Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen - Matthias Reich - E-Book

Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen E-Book

Matthias Reich

4,8

Beschreibung

Sushi, Godzilla, strahlende Atomkraftwerke und gebrauchte Damenwäsche aus Automaten – skurrile Gerüchte und bizarre Vorurteile gibt es über das Inselreich am Rande des Pazifiks wahrlich genug. Was allerdings die Wenigsten wissen: Die japanische Realität ist von all dem gar nicht weit entfernt. Wussten Sie zum Beispiel, dass man in Japan rund ein Drittel eines Geschenkes in irgendeiner Form wieder zurückgeben soll? Oder dass es nichts Ahnungsloseres gibt als einen Taxifahrer in Tokyo? Dass Japaner ihre eigenen Orts- und Personennamen oftmals nicht lesen können? Und dass es kein elektrisches Gerät gibt, dem die Japaner mehr vertrauen als dem Fax? In 55 unterhaltsamen, aber auch nachdenklichen Kapiteln klären wir Sie auf über das wahre Japan, das sich hinter dem fernöstlichen Schleier verbirgt und sich dem Fremden oft erst nach vielen Jahren erschließt. Trotz aller Exotik werden Sie dabei schnell merken: Japan ist skurril, Japan ist anders, aber auch in Japan kocht man nur mit Wasser – und einem Schuss Sojasoße, versteht sich.

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Was Sie dachten, NIEMALS über JAPAN wissen zu wollen

Sushi, Godzilla, strahlende Atomkraftwerke und gebrauchte Damenwäsche aus Automaten – skurrile Gerüchte und bizarre Vorurteile gibt es über das Inselreich am Rande des Pazifiks wahrlich genug. Was allerdings die Wenigsten wissen: Die japanische Realität ist von all dem gar nicht weit entfernt.

Wussten Sie zum Beispiel, dass man in Japan rund ein Drittel eines Geschenkes in irgendeiner Form wieder zurückgeben soll? Oder dass es nichts Ahnungsloseres gibt als einen Taxifahrer in Tokyo? Dass Japaner ihre eigenen Orts- und Personennamen oftmals nicht lesen können? Und dass es kein elektrisches Gerät gibt, dem die Japaner mehr vertrauen als dem Fax?

In 55 unterhaltsamen, aber auch nachdenklichen Kapiteln klären wir Sie auf über das wahre Japan, das sich hinter dem fernöstlichen Schleier verbirgt und sich dem Fremden oft erst nach vielen Jahren erschließt. Trotz aller Exotik werden Sie dabei schnell merken: Japan ist skurril, Japan ist anders, aber auch in Japan kocht man nur mit Wasser – und einem Schuss Sojasoße, versteht sich.

Inhalt

1 – Im japanischen Nahverkehr ist Körperkontakt angesagt

2 – In Japan lebt das Patriarchat noch

3 – Hinter japanischen Ladentheken stehen willenlose Roboter

4 – Japan ist die Heimat von Ineffizienz und Pfusch

5 – Japaner sind einsame Spitze darin, den ersten Kontakt grandios zu verbocken

6 – Die japanische Provinz ist nah dran, der Hintern der Welt zu sein

7 – Japaner ist nicht gleich Japaner

8 – Japaner führen einen irrwitzigen Kampf gegen die englische Sprache

9 – Japaner nehmen sich das Beste von Christentum, Buddhismus und Co.

10 – In Japan gilt: Nach dem Beben ist vor dem Beben

11 – Die Naturwissenschaften sind den Japanern manchmal komplett egal

12 – An japanischen Schulen lernt man nicht wirklich etwas fürs Leben

13 – Japaner sind knallhart, auch beim Bestrafen

14 – Japaner vertragen keinen Alkohol, trinken aber trotzdem, was das Zeug hält

15 – Die schönste Nebensache der Welt kann in Japan so richtig kompliziert werden

16 – Nach Toleranz sucht man in Japan vergeblich

17 – Japanische Taxifahrer sind vermutlich die ältesten der Welt

18 – Japaner sind nicht so freundlich, wie der Rest der Welt glaubt

19 – Jemand hat vergessen, der Tierwelt mitzuteilen, dass Japan ein sicheres Land ist

20 – Katastrophenhilfe ist eine halbe Sache in Japan

21 - Der japanische Staat zahlt gern auch Rente an Tote

22 – Eintönigkeit ahoi! Mit vier japanischen Worten kommt man im Alltag durch

23 – Auch mit Japanischkenntnissen ist man in Japan verloren

24 – Japaner haben echt keinen Sinn für Naturschauspiele

25 – Japaner mögen es sehr, sehr seicht

26 – Japaner scheinen es zu mögen, wenn sich das Essen auf dem Teller noch bewegt

27 – Japan ist das Land, in dem in puncto Glaube alles geht

28 – Japanische Lebensmittel sind oft purer Giftmüll

29 – Früher wunderte sich in Japan niemand über Mönche, die in Erdlöchern saßen

30 – Die japanische Schrift spiegelt wider, wie man im Land denkt

31 – So mancher Japaner hat einen zweifelhaften Literaturgeschmack

32 – Japanische Politik ist ein Sumpf, aus dem es kein Entrinnen gibt

33 – Japaner könnten gut und gern auf manche Bräuche verzichten

34 – Japan biegt sich die eigene Vergangenheit zurecht

35 – Japanische TV-Shows sind nur was für Hartgesottene

36 – Manche Japaner wollen nur das Beste von einem: das Geld

37 – Japaner haben ein Faible für geborgtes Geld

38 – Bei der Wahl des richtigen Schriftzeichens liegen viele Japaner oft daneben

39 – Japanische Frauen brauchen keine Gleichberechtigung

40 – Japanische Küche kann mitunter eine echte Herausforderung sein

41 – Viele Japaner schlagen sich nur mit Ach und Krach durch

42 – Das eigentliche Zuhause des Japaners ist sein Büro

43 – Die japanische Gesellschaft ist so kinderfeindlich wie kaum eine andere

44 – In Japan sind Fremde willkommen, sofern sie das Land möglichst schnell wieder verlassen

45 – In japanischen Wohnungen ist man seinem Nachbarn näher, als einem lieb ist

46 – Japaner sind Meister im geistigen Diebstahl

47 – In Japan gilt: Wo ein Stempel, da ein Weg

48 – Gemeinnützigkeit und Betrug liegen in Japan sehr nah beieinander

49 – Japaner lieben Klamotten mit völlig sinnfreien Aufdrucken

50 – Japaner bringen sich lieber um, als mit jemandem zu reden

51 – Japaner sind nicht unbedingt als Tierfreunde bekannt

52 – Alle Japaner sind vernarrt in knubbelige, manchmal echt hässliche Figuren

53 – Wenn es um Sprache geht, werden Japaner richtig kreativ

54 – In manchen Dingen ist Japanisch die vielleicht schwerste Sprache der Welt

55 – Japans höchster Berg sorgt für Enttäuschung

Vorwort

Eigentlich gibt es genügend Bücher über Japan, möchte man fast meinen. Darunter viele lustige von Kurzzeitbesuchern und noch mehr todernste von Langzeitbesuchern und Akademikern. Dieses Buch ist jedoch etwas Anderes: Hier werden 20 Jahre Japanerfahrung, davon 12 ununterbrochen in Japan selbst, in 55 kurzweilige Geschichten verpackt. Geschrieben von jemandem, der am Telefon seinen japanischen Gesprächspartnern jedes Mal aufs Neue beteuern muss, dass er eben kein Japaner, sondern ein Ausländer sei.

Das Ziel ist ein Blick über den Tellerrand, in oftmals unbekannte Aspekte der japanischen Kultur, basierend auf Beobachtungen und unzähligen Gesprächen mit den Bewohnern – auf Japanisch. Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Dem Autor würden über sein Heimatland mindestens genauso schnell 55 verschiedene Skurrilitäten einfallen.

1 – Im japanischen Nahverkehr ist Körperkontakt angesagt

Berufsverkehr

Nicht selten wird während der Stoßzeiten in den Großstädten Japans der letzte Fahrgast von drei Helfern ins Innere gedrückt. So sehr, dass manchmal sogar Scheiben zu Bruch gehen. Und es gibt durchaus noch mehr unangenehme Überraschungen.

Das Spektakel wiederholt sich jeden Morgen in Tokyo, Osaka und anderswo. Der Japaner beginnt generell etwas später mit der Arbeit, deswegen wird es erst ab 8 Uhr so richtig aufregend. Für den Weg ins Büro benutzt man einen der zahllosen Züge, die nicht selten im 2-Minuten-Takt die Ameisen aus den Bettenburgen in die vollversiegelten Innenstädte transportieren. Sind es noch 20 Kilometer bis zum Zentrum, sieht man meist schlafende Gestalten – einige sind schon seit fast einer Stunde unterwegs. Den Boden des Abteils kann man zu diesem Zeitpunkt noch ansatzweise erkennen. Bei Kilometer 15 wird es schon etwas enger, aber man schafft es noch, sich auch mal ein kleines bisschen Richtung Abteilmitte zu bewegen. An Sitzen ist allerdings schon lang nicht mehr zu denken: Wer diesen Anspruch mitbringt, soll gefälligst an der ersten Haltestelle einsteigen! Noch 10 Kilometer – allmählich wird es auch für japanische Verhältnisse eng. Besonders interessant wird es nun, die Revierkämpfe direkt an den Türen zu beobachten. Dabei spielt es eine große Rolle, in welchem Wagen man sich befindet und an welcher Tür man steht. Da die Züge in den Stationen auf den Zentimeter genau an den gleichen Stellen halten, wissen die Pendler, wo sie stehen müssen, um die beste Startposition zum Umsteigen zu haben.

Die Poleposition muss mühsam erkämpft werden, aber die Trophäe lohnt sich: Wer es schafft, direkt an der Treppe auszusteigen, muss sich nicht in einer riesengroßen grauen Masse Hunderte Meter lang zum nächsten Zug schieben lassen, sondern kann ganz frisch und frei seines Weges ziehen. Die Uniformität der Passagiere und das Schweigen im Abteil können auf Ausländer beklemmend wirken. Man fühlt sich tatsächlich wie in einer endzeitlichen Science-Fiction-Szenerie und fragt sich unweigerlich, ob den Menschen eigentlich klar ist, dass sie hier zu roboterähnlichen Wesen mutieren. Die Science-Fiction ist allerdings ganz real, denn es kommt leider allzu häufig vor, dass der Roboter im japanischen Nahverkehr streng riecht. Nach Knoblauch zum Beispiel oder nach zu viel Stress. Oder nach Schweiß. Oder nach allem auf einmal. Klassiker sind ein aufdringliches Parfüm oder nicht für die Öffentlichkeit vorgesehene Luft, die aus einer Körperöffnung entkrochen ist. Als Faustregel lässt sich hier sagen, dass Körpergröße ganz enorm weiterhilft. Schnappen die im Schnitt 1,60 Meter großen Japanerinnen irgendwo da unten röchelnd nach Luft, während sie beinahe zerquetscht werden, kann man die Sache mit westlich-männlicher Durchschnittsgröße schon etwas gelassener sehen.

Der morgendliche Berufsverkehr ist damit gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig. Eine nicht sehr positive Besonderheit des japanischen Nahverkehrs sind gelegentliche Grapscher, im Japanischen chikan genannt, die die Sache vor allem für Frauen nicht unbedingt angenehmer machen. Grapscher nutzen die Enge der proppevollen Züge, um Frauen dort zu berühren, wo sie ganz sicher nicht von einem fremden Mann berührt werden wollen – in der Hoffnung, dass sie in der Menge unentdeckt bleiben. Aus diesem Grund haben die meisten Bahnlinien in Großstädten bereits Frauenwaggons eingeführt – wie der Name schon andeutet, dürfen dort während festgelegter Zeiten, meistens zwischen 7 und 9 Uhr morgens, nur Frauen (und Kinder) rein.

Wer jedoch denkt, dass sich die Lage zu fortgeschrittener Stunde entspannt, täuscht sich. Je später es wird, desto voller sind die Züge. Wer gegen Mitternacht den Heimweg antritt, wird nicht nur von vollgestopften Zügen entzückt sein, sondern auch von der Tatsache, dass nun mehr als die Hälfte der Fahrgäste betrunken ist. Es wird etwas lauter als tagsüber, obwohl sich der Pegel – gemessen beispielsweise an einem ähnlich bestückten Fußballfanzug in deutschen Gefilden – selbst dann noch in Grenzen hält. Richtig schlimm wird es, wenn sich ein Betrunkener im vollbesetzten Waggon dafür entscheidet, der retrograden Peristaltik nachzugeben, um den Mitgefangenen kundzutun, was es neben all den Getränken zu essen gab.

Gut zu wissen

Aufgrund der durchaus reellen Gefahr für Frauen, einem Grapscher zum Opfer zu fallen – in Tokyo werden pro Tag rund 10 Fälle gemeldet; die Dunkelziffer dürfte aber wesentlich höher sein – gibt es nur eine wirklich sichere Lösung: die schon erwähnten Frauenabteile, die in den meisten Linien eingerichtet wurden. Wer trotzdem angegrapscht wird, sollte den Täter einfach am nächsten Bahnhof zur Rede stellen, egal ob auf Japanisch oder Englisch. In der Regel kommen sofort Bahnhofsangestellte hinzu, die der Sache dann nachgehen. Leider gibt es auch das andere Extrem: falsche Anschuldigungen. Wer beschuldigt wird, jemanden angegrapscht zu haben – auch wenn das gar nicht der Fall war –, hat schlechte Karten. Wenn man erst mal vor Gericht gelandet ist, gibt es kaum Aussichten darauf, nicht verurteilt zu werden.

Um auf die Analogie zu den Ameisen zurückzukommen, ist es natürlich interessant, zu sehen, was passiert, wenn jemand im Ameisenhaufen herumstochert. Anders gesagt: Was passiert in einem Bahnhof, in dem pro Minute Tausende Passagiere ein- und aussteigen, einem Bahnhof, in dem jeder Vorgang auf die Sekunde genau abgestimmt ist, wenn plötzlich ein paar Züge ausfallen? Sofort laufen dann die Bahnsteige über, weil vorn nicht mehr abtransportiert wird, was hinten an neuen Menschenmengen hinzukommt. Wer nun einen Kollaps des Ameisenvolkes vermutet, wird sich wundern: Dank einer ausgeklügelten Informationspolitik werden fast alle anderen Reisenden umgehend informiert und weichen auf eine andere Ameisenstraße aus. Und zwar ohne Murren. Die Aufgabe des Stocherers im Ameisenhaufen übernehmen übrigens gern Selbstmörder, Taifune, Erdbeben oder Betrunkene.

Harte Fakten

Eine der ältesten Bahnlinien Japans ist die Yamanote-Linie; sie gibt es seit 1885. Auf knapp 35 Streckenkilometern gibt es 29 Stationen – und sechs der zehn meistfrequentierten Bahnhöfe der Welt. Die seit Jahren ungeschlagene Nummer 1 ist der Bahnhof von Shinjuku: Dort steigen tagein, tagaus knapp 4 Millionen Menschen aus oder um. Das ist in etwa so, als ob jeder einzelne Berliner sich täglich am Berliner Hauptbahnhof einfinden würde. Die Koordination dieser – nachts gern auch ziemlich angetrunkenen – Massen erfordert von den Betreibern ein Höchstmaß an Konzentration. Eine Umrundung der Yamanote-Linie dauert ziemlich genau eine Stunde und kostet umgerechnet 1,50 Euro. Deshalb preisen manche Reiseführer die Ringlinie als »kostengünstigste Stadtrundfahrt der Welt« an. Allerdings sieht man vom Zug aus fast nur die Rückwände der Häuser.

2 – In Japan lebt das Patriarchat noch

Gleichberechtigung

Die Reinkarnation eines Paschas lebt in Japan – bartlos und kaum zu etwas zu gebrauchen. Das Land hat die höchste Dichte an frauenfeindlichen Softies.

Irgendwann muss in Japan irgendwas passiert sein mit den Männern. War das Land vor 150 Jahren noch berühmt für feiste Kerle mit Prinzipien, die sich lieber auf recht kreative Weise entleibten, als mit einer Schmach zu leben, so weiß man heute manchmal nicht mal mehr, ob die Schwäche gespielt oder echt ist. Gerade junge Männer scheinen sich nach Leibeskräften zu bemühen, alles abzustreifen, was früher als männlich galt.

Aber ...

Natürlich gibt es sie auch in Japan, die »tollen Typen«, auf Japanisch ikemen genannt. Der Begriff ist eine Verballhornung des japanischen Wortes ikeru (»passt so!«) und des englischen Wortes man. Eigentlich gibt es also keinen Grund für die vor allem bei westlichen Ausländern vorherrschende Haltung, herablassend auf japanische Männer zu schauen. Zur Ehrenrettung muss wohl gesagt sein, dass es die japanischen Frauen sind, die an der Verbreitung männlicher Rollenklischees schuld sind: Von japanischen Männern erwarten viele junge japanische Frauen erst einmal gar nichts. Von einem westlichen Mann wird hingegen angenommen, dass er ein Kavalier ist, gern im Haushalt hilft und sowieso seine Angebetete tagtäglich auf Rosen bettet.

Würden japanische Männer einfach nur zum Kajalstift greifen, sich Barthaare einzeln ausrupfen und mit piepsigen, unsicheren Stimmen sprechen, ginge das vielleicht noch in Ordnung. Doch bei all der Weichspülerei haben sich japanische Männer diverse Eigenarten beibehalten, die manchmal vor allem für das westliche weibliche Auge abstoßend wirken. Gleichberechtigung ist ein Fremdwort, im Alltag wie in der Arbeit. Obwohl – gleichberechtigt sind Frauen dann, wenn es um Sitzplätze geht oder das Tragen schwerer Sachen: Es gehört zum Verhaltenskodex, Frauen, egal wie schwanger sie sein mögen, auf gar keinen Fall einen Sitzplatz zu überlassen. Tür aufhalten? Um Gottes willen. Eine Last abnehmen? Wieso denn, das können sie doch selbst tragen. Das eigene Wohl ist da wesentlich wichtiger. In der Ehe geht es weiter: Wenn man schon mal einen freien Tag hat, will man auch seine Ruhe haben, also sollte die Frau dafür sorgen, die eigene Brut auf Distanz zu halten. Lieber geht man zum Pachinko, wo es ja auch so schön ruhig ist.

Harte Fakten

Pachinko ist das japanische Glücksspiel schlechthin: Es handelt sich um Daddelautomaten, in die man oben viele kleine silberne Kügelchen reinkippt, damit sie auf geheimnisvollen Umwegen ihren Weg nach unten finden. In Pachinko-Hallen reihen sich Hunderte dieser Automaten aneinander – jeder davon macht einen Höllenlärm. Es gehört zu jedem Japanbesuch, sich mindestens einmal so nah an eine der automatischen Türen einer Pachinko-Halle heranzutrauen, bis diese sich öffnet und gefühlte 140 Dezibel herausklingen.

Gewinnen kann man beim Pachinko viel mehr kleine Kügelchen. Laut Gesetz ist das Glücksspiel verboten, deswegen gibt es offiziell keinen Gewinn. In der Praxis werden die Kugeln jedoch am Ende aufgewogen, und man bekommt dafür zum Beispiel einen ganz besonderen Kugelschreiber oder irgendetwas anderes, das es nur in der Pachinko-Halle gibt. Damit geht man dann zu einem in der Nähe gut versteckten sogenannten »TUC-Shop«, in dem man den Kugelschreiber für eine festgesetzte Summe »verkaufen« kann.

Frauen am Arbeitsplatz haben es ebenfalls nicht leicht. Eine Karriere ist in den meisten Firmen nicht vorgesehen: Man erwartet, dass die Frauen mit 25, spätestens mit 30 Jahren wegen der Geburt des ersten Kindes die Firma verlassen – und zwar für immer, um Herd und Kind zu hüten. Dementsprechend werden ihnen auch nur die einfachsten Arbeiten überlassen: Kaffee kochen oder kopieren zum Beispiel. Hat eine Angestellte etwas mehr Holz vor der Hütte als der Durchschnitt, was in Japan bekanntlich eher selten ist, kann sich die Arme auf nie enden wollende Kommentare gefasst machen. Kein Wunder, dass viele Japanerinnen wirklich schleunigst für immer aus solch einer Firma verschwinden wollen.

Wenn die geschätzten männlichen Kollegen doch wenigstens mehr auf dem Kasten hätten! Mittlerweile studieren in Japan mehr Frauen als Männer, und nicht selten ist die Kaffee- und Kopierdame um einiges smarter als ihre Vorgesetzten. Wenn eine Frau dann doch mal Karriere macht, zum Beispiel in der Politik, kann es vorkommen, dass ein Kollege während einer Rede vor dem Parlament ausruft: »Und wann heiraten Sie endlich und bekommen Kinder?« Dementsprechend ist es kein Wunder, dass Japan im sogenannten World Gender Gap Report von 2015 weit abgeschlagen auf dem 104. Rang landete, hinter Armenien, Tadschikistan und Ghana. Interessanterweise ist noch immer keine Bewegung zu erkennen, die diese Zustände in absehbarer Zukunft ändern könnte. Den japanischen Männern scheint das recht zu sein, und eine japanische Alice Schwarzer kann man sich selbst mit viel Fantasie nicht vorstellen.

3 – Hinter japanischen Ladentheken stehen willenlose Roboter

Dienstleistung

Japanische Kunden gelten als die anspruchsvollsten (man könnte auch sagen mäkligsten) der Welt. Sobald eine Verbeugung nicht tief genug oder das Lächeln nicht so strahlend wie erhofft ist, kann es Ärger geben – und zwar richtig. Umgehend wird dann nach dem Geschäftsführer gerufen, und wehe, wenn der nicht den richtigen Verbeugungswinkel und die richtigen Höflichkeitsfloskeln beherrscht.

Da der Kunde in Japan so anspruchsvoll ist, muss sich der Dienstleistungssektor entsprechend anpassen und alles tun, um Beschwerden zu vermeiden. So wurde ein Kundenservice geboren, der weltweit als einmalig gepriesen wird. Dahinter steckt sehr viel Schweiß. Um zu gewährleisten, dass alle Angestellten wirklich ihr Bestes geben, werden tagein, tagaus Hunderte Richtlinien geschrieben und gepaukt. Das Resultat ist beeindruckend. Jeder Handgriff scheint zu sitzen, alle Mitarbeiter lächeln und sind freundlich. Man fühlt sich als Kunde in der Tat wie ein König, und es sorgt für ein hohes Maß an Verwirrung, wenn man nach längerem Japanaufenthalt wieder nach Europa zurückkehrt, wo man nicht selten das Gefühl hat, nicht Kunde, sondern Störenfried zu sein.

Aber ...

So unnatürlich das Verhalten der Verkäufer auf Ausländer auch wirken mag, der japanische Kundenservice funktioniert bestens und es fällt schwer, sich davon nicht einlullen zu lassen. Wenn etwas mal nicht hinhaut, muss man sich nicht mit mürrischen Angestellten herumschlagen, sondern kann das Problem recht zügig beheben lassen. Dies gilt im Übrigen nicht nur für den Einzelhandel, sondern interessanterweise auch für die meisten Ämter und für Institutionen wie Post oder Eisenbahn. Das alles ist unzähligen Richtlinien zum Umgang mit Kunden zu verdanken – die wiederum aus Beschwerden seitens der Kunden in der Vergangenheit entstanden sind. Denn nichts fürchtet man mehr als einen zornigen japanischen Kunden.

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. In Japan bekommt man als Kunde für jede noch so winzige Kleinigkeit, die man einkauft, eine Plastiktüte. Tag für Tag gehen viele Millionen davon über die Ladentheke. Als ich einmal mit einem Buch in der Hand von einem Wolkenbruch überrascht wurde, ging ich zum nächstgelegenen Supermarkt und fragte freundlich an der Kasse, ob man mir eine Plastiktüte geben könne. Man konnte nicht! Es ging einfach nicht. Da ich nichts eingekauft hatte, war ich nicht berechtigt, eine Plastiktüte zu bekommen. Die Absage war dabei keineswegs schnippisch, sondern mit vielen Entschuldigungen verbunden: »Es tut uns wirklich sehr, sehr leid, aber das können wir wirklich nicht machen! Wir verstehen, dass Sie eine Plastiktüte brauchen bei dem Regen, aber wir können keine umsonst herausgeben. Wir hoffen aber, dass Sie uns bald wieder beehren!« Nein, das war keine Boshaftigkeit, sondern ganz sicher eine eiserne Regel aus dem Handbuch für den Umgang mit Kunden.

Harte Fakten

Japanische Kunden sind fixiert auf Entschuldigungen. Und die müssen aufrichtig sein – man verlangt nicht nur nach einem schlichten gomennasai (das einfachste Wort für eine Entschuldigung, das in dieser Form jedoch als Affront aufgefasst werden würde), sondern nach seii, einer ehrlich gemeinten Entschuldigung, am besten vorgetragen vom Vorgesetzten. Als höchste Form der Entschuldigung gilt das dogeza, bei dem man kniet, mit der Stirn den Boden zwischen den beiden vorgestreckten Händen berührt und dabei »Entschuldigung, Entschuldigung!« ruft. Dieses in westlichen Ländern auch als Kotau (wörtlich: Kopfstoßen) bezeichnete, aus China stammende Ritual wird durchaus auch heute noch in Japan praktiziert – wenn auch nur selten. Interessanterweise gaben bei einer Umfrage unter japanischen Angestellten nur rund 12 % an, dass sie einen Kotau als aufrichtige Entschuldigung betrachten.

Ein anderes Mal checkte ich auf einer Dienstreise in einem Hotel in Hiroshima ein. Dort stand an der Rezeption ein Schild mit dem Hinweis, dass man seinen mobilen Computer beim Empfang aufladen lassen könne. Das sei der neueste Service des Hotels und natürlich kostenlos. Das gefiel mir, denn ich musste gleich weiterziehen, währenddessen aber meinen Tablet-PC aufladen. Die Geräte waren zu diesem Zeitpunkt gerade auf den Markt gekommen und noch nicht sehr verbreitet. Also reichte ich mein iPad und das Ladegerät hinüber und fragte, ob ich den Aufladeservice nutzen könne. Diese schlichte Bitte löste eine ganze Kette von Reaktionen aus. Die Empfangsdame begutachtete das Gerät und druckste herum. Sie rief nach ihrem Kollegen, der das iPad ebenfalls eher ratlos anstarrte. Der Unterhaltung zwischen den beiden konnte ich entnehmen, dass man sich nicht entscheiden konnte, ob es sich beim besagten Gerät wirklich um einen mobilen Computer handelte oder nicht. Im Zweifelsfall würde das nämlich gegen die Regeln des Hotels verstoßen. Und man fürchtete Ärger mit dem Vorgesetzten. Also rief man noch den diensthabenden Manager hinzu, und es entbrannte daraufhin eine beinahe philosophische Diskussion (»Das hat ja gar keine Tastatur!«). Man kam zu dem Schluss, dass ein iPad kein Telefon sei, also müsse es sich wohl um einen Computer handeln. Der wiederum muss aufgeladen werden, weil man ja genau das angeboten hat. Das war also das positive Endergebnis nach 10 Minuten Diskussion.

Es gibt noch viele andere Beispiele, und man merkt schnell: Der hervorragende Service in Japan hat seine Grenzen. Eigentlich hat man es fast immer lediglich mit gut trainierten Robotern zu tun, denen jedes freie, unkonventionelle Denken abgesprochen wird. Nach richtig gutem, aufrichtigem Service muss man auch in Japan lange suchen.

4 – Japan ist die Heimat von Ineffizienz und Pfusch

Alltagsleben

Nach außen hin hat Japan das Image eines Hightech-Landes. Dabei erlebt man vor Ort so viel Stümperei und Ineffizienz, dass man sich oft genug fragt, wie es das Land eigentlich so weit bringen konnte.

Ah, da ist sie ja, die detaillierte Beschreibung, wie der Kunde seine Website eingerichtet haben möchte. Und es liegt sogar ein grober Designentwurf bei. Das ist sehr nett und sehr hilfreich. Nun, vom Designentwurf steht zwar etwas in der E-Mail, aber wo ist er nur? Ich sehe nur Excel-Dateien als E-Mail-Anhänge. Kann es etwa sein, dass ... Ja, es kann! Das Layout, sämtliche Beschreibungen und sogar Fotos von der letzten Firmenfeier sind allesamt im Excel-Format abgespeichert. Und außerdem mit der Bitte versehen, die ersten Skizzen per Fax zu schicken. Denn so viel steht fest: Japaner lieben ihr Excel. Und sie lieben ihr Fax. Und ehe sie etwas Neumodisches verwenden, wird lieber irgendwie mit Biegen und Brechen an Altbewährtem festgehalten.

Aber...

Wenn schon Effizienz nicht unbedingt die größte Stärke japanischer Firmen ist, dann macht man das mit anderen Konzepten, die mit eiserner Beharrlichkeit angewendet werden, oft wieder gut. Und mehr als das: Trotz der Ineffizienz gelten viele japanische Systeme und Produkte als die zuverlässigsten der Welt. Man denke nur an japanische Autos mit ihren zumeist hervorragenden Pannenstatistiken oder an den Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen, der in mehr als 50 Jahren nicht ein einziges Mal einen Unfall hatte – trotz all der Erdbeben und Taifune.

Ineffizienz in ihrer ganzen tragischen Reichweite kann man besonders schnell im japanischen Bankensystem entdecken. Unter dem Deckmantel der Sicherheit werden den Kunden haarsträubende Regeln aufgezwungen, mit denen man bei jeder noch so simplen Überweisung zu kämpfen hat. Das Gleiche gilt für den IT-Bereich, in dem Japan etliche Jahre hinter anderen Ländern hinterherhinkt. So bieten zum Beispiel japanische Banken meist Internetbanking an, die Systeme kann man aber aus unerklärlichen Gründen oft an Wochenenden nicht benutzen. Eine der größten Banken des Landes, Mizuho, ermöglicht seinen Firmenkunden, online alle Transaktionen mitzuverfolgen, aber die Übersicht darüber kann man sich exakt ein einziges Mal ansehen – danach nicht mehr. Warum? Das bleibt das große Geheimnis der Bank. Wer vergessen hat, sich die Transaktionen zu notieren, muss eben doch mit dem Bankbuch zur nächsten Filiale laufen und sich dort die Kontoauszüge ausdrucken lassen.

Ähnlich groß wie die Liebe zu Excel und Fax ist in Japan auch die Affinität zum Internet Explorer. Einige Banken erlauben für die Benutzung des Internetbankings nur einen einzigen Browser – besagten Explorer. Wer keinen Windows-Rechner besitzt, hat damit eben mal verloren und muss sich entsprechend arrangieren oder die Bank wechseln.

Gut zu wissen

Einen wichtigen Grund für die mitunter grobe Stümperei findet man in der Art und Weise, wie die Bildung und die Japan AG an sich funktionieren. Das Studienfach hat nur allzu oft rein gar nichts damit zu tun, was Japaner später im Beruf machen. Außerdem hat man in einer Firma nur selten einen fixen Posten. Stattdessen rotiert das Personal, sodass jeder Mitarbeiter nach einigen Jahren alles schon mal irgendwann gemacht hat. Das hat natürlich seine Vorteile – die Angestellten wissen schließlich irgendwann, wie alles zusammenpasst. Doch führt das Rotationsprinzip auch dazu, dass Mitarbeiter, die neu in einer Abteilung sind, keinen blassen Schimmer davon haben, wie etwas richtig gemacht werden soll.

Die Stümperei bleibt selten ohne Folgen – da ist Japan kein Einzelfall. Das Atomkraftwerk von Fukushima, das nach dem Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März 2011 havarierte, ist nur das prominenteste Beispiel. Letztendlich kam es zu dem folgenschweren Unfall nicht wegen des Erdbebens und des Tsunamis, sondern wegen der Verkettung zahlreicher Fälle unverzeihlicher Stümperei. Der Unfall hätte vermieden werden können. Die Fehlentscheidungen und provisorischen Lösungen gingen nach dem Unfall munter weiter, sodass man sich unweigerlich fragen muss, ob die Betreiberfirma wirklich weiß, was sie da tut.

Die japanische Tendenz zum Pfusch muss nicht immer böswillig oder beabsichtigt sein. Sie kann auch durch das System entstehen, wie das schwere Zugunglück von Amagasaki im Jahr 2005 zeigte. Ein bereits vorher schwer getadelter Lokführer fuhr mit stark überhöhter Geschwindigkeit in eine Kurve, um eine Verspätung aufzuholen. Er bezahlte dafür mit dem Leben und mit ihm mehr als 100 Passagiere, die mit dem Zug auf ein direkt neben den Gleisen stehendes Wohnhaus prallten. Die Tatsache, dass ein 23-Jähriger ganz allein einen mit Hunderten Menschen besetzten Zug mit viel zu hoher Geschwindigkeit in eine Kurve fahren kann, zeugt von Stümperei großen Ausmaßes.

Auch im Bausektor trifft man auf viel Murks, was in Japan besonders verheerend ist – immerhin befinden wir uns in einem Land mit schweren Erdbeben oder Taifunen. Eigentlich sind die neueren Bauwerke ziemlich erdbebensicher – es sei denn, man verwendet minderwertigen Beton oder verrechnet sich ein bisschen. Das kommt durchaus häufig vor und sorgt dann für böse Überraschungen.

5 – Japaner sind einsame Spitze darin, den ersten Kontakt grandios zu verbocken

Ausländer I

Würstchen, Bier und prima Freunde seit spätestens 1939. Wer in Japan seine deutsche Herkunft preisgibt, sollte sich auf einiges gefasst machen. Aber das geht nicht nur Deutschen so.

Sicher, man kann von niemandem, ob in Japan oder anderswo, erwarten, ein profundes Wissen über fremde Länder parat zu haben, wenn man mal zufällig einen Zugereisten trifft. Auch ist in jeder Nation das Bild anderer Länder und Völker von Stereotypen geprägt, die sich auf die eine oder andere Weise ins Bewusstsein der Menschen geschlichen haben. Wer denkt bei Japan nicht sofort an Sushi, Gozilla, Tokyo, Animes, Kampfsportarten und dergleichen?

Aber ...

Viele Japaner haben ein sehr großes Interesse am Ausland und stecken sehr viel Energie in das Vorhaben, mehr darüber zu erfahren. Das schlägt sich, wenn auch selektiv, in der Bildung nieder. So stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich der japanische Gesprächspartner wesentlich besser mit österreichischer oder deutscher klassischer Musik auskennt als man selber. Auch in Geschichte, Philosophie und einigen anderen (bevorzugt kulturnahen) Bereichen kann der Japaner durchaus einen Wissensvorsprung haben.