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Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. Die Frau stöhnte. Ihr etwas breites Gesicht, das die slawische Abstammung verriet, war schweißbedeckt. »Helfen Sie mir«, flehte sie mit dem harten Akzent der Ausländerin. »Ruhig, ganz ruhig«, murmelte Oberarzt Dr. Richlin. Er desinfizierte eine Stelle am Oberschenkel der Patientin. »Ich spritze Ihnen jetzt ein Mittel zur Entkrampfung. Es ist sehr wichtig, dass Sie sich entspannen. Haben Sie denn keinen Vorbereitungskurs besucht?« Es war kein Vorwurf in der Stimme des Arztes. Nevenka zuckte leicht zusammen, als die Nadel die Haut durchdrang. »Ich …, ich bin noch nicht lange in Deutschland. Vier Monate erst«, keuchte sie. »Waren Sie denn nicht bei einem Arzt?« Dr. Richlin drückte vorsichtig den Kolben der Spritze nach unten. Er hatte einen günstigen Moment erwischt.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Die Frau stöhnte. Ihr etwas breites Gesicht, das die slawische Abstammung verriet, war schweißbedeckt.
»Helfen Sie mir«, flehte sie mit dem harten Akzent der Ausländerin.
»Ruhig, ganz ruhig«, murmelte Oberarzt Dr. Richlin. Er desinfizierte eine Stelle am Oberschenkel der Patientin. »Ich spritze Ihnen jetzt ein Mittel zur Entkrampfung. Es ist sehr wichtig, dass Sie sich entspannen. Haben Sie denn keinen Vorbereitungskurs besucht?« Es war kein Vorwurf in der Stimme des Arztes.
Nevenka zuckte leicht zusammen, als die Nadel die Haut durchdrang. »Ich …, ich bin noch nicht lange in Deutschland. Vier Monate erst«, keuchte sie.
»Waren Sie denn nicht bei einem Arzt?« Dr. Richlin drückte vorsichtig den Kolben der Spritze nach unten. Er hatte einen günstigen Moment erwischt. Die Wehen klangen gerade ab, Nevenka Koretic wurde ruhiger.
»Doch, ich brauchte ja die Schwangerschaftsbescheinigung für den Arbeitgeber.«
»Sie haben gearbeitet?« Dr. Richlin wischte mit dem getränkten Wattebausch die Einstichstelle ab. Er war ein leutseliger Mann, der sich gern mit den Patientinnen unterhielt. Seines Erachtens förderte das Gespräch das Vertrauen.
»Bis vor einer Woche. Freiwillig.«
»War das nicht ein wenig leichtsinnig? Was sagt denn Ihr Mann dazu?«
Nevenka gab keine Antwort. Sie verzog schmerzlich das Gesicht, atmete hechelnd.
Dr. Richlin merkte sofort, dass der Schmerz gespielt war. Doch er sagte nichts.
»Herr Oberarzt, der Chef braucht sie im OP«, meldete die Hebamme, die eben mit zwei Blutkonserven in den Kreißsaal kam. Sie war eine ältere, sehr erfahrene Frau. Schon vielen Babys hatte sie auf diese Welt verholfen.
»Dann übernehmen Sie mal«, wandte sich Dr. Richlin an seine junge Kollegin, die an der Breitseite des Entbindungsbettes stand und versuchte, ihre Unsicherheit zu überwinden.
Es war ihr erster Arbeitstag in der Maibacher Klinik. Erst vor wenigen Wochen hatte Ursula Bode ihren Doktor gemacht. Frauenärztin wollte sie werden. Doch noch lagen einige harte Jahre als Assistenzärztin vor ihr, bis sie die Prüfungen zum Facharzt würde ablegen können.
Ursula fühlte sich nicht wohl in ihrem nagelneuen weißen Kittel. Sie befürchtete, jeder könne ihr ansehen, wie unerfahren sie war.
»Keine Angst, es gibt keine Komplikationen«, murmelte Dr. Dieter Richlin, der den ängstlichen Blick von Ursulas großen grauen Augen wohl bemerkt hatte. Obwohl er seinen Beruf schon seit achtundzwanzig Jahren ausübte, konnte er sich gut in die Lage der sympathischen jungen Kollegin versetzen.
Ursula nickte mutig. Eigentlich hatte sie geglaubt, dass sie zuerst die Klinik und die Patienten kennenlernen würde, bevor sie selbstständig arbeiten würde. Aber sie hatte bei diesen Überlegungen vergessen, dass man in der Urlaubszeit in einer kleinen Klinik wie dieser jeden Mitarbeiter brauchte.
Dr. Ursula Bode trat näher an das Entbindungsbett, lächelte der werdenden Mutter ermutigend zu. »Atmen Sie tief durch. So tief, wie es Ihnen nur möglich ist«, riet sie. »Die Schmerzen nicht durch Hecheln verdrängen. Noch nicht.«
»Das …, das kann ich nicht«, stöhnte die Patientin. Sie warf den Kopf von einer Seite zur anderen, bäumte sich keuchend auf.
Die Hebamme kümmerte sich zwischendurch um eine zweite werdende Mutter, die sich viel vernünftiger verhielt. Sie hatte sich auf die Geburt vorbereitet und unterstützte den natürlichen Vorgang durch aktive Mitarbeit.
»Wie lange geht das noch?«, erkundigte sich Nevenka, als der Schmerz ausklang.
»Das kommt ganz auf Sie an«, gab Dr. Bode lächelnd Auskunft. »Wenn Sie sich passiv verhalten, kann es noch Stunden dauern. Der Muttermund ist erst wenig geöffnet.« Ursula hatte die Patientin untersucht, hielt jetzt das Stethoskop an den hohen Leib. Die kindlichen Herztöne waren laut und deutlich zu hören.
»Ich werde mir Mühe geben«, seufzte die Jugoslawin. Wenn sie – wie jetzt – ruhig lag, machte sie einen intelligenten Eindruck. Dann passten die rissigen, rauen Hände, die auf schwere Arbeit schließen ließen, nicht zu ihr.
»Es ist alles in bester Ordnung«, bestätigte Ursula, wobei sie sich aufrichtete. Flüchtig strich sie das hellblonde Haar, das ihr ins Gesicht gefallen war, zurück. Es war schulterlang und glatt, wirkte so streng wie der hochgeschlossene weiße Kittel, den sie trug.
Die junge Mutter schien sich für diese Äußerung wenig zu interessieren.
»Kennen Sie Dr. Reichert?«, fragte sie und schaute dabei aufmerksam in das schmale, etwas bleiche Gesicht der Ärztin. »Ist er nicht da?«
»Da müsste ich die Stationsschwester fragen«, antwortete Ursula ausweichend. Sie wollte nicht erwähnen, dass sie neu in diesem Krankenhaus war, dass sie eigentlich noch kaum jemanden kannte.
»Dr. Rüdiger Reichert«, ergänzte Nevenka. »Er ist sehr groß, fast zwei Meter, schlank und sportlich. Blaue Augen hat er und dunkle Wuschelhaare.«
»Ich werde mich erkundigen«, versprach Ursula. Sie wunderte sich, wie gut die Jugoslawin die deutsche Sprache beherrschte. Wäre der harte Akzent nicht gewesen, hätte man sie nie für eine Ausländerin gehalten.
»Er arbeitet hier an dieser Klinik.« Nevenka sprach hastig, denn schon kamen die Schmerzen wieder, durchbohrten ihren Leib wie lange spitze Nadeln.
Dr. Ursula Bode beherrschte jeden Handgriff der Geburtshilfe. Doch es war das erste Mal, dass sie diese Kenntnisse in der Praxis anwenden konnte. Obendrein war sie allein und ganz auf sich selbst gestellt. Das machte sie zunächst unsicher, dann aber immer selbstbewusster.
Die Wehen kamen jetzt in kürzeren Abständen, ließen der werdenden Mutter kaum die Möglichkeit, sich zu erholen.
Ursula tat alles, um den Geburtsvorgang zu unterstützen und die Leiden der jungen Mutter abzukürzen.
Nevenka Koretic war keine geduldige Patientin. Sie schrie, schlug um sich und krallte ihre Fingernägel in Ursulas Arm.
Trotzdem behielt die junge Ärztin die Ruhe. »Sie haben es gleich überstanden«, ermutigte sie die junge Mutter immer wieder.
Als die Presswehen einsetzten, eilte die Hebamme zu Hilfe. Man musste Nevenka festschnallen, um zu verhindern, dass sie aufsprang und sich und das Kind gefährdete. Mit dem Temperament der Südländerin brüllte sie ihren Schmerz heraus, drehte und wendete sich ständig. Auf dem Höhepunkt der Wehen hielt sie die Luft an, verkrampfte sich.
»Atmen Sie! Bitte, atmen Sie«, versuchte Ursula die Patientin zur Vernunft zu bringen. Sie verschaffte ihr jede erdenkliche Erleichterung, doch Nevenka Koretic blieb unzugänglich.
»Wollen Sie Ihr Kind umbringen?«, herrschte die Hebamme, die in vielen Berufsjahren hart geworden war, die junge Frau an. »Wollen Sie, dass Ihr Baby erstickt?«
Keine Reaktion.
»Zum Donnerwetter, atmen Sie endlich! Das ist doch das wenigste, was man von ihnen erwarten kann«, befahl die Hebamme ärgerlich. Die Frau im Nebenbett hatte ihr Baby längst zur Welt gebracht. Im Moment wurde es von der Säuglingsschwester versorgt.
Da endlich schnappte Nevenka nach Luft.
Dank Dr. Bodes Bemühungen ging dann doch alles recht schnell. Zehn Minuten später konnte die junge Ärztin das Baby abnabeln. Es war ein eigenartiges Gefühl für sie, das warme blutverschmierte Neugeborene in den Händen zu halten. Mit einem geschickten Griff drehte sie den Säugling.
Das Kind stieß seinen ersten jämmerlichen Schrei aus. Es war durch den Sauerstoffmangel blaurot. Trotzdem war es ein ausgesprochen hübsches kleines Wesen. Erstaunlich langes dunkles Haar umrahmte ein pausbäckiges Gesichtchen mit einem süßen Stupsnäschen. Die Augen presste das Kleine fest zusammen.
Mein erstes Baby, dachte Ursula, glücklich, dass alles gut gegangen war. Vorsichtig wickelte sie das Kind in ein Stück Mull, legte das Bündel der erschöpften Mutter in die Arme.
»Herzlichen Glückwunsch. Sie haben eine gesunde kleine Tochter.«
»Ein Mädchen«, wiederholte Nevenka.
Ursula war etwas enttäuscht, weil diese Worte reichlich gleichgültig klangen. Freute sich die Jugoslawin nicht über ihr Töchterchen? War sie noch zu jung, um ermessen zu können, welches Glück es bedeutete, ein gesundes Kind zu haben?
»Haben Sie schon nach Dr. Reichert gefragt?« Die junge Mutter musste laut sprechen, um das Gebrüll des Säuglings zu übertönen.
»Noch nicht. Aber ich werde mich darum kümmern.«
*
»Du kommst spät«, warf Adrian Paulsen seiner Freundin vor. »Ich warte schon seit zehn Minuten auf dich.«
Der elegant gekleidete junge Mann lehnte lässig an seinem superschnellen Sportwagen, den er, trotz des Verbots, unmittelbar vor dem Portal der Klinik abgestellt hatte. Jetzt stieß er sich ab, schlenderte auf Ursula Bode zu. Er wirkte wie ein Gentleman, der sich in der großen Welt auskannte und der sich erlauben konnte, lässig auf andere herabzusehen.
Adrian Paulsen konnte sich das tatsächlich erlauben, denn er hatte sehr reiche und sehr großzügige Eltern. Paulsen senior unterhielt ein Elektrogeräte-Werk, das einen hervorragenden Umsatz hatte und deshalb einen enormen Gewinn abwarf. So konnte der einzige Sohn seine Tage mit süßem Nichtstun vertrödeln, die Nächte in teuren Bars verbringen.
»Daran wirst du dich gewöhnen müssen«, antwortete Ursula unbeeindruckt. »In einer Klinik läuft nicht alles nach der Uhr. Ich habe heute mein erstes Baby zur Welt gebracht und außerdem bei einem kleinen chirurgischen Eingriff assistiert«, erzählte sie stolz.
Adrian verdrehte die dunklen Augen. »Was hast du? Ein Kind bekommen?«
»Ich habe einer Patientin bei der Entbindung geholfen«, berichtigte Ursula lachend. »Es war ein Mädchen.«
»Hübsch?« Adrian war stolz darauf, dass er von Mädchen etwas verstand. Es war so ziemlich die einzige Qualifikation, die er aufweisen konnte. Doch glücklicherweise wusste das niemand. Er hatte bereits so viele Liebschaften hinter sich, dass er sich an die Namen der Mädchen längst nicht mehr erinnerte. Inzwischen war er fünfunddreißig, und seine Eltern waren der Ansicht, dass es Zeit für ihn war, eine Familie zu gründen und für einen Erben zu sorgen. Für die geplante Heirat hatte Adrian die junge Ärztin Ursula Bode ausgewählt. Sie war hübsch, intelligent und gehörte durch ihr Studium zu jenen Leuten, die Adrian imponierten. Dass sie keine Eltern mehr hatte und auch kein Vermögen besaß, störte ihn nicht. Geld hatten die Paulsens selbst genug.
»Hm. Eine kleine Jugoslawin. Sieht der Mutter ähnlich.«
»Mein geliebtes Fräulein Doktor.« Adrian umarmte Ursula und versuchte, sie zu küssen.
Ursula drehte den Kopf zur Seite. »Bitte nicht hier. Ich möchte nicht, dass uns die Schwestern und die Kollegen beobachten.«
»Dann komm. Wir fahren zum Klub.« Adrian öffnete galant die Tür des offenen Sportwagens. Er selbst schwang sich von der anderen Seite über die Karosserie, was Übung und Sportlichkeit verriet.
Ursula wäre lieber ins Ärztehaus gegangen, um sich frisch zu machen. Denn nach diesem anstrengenden ersten Arbeitstag fühlte sie sich müde und erschöpft. Doch sie wusste auch, dass Adrian die Enge ihres kleinen Appartements nicht schätzte.
Adrian startete mit imponierender Schnelligkeit. Derartige Blitzstarts machten nach seiner Erfahrung auf alle Mädchen Eindruck, und da war Ursula Bode keine Ausnahme. Schon bei ihrer ersten Begegnung, vor knapp vier Wochen, hatte Adrian festgestellt, dass Ursula im Umgang mit Männern kaum Erfahrung hatte, obwohl sie achtundzwanzig Jahre alt war. Da sie ihr Studium weitgehend hatte selbst finanzieren müssen, hatte ihr einfach die Zeit für Freundschaften gefehlt. Adrian verstand es jedoch ausgezeichnet, diese Unerfahrenheit zu nutzen. Es fiel ihm nicht schwer, sich durch Lügen ins beste Licht zu setzen.
Der »Klub«, das war ein exklusives Tennis-Center, das Paulsen senior gut zur Hälfte finanziert hatte. Die Investition hatte sich schon nach kurzer Zeit bezahlt gemacht, denn die Einrichtung wurde gut besucht.
Ursula hatte nie genügend Geld gehabt, um Tennis-Stunden zu bezahlen. Deshalb war sie jetzt eine klägliche Anfängerin, die Adrian in jedem Satz unterlag.
Es schmeichelte Adrians Eitelkeit, dass er gegen Ursula immer gewann. Deshalb führte er sie mit Vorliebe ins Tennis-Center.
»Was ist, spielen wir gleich?«, erkundigte er sich, als er seinen Sportwagen auf den Parkplatz manövrierte. »Oder willst du lieber zuerst einen Drink?«
»Danke. In der Klinik gibts um vier Uhr für die Angestellten Kaffee.« Ursula lächelte entschuldigend. Tatsächlich hatte der Juniorchef der Paulsen-Werke schon beim ersten Zusammentreffen einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. Sie freute sich über das Interesse, das er ihr entgegenbrachte, fühlte sich wie das Aschenbrödel im Märchen, wenn er sie in elegante Lokale und in das luxuriöse Haus seiner Eltern einlud. Die weltmännischen Gesten, die er perfekt beherrschte, imponierten ihr.
Ursula war in einfachen Verhältnissen groß geworden. Das Wort »sparen« war fester Bestandteil ihrer Kinder- und Jugendzeit gewesen. Doch was es hieß, wenig Geld zu haben, hatte sie erst während des Studiums bemerkt. Damals hatte sie auf vieles verzichten müssen, was ihr Freude machte. Und damals hatte sie sich geschworen, aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Doch das bescheidene Gehalt als Assistenzarzt zeigte ihr deutlich, wie weit entfernt sie von diesem Wunschtraum war. Wen wunderte es, dass sie Adrian Paulsens Zuneigung gern erwiderte? Er war ein blendend aussehender Mann. Ein Mann, für den alle Mädchen und Frauen schwärmten, der in den vornehmen Kreisen ein gern gesehener Gast war.
Das zeigte sich auch jetzt wieder. Der Pächter des angegliederten Restaurants begrüßte Adrian wie einen alten Freund. Der Vorsitzende des Tennis-Klubs winkte ihm kameradschaftlich zu.
Adrian nahm alle Anerkennung gelassen, fast huldvoll entgegen.
»Ich würde am liebsten ein Stück durch den Wald gehen«, meinte Ursula und zeigte auf den Weg, der bergauf führte und zwischen hohen dunklen Tannen verschwand. »Es ist so kühl und ruhig dort.«
»Zu Fuß?«, erkundigte sich Adrian erstaunt. Für die Natur hatte er nicht viel übrig. Sie bot für seinen Geschmack zu wenig Bequemlichkeit und zu wenig Publicity.
»Wie sonst?« Ursula lachte. Sie war ausgestiegen, schaute begeistert auf das herrliche Panorama.
»Gut, ich schließe mich dir an. Obwohl …« Adrian verschwieg seine Bedenken. Er wollte Ursula nicht verärgern. Später, wenn sie erst verheiratet waren, würde er so blöde Spaziergänge natürlich ablehnen.
Gutgelaunt hing sich Ursula bei ihrem Freund ein.
»Ich bin gern mit dir, allein«, verriet sie strahlend. »Wir haben so wenig Zeit, uns ungestört zu unterhalten. Dabei haben wir doch so viel zu besprechen.«
Adrians teure Sommerschuhe mit den hauchdünnen Ledersohlen waren für den holprigen Waldweg völlig ungeeignet. Er spürte jeden kleinen Stein und ging deshalb lächerlich vorsichtig. Trotzdem wollte er das Beste aus der Sache machen.
»Du hast recht«, antwortete er und legte seinen Arm um Ursulas Taille. »Es gibt da etwas, über das ich schon seit einiger Zeit mit dir reden möchte.« Er machte eine wirkungsvolle Pause.
»Ich höre.« Erwartungsvoll sah Ursula ihren Freund an.
»Du bist sehr hübsch, Ursula. Du gefällst mir. Das alles habe ich dir schon gesagt. Du weißt auch, dass ich einige Erfahrung habe. Bei einem Mann in meinem Alter ist das selbstverständlich. Ich weiß deshalb, wovon ich spreche, wenn ich dir versichere, dass mich noch keine Frau so fasziniert hat wie du.«
»Du vergisst, dass ich eine ganz kleine Assistenzärztin bin.« Ursula wäre gern rascher gegangen. Sie liebte die kühlen, stillen Wälder mit ihren murmelnden Bächlein, mit den grünen Moosflecken und dem weichen Teppich aus Tannennadeln. Als Kind war sie mit ihren Eltern stundenlang durch den Wald gestreift, war mit glühenden Wangen Abhänge hinuntergerannt, hatte Beeren, Pilze und Tannenzapfen gesammelt.
»Ich meine das nicht beruflich. Ich denke dabei an die Frau. Du hast eine wundervolle Figur, Ursula, ungewöhnlich ausdrucksvolle Augen und ein Wesen, das alle Herzen im Sturm erobert. Du bist der erste Mensch, bei dem ich den Wunsch habe, immer mit ihm zusammen zu sein. Ein ganzes Leben lang.«
Das stimmte nicht ganz. Adrian war absolut nicht scharf darauf, sich zu binden. Doch er musste dem Druck seiner Eltern nachgeben.
»Soll das ein Heiratsantrag sein?« Ursula blieb überrascht stehen. Sie hatte noch nicht daran gedacht, dass aus ihrer Freundschaft mit Adrian Paulsen mehr werden könnte.
»Antrag? Das hört sich so förmlich an. Es ist eine Bitte, ein Wunsch. Mein sehnlichster Wunsch.« Adrians dunkle Augen glänzten. Ihm war es ganz recht, dass der Spaziergang unterbrochen wurde.
»Eigentlich kennen wir uns doch viel zu wenig.« Ursula ließ sich gern gefallen, dass Adrian sie eng an sich zog, dass er ihr zärtlich in die Augen schaute.
»Ich hab’ vom ersten Augenblick an gewusst, dass du die Richtige bist«, versicherte Adrian mit dunkler erregender Stimme. »Ich möchte, dass wir ständig zusammen sind. Jeden Tag will ich dir sagen, wie sehr ich dich liebe.« Adrian hatte schauspielerische Fähigkeiten, die er jetzt ohne zu zögern einsetzte.
»Lass mir Zeit«, bat Ursula leise. »Im Moment stürmt so vieles auf mich ein. Ich brauche meine ganze Kraft, um im Beruf Fuß zu fassen.«
»Das brauchst du doch gar nicht. Als meine Frau musst du nicht mehr arbeiten. Und wenn du es dennoch willst, richte ich dir eine moderne Praxis ein. Na, ist das ein Vorschlag?«
»Das alles ist sehr lieb von dir. Aber zuerst brauche ich meine Ausbildung als Facharzt. Erst dann kann ich an eine eigene Praxis denken.«
Adrian streichelte Ursulas blondes Haar. »Das ist doch alles nicht so wichtig. Schließlich zählt nur die Liebe. Und in dieser Hinsicht stimmt doch alles zwischen uns. Oder?«
Adrian war so sehr von sich überzeugt, dass er Ursulas Antwort gar nicht erst abwartete. Er neigte den Kopf, küsste die junge Frau auf den Mund. Auch das Küssen gehörte zu den Gebieten, auf denen er allerhand Erfahrung hatte. Er tat es mit Temperament und Ausdauer.
Ursula erwiderte die Zärtlichkeit scheu und zurückhaltend.
»Warten wir also noch ein bisschen mit der Verlobung«, meinte Adrian später, als die beiden Arm in Arm weitergingen. »Du sollst nicht sagen, dass ich dich zu einem so wichtigen Schritt gedrängt habe, obwohl ich es kaum erwarten kann, dich allen als meine Frau vorzustellen.«
Auch das war eine Lüge. Adrian hatte überhaupt keine Eile. Es waren nur seine Eltern, die ihn drängten, in geordneten Verhältnissen zu leben.
»Danke. Oh, schau nur, welch schönen Blick man von hier oben hat.« Mit dem ausgestreckten Arm wies Ursula ins Tal, das man durch eine kleine Lichtung gut sehen konnte.
»Hm.« Adrian fand an dem reizvollen Bild keinerlei Interesse. »Wollen wir wieder zurückgehen? Unsere Freunde werden uns schon vermissen.« Er drehte sich um, zog Ursula mit.
Sie fügte sich ohne Widerrede. Die Freunde, von denen Adrian sprach, mochte sie nicht. Es waren Söhne und Töchter aus reichem Haus. Sie gaben das Geld ihrer Eltern mit vollen Händen aus und kamen sich noch groß dabei vor. Außerdem waren sie alle wesentlich jünger als Adrian. Er passte nicht in die alberne Runde.
*
»Spitze«, murmelten Angelika und Vicky, die Langenbach-Geschwister, gleichzeitig. Sie schauten ihrer Kameradin Angelina Dommin über die Schulter. Angelina, die wegen der lustigen Sommersprossen auf dem hübschen Näschen nur Pünktchen genannt wurde, hielt einen Ferienprospekt in der Hand.
