Wechseljahre einer Blondine - Danielle Rohrer - E-Book

Wechseljahre einer Blondine E-Book

Danielle Rohrer

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Beschreibung

Nur eine junge Blondine ist eine gute Blondine- oder warum gilt es als altersgemäß, sich über vierzig die Haare abzuschneiden, warum lassen sich großartige Schauspielerinnen Botox spritzen und warum heißt Platin- ab einem gewissen Alter auf einmal Friedhofsblond? Schwer zu verkraften für eine Frau, ganz besonders für eine, die sich bisher immer auf ihr gutes Aussehen verlassen hat. Noch mit vierzig war die Welt für Danielle Rohrer völlig in Ordnung. Ihr Körper war in Form und sie strotzte vor jugendlicher Vitalität. Alt werden konnten andere! Doch acht Jahre später muss sie der Realität ins Auge blicken, und was sie sieht, gefällt ihr nicht: Problemzonen, Falten und erste graue Haare. Hinzu kommen Gedächtnislücken und ein schwaches Nervenkostüm. Diese Veränderungen beschreibt die Autorin in einer urkomischen Bestandsaufnahme. Außerdem beichtet sie ihre mehr oder minder erfolgreichen Bemühungen, den Alterungsprozess aufzuhalten- auch Schadensbegrenzung bzw. Instandhaltung genannt. Nichts wird verschwiegen, kaschiert oder beschönigt. Ganz nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid- auch eine Blondine wird einmal alt.

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Seitenzahl: 269

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Danielle Rohrer

Wechseljahre einer Blondine

Vom mutigen Kampf gegen Hormone,Hitzewallungen und Hängebusen

Für Tüstus, Raiplus, Schneeweißchen, Ilse und Frau. Ihr wisst, wer gemeint ist!

»Was soll ich sagen, wenn mir der Schweiß ausbricht? Dass ich drogenabhängig bin? Nein, verdammt noch mal, ich bin in den Wechseljahren!«

ROSALIND BAFFOE

PROLOG

»Ab einem gewissen Alter muss man sich entscheiden: entweder Gesicht oder Hintern.«

EINE GERADEZU WELTBEWEGENDE ERKENNTNIS VON MARLENE DIETRICH

Oh, mein Gott. Was war denn das? Irgendetwas stieg in mir hoch – und es war nicht die Leidenschaft … Zwei Minuten später: Uff! Ich hatte überlebt. Der Spuk war vorbei, aber mein Nacken dafür klatschnass, der Schweiß rann mir quasi aus den Haaren den Rücken hinunter. Dabei war es Januar, keineswegs Hochsommer, und ich trieb nicht etwa Hochleistungssport, sondern saß ruhig und entspannt an meinem Schreibtisch im Büro, in einem durchaus angenehm temperierten Raum und in keiner Sauna. Und dann fröstelte ich plötzlich, von einer Sekunde auf die andere. Außerdem hatte ich das unangenehme Gefühl, auszusehen wie eine Tomate – eine Befürchtung, die sich beim Blick in den Spiegel bestätigte. Meine Gedanken überschlugen sich: Habe ich Kreislauf? Werde ich krank? Würde ich umkippen, kollabieren, mich gar auflösen und zerlaufen wie Butter in der Sonne?

Wie auch immer, eines stand fest: Ich müsste mich jetzt mal ganz schnell trockenlegen und die Klamotten wechseln. Ganz blöd, das. Denn zufälligerweise habe ich im Büro selten mein Strichköfferchen mit Ersatzkleidung dabei.

Beim notdürftigen Frischmachen im Vorraum der Toilette traf ich meine Kollegin Christel, 58 Jahre alt und immer noch unverschämt sexy. Ein Typ wie Iris Berben. Sie sah mich wissend an und fragte scheinheilig: »Was ist denn mit dir los? Du siehst ja aus wie eine Tomate!« Ach! Ich beschrieb ihr meine Symptome und schlussfolgerte schlau: »Ich glaube, ich habe Kreislauf.« Die Antwort war ein lautes Lachen: »Nee, Mädel, willkommen im Club! Du bist in den Wechseljahren.«

So ein Quatsch! Beleidigt wandte ich mich ab. Die spinnt wohl, die Christel. Und überhaupt: Ich war doch erst 45 ½! Frechheit!

Und dennoch: Ein Restzweifel blieb. Ich ging also in mich, überlegte, rechnete und betrieb bei einem Telefonat mit meiner Mutter Ahnenforschung, indem ich sie fragte, wie das denn bei ihr so war und wann das anfing …

Der Blitz der Erkenntnis traf mich wie ein Hammerschlag: Ach, du Scheiße. Puuuh! So war das also. Dazu war ich doch noch gar nicht bereit und überhaupt hatte ich mir meine erste Hitzewelle ganz anders vorgestellt.

1. Kapitel

GESTATTEN: BLONDIE!

»Ich bin das Mädchen, das seinen guten Ruf verloren, aber nie vermisst hat.«

MAE WEST

An dieser Stelle sollte ich mich vielleicht mal bei Ihnen vorstellen: Ich heiße Danielle Rohrer – laut Personalausweis richtigerweise Daniele mit einem »l«. Ja! Jaahaa!! Ich höre förmlich Ihre Verwunderung: »Das ist doch ein italienischer Männername!« Ich weiß, ich weiß … und dennoch bin ich eindeutig eine Frau. Die Schreibweise meines französischen Vornamens verdanke ich schlicht und ergreifend einem Versehen meines Vaters. Im Überschwang der Glücksgefühle über die Geburt seiner ersten Tochter vergaß er beim Eintrag auf dem Standesamt ein »l«. Kann ja mal vorkommen. Man wird ja nicht jeden Tag zum ersten Mal Vater. Und die Standesbeamten von damals waren wohl noch nicht so auf Zack wie heute, wo sie höchstwahrscheinlich Sonderschulungen bekommen, um das Schlimmste für manche neugeborenen Kinder zu verhindern – mit Argusaugen, Namensbüchern und viel Überzeugungskraft gegen die zweifelhafte Kreativität der stolzen Eltern.

Später wurde mir von Amts wegen mitgeteilt: Den Namen nachträglich ändern zu lassen wäre hoch kompliziert. Ich hasse komplizierte Sachen. Deshalb habe ich mich lieber daran gewöhnt, öfter mal erklären zu müssen, dass wirklich ich es bin, die diesen Namen trägt – zum Beispiel jedes Mal beim Bezahlen mit meiner Kreditkarte. Bei inoffiziellen Handlungen schreibe und unterschreibe ich mit »ll«, weshalb ich mich bei jeder Unterschrift aufs Schärfste konzentrieren muss: Wann bin ich die männliche Daniele, wann die weibliche Danielle? Eine echte Herausforderung für die grauen Zellen, von der ich mir aber erhoffe, dass sie so ganz nebenbei den Abbau derselben verhindert.

Die weibliche Danielle ist jedenfalls inzwischen 48 Jahre alt, erfreut sich bester Gesundheit und ist sogar verheiratet. Nach 20 Jahren wilder Ehe habe ich mich dann doch noch getraut – am 8.8.2008, um genau zu sein. Damit Mann sich das auch merken kann, und zwar der Mann, der, als er das Thema meines Buches erfuhr, misstrauisch fragte: »Du schreibst doch aber nicht etwa über mich?« Als ob er einen Ruf zu verlieren hätte! Meine Rache für das mangelnde Vertrauen des mir zugemuteten Ehemanns ist die Anrede »Göttergatte«. Jeder kriegt eben den Namen, den er verdient, wie ich ja aus Erfahrung weiß. Der Göttergatte und ich haben keine Kinder, dafür aber mehrere Patenkinder, eine Wasserschildkröte sowie einen Patenhund und einen Patenpapagei.

Und dass Sie das auch gleich wissen: Dummerweise ist der Göttergatte genauso alt wie ich. Das war ziemlich ungeschickt von mir. Denn neben ihm werde ich nie so richtig jung aussehen. Cleverer wäre ein 20 Jahre älterer, gediegener Herr gewesen. Möglichst mit Millionen auf dem Konto. Aber irgendwie hatte ich in den letzten 20 Jahren gerade keinen solchen zur Hand. Und mit 44 muss man ja dankbar sein, wenn man überhaupt noch geheiratet wird – so als nicht mehr ganz schlanke Durchschnitts-Blondine ohne Geld. Außerdem, man kann ja nicht alles haben. Ich bin aber auch nicht unzufrieden, jedenfalls meistens nicht.

Geboren bin ich im Sternzeichen des Stiers – dem besten Sternzeichen überhaupt, sagt man uns doch Sinnenfreude, Treue, Fleiß, Ordnungsliebe und Bodenständigkeit nach. Negativ eingestellte Menschen bezeichnen diese positiven Eigenschaften auch als Maßlosigkeit, mangelnde Flexibilität, Streberei, Pedanterie und Starrsinn … »Trotzdem« erfreue ich mich eines ausgefüllten Soziallebens in Form einer netten Familie, lieber Freunde und Kollegen, lebe in sogenannten gut situierten Verhältnissen und genieße ein weitestgehend angenehmes Berufsleben als Lektorin und Werbetexterin. Das heißt: Als Werbetexterin bin ich für so manchen Schwachsinn, den Sie in Ihrem Briefkasten finden, persönlich verantwortlich und als Lektorin »verschlimmbessere« ich die Texte anderer Leute. Böse Zungen behaupten: Ich werde für meine angeborene Besserwisserei bezahlt.

So weit ist also alles in bester Ordnung bei mir. Ich habe nur ein Problem, das, wenn ich mal ehrlich bin, nicht wirklich eines ist. Zumindest nicht, wenn man es mit der Weltwirtschaftskrise, den Verstößen gegen die Menschenrechte, der Klimaerwärmung oder gar dem Ausscheiden der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Halbfinale der EM 2012 gegen Italien vergleicht. Ich werde älter!

Und ich bin blond. Zugegeben, nicht ganz echt, aber schon ziemlich lange. Und im Geist sogar noch viel länger. Die Haarfarbe ist mir also quasi in Fleisch und Blut übergegangen.

2. Kapitel

BLONDINEN BEVORZUGT – ODER AUCH: DER LANGE WEG ZUM BLOND

»Manche törichte Blondine ist in Wahrheit eine clevere Brünette.«

JOHANNES HEESTERS

Okay, ich bin ja mittlerweile, wie bereits erwähnt, schon 48. Das heißt, ich bin in den 70ern sehr jung gewesen. Im schrillen Zeitalter des Glitters und der Schlaghosen also. Und der Mega-Bands wie Sweet, Bay City Rollers, Kiss und natürlich ganz besonders ABBA. Vielleicht erinnern Sie sich: Damals kam kein Mädchen am ABBA-Anna-Syndrom vorbei. Auch ich träumte von den schönen langen blonden Haaren der Sängerin und beneidete insgeheim meine beste Freundin Jeanette, die zwar keine schönen langen, aber wenigstens blonde Haare hatte. Ich selbst glich dem Idol meiner Jugend leider überhaupt nicht – so mit dunklem Schopf und Zahnspange. Ohne Zweifel: Mein Aussehen war ein hartes Los, geradezu ein Schicksalsschlag, der mich dazu zwang, mich in der Öffentlichkeit als Fan der dunkelhaarigen ABBA-Annifrid auszugeben, während ich heimlich die Bilder der blonden Anna sammelte.

Die logische Folge: Als ich mit 18 von zu Hause auszog, lehrte ich nicht mich selbst das Fürchten, sondern meine Haare. Vom Alternativ-Look in Hennarot über die typische 80er-Jahre-Roberto-Blanco-Dauerwelle, die Jahre braucht, um wieder herauszuwachsen, bis hin zum feschen Nena-Stufenschnitt mit Stirnband mussten sie alles mitmachen. Endlich, endlich, mit Anfang 20, brachte ich den Mut auf zu ordern: Einmal Krassblond, bitte! Im Vertrauen: Es sah grauenhaft aus. Zwei Jahre und viele kaputte Haare später glaubte ich, meinen Jugendtraum vom Blond psychisch und haarig überwunden zu haben. Es folgte ein schockierender Wechsel zum Tiefschwarz. Und von da langsam wieder zurück zur Natur. Meine Haare hatten es nötig … Wobei: Natur ist relativ. Ich kam dem Geheimnis vieler Hollywood-Stars auf die Schliche und gönnte mir eine lange, dicke dunkle Mähne aus Extensions. Aber die Farbe war tatsächlich ausnahmsweise einmal echt.

Und ich war sicher, das ABBA-Anna-Syndrom damit ein für allemal überwunden zu haben. Bis – ja … Bis wann eigentlich? Ich glaube, bis ich so Anfang 30 war und einen Schock erlitt. Und das kam so: Sommer, Sonne, Cabrio. Die Sonne schien mir aufs Haupt, als ich, aufmerksame Autofahrerin, die ich bin, in den Rückspiegel schaute. Ich wollte meinen Augen nicht trauen! War da etwa ein graues Haar oder spielte mir das grelle Licht einen hundsgemeinen Streich? Bei genauerem Hinsehen bemerkte ich: EINES??? Nein, EINIGE! Das konnte ich nicht billigen.

Auf dem Nachhauseweg machte ich einen Abstecher zum nächsten Drogeriemarkt und deckte mich mit Haartönungen ein. Auf diese Weise behalf ich mir circa drei Jahre lang. Dann wurden die Tönungen zu stark deckender Farbe. Weitere zwei Jahre später wollte ich die Schweinerei, die inzwischen aller zwei Wochen im Bad stattfand, wieder reduzieren und ließ mir vom Friseur die ersten blonden Strähnchen färben, um den Haaransatz zu entschärfen und die Färbe-Intervalle zu vergrößern. Man arbeitet ja mit allen Tricks. »Lichtreflexe« nannte mein Friseur das damals. Es dauerte weitere zwei Jahre, bis mein Kopf ein einziger Lichtreflex war – und ich mein zweites Leben als Blondine startete. Da war ich circa 38 Jahre alt. Ich habe also jetzt exakt zehn Jahre Blondinen-Erfahrung.

Mein jetziges Blond ist nicht ganz so krass. Mit viel gutem Willen und regelmäßigem Nachfärben könnte man fast glauben, es wäre echt. Das bewog mich, meine Umwelt arglistig zu täuschen und mein zweites Blondinen-Dasein hochwissenschaftlich als »empirische Studie« einzuordnen. Man sagt ja, Blondinen würden bevorzugt und hätten es leichter im Leben. Das wollte ich am eigenen Leib überprüfen.

Ich kann das Fazit gleich vorwegnehmen: Es ist tatsächlich was dran. Mein damaliger Chef konstatierte lakonisch: »Na, endlich hast du deine Haarfarbe deinem IQ angepasst.« Um mich gleich darauf zu befördern. Und das – ich schwöre – ganz ohne Sex! (Obwohl: Ihnen kann ich es ja verraten. Ich habe ihm mit sexueller Belästigung gedroht, sollte er nicht machen, was ich will.) Auf jeden Fall hatte sich das Experiment postwendend gelohnt.

Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb ich gerne blond bin. Ich habe nämlich festgestellt, dass man als Blondine freundlicher angelächelt wird, dass schneller jemand anhält, wenn man mit einer Reifenpanne am Straßenrand steht – und dass man häufiger unterschätzt wird. Man kann also mit relativ wenig Intelligenz für große Überraschungsmomente sorgen.

So viel zu den Ergebnissen meiner Studie. Aber da kann ich noch so schlau daherschreiben … Sie haben mich sicherlich längst durchschaut. Und Sie haben natürlich recht. Denn selbstverständlich hat meine Haarfarbe auch noch ganz pragmatische Gründe: Erstens schmeichelt ein blonder Schopf laut renommierten Fachfrauen ein paar Falten weg. Und zweitens: Bei einem blonden Kopf sieht man die grauen Strähnen und den berühmten »friedhofsblonden Haaransatz« tatsächlich nicht so schnell. Inzwischen lasse ich alle vier Wochen nachfärben. Bei dunklen Haaren müsste ich alle zwei Wochen einen halben Tag beim Friseur verbringen. Und da mit zunehmendem Alter die Zeit bekanntlich immer knapper wird, muss man sich das gut überlegen …

Damit wäre das mit der Farbe wohl geklärt. Aber wie steht es mit der Haarlänge? Von erfahrenen Klimakterianerinnen wird ja oft glaubhaft versichert, dass man sich spätestens ab 40 die Haare abschneiden müsse. Angeblich soll das jünger machen. Verstanden habe ich dieses Argument allerdings nie. Warum soll es jünger machen, wenn man die Haare kürzt und so die gnädigen Schatten vom alternden Gesicht nimmt? Wenn man damit den Falten quasi mehr Raum einräumt? Wieso bringt man sich selbst um die kaschierenden Strähnchen vor den erschlaffenden Wangen? Will man damit erreichen, dass das Doppelkinn in voller Schönheit zur Geltung kommt?

Eben. Nee. Entgegen aller wohlgemeinten Ratschläge und ungeschriebenen Gesetze habe ich mir zwei Wochen vor meinem 40. Geburtstag neue blonde Extensions machen lassen. Und heute, acht Jahre später, bin ich zwar extensionfrei, trage meine Haare aber immer noch relativ lang. Wer kann, der kann!

3. Kapitel

HURRA, ICH BIN EIN BEST AGER!

»Das Altern hat sicher Vorteile. Uns fällt nur gerade keiner ein.«

SUSANNE FRÖHLICH, CONSTANZE KLEIS

Wechseljahre sind irgendwie uncool. Oder kennen Sie jemanden, der zugibt, in den Wechseljahren zu sein? Also, außer mir jetzt? Oder gar jemanden, der in den Wechseljahren sein WILL?? Wahrscheinlich nicht. Schon allein das Wort »Klimakterium«! Es kommt aus dem Griechischen und bedeutet so was wie »Lebensstufe«. Hm. Geht’s jetzt aufwärts oder abwärts? Oder enthält es vielleicht gar einen Schreibfehler? Sollte man es nicht besser in der Mitte mit »ck« schreiben – wegen der Macken, die spätestens jetzt nicht mehr vertuscht werden können?

Fakt ist: Über diese Lebensphase wird nicht gern gesprochen, zumindest nicht außerhalb ärztlicher Sprechzimmer. Und das mit gutem Grund, denn eine ähnlich unbeliebte Lebensphase ist höchstens noch die Pubertät. Aber wenn man die überstanden hat, ist man wenigstens ein ausgereifter Mensch. Die Wechseljahre dagegen sind – hart, aber wahr – der Anfang vom Ende.

Wechseljahre sind der Übergang zwischen heiß und kalt (im doppelten Sinne, wenn ich an die Hitzewellen denke). Zwischen jung und alt. Zwischen Fruchtbarkeit und Sterilität. Zwischen Blüte und Kompost. Kurz gesagt: Das Verfallsdatum ist abgelaufen. Mit viel Mühe vielleicht noch nicht ganz, aber zumindest fast.

Doch halt! Das klingt irgendwie negativ. Und deshalb haben findige Marketing-Leute neue Begriffe erfunden: Da gibt es zwischen Jung und Alt erstens die Mid Ager. Das sind die 20- bis 50-Jährigen. Ihnen folgen die Best Ager – Menschen von 50 bis 70 Jahren. Manchmal geht die Gruppe der Mid Ager aber auch in die der Best Ager über und es werden schon 45-Jährige zu Letzteren gezählt. Also ich, tja, ich bin also ein Mid Ager, gern auch schon mal ein Best Ager. Dann doch lieber »Best«.

Aber mal ganz unter uns: Ich habe meine Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Begriffs.

Denn ich gebe zu: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich momentan tatsächlich in der »besten Phase« meines Lebens befinde. Genauer gesagt, halte ich noch gespannt Ausschau nach den angeblich so vielen Vorzügen des Alterns. Vielleicht hilft mir ja dieses Buch bei der Suche.

Im Moment geht es mir jedenfalls gehörig auf den Keks, dass ich plötzlich Falten entdecke, wo ich nie mit ihnen gerechnet hätte. Dass mir die Wechseljahre im wahrsten Sinne des Wortes schweißnass am Körper kleben, auch wenn draußen Temperaturen von -20 °C herrschen. Dass ich Pfunde zulege, obwohl ich nicht mehr esse als früher. Dass ich schneller ermüde, weniger Alkohol vertrage, mich selbst und andere mit meiner stimmungsmäßigen Achterbahnfahrt drangsaliere, bei der geringsten Kleinigkeit auf 180 bin und jeden Morgen merke, dass ich noch lebe – weil mir irgendetwas wehtut.

Die Werbung – MEINE EIGENE BRANCHE!!! – tut ihr Übriges dazu. Asche auf unser aller Werbe-Häupter, ob blond oder nicht! Da schalten die gebeutelten Best Ager den Fernseher ein, um sich unterhalten zu lassen, und was passiert? Sie werden ständig an den drohenden Verfall erinnert: Anti-Aging-Cremes, die bei 97 Prozent der Frauen eine unglaublich positive Veränderung der Hautbeschaffenheit bewirken. (Warum gehöre eigentlich ich immer zu den drei Prozent, bei denen die wahnsinnig tollen Inhaltsstoffe nicht wirken?) Bodylotions, die einen straffen Körper versprechen. (Na ja …) Nahrungsergänzungsmittel, die einen schlank, fit, reich, schön und berühmt machen. (Hat bis jetzt auch nicht wirklich geklappt.) Appetitzügler, die angeblich das Fett aus dem Körper schleusen. (Große Überraschung: besonders wirksam, wenn man begleitend zum Wundermittel kalorienärmer isst und sich viel bewegt!) Geflügelte Worte wie »Wenn der Östrogenspiegel sinkt, haben Frauen über 40 …« oder »Schon ab 45 nimmt die Knochendichte ab …« stürzen mich regelmäßig in tiefste Depressionen – und in Unkosten, denn natürlich glaube ich erst mal der Werbung und es bleibt nichts unversucht.

Als unverbesserliche Optimistin lasse ich mich halt in jeder Hinsicht gerne eines Besseren belehren. Und deshalb gebe ich auch die Hoffnung nicht auf: Vielleicht kommt ja das Beste wirklich noch im Lebensabschnitt des Best Agers?

Einstweilen machen wir doch einfach einmal eine Bestandsaufnahme – von dem, was sich geändert hat, und von dem, was gleich geblieben ist. Von dem, was sich verschlechtert hat, und von dem, was vielleicht sogar ein kleines bisschen besser geworden ist. Lange habe ich überlegt, ob ich überhaupt kompetent bin, meinen Senf zu diesem komplexen Thema dazuzugeben. Kann ich denn in Sachen Wechseljahre schon mitreden? Schließlich stecke ich da noch nicht allzu lange drin. Deshalb habe ich vielleicht noch zu wenig Erfahrung an der Klimakteriumsfront? Womöglich kommt ja das Schlimmste oder auch das Beste erst und ich sollte noch gar nicht darüber schreiben?

Aber schließlich will dieses Buch keine universelle Abhandlung zum Thema Wechseljahre sein, sondern ein persönlicher Erfahrungsbericht.Es stellt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und – ich sage es am besten gleich: Es ist auch kein Ratgeber. Böse Zungen werden behaupten, es handelt sich um die tiefenpsychologische Aufarbeitung einer schwierigen Lebensphase – verfasst von einer neurotischen Frau, die mit dem Altern nicht fertig wird. Mit solchen Kritiken kann ich aber leben, solange es nur einige Leserinnen – und Leser, ja, auch Sie sind herzlich willkommen! – gibt, die sich in manchen Abschnitten wiedererkennen und vielleicht auch mal über mich und sich selbst – oder ihre Partnerin – lachen können.

Deshalb schreibe ich jetzt einfach mal alles auf, was ich bisher erlebt habe, um es mit interessierten Leidensgenossinnen und -genossen zu teilen. Ich beginne mit einem Rückblick auf ein Märchen, das sich vor gar nicht allzu langer Zeit zutrug.

4. Kapitel

40 ÜBER NACHT

»Frauen nähern sich immer den 40 – erst von der einen, dann von der anderen Seite.«BILLY WILDER

Schon Monate vor dem großen Tag plante ich meine Flucht. Im Mai 2004 konnte ich auf gar keinen Fall zu Hause sein, Gratulanten empfangen und gute Miene zum bösen Spiel machen. Schließlich: Ich wurde 40! Ach, du lieber Gott! Wie konnte das bloß passieren??? Gestern war ich doch noch jung. Doch, ehrlich!

Ich war in heller Panik. Denn es ist ja bekannt: Ab 40 wird alles anders. Ein Einschnitt im Leben, viel schlimmer als jeder andere runde Geburtstag. Nicht nur, dass man sich, wie schon beschrieben, die Haare abschneiden sollte. Man darf sich auch nicht mehr hip und trendy kleiden. Sondern man soll jetzt adrett aussehen. Seriös statt sexy, ist die Devise. Dame statt Mädel. Und ab 40 zählt man nicht nur auf dem Arbeitsmarkt zu den wenig begehrten Personen – auch die Männer beginnen, einen zu übersehen. Man wird unsichtbar. Und das über Nacht.

Auch die Geschenke, die mich am 40. Geburtstag erwartet hätten, wäre ich denn zugegen gewesen, haben mich in meinen Fluchtplänen bestärkt. Da gibt es Shampoo für das Haar ab 40, Tübchen und Tiegelchen mit Inhaltsstoffen speziell für die Haut ab 40 (mit 39 wirken die nämlich noch nicht, müssen Sie wissen). Bücher, die einem erklären, warum ab 40 jede Diät ins Leere läuft … und nicht zu vergessen: extragemeine Geburtstagskarten der Marke »Und schmeißt der Arsch auch Falten, wir bleiben stets die Alten!«.

Nee. Also echt jetzt … Kurz entschlossen buchte ich bereits ein dreiviertel Jahr vor meinem Ehrentag Urlaub in einem meiner liebsten Orte der Welt: Théoule-sur-Mer an der Côte d’Azur. Und zwar für mich, den Göttergatten und unseren damaligen Hund Debbie. Diese illustre Gesellschaft musste nun all die umwälzenden Veränderungen ertragen, die mit Sicherheit schlagartig über mich hereinbrechen würden.

Dabei erwartete ich durchaus auch positive Wandlungen. Zum Beispiel heißt ja ein altes schwäbisches Sprichwort: »Der Schwabe wird erst mit 40 gscheit.« Das ist doch was, wofür es sich lohnt, 40 zu werden. Ich lag also an besagtem großen Tag, einem strahlenden Maimorgen, in meinem bequemen Hotelbett und horchte in mich hinein. War mein Gehirn gewachsen oder wurde es wenigstens besser genutzt? Waren da neue Weisheiten, neue Erkenntnisse? Oder konnte ich plötzlich sogar Geometrie? Schließlich bin ich ja Schwäbin, zumindest mütterlicherseits. Da müsste sich doch ein bisschen was getan haben in Sachen Intelligenz.

Doch auch bei längerem Sinnieren konnte ich keine Veränderung feststellen. Mein Vater ist Rheinländer. Wahrscheinlich hat mich das um 20 Jahre zurückgeworfen und sein Anteil an mir war schuld daran, dass ich mich keinen Tag älter als 39 fühlte. Und auch nicht gescheiter. Trotzdem erhob ich mich – zu meiner eigenen Überraschung relativ froh gelaunt –, um den Tag feierlich zu begehen. Soll heißen: Ich schlüpfte lässig in meine Hüftjeans und mein Spaghetti-Top (ohne BH!) und machte mich mit dem Göttergatten und Debbie auf, die Côte d’Azur zu erobern.

Ungelogen: An meinem 40. Geburtstag war die Welt noch in Ordnung. Ich wog 62 Kilo bei einer Größe von 1,75 Meter, meine Kleidung war also durchaus passend. Es gibt Beweisfotos! Mein Körper war biegsam, ich kannte weder Rückenschmerzen noch sonstige Alterserscheinungen. Die Speisekarte im französischen Restaurant, das wir abends zur Feier des Tages aufsuchten, konnte ich sogar im romantischen Dämmerlicht ohne Mühe und ohne Brille lesen und die drei Gläser Côtes de Provence sowie das üppige Vier-Gänge-Menü verursachten mir keine schlaflose Nacht.

Was ist seither geschehen? Ich meine, mal ganz abgesehen davon, dass mir exakt zwei Wochen nach meinem 40. Geburtstag das erste Mal in meinem Leben eine Hexe ins Kreuz gefahren ist. Woher sind die zusätzlichen Kilos gekommen, die sich in den letzten acht Jahren an meinem Körper festgebissen haben? Wann haben mich die Adleraugen verlassen und dafür die Knochen angefangen zu knacken? Und überhaupt: Seit wann verursacht mir ein Roséwein Sodbrennen?

Diese wundersamen Veränderungen muss ich genauer beleuchten. Und zwar einzeln.

5. Kapitel

DER FEIND LAUERT IM SPIEGEL

»Das Problem mit der Schönheit ist, dass man reich geboren wird und nach und nach verarmt.«

JOAN COLLINS

Schönheit vergeht, der Acker besteht«, lautet ein weltberühmtes, wahrscheinlich ebenfalls schwäbisches Sprichwort. Mist, denke ich beim morgendlichen Blick in den Spiegel. Da habe ich ja mal wieder in die Grütze gegriffen. Zumindest, was die zweite Lebenshälfte angeht.

Damit will ich keineswegs sagen, dass ich vorher schön war oder dass ich es gar noch bin. Diese Einbildung liegt mir fern. Aber ich kann völlig ohne Arroganz behaupten, dass ich mehr Schönheit besitze als Äcker. Zum Beispiel hat mir meine Mutter lange Wimpern und einen guten Busen vererbt – das sind doch schon mal zwei wichtige Dinge. Äcker habe ich dagegen gar keinen.

Inzwischen aber schauen meine Brustwarzen, die noch vor Kurzem keck geradeaus blickten, betreten zu Boden. Die Schwerkraft fordert offensichtlich ihren Tribut, und wo was ist, kann halt auch was hängen. Die Wimpern scheinen irgendwie dünner zu werden, genauso wie das Haupthaar.

Wenn es das wenigstens schon gewesen wäre! Auf in die nächste Runde! Schonungslos gehe ich mit mir ins Gericht und stelle fest: Leider bezieht sich der Verfall nicht nur auf meine bisherigen Schokoladenseiten. Beunruhigende Wandlungen diagnostiziere ich von den Haarspitzen bis hinunter zu den Zehennägeln. Kein Zweifel: Rein anatomisch gesehen entwickle ich eine 1,75 Meter große Problemzone.

Nie hätte ich gedacht, dass trotz jahrelanger Bemühungen inklusive Hanteltraining und Trizeps-Übungen die Oberarme schlaff werden und beim Abschiednehmen am Flughafen noch winken, wenn der Flieger schon längst gestartet ist. An die Cellulite am Po habe ich mich schon gewöhnt. Aber warum rutscht die immer weiter nach unten in Richtung Kniekehlen? Und wann haben die Innenseiten der Oberschenkel angefangen, die Optik einer Crinklebluse anzunehmen? Wie konnte es so weit kommen, dass aus dem Bäuchlein eine Wampe geworden ist? Wussten Sie, dass man auch direkt über dem Knie Fettzellen hat? Oder was haben die neuen Knubbel zu bedeuten? Wieso werden plötzlich die Stiefel zu eng? Wohin sind meine Fesseln entschwunden? Und was hat es mit dem Stau am mittleren Ring auf sich – sprich, warum trage ich seit geraumer Zeit die Taille nach außen?

Aber fangen wir doch am besten mal oben an.

Bad-Hair-Life

Da hätten wir zuallererst die große Problemzone »Haare«. Zu meiner grenzenlosen Überraschung musste ich feststellen, dass auch ein blonder Schopf nicht davor gefeit ist, zum Problem zu werden. Aber okay, okay. Mein Haupthaar war zugegebenermaßen noch nie besonders üppig. Wo andere unter einem »Bad-Hair-Day« leiden, kann ich getrost von einem »Bad-Hair-Life« sprechen. Mit allen bereits gebeichteten Konsequenzen, denn Sie wissen ja schon, was meine Haare alles durchleiden mussten. Da ist das bisschen künstliche Farbe jetzt fast schon Kokolores. Aber man muss sich nichts vormachen: Das blonde Gift, dem die Kopfhaare, die mir gnädigerweise noch verblieben sind, einmal monatlich tapfer trotzen, sorgt auch nicht gerade für eine bessere Substanz derselben. Und damit nicht genug: Seit Neuestem ärgern mich zusätzlich zwei Wirbel, die – ungelogen! – über Nacht aufgetaucht sind: einer direkt vorne an der Stirn, sodass kein Falten verdeckender Pony mehr möglich ist, und einer am Hinterkopf. Es ist also jetzt völlig egal, ob Sie mich von vorn oder von hinten sehen: Ich trage immer Mittelscheitel!

In letzter Zeit scheinen meine Haare übrigens genug von mir zu haben, ähnlich wie ich von ihnen. Sie fallen nämlich aus. Viele. Weit mehr als die 100, die laut Fachleuten normal wären. In diesem Punkt zeigt sich mal wieder mein wankelmütiges Wesen, denn statt froh zu sein, die Plagegeister endlich los zu werden, bin ich darüber sehr beunruhigt. Selbstverständlich werden weder Kosten noch Mühen gescheut, die verbliebenen Haare zum Bleiben zu überreden. Bis jetzt hält sich der Erfolg in Grenzen – ich melde mich wieder, wenn ich Perückenträgerin bin.

Zu diesen schwerwiegenden haarigen Problemen zicken in letzter Zeit auch noch meine Augenbrauen: Einst gut in Form zu bringen und je nach Mode mal breit, mal schmal getragen, werden sie jetzt störrisch und wachsen in alle Richtungen. Und als Ausgleich für diesen Eigensinn an manchen Stellen gar nicht mehr. Und das auch noch ungleich. Eben ganz, wie es ihnen passt – ohne Rücksicht auf die Mode oder meinen persönlichen Geschmack.

Aber das Leben scheint dennoch gerecht zu sein. Ich habe nämlich das deutliche Gefühl, dass die Menge der Haare gleich bleibt und sich nur ihr Ort ändert. Statt auf dem Kopf tauchen sie jetzt an allen möglichen anderen Stellen auf. Zum Beispiel – ich bin ehrlich entsetzt! – auf der Oberlippe. Darüber hinaus entdecke ich hin und wieder ein einzelnes Hexenhaar auf der Wange.

Hier beobachte ich übrigens ein Phänomen der Natur: Die Wissenschaft hat ja festgestellt, dass Haare circa einen Zentimeter im Monat wachsen. Das wären dann ungefähr 0,3 Millimeter am Tag. (Ha! Sind Sie jetzt überrascht? Ich kann also tatsächlich rechnen!) Und nun kommt’s: Ich wette mit Ihnen, die oberflächlichen Wissenschaftler haben nur die Kopfhaare vermessen. Diese unerwünschten Haare, die nun wirklich kein Mensch braucht, wachsen nämlich unverhältnismäßig schneller als die auf dem Kopf. Ich schätze mal, 150-mal so schnell. So mindestens fünf Zentimeter am Tag haben die schon drauf. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass ich morgens glatt gezupft wie ein Kinderpopo das Haus verlasse und abends das Haarmonster plötzlich deutlich und in beeindruckender Länge sichtbar ist? Ich entdecke es dann gern auf dem Klo beim Nobelitaliener oder bei einem wichtigen Termin, wo man eher selten ein Hilfsmittel zwecks Eliminierung zur Hand hat.

Dass Sie jetzt aber keinen falschen Eindruck von mir kriegen: Eine Pinzette mit Licht sowie Kaltwachsstreifen für Gesicht und Körper gehören natürlich schon länger zu meiner immer griffbereiten Badezimmer-Grundausstattung. Und ich will auch nicht verschweigen, dass eine meiner letzten Anschaffungen ein Nasenhaarscherchen war … Peinlich, aber wahr! Doch irgendwann, als die Sonne besonders aufdringlich ins Bad schien, musste ich feststellen, dass ich trotz all dieser Hilfsmittel ohne Brille den sprießenden Wildwuchs nicht mehr beherrschen konnte. Aaaaber: Zum Zupfen der Augenbrauen ist die Brille sehr hinderlich, da ihr oberer Rand direkt vor denselben verläuft. Deshalb habe ich mir zu Weihnachten von meinen Eltern einen Kosmetikspiegel mit Fünffach-Vergrößerung und Beleuchtung gewünscht. Doch trotz dieser professionellen Ausstattung passieren die oben beschriebenen Pannen.

Wenn Sie jetzt denken, die Verteilung der Haarpracht beschränkt sich auf die Kopfpartie, sind Sie leider im Irrtum. Haare können noch viel weiter wandern. Meine Beine zum Beispiel ähneln immer mehr echten Rehläufen: nicht so schlank und wohlgeformt, aber mindestens so haarig. Klar, dass da der Nassrasierer im Dauereinsatz ist – meist unter der Dusche, da ich ja immer in Zeitnot bin und alles schnell gehen muss. Sehr ungeschickt, dass ich unter der Dusche keine Brille trage und deshalb grundsätzlich ein paar Stoppeln übersehe. Deshalb ergänzen ein Epilierer, ein Elektrorasierer und Enthaarungscreme meine Anti-Haar-Kampfausrüstung … und warten darauf, dass ich mich endlich traue, auch die Arme mit ihnen zu bearbeiten.

Kraterlandschaft

Direkt unter dem Haaransatz schließt sich bereits die nächste Problemzone an: das Gesicht. Hier stelle ich fest, dass mein neuer Spiegel definitiv auch Nachteile hat. In seiner kalt beleuchteten Vergrößerung entdecke ich erschreckt täglich neue Falten. Da habe ich mir ja mal wieder selbst ein Bein gestellt! Denn eigentlich ist es doch eine Gnade des Alters, dass die Zunahme der Schwerkraft mit der Abnahme der Sehkraft einhergeht … und man sich deshalb spätestens ab Mitte 40 durch einen Weichzeichner sieht, der so was Lästiges wie Falten hübsch abmildert.

Ich weiß jetzt nicht, wie das bei Ihnen ist, aber ich muss mich manchmal sehr wundern, wo man überall Falten kriegen kann. Es gibt da ja ganz verschiedene Arten: Zornfalten (das sind die zwischen den Augenbrauen), Stirnfalten (vertiefen sich beim Hochziehen der Brauen), Marionettenfalten (welche die Mundwinkel nach unten ziehen), Nasolabialfalten (die Biester rahmen dekorativ Nasenflügel und Mund ein und geben dem Gegenüber den Eindruck, einen kranken Menschen vor sich zu haben), Lippenfältchen (die unterstreichen die Zickigkeit und machen einen zur verbissenen alten Schachtel), Lachfalten (trotz schöner Ursache wenig schmeichelhaft Krähenfüße genannt) und und und. Ich habe sie alle, nur auf die Marionettenfalten warte ich noch. Und als ob das nicht reichen würde: Mitten auf der rechten Wange zieht sich eine relativ neue Linie senkrecht von oben nach unten. Wohlgemerkt, obwohl meine rechte Wange durchaus gut gepolstert ist, genauso übrigens wie die linke. Außerdem – auch neu! – habe ich eine ganz seltsame Stirnfalte, an einer Stelle, an der ich noch bei keinem anderen Menschen eine solche bemerkt habe – direkt unter dem Haaransatz und auch hier nur einseitig. Also wirklich! Das hat doch mit Mimik nichts mehr zu tun!

Vom Schlafzimmerblick zum müden Blick

Apropos sehen. Ob es nun um die Aufspürung neuer Falten geht oder die Sehkraft im Allgemeinen: Es beschleichen mich Zweifel, ob das Nachlassen derselben tatsächlich seine Ursache im Inneren des Auges hat. Denn irgendwie scheinen meine Augen immer kleiner zu werden. Ist doch klar, dass diese räumliche Einschränkung das Gesichtsfeld und den Blickwinkel negativ beeinflusst.

Die Oberlider folgen jedenfalls offenbar genauso der Schwerkraft wie alles andere. Was man früher noch als »verführerischen Schlafzimmerblick« bezeichnen konnte, gehört inzwischen eher in die Kategorie »Lass mich in Ruhe, ich will schlafen«. Kein bisschen sexy, einfach nur müde. Nun muss ich bloß noch einen Fachmann finden, der meine wohldurchdachte These bestätigt, dass kleine Augen schlechter sehen als große. Und schon gäb’s die Lidstraffung auf Krankenschein! Nee, ist klar. Träum weiter, Blondine!

Lippenbekenntnisse

Und wenn wir schon beim Träumen sind – welche Frau (und welcher Mann!) träumt nicht von den Lippen einer Angelina Jolie und fragt sich insgeheim: Können die echt sein? Als missgünstiges Weib behauptet man natürlich, dass sie aufgespritzt sein MÜSSEN. Doch es gibt Kinderfotos von Angelina, die das Gegenteil beweisen. Aber dann freuen wir uns wenigstens schadenfroh darüber, dass auch Frau Jolies Lippen mit den Jahren schmaler und verkniffener werden MÜSSEN.

So wie meine. Doch, echt. Es kommt mir vor, als ob meine ehemals vollen Lippen sich zugunsten der Lippenfältchen auf die Hälfte reduziert haben. Tja. So wird das nichts mehr mit der Weltkarriere als Filmstar. Und mit dem Männerverführen wohl auch nicht. Es ist tragisch.

Hilfe, Doppelkinn!

Geht es Ihnen eigentlich auch so, dass Sie vor dem Spiegel trotz aller altersmäßigen Veränderungen gar nicht soooo schlimm aussehen? Mich jedenfalls holt der Schock regelmäßig erst dann so richtig ein, wenn ich mich auf Fotos (oder, noch schlimmer, auf den laienhaften Videos meiner ach so netten Freunde) anschauen muss. Unglaublich, was da zum Vorschein kommt und was mir meine diversen Spiegel, sogar der mit Vergrößerung und Beleuchtung, bisher gnädig verschwiegen haben! So ein dickes Gesicht soll ich haben? Wo ist denn der Hals? Wieso schau ich denn so streng? Und überhaupt: Ich dachte, diese Bluse macht mich schlank.

Erst Schnappschüsse bringen so manche bittere Wahrheit an den Tag. Gnadenlos. Keine Ahnung, warum das so ist. Wahrscheinlich zeigt man sich aus reinem Selbstschutz seinem Spiegel nie in unvorteilhafter Pose. Vielleicht bemüht man sich doch immer um ein freundliches Lächeln, wenn man ins eigene Gesicht blickt? Schließlich will man sich ja nicht erschrecken!