Was wirklich zählt - Ydobon - E-Book

Was wirklich zählt E-Book

Ydobon

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Beschreibung

Alex blickt zurück auf eine sehr turbulente Zeit, die von allen möglichen Gefühlen geprägt war... Angefangen von blindem Vertrauen über Freundschaft, Zuneigung, Mut und Verzweiflung bis hin zu Trauer und Verlust. Wie oft, läuft es in unserem Leben nicht nach Plan? Wie oft fragen wir nach dem Warum und dem Wieso? Die Erfüllung von Wünschen, Erwartungen und Hoffnungen liegt nicht immer in unserer Hand, sondern ist vor allem eine Sache des Schicksals oder eine Entscheidung Gottes.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ydobon

Was wirklich zählt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Vorwort

Prolog: Lauri

Alex: schon 21 Tage

Lauri: noch 259 Tage

Lauri: noch 254 Tage

Alex: Tag 28

Lauri: noch 220 Tage

Lauri: noch 201 Tage

Alex: Tag 84

Lauri: noch 135 Tage

Lauri: noch 113 Tage

Alex: Tag 212

Lauri: noch 36 Tage

Lauri: noch 35 Tage

Alex: Tag 238

Alex: schon 3 Tage

Danksagungen

Ein kurzes Wort zum Schluss

Impressum neobooks

Widmung

Für Mama und Papa,

die mir versprochen haben,

immer wieder die Kämpferin

in mir wachzurütteln.

Danke, dass ihr immer da seid.

Ich liebe euch!

Für Andreas,

dem ich schon immer mal auf

ganz besondere und unvergessliche

Art für alles danken wollte.

Für alle kleinen und großen

Engel und Kämpferherzen auf dieser Welt.

Mögen sie immer genügend andere Engel

an ihrer Seite haben und

mögen sie für immer unvergesslich sein!

Vorwort

Wer weiß schon, was wirklich wichtig ist?
Fragt man zehn Leute bekommt man zwanzig verschiedene Antworten. Was für den einen Menschen wichtig erscheint, kann für einen anderen Menschen ganz banal sein.
Dieses Buch ist für mich etwas ganz Besonderes und ich hoffe, dass es auch für euch zu so etwas werden kann oder wird. Wie ja bereits geschrieben hat jeder Mensch eine eigene Vorstellung und eigene Prioritäten. Es gibt bei vielen Dingen einfach kein richtig und kein falsch, was es nicht immer einfacher macht. Diese Geschichte beruht auf meinen Gedanken und meiner Sicht auf diese Welt und das Leben. Auch, wenn ihr vielleicht eine andere Sicht auf die Dinge habt, hoffe ich, dass ihr dennoch ganz in dieser Geschichte versinken könnt.
Bei medizinischen Vorgehensweisen und bei den Therapien berufe ich mich auf mein Wissen. Nicht zwangsläufig wird das in der Realität genau so gehandhabt.
Legt euch auf jeden Fall genug Taschentücher bereit und lest dieses Buch am besten nicht vor dem Einschlafen, außer ihr seid bereits beim letzten Kapitel angekommen.
Warnung:
Diese Geschichte ist nicht für Kinder unter vierzehn Jahren geeignet und könnte sich an einigen Stellen negativ auf die Psyche der Leserin/des Lesers auswirken.

Prolog: Lauri

Plötzlich landet ein Turnschuh direkt vor meinen Füßen. Ich zucke zusammen, obwohl fliegende Turnschuhe auf dem Sportplatz hier eigentlich keine Seltenheit mehr sind. Ich hebe ihn auf und betrachte ihn. Von der Größe her gehört er auf keinem Fall einem Jungen aus meiner Klasse, also muss er zu einem Schüler der anderen Schule gehören, mit der wir den Sportplatz teilen. Ich schaue mich suchend um. Nur wenige Meter von mir entfernt sehe ich die größte Clique unserer Schule stehen, dessen Mitglieder leider in meine Jahrgangsstufe gehen. Da ich nur ihre Rücken sehe, kann ich nicht genau erkennen, was da vor sich geht. Als ich allerdings kurz mal zwischen den Füßen durchschauen kann, sehe ich eine Socke und einen Schuh, der mit dem in meiner Hand identisch ist. Kurz entschlossen gehe ich auf die Clique zu. Je näher ich der Gruppe komme, desto klarer wird die Situation. Ganz offensichtlich haben sie irgendein „Problem“ mit einem Jungen, der vom Aussehen her sicherlich drei Klassenstufen unter ihnen ist. Dazu passt auch die Größe des Schuhs in meiner Hand.

Ich bin nicht der Typ, der sich gerne mit anderen Menschen anlegt, egal ob jünger, älter oder im gleichen Alter. Dennoch kann ich diese Ungerechtigkeit, die hier vor sich geht, nicht ertragen. Ich tippe dem Anführer der Clique energisch auf die Schulter.

Er dreht sich um und in seinem Gesicht erkenne ich, dass ihm diese Störung gar nicht passt. „Was willst du?“

„Lasst ihn in Ruhe.“ Ich deute auf den Jungen.

„Misch dich nicht ein“, erwidert der Anführer streng, aber so schnell lasse ich mich nicht einschüchtern.

Ich reiche dem Jungen seinen Schuh. Dann wende ich mich wieder an den Anführer der Gruppe. „Ich sage es noch einmal: Lasst ihn in Ruhe.“

Er lacht. „Stehst du etwa auf den?“

Ich atme tief durch. Ruhig bleiben, Lauri. Der Idiot verdient es nicht, dass du dich über ihn aufregst, sage ich innerlich zu mir selber.

„Ey, Luke. Lass gut sein. Die rennt nur zu den Lehrern oder dem Direktor. Den Stress kann ich nicht gebrauchen“, wendet sich einer aus der Clique an seinen Anführer.

„Klappe!“, zischt Luke.

„Such dir eine Beschäftigung, aber lass die anderen Kinder in Ruhe“, weise ich Luke mit klarer Stimme an.

„Und wenn nicht?“, fragt Luke und kommt einen Schritt auf mich zu.

Ich suche nach einer schlagfertigen Antwort, aber mir fällt bei bestem Willen keine ein.

„Na? Hat es dir die Sprache verschlagen?“

„Lass sie in Ruhe“, mischt sich nun eine leicht zitternde Stimme ein. Ich vermute mal, dass sie dem Jungen gehört, dem ich eigentlich helfen wollte.

Luke schaut ihn allerdings nur ganz kurz an und dieser Blick reicht aus, um ihn verstummen zu lassen.

„Lauri!“

Ich drehe den Kopf leicht in die Richtung, aus der die Stimme kommt. Dort, wo ich vor Kurzem auch noch stand, steht unsere Sportlehrerin. Ich schaue sie direkt an und sie scheint meinen Blick zu spüren.

Ich forme lautlos mit den Lippen ein kurzes ‚Hilfe‘ und sie scheint mich zu verstehen. Sie kommt direkt auf mich, und somit auch die Clique um Luke, zu.

„Da bist du ja“, sagt sie schließlich, als sie direkt hinter Luke steht.

Dieser zuckt erschrocken zusammen, denn jetzt hat auch er die Stimme erkannt. Er geht schnell einen Schritt zur Seite.

„Wir wollen mit dem Unterricht beginnen“, sagt sie zu mir.

Ich gehe zu ihr. Luke würdigt weder mich noch den Jungen eines Blickes, als er mit seiner Clique verschwindet. Ich drehe mich noch einmal zu dem Jungen um und nicke ihm unauffällig zu. Seine Augen, in denen sich Ungläubigkeit und Dankbarkeit widerspiegeln, sind das Letzte, was ich sehe, bevor alles schwarz wird.

Alex: schon 21 Tage

Was mache ich hier? Warum tue ich mir das hier an? Wer bringt mich dazu, das Ganze noch einmal, noch intensiver zu erleben?

Unruhig laufe ich vor dem großen Backsteingebäude aus dem achtzehnten Jahrhundert im Kreis. Da seit fast drei Wochen mein Zeitgefühl verschwunden ist, weiß ich nicht, wie lange ich schon im Kreis laufe. Im Schotter unter meinen Füßen sind meine Kreise deutlich zu erkennen, also muss ich schon eine Weile hier sein. Alle zwei Minuten schaue ich auf meine Armbanduhr, aber die Zeit kriecht nur langsam voran. Nach einer Ewigkeit, in Echtzeit dürften es nur zwanzig Minuten gewesen sein, beginnt die Glocke im Turm des Gebäudes neun Mal zu schlagen.

Noch anderthalb Stunden. Noch anderthalb Stunden, um mich vorzubereiten. Noch anderthalb Stunden, um meinen schmerzenden Gedanken nachzuhängen.

Ich weiß, dass mich niemand zwingt, aber kann ich ihr diesen letzten Wunsch verweigern? Kann ich diese letzte Chance einfach an mir vorübergehen lassen?

„Guten Morgen“, reißt mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Ich bleibe stehen und muss kurz die Augen schließen. Mein Kopf brummt und ich sinke langsam in die Knie. Zwei kräftige Arme legen sich um meinen Oberkörper und halten meinen Körper aufrecht.

„Alles okay?“, fragt die Stimme.

Ich nicke und öffne langsam die Augen. Die stützenden Arme um meinen Oberkörper verschwinden langsam. Ich kann halbwegs gerade stehen, hebe mein Kinn an und drehe mich um. Vor mir steht ein mittelgroßer Mann im schwarzen Anzug.

Noch immer etwas skeptisch schaut er mich an.

„Darf ich mich vorstellen? Ich bin Michael, der Organist“, sagt er und streckt mir seine Hand hin.

„Freut mich. Ich bin Alex“, antworte ich fast automatisch und nehme die ausgestreckte Hand. Sofort tauchen wieder hundert Gedanken und Erinnerungen auf, die ich nicht haben will. Ich schüttle leicht den Kopf, um die schlechten Gedanken zu vertreiben. Ganz verschwinden werden sie nie, aber das war nicht anders zu erwarten.

„Lass uns reingehen. Du möchtest dich sicherlich noch einspielen“, sage ich freundlich und endlich bei halbwegs klarem Verstand.

Er nickt freundlich und gemeinsam betreten wir das Backsteingebäude. Im Gebäude wende ich mich nach links, öffne einen weißen Kasten und drücke einige Schalter runter. Wenige Sekunden später erstrahlt das Innere des Gebäudes in weißem Licht. Ich schließe den Kasten wieder und gemeinsam gehen wir in den angrenzenden Raum. Hier stehen Reihe hinter Reihe lange Holzbänke und vorne führen drei Stufen zu einer kleinen Plattform, die den vorderen, halbrunden Teil des Gebäudes einnimmt. Kurz vor den Stufen steht ein Metallgestell. Ungefähr ein Meter sechzig lang und fünfzig Zentimeter breit, nimmt es einen recht kleinen Raum ein. Man kann immer noch bequem rechts und links daran vorbei, die Stufen emporsteigen.

Und genau das tue ich. Langsam, wie von einer unsichtbaren Hand geleitet, gehe ich Schritt für Schritt auf das Gestell zu. Als ich direkt davor stehe, zögere ich kurz, aber dann gehe ich links vom Gestell die drei Stufen hoch. Direkt in der Mitte steht ein Holztisch, der mit einem weißen Tuch, zwei Kerzen und einem Strauß Vergissmeinnicht gedeckt ist. Meine Beine geben nach und ich lasse mich vor dem Tisch auf die Knie sinken. Wieder versinke ich für einen Moment in meine Gedanken.

Die tiefen Töne, die den Boden unter meinen Knien vibrieren lassen, holen mich aus meinen Gedanken in die Gegenwart zurück. Ich setzte mich so, dass ich auf meinen Fersen sitze, lehne mich ein wenig nach hinten und schließe die Augen.

Zu den tiefen Tönen gesellt sich eine getragene, aber wunderschöne Melodiefolge höherer Töne. Mein Kopf braucht eine Weile, bis ich die Musik einordnen kann: Michael spielt „Caresse sur l’océan“ auf der Orgel. Eine Erinnerung taucht in meinen Gedanken auf.

„Was? Du kennst das Lied nicht?“ Lauri steht breitbeinig vor mir. Sie schaut mich so an, als hätte ich behauptet, dass ich zaubern kann – kann ich natürlich nicht.

„Nein, ich kenne das Lied nicht. Und das ist jetzt gerade auch nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass du deine Infusion bekommst. Legst du dich also bitte wieder in dein Bett?“ Ich schaue sie freundlich bittend, aber auch ein wenig ernst an.

Widerwillig klettert sie wieder in ihr Bett zurück.

„Aber während die Infusion durchläuft, hörst du dir das Lied an. Das musst du einfach kennen“, sagt sie und schaut mich an, als wenn sie der Chef wäre.

Okay, in gewisser Weise ist sie das auch, aber die Verantwortung trage immer noch ich. Also nicke ich, schließe die Infusion an und setze mich dann neben ihrem Bett auf einen Hocker. Sie nimmt ihr Tablet in die Hand, tippt eine Weile darauf herum und hält es mir hin. Ich nehme es entgegen, drücke auf „Play“ und das Lied beginnt. Ein sehr emotionales Lied, das sie aber sehr friedlich und glücklich macht. Und selbst ich, der kaum Französisch versteht, bin von diesem Lied überwältigt.

Wie ich inzwischen weiß, war es ihr unangefochtenes Lieblingslied. Deswegen wundert es mich auch nicht, dass Lauri wollte, dass Michael dieses Lied heute spielt.

Ich reiße mich von meinen Gedanken los und konzentriere mich ganz auf die Musik. Ich weiß nicht, wie Michael das macht, aber seine Spielweise bringt noch viel mehr Emotionen hervor als das Original. Obwohl ich dieses Lied dank Lauri sehr, sehr oft gehört habe, fühle ich heute etwas Neues und Wunderschönes. Eine neue Ader in diesem Lied erreicht heute meinen Kopf und mein Herz.

Langsam öffne ich meine Augen, erhebe mich und gehe zur Treppe, die zur Orgelempore führt. Leise erklimme ich eine Stufe nach der anderen. Michael scheint mich nicht zu bemerken.

Ich gehe noch ein paar Schritte näher und setze mich in geringer Entfernung zur Orgel auf einen Stuhl. Ich genieße es, einfach nur zu sitzen und zuzuhören. Ich versuche, an nichts zu denken, sondern einfach nur der Musik zu lauschen.

Die letzten Töne sind schmerzhafter und zugleich schöner als alle anderen. Langsam und leise erklingt zum letzten Mal die Melodie. Dann verklingen nach und nach die letzten Töne.

Nach einer kurzen Pause beginnt Michael schon mit dem nächsten Lied. Diesmal brauche ich nicht so lange, um die Töne einzuordnen. Die Melodie von „Spiel mir das Lied vom Tod“ ist anscheinend einprägsamer, als ich dachte. Es könnte aber auch daran liegen, dass ich dieses Lied in den letzten zwei Wochen rauf und runter gehört habe. Es ist eines der wenigen Lieder, die mich nicht in tiefe Melancholie stürzen.

Michael spielt ein Lied nach dem anderen, während ich mich nicht von meinem Stuhl wegbewege. Ich merke gar nicht, wie die Zeit vergeht. Erst als die Glocke zehn Mal schlägt, kommt mein Zeitgefühl langsam zurück. Ich merke, wie sich Aufregung und Anspannung in meinem Körper breit machen. Allerdings scheint heute doch nicht alles schiefzugehen. Bevor meine Gedanken wieder Besitz von mir ergreifen können, steht Nico vor mir. Er ist der ältere Bruder von Lauri, aber ich sehe ihn eher als guten Freund.

„Hey Alex“, begrüßt er mich freundlich.

„Hallo Nico“, erwidere ich lächelnd.

„Aufgeregt?“, fragt er.

„Ein bisschen“, gebe ich zu. „Und du?“

„Grad geht’s noch. Frag mich in einer halben Stunde noch mal“, antwortet er und lächelt mich an. „Komm, wir gehen die Leinwand aufbauen“, sagt er schließlich.

Ich nicke und wir gehen gemeinsam nach unten. Michael folgt uns. Während Nico und ich auf dem Podest vorne links die Leinwand und den Beamer aufbauen, geht Michael noch einmal an die frische Luft. Als wir gerade fertig sind, kommt er wieder, ist aber nicht mehr alleine. Ein recht großer, junger Mann in schwarzem Anzug begleitet ihn.

„Guten Morgen“, begrüßt er uns freundlich.

„Guten Morgen“, erwidern Nico und ich fast gleichzeitig.

„Ich bin Benjamin, der Pfarrer“, stellt er sich vor.

„Alex, ehemaliger Krankenpfleger von Lauri“, sage ich und nehme seine ausgestreckte Hand.

„Benjamin, hast du zufällig Josy draußen gesehen?“, fragt Nico und begrüßt Benjamin mit einer kurzen Umarmung.

„Leider nicht, aber mach dir keine Sorgen. Bisher war sie immer pünktlich und an so einem wichtigen Tag wie heute wird sie auf jeden Fall kommen“, redet Benjamin Nico gut zu.

Nico nickt und wir gehen alle gemeinsam noch einmal nach draußen. Kurze Zeit später kommen auch Josy und der Rest von Benjamins Familie dazu.

Die folgenden fünfundzwanzig Minuten vergehen wie im Flug. In dieser Zeit füllt sich das Gebäude und immer mehr Leute strömen herein. Es ist fast schon unheimlich, wie viele Leute schon hier sind und wie viele auch noch kommen. Ich bin zwar sehr schlecht im Schätzen, aber ich würde sagen, dass wir schon bei mindestens fünfzig Personen angekommen sind.

Schon läuten abermals laut die Glocken und nach und nach wird es ruhig, was bei den inzwischen wahrscheinlich hundert Anwesenden schon fast ein Wunder ist. Ich sitze in der ersten Bankreihe neben Nico und Josy, seiner älteren Schwester. Als die Glocken verstummen, drücke ich leicht auf die Leertaste des Laptops auf meinem Schoß und auf der Leinwand erscheint Lauri. Sie sitzt auf ihrem Bett im Krankenhaus und man sieht ihr an, dass sie nicht mehr ganz bei Kräften ist. Sie lächelt kurz in die Kamera und dann beginnt sie „Das Leben ist schön“ zu singen. Dabei begleitet sie sich selber auf der Gitarre.

Als das Lied zu Ende ist, stehe ich auf, gehe nach vorne und stelle mich hinter das Rednerpult. Ich hole kurz Luft und sage: „Ich will, dass ihr feiert. Ich will, dass ihr tanzt. Mit ’nem Lächeln im Blick und ’nem Drink in der Hand. Ein Heißluftballon, auf dem riesengroß steht: Das Leben ist schön, auch wenn es vergeht. – Genau das wollte sie. Seit sie wusste, dass es kaum bis gar keine Chance mehr auf ein Leben gibt, hat sie genau das vorbereitet. Sie wollte nicht, dass wir hier unten sitzen und weinen. Sie wollte, dass sie in uns weiterlebt und so ein fröhlicher Mensch, wie sie es war, kann nicht unter traurigen Menschen leben. Natürlich trauern wir, wenn wir einen geliebten Menschen verloren haben, aber ihr letzter Wunsch war es, dass ihre Beerdigung nach ihren Regeln abläuft. Wir halten uns genau daran, weswegen diese Beerdigung an einigen Stellen vom üblichen Protokoll abweichen wird. Ich begrüße Sie und euch ganz herzlich und freue mich, dass so viele Leute gekommen sind, um von Lauri Abschied zu nehmen. Gehen wir also alle gemeinsam mit Gott in diese neue Zeit, in der Lauri in uns weiterlebt und durch uns noch auf dieser Erde weilt.“

Ich schaue kurz zur Orgelempore hoch, nicke unauffällig und Michael setzt sich auf die Orgelbank.

Dann beginnt er „Pirates of the Carribean“ zu spielen, während ich mich wieder auf meinen Platz setze. Während des Liedes tragen vier Männer in Schwarz Lauris Sarg in die Kirche und stellen ihn auf dem dafür vorgesehenen Metallgestell ab. Ihren Laufschritt passen sie genau an das Tempo und den Rhythmus des Liedes an. Als der Sarg sicher steht, setzen sie sich auf ihre Plätze.

Der letzte Ton verklingt, Josy steht auf und geht langsam zum Rednerpult hinauf. Sie schaut Nico an und als dieser ihr zunickt, beginnt sie vorsichtig.

Ich kann ihren Worten gar nicht folgen, da mein Gehirn mir einige besonders einprägsame Erinnerungen mit Lauri als Film vorspielt. Ich tauche unbewusst ganz in die Erinnerung ein.

Ich betrete das Zimmer zwölf. Lauri sitzt schon in ihrem Bett und lächelt mich an.

„Hast du mich erwartet?“, frage ich leicht überrascht.

„Ja.“ Sie schaut auf die Uhrzeitanzeige ihres Handys. „Es ist ja schließlich Zeit für die Infusion.“

„Es hätte aber auch sein können, dass Silke oder Markus kommen und sie anschließen“, erwidere ich.

„Ich habe gehofft, dass du kommst.“

Ich lächle sie an. „Wieso denn das?“

Sie überlegt kurz. „Mit dir ist es entspannt und meistens auch recht lustig“, sagt sie schließlich.

„Lustig? So, so.“ Ich denke kurz nach. Eine total bescheuerte und dennoch sehr lustige Idee nimmt in meinem Kopf immer mehr Gestalt an. „Ich bin gleich wieder da“, sage ich und verlasse schnell das Zimmer. Auf dem Flur treffe ich Silke.

„Silke, hast du mal fünf Minuten?“, frage ich sie.

„Klar. Worum geht es?“

„Lauri hat mich auf eine Idee gebracht. Ich möchte...“, beginne ich und erkläre Silke meinen Plan.

„Das klingt toll. Ich bin dabei“, mischt sich Markus ein, der gerade vorbeikommt.

„Ich bin auch dabei. Dann gehst du jetzt zurück zu Lauri und bereitest alles vor. Ich komme in fünf Minuten dazu und Markus folgt dann in zehn Minuten. Einverstanden?“, fragt Silke voller Eifer.

„Perfekt“, antworte ich und recke ihr und Markus beide Daumen entgegen. Dann gehe ich schnell zu Lauri zurück, damit sie keinen Verdacht schöpft.

Ein Schluchzen reißt mich kurz aus meinen Gedanken und katapultiert mich für einige Sekunden in die Gegenwart zurück. Meine Erinnerungen sind jedoch stärker und ich reise wieder in der Zeit zurück.

„Was war denn?“, fragt Lauri neugierig.

„Nichts. Alles okay“, winke ich ab.

Lauri stellt keine weiteren Fragen mehr und dafür bin ich sehr dankbar. Ich bereite die Infusion weiter vor und versuche mich nicht davon beirren zu lassen, dass Lauri jede Handlung mit sehr wachsamen Augen mitverfolgt.

Ich bin gerade fertig, als die Tür erneut aufgeht.

Lauri schaut zur Tür, während ich weiterhin nach unten schaue. Lauri muss so herzlich und frei lachen, dass es mir schwerfällt, nicht einzustimmen. Ich schaue hoch und muss grinsen. Silke steht im Türrahmen und sieht wirklich zum Brüllen aus, was wörtlich verstanden werden muss.

Vom letzten Fasching lag im Stationszimmer scheinbar noch ein altes Löwenkostüm herum. Es ist Silke allerdings deutlich zu groß, was dem Ganzen noch ein wenig mehr Komik verpasst.

„So, ihr Pappnasen. Hier wird nicht gelacht, hier wird gearbeitet“, sagt sie streng und ich höre, dass sie das Lachen mühsam unterdrückt. Sie kommt zu mir und kontrolliert meine Vorbereitungen. Als sie die Infusion an den Zugang an Lauris Hand anschließen will, streift sie mit dem Ärmel des Kostüms über Lauris Arm. Diese zieht kichernd ihren Arm weg, aber Silke zieht ihn wieder so weit ran, dass sie die Infusion anschließen kann.

„Stillhalten“, weist sie Lauri an.

Lauri grinst immer noch übers ganze Gesicht.

Silke streift immer mal wieder, wie zufällig, mit dem Ärmel über Lauris Arm. Lauri lacht herzlich. Mein Plan geht also auf. Allerdings war das noch nicht alles.

„Was ist denn hier so lustig?“, fragt Markus streng und kommt ins Zimmer.

Lauri schaut zu ihm und muss noch mehr lachen.

„Da wird man hier einfach so ausgelacht. Ich glaub, ich spinne. Sehe ich etwas aus wie eine Witzfigur?“, fragt er streng.

Lauri muss noch mehr lachen und nickt deshalb nur heftig.

„So eine Frechheit!“

Lauri lacht immer noch und so langsam bröckelt auch Silkes Pokerface. Markus sieht tatsächlich einer Witzfigur sehr ähnlich. In unterschiedlich farbigen Schuhen und Socken, einer Hose, die eigentlich zu kurz ist, einem zu großen Shirt und einem Arztkittel, den er mit den Knöpfen nach hinten trägt, hat er auf jeden Fall einen gewissen Unterhaltungswert. Das Highlight ist aber der Turban, den er aus einem rosafarbenen Handtuch kreiert hat.

„Also, ich glaube ja fast, dass ich mich in der Tür geirrt habe. So viel gute Laune wie hier herrscht, kann ich einfach nicht ertragen“, meint Silke und verlässt mit einem letzten Gruß zu Lauri das Zimmer.

Markus nimmt die Kunstblumen vom Tisch, betrachtet sie von zwei Seiten und sagt dann: „Oh, schon so spät. Die Blumen verwelken schon fast. Ich muss los.“ Auch er verlässt das Zimmer und ich bleibe mit einer immer noch kichernden Lauri zurück.

„Mit mir ist es also lustig, ja?“, frage ich und versuche dabei ernst zu bleiben.

Lauri nickt. Anscheinend schafft sie es immer noch nicht, wieder richtig zu sprechen.

„Nun gut. Wenn du meinst. Ich komme dann nachher wieder, um die Infusion zu entfernen“, sage ich und winke Lauri zum Abschied zu.

Mit Verlassen des Zimmers in meiner Erinnerung tauche ich wieder in der Gegenwart auf.

Ich schaue wieder auf Josy und wundere mich ein wenig, dass plötzlich Nico am Mikrofon steht. Wie ist er da bloß hingekommen und warum ist er überhaupt da oben? Er hat mir doch von Anfang an ganz klar gesagt, dass er keine Rede halten wird. Was also macht er dort?

Die letzten Worte bekomme ich nun wieder ganz bewusst mit.

„Wir werden sie immer in unseren Herzen tragen und versuchen, das weiterzugeben, was sie uns gelehrt hat. Das werden wir sicher nicht ganz alleine schaffen, aber alle Menschen, die Lauri begegnet sind, werden ihren Teil dazu beitragen, dass es klappt. Gemeinsam werden wir für sie weiterleben und ihre Botschaft an das Leben wird nicht verloren gehen“, sagt Nico abschließend.

Michael stimmt das nächste Lied an und Nico und Josy setzen sich wieder. Während wir „Spiel mir das Lied vom Tod“ lauschen, schaue ich mich kurz mal um. In der letzten Reihe sehe ich die Eltern von Sophia mit Helene, Sophias kleiner Schwester, und freue mich, dass sie trotz ihrer eigenen Trauer heute hier sind. Sie wissen, wie viel Lauri für Sophia getan hat und manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie Lauri schon fast als Sophias Schwester angesehen haben. Ich gebe zu, dass ich das manchmal auch fast geglaubt habe, obwohl ich wusste, dass es nicht so ist. Ebenfalls entdecke ich ein paar Gesichter aus dem Ärzte- und Pflegeteam der Klinik und einige Menschen, denen ich mal auf dem Klinikflur begegnet bin, wenn sie Lauri einen Besuch abstatteten. Namentlich vorgestellt haben wir uns nie, aber das war auch nicht wichtig.

Nach dem Lied stehe ich wieder auf. Diesmal muss ich aber zum Glück nicht alleine vorne stehen. Benjamin stellt sich neben mich. Vor diesem Teil des Gottesdienstes habe ich am meisten Angst, aber mit Benjamin neben mir sinkt meine Aufregung ein wenig, obwohl ich ihn nicht wirklich kenne.

Ich beginne: „Lauri war ein ganz besonderes Mädchen. Gezeichnet durch Verlust und Krankheit, hat sie immer ihre freundliche Art behalten. Selbst an regnerischen und grauen Tagen schien die Sonne dort zu scheinen, wo sie war.“

Benjamin übernimmt: „Sie hatte eine sehr glückliche Kindheit. So unbeschwert und aufgeweckt habe ich bisher nur wenige Kinder erlebt. Als sie mal für ein paar Wochen im Krankenhaus war, merkte ich das in den Kindergruppen sofort. Lauri war ein Kind, was immer gute Laune versprühte und immer positiv auf alle Situationen sah. Die Sonne, die sie in ihrem Herzen zu tragen schien, erlosch erst nach dem Tod ihrer Eltern. Aber auch das nur für kurze Zeit. ‚Ich bin mir sicher, dass Gott sie dringend brauchte. Noch dringender als wir sie brauchen. Es geht ihnen also gut und wir können trotzdem fröhlich sein.‘ Das sagte sie mir eine Woche nach der Beerdigung. Ich fand es mutig von ihr, genau das zu glauben und daran festzuhalten.“

Ich übernehme wieder: „Und dann kam vor einiger Zeit die nächste und letzte Hürde. Wieder mal war sie im Krankenhaus gefangen. Lauri wusste oder ahnte schon sehr schnell, dass sie wahrscheinlich nicht mehr lebend aus der Klinik rauskommen würde und seltsamerweise schien ihr das nichts auszumachen. Sie nutzte einfach die Zeit, die ihr noch blieb, auf ihre Weise. Uns als Pflegeteam und auch den behandelnden Ärzten war schnell klar, dass man vor ihr nichts geheim halten konnte. Und das wollte sie auch nicht. Manchmal dachten wir, dass sie einen eingebauten Lügendetektor hat. Denn sobald wir versuchten, etwas zu umschreiben oder zu verschweigen, fragte sie uns so lange aus, bis wir es ihr ganz klar gesagt hatten. Das hat mich immer wieder beeindruckt. Können Sie sich vorstellen, dass ein fünfzehnjähriger Teenager, der nur noch eine geringe Überlebenschance hat, alle Ergebnisse und Prognosen haarklein und schonungslos erklärt bekommen möchte? Die meisten Patienten sind froh, dass sie nur die Hälfte von dem verstehen, was die Ärzte untereinander und mit uns Pflegekräften besprechen, aber Lauri wollte alles ganz genau wissen. Immer wieder stellte sie auch Fragen, die keiner von uns beantworten konnte und wenn man ihr das sagte, schaute sie uns lange an. Veränderten wir unsere Aussage nicht, schien sie trotzdem zufrieden zu sein und wechselte das Thema.

Ich lernte sie ganz zu Beginn ihrer Krankheit schon kennen und ich merkte im Laufe der Zeit deutlich, wie sie körperlich abbaute. Auch in ihrem Videotagebuch sind diese Veränderungen erkennbar. Angefangen hat es damals eigentlich ganz langsam und vorerst noch harmlos...“

Lauri: noch 259 Tage

Ich öffne die Augen und brauche eine ganze Weile, um die vielen Eindrücke einzuordnen. Eine recht tiefe, aber freundliche Stimme gibt Anweisungen, mit denen ich aber nichts anfangen kann.

Eine junge Frau bemerkt, dass ich wach bin und spricht mich an: „Hallo. Ich bin Schwester Silke. Kannst du mir sagen, wie du heißt?“

„Lauri“, antworte ich. „Wo bin ich? Was ist passiert?“, frage ich dann leise.

„Mach dir keine Sorgen. Du bist im Klinikum. Deine Lehrerin hat uns angerufen, als du in der Schule zusammengebrochen bist“, erklärt sie mir und streichelt währenddessen beruhigend meinen Arm.

„Josy? Nico?“, flüstere ich und drehe meinen Kopf hin und her, aber ich kann sie nirgendwo sehen. Mein Puls beschleunigt sich, meine Hände werden feucht und ein leichter kalter Schauer läuft mir über den Rücken.

Die Frau streichelt immer noch meinen Arm und redet weiter auf mich ein: „Lauri, es ist alles gut. Beruhige dich. Du bist in guten Händen. Josy und Nico sind deine Geschwister, richtig?“

Ich nicke. „Wo sind sie?“, frage ich und meine Stimme zittert leicht.

„Hast du irgendwo ihre Telefonnummer? Dann rufe ich sie an, okay?“, fragt die Frau.

Ich nicke und zeige auf meinen Rucksack.

Sie nimmt ihn und stellt ihn neben mich auf die Liege. „Im vorderen Fach?“, fragt sie.

„Mitte“, sage ich. Zu mehr kann ich meine Stimme nicht bewegen.

Sie öffnet das mittlere Fach und nach kurzer Zeit zieht sie ein grünes Buch heraus, das den Titel „Diagnosen und Therapien“ trägt. In diesem Buch habe ich seit Jahren alle medizinischen Infos vermerkt, die wichtig sind oder werden können. Die Frau öffnet das Buch. Auf der zweiten Seite stehen die Telefonnummern der Notfallkontakte. „Du bist gut vorbereitet. Ich rufe sie schnell an und du bleibst ganz ruhig hier liegen, klar?“, fragt sie und lächelt mir beruhigend zu.

Ich nicke und sie geht aus dem Raum. Ein Mann, der so Mitte dreißig sein muss, rückt jetzt in mein Blickfeld. Als er mich anspricht, erkenne ich, dass ihm die Stimme gehört, die vorhin die unverständlichen Anweisungen gegeben hat.

„Hallo Lauri. Ich bin Dr. Behrens, dein behandelnder Arzt“, stellt er sich vor und erklärt dann: „An deiner linken Hand habe ich dir einen Zugang gelegt, über den du gerade ein Medikament bekommst, das deinen Kreislauf stabilisieren soll. Ich habe dir über deinen Zugang gerade auch etwas Blut abgenommen. Das werten wir dann nachher aus. Wenn Schwester Silke wieder da ist, bringt sie dich zur Computertomografie oder kurz: CT. Mit Hilfe der Bilder können wir dann vielleicht herausfinden, warum du zusammengebrochen bist.“

Ich nicke zustimmend. Im nächsten Moment kommt Schwester Silke wieder herein und überreicht Dr. Behrens mein Buch. Er nimmt es und blättert es durch.

„Du bist sehr gut vorbereitet. Das habe ich bisher noch nie erlebt, aber die Idee ist sehr gut“, lobt er mein Buch. „Darf ich mir das ausleihen? Das bringe ich dir dann nachher wieder, wenn wir das CT auswerten, okay?“

Ich nicke, er winkt mir nochmal kurz zu und geht aus dem Zimmer. Jetzt bin ich mit Silke allein.

„Deine Geschwister sind unterwegs. Bis sie hier sind, machen wir schon mal das CT“, erklärt sie mir.

Ich habe ein ungutes Gefühl im Bauch, was nicht nur daran liegt, dass das hier das erste CT ohne meine Eltern oder Geschwister ist. Irgendwie habe ich eine düstere Vorahnung. Das Ganze hier wird ein böses Ende nehmen, flüstert mir mein Unterbewusstsein zu. Ich versuche diesen Gedanken erst einmal wegzuschieben, aber ein ungutes Gefühl bleibt.

Als ich von der Untersuchung zurück in den Behandlungsraum komme, warten bereits Josy und Nico auf mich.

„Wie seid ihr so schnell hergekommen?“, frage ich. Seit Schwester Silke raus gegangen ist, sind gerade mal dreißig Minuten vergangen.

„Die Schule hat uns schon angerufen und gesagt, dass du im Krankenhaus bist. Als die Klinik dann angerufen hat waren wir bereits unterwegs“, erklärt Nico.