mädchen gefunden hatte.
Sie erschauderte. Jedes Mal, wenn sie die Lider schloss, sah sie dieses bleiche Gesicht vor sich, die weit aufgerissenen Augen, im Moment des Todes erstarrt …
Mit zitternden Fingern tastete sie nach ihrer Krücke und rappelte sich vom Bett auf.
„Was ist los?“, fragte Nathalie besorgt. „Alles okay mit dir?“
Rachel nickte, obwohl sie sich alles andere als gut fühlte. „Klar doch. Ich will nur kurz runter in die Küche. Im Kühlschrank müsste noch eine Flasche Coke stehen.“
„Ich komme mit“, bot Billy an. „Du brauchst doch sicher Hilfe, oder?“
„Lass mal“, erwiderte sie und schüttelte energisch den Kopf. „Ich komm schon allein klar.“
Sie wusste, dass Billy es nur gut meinte und dass sie ihm mit ihrer Weigerung wahrscheinlich vor den Kopf gestoßen hatte. Vor allem, da es für jeden ziemlich offensichtlich war, dass sie eben nicht allein zurecht kommen konnte. Mit ihrem Gipsbein und der Krücke war sie unmöglich in der Lage, auch noch ein Tablett mit Gläsern und eine Flasche die Treppe hinaufzutransportieren. Sie würde also wohl oder übel ihre Mom oder ihren Dad um Hilfe bitten müssen.
Aber jetzt brauchte sie erst einmal ein paar Minuten für sich.
Auf dem oberen Treppenabsatz blieb sie stehen und schaffte es mit einiger Mühe, sich auf die oberste Stufe zu setzen. Dort barg sie das Gesicht in den Händen und atmete tief durch.
Dieser Tag war vollkommen anders verlaufen, als sie es sich in ihrer Fantasie ausgemalt hatte. Wie wunderbar hatte sie sich das Date mit Charlie vorgestellt – und was war passiert?
Bei deinem Glück konnte die Sache doch nur schief gehen …
Doch es bestand immer noch ein feiner Unterschied darin, ob man auf der Treppe im Hörsaal der Uni stolperte und vor aller Augen sämtliche Stufen hinunterfiel, oder eine Leiche in einem schummrigen Korridor entdeckte.
Wieder rieselte ein eisiger Schauer ihren Rücken hinunter. Am liebsten wollte sie gar nicht mehr an das tote Mädchen denken, doch so sehr sie sich auch bemühte, es ging ihr einfach nicht aus dem Kopf.
Wer sie wohl war?
Mit einem leisen Seufzen wollte Rachel sich gerade wieder aufrappeln, als unten in der Diele das Telefon klingelte.
„Lass nur, Carolyn, ich gehe schon“, hörte sie ihren Vater rufen. Im nächsten Moment kam er aus dem Wohnzimmer, schloss die Tür hinter sich und nahm den Hörer ab. „Ja? Ja, Wiggins, ich höre. Haben Sie irgendwas über die Tote herausfinden können?“
Rachel wusste, dass es nicht okay war, anderer Leute Gespräche zu belauschen, auch nicht, wenn es sich bei einer der Personen um den eigenen Vater handelte. Dennoch blieb sie wie angewurzelt stehen.
Ihr Vater war erst vor ein paar Monaten zum Sheriff von Deadman's Landing ernannt worden, und Luther Wiggins war einer seiner Deputys. Rachel hatte vorhin beim Abendbrot versucht, ihrem Dad ein paar Informationen über das tote Mädchen zu entlocken, doch wenn es um seinen Job ging, wahrte Martin Latimer eiserne Verschwiegenheit. Manchmal scherzte Rachel, dass er lieber mit einem Reporter von der Los Angeles Times über seine Fälle sprach als mit seiner eigenen Familie.
„Und Sie haben wirklich mit allen Gästen des Burger Shacks gesprochen? Niemand hat die Kleine gesehen?“ Für einen Moment herrschte Schweigen, dann nickte er. „Ja, das wäre eine Möglichkeit. Trotzdem finde ich es ziemlich seltsam, dass sich niemand an das Mädchen erinnern kann. Sie wird wohl kaum mit einem Fallschirm über Dedmon's Landing abgesprungen und auf dem Hinterhof des Diners gelandet sein. Irgendjemand musssie doch kennen!“
Rachel runzelte die Stirn. Anscheinend war es genauso, wie Rezza gesagt hatte – niemand erinnerte sich an das Mädchen.
„Ja, kleinen Moment, den Namen notiere ich mir.“ Sie beobachtete, wie ihr Vater sich den Hörer zwischen Kinn und Schulter klemmte und die Schublade der Kommode öffnete, auf der das Telefon stand. Nach ein paar Sekunden hatte er einen Stift und einen Notizblock daraus hervorgekramt. „Okay, es kann losgehen, Wiggins.“ Er kritzelte schweigend etwas auf das oberste Blatt Papier, dann riss er es ab und steckte es ein. „Danke. Und Sie sind sicher, dass die Kleine nur den Ausweis dieser Frau bei sich trug, sonst nichts? Keinen Führerschein, keine sonstigen Papiere, die auf ihre Identität hinweisen könnte? Alles klar, dann machen Sie jetzt mal Feierabend. Wir sehen uns morgen.“
Ihr Vater legte den Hörer auf, holte seinen Notizzettel noch einmal heraus und betrachtete ihn, wobei er sich nachdenklich am Kopf kratzte. Angestrengt versuchte Rachel, einen Blick auf den Zettel zu erhaschen, doch es war zu dunkel im Korridor, um etwas erkennen zu können. Im nächsten Moment faltete ihr Dad das Papier auch schon wieder zusammen und steckte es erneut in seine Hosentasche. Dann kehrte er zu seiner Frau ins Wohnzimmer zurück.
Rachel unterdrückte einen Fluch. Obwohl sie auf der einen Seite am liebsten vergessen wollte, was ihr heute Nachmittag passiert war, so konnte sie ihre Neugier doch nicht verleugnen. Nach allem, was sie verstanden hatte, war bei den persönlichen Gegenständen der Toten ein fremder Ausweis gefunden worden. Sie hätte zu gern den Namen gewusst, den ihr Vater sich aufgeschrieben hatte, aber den würde sie wohl kaum jemals erfahren.
Es sei denn …
Einem plötzlichen Gedankenblitz folgend, humpelte Rachel die Treppe hinunter. Sie hoffte, dass das laute Klonk-Klonk, das ihr Gipsbein auf den Stufen verursachte, ihre Eltern nicht von ihrem Fernsehprogramm weglocken würde. Bei der Sache, die sie im Sinn hatte, brauchte sie kein Publikum.
Der Block, den ihr Vater benutzt hatte, lag noch immer auf der Kommode. Rachel schaute noch einmal in Richtung Wohnzimmer, und durch die Milchglasscheibe konnte sie undeutlich erkennen, dass ihre Eltern zusammen auf dem Sofa saßen.
Jetzt oder nie!
So leise wie möglich öffnete sie die oberste Kommodenschublade, in der jede Menge Krimskrams aufbewahrt wurde. Nach einigem Wühlen fand sie endlich, was sie gesucht hatte: einen Bleistift.
Was sie als Nächstes tat, hatte sie einmal in irgendeinem Fernsehkrimi gesehen: Sie nahm den Stift und legte ihn fast waagerecht, sodass die lange Seite der Graphitmiene das Papier berührte. Dann rieb sie damit vorsichtig über das Blatt, auf dem ein leichter Grauschleier zurückblieb – bis auf die Stellen, an denen ihr Vater beim Schreiben Druckstellen hinterlassen hatte.
Es klappte tatsächlich! Rachel fühlte sich wie elektrisiert. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie den Namen, den ihr Vater notiert hatte, lesen konnte:
Debbie Jean Jensen.
Rachel runzelte die Stirn und stieß einen kleinen enttäuschten Seufzer aus. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie von einer Debbie Jean Jensen gehört.
Tja, das war's dann wohl. Was willst du damit schon anfangen? Überlass die Detektivarbeit lieber den Leuten, die sich damit auskennen. Deinem Dad zum Beispiel!
Doch ganz so leicht konnte sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Sie wusste nicht genau, warum – aber sie verspürte plötzlich den fast schon übermächtigen Drang, mehr über das tote Mädchen herauszufinden.
Wer war sie? Wieso war sie nach Deadman's Landing gekommen? Und warum hatte sie sterben müssen? Vorhin hatte Rachel die ganze Angelegenheit noch am liebsten vergessen wollen, aber jetzt …
