Was hab ich verbrochen - Martin Renoldner - E-Book

Was hab ich verbrochen E-Book

Martin Renoldner

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Beschreibung

Krimi ist oft wie Puppentheater für Große: Kasperl fängt Räuber wegen Diebstahl eines Krapfens und alles ist wieder gut. Dieses Buch konzentriert sich fern von üblichen Verwirrspielen um Verdächtige und eheliche Untreue auf die alltäglichen Abgründe des menschlichen Zusammenseins, denen weder Polizei noch Gerichte Einhalt gebieten können. Eine Karriere bei der Kriminalpolizei hatte sich der Gendarm Beer, leidenschaftlicher Radfahrer und Angler, durch die Eingliederung der Gendarmerie in die Polizei erhofft. Dass er stattdessen im verschlafenen Leopoldstal auf seine Pensionierung warten muss, verdankt er einer Kollegin. Als er erkennt, dass Tempomessen so entspannend sein kann wie Angeln, passiert plötzlich etwas in Leopoldstal: Ein Toter beim Asylheim. Handlung, Personen und Orte sind frei erfunden. Der Fokus richtet sich auf die Wahrnehmung und Erinnerung des Polizisten Beer, der überzeugt ist, von allen Seiten daran gehindert worden zu sein, es zu etwas zu bringen. Im Abspann zur legendären Ö1 Satiresendung DER WATSCHENMANN hieß es dazu: 'Solchene Sachen lassen sich gar nicht erfinden. Nicht einmal von unserem Etablissement. Wir bitten, dieses NICHT zu verwechseln.' Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Inhaltsverzeichnis

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1. Kapitel

„Was hab i verbrochen...?“ brummte Beer vor sich hin, als er in einem elegant gemeinten Ausholschwung sein rechtes Bein samt seinem stattlichen Waschbärbauch über den Fahrradsattel schwang. Im Grunde war er ja ein leidenschaftlicher Radfahrer. Aber an einem freien Montag um halb fünf aus dem Bett geläutet zu werden, das empfand er schon als eine besondere Form der Unmenschlichkeit.

Und solange es noch dunkel war in der Früh und dazu noch saukalt, und da es nun auch noch zu nieseln begann, da war schnell Schluss mit Leidenschaft. Und ein unbekannter Toter im Regen auf einem Parkplatz, das klang gleich noch viel weniger leidenschaftlich, mehr nach einem Arbeitseinsatz, der Leiden schafft.

„Was hab i verbrochen…?“ wiederholte sich Beer. Warum eigentlich er? Warum nicht Leutnant Sepp Weimperl, der immer gut gelaunte Kollege aus Bad Schachter, der an jedem noch so elendigen Auftrag etwas Positives finden konnte, wenn er ihn nur nicht selbst ausführen musste? Weimperl musste doch Nachtdienst haben. Zusammen mit Mora Thöne-Burmeister, der energiegeladenen gertenschlanken Revierinspektorin mit ihren auffallend umfangreichen - nun ja - Belobigungen.

Klar, man sei in Leopoldstal bekanntlich personell zu knapp besetzt, hatte der Kollege vom zentralen Telefondienst gemeint. Das müsse er doch verstehen. Da müsse man schon zusammenrücken. Ah ja, und wohl aus dieser Not heraus mussten in den letzten Jahren sogar im Mühlviertel Frauen herhalten, dachte Beer, und brachten alles durcheinander, was über Jahrzehnte funktioniert hatte. Schon, dass sie nicht beliebig im Nachtdienst eingesetzt werden durften. Wenn sie schwanger wurden, gab es eine Fülle von Diensteinschränkungen und dann noch diese regelmäßigen körperlich-seelischen Befindlichkeitsstörungen.

Nein, Beer hatte nichts gegen Frauen im Allgemeinen und auch nicht im Polizeidienst. Nichts, was hilft, hätte seine Frau Gerlinde wohl an dieser Stelle ergänzt. Er schätzte Frauen in seiner Gegenwart. Er war es nur beruflich noch immer nicht gewohnt. Und Veränderungen fand er nicht immer leicht hinzunehmen. Und dass man sich nun im gemischten Doppel plötzlich nicht mehr gehen lassen durfte, wenn es sein musste, war tatsächlich gewöhnungsbedürftig. Unter Männern sagte sich manches leichter, war Beer überzeugt, konnten Bedürfnisse einfacher verbalisiert werden und weibliche Empfindungen außen vor bleiben. Man konnte in angespannten Situationen Druck ablassen - ob verbal oder körperlich - ohne dass gleich ein Skandal gesehen wurde. Und es wurde nicht gleich jede saloppe Bemerkung zur sexuellen Belästigung aufgeblasen. Man konnte ja nicht einmal mehr im vertraulichen Kollegengespräch in den Namen des allseits gefürchteten Generalmajors Beil ein undeutlich genuscheltes weiches D einfügen. Der Grat zwischen Aufmerksamkeit und Diskriminierung war sehr schmal geworden. Das hatte Beer schon am eigenen Leib verspürt. Sagte man einer Frau, sie sei attraktiv, war das eine Belästigung. Sagte man nichts, eine Unaufmerksamkeit. Vom Urfahraner Markt hatte er ein Lebkuchenherz mitgebracht und im Kaffeezimmer aufgehängt mit der Aufschrift: „Wia mas mocht is s foisch!“ Es blieb nicht lange dort hängen. Er musste sich halt auch daran gewöhnen.

Nein, der Herr Leutnant und die Frau Revierinspektorin seien zu einer häuslichen Auseinandersetzung am anderen Ende des Bezirkes gerufen worden, sagte der Telefonkollege. Häusliche Auseinandersetzung. Beer kannte das. Nein, nicht mit Kolleginnen. Das hätte es in der Gendarmerie nicht gegeben. Frauen und Männer gemeinsam im Nachtdienst! Unbeobachtet im Patrouillenfahrzeug, wie man bei der Gendarmerie offiziell gesagt hatte! Dass dagegen noch keine der Frauenbeauftragten eingeschritten war, die seiner Meinung nach mitunter schon die Anwesenheit eines Mannes als sexuelle Gewalt empfanden, erstaunte Beer. Bei der Gendarmerie waren die Männer nachts unter sich gewesen. So sehr das Wachzimmer, das nun Polizeiinspektion hieß, geblieben war wie es immer war, im Streifenwagen war alles verändert.

Häusliche Auseinandersetzung - das bedeutete, dass die Frau allein inmitten von zerborstenen Kleinmöbeln, Schnapsflaschen und Glasscherben weinend am Küchenboden saß. Der Mann war unbekannten Orts aufgebrochen, vermutlich Zigaretten holen oder weiter saufen. Wenn er nicht jenseits der Straße im Straßengraben ruhte. Und die Frau war im Halbschlaf über den Küchentisch gestolpert und hatte sich dabei blaue Flecken und blutende Verletzungen an Augen und Nase zugezogen. Die Nachbarn, die den Notruf abgesetzt hatten, mussten sich geirrt haben. Hatten wohl Geräusche aus dem Fernseher von gegenüber gehört. Der Mieter dort sei ja bekanntlich fast taub.

Nein, Anzeige wolle man nicht erstatten. Nein, Rettung oder Arzt würde nicht benötigt wegen der paar Kleinigkeiten. Das bisschen Blut sei schnell weggewischt. Es sei alles in bester Ordnung.

So eine häusliche Auseinandersetzung war meist in ein paar Minuten erledigt. Die halbe Stunde Schreibarbeit konnte man ja nachher in der Polizeiinspektion erledigen. Aber wo blieben Weimperl und Thöne-Burmeister dann so lang?

Häusliche Auseinandersetzung im Funkwagen? Hatte nicht Weimperl selbst begehrliche Blicke auf die auffallend blonde Mora gerichtet? Nun ja, wer nicht? Und hatte sie ihm nicht mit ihren unendlich langen für eine Blondine überraschend tief schwarzen Wimpern aufmunternd zugeblinzelt? Nun ja, wem nicht? Nicht nur Beer war das aufgefallen. Auch nicht, dass sie ihm nicht mehr zugeblinzelt hatte. Alle wussten es. Zwar kannte niemand Zeugen oder Beweise, doch alle hatten schon irgendwann irgendwo irgendetwas gehört.

2. Kapitel

Und nun ausgerechnet eine Leiche. Und das auf nüchternen Magen. Zum Frühstück war keine Zeit gewesen. Noch nicht einmal zu einer symbolischen Morgentoilette. Unrasiert war Beer nur schnell in seine Jogginghose gefahren und hatte die warme Softshelljacke übergeworfen. An Uniform war nicht zu denken. Die hing ja in seinem Spind im Wachzimmer.

Polizeiinspektion hieß das jetzt. PI sagten die sprechfaulen Kollegen, oder 3,14, den Wert der Kreiszahl Pi. Aber Beer war in seinem Innersten auch nach Jahren zutiefst ein Gendarm geblieben. Es sah auch noch immer aus wie die Wachzimmer vergangener Tage. Unpersönlich, verstaubt, ohne Pflanzen oder Bilder, hielt sich hier trotz modernerer Einrichtung noch der staubige Mief der kaiserlichen Bürokratie. Ärmelschoner gab es nicht mehr, aber hier brauchten sich Delinquenten nicht wohl zu fühlen. Und Polizeibeamte auch nicht. Es war schließlich ihr Arbeitsplatz und keine Wellness-Oase.

Stopp, falsch, es gab durchaus Bilder. Im Parteienraum hatte jemand den Bundespräsidenten und den Landeshauptmann aufgehängt. Links und rechts von einem – ja tatsächlich – Kruzifix. Wie der linke und der rechte Schächer. Beer glaubte sich zu erinnern, dass der Herrgott den rechten Reumütigen begnadigt, den linken Uneinsichtigen jedoch in die ewige Verdammnis geschickt hatte. War das politisch gemeint? Und um welches Links ging es da eigentlich? Das Links vom Betrachter aus gesehen, oder jenes Links aus dem Blickwinkel von Jesus? Beer fragte sich, wen er sich eher in der Hölle schmorend vorstellen konnte – den Landeshäuptling oder den Präsidenten?

Auf dem Bild des Präsidenten war anfangs eine Aufschrift zu lesen gewesen, irgendetwas über Menschenrechte. Das war nach ein paar Tagen verschwunden, aber das kümmerte niemand. Im Grund unterschied sich die Polizei von der Gendarmerie nur durch die Uniform. Seine letzte fast noch neue Gendarmerie-Ausgehuniform, die er als Organisator des letzten Gendarmerieballs vor der Zusammenlegung mit der Polizei im Frühjahr 2005 noch stolz getragen hatte, die hatte er sorgsam in Plastikfolie verpackt in seinem Schrank hängen.

Glücklich war er, dass es ihm gelungen war, sie zurückzuhalten. Sie war quasi sein privates Gendarmeriemuseum. Dazu hatte er einen Fahrradunfall mit einem Dobermann aus der Nachbarschaft erfinden müssen, nach welchem er die zerfetzte Uniform in die Mülltonne geworfen hätte. Und die Müllabfuhr – das zu glauben fiel den Vorgesetzten am schwersten – sei ausgerechnet an jenem Tag pünktlich gewesen.

Also genau genommen war Beer tatsächlich nach ein paar Bieren mit dem Rad gestürzt und hatte sich ein paar gut sichtbare Schrammen zugezogen gehabt. Aber um den Verlust der Uniform zu rechtfertigen, schien es ihm günstiger, den Kampfhund des Nachbarn einzubinden, der ja vielleicht wirklich keine Uniformen leiden hätte können.

An besonderen Tagen legte er die alte Ausgehuniform mit Stolz an und posierte vor dem großen Spiegel im Vorzimmer seines Reihenhauses. In der Tasche der Uniformjacke verwahrte er noch ein paar Keks, wie die Kollegen in grammatikalisch falschem Plural jene Sterne nannten, die an der Uniform nur für Eingeweihte den Dienstgrad erkennbar machten. Die wollte er sich gelegentlich noch zusätzlich ans Revers annähen lassen, um wenigstens in der Illusion seiner Karriere leben zu können. Gendarmerie-Leutnant Beer – das könnte er heute sein. Ja wenn…

Wenn sie nicht gewesen wäre. Gendarmerie-Gruppeninspektorin Grete Kummer. Bezeichnender Name. Nichts als Kummer hatte sie ihm bereitet. Nein, keinen Liebeskummer, ganz im Gegenteil. Nichts wäre ihm je ferner gelegen als eine Kummer-Nummer. Liebend – ja. Liebend gern wäre er sie losgeworden. Aber sie hatte die besseren Karten bei den Oberen – und nun musste er die letzten Jahre bis zur ersehnten Pension ihrethalben in der Polizeiinspektion Leopoldstal abdienen. So konnte aus ihm nun nicht mehr werden, was er sich eigentlich erträumt hatte: ein Kriminalbeamter im höheren Dienst.

Die Kummer-Gretl hatte eine seltsam abwechslungsreiche Karriere hinter sich. Bei der Gendarmerie war sie zunächst mit Beer als gleichrangige Kollegin im Patrouillenfahrzeug gefahren. Hochgradig unzufrieden mit allem und jedem war sie nach etlichen Jahren zur Polizei gewechselt. Ein paar Jahre später hatte ihr der bestens vertraute Gendarmerie-Major Gerald Munterer, mit dem man sie am Gendarmerieball durchaus ein Tänzchen wagen und Arm in Arm promenieren gesehen hatte, zurück zum Kriminalbeamtenkorps in Linz verholfen. Dort hatte sie nicht nur kein gutes Wort mehr über die Polizei verloren. Sie war auch wieder auf ihren ehemaligen Kollegen Beer gestoßen, diesmal allerdings als ihren Gruppenvorgesetzten.

Das war für sie wohl eine Zumutung gewesen. Seinerzeit als gleichrangige Kollegen waren sie noch eher vertraut gewesen, aber nach einer kleinen Meinungsverschiedenheit mit dem neuen Vorgesetzten hatte sie ihm in einer theatralischen Szene lautstark und vor Kolleginnen und Kollegen das „Du“ entzogen. Für sie war das wohl eine schwere Strafe gewesen, doch Beer war es im Grund nicht einmal unangenehm, die Kummergretl siezen zu können. Aber der Haussegen zwischen ihnen hing seither schief.

Beer hatte den Eindruck, die Kummer sei von Beruf mehr unzufrieden als Polizistin. „Gestatten, Grete Kummer, Unzufriedene.“ In einer Teambesprechung hatte er einmal versucht, sie durch eine kleine Provokation zur Selbstreflexion zu verführen, wie er es in einem Führungskräfteseminar gelernt hatte. „Wenn ich morgens in den Dienst gehe,“ erläuterte er Augen zwinkernd, „klappe ich als erstes meinen Kalender auf und überlege, was ich Ihnen heute alles zu Fleiß tun könnte. Das schreibe ich in die To Do Liste und arbeite sie Punkt für Punkt ab.“

„Ja, so kommt es mir auch vor!“, bestätigte die Kummer. Fehlanzeige. Beer hatte eine andere Reaktion erhofft. Selbstreflexion war nicht nur keine Stärke der Kummer, sie existierte nachgerade nicht.

Mit ihrem guten Draht vor allem zum Major Munterer, den Beer bei sich Mitunter nannte, weil er froh war, ihm nicht allzu oft zu begegnen, hatte sie es geschafft, diesen über Jahre mit allerlei Informationen, die Beer selbst kaum erahnen konnte, ganz auf ihre Seite ziehen. Und Beer sank in der Achtung des Majors so tief, wie es nur irgend möglich war. Er hatte ausgeschissen, wie er mitunter deutlicher formulierte. Permanent hatte er sich gemobbt und gedemütigt gefühlt. Beer konnten ja keinerlei Dienstverfehlungen nachgewiesen werden. Trotz munterer Munterer- und Kummer-Bemühungen, etwas zu finden, um ihn loszuwerden. Alle wussten es. Zwar kannte niemand Zeugen oder Beweise, doch alle hatten schon irgendwann irgendwo irgendetwas gehört.

Ordnungsgemäß hatte Beer seinen damaligen Vorgesetzten im Kriminalbeamtenkorps, Leutnant Weimperl, laufend über diese Vorfälle informiert, sofern sie überhaupt offenkundig geworden waren. Das meiste hatte wohl im vertraulichen Austausch zwischen Munterer und Kummer stattgefunden. Allein Weimperl schien keinen Finger zu rühren. Die Kummer hatte ihn wohl auch um denselben gewickelt mit ihren Schmähungen. Und Weimperl war gewiss der Typ, der allen nach dem Mund redete, um nur selbst nicht ins Gerede zu kommen.

Alles Erfolgreiche hängte sich die Kummer an ihre üppige Brust, und alles Unangenehme schaffte sie, an Beer abzuschieben und ihn dabei möglichst noch oben so elegant anzuschwärzen, dass Beer stets als der Gelackte und sie immer als die Brave und Bedauernswerte ausstieg.

War eine Belobigung auszusprechen, ein Sonderurlaub zu gewähren oder eine Prämie zu verteilen, dann war Kummer zur Stelle. Musste hingegen jemand versetzt oder der Urlaub gestrichen werden, war Beer dran. Beer war von ihrer behaupteten Universalbegabung nur sehr rudimentär beeindruckt. Aber wenn sie etwas wirklich exzellent beherrschte, davon war Beer überzeugt, dann die unbemerkte Delegation unleidlicher Aufgaben nach oben. Good cop – bad cop, einmal anders rum. Und er fiel ihr immer wieder drauf rein.

Hatte sie ein genehmigungspflichtiges Anliegen, bezeichnete sie es als den dringenden Wunsch ihrer ganzen Gruppe. Und Beer, der grundsätzlich ja noch immer an das Gute im Menschen glaubte, versuchte, wenn möglich, der Truppe ihre Wünsche zu erfüllen. Er bildete sich zwar ein, die gebührende Dankbarkeit zu vermissen. Aber nur selten erkannte er im Gespräch mit den Kümmerlingen - im Grunde bedauerte er das Team, das unter ihr arbeiten musste -, dass es lediglich der Wunsch der Gruppenleiterin gewesen war, den sie mit Hilfe ihrer ahnungslosen Mitarbeitenden zu verstärken wusste.

Hatte Beer etwas genehmigt, so betonte sie, sie hätte das gegen den Chef durchgesetzt. Hatte er aber abgelehnt, so hatte sie wie ein Löwe für ihre Kolleginnen gekämpft, aber bei diesem sturen Chef keine Chance gehabt. Der Depp war immer der Beer – und er hatte lange gebraucht, bis er dies in seiner Gutmütigkeit durchschaut hatte.

War eine unangenehme Aufgabe zu lösen, lag sie ihm wochenlang in den Ohren, sie könne das nicht und Beer solle doch… Wie ein Kind vom Vater so erhoffte sie stets die Lösung ihrer Herausforderungen von oben.

Von wegen von oben! Von oben kamen keine Lösungen, war Beer überzeugt. Von oben kamen nur Weisungen: Anweisungen oder Zurechtweisungen. Anerkennung für erfolgreiche Leistung - Fehlanzeige! „Nicht getadelt ist genug gelobt.“ Von oben war nichts zu erwarten. Im Grunde erwartete ja auch Kummer nicht die Anweisungen von oben. Sie wollte nach eigenem Gutdünken tun. Aber wie ein Kind hoffte sie doch jedes Mal, dass Weimperl oder gar Munterer ihr die Probleme abnehmen und Beer auferlegen würde. Und war nicht selten erfolgreich damit. Gewesen. Bei der Gendarmerie. Und wenn er ihr die Last nicht zur Gänze abzunehmen bereit war, meldete sie nach oben weiter, dass sie von ihm nicht unterstützt würde.

Ständig machte sie Notizen, schrieb Emails und musste angeblich irgendwohin zum Rapport. Sie meldete sich sogar krank, damit er nicht mitbekam, dass sie schon wieder zum Major fuhr. Beer wollte sich gar nicht mehr vorstellen, worüber dieser Tram…, wie er sie bei sich nannte, also worüber diese Kollegin in ihrer ausufernden Phantasie verbal auf ihm herumgetrampelt sein mochte.

Manchmal hatte er heute noch den Geruch ihres aufdringlichen Parfums in der Nase. Patchouli. Sie war stets in eine dichte Wolke von Patchouli gehüllt. Beer kannte sich wirklich nicht aus bei Damenkosmetik. Aber Patchouli war ihm ein Begriff. Nicht nur von den Drogenrazzien in Kiffer-WGs, wo mit den unerträglichen Räucherstäbchen anderes zu überdecken versucht wurde.

Er sprach es mühlviertlerisch aus. Bodschuli, wie bodschert, weil es ihn an ihr ungelenkes Auftreten erinnerte, wie sie ihre Körperfülle mit irgendwelchen Batikbaumwolltüchern im 70er-Jahre-Stil verhüllt in ihren viel zu kurzen Röcken bewegte. Hätte sie doch nur Uniform getragen.

Bodschuli – das war der Geruch des Moders im dunklen Burgverlies, in dem den Buben seinerzeit am Pfadfinderlager bei Kerzenlicht Gruselgeschichten vorgelesen wurden. Einmal hatte er sich vor Angst in die Hose gemacht. Und das demütigende Gejohle der Wölflinge, wie die uniformierten Kinder genannt wurden, hallte immer noch in seinen Ohren nach, wenn die Bodschuli-Kummer an ihm vorbeimoderte: „Hosenbrunzer, Hosenbrunzer!“

3. Kapitel

Von diesen Erinnerungen noch weiter in emotionale Tiefen gezogen hielt Beer noch einmal an, warf sich am Ende der Zufahrt zur Reihenhausanlage in Positur und erleichterte sich in die Thujenhecke.

„GUSTAV!“

Wie eine Gewehrsalve traf ihn der gellende Schrei von seiner Haustür her. In den umliegenden Reihenhäusern gingen Lichter an. Hunde bellten, eine Katze lief pfauchend davon. Ob es sein eigener Kater Strophe war, konnte er im Dunkeln nicht erkennen. Strophe begehrte immer Einlass ins Haus und Futter, wenn sich jemand in der Nähe der Haustür bewegte. Doch das aufflammende Halogenlicht, das die Eigentümer nach einigen Dämmerungseinbrüchen quasi als Alarmanlage installieren hatten lassen, ließ die Szenerie plötzlich taghell und sehr wenig privat erscheinen. Und der Kater flüchtete laut pfauchend.

Beer hatte sich erfolglos gegen die Flutlichter gewehrt. Schließlich war sein eigenes Haus verschont geblieben. Aber einige Nachbarn schienen es ihm heute noch übel zu nehmen, dass er damals in ihren Häusern ermitteln, ja geradezu in ihrer Intimität herumstieren hatte müssen. In zugemüllten Wohnungen unter Dutzenden übelriechender Haustiere. Und dass er angesichts dessen seinen Mund nicht hatte halten können.

Ja und besonders nachtragend war Mann. Herr Mann. Seine einzige Bildung schien seine Body Buildung zu sein, samt Glatze und Tattoos. Der war nicht nur ein Lackel von einem Mann, er hieß auch so. Nicht Lackel. Nur Mann. Der Vorname war Beer gar nicht mehr in Erinnerung, vielleicht Thomas, oder doch nicht? War das ein anderer?

Dabei wäre die Geschichte nur halb so schlimm gewesen, wenn die mäßig bekleidete jugendliche Dame in Manns Reihenhaus Frau Mann gewesen wäre. Dienstlich war Beer natürlich diskret. Aber Mann war wohl unsicher, was Beer seiner Gattin und Gartennachbarin beim gemeinsamen Schneiden der Thujenhecken womöglich zuflüstern würde. Auch der erfundene Vorwurf, sein Dobermann hätte Beers Uniform auf dem Gewissen, wurmte ihn wohl. Und so versuchte er bei jeder Gelegenheit, Beer ans Bein zu pinkeln.

Aber nun war ja erst mal Beer dran mit Pinkeln.

„GUSTAV! WIR HABEN EIN KLO IM HAUS“

Gerlinde hatte es mit einer Stimme, mit der sich Glas schneiden ließ, wieder einmal geschafft, ihn öffentlich zu demütigen. Die ganze Siedlung wusste, dass er ein Weichei und seine Göttergattin seine Kommandantin war. Alle wussten es. Zwar kannte niemand Zeugen oder Beweise, doch alle hatten schon irgendwann irgendwo irgendetwas gehört.

Das wurde Beer in diesem Augenblick klar. Nun hatten es alle wieder gehört und würden ihn wochenlang und, was noch viel schlimmer war, bei seiner bevorstehenden Geburtstagsfeier, mit dieser Peinlichkeit vorführen.

Dagegen waren ihre Jahrzehnte langen Toilettentrainingsmethoden ja ein Lercherlschas, wie Beer es zu nennen pflegte. Aber wie Gendarmen konnten wohl auch Kindergartenpädagoginnen lebenslänglich nie aus ihrer Rolle heraus, meinte er. Lebenslänglich – wie länglich war denn ein Leben? Über manche Begriffe konnte sich Beer nur wundern. Gerlinde würde wohl ihr ganzes längliches Leben lang nie aufhören, ihn erziehen zu wollen. Und er würde nie aufgeben, ein möglichst verhaltensauffälliges Kind zu sein. Lebensbreitlich, wenn das irgendwie möglich sein sollte.

Er musste ihr wohl wieder einmal ein Organmandat hinter den Scheibenwischer klemmen, wenn sie ihr smartes Zwergenauto vor der Hecke parkte, ohne zwei Fahrspuren freizuhalten. Er hatte sich dazu extra einen Block Organmandate besorgt. Die hätten durch neue, geschlechtergerecht formulierte, ersetzt werden müssen. Und mit der Vernichtung der übrig gebliebenen nicht gendergerechten Blocks hatte man Beer beauftragt. Welche Verschwendung! Ganze Kartons voller Blocks mussten einzeln geschreddert werden. Man konnte sie ja nicht einfach zum Altpapier geben. Da war halt auch ein Block zufällig in Beers innere Uniformbrusttasche gerutscht.

So konnte er seiner Gerlinde mitunter Strafmandate ausstellen und mit falscher Dienstnummer unterfertigen. Und wenn sie ihn dann bat, dies doch bei seinen bekannt übereifrigen Kolleginnen in Ordnung zu bringen, konnte er die Strafverfügung stillschweigend verschwinden lassen, und der Haussegen hing wieder gerade.

Er war es ja gewohnt, dass sie es nicht duldete, wenn er im Stehen urinieren wollte. In ihren ersten Jahren hatten sie ihre Geschäfte ungeniert voreinander im geräumigen Bad-WC verrichtet. Daher hatte er im Reihenhaus auch auf einem separaten WC bestanden, in dem er sich einschließen konnte. Und nur selten vergaß er, den Deckel zu schließen, ja hatte sogar noch einen selbst schließenden WC Deckel montiert. Aber sie duldete ja nicht einmal, wenn er die natürlichste Sache der Welt in natürlicher Umgebung verrichtete, und sei es mitten im Wald. „Aber für den Garten nur Biodünger kaufen“, hielt er mitunter dagegen – vergeblich.

„Der Bär scheißt in den Wald, sagt das Sprichwort, und der Beer brunzt halt in die Scheiß-Thujen“, dachte er bei sich. Sinnlos hier irgendetwas zu erwidern. Da konnte man noch eher einen Neonazi überzeugen, sich gegen Corona impfen zu lassen. Zu verfahren war die Geschichte. Jahrzehntelang verfahren. Und noch dazu vor allen Nachbarn diese Peinlichkeit. Das hatte gerade noch gefehlt.

Nein, was das Stehpinkeln betraf, waren die Nachbarn weitgehend auf seiner Seite, wie man in vermeintlich unbeobachteten Momenten in den Reihenhausgärtchen mitunter beobachten konnte.

Aber er hatte Gerlinde wohl an die hundertmal eindringlich gebeten, ihn vor anderen Leuten nicht bei seinem Vornamen zu nennen. Den brauchte niemand zu hören. Dieser Name war die reinste Demütigung. Er hasste seinen Vornamen. Der hatte etwas Unwürdiges, Tollpatschiges, Unfähiges an sich. Gustav bedeutete einfach Looser. So hieß man einfach nicht. In Gustav konnte er nie etwas Sympathisches ausmachen – obwohl er sich immer wieder vergeblich wie mantraartig vorzusagen versuchte, dass im Gegensatz zum Ungustl der Gustav eigentlich ein sympathischer beliebter Mensch sein müsse.

Beliebt war Beer als Polizist in der eigenen Wohngemeinde nicht gerade. Beleibt war er geworden. Vielleicht deshalb. Manche bildeten sich sogar ein, er würde nie ein Strafmandat zurückziehen und es bei einer Abmahnung belassen. So ein harter Hund sei der Beer. Oder so gerecht? Alle wussten es. Zwar kannte niemand Zeugen oder Beweise, doch alle hatten schon irgendwann irgendwo irgendetwas gehört.

Mama hatte wenigstens noch Gustl zu ihm gesagt. Da konnte man noch etwas Gendarmenhaft-Literarisches darin erkennen – Gendarmerie-Leutnant Gustl. Wenn er sich recht erinnerte, war Leutnant Gustl doch jene Novelle von Arthur Schnitzler, deren Handlung erstmalig zur Gänze im Kopf des titelgebenden Leutnants stattfand. Was sich in Leutnant Weimperls Kopf bewegen mochte, fragte sich Beer mitunter. Aber in Beers Kopf bewegte sich allerhand an Handlung, kaum war er einmal einen Moment unkonzentriert. Doch niemand würde ihm deswegen einen großartigen neuen Literaturstil nachsagen. Und Leutnant würde er auch nicht mehr werden können. Seinen Großvater, der Gendarmerie-Oberst gewesen war, konnte er ohnehin nie erreichen. Oberst Gustl hätte auch nicht halb so ehrfurchtsvoll geklungen.