Watersong - Sternenlied - Amanda Hocking - E-Book

Watersong - Sternenlied E-Book

Amanda Hocking

4,6
6,99 €

Beschreibung

Wer ihrer Schönheit verfällt, verwirkt sein Leben.

Sie sind schön. Sie sind stark. Und gefährlich. Penn, Lexi und Thea ziehen alle Blicke auf sich – sie aber haben nur Augen für Gemma. Immer tiefer ziehen die geheimnisvollen Fremden Gemma in ihren betörenden Bann. Doch dahinter lauert eine Welt, die faszinierender, abgründiger und tödlicher ist als alles, was Gemma je erlebt hat …

Die 16-jährige Gemma liebt das Meer. Und sie liebt ihren besten Freund Alex. Der Sommer verspricht perfekt zu werden – bis die geheimnisvollen Mädchen Penn, Lexi und Thea auftauchen und Gemma in ihren Bann ziehen. Nach einer gemeinsamen Partynacht fühlt Gemma sich wie ausgewechselt: stärker, schneller und schöner als je zuvor. Was ist passiert? Als sie die Wahrheit erfährt, ist es bereits zu spät: Die verführerische Welt der Sirenen lockt Gemma unaufhaltsam in die tödlichen Tiefen des Meeres ...

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Seitenzahl: 389

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AMANDAHOCKING

Aus dem Amerikanischen

von Violeta Topalova

und Anja Hansen-Schmidt

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ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2013

© 2013 für die deutschsprachige Ausgabe

cbt Verlag in der Verlagsgruppe

Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

© 2012 by Amanda Hocking

Die amerikanische Printausgabe erschien 2012

unter dem Titel »Wake. A Watersong Novel« bei

St. Martin’s Griffin, New York.

Übersetzung: Violeta Topalova und Anja Hansen-Schmidt

Lektorat: Christina Neiske

Umschlaggestaltung: © James Porto; Istockphoto (Olga Khoroshunova);

Gettyimages (Photographer’s Choice/Colin Anderson)

he · Herstellung: kw

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-08725-8V002

www.cbt-jugendbuch.de

Für meine Mom und Eric,

die mich auf geradezu unfassbare Weise unterstützen,

und für Jeff Bryan, der immer für neue Ideen offen ist.

PROLOG

Unser

Trotz der Nähe des salzig duftenden Meeres roch Thea das Blut, das an ihr klebte. Mit jedem Atemzug erfüllte sie der Geruch mit einem vertrauten Hunger, der sie bis in ihre Träume hinein verfolgte. Aber nun erfüllte er sie auch mit Ekel und hinterließ einen schrecklichen Geschmack in ihrem Mund. Denn diesmal wusste sie, woher das Blut kam.

»Ist es vollbracht?«, fragte Thea. Sie stand an der felsigen Küste und starrte auf die See hinaus, ihrer Schwester den Rücken zugekehrt.

»Ja, und das weißt du genau«, sagte Penn. Obwohl sie wütend war, klang ihre Stimme immer noch samtweich und hatte ein verführerisches Timbre, das sie nie ganz abstellen konnte. »Aber dir haben wir das nicht zu verdanken.«

Thea warf Penn einen Seitenblick zu. Sogar im trüben Mondlicht schimmerte Penns schwarzes Haar und auch ihre gebräunte Haut schien von innen heraus zu leuchten. So kurz nach ihrer Mahlzeit wirkte sie sogar noch schöner als ein paar Stunden zuvor.

Einige kleine Blutspritzer befleckten Penns Kleidung, aber sie hatte eigentlich kaum etwas abbekommen. Nur ihr rechter Arm war bis zum Ellbogen scharlachrot gefärbt.

Theas Magen hob sich vor Hunger und Ekel und sie wandte sich wieder ab.

»Thea.« Seufzend kam Penn auf sie zu. »Es musste sein, das weißt du doch.«

Thea schwieg einen Augenblick lang und lauschte dem Lied, das der Ozean für sie sang. Die Wassermelodie rief nach ihr.

»Ich weiß«, sagte Thea schließlich und hoffte, dass ihre Stimme ihre wahren Gefühle nicht verriet. »Aber das Timing war schlecht. Wir hätten noch warten sollen.«

»Ich konnte nicht mehr warten«, beteuerte Penn, aber Thea wusste nicht, ob das der Wahrheit entsprach. Doch Penn hatte ihre Entscheidung getroffen, und Penn bekam immer, was sie wollte.

»Wir haben nicht mehr viel Zeit.« Thea deutete auf den beinahe vollen Mond, der über ihnen glänzte, und sah dann Penn an.

»Ich weiß. Aber ich habe dir ja gesagt, dass ich jemanden im Auge habe.« Penn lächelte strahlend und zeigte dabei ihre rasiermesserscharfen Zähne. »Und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie unser ist.«

EINS

Nächtlicher Schwimmausflug

Der Motor gab ein bizarres Gurgeln von sich, als hauche ein Roboterlama seinen letzten Atem aus. Es folgte ein unschuldiges Klick-Klack. Dann herrschte Schweigen. Gemma drehte den Schlüssel noch einmal schwungvoll im Zündschloss, als könne sie dem alten Chevy so neues Leben einhauchen, aber das Auto gab nun nicht mal mehr ein Gurgeln von sich. Das Lama war verendet.

»Das darf doch wohl nicht wahr sein«, stöhnte Gemma und fluchte halblaut.

Sie hatte geschuftet wie ein Pferd, um dieses Auto zu kaufen. Da sie täglich stundenlang trainierte und außerdem noch Hausaufgaben zu machen hatte, blieb ihr nur wenig Zeit für einen Nebenjob. Also war ihr nichts anderes übrig geblieben, als auf die schrecklichen Tennenmeyer-Jungs aufzupassen. Sie hatten ihr Kaugummi ins Haar geklebt und ihren Lieblingspulli in Wäschebleiche getaucht.

Aber sie hatte durchgehalten. Gemma war finster entschlossen gewesen, ab ihrem sechzehnten Geburtstag ein Auto zu besitzen, und dafür war sie sogar bereit gewesen, sich von den Tennenmeyers foltern zu lassen. Ihre ältere Schwester Harper hatte das alte Auto ihres Vaters übernommen und ihr angeboten, sie dürfe es benutzen. Aber Gemma hatte abgelehnt.

Sie brauchte hauptsächlich deshalb ein eigenes Auto, weil weder Harper noch ihr Dad besonders begeistert davon waren, dass sie spätabends in der Anthemusa Bay schwamm. Sie wohnten nicht weit von der Bucht entfernt, aber es war nicht die Entfernung, die ihre Familie störte. Sie waren dagegen, dass Gemma so spät abends schwamm, aber genau das war es, wonach sie sich sehnte.

Dort draußen unter den Sternen schien das Wasser sich bis in die Unendlichkeit zu erstrecken. Die Bucht ging in das Meer über, und das Meer in den Himmel, und alles verschwamm zu einer einzigen, endlosen Schleife, in der Gemma zu schweben schien. Nachts hatte die Bucht etwas Magisches an sich aber das schien ihre Familie nicht zu begreifen.

Gemma drehte den Zündschlüssel noch einmal im Schloss, hörte aber nur noch einmal das hohle Klicken. Seufzend beugte sie sich vor und starrte auf den mondhellen Himmel hinter der zerkratzten Windschutzscheibe. Es war schon spät, und selbst wenn sie jetzt sofort loslief, würde sie nicht vor Mitternacht von ihrem Schwimmausflug zurückkehren.

Das wäre nicht besonders tragisch gewesen, wenn sie nicht um elf Uhr Zapfenstreich gehabt hätte. Sie hatte keine Lust, den Sommer zusätzlich zu dem kaputten Wagen auch noch mit Hausarrest zu beginnen. Heute Abend musste sie aufs Schwimmen verzichten.

Sie stieg aus dem Auto. Frustriert versuchte sie, die Tür zuzuknallen, aber sie ächzte nur in den Angeln. Ein großes Stück Rost fiel auf den Boden.

»Die dreihundert Dollar hätte ich auch verbrennen können«, murmelte Gemma halblaut.

»Autoprobleme?«, fragte Alex hinter ihr und erschreckte sie so sehr, dass sie beinahe aufgeschrien hätte. »Entschuldige. Ich wollte dir keine Angst machen.«

»Ist schon okay«, winkte Gemma ab und drehte sich zu ihm um. »Ich habe dich nicht rauskommen hören.«

Alex wohnte schon seit zehn Jahren im Nachbarhaus und er war wirklich nicht besonders Furcht einflößend. Seit seiner Pubertät versuchte er jeden Tag, sein widerspenstiges Haar zu glätten, aber eine bestimmte Locke über seiner Stirn weigerte sich immer glatt zu liegen und fiel ihm ungezähmt ins Gesicht. Dadurch wirkte er jünger als achtzehn, und wenn er lächelte, sah er noch jünger aus.

Er hatte etwas Unschuldiges an sich und deshalb hatte Harper sich wahrscheinlich auch nie in ihn verknallt.

Sogar Gemma hatte ihn bis vor Kurzem nicht als attraktiv empfunden. Aber irgendwann war ihr aufgefallen, dass er sich verändert hatte. Sein schlaksiger Oberkörper war breiter geworden, seine Arme muskulös.

Diese neue Männlichkeit, in die Alex allmählich hineinwuchs, sorgte dafür, dass jetzt Schmetterlinge in ihrem Bauch aufstiegen, wenn er sie anlächelte.

»Dieses Stück Schrott will nicht anspringen.« Gemma zeigte auf den rostigen Kleinwagen und ging zu Alex, der in seinem Vorgarten stand. »Ich hab den Wagen erst vor drei Monaten gekauft und jetzt ist er schon hinüber.«

»Das tut mir leid«, sagte Alex. »Brauchst du Hilfe?«

»Kennst du dich mit Autos aus?« Gemma zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Ihres Wissens verbrachte er seine freie Zeit am Computer oder mit der Nase in einem Buch, aber unter einer Motorhaube hatte sie ihn noch nie werkeln sehen.

Alex lächelte verlegen und senkte den Blick. Er hatte eine natürlich gebräunte Haut, was es ihm leichter machte, seine Verlegenheit zu verbergen, aber Gemma kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sehr oft errötete.

»Nein«, gestand er und lachte ein bisschen. Dann deutete er auf seine Einfahrt, in der ein blauer Ford Cougar stand. »Aber ich habe eins.«

Er zog die Schlüssel aus der Tasche und ließ sie um den Finger kreisen. Einen Moment lang wirkte er sehr lässig, aber dann rutschte ihm der Schlüsselbund ab und traf ihn am Kinn. Gemma unterdrückte ein Kichern, als er sich eilig danach bückte.

»Alles okay?«

»Äh, ja, alles klar.« Achselzuckend rieb er sich das Kinn. »Soll ich dich fahren?«

»Bist du sicher? Es ist schon ziemlich spät und ich will dich nicht nerven.«

»Ach was, kein Problem.« Er machte einen Schritt auf sein Auto zu und wartete darauf, dass Gemma ihm folgte. »Wo willst du denn hin?«

»Nur zur Bucht.«

»Ich hab’s geahnt«, grinste er. »Dein allabendlicher Schwimmausflug?«

»Ich schwimme nicht jeden Abend«, protestierte Gemma, obwohl sie nur ausnahmsweise mal darauf verzichtete.

»Na dann los.« Alex ging zu dem Cougar und öffnete die Beifahrertür. »Steig ein.«

»Na gut, wenn du darauf bestehst…«

Gemma fiel nur ungern anderen Leuten zur Last, aber sie wollte heute Abend unbedingt noch schwimmen. Und gegen eine Spritztour allein mit Alex hatte sie auch nichts einzuwenden. Normalerweise verbrachte sie nur Zeit mit ihm, wenn er ihre Schwester besuchte.

»Was fasziniert dich eigentlich so daran, nachts zu schwimmen?«, fragte Alex, als sie eingestiegen war.

»Ich weiß nicht, ob Faszination das richtige Wort ist.« Gemma schnallte sich an und lehnte sich dann bequem zurück. »Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll. Es ist einfach… unvergleichlich.«

»Inwiefern?«, fragte Alex. Er hatte den Motor angelassen, blieb aber in der Einfahrt stehen und betrachtete Gemma interessiert.

»Tagsüber sind so viele Leute in der Bucht, vor allem im Sommer, aber nachts… bin ich mit dem Wasser und den Sternen allein. Und weil es dunkel ist, fühlt sich alles wie eine große Einheit an, und ich bin ein Teil davon.« Sie runzelte die Stirn und lächelte verträumt.

»Faszination ist vielleicht doch das richtige Wort«, gab sie dann zu. Sie schüttelte den Kopf, um ihre Gedanken zu ordnen. »Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich bin ich bloß ein Freak, der eben gern nachts schwimmt.«

In diesem Moment wurde Gemma bewusst, dass Alex sie anstarrte, und sie sah zu ihm rüber. Sein Gesicht hatte einen seltsamen Ausdruck, er wirkte irgendwie sprachlos.

»Was ist?«, fragte Gemma, denn sein Blick machte sie allmählich verlegen. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und rutschte auf ihrem Sitz herum.

»Nichts. Entschuldige.« Alex schüttelte den Kopf und fuhr los. »Du hast es wahrscheinlich eilig.«

»So eilig nun auch wieder nicht«, sagte Gemma, aber das war gelogen. Sie wollte vor ihrer Sperrstunde so viel Zeit wie möglich im Wasser verbringen.

»Trainierst du eigentlich immer noch?«, fragte Alex. »Oder machst du in den Ferien Pause?«

»Nein, ich trainiere weiter.« Sie kurbelte das Fenster herunter und ließ die salzige Luft ins Auto wehen. »Ich schwimme jeden Tag mit meinem Trainer im Pool. Er sagt, meine Zeiten werden allmählich richtig gut.«

»Du schwimmst jeden Tag im Pool und schleichst dich dann noch aus dem Haus, um nachts zu schwimmen?« Alex grinste. »Wird dir das nicht zu viel?«

»Das ist etwas anderes.« Gemma streckte den Arm aus dem Fenster wie einen Flügel. »Im Pool schwimme ich nur Bahnen auf Zeit. Das ist Arbeit. In der Bucht lasse ich mich treiben und plansche einfach herum.«

»Aber nervt es dich nicht manchmal, immer nass zu sein?«

»Nö.« Sie schüttelte den Kopf. »Genauso gut könnte ich dich fragen, ob es dich nicht manchmal nervt, zu atmen.«

»Ehrlich gesagt tut es das manchmal. Ich habe schon oft daran gedacht, wie toll es wäre, nicht atmen zu müssen.«

»Wieso?«, lachte Gemma. »Was soll denn so toll daran sein?«

»Ach, keine Ahnung.« Einen Moment lang wirkte er sehr verlegen und sein Lächeln verrutschte etwas. »Ich hab das meistens im Sportunterricht gedacht, wenn ich rennen musste. Dabei hatte ich immer so schreckliche Atemnot.«

Alex warf ihr einen Seitenblick zu, als fürchte er, sie könne ihn wegen dieses Geständnisses für einen totalen Loser halten. Aber sie lächelte ihn nur an.

»Du hättest öfter mit mir schwimmen gehen sollen«, sagte sie schließlich. »Dann wärst du besser in Form gewesen.«

»Ich weiß, aber ich bin nun mal ein Nerd«, seufzte Alex. »Gott sei Dank bin ich mit der Schule fertig und muss nie wieder Sportunterricht ertragen.«

»Bald wirst du so viel Spaß auf dem College haben, dass du dich an die Schrecken der Highschool gar nicht mehr erinnerst«, sagte Gemma und registrierte erstaunt, wie wehmütig ihre Stimme klang.

»Kann schon sein.« Alex runzelte die Stirn und fragte sich, ob er ihr irgendwie die Laune verdorben hatte.

Gemma lehnte sich ans Fenster, stützte sich mit dem Ellbogen auf die Tür und legte den Kopf auf ihre Hand. Häuser und Bäume zogen an ihnen vorbei. In dem Viertel, in dem sie und Alex wohnten, waren die Häuser schäbig und verwohnt, aber sobald sie die Capri Lane passiert hatten, war plötzlich alles sauber und modern.

Da gerade Hochsaison war, war alles hell erleuchtet. Die Luft war erfüllt von der Musik aus den Bars und dem Gelächter und den Gesprächen der Gäste.

»Freust du dich darauf, das alles hinter dir zu lassen?«, fragte Gemma grinsend und deutete auf ein betrunkenes Pärchen, das auf der Promenade lautstark miteinander stritt.

»Ein paar Dinge werden mir sicher nicht fehlen«, gestand Alex, doch als er zu ihr herüberschaute, wurde sein Gesicht weich. »Aber ein paar Dinge werde ich auch vermissen.«

Der Strand war beinahe menschenleer, nur ein paar Teenager hatten sich um ein Lagerfeuer versammelt. Gemma bat Alex, weiter die Küste entlangzufahren. Der weiche Sandstrand wurde nach und nach von zerklüfteten Felsen abgelöst und statt asphaltierter Parkplätze gab es hier einen Zypressenwald. Alex parkte auf einem Schotterweg so nah am Wasser wie möglich.

Sie waren weit von den Touristenattraktionen entfernt, hier gab es keine Menschen oder markierte Pfade, die ans Wasser führten. Als Alex die Lichter des Cougar ausschaltete, senkte sich tiefe Dunkelheit um sie. Das einzige Licht kam vom Mond über ihnen und von den weit entfernten Lichtern der Stadt.

»Schwimmst du wirklich hier?«, fragte Alex.

»Ja, hier ist es am besten«, sagte Gemma achselzuckend und öffnete die Autotür.

»Aber hier ist es total felsig.« Alex stieg aus und betrachtete die moosbedeckten Steine auf dem Boden. »Sieht gefährlich aus.«

»Das ist ja das Schöne daran«, grinste Gemma. »Außer mir will hier niemand schwimmen.«

Sobald sie ausgestiegen war, zog sie sich ihr Sommerkleid über den Kopf und enthüllte den Bikini, den sie darunter trug. Dann löste sie ihr dunkles Haar, das zu einem Pferdeschwanz gebunden gewesen war, und schüttelte es aus. Sie kickte sich die Flipflops von den Füßen und warf sie mit ihrem Kleid ins Auto.

Alex stand neben dem Wagen, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und versuchte, sie nicht anzustarren. Sie trug einen Bikini, in dem er sie schon tausendmal gesehen hatte, denn Gemma lebte praktisch in ihren Badesachen. Aber jetzt, da er mit ihr alleine war, wurde ihm auf einmal bewusst, wie toll sie darin aussah.

Gemma war definitiv die hübschere der beiden Fisher-Schwestern. Sie hatte einen schlanken Schwimmerkörper, zierlich und grazil, aber an den richtigen Stellen gerundet. Ihre Haut war von der Sonne gebräunt, und in ihrem dunklen Haar leuchteten goldene Glanzlichter, die sie all dem Chlor und der Sonne zu verdanken hatte. Ihre Augen waren goldbraun. Er konnte im schwachen Licht die Farbe zwar nicht erkennen, aber sie leuchteten auf, wenn sie ihn anlächelte.

»Willst du auch schwimmen?«, fragte Gemma.

»Äh, nein.« Er schüttelte den Kopf und starrte angelegentlich auf die dunkle Bucht. »Ich verzichte. Ich warte im Auto, bis du fertig bist.«

»Nein. Du hast mich den ganzen Weg hierhergefahren und kannst jetzt nicht einfach im Auto warten. Du musst mit mir schwimmen gehen.«

»Lieber nicht.« Alex kratzte sich am Arm und senkte den Blick. »Aber dir viel Spaß.«

»Komm schon, Alex«, protestierte Gemma und zog eine Schnute. »Ich wette, du bist noch nie im Mondschein geschwommen. Und im Herbst gehst du aufs College. Du musst das wenigstens einmal gemacht haben, sonst hast du nicht richtig gelebt.«

»Ich habe aber keine Badehose dabei«, wandte Alex ein, dessen Widerstand bereits dahinschmolz.

»Schwimm in deinen Boxershorts.«

Alex überlegte, ob er weiter protestieren sollte, aber Gemma hatte eigentlich recht. Und wenn er es sich genau überlegte, war es weit weniger gruselig, mit ihr schwimmen zu gehen, als sie vom Ufer aus zu beobachten.

»Von mir aus, aber wehe dir, wenn ich mir den Fuß an einem Felsen aufschlitze«, sagte er dann und zog sich die Schuhe aus.

»Ich verspreche dir, ich passe auf dich auf.« Gemma legte sich die Hand aufs Herz.

»Das will ich hoffen.«

Alex zog sich das T-Shirt über den Kopf, und er sah genau so aus, wie Gemma es sich vorgestellt hatte. Sein ursprünglich schlaksiger Körper war jetzt muskulös und wirkte durchtrainiert, was eigentlich unmöglich war, weil er doch nur an seinem Computer saß.

Als Alex seine Hose aufknöpfte, wandte Gemma sich aus Höflichkeit ab. Sie würde ihn zwar in ein paar Sekunden in Unterhosen sehen, aber es fühlte sich merkwürdig an, ihm beim Ausziehen zuzusehen. Irgendwie unanständig.

»Wie kommen wir ans Wasser?«, fragte Alex.

»Langsam und vorsichtig.«

Gemma ging voraus und hüpfte über die Steine. Alex wusste, dass sie ihm an Anmut und Körperbeherrschung haushoch überlegen war. Sie bewegte sich wie eine Ballerina und tänzelte auf den Fußballen von einem glatten Stein zum nächsten, bis sie am Wasser angelangt war.

»Direkt an der Wasserlinie sind die Steine ziemlich spitz«, warnte sie ihn.

»Danke für die Info«, murmelte er und folgte ihr so vorsichtig, wie er konnte. Sie hatte den tückischen Weg zum Wasser mühelos bewältigt, aber Alex stolperte ein paarmal.

»Nur die Ruhe. Wenn du dir Zeit lässt, schaffst du es locker.«

»Ich versuch’s.«

Zu seiner Überraschung schaffte es Alex, das Wasser zu erreichen, ohne sich den Fuß aufzuschlitzen. Als er bei Gemma ankam, lächelte sie ihn stolz an und watete dann tiefer ins Meer hinein.

»Hast du denn keine Angst?«, fragte Alex.

»Wovor denn?« Sie war in tieferem Wasser angekommen, ließ sich nach hinten fallen und strampelte mit den Beinen.

»Keine Ahnung. Vor Meeresungeheuern oder so. Die See ist so dunkel, dass man gar nichts erkennen kann.« Das Wasser reichte Alex inzwischen bis zur Taille, und ehrlich gesagt hatte er keine große Lust, weiterzugehen.

»Es gibt keine Meeresungeheuer hier«, lachte Gemma und spritzte ihn nass. Dann forderte sie ihn zu einem Wettschwimmen heraus. »Wer als Erster bei dem Felsen dort ist?«

»Welchen Felsen meinst du?«

»Den dort.« Sie deutete auf eine riesige Felsnadel, die ein paar Meter neben ihnen aus dem Wasser ragte.

»Du gewinnst doch sowieso«, sagte Alex.

»Ich gebe dir einen Vorsprung«, bot Gemma an.

»Wie viel?«

»Hm… fünf Sekunden?«

»Fünf Sekunden?« Alex schien darüber nachzudenken. »Hm, vielleicht könnte ich…« Ohne den Satz zu beenden, hechtete er ins Wasser und schwamm schnell los.

»Du kriegst doch schon einen Vorsprung!«, rief Gemma ihm lachend nach. »Du brauchst nicht zu schummeln!«

Alex schwamm, so schnell er konnte, aber schon bald zog Gemma an ihm vorbei. Im Wasser war sie nicht zu stoppen, er hatte noch nie jemanden so schnell schwimmen sehen. Früher war er mit Harper manchmal zu Gemmas Schwimmwettkämpfen an der Schule gegangen und sie hatte eigentlich alle gewonnen.

»Erste!«, verkündete Gemma, als sie den Felsen erreichte.

»Hat daran irgendjemand gezweifelt?« Alex schwamm zu ihr und hängte sich an den Felsen, um sich auszuruhen. Sein Atem ging heftig und er wischte sich das Salzwasser aus den Augen. »Das war kein fairer Kampf.«

»Sorry«, lächelte sie. Gemma war im Gegensatz zu Alex überhaupt nicht außer Atem, hängte sich aber trotzdem neben ihm an den Felsen.

»Irgendetwas sagt mir, dass dir das nicht wirklich leidtut«, sagte Alex mit gespielter Empörung.

Seine Hand rutschte vom Felsen ab, und als er wieder danach griff, legte er versehentlich seine Hand auf Gemmas. Sein erster Impuls war, sie schnell und verlegen wieder wegzuziehen, aber in letzter Sekunde überlegte er es sich anders und ließ seine Hand auf ihrer liegen. Beide waren kühl und nass.

Gemmas Lächeln hatte sich verändert und wirkte plötzlich zärtlich und einen Augenblick lang schwiegen beide. Sie hielten sich am Felsen fest und lauschten dem Wasser, das um sie herum gegen den Stein schwappte.

Gemma hätte diesen Augenblick mit Alex gerne noch länger genossen, aber plötzlich flammte in der kleinen Schmugglerhöhle hinter ihm Licht auf und lenkte sie ab. Die kleine überdachte Einbuchtung in den Felsen lag an der Mündung der Bucht, bevor diese offiziell in den Ozean überging, und war ungefähr vierhundert Meter von der Stelle entfernt, an der Gemma und Alex schwammen.

Alex folgte ihrem Blick und einen Augenblick später drang Gelächter über das Wasser. Er drehte sich um und nahm seine Hand von ihrer.

In der Höhle brannte ein Feuer, in dessen flackerndem Schein drei Gestalten tanzten. Aus dieser Entfernung war nicht festzustellen, was genau sie machten, aber an ihren Bewegungen erkannten Gemma und Alex sofort, um wen es sich handelte. Die ganze Stadt wusste, wer sie waren, auch wenn niemand sie persönlich zu kennen schien.

»Das sind diese Mädchen«, sagte Alex leise, als könnten sie ihn in der Grotte hören.

Die drei Mädchen tanzten mit fast unwirklicher Eleganz und Anmut. Sogar ihre Schatten, die über die Höhlenwände huschten, wirkten sinnlich in ihren Bewegungen.

»Was machen die denn hier?«, fragte Alex.

»Keine Ahnung«, sagte Gemma achselzuckend und starrte die Mädchen weiter an. »Sie sind ziemlich oft hier draußen. Offenbar gefällt es ihnen da drin.«

»Hm«, sagte Alex. Gemma schaute ihn an und sah, dass er die Stirn gerunzelt hatte.

»Ich weiß gar nicht, was die eigentlich in unserer Stadt wollen.«

»Ich auch nicht.« Er drehte den Kopf und schaute sie weiter an. »Ich habe gehört, die drei seien kanadische Filmstars oder so.«

»Möglich. Aber sie haben keinen Akzent.«

»Du hast sie reden gehört?«, fragte Alex und klang beeindruckt.

»Ja. Ich habe sie in Pearl’s Bistro neben der Bibliothek gesehen. Sie bestellen dort immer Milchshakes.«

»Waren sie nicht mal zu viert?«

»Ja, ich glaube schon.« Gemma kniff die Augen zusammen und zählte noch mal nach. »Als ich sie das letzte Mal hier draußen gesehen habe, waren sie zu viert. Aber jetzt sind es nur noch drei.«

»Wo die andere wohl abgeblieben ist?«

Gemma und Alex waren zu weit entfernt, um die Mädchen zu verstehen, aber sie hörten sie reden und lachen, ihre Stimmen schwebten über die Bucht. Dann begann eins der Mädchen zu singen– ihre Stimme war so kristallklar und süß, dass es beinahe schmerzte. Die Melodie rührte Gemmas Herz.

Alex’ Mund klappte auf und er starrte die Mädchen an. Dann stieß er sich vom Felsen ab und schwamm langsam auf sie zu, aber Gemma merkte es kaum. Sie konzentrierte sich auf die Mädchen in der Grotte. Oder genauer gesagt auf das einzige Mädchen, das nicht mitsang.

Penn. Gemma erkannte sie, als sie sich von den anderen fortbewegte. Ihr langes schwarzes Haar hing ihr den Rücken hinunter und der Wind spielte damit. Sie bewegte sich mit erstaunlicher Anmut und Entschlossenheit, den Blick stur geradeaus gerichtet.

Penn konnte sie aus dieser Entfernung in der Dunkelheit nicht gesehen haben, aber Gemma spürte, wie der Blick des Mädchens sich in ihren bohrte und ihr kalte Schauer über den Rücken jagte.

»Alex«, sagte Gemma in einem Tonfall, der ihr selbst fremd war. »Lass uns gehen.«

»Was?«, fragte Alex benommen, und erst jetzt merkte Gemma, wie weit er bereits auf die Einbuchtung zugeschwommen war.

»Komm, Alex. Ich glaube, wir stören sie. Wir sollten gehen.«

»Gehen?« Er drehte sich zu ihr um und wirkte völlig überrascht von dem Gedanken.

»Alex!« Gemma schrie beinahe, aber jetzt schien sie zu ihm durchgedrungen zu sein. »Wir müssen nach Hause. Es ist spät.«

»Ach ja, richtig.« Er schüttelte den Kopf und schwamm dann in Richtung Ufer.

Als Gemma sich davon überzeugt hatte, dass er wieder normal war, folgte sie ihm.

Penn, Thea, Lexi und Arista waren seit Beginn der warmen Jahreszeit in der Stadt und die Leute hielten sie für die ersten Touristen der Saison. Aber niemand wusste genau, wer sie waren und was sie eigentlich hier machten.

Gemma wusste nur, dass sie es hasste, wenn sie hier draußen waren. Sie störten sie beim Schwimmen, denn sie fühlte sich unwohl im Wasser, wenn diese Mädchen in der Grotte waren und dort tanzten, sangen und wer weiß was für Blödsinn anstellten.

ZWEI

Capri

Das Knallen der Autotür ließ Harper aufschrecken. Sie setzte sich auf und legte ihren E-Book-Reader zur Seite. Dann sprang sie aus dem Bett, schob die Vorhänge zur Seite und sah gerade noch, wie Gemma sich von Alex verabschiedete, bevor sie ins Haus kam.

Der Wecker auf ihrem Nachttisch zeigte erst halb elf an. Sie konnte ihrer Schwester also nichts vorwerfen, aber die Situation gefiel ihr trotzdem ganz und gar nicht.

Harper setzte sich wieder auf ihr Bett und wartete darauf, dass Gemma nach oben kam. Das würde noch ein paar Minuten dauern, da ihr Vater Brian unten fernsah. Er blieb meistens wach, bis Gemma nach Hause kam, aber das schien ihre Schwester nicht zu kümmern. Sie ging auch weiterhin abends schwimmen, obwohl Brian um fünf Uhr morgens aufstehen musste, um zur Arbeit zu gehen.

Harper ärgerte sich wahnsinnig darüber, aber sie hatte diesen Kampf schon lange aufgegeben. Ihr Dad hatte Gemmas Sperrstunde eingeführt, und er behauptete immer, wenn es ihm etwas ausmachen würde, bis elf auf sie zu warten, hätte er ihre Sperrstunde auf zehn gesetzt.

Brian und Gemma unterhielten sich noch ein paar Minuten und Harper lauschte oben ihrem gedämpften Gespräch. Dann hörte sie Schritte auf der Treppe, und bevor Gemma ihr eigenes Zimmer erreicht hatte, öffnete Harper ihre Schlafzimmertür und hielt sie auf.

»Gemma«, sagte sie flüsternd.

Gemma stand im Flur, drehte Harper den Rücken zu und hatte die Hand auf ihren Türknauf gelegt. Ihr Sommerkleid klebte an ihrer feuchten Haut und Harper erkannte die Umrisse des Bikinis durch den dünnen Stoff.

Widerwillig drehte sich Gemma zu ihrer älteren Schwester um. »Du musst nicht aufbleiben, bis ich zu Hause bin, Harper. Das erledigt Dad schon.«

»Ich habe nicht auf dich gewartet«, log Harper. »Ich habe gelesen.«

»Aha. Von mir aus.« Gemma verdrehte die Augen. »Also, raus mit der Sprache. Was habe ich wieder verbrochen?«

»Du hast gar nichts verbrochen«, sagte Harper in freundlicherem Tonfall. Es machte ihr schließlich keinen Spaß, Gemma ständig anzuschreien. Wirklich nicht. Aber ihre kleine Schwester hatte nun mal die fürchterliche Angewohnheit, ständig dumme Sachen zu machen.

»Ich weiß«, erwiderte Gemma trotzig.

»Ich dachte nur…« Harper strich über den Türrahmen und wich Gemmas Blick aus, weil sie nicht anklagend wirken wollte. »Warst du mit Alex unterwegs?«

»Mein Auto ist nicht angesprungen, also hat er mich zur Bucht gefahren, damit ich schwimmen konnte.«

»Warum hat er dich hingefahren?«

»Keine Ahnung. Weil er nett ist?«, meinte Gemma achselzuckend.

»Gemma«, stöhnte Harper.

»Was denn?«, fragte Gemma. »Ich habe nichts gemacht.«

»Er ist zu alt für dich«, seufzte Harper. »Ich weiß, dass…«

»Pfui Teufel, Harper!« Gemma schoss das Blut in die Wangen und sie schaute hastig zu Boden. »Wie kommst du denn darauf? Alex ist wie… eine Art Bruder für mich. Und er ist dein bester Freund.«

»Hör auf«, sagte Harper kopfschüttelnd. »Ich beobachte schon seit Monaten, wie ihr beide umeinander herumtanzt, und es wäre mir ja eigentlich total egal, wenn er nicht bald aufs College gehen würde. Ich will nicht, dass du verletzt wirst.«

»Ich werde nicht verletzt. Da ist gar nichts«, beharrte Gemma. »Weißt du, ich dachte, du freust dich. Du sagst doch immer, ich soll nicht alleine nachts schwimmen gehen, und heute habe ich jemanden mitgenommen.«

»Alex?« Harper zog die Augenbrauen hoch, und auch Gemma musste zugeben, dass Alex wahrscheinlich kein besonders effektiver Leibwächter war. »Und diese nächtlichen Ausflüge sind wirklich gefährlich. Du solltest nachts überhaupt nicht schwimmen gehen.«

»Mir geht’s gut! Es ist nichts passiert!«

»Noch ist dir nichts passiert«, konterte Harper. »Aber in den letzten zwei Monaten sind drei Leute hier verschwunden, Gemma. Du musst vorsichtig sein.«

»Ich bin auch vorsichtig!« Gemma ballte die Hände zu Fäusten. »Und du hast mir überhaupt nichts zu sagen. Dad hat mir erlaubt, zu gehen, solange ich um elf zu Hause bin. Und das bin ich.«

»Na ja, Dad sollte es dir aber nicht erlauben.«

»Habt ihr ein Problem, Mädels?«, fragte Brian vom Fuß der Treppe.

»Nein«, murmelte Harper.

»Ich gehe jetzt duschen und würde dann gern schlafen, falls Harper nichts dagegen hat«, sagte Gemma spitz.

»Ist mir doch egal, was du machst«, erwiderte Harper achselzuckend und hob abwehrend die Hände.

»Danke sehr.« Gemma drehte sich abrupt um, ging in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Harper lehnte sich an ihren Türrahmen, während ihr Vater die Treppe hinaufging. Brian war ein hochgewachsener Mann mit großen, starken Händen, denen man die jahrelange Arbeit in den Docks ansah. Er war zwar bereits Mitte vierzig, aber ziemlich fit. Nur die grauen Strähnen in seinem Haar verrieten sein wahres Alter.

Brian blieb bei Harper stehen, verschränkte die Arme vor der Brust und schaute auf sie herab. »Was war denn da los?«

»Ach, weiß nicht.« Achselzuckend schaute Harper auf ihre Füße. Ihr leuchtend blauer Nagellack war stellenweise abgeblättert.

»Hör auf, ihr Vorschriften zu machen«, sagte Brian leise.

»Das mache ich doch gar nicht!«

»Sie wird Fehler machen, genau wie du, aber sie wird auch genauso viel daraus lernen wie du.«

»Wieso bin ich denn jetzt auf einmal die Böse?« Endlich schaute Harper zu ihrem Vater auf. »Alex ist zu alt für sie und da draußen ist es gefährlich. Meine Sorgen sind nicht irrational.«

»Aber sie ist nicht deine Tochter«, wandte Brian ein. »Sondern meine. Du musst dein eigenes Leben leben. Beschäftige dich lieber damit, dass du im Herbst aufs College gehst, und überlass Gemma mir, okay? Ich passe schon auf sie auf.«

»Das weiß ich«, seufzte Harper.

»Wirklich?«, fragte Brian direkt und sah ihr in die Augen. »Ich weiß, dass ich dir zu viel Verantwortung aufgebürdet habe, seit deine Mom…« Er verstummte und ließ den Satz in der Luft hängen. »Aber das bedeutet nicht, dass wir nicht auch ohne dich klarkommen.«

»Ich weiß. Tut mir leid, Dad.« Sie zwang sich, ihn anzulächeln. »Ich mache mir einfach nur Sorgen.«

»Na ja, dann versuch damit aufzuhören und geh jetzt schlafen, okay?«

»Okay«, nickte sie.

Er beugte sich vor und küsste sie auf die Stirn. »Gute Nacht, Schätzchen.«

»Nacht, Dad.«

Harper ging in ihr Zimmer zurück und schloss die Tür. Ihr Vater hatte recht, das wusste sie, aber an ihren Gefühlen änderte das nichts.

Schließlich war Harper neun Jahre lang für Gemma verantwortlich gewesen, ob das nun gut sein mochte oder nicht. Zumindest hatte sich Harper für ihre kleine Schwester verantwortlich gefühlt.

Mit einem tiefen Seufzer setzte sie sich aufs Bett. Sie würde es nicht über sich bringen, ihre Familie allein zurückzulassen.

Eigentlich hätte sie sich darauf freuen sollen, endlich auf eigenen Füßen zu stehen, denn schließlich hatte sie weiß Gott schwer genug dafür gearbeitet. Trotz ihres Nebenjobs in der Bücherei und ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Tierheim hatte Harper in der Highschool nur Bestnoten erzielt.

Das Stipendium, das sie bekommen hatte, öffnete ihr auch die Türen, die ihr sonst durch das begrenzte Budget ihres Vaters verschlossen geblieben wären. Sämtliche Unis, bei denen sie sich beworben hatte, waren ganz wild darauf gewesen, sie aufzunehmen. Sie hätte überall hingehen können, aber sie hatte sich für ein staatliches College entschieden, das nur vierzig Fahrminuten von Capri entfernt war.

Harper konnte durch ihre Vorhänge sehen, dass in Alex’ Zimmer noch Licht brannte. Sie nahm ihr Telefon vom Nachttisch, weil sie ihm eine SMS schicken wollte, aber dann überlegte sie es sich doch anders. Sie waren schon seit Jahren eng befreundet und hatten nie romantische Gefühle füreinander entwickelt, aber Harper fand es trotzdem schräg, dass sich zwischen ihm und ihrer kleinen Schwester etwas anzubahnen schien.

Die Wasserrohre ächzten, als Gemma im Bad die Dusche anwarf. Harper holte ihren blauen Nagellack und begann, ihre Fußnägel neu zu lackieren. Dabei lauschte sie Gemma, die in der Dusche sang. Ihre Stimme war so sanft, als singe sie ein Schlaflied.

Nach einem Fuß gab Harper auf und rollte sich in ihrem Bett zusammen. Kurz nachdem ihr Kopf das Kissen berührt hatte, schlief sie tief und fest.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, war Brian bereits zur Arbeit gefahren und Gemma werkelte in der Küche. Harper fand es jeden Morgen wieder aufs Neue seltsam, dass sie um sieben Uhr morgens aufwachte und damit die Langschläferin in der Familie war.

»Ich hab schon ein paar Eier gekocht«, verkündete Gemma mit vollem Mund. Den gelben Krümeln nach zu urteilen, die sie dabei ausspuckte, hatte sie bereits ein Ei verdrückt. »Ich habe das ganze Dutzend gekocht, also nimm dir ruhig ein paar.«

»Danke.« Gähnend setzte sich Harper an den Küchentisch.

Gemma stand neben der geöffneten Spülmaschine, stürzte ein Glas Orangensaft hinunter und stellte dann ihr benutztes Geschirr in die Maschine. Sie trug bereits alte Jeans und ein T-Shirt und hatte ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden.

»Ich muss zum Schwimmtraining«, sagte sie und eilte an Harper vorbei.

»Wieso denn jetzt schon?« Harper lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und beobachtete durch den Türrahmen, wie Gemma ihre Schuhe anzog. »Fängt das nicht erst um acht an?«

»Richtig. Aber da mein Auto ja nicht anspringt, muss ich mit dem Fahrrad fahren.«

»Ich kann dich hinbringen«, bot Harper an.

»Nein danke, das geht schon.« Gemma überprüfte den Inhalt ihrer Sporttasche, zog dann ihren iPod heraus und steckte ihn in ihre Jeans.

»Du sollst beim Fahrradfahren doch keine Musik hören«, erinnerte Harper sie. »Mit Kopfhörern hörst du nicht, wenn ein Auto kommt.«

»Ich komm schon klar.« Gemma legte sich die Kopfhörer um den Hals.

»Heute soll es regnen«, bemerkte Harper.

Gemma nahm ein graues Sweatshirt vom Garderobenständer und hielt es hoch. »Hab meinen Kapuzenpulli.« Ohne Harpers Antwort abzuwarten, drehte sich Gemma um und öffnete die Haustür. »Bis später!«

»Viel Spaß!«, rief Harper ihr nach, aber die Tür war bereits hinter ihrer Schwester ins Schloss gefallen.

Harper blieb noch ein paar Minuten am Küchentisch sitzen, um aufzuwachen, bis ihr das Schweigen im Haus zu drückend wurde. Schnell stellte sie das Radio an, damit das Haus sich nicht so leer anfühlte. Ihr Vater hörte am liebsten den örtlichen Classic-Rock-Sender, also verbrachte Harper morgens oft viel Zeit mit Bruce Springsteen.

Als sie den Kühlschrank öffnete, um sich etwas zum Frühstücken zu holen, sah sie die zerknitterte braune Papiertüte mit dem Mittagessen ihres Vaters. Er hatte sie vergessen. Schon wieder. Sie würde ihre eigene Mittagspause früher antreten und ihm die Tüte runter zu den Docks bringen müssen.

Nach dem Frühstück machte sich Harper eilig an ihre morgendlichen Aufgaben. Sie räumte den Kühlschrank auf und warf alle alten Essensreste weg, stellte dann die Spülmaschine an und brachte den Müll raus. Es war Dienstag, und auf dem bunten Wochenkalender, den sie sich gebastelt hatte, stand in Großbuchstaben WÄSCHE und BAD.

Da die Wäsche länger dauerte, fing Harper mit dieser Aufgabe an. Dabei entdeckte sie, dass Gemma sich eins ihrer Oberteile ausgeliehen und Hotdog-Sauce darauf verteilt hatte. Sie durfte nicht vergessen, ihr deshalb die Leviten zu lesen.

Das Bad zu putzen war nie besonders angenehm. Der Duschabfluss war immer mit Unmengen von Gemmas goldbraunem Haar verstopft. Da Harpers dunkle Haare dicker und länger waren, hätten eigentlich mehr Haare von ihr im Abfluss stecken müssen, aber nur Gemmas verstopften in solchen Unmengen die Rohre.

Harper erledigte ihre Haushaltspflichten, duschte dann und machte sich fertig, um zur Arbeit zu gehen. Der Regen, den sie heute Morgen vorausgesagt hatte, prasselte in dicken Tropfen vom Himmel, und sie musste zu ihrem Auto rennen, um nicht klitschnass zu werden.

Da es regnete, war in der Stadtbücherei, in der Harper arbeitete, ein bisschen mehr los als sonst. Ihre Kollegin Marcy hatte sich ein bisschen zu eifrig erboten, die Bücher einzuräumen und die Regale zu ordnen, also musste Harper den Kunden bei der Ausleihe helfen.

Die Bücherei hatte ein automatisches Ausleihsystem, das es den Besuchern erlaubte, Bücher auszuleihen, ohne mit den Angestellten in Kontakt treten zu müssen, aber es gab immer wieder Leute, die nicht begriffen, wie es funktionierte. Ein paar andere Besucher fragten nach Mahngebühren oder vorbestellten Büchern, und eine nette ältere Dame brauchte Hilfe dabei, »dieses Buch mit der Katze oder dem Löwen und dem Boot« zu finden.

Mittags hörte es auf zu regnen und die Bücherei war wieder gähnend leer. Marcy hatte sich den ganzen Vormittag über zwischen den Regalen versteckt und Bücher einsortiert, aber jetzt wagte sie sich nach vorne und setzte sich neben Harper an die Ausleihtheke.

Obwohl Marcy sieben Jahre älter war als Harper und genau genommen ihre Vorgesetzte, nahm Harper ihren Job viel ernster als sie. Marcy liebte Bücher, deshalb hatte sie diesen Berufsweg eingeschlagen. Aber es hätte ihr nichts ausgemacht, durchs Leben zu gehen, ohne je wieder mit einer anderen Person reden zu müssen. Ihre Jeans hatten ein Loch am Knie und auf ihrem T-Shirt stand: Ich steh auf Bands, die es noch gar nicht gibt.

»Gut, dass es wieder leer ist«, sagte Marcy und spielte mit einem Ball aus Gummibändern.

»Wenn niemand Bücher ausleihen würde, wärest du deinen Job los«, gab Harper zu bedenken.

»Ich weiß.« Achselzuckend strich Marcy sich den glatten Pony aus dem Gesicht. »Manchmal komme ich mir vor wie dieser Typ aus Twilight Zone.«

»Welcher Typ?«, fragte Harper.

»Na ja, dieser Typ. Ich glaube, er heißt Burgess Meredith.« Marcy lehnte sich zurück und warf die Kugel in die Luft. »Er wollte immer nur in Ruhe lesen, und irgendwann erfüllt sich sein Wunsch und alle anderen Menschen sterben bei einer Nuklearkatastrophe.«

»Er wollte, dass all seine Mitmenschen in die Luft gesprengt werden?«, fragte Harper und sah Marcy forschend an. »Willst du das etwa auch?«

»Nein, das wollte er nicht. Und ich auch nicht«, wehrte Marcy ab. »Er wollte nur in Ruhe lesen und das kann er dann endlich. Aber dann geht seine Brille kaputt, er kann nicht mehr lesen und ist total verzweifelt. Das ist dann die Moral der Geschichte. Deshalb esse ich so viele Karotten.«

»Wie bitte?«, fragte Harper.

»Für meine Augen«, erklärte Marcy, als sei das offensichtlich. »Wenn irgendwann die Bombe hochgeht, muss ich mir keine Sorgen um meine Brille machen und kann mich darauf konzentrieren, den Fallout oder die Zombie-Apokalypse oder andere Katastrophen zu überleben.«

»Wow. Du hast dir das offenbar gut überlegt.«

»Ja«, gestand Marcy. »Und das sollten wir alle tun. Schließlich geht es um unsere Zukunft.«

»Natürlich.« Harper schob ihren Stuhl zurück. »Hör mal, hier ist wirklich nichts los. Kann ich meine Mittagspause jetzt schon machen? Ich muss meinem Dad sein Mittagessen bringen.«

»Klar.« Marcy nickte. »Aber er sollte allmählich lernen, selbst daran zu denken.«

»Ich weiß«, seufzte Harper. »Danke.«

Sie stand auf und ging zu dem kleinen Büro hinter der Theke, um die Essenstüte aus dem kleinen Kühlschrank zu holen. Das Büro gehörte der Bibliothekarin, aber sie war auf Hochzeitsreise und würde in den folgenden vier Wochen um die Welt fliegen. In der Zwischenzeit hatte Marcy die Verantwortung für die Bücherei, was bedeutete, dass eigentlich Harper verantwortlich war.

»Da sind sie wieder«, bemerkte Marcy.

»Wer?«, fragte Harper. Sie kam aus dem Büro und sah Marcy an dem großen Fenster zur Straße hinaus stehen.

»Die da.« Marcy nickte in Richtung Fenster.

Da der Regen aufgehört hatte, wimmelte es auf der Straße wieder von Touristen, aber Harper sah sofort, von wem Marcy gesprochen hatte.

Penn, Thea und Lexi stolzierten den Gehweg entlang. Penn ging voran, ihre langen bronzefarbenen Beine wirkten unter ihrem kurzen Rock endlos, und ihr schwarzes Haar fiel ihr wie Seide über den Rücken. Lexi und Thea folgten ihr auf dem Fuß, aber Harper wusste nicht genau, wer wer war. Eine war blond, ihr Haar sah aus wie gesponnenes Gold, und die andere hatte feuerrote Locken.

Für Harper war Gemma immer das hübscheste Mädchen von Capri gewesen, aber seit Penn und ihre Freundinnen in der Stadt waren, entsprach das absolut nicht mehr der Wahrheit.

Penn zwinkerte Bernie McAllister im Vorbeigehen zu, und er musste sich an der Lehne einer Bank festhalten, um nicht umzukippen. Bernie war ein älterer Mann, der nur selten die winzige Insel vor der Anthemusa Bay verließ, die er bewohnte. Harper kannte ihn, da er bis zu seiner Pensionierung ein Kollege ihres Vaters gewesen war und Harper und Gemma schon immer sehr gemocht hatte. Jedes Mal, wenn sie ihren Vater in den Docks besuchten, hatte er ihnen Süßigkeiten zugesteckt.

»Das war aber nicht sehr nett.« Stirnrunzelnd beobachtete Marcy, wie Bernie sich auf die Bank fallen ließ. »Ihm ist beinahe das Herz stehen geblieben.«

Harper wollte schon über die Straße rennen, um ihm zu helfen, aber dann sah sie, dass er sich wieder gefasst zu haben schien. Er stand auf und ging weiter, wahrscheinlich zu dem Geschäft für Anglerzubehör, das weiter unten an der Straße lag.

»Waren sie nicht mal zu viert?«, fragte Marcy, die immer noch den drei Mädchen nachschaute.

»Ich glaube schon.«

Insgeheim war Harper erleichtert darüber, dass die Mädchen nur noch zu dritt waren. Sie betrachtete sich nicht als voreingenommen, nicht einmal hübschen Mädchen gegenüber, aber sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass es ein Segen für diese Stadt und all ihre Bewohner gewesen wäre, wenn Penn und ihre Freundinnen abgereist wären.

»Was sie wohl hier machen?«, überlegte Marcy laut, als die drei in Pearl’s Bistro gingen, das der Bücherei gegenüberlag.

»Dasselbe, was alle anderen Touristen hier machen«, sagte Harper betont gleichgültig. »Urlaub.«

»Aber das sind doch Filmstars oder so.« Penn, Lexi und Thea waren im Bistro verschwunden und Marcy drehte sich wieder zu Harper um.

»Auch Filmstars brauchen Urlaub.« Harper holte ihre Handtasche unter der Theke hervor. »Ich fahre schnell zu meinem Vater. Bin gleich zurück.«

Sie eilte zu ihrem alten Mercury Sable. Nachdem sie sich ans Steuer gesetzt und den Motor angelassen hatte, sah sie auf. Penn, Lexi und Thea saßen an einem Fenstertisch im Bistro.

Thea und Lexi nippten an ihren Getränken und verhielten sich wie normale Gäste, aber Penn starrte durchs Fenster, die dunklen Augen starr auf Harper gerichtet. Ihr voller Mund kräuselte sich zu einem Lächeln, das ein Mann vielleicht verführerisch gefunden hätte. Harper empfand es jedoch als seltsam bedrohlich.

Sie löste die Handbremse und fuhr so schnell los, dass sie einem anderen Auto die Vorfahrt nahm, was sehr untypisch für sie war. Auf der Fahrt zu den Docks beruhigte sich ihr rasender Herzschlag allmählich, und wieder einmal dachte sie, wie schön es wäre, wenn Penn einfach verschwinden würde.

DREI

Verfolgt

Harper hatte gehofft, sie könne es heute vermeiden, Daniel zu begegnen, aber seit einiger Zeit lief sie ihm jedes Mal über den Weg, wenn sie zu den Docks fuhr. Daniel lebte auf seinem Boot, das dort vor Anker lag, obwohl der kleine Kabinenkreuzer eigentlich nur für ein oder zwei Übernachtungen geeignet war.

Brian arbeitete am Rand der Bucht, wo sich die Docks befanden, und half beim Entladen der Frachtboote, die dort anlegten. Da auf dieser Seite der Anthemusa Bay gearbeitet wurde, war sie für Touristen nicht sehr reizvoll, und die meisten Jachtbesitzer hatten ihre Boote im Jachthafen in der Nähe des Strands vertäut. Aber natürlich lagen auch an den Docks ein paar Boote, die meist Leuten aus der Gegend gehörten. Und Daniel war einer von ihnen.

Harper war ihm das erste Mal begegnet, als sie Brian vor ein paar Wochen mal wieder sein Mittagessen gebracht hatte. Offenbar war er gerade aufgewacht und hatte beschlossen, vom Deck aus ins Wasser zu pinkeln. Sie hatte im falschen Augenblick aufgeschaut und freie Sicht auf seine Kronjuwelen erhalten.