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Jnana Marga ist ein Buch mit sieben Siegeln. Sieben ungebrochene Schicksale, die darauf warten, gebrochen zu werden. Weiß wie das Nichts. Die menschenscheue Luh lebt als Waise bei ihrer Tante auf Bali, bis sie plötzlich auf sich allein gestellt ist. Seit jeher sieht sie Gestalten, die für sie ebenso gewöhnlich geworden sind wie die Realität selbst. Doch an Nyepi - dem Tag der Stille - gerät das Leben der kleinen Luh aus den Fugen und das Surreale scheint sich mit der Wirklichkeit zu vermischen. Golden wie der Sand einer Wüste. Nachdem der Indianerhäuptling Kowi von seinem Stamm vertrieben wurde, da ein Fluch auf ihm lastet, befindet er sich auf einer spirituellen Selbstfindung. Gemeinsam mit dem suspekten Griechen Orpheus begibt er sich auf eine Expedition in die Tiefen der Erde. Es entbrennt ein Konflikt zwischen dem Glauben und der Wissenschaft. Blau wie die Tiefen des Meeres. Die exotische Doria wird von den Sasaniden - einem längst vergessenen Wüstenvolk - gefangen gehalten und dient lediglich der Befriedigung des ansässigen Königs. Doch als ihr plötzlich mithilfe eines mysteriösen Vogels, der einen halluzinogenen Duft versprüht, die Flucht gelingt, sinnt sie nach Rache. Grün wie eine erblühte Graslandschaft. Der achtjährige Tlaloc entstammt einer kannibalischen Gemeinschaft, welche die Rituale präkolumbianischer Kulturen pflegt. Erst als er miterleben muss, wie sein eigener Vater den grauenvollen Zeremonien der Puyus zum Opfer fällt, entsagt er seinem Stamm und flieht. Doch seine Vergangenheit holt ihn immer wieder ein. Violett wie ein geschliffener Amethyst. Den italienischen Architekten Mario verschlägt es in die Mongolei, um ein Observatorium - sein persönliches Leuchtturmprojekt - zu errichten. Wie es das Schicksal so will, lernt er währenddessen seine große Liebe kennen, die alsbald sein Kind in sich trägt. Das Schicksal hat allerdings noch einen weitaus durchtriebeneren Plan mit Mario vor. Rot wie Blut. Die griechische Sagengestalt Orpheus lebt mit seiner Frau zurückgezogen in den schottischen Highlands. Nachdem seine große Liebe bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt, bricht für den Musikus eine Welt zusammen. Schon bald wird dem gewitzten Orpheus jedoch klar, dass ihr Tod alles andere als ein Unfall war. Und für Vergeltung würde er bis ans Ende der Welt gehen. Schwarz wie die Nacht. Paigam erwacht plötzlich in einer fremden Welt. Völlig allein und ohne jegliche Erinnerung durchstreift er das Land. Doch wer ist Paigam?
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Seitenzahl: 593
Veröffentlichungsjahr: 2022
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~ Die erste Reise ~
Der Verirrte
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Der Vertriebene
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Die Verlorene
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Die Verwünschte
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Der Verschwundene
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Der Verlassene
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Der Verwirklichte
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Zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort
Epilog
Karma
Anhang
Tagebuch des Autors
Nachwort
Literaturverzeichnis
Bildinspirationen
Musikempfehlungen
Weitere musikalische Erwähnungen
Schwarz. Nichts als Dunkelheit bedeckte seine Sinne, als Paigam erwachte. Er versuchte seine Augen zu öffnen, doch mit jedem Blinzeln schmerzten seine Pupillen, die sich an ihre Umgebung gewöhnen mussten. Sein Kopf dröhnte und obwohl ihn die blanke Ungewissheit durchfuhr, blieb er vorerst regungslos liegen, während er versuchte, allmählich wieder zu sich zu kommen. Wie lange hatte er geschlafen? Wie lange lag er schon hier auf dem steinigen Boden, der trotz seiner harten Schicht angenehm warm war? Seine Glieder fühlten sich schwer wie Blei an, dennoch versuchte er sie zu bewegen.
Mit seinen Fingern tastete er die Oberfläche ab und bemerkte nicht, wie etwas langes Schleimiges auf ihn zukroch. Es näherte sich langsam und gleichmäßig. Dabei hinterließ es auf dem Grund eine dunkle glibberige Spur. Unmittelbar vor Paigam hielt das Wesen an und baute sich wie ein tentakelartiger Strang auf, geradezu so, als wolle es ihn genauer betrachten. Nachdem es sich vergewissert hatte, dass der leblos wirkende Mensch bis auf ein paar wenige Bewegungen ungefährlich schien, schnellte das Wesen nach vorn und umschlang gemächlich seine Hand.
Erschrocken fuhr Paigam auf, überwand seine Schmerzen, riss die Augen auf und versuchte die ihm unbekannte Kreatur abzuschütteln. Mehrere dunkelbraune und schwarze Tentakel durchfuhren seine Finger und umklammerten sein Handgelenk. Er schwenkte mit aller Kraft seinen Arm auf und ab, während ihm der blanke Schock im Gesicht stand. Plötzlich löste sich das Wesen und klatschte sackartig, glitschig und formlos zu Boden.
Paigam kroch auf allen vieren zurück, unterdessen behielt er die Kreatur im Auge. Sekundenlang lag sie regungslos wie ein dunkler algenförmiger Haufen da, bevor langsam mehrere ungleichmäßig lange Tentakel aus ihr hervortraten, mit denen sie sich blitzschnell und kriechend über das Erdreich fortbewegte und anschließend in einem morastigen Krater verschwand. Das merkwürdige Gebilde war auf keine weitere Konfrontation aus. Womöglich war es ebenso angsterfüllt wie sein Gegner.
Der Schweiß stand Paigam auf der Stirn. Und die Panik war noch immer in seinen Augen zu erkennen, während er sich verängstigt umschaute. Wo bin ich? Wie bin ich hierhergekommen? Er konnte sich an nichts erinnern und fühlte sich wie ein neugeborenes Kind, dass jedoch bereits mit seinen Sinnen umzugehen wusste. Seine Kleider waren zerrissen und schmutzig und klebten ihm am Leib. Er konnte sich weder an seine Herkunft noch an seinen eigenen Namen erinnern. Hingegen dessen stellte er fest, dass sein geistiger Zustand nicht eingeschränkt war, während er die sechs Buchstaben las, die auf seinem Arm tätowiert waren:
PAIGAM
Die Erinnerungen an sein bisheriges Menschenleben waren jedoch wie ausgelöscht. Was haben die Buchstaben zu bedeuten? Ist das vielleicht ein Name? … mein Name?, fragte er sich.
Fassungslos kniete er auf dem steinernen Boden; und obwohl das Klima angenehm warm und feucht war – fast schon tropisch –, fröstelte es ihn vor Ungewissheit am ganzen Körper. In völliger Verwirrung und besorgt wegen des vorangegangenen Angriffs auf ihn betrachtete er seine Umgebung näher und hätte sich am liebsten erst einmal versteckt, doch er wusste nicht, wohin er sollte. Paigam befand sich inmitten einer flachen granitartigen Landschaft, umgeben von mehreren kleinen Kratern wie jenem, in den die glitschige Kreatur geflüchtet war. Die Erdoberfläche war mit dunklem, nahezu schwarzem Gestein übersät, das eine ähnliche Beschaffenheit wie verrußtes Karbid und Kohle zu besitzen schien. Es gab keinerlei Anzeichen für einen Weg, geschweige denn eine Straße. Der Himmel hatte einen violetten Farbton und war von hellgrün schimmernden Lichterscheinungen umgeben, die kontinuierlich verschwammen und neue Silhouetten formten.
Paigam stand auf und bewegte sich langsam voran, während sein Blick auf den Himmel gerichtet war. In der Hoffnung, keinem weiteren unbekannten Wesen zu begegnen, achtete er zugleich auf die Krater im Gelände. Dabei schweifte Paigams Blick auf seine schmutzige weiße Baumwollhose und seine nackten Füße. Warum habe ich keine Schuhe? Und weshalb ist meine Kleidung so zerrissen? Es konnte geradewegs den Eindruck erwecken, als sei er ein Schiffbrüchiger, der inmitten einer verlassenen Wüste gestrandet war. So abwegig die Situation ihm auch erschien, er konnte sich an kein vorangegangenes Unglück erinnern.
Vollkommen ahnungslos schritt Paigam durch die dunkle Dürre. In der Ferne konnte er eine hügelige Landschaft erkennen und entschied sich, diesen Weg einzuschlagen. Wo sollte er auch hingehen? Paigam hatte kein Ziel vor Augen. Er hoffte inständig, dass er in naher Zukunft auf Trinkwasser und Nahrung stoßen würde, denn ansonsten könnte er seinen Aufenthalt im Unbekannten wohl ohnehin nicht lange überleben.
Während er sich immer weiter von seinem Ankunftsort entfernte, hielt er Ausschau nach irgendwelchen Indizien, die auf sein Herkommen hinweisen würden. Und obwohl es ihm vorkam, als befände er sich auf einem fremden Planeten, so konnte er keinerlei Wrackteile eines Raumfahrtunfalls oder dergleichen finden. In seinen Gedanken stellte er sich die absurdesten Theorien auf. Jemand muss mich entführt und hier ausgesetzt haben, ohne jegliche Spuren zu hinterlassen, schlussfolgerte er und konnte sich seine Umstände anders kaum erklären. Aber warum sollte das irgendwer machen? Wer bin ich? Immer wieder fragte Paigam sich, ob er sich das alles nur einbildete oder ob es gar eine Imagination war, denn genauso unreal nahm er diesen Ort wahr. Doch in einem Traum kann man nichts fühlen. Und er spürte die Wärme, die hohe Luftfeuchtigkeit, die schleimigen Rückstände, welche das kriechende Wesen an seiner Hand hinterlassen hatte. Bin ich im Jenseits und fühlt sich so der Tod an? Er würde es herausfinden müssen.
Die Zeit verging, aber wie viele Stunden Paigam inzwischen wirklich unterwegs war, wusste er nicht. Nicht einmal eine Sternenkonstellation am Himmel konnte ihm einen Anhaltspunkt geben, denn es gab weder Sterne noch Sonnen oder Monde. Lediglich die Morphologie des grünen Schleiers am Himmel ließ auf zeitliche Veränderungen schließen.
Auf seiner Wanderung in Richtung der Hügellandschaft kam er an verdorrten Bäumen vorbei. Demnach glaubte Paigam, dass er in der Nähe möglicherweise mehr Vegetation vorfinden würde, die wiederum Nahrung oder zumindest Wasser mit sich brachte. Zudem sehnte er sich nach anderen Menschen, die ihm erklären konnten, wo er war und ihm Hilfe anboten, doch weit und breit war … Niemand. Es herrschte absolute Stille um ihn herum. Auf irgendeine beängstigende Art und Weise fühlte Paigam sich dennoch nicht allein. Ständig hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden und hoffte, dass die algenartige Kreatur oder gar eine andere Bestie ihm nicht folgte. Ein hilfloser Neuankömmling in der Fremde wäre sicherlich eine leicht zu erlegende Beute.
Je näher Paigam der Hochebene kam, umso massiver wurde sie. Und inmitten dessen stach ein Berg besonders hervor, der wie ein riesiger Krater aussah. Sein Gipfel lag mehr als sechstausend Meter über dem Gelände. Indessen Paigam seinen Weg fortsetzte, nahm die Anzahl an Bäumen zu und das Unterholz wurde dichter. Die Pflanzen wiesen jedoch kein Anzeichen von Leben auf und besaßen stattdessen nur kahle Äste. Plötzlich erblickte er etwas, wonach er sich während seiner gesamten Reise gesehnt hatte … Wasser.
Ein Tümpel umzäunt von engem Buschwerk lag direkt vor ihm. Paigams Schritte wurden schneller. Kaum hatte er den Rand des Gewässers erreicht, kniete er sich lechzend davor und betrachtete es zögerlich und gierig zugleich. Es sah aus wie reines Wasser und war auch nicht annähernd so sumpfartig wie die Masse in dem Krater, worin die schwarze Kreatur zuvor entschwunden war. Die grünen Erscheinungen am Himmel spiegelten sich darin wider und verliehen ihm einen türkisfarbenen Glanz. Vorsichtig stieß Paigam seine Hände in das kühle Nass und es fühlte sich gut an – keineswegs dickflüssig oder irgendwie andersartig. Er schöpfte ein wenig davon mit seinen Händen und wusch sein Gesicht. Die erfrischenden Tropfen liefen über seine verschwitzte Haut. Sehnsüchtig schüttete er sich noch mehr von dem Wasser über die Haare und realisierte in dem Moment, dass dieser Tümpel seine Rettung war und er es ohne Flüssigkeit wohl nicht mehr lange ausgehalten hätte. Ob es genießbar ist?, fragte er sich voller Skepsis darüber, welche gesundheitsschädlichen oder gar tödlichen Bakterien in jener fremden Welt vorherrschen konnten. Doch er musste es riskieren. Was hatte er schon zu verlieren? Würde er es nicht wagen, müsste er womöglich den qualvollen Tod des Verdurstens erleiden. Und so trank er, als gäbe es kein Morgen.
Nachdem Paigam seinen Durst gestillt hatte, musterte er sein Spiegelbild im Wasser. Tiefschwarze Augen blickten ihn an, die weder eine farbige Iris noch das Weiß eines Augapfels aufwiesen – es waren seine Augen. Er sah einen jungen Mann, der gerade mal das Erwachsenenalter erreicht hatte, mit Bartstoppeln an seinem noch jugendlichen Kinn. Das Gesicht war sehr schmal, passend zu Paigams gesamter Körperstatur. Die Wassertropfen fielen von seinem kurzen schwarzen Haar herab, das aufgrund der Strapazen einen wilden und ungepflegten Eindruck hinterließ. Paigam versuchte es ein wenig zu entwirren und fuhr anschließend mit der Hand über sein Gesicht. Ihm war zwar bereits aufgefallen, dass er einen ockerfarbenen Hautteint besaß, doch der Anblick seines südasiatisch wirkenden Spiegelbilds warf ihm weitere Rätsel über seine Vergangenheit auf. »Wer bist du … Paigam?«, fragte er sich selbst. So sehr er sein Gedächtnis auch anstrengte, all seine Erinnerungen an seine Herkunft waren wie ausgelöscht.
Plötzlich schreckte der nachdenkliche junge Mann auf, sowie er im Wasser ein platschendes Geräusch hörte und sein Spiegelbild verschwamm. Irgendjemand musste einen Stein nach ihm geworfen haben. Er sprang zurück und blickte sich völlig verängstigt um. Erneut konnte er hören, wie etwas auf der Wasseroberfläche aufklatschte. Aus dem Affekt heraus wollte Paigam einfach nur verschwinden, da bemerkte er ein Rascheln, das aus dem Gestrüpp von der anderen Seite des Tümpels kam. Voller Furcht davor, dass ihn ein weiteres unbekanntes Wesen aufsuchen würde, starrte er wie gebannt auf die Stelle, von der das Geräusch ausging. Die Sträucher begannen sich zu bewegen und hervor trat eine kleine Gestalt mit spindeldürren Armen und Beinen, die kaum größer als einen Meter war.
»Job-job«, rief die im Schatten verborgene Gestalt und näherte sich dem Rand des Ufers.
Paigam versuchte sie zu erkennen, was aus der Entfernung allerdings nicht ganz einfach war. Der grün schimmernde Schleier am Himmel war die einzige Lichtquelle, welche die Atmosphäre ein wenig erhellte. Es war weitaus heller als in einer Vollmondnacht, aber auch nicht annähernd so klar wie bei Tageslicht, vielmehr war das Szenario mit der Dämmerung vergleichbar.
Du kannst kein Mensch sein!, stellte Paigam fest. Der Kopf der Gestalt passte aufgrund seiner auffälligen Größe proportional nicht zu dem Rest des Körpers. Seine Augen glänzten wie weiße Diamanten und waren selbst aus der Ferne nicht zu übersehen. Warum ist mir dieses Funkeln vorher noch nicht aufgefallen? Obwohl das sonderbare Wesen alles andere als gewöhnlich aussah, machte es auf Paigam keinen gefährlichen Eindruck. Und somit verflog allmählich seine Angst.
»Wer bist du?«, rief Paigam schließlich neugierig der Gestalt zu, doch diese antwortete nicht und blickte ihn nur störrisch an. Währenddessen neigte sie ihren Kopf um neunzig Grad zur Seite.
Paigam versuchte das Gesicht des Wesens deutlicher wahrzunehmen und erkannte darin die Fratze eines Clowns, die ihn mit einem breiten Grinsen anlächelte. Seine linke Schädelhälfte war kahl, die rechte hingegen besaß schulterlanges dunkelgrünes Haar, das einen Teil seines Gesichts verdeckte. Die dichte Haarpracht konnte allerdings selbst das Funkeln seiner Augen nicht verbergen. Die Nase war bezeichnend für sein clownartiges Erscheinungsbild; sie war klobig, rund und violett. Der dürre Körper des Geschöpfes schien nahezu verwebt mit seiner Kleidung zu sein, die aus einem schwarz-weiß karierten Jackett und einer Hose mit einem ebensolchen Muster bestand. Seine Montur war so enganliegend, dass Paigam sich sogar unschlüssig war, ob es sich dabei wirklich um Kleidung oder Haut handelte. Als Pendant zu seinem schicken Outfit trug er eine riesige rote Schleife um den Hals. Eine derartige verwirrende Gestalt hatte Paigam noch nie zuvor gesehen. Er war sich nicht einmal sicher, welchem Geschlecht die merkwürdige Figur eigentlich angehörte.
»Job-job«, schrie der Clown erneut mit hohem Ton in der Stimme. Und nachdem er gerade noch aufrecht gestanden hatte, klammerte er sich plötzlich mit den Händen am Boden fest und verrenkte seine Beine auf eine solch unmenschliche Weise, dass sie über seine Schultern glitten. Seine Hände und Füße waren weiß wie sein Gesicht und besaßen jeweils nur drei krallenartige Finger. Auf allen vieren krabbelte er so dicht wie nur möglich an das Gewässer. Der Kopf blickte zwischen seinen Schenkeln hervor und war noch immer um neunzig Grad zur Seite geneigt. Das Wesen war der Inbegriff eines Schlangenmenschen und konnte bei der Kontorsion seines Körpers, die er soeben vollführte, definitiv kein gewöhnlicher Sterblicher sein.
Wie gebannt blickten Paigam und der Clown sich trotz der Distanz in die Augen, ohne dabei auch nur mit der Wimper zu zucken. Es war, als bliebe die Zeit stehen und niemand wagte es auch nur einen Laut von sich zu geben. Erstaunlicherweise verspürte Paigam beim Anblick des Unbekannten keine Furcht, obwohl sein Erscheinungsbild mehr als skurril wirkte.
Auf einmal kehrte der Clown seinen Kopf wieder in eine aufrechte Position und öffnete langsam die violetten Lippen. Mit kreisförmig aufgerissenem Mund stand er da, doch er sagte nichts.
Es scheint mir irgendetwas mitteilen zu wollen, dachte Paigam, unterdessen das Glänzen in den Augen der Gestalt langsam erlosch. Und in dem Moment, als von ihrem Funkeln nichts als Dunkelheit übrig blieb, gab der skurrile Clown einen ohrenbetäubenden Schrei von sich und entschwand blitzartig – ähnlich dem Gang einer Spinne – auf Händen und Füßen kriechend im Gestrüpp.
Unvermittelt trat Stille ein; und alles war so, als wäre das Geschöpf nie da gewesen. Es war einfach spurlos verschwunden.
»Hey!«, rief Paigam ein wenig verstört. »Komm zurück! Ich will dir nichts Böses. Komm zurück.« Seine Stimme erstarb und wurde geradezu flehentlich. »Wo bin ich hier? Was soll das alles? Bitte … bitte …«
Nachdem sich sein Gemüt beruhigt hatte, erblickte er im Teich erneut die Spiegelung des grünen Schleiers, der nun heller zu sein schien als noch zuvor. Paigam schaute zum Himmel hinauf und bemerkte, wie sich die Lichterscheinung in Richtung des riesigen Berges schlängelte. Was hat das zu bedeuten? Paigam war sich anfangs nicht sicher, ob dies ein Zeichen sein sollte oder seine Sicht auf irgendeine Art und Weise irritiert war. Sein Kopf war voller obskurer Gedanken, dennoch entschloss er sich letzten Endes dazu, seinen Weg in die Berge fortzusetzen und dem grünen Licht in der violetten Atmosphäre zu folgen.
Stundenlang irrte Paigam durch das verdorrte Dickicht, bis er schließlich eine Lichtung am Fuße des Berges erreichte. Während er den kahlen Platz gemächlich überquerte, konnte er bereits am anderen Ende ein von vertrockneten Ranken überwuchertes Holzschild erkennen. Seine Schritte wurden schneller. Das Schild besaß die Form eines Pfeils und verwies entlang eines Pfades, der den Berg hinaufführte. Je näher Paigam dem Wegweiser kam, umso überzeugter war er, dass die Schlingpflanzen eine Aufschrift verdeckten. Als er endlich an seinem Ziel angelangt war, versuchte er die dornigen Zweige vorsichtig zu entfernen. Zum Vorschein kamen die folgenden Buchstaben:
SAMSARA
Paigam erhoffte sich, die Richtungsanzeige zu einer in den Bergen gelegenen Siedlung gefunden zu haben. Womöglich existiert hier doch irgendwo soziales Leben. Irgendjemand muss das Ding ja schließlich beschriftet und aufgestellt haben, schlussfolgerte er – auch wenn die Errichtung des Schilds wohl schon länger zurückliegen musste, so bewachsen und eingestaubt, wie es war. Endlich hatte Paigam ein Ziel vor Augen, welches ihm eventuell Aufklärung über seine missliche Lage und diese unbekannte Welt verschaffen würde.
Bevor er sich allerdings auf den Pfad begeben wollte, erblickte er zufällig auf der Lichtung eine Kleinigkeit, die er zuvor wohl übersehen haben musste. Inmitten der leeren Fläche, die insgesamt sehr düster wirkte, befand sich eine kleine helle Stelle. »Warum ist mir das nicht vorhin aufgefallen?«, fragte er sich. »Ich muss mich wohl zu sehr auf das Schild konzentriert haben.« Neugierig näherte Paigam sich dem erleuchteten Fleckchen.
Direkt vor seinen Füßen offenbarte sich eine mit Leben erfüllte weiße Blume, umgeben von immergrünen Blättern. Ihre Blüte war vergleichbar mit der einer Myrte. Der kleine Strauch spross geradezu aus dem steinigen Boden hervor, obwohl dieser eher vertrocknet als nährreich erschien. Allerdings befand sich weit und breit auch keine weitere derartig lebendige Pflanze.
»Wie kann in dieser völligen Dürre im Nirgendwo nur eine solche Schönheit wie du erblühen? Keine Pflanze im Umkreis von etlichen Meilen hatte auch nur das geringste Anzeichen von Leben ausgestrahlt. Doch du … lebst.« Paigam kniete sich nieder, um die Blume näher zu betrachten. Und zum ersten Mal seit er in jener Gegend erwacht war, empfand er ein heimatliches, geborgenes Gefühl. Er senkte seinen Kopf und roch an der Blüte, wobei ihm ein unbekannter, jedoch angenehmer Duft in die Nase stieg. Keineswegs wollte Paigam die Blume ihrem Ursprung entreißen, dennoch war er neugierig, wie sie sich wohl anfühlte. Ganz sanft strich er mit seinen Fingern über ihre weichen Blütenblätter; und wie aus dem Nichts erstarb ihr Glanz, als er sie berührte. Die gerade noch strahlend weiße Blüte färbte sich plötzlich grau, kräuselte sich und fiel tiefschwarz zu Boden. Der immergrüne Strauch, aus dem sie entsprungen war, welkte in Sekundenschnelle und zerfiel in unzählige Stücke, unterdessen der Stängel reglos herabsank.
Paigam erschrak und wich fassungslos von der Pflanze zurück. »Aber … aber … ich habe doch gar nichts getan? Ich wollte sie nicht töten.« Vom schlechten Gewissen geplagt stand er auf. Sein Blick war weiterhin auf die verwelkten Überreste der Blume gerichtet, während er sich langsam von ihr distanzierte. Da bemerkte er plötzlich ein Beben unter seinen Füßen. Es war, als würde jeden Moment der Erdboden aufreißen. Ebenso schnell und unerwartet wie die Erschütterung gekommen war, verschwand sie allerdings auch schon wieder. Verängstigt rannte Paigam auf den Pfad zu, der in Richtung Samsara führte, ohne zu wissen, was Samsara überhaupt bedeutete. Er wollte diesen zwielichtigen Ort einfach nur hinter sich lassen und dem unbehaglichen Gefühl entfliehen, welches ihn verfolgte.
Irgendwo am anderen Ende der Lichtung blinzelten ihm aus dem Unterholz zwei diamantene Augen hinterher.
Der Aufstieg war für Paigam eine große Erschwernis und erschien ihm inzwischen endlos. Somit wollte er sich vorerst eine kleine Auszeit gönnen. Völlig erschöpft setzte er sich unter einen Felsvorsprung, der sich wie eine schützende Hand über ihn legte. Dem Ausgehungerten knurrte der Magen; er musste dringend etwas Essbares finden. Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Paigam war am Ende seiner Kräfte. »Wie wohl das eigene Fleisch schmeckt?«, fragte er sich mit bitterem Hohn. Schnell schob er diese abwegige und scherzhaft gemeinte Vorstellung beiseite und verlor sich in Gedanken an ein saftiges Steak und frisches Obst, bevor er schließlich einschlief.
Ein dunkler Schleier breitete sich vor Paigam aus, der wie Hunderte von schwarzen Tentakeln aussah und sich ungleichmäßig bewegte. Langsam verformten sich die wirren Fangarme zu einer grinsenden Clownsfratze, deren Umriss strahlend grün schimmerte und die Dunkelheit durchbrach. Zwei leuchtende Sterne blitzten aus ihr hervor. Ihr weißer Schein überwand die Schwärze vollständig. Immer näher schwebte die Grimasse an Paigam heran und wurde größer und fülliger. Dabei öffnete sie zunehmend ihren Mund und stieß einen lauten Schrei aus, bis sie anschließend den erstarrten jungen Mann verschluckte.
Plötzlich fand Paigam sich auf einem Schlachtfeld wieder. Sein Gesicht und seine Hände waren blutüberströmt. Der Schweiß brannte ihm auf der verletzten Haut und tropfte von seinen Haaren. Mit seiner zitternden Faust umklammerte er einen Speer. Als er aufsah, erblickte Paigam eine ganze Armee von zornigen Männern, Frauen und Kindern, die auf ihn zugestürmt kam. Sie trugen Schwerter, Äxte, Dolche und Peitschen. Hasserfüllt stürzten sie sich auf den Ahnungslosen und versuchten ihn mit jeder nur erdenklichen Waffe zu töten.
Wie in einem unkontrollierbaren Trancezustand marschierte Paigam durch die Masse und wehrte die Attacken gekonnt ab. Er ging zum Gegenangriff über und durchbohrte mit der Speerspitze den Körper eines Mannes, zog sie wieder heraus und erschlug mit dem Schaft einen weiteren seiner Feinde. Mit der Gewandtheit eines Ninjas bewegte er sich voran und führte seinen Speer mit einer solchen Leichtigkeit, als wäre die Stichwaffe ein dritter Arm. Paigam kämpfte um sein Leben. Ihm blieb keine Zeit zum Nachdenken; und somit schlachtete er gnadenlos jeden ab, der ihn attackierte.
Obwohl der Kampf für den Alleingelassenen aussichtslos erschien, wehrte er sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Paigam griff nach dem Schwert eines gefallenen Mannes und stieß es einem Angreifer in die Brust. Ohne mit der Wimper zu zucken, riss er die Stahlklinge aus seinem Opfer, wirbelte sie herum und köpfte einen weiteren Widersacher. Einer nach dem anderen ging vor seinen Füßen zu Fall.
Eine Frau mit einer dunklen Maske beabsichtigte Paigam von hinten mit ihrer ledernen Peitsche zu erdrosseln. Ihm blieb die Luft weg, während sie den Riemen immer fester um seinen Hals zog. In letzter Minute gelang es Paigam jedoch, die hysterische Frau zu überwältigen, indem er seinen Speer zwischen seinen Beinen hindurch in sie stieß. Die Peitsche löste sich von ihm und viel in den blutigen Sand. Großmütigkeit und Erbarmen waren in dieser Schlacht nicht von Bedeutung.
Kinder rannten schreiend durch die Menge und versuchten sich im Gewimmel der Erwachsenen zu verstecken. Ihre Augen waren leuchtend rot. Geradezu dämonisch lugten sie zwischen der Horde hervor und lauerten auf den richtigen Angriffsmoment.
Paigams Kleidung war in Blut getränkt, dennoch schritt er weiterhin wagemutig und opferbereit über das Schlachtfeld. Überall lagen Leichen und abgetrennte Körperteile, die er im Kampf hinterlassen hatte, doch die Schar von Angreifern nahm kein Ende. Er fühlte sich wie ein Märtyrer, auch wenn er keine Ahnung hatte, wofür er eigentlich kämpfte. Inzwischen sah Paigam allerdings kaum noch einen Ausweg aus seiner prekären Situation, somit reckte er seinen Speer zu dem orangefarbenen Himmel empor und flehte um Erlösung. Die riesige feuerrote Sonne blendete Paigams Augen. Ihr Umfang nahm immer weiter zu. Je größer der glühende Ball wurde, umso mehr veränderte sich mit ihm auch die Farbgebung der gesamten Atmosphäre: Aus Orange wurde Purpur; aus Purpur wurde Violett. Und während Paigam unablässig die Sonne anstarrte, wurde er von zahllosen Kriegern überrannt.
Schließlich wagten sich auch die Kinder mit ihren dämonischen Augen aus ihren Verstecken, schlichen an den im Sand liegenden Paigam heran und fielen wie Raubtiere über ihn her. Sie fraßen ihre Beute bei lebendigem Leib. Paigam konnte sich weder wehren, noch konnte er schreien. Regungslos schaute er in den Himmel. Schwarze Schlingen traten hinter der Sonne hervor, umklammerten sie und stahlen ihr Licht. Die violette Sphäre färbte sich allmählich schwarz, bis nur noch zwei glänzende Sterne am Firmament zu sehen waren, die ungleichmäßig aufblinkten und letztendlich im Nichts verschwanden.
Paigam wachte schweißgebadet auf und schrie, so laut er konnte. Sein Herz raste vor Aufregung. Und als er bemerkte, dass alles nur ein böser Traum gewesen war, fand er sich plötzlich an einem Ort wieder, der in keinster Weise dem glich, wo er sich zuvor schlafen gelegt hatte.
Der aufgebrachte Paigam lag auf dem Holzfußboden einer Hütte, während sich sein Pulsschlag allmählich beruhigte. Noch völlig entgeistert von seinem beängstigenden Albtraum starrte er an die Deckenbalken über sich und lauschte unterbewusst dem Ticken einer Uhr. Tick-Tack, Tick-Tack.
Nachdem er sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte, blickte Paigam sich verdutzt im Zimmer um. »Wo …? Wo bin ich?« Er streifte mit der Hand über seinen Hinterkopf, der ihm aufgrund der harten Unterlage ein wenig schmerzte. »Wer hat mich … hierhergebracht?« Da ihm ohnehin die gesamte Situation ein Rätsel war, ersparte er sich weitere Grübeleien. Stattdessen wollte er nachschauen, ob sich irgendeine andere Person in dem Haus aufhielt.
»Hallo?«, rief Paigam vorsichtig. »Ist da jemand?« Es ertönte keine Antwort. »Hallo?«, fragte er erneut, doch bis auf das Ticken der Uhr war da nichts als Stille.
Gemächlich schritt er im Raum umher und betrachtete die Einrichtung näher: ein Schreibtisch, ein alter Holzstuhl, ein paar verstaubte Gardinen. Nicht sonderlich spektakulär, dachte sich Paigam und wandte sich der tickenden Standuhr zu, die noch das Ansehnlichste in dem Raum war. Tick-Tack, Tick-Tack, machte es in seinem Kopf. Paigam versuchte aus der Ferne die Zeit abzulesen und stellte fest, dass es genau zwölf Uhr sein musste. Als er jedoch näher heranging und das Ziffernblatt deutlicher sah, erkannte er, dass die Uhr nur einen Zeiger besaß, der auf die Zwölf gerichtet war. Und obwohl sie unaufhörlich weitertickte, bewegte sich der Zeiger selbst dann nicht voran, nachdem geraume Zeit verstrichen war.
An das Wohnzimmer grenzte ein schmaler dunkler Hausflur, in dessen Mitte ein Gemälde an der Wand hing. Die Malerei darauf zeigte einen im offenen Meer treibenden Mast, auf welchem sich mehrere Schiffbrüchige zu retten versuchten. Riesige Wellen peitschten gnadenlos auf sie ein.
Im Vorübergehen musterte Paigam kritisch das Bild. Hab ich das nicht irgendwo schon mal gesehen?, fragte er sich. Irgendetwas tief in seinem Inneren sagte ihm, dass er jenes Gemälde kannte. Das erste Mal seit er in dieser merkwürdigen Welt gestrandet war, verspürte er den Hauch einer Erinnerung. »Natürlich!«, schoss es aus ihm heraus. Ich hab dich in meinem Traum gesehen, bevor ich in der Ödnis aufgewacht bin. Da war dieser weiße Raum. Doch so sehr er auch versuchte, sich an mehr zu erinnern, es wollte ihm einfach nicht gelingen.
»Hallo? Ist jemand zu Hause?«, rief Paigam erneut, während er auf das Zimmer am Ende des Flurs zuschritt. Als er die knarrende Tür öffnete, erblickte Paigam in dem Raum ein leeres Bett und einen hölzernen Kleiderschrank. Ein leicht modriger Geruch stieg ihm in die Nase; und im Allgemeinen machte es eher den Eindruck, als sei hier schon längere Zeit niemand mehr gewesen. Aber irgendjemand muss mich doch …?
Neugierig schaute er in dem Schrank nach, ob es dort Hinweise auf den Hausbesitzer gab. Darin befand sich ein violettes Jackett, welches sorgfältig auf einem Kleiderbügel hing. Ansonsten war innerhalb des antiken Möbelstücks nichts vorzufinden. »Das sind ja nicht gerade viele Klamotten, welche diese Person besitzt«, spöttelte Paigam. Sowie er allerdings an sich selbst herabblickte und seine Kleiderfetzen mit dem schicken Sakko verglich, wurde ihm wieder bewusst, dass er selbst auch nichts Besseres zu bieten hatte. »Immerhin ist das gute Stück stilvoll … aber vor allem bedeutet es ein wenig Hoffnung auf menschliches Leben.« Trotz seiner bescheidenen Kleidung kam es Paigam nicht in den Sinn, sich den Anzug unter den Nagel zu reißen. Zumal er weder wusste, mit wem er es hier zu tun hatte, noch wollte er jemanden hintergehen, der ihn womöglich vor wilden Bestien gerettet hatte, die draußen in der Wildnis hausen mochten. Stehlen war eine Sünde; und bis auf die Tatsache, dass seine Klamotten zerrissen waren und etwas unschön rochen, fühlte er sich eigentlich ganz wohl darin.
Paigam begutachtete anschließend das Badezimmer, den zugleich letzten Raum der kleinen Hütte. Bis auf ein schmutziges Waschbecken, eine von Spinnweben überzogene Badewanne und eine mit Kotresten besudelte Toilette, konnte er dort jedoch keine Spuren vom Eigentümer vorfinden. Die Reinlichkeit scheint dem Hausbewohner nicht in die Wiege gelegt worden zu sein, dachte Paigam angewidert, als er die sanitäre Einrichtung ansah.
»Hallo? Dürfte ich mal Ihre Toilette benutzen?«, fragte er aus Höflichkeit, ohne eine Antwort zu erwarten. Paigam stellte sich vor die Toilettenschüssel, zog seine Hose herunter und begann zu urinieren. Während er seine Gedanken schweifen ließ, fiel ihm auf, dass er gar keinen Hunger mehr verspürte; dabei hatte er seit Ewigkeiten nichts gegessen. Plötzlich hörte er ein lautes Grunzen von draußen und wurde aus seiner Tagträumerei entrissen. Vor Schreck pisste er sich ans Bein. »Verdammt!«, fluchte Paigam und versuchte vergeblich die defekte Spülung zu betätigen.
Mit Bedacht schlich er zurück ins Wohnzimmer. Was war das?, fragte er sich und spähte unauffällig aus dem Fenster, indem er die alten Vorhänge ein wenig zur Seite schob. Ihm stockte der Atem. Unmittelbar vor dem Haus hatte sich eine Horde von Wildschweinen versammelt. Die Tiere besaßen ausgeprägte Eckzähne, nur schienen diese wesentlich größer als die von gewöhnlichen Keilern zu sein. Ihre Körper waren von dunklem Fell überzogen, welches sich borstenartig in die Höhe sträubte. Die Augen der ungebetenen Gäste waren tiefrot – wie die der Kinder aus Paigams Traum – und leuchteten in der Dunkelheit. Paigam war angst und bang, als er sah, wie die Schweine in Scharen die Hütte umzingelten und sie anvisierten. Durch die Luft schallten ein furchterregendes Grunzen und Quieken, das an Lautstärke und Aggressivität zunahm.
Es folgte ein kurzer Moment der Stille, bevor der Boden zu vibrieren begann und eine ganze Armee von Wildschweinen auf die Hütte zuströmte. »Verdammte Eber!«, fluchte Paigam, während er ins Schlafzimmer rannte, die Tür hinter sich schloss und sich im Kleiderschrank versteckte. »Was wollen diese Bestien von mir?« Die wilde Horde hämmerte mit ihren Köpfen gegen die Eingangstür und sämtliche Außenwände, geradezu so, als wollte sie das gesamte Haus niederreißen.
Paigam saß zusammengekauert auf dem Einlegeboden des Schranks und flüsterte ein Gebet vor sich hin. Durch den schmalen Spalt der doppelflügeligen Holztür fiel ein sanfter Lichtstrahl in sein schattiges Versteck. Gegenüber des vor Angst schlotternden jungen Mannes hing das Jackett seelenruhig an seinem gewohnten Platz. In der Dunkelheit sah es wie der Schatten einer kopflosen Gestalt aus, die in der Luft schwebte. Draußen polterte es unaufhörlich. Ein lautstarkes Klirren teilte Paigam das Zerspringen einer Fensterscheibe mit.
»Lasst mich in Ruhe!«, wimmerte er und hielt sich die Ohren zu, um nichts von alledem mitzubekommen. Tränen kullerten über sein Gesicht, unterdessen er sich verzweifelt wünschte, dass der Spuk ein Ende haben würde. »Aufhören! … Bitte … hört auf!« Paigam schloss die Augen und wippte aufgeregt vor und zurück. Er wollte nichts mehr hören; er wollte nichts mehr sehen; er wollte nichts mehr fühlen. Und plötzlich schrie er all seinen Frust heraus. »Verschwinde! Verschwinde! Verschwinde!«
Die dumpfen Geräusche in seinem Gehör, welche er zu verbergen versuchte, verstummten. Paigam löste vorsichtig die Hände von seinen Ohren und vernahm nichts als Stille. Während er durch seine Augen blinzelte, sah er die dunklen Umrisse des Sakkos. Auf eine merkwürdige Art und Weise wirkte seine Silhouette wie ein Schutzengel, der auf Paigam herunterblickte und nur darauf wartete, dass er aufwachte.
Eine ganze Weile blieb Paigam noch in dem Schrank sitzen, um sicherzugehen, dass die Wildschweine kein gemeines Spiel mit ihm trieben und absichtlich schwiegen, um ihn aus seinem Unterschlupf zu locken. Nachdem er allerdings minutenlang auch nicht nur den geringsten Laut vernommen hatte, wagte er sich zögerlich aus seinem Versteck heraus. Paigam öffnete die Schlafzimmertür einen Spalt und spähte auf den dunklen Korridor. Das Bild, welches zuvor noch an der Wand gehangen hatte, lag entzwei auf dem Boden. Auf Zehenspitzen schlich er den Flur entlang in Richtung des Wohnzimmers. Von dem Fenster war lediglich ein Scherbenhaufen geblieben. Die hölzerne Eingangstür war aufgespalten.
Paigams Aufmerksamkeit galt dem, was außerhalb der Hütte womöglich auf ihn lauern mochte, und so bemerkte er nicht, wie er auf etwas Glitschiges trat. Schnell sprang er einen Schritt zur Seite und spürte erneut eine klebrige Masse unter seinen Füßen. Zuerst dachte er, dass wieder eines dieser algenartigen Wesen in der Nähe war und seine Spuren hinterlassen hatte. Im Eifer des Gefechts zertrat er sechs Stück jener kleinen Objekte, die überall auf dem Boden verteilt lagen. Sowie er sich jedoch eines von der Ferse kratzte, es näher betrachtete und daran roch, war seine Befürchtung sofort gewichen. Weintrauben?, dachte Paigam verwirrt. Wo kommen die denn plötzlich …? Ach, was frage ich mich das eigentlich noch. Ein schwarzes Wabbelding, ein Clown, Wildschweine … Warum also keine Weintrauben? Er steckte sich ein paar von den Früchten, die er nicht zertrampelt hatte, gierig in den Mund. Früher oder später musste er es schließlich riskieren, etwas zu essen – und Essbares schien in dieser Welt rar zu sein. Bei dem fruchtigen Geschmack lief ihm das Wasser im Mund zusammen, dennoch behielt er weiterhin sorgsam die Eingangstür im Visier.
Paigam lugte aus dem zerbrochenen Fenster, doch weit und breit war keines der wildgewordenen Tiere zu sehen. In seinem Gesicht spiegelte sich Erleichterung wider. Die Eindringlinge waren verschwunden, lediglich die Spuren der Verwüstung waren allgegenwärtig. Es war vollkommen ruhig bis auf die gleichmäßigen Geräusche der Standuhr. Tick-Tack, Tick-Tack. Und noch immer war der Zeiger auf die Zwölf des Ziffernblatts gerichtet.
Nachdem Paigam den Schrecken allmählich verdaut hatte und eine weitere Traube genüsslich aß, entdeckte er auf dem Tisch ein von Staub bedecktes Buch. Wie konnte ich das nur übersehen?, fragte er sich. Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass es vorhin dort noch nicht gelegen hat. Er musterte den braunen Umschlag, auf dem nahezu unsichtbar ein goldener Schriftzug schimmerte.
DIARIO DI MARIO
Paigam schlug die erste Seite des gebundenen Buches auf, doch was er dort sah, waren keine Buchstaben.
Überwältigt von dem Inhalt, schlug er den Einband sofort wieder zu. Paigam wollte sich vergewissern, dass er die Kontrolle über sich behielt, während er in das Buch schaute. Es war, als wäre er in die Gedanken einer anderen Person eingetaucht. Für einen Augenblick konnte er die Welt aus einer fremden Perspektive wahrnehmen.
Vorsichtig öffnete Paigam das geheimnisvolle Buch wieder und schlug eine andere Seite als zuvor auf. Erneut befand er sich in dem Geist eines Unbekannten, jedoch war er diesmal an einem anderen Ort und in einem anderen Zeitabschnitt. Paigam blätterte weiter. Er schien die verschiedensten Abschnitte eines Lebens zu durchlaufen, wie sie für gewöhnlich in einem Tagebuch geschrieben stehen.
»Wer bist du?«, flüsterte Paigam und versuchte eine Antwort zu finden, indem er aufmerksam in dem Buch stöberte.
Er befand sich an einem Ort der Idylle und blickte auf das Meer, in dem sich der Sonnenuntergang widerspiegelte. Gemeinsam mit einer wunderhübschen Frau, die langes dunkles Haar hatte, saß er auf einer alten Terrasse. Während er seine Geliebte leidenschaftlich küsste, hielt er sie in den Armen. Sie hatte geweint.
Er durchlief eine kleine lebendige Stadt am Fuße eines hohen Berges. Die Menschen begrüßten sich höflich. Sie verkauften Fisch und Obst an Marktständen, die sich dicht aneinanderreihten und enge Gassen bildeten. Bei einer Juwelierin kaufte er eine goldene Halskette.
Er befand sich an Deck eines Schiffes und blickte hinab in das Kielwasser, das durch die Schiffsschrauben verursacht wurde. Im Wasser konnte er die Lichter des Hafens erkennen. Er dachte an Amerika – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Illumination im Meer verwandelte sich in die Skyline einer Metropole, die von Wolkenkratzern und blinkenden Werbetafeln geprägt war.
Er saß in einer Schänke und lauschte der traurigen Musik eines Klavierspielers, indessen er sich betrank. Als er durch die nächtlichen Gassen der Stadt taumelte, sah er den Vollmond hinter einer Wolke hervorkommen; und der Tod erschien ihm süßer als das Leben.
Er sah in die Augen einer jungen Frau. Sie waren blau wie das Meer – und stets dachte er, darin zu ertrinken. Der Anblick ihrer tiefblauen Iris ließ ihn alles vergessen und brachte seine Gedanken völlig durcheinander. Liebevoll streifte er mit der Hand durch ihr Haar, dabei lief ihr eine Träne über das Gesicht. Alles um ihn herum wurde klein und nichtig. Und während er der jungen Frau seine Liebe gestand, schenkte er ihr die goldene Halskette.
Er sah sich die Manschetten seines Hemdes zuknöpfen.
Er begegnete einem blinden Greis, der zu ihm sagte: »Es ist die Macht der Poesie, wo jedes Drama eine Fälschung ist, sodass du mit ein bisschen Schminke und Mimik zu einer anderen Person werden kannst.«
Er sah Menschen kreischen und fliehen. Die Luft war von Staub erfüllt, weswegen er kaum etwas erkennen konnte. Ihm gefror das Blut in den Adern, als er auf dem sandigen Boden eine goldene Kette entdeckte. Fassungslos nahm er sie in seine Hände und flüsterte: »Ich hab dich lieb, so ungemein lieb!« Der Sand rann ihm durch die Finger.
Er hörte eine vertraute Stimme in seinem Geist. Sie sprach die folgenden Worte: »Du drehst dich um und siehst dein Leben wie das Kielwasser einer Schiffsschraube an dir vorüberziehen. Doch das Wasser verweilt im Meer wie ein Sandkorn in der Wüste. Es ist das Leben, welches endet.«
Paigam schloss das Buch.
~ Musikpause ~
~ Lucio Dalla ~ Caruso ~
Obwohl Paigam sich erhofft hatte, in dem Tagebuch etwas Wissenswertes zu finden, ließ es ihn nur umso verwirrter zurück. »Was beabsichtigst du, mir zu sagen?«, fragte Paigam leise, bevor er sich schließlich von dem Schreibtisch abwandte und langsam auf die Eingangstür zuschritt. Im Vorbeigehen betrachtete er die alte Standuhr, deren Zeitanzeige unverändert war. Tick-Tack, Tick-Tack.
Ihm schossen die Szenarien durch den Kopf, die er soeben gesehen hatte. Paigam versuchte sie zu ordnen und ihren Zusammenhang zu verstehen. Einerseits erschienen sie ihm völlig fremd und andererseits wiederum hatten sie seine innere Leere gefüllt. Auf einmal besaß er wieder Erinnerungen – auch wenn es nicht seine eigenen waren. »Da ist irgendetwas … ich weiß nur nicht was.« Er war in eine Welt eingetaucht, die ihm vertraut erschien. »Ich muss dorthin zurück!«
Durch die zerstörte Eingangstür gelangte Paigam auf die angrenzende Veranda. In der Ferne zeichnete sich das Tal ab und an dem violetten Himmel bahnte sich der grüne Schleier weiterhin seinen Weg zur Bergspitze. Der Höhe nach zu urteilen, musste sich die verlassene Hütte irgendwo auf halber Strecke befinden. Nur wenige Meter davor lag der Pfad, dem Paigam gefolgt war. Am Wegesrand stand ein Holzschild in Form eines Pfeils, das bergauf zeigte und dem glich, welches er am Fuße des Berges gesehen hatte. »Samsara«, sagte er in Gedanken schweifend und blickte zum Gipfel hinauf. »Wer oder was bist du?«
Paigam legte ein Bekenntnis vor sich selbst ab, worin er sich eingestand, dass er nicht ohne Grund an jenem düsteren Ort sein konnte und ihn das Schicksal hierhergeführt haben musste. Wenn es mir nur gelingt, die Puzzleteile richtig zusammenzusetzen, finde ich vielleicht einen Weg hier raus, dachte er voller Überzeugung. Er wollte das Mysterium, welches ihn umgab, nicht länger als Plage betrachten und es mit all seinen Gegebenheiten – so übernatürlich sie auch sein mochten – akzeptieren. Was hab ich schon zu verlieren? Ich bin doch ohnehin schon längst gestorben. Paigam wollte leben. Doch um das zu erreichen, musste er sich selbst finden. Und so galt es, diese schöne neue Welt zu erforschen.
Der Berg, der keiner war
In einer anderen, nicht allzu fernen Gegend krochen inzwischen schwarze schleimige Tentakel aus einer riesigen Krateröffnung. Die Laminaria bahnte sich ihren Weg aus dem Vulkan. Es war eine Form von Paroxysmus, die sich in der Düsternis unauffällig am höchsten Punkt des Gebirges vollzog. Anstelle von Lava eruptierten dunkle algenähnliche Gebilde, die in einer Abfolge von sich steigernden Ausbrüchen hervortraten. Völlig individuell konnten sie sich zusammenfügen und das Abbild einer Monstrosität erwecken oder sich einzeln und nahezu unsichtbar hinter kleinen Felsen verkriechen. Unzählige Schlingen wanden sich in Richtung Freiheit und folgten dem Berg abwärts, während zwei funkelnde Augen den Vorgang heimlich beobachteten.
Gold. Alles was er die letzten Wochen gesehen hatte, war nichts als goldener Sand. Die Hitze der Sonne brannte ihm im Gesicht und ihr grelles Licht ließ ihn fast erblinden. Seine Lunge war vollkommen ausgetrocknet; und somit genehmigte er sich den letzten Schluck Wasser aus seiner Flasche. Aufgeben kam für ihn nicht in Frage – nicht nach all dem, was er bereits überlebt hatte. Dagegen waren die letzten Meter, die er durchzustehen hatte, doch eine Lappalie.
Die Vegetation nahm zu und aus Wüste wurde Steppe. Der riesige Feuerball verschwand allmählich am Horizont. Kowi stieg von seinem Dromedar und ließ es an einer Wasserstelle trinken.
»Auf dich ist Verlass, alter Junge! Trink so viel du willst, Amarok.« Er streichelte ihn am Bauch und hievte seinen Poncho vom Rücken des Tieres, um es sich anzulegen, denn die Nächte waren kühl. Anschließend entfachte er ein Lagerfeuer und grillte ein Erdmännchen, das er wenige Stunden zuvor mit seinem Pfeil erlegt hatte. Während er nach dem Fleisch lechzte, ließ sich das Dromedar neben ihm nieder, legte den Kopf auf den Boden, kaute noch ein bisschen vom trockenen Gras und schlief ein.
Kowi betrachtete im Feuerschein die riesige Narbe, die über seiner Brust verlief, und ihn durchzuckten wilde Erinnerungen. Paranoid blickte er sich um und versicherte sich, ob sein Messer noch in der ledernen Scheide seines Gürtels steckte. Kurz darauf griff er nach seinem Köcher und zog einen Pfeil heraus. Er stand auf, nahm seinen Bogen in die Hand und spannte den Pfeil darin ein. Hektisch zielte er mit dem Geschoss abwechselnd in jede Richtung. Um ihn herum war es allerdings seelenruhig und friedlich, lediglich das Zirpen der Grillen war zu vernehmen. Doch seine Intuition sagte ihm, dass etwas nicht stimmte; und bislang hatten ihn seine Gefühle nie getäuscht. Er versuchte mit seinem Geist eins zu werden, unterdessen er langsam und konzentriert durch die Gegend schritt. Sein Adlerblick nahm einen von Gras übersäten Hügel ins Visier. Geräuschlos schlich er darauf zu. Mit gespanntem Bogen blickte er über die Bodenerhebung und zielte mit seinem Pfeil direkt ins Gesicht einer im Dunkeln verborgenen Gestalt.
»Halt! Stopp! Nicht schießen!«, flehte ihn ein kleiner Mann an und hob dabei die Hände über den Kopf. »Verdammt! Nimm den Pfeil runter! Es ist nicht so, wie du denkst. Ich bin in friedlicher Absicht hier. Ich geh einfach weiter, wenn du willst? Nur bitte, töte mich nicht.«
Kowi sah über die Pfeilspitze hinweg und zielte damit dem Fremden direkt zwischen seine Augen. »Wer bist du?«
Der Anblick des kleinen Kerls wirkte fast ein wenig mitleiderregend auf den kräftigen Indianer; er besaß dichtes, braunes, lockiges Haar und einen dazu passenden Schnurbart. Schweißperlen kullerten ihm von der Stirn, während er ängstlich stotterte. Zumindest körperlich stellte er keine Bedrohung für Kowi dar – aber wo einer war, konnten noch andere sein.
»Orph… Orpheus … mein Name ist Orpheus. Ich bin weit gereist, sehr weit … ein Wanderer sozusagen. Bitte … töte mich nicht.«
»Bist du allein?«
»Ja … ja. Ganz allein. Ich bin allein. Völlig allein. Nur ich.«
»Hast du irgendwelche Waffen bei dir? Dann raus damit!«
»Nein … nein. Keine Waffen. Keine Waffen.« Etwas misstrauisch senkte Kowi den Pfeil.
»Vielen Dank, Herr. Danke, danke, danke.« Der kleine Mann kniete nieder und verbeugte sich.
»Wieso lauerst du mir auf?«
»Ich lauere nicht. Nun ja, nicht wirklich. Ich kam hier entlang, also da, beziehungsweise dort.« Völlig aufgeregt gestikulierte er mit seinen Händen. »Ich hab dich an der Tränke mit deinem Kamel gesehen. Verzeihung, aber ein Indianer und ein Kamel am Rande der Wüste? Ganz allein? Ein wenig merkwürdig, oder?«
»Nicht merkwürdiger als ein kleiner, pummeliger, bärtiger Mann im Dunkel der Nacht hinter einem Hügel hockend und in einen rot-grün karierten Rock gekleidet. Ebenfalls allein und ebenfalls am Rande der Wüste«, konterte Kowi etwas pikiert und verdutzt zugleich.
»Das … Verzeihung, aber das ist kein Rock. Es ist ein Kilt. Ein aufwendig fabriziertes, modisches und vor allem kulturelles Kleidungsstück, gemacht für Männer. Und außerdem wollte ich damit eigentlich nur sagen, ich hab seit langer Zeit keinen Menschen mehr gesehen.«
»Komm rüber zur Feuerstelle und erzähl mir, was dich hierhertreibt«, lud der Indianer ihn ein. »Aber sei dir gewiss, wenn du mich hintergehen solltest, töte ich dich auf der Stelle.«
Orpheus kramte unauffällig in seiner Umhängetasche und folgte ihm.
Der Sternenhimmel war klar und das Feuer loderte vor sich hin. Orpheus erzählte Kowi von seiner griechischen Herkunft und davon, was ihn in diese verlassene Gegend bewegt hatte.
»… und dann sah ich dich an der Wasserstelle mit deinem Kamel.«
»Das ist ein Dromedar. Es besitzt lediglich einen Höcker, Kamele haben zwei. Sein Name ist Amarok. Er ist mein treuer Gefährte«, wandte Kowi ein.
»Okay, okay, hab’s verstanden. Dromedar … nur einen Höcker. Stimmt, du hast recht. Jedenfalls habe ich dich beobachtet, um sicherzugehen, dass du keine Gefahr darstellst, dass du vertrauenswürdig bist, und den Rest kennst du ja. Das ist alles, so unglaubwürdig es in deinen Ohren vielleicht klingen mag.«
»Deine Geschichte fasziniert mich wahrhaftig und ich glaube dir.«
»Erzähl mir von dir. Du weißt nun alles über mich, aber wer bist du? Ich kenne deinen Namen noch nicht einmal. Was hast du in dieser Gegend verloren?«
Der Indianer betrachtete seelenruhig das Feuer. Es spiegelte sich in seinen Augen wider. Lediglich das Knistern der Scheite und das Zirpen der Grillen unterbrach die Stille der Nacht. »Kowi. Mein Name ist Kowi.« Er begann zu erzählen.
»Vor nicht allzu langer Zeit war ich Häuptling meines Stammes. Unser Volk umfasste nicht mehr als hundert Anhänger und seit ich mich erinnern kann, lebten wir friedlich und zurückgezogen in unserem kleinen Walddorf. Ich hatte eine Frau, ihr Name war Aiana – die ewige Blüte. Sie war jung und hübsch und sie trug mein Kind in sich.
Eines Nachts kam eine fremde Frau in unser Dorf, sie war verwundet und bat um Hilfe. Sie sagte, sie sei von einem Wolf angegriffen worden. Wir säuberten ihre Wunden, pflegten sie gesund und nahmen sie bei uns auf. Sie hatte langes rotes Haar und ihre Haut war schneeweiß, dem Aussehen unserer Stammesanhänger nach – die allesamt gebräunte Haut und schwarzes Haar besaßen – sehr unähnlich. Ihre körperlichen Reize betörten einige unserer Männer, doch keinen ließ sie an sich heran.
Doch in einer warmen Sommernacht – der Vollmond strahlte hell am Firmament – kam sie in mein Tipi. Sie bat um Eintritt und beteuerte Kummer; ich ließ sie herein. Meine Frau war im Lazarett des Dorfes und wurde von Helferinnen betreut; die Geburt unseres Kindes war nahe. Die rothaarige Frau kam langsam auf mich zu und öffnete dabei die Schleife ihres samtenen Kleides. Es fiel zu Boden und sie stand vollkommen entblößt vor mir. Ihre Brüste waren voll und rund, ihr Schamhaar rot wie ihr Schopf. Sie streifte mir mit ihrem Zeigefinger über die Brust und sagte, dass sie mich wolle und wie eine Stute geritten werden vermochte. Ich stieß sie weg. Sie fiel zu Boden und kniete mit dem Rücken zu mir. Sie flüsterte etwas vor sich hin, drehte ihren Kopf in meine Richtung, blickte durch ihre Haarsträhnen und grinste mich an. Plötzlich erfüllte den Raum ein merkwürdiger Duft. Meine Sinne schwanden und ich verlor den Zugang zur Realität. Alles, was ich wollte, war diese Frau.
Wir trieben es wild und hemmungslos, während ich das Zeitgefühl verlor. Nachdem ich mich in ihr entladen hatte, erlangte ich das Bewusstsein wieder. Ich stieß sie von mir runter und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Nie zuvor hatte ich eine Frau geschlagen oder nur den Gedanken daran verschwendet. Sie strauchelte benommen durch den Raum, blieb mit den Füßen an ihrem abgelegten Kleid hängen und stürzte mit dem Gesicht voraus auf glühende Kohlen, die mir zuvor als Kochstelle gedient hatten. Ihr rotes Haar und ihre linke Gesichtshälfte wurden von der Glut versengt. Sie schrie vor Schmerz und betastete ihr Gesicht. Nackt vor mir kniend, während der verkohlte Schopf mit ihrem Gesicht verschmolz, schallte sie mir Worte entgegen, die ich nie vergessen werde. Sie klangen zugleich garstig, als auch jammernd und ich bereute mein Vergehen.
»Verflucht sollst du sein! Möge deine Frau einen qualvollen Tod erleiden und dein Kind eine Missgeburt werden. Niemals wieder sollst du ein Kind zeugen können. Chaos und Schande sollst du bringen über dein Volk, deine Familie und all die Menschen, die dir nahestehen. Deine Seele soll auf ewiger Wanderschaft gefangen sein und niemals mehr zu dir zurückkehren.«
Schluchzend und hüllenlos verließ sie das Zelt und rannte in den Wald. Niemand hatte je wieder etwas von ihr gehört.
Am Morgen des Folgetages wurde ich ins Lazarett meiner Frau gerufen. Sie hatte die ganze Nacht unter schweren Wehen gelitten; sie hatte hohes Fieber und lag im Sterben. Das Kind hätte längst geboren sein müssen, doch es schien sich in ihrem Leib verankert zu haben. Es musste aus ihr herausgeschnitten werden. Ich hielt die ganze Zeit ihre Hand. Das Kind ward geboren, sie starb.
Ich bekam nicht die Möglichkeit, meiner geliebten Aiana die Geschehnisse der vergangenen Nacht zu erzählen und dass allein ich an allem die Schuld trage. Mein Sohn war – wie es diese Hexe prophezeit hatte – ein Krüppel. Er kam mit drei Beinen in unsere Welt. Ich taufte ihn Sakima.
In den darauffolgenden Tagen verbrachte ich jede Stunde bei meinem Sohn und betrauerte meine Geliebte. Ich verfluchte dieses Teufelsweib, welches meinem Sohn dieses Leid angetan und meiner Frau das Leben genommen hatte. Und ich schwor mir, sollte ich sie jemals wiedersehen, sie zu töten.
Die Tage vergingen; und wenige Wochen nach der Geburt meines Sohnes ereignete sich die nächste Voraussage dieser rothaarigen Ausgeburt der Hölle. Mein Dorf wurde von einer Heuschreckenplage heimgesucht. Anfangs war da eine Gottesanbeterin, die sich auf meiner Hand niedergelassen und ein zischendes Geräusch von sich gegeben hatte, während ich sie ungeachtet dessen betrachtete. Im Nachhinein glaube ich jedoch, dass sie mich warnen wollte oder gar der Vorbote allen Übels war und mich ausgelacht hat. Bereits einen Tag später häufte sich die Anzahl an Heuschrecken und meine Stammesmitglieder mussten sie aus ihren Unterkünften vertreiben. Die Geräuschkulisse des Zirpens raubte uns den Schlaf. Am fünften Tag der Plage fiel ein riesiger Schwarm über unser Dorf herein. Es hinterließ den Anschein einer dunklen Gewitterwolke, als sich die Insekten am Himmel zusammenrotteten. Wie Regen prasselten sie auf uns herab. Wir versuchten uns innerhalb der Tipis zu schützen, während sie unsere Nahrungsmittel auffraßen. Sie nagten Löcher in unsere Planen und zerstörten unsere Anbaugebiete. Die ganze Misere überdauerte zehn lange Tage, dann waren sie fort. Als wir von draußen kein Zirpen mehr vernahmen, verließen wir die Tipis. Sie waren allesamt verschwunden und hatten einen Ort der Verwüstung hinterlassen. Unsere gesamte Ernte war vernichtet und unsere gelagerten Vorräte waren angefressen und überwiegend unbrauchbar.
In den nächsten Tagen und Wochen konzentrierten wir uns auf die Beschaffung neuer Konsumgüter, doch Naturalien waren rar und die Jagd ereignete sich schleppend. Mein Volk erlitt Hunger. Jeder bekam nur eine kleine Rationierung, mit der er täglich zurechtkommen musste.
Ich ersuchte die Hilfe des Schamanen unseres Dorfes und gestand ihm, was ich getan hatte. Eine Heilung konnte er mir nicht geben. Er erzählte mir, dass ich das Unheil, welches über mich herrscht, nur abwenden könne, indem ich eins mit der Natur werde, mich den Elementen des Lebens opfere und dadurch eine Reinkarnation erlange. Erst dann wäre ich frei von all der Schmach und Sünde, die ich über mich und meine Familie bringe.
Hundert Tage solle ich durch die Wüste wandern, auf dass mich das Feuer verbrennt.
Hundert Tage solle ich das Meer durchfahren, auf dass mich das Wasser ertränkt.
Hundert Tage solle ich in den höchsten Höhen der Berge verweilen, auf dass mich der Wind verweht.
Hundert Tage solle ich in die tiefsten Tiefen des Erdreichs hinabsteigen, auf dass mich die Erde begräbt.
Vier Tode soll ich sterben, um in den Wäldern, der Wurzel meines Volkes, die Wiedergeburt zu erlangen.
Schnell verbreitete sich meine Nachricht im Dorf und man ging mir aus dem Weg. Meine Stammesmitglieder wollten möglichst nicht in meiner Nähe verweilen, da sie Unglück befürchteten. Eine Versammlung wurde einberufen, die mich einstimmig aus dem Amt des Häuptlings entband. Ich wurde von meinem Stamm – meinen Brüdern und Schwestern, meiner Familie – verbannt. Es geschah nicht aus Hass mir gegenüber und ich verübelte es ihnen auch nicht; es geschah zum Schutze des Volkes.
Ich beschloss, die Bürde auf mich zu nehmen, die mir der Schamane gepredigt hatte. Das Haupt fiel einem meiner Blutsbrüder zu, bis mein Sohn ins Mannesalter kommen oder ich meine Tortur überleben und als Rückkehrer gepriesen sein würde. Für meinen Sohn sollte stets gesorgt sein, also ließ ich ihn zurück, um ihn durch mein Ungemach nicht noch mehr ins Verderben zu stürzen.
Ich nahm meinen Pfeil und Bogen und verließ mein Dorf. Die ersten Tage waren einsam, nie zuvor war ich allein gewesen. Wochenlang streifte ich ziellos umher, ohne zu wissen, wohin ich gehen sollte. Hie und da nahm ich mir ein Pferd, um voranzukommen und ließ es in der Wildnis zurück, bis ich schließlich meinen treuen Freund Amarok traf. Das Überleben wurde zur Gewohnheit. Hatte ich Hunger, ernährte ich mich von den Süßigkeiten der Natur oder ich schoss mir ein Tier. Meine Treffsicherheit als Schütze wurde von Tag zu Tag besser, sodass mir kaum die kleinste und schnellste Maus entrinnen konnte. Hatte ich Durst, so füllte ich meine Feldflasche mit Wasser.
Ich gelangte in die Wüste und durchstreifte sie, wie es die Weissagung des Schamanen gefordert hatte, und entkam nur knapp dem Tod. Meine erste Lektion war bestanden. Und nun sitze ich hier am Feuer mit dir, mein Freund.«
»Wow«, war alles, was Orpheus nach Beendigung der Geschichte aus sich herausbrachte. »Und was geschah …«
»… in der Wüste?«, beendete Kowi die Frage. »Schreckliches. Dinge, die ich selbst noch nicht zu verarbeiten vermag und ich demzufolge vorerst nicht darüber sprechen möchte. Möglich, dass ich sie dir in einer anderen Nacht erzähle.«
»Ich verstehe.«
Es vergingen Minuten der Stille, während beide in Gedanken versunken an die Geschichte des anderen dachten und erneut ihre eigene Vergangenheit durchlebten. Das Feuer erlosch allmählich; die letzten Reste der verbrannten Holzscheite glühten und knisterten vor sich hin. Der Rauch stieg in die angenehm kühle Luft auf und vereinte sich mit ihr. In der Ruhe der Nacht konnte man das Zirpen der Grillen hören, derweil der Mond seinen Höhepunkt erreicht hatte.
»Ich werde dich auf deiner Suche begleiten, wenn du das wünschst«, sagte Kowi. »Ich werde mit dir gemeinsam in die Höhlen gehen und mich dort in den tiefsten Tiefen des Erdreichs meiner nächsten Aufgabe stellen. Vielleicht soll es meine Bestimmung sein, dass ich gerade dich getroffen habe, damit du mich dorthin führst.«
»Das würdest du tun?“ Orpheus blickte ihn erstaunt an. »Das bedeutet mir viel. Danke. Ich will dich dafür belohnen, sobald sich meine Mutmaßungen bestätigen. Und ich will auch dich bei deinem Vorgehen unterstützen und dir in der Unterwelt zur Seite stehen.« Orpheus kramte in seiner Tasche und holte ein kleines Fläschchen mit goldgelbem Inhalt hervor. »Salute, mein Freund!«. Er entfernte den Pfropfen, nahm einen kräftigen Schluck und reichte die Flasche dem Indianer. »Auf ein unglaubliches Abenteuer!«
Kowi blickte den Inhalt misstrauisch an und roch daran. Der Geruch von Alkohol stieg ihm in die Nase.
»Whisky. Ein ganz edler Tropfen. Nur zu, trink so viel du willst.«
Der Indianer trank und spürte direkt wie ihm der Alkohol zu Kopf stieg. Kurze Zeit später schliefen beide seelenruhig an den Rücken des Dromedars gelehnt ein. Amarok öffnete eines seiner Augen, blickte sich kurz um und schlummerte weiter.
Gemeinsam durchstreiften Kowi und Orpheus das Land und reisten gen Norden. Tage und Nächte vergingen; die trockene Steppe wurde allmählich grüner und die Temperaturen waren inzwischen weitaus erträglicher. Am dritten Tag nach ihrem Aufbruch erreichten sie einen kleinen Hof, der einem einsamen Bauern gehörte. Sie boten dem bereits in die Jahre gekommenen Mann ihre Hilfe bei der Ernte an. Als Gegenleistung wollte er den Reisenden eines seiner Nutztiere überlassen. Kowi und Orpheus nahmen das Angebot mit Wohlwollen an, denn Amarok hatte zuletzt sehr unter dem Gewicht der Männer gelitten und würde sie nicht dauerhaft beide tragen können – zumal die Ebenen zunehmend hügeliger wurden.
Sie verweilten zehn Tage an dem Hof, verrichteten tagsüber schweißtreibende Arbeit und erfreuten sich an den Abenden an einer großzügigen warmen Mahlzeit sowie einem weichen Bett.
Dankend schenkte der alte Mann ihnen, wie versprochen, am Tag ihrer Abreise eine Ziege.
»Seid gut zu meiner kleinen Carolina.« Er verabschiedete sich von seinem treuen Zuchttier, indem er dessen Rücken kraulte. Anschließend umarmte er die beiden Reisenden und wünschte ihnen alles Gute für ihr weiteres Vorhaben. »Und mögen euch eure Götter auf ewig gnädig sein. Habt vielen Dank.«
Der Farmer ließ sich glücklich in seinem Schaukelstuhl auf der hölzernen Veranda nieder und schaute dabei zu, wie der Indianer auf seinem Dromedar und der Grieche auf seiner Ziege im Sonnenaufgang verschwanden.
Eines Abends, als sie am Lagerfeuer den Tag ausklingen ließen und eine Flasche Wein tranken, die ihnen der alte Landwirt mit auf den Weg gegeben hatte, stellte Kowi Orpheus eine bedenkliche Frage. »Wie kannst du dir eigentlich so sicher sein, dass du dein Ziel findest? Ich meine, woher willst du wissen, dass der Höhleneingang überhaupt existiert und wo genau er sich befindet? Und falls es ihn wirklich gibt, ob darin auch der Schatz verborgen liegt, den du suchst? Auch wenn ich dich das bislang nie gefragt habe und auch keinerlei Interesse an einem Anteil dessen hege, erzähl mir mehr über den Schatz.«
Orpheus blickte ihn verlegen an. »Und wie kannst du dir sicher sein, dass du durch die ganzen Strapazen, die du über dich ergehen lässt, neugeboren wirst und der Fluch, von dem du gedenkst, dass er dir auferlegt ist, von dir abfällt?« Eine kurze Pause trat ein, dann beendete Orpheus die Diskussion und blickte Kowi tief in die Augen. »Der Glaube ist das, was zählt.« Er griff in seine Tasche und zog ein zusammengerolltes Tuch heraus. »Weißt du, was das ist, Kowi? Das ist die Antwort auf all deine Fragen. Es ist das Vlies, welches mir in die Hände gefallen ist. Ich habe dir bei unserer ersten Begegnung davon erzählt. Aber das ist nicht einfach nur irgendeine Decke oder etwas Ähnliches. Dieses Vlies ist ein Mythos, dennoch liegt es gerade direkt vor uns. Und da fragst du mich, warum ich mir bei meinem Vorhaben unsicher sein sollte? Ich gebe zu, es klingt etwas kurios, aber ich habe inzwischen derartig kuriose Dinge erlebt, dass ich mir selbst die Frage stelle – was soll eigentlich noch kurioser sein?«
Das Vlies schien auf den ersten Blick recht farblos – geradezu weiß –, doch bei näherer Betrachtung im Schein des Feuers konnten sie winzige goldene Glitter darin erkennen.
Orpheus drehte das Fell um. »Es ist ja nicht nur so, dass dieser Fetzen eigentlich gar nicht existieren dürfte – außer vielleicht in den mythischen Sagen. Das Teil beinhaltet zudem auch noch eine fast verborgene Inschrift. Unzählige Male habe ich mir die Symboliken inzwischen angeschaut und versucht sie zu deuten. Allerdings erschienen mir stets neue Inhalte oder mir fehlte der Zusammenhang. Es mag zwar den Eindruck einer Schatzkarte erwecken, dennoch glaube ich, dass sich mehr als Gold und Reichtum dahinter verbirgt, denn das allein könnte ich durch den Besitz dieses Stück Stoffs erlangen. Ich denke, dass dieses Vlies Hinweise auf etwas weitaus Höheres liefert, möglicherweise sogar auf unsere Existenz oder den Sinn unseres Daseins. Obwohl ich derzeit nicht in der Lage bin, all diese Hieroglyphen zu verstehen, weiß ich, dass sie mir irgendetwas sagen wollen. Schau selbst!«
Orpheus reichte Kowi das Vlies. Es fühlte sich in seinen Händen unglaublich weich an. Und während er es im Lichtschein vorsichtig wendete, tauchten nacheinander schimmernde Symbole, Schriftzüge und Zeichnungen auf, die mit jeder weiteren Bewegung wieder verschwanden. Kowi erkannte Wellen innerhalb einer Berglandschaft und darunter eine Wüste, welche durch Kakteengewächse gekennzeichnet war. Ein Wasserfall kam zum Vorschein, der den Zugang zu einer Höhle verbarg. Permanent spiegelten sich Schriftformen auf dem Fell wider, die Kowi noch nie zuvor gesehen hatte. Es offenbarte sich ein riesiger Diamant, der umgeben von Stalagmiten war.