Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Unerklärliche Krankheitsfälle, eine Zeitreise ins tiefe Mittelalter - zuerst glauben Rio und Hannes, der alte Jack würde langsam senil. Doch unglaubliche Ereignisse bringen sie schließlich dazu, ihm zu glauben. Liz und Jo, beste Freundinnen - und größte Feindinnen von Rio und Hannes: sie haben alles gehört, sie müssen mit ... Gemeinsam machen sie sich auf den Weg ins Jahr 1489, um einen Mord aufzuklären, eine Prophezeiung zu ändern und ihre Zukunft zu retten. Welches Geheimnis verbirgt Jo? Wird es Rio gelingen, zu ihr durchzudringen? Und was hat der verschrobene Jack zu verbergen? Ein Roman für junge Erwachsene und Junggebliebene.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für Ralf, Sandro, Lorena, Enrico Es gibt nichts Wichtigeres …
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Es war immer dasselbe. Er wusste, er hätte nicht die halbe Nacht lang zocken sollen. Der Wecker erzeugte nervtötende Geräusche und er schaffte es fast nicht, die Augen zu öffnen.
Im Blindflug versuchte Hannes das penetrante, in immer kürzeren Abständen auftretende Brummen, auszuschalten.
Das laute Scheppern, das der Wecker beim Aufprall auf dem Boden erzeugte, beförderte ihn endgültig in die Realität.
Zuerst wunderte er sich, anstatt der sechs, die sieben auf dem Zifferblatt zu sehen, aber dann fiel ihm wieder ein, dass der Biokurs der beiden Kursstufen eine gemeinsame Exkursion auf die Fischinger Burgruine unternehmen würde. Die ortsansässigen Schüler, zu denen Hannes gehörte, mussten an diesem Morgen nicht extra in die Schule kommen. Sie hatten von ihren Tutoren die Erlaubnis erhalten, sich um acht Uhr direkt auf der Ruine einzufinden.
Es würde ein chilliger Tag werden. Die kommende Zeit würde überhaupt entspannt werden, wenn man einmal vom mündlichen Abi in ein paar Wochen absah. Dann hätten sie es geschafft und ein langer Sommer würde vor ihnen liegen, bevor er im September sein Duales Studium zum Wirtschaftsingenieur und Rio sein Lehramtsstudium antreten würde.
Das Zuschlagen der Haustür signalisierte ihm, dass seine Schwester das Badezimmer verlassen hatte. Erleichtert seufzte er auf. Ausnahmsweise würde es heute Morgen einmal keinen Stress geben. Er betrat das Bad und ihm entwich ein weiterer Seufzer.
Da hieß es immer, Mädchen seien ordentlicher als Jungs. Das traf bei seiner Schwester eindeutig nicht zu. Das Waschbecken war voller Haare und mit Make-up Flecken übersät. Die Türen am Spiegelschrank standen sperrangelweit offen, Haarlack und eine unverschlossene Cremedose lagen herum.
Er putzte sich die Zähne, spritzte etwas Wasser ins Gesicht und fuhr sich mit den Fingern ein paar Mal durch sein hellbraunes Haar. Es war schon wieder viel zu lang. Er musste dringend zum Friseur.
Er ging nach unten, in die Küche. Auf dem Weg zum Kühlschrank fiel ihm ein Zettel auf dem Esszimmertisch ins Auge.
Denk an den Arzttermin um halb sechs - liebe Grüße Mum.
Ach ja, Zeckenimpfung, jetzt fiel es ihm wieder ein. Er schenkte sich ein Glas Milch ein und trank es in einem Zug leer.
Die Backofenuhr zeigte fünf vor halb acht - noch zehn Minuten bis Rio kam.
Der Schwarzwälder Bote, die regionale Tageszeitung, lag auf dem Tisch und er überflog kurz die Schlagzeilen. Kaltfront im Anzug, stand da auf der ersten Seite. Temperatursturz bis zu dreißig Grad erwartet, es muss mit Bodenfrost gerechnet werden.
Hannes runzelte die Stirn. Was? Das soll wohl ein Witz sein? Er las weiter. Ungewöhnliche Grippewelle im Juli. Seltsam, spielte plötzlich alles verrückt? Ihn beschlich ein ungutes Gefühl. Doch ehe er intensiver darüber nachdenken konnte, klingelte es an der Tür.
Er steckte Handy und Schlüssel in seine Jeans und machte sich auf den Weg.
Vom Gewitter in der Nacht war nichts mehr zu sehen. Lediglich ein paar nasse Stellen auf der Straße deuteten darauf hin, dass es geregnet hatte. Schon jetzt konnte man spüren, dass es wieder ein heißer Tag werden würde.
»Hey, alles klar?« Hannes zog die Tür hinter sich zu.
»Bestens.« Rio saß auf den Treppenstufen. Er hatte die Unterarme auf den Oberschenkeln abgestützt und schüttelte mit einem leisen Lachen den Kopf. Hannes folgte seinem Blick. Es war jetzt das dritte Mal, dass er an diesem Morgen seufzte.
Jo und Liz kamen die Straße entlang. Jo hatte ihre gewohnt mürrische Miene aufgesetzt, bei der man schon mal vorsorglich das Genick einzog. Hannes fragte sich, was sie eigentlich immer so in Rage versetzte.
Liz war so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie vermutlich überhaupt nicht mitbekam, was um sie herum ablief. Intensiv begutachtete sie beim Vorbeigehen ihre Fingernägel, um sich anschließend mit Lipgloss ihre perfekten Lippen nachzuziehen. Als sie plötzlich zu Hannes rüber sah, spürte er, wie die Hitze in seine Wangen stieg. Sie hob die Augenbrauen und verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
»Lacht der Arsch über die rote Birne seines Kumpels? Was meinst Du Liz?« Jo blies ihren Kaugummi zu einer Blase auf und ließ sie zerplatzen. Sie streifte Rio mit einem abfälligen Blick.
Sie wussten eigentlich nicht, warum sie sich nicht mochten. Es war seltsam. Seit ihrer Kindheit waren Hannes und Rio unzertrennlich. Genauso wie Liz und Jo. Wobei Jo erst im Alter von zehn Jahren mit ihrer Mutter hierher, nach Fischingen, gezogen war. Über die Existenz ihres Vaters wusste keiner etwas Genaues.
Jo war immer schon ein ernstes Kind gewesen. Man sah sie selten mit einem Lächeln. Dabei wäre sie mit ihren großen, dunklen Augen und dem schwarzen, raspelkurzen Haar so hübsch, hätte sie nicht ständig diesen grimmigen Ausdruck in ihrem Gesicht.
Wenn sie ehrlich war, wusste Liz nicht einmal, warum sie dauernd so zickig zu den beiden Jungs waren. Es war einfach schon immer so und irgendwie schaffte sie es nicht, sich Jo zu widersetzen.
Sie fand die zwei eigentlich ganz nett. Ok, Rio kam manchmal ein wenig arrogant rüber. Er sah gut aus - und das wusste er. Sie glaubte, dass er zur Hälfte Italiener war. Mit seinem dunklen Teint und den fast schwarzen Haaren haftete ihm etwas Südländisches an und manchmal hatte Liz das Gefühl, dass dies der Grund für Jos Wut und Ablehnung war. Warum auch immer.
Eigentlich war ihr Hannes sympathischer. Er war ein bisschen schüchtern und das fand sie irgendwie süß.
»Blondie scheint Dir zu gefallen?« Rio grinste Hannes von der Seite an, als sie den beiden in einigem Abstand die Schlossbergsiedlung hinunter folgten.
»Ach halt die Klappe«, gab Hannes gelassen zurück.
»Hey, Jo, kann es sein, dass du zugenommen hast?« Rio rief den Mädchen hinterher.
»Halt die Fresse, Spaghetti!« Jo warf nicht einen Blick zurück.
Hannes stöhnte auf. »Kannst Du es nicht einfach mal sein lassen? Kein Wunder hassen die uns.«
Doch Rio lachte nur.
Viele Schüler hatten sich krankgemeldet. Allein von Kursstufe 1 fehlten sechs, von Kursstufe 2 sogar acht Leute. So waren sie mit ihren beiden Tutoren, Herrn Metzger und Frau Epting, nur zu fünfzehnt.
Hannes fiel der Zeitungsartikel mit der Grippewelle ein und wieder beschlich ihn ein seltsam mulmiges Gefühl.
»Sie werden die Bodenproben in Reagenzgläser füllen und die Pflanzen in die dafür vorgesehenen Plastikbeutel.« Herr Metzger sah in die kleine Runde. »Alles klar soweit?« Niemand widersprach und er fuhr fort. »Nun gut, dann legen sie los. Sie geben die Proben bitte am Ende Frau Epting.« Er nickte kurz. »Ach, wer weiß übrigens, wo wir uns hier genau befinden?« Fragend schaute er die Schüler an.
Paul, ein großer schlaksiger Junge hob die Hand.
»Ja?« Herr Metzger sah ihn aufmunternd an.
»Auf der Fischinger Ruine?«
Alle lachten.
»Sie sind ausgesprochen scharfsinnig, Paul.« Herr Metzger seufzte. Er zeigte auf einen anderen Schüler. »Ja, Ruben?«
»Ist das nicht der Hexenplatz?«
»Richtig!« Zustimmend nickte Herr Metzger.
»Da hätte man dich früher gegrillt, was meinst Du?« Rio war unauffällig hinter Jo getreten und lachte ihr leise ins Ohr. Er hatte es nicht böse gemeint, er meinte es nie böse, aber es reizte ihn einfach sie zur Weißglut zu bringen. Er hatte noch nie einen Menschen erlebt, der ständig so übel gelaunt und explosiv durchs Leben ging wie Joana Forster.
Doch diesmal bemerkte er eine Veränderung, und zum ersten Mal fühlte er sich schlecht dabei, wie er sie behandelte. Denn nachdem er die flapsigen Worte ausgesprochen hatte, sagte sie keine Silbe und es war nicht nur das. Ein Ruck schien durch ihren Körper zu gehen.
Zuerst wusste Rio nicht, wie er ihre seltsame Reaktion deuten sollte, doch dann sah er, wie sie die Hände zu Fäusten ballte, bis das Weiß ihrer Knöchel zum Vorschein trat. Er spürte, dass sie alle Kraft der Welt aufbringen musste, um sich zusammenzureißen und nicht die Fassung zu verlieren - weshalb auch immer. Es dauerte nur einen kurzen Moment, dann schien sie sich wieder in der Gewalt zu haben.
Später, nachdem er und ein paar von den anderen ihre Proben abgegeben hatten, setzten sie sich auf eine Gruppe aufgeschichteter Baumstämme. Sie machten Blödsinn und Hannes schoss mit Rios Handy einige Fotos. Sein Blick blieb an Jo hängen. Sie war noch mit dem Einsammeln der Proben beschäftigt, als sie auf einmal innehielt und eine Pflanze intensiv betrachtete. Er hatte plötzlich das Gefühl, eine Maske würde von ihr abfallen. Fasziniert beobachtete er ihr Gesicht. Alle Anspannung war daraus gewichen. Sie sah irgendwie verletzlich aus und auf einmal wurde ihm bewusst, wie hübsch sie eigentlich war.
In diesem Augenblick war er sich sicher, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte.
Schauen wir nach Jack, heute Mittag, was meinst Du? Ich denke, wir sollten ihm mit dem Holz helfen.« Sie waren auf dem Heimweg und auf halber Höhe des Schlossbergs. Rio blieb stehen und nahm einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche.
»Ja, das sollten wir, aber spätestens um halb fünf muss ich los, hab einen Impftermin.« Hannes strich sich die Haare aus der Stirn. »Also, musst du ohne mich ins Training.«
Sie spielten beide in der ersten Mannschaft des SV Fischingen und hatten zweimal die Woche Fußballtraining. Der Sport war ihnen wichtig und sie fehlten so gut wie nie, doch da Hannes’ Hausarzt ab Montag Urlaub hatte, war er erleichtert, diesen Termin noch wahrnehmen zu können.
Sie verabredeten sich auf zwei Uhr bei Rio. Dann wollten sie nach Jack sehen. Ja, wer war Jack?
Jack war kein Einheimischer. Irgendwann einmal, lange bevor Rio und Hannes geboren wurden, war Jack hierhergezogen. Er hatte das alte Haus unterhalb des Wehrsteinhofes gekauft und restauriert.
Keiner wusste, woher er kam und was ihn gerade nach Fischingen, dem kleinen Dorf zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb gezogen hatte.
Es hieß, er wäre ein komischer Kauz und würde irgendwelche seltsamen Dinge erfinden. Keiner im Dorf wollte etwas mit ihm zu tun haben und so lebte er recht zurückgezogen.
Hannes und Rio waren mit der Geschichte aufgewachsen.
Auf der einen Seite war ihnen der Alte unheimlich, andererseits waren sie fasziniert von den Erzählungen der Erwachsenen und neugierig, wie Kinder eben sind.
Eines Tages beschlossen sie, ihn sich einmal näher anzuschauen - heimlich, verstand sich.
Sie schlichen sich an sein Haus heran und waren auf einen Baum in seinem Garten geklettert. Von dort, so hofften sie, würden sie herausfinden, was im Inneren vor sich ging.
Genau in dem Moment, als sie mit dem Fernglas durch Jacks Fenster spähten, riss dieser, mit einem Gewehr bewaffnet, die Haustür auf.
Sein Aussehen erinnerte sie an den Professor aus dem Hollywoodfilm Zurück in die Zukunft. Dasselbe graue Haar und denselben, etwas wirren Blick.
Vor Schreck hatte Hannes das Gleichgewicht verloren und war mit rudernden Armen vom Baum gefallen.
Nach anfänglichem Misstrauen auf beiden Seiten hatte Jack sich bereit-erklärt, Hannes’ verletzten Knöchel zu behandeln.
Damals kamen sie zum ersten Mal mit einer von Jacks Erfindungen in Berührung. Regenbogenfarbene Strahlen aus einer Art Taschenlampe sorgten auf wundersame Weise für eine sofortige Heilung seines verstauchten Fußes.
Seit damals schauten Hannes und Rio mindestens zwei Mal die Woche bei Jack vorbei. Er war zu ihrem festen Lebensinhalt geworden.
Punkt zwei Uhr betätigte Hannes den Klingelknopf neben Rios Haustür. Er war überrascht, als dessen Vater öffnete.
»Grüß dich Hannes, komm rein.«
»Hey Toni, Urlaub?«
Rios Vater verzog bedauernd das Gesicht. »Nein, leider nicht. Mich hat’s wohl erwischt. Scheint sich eine Grippe anzubahnen - entschuldige, ich muss mich wieder hinlegen.« Er deutete Richtung Wohnzimmer.
Bevor er etwas erwidern konnte, kam auch schon Rio um die Ecke.
»Warte kurz, ich seh nochmal nach meinem alten Herrn.« Er hatte die Augenbrauen zusammengezogen.
Hannes bewunderte das Zusammenleben der beiden. Es war nicht so, dass er mit seinem Familienleben unzufrieden war. Aber im Gegensatz zu Rio und dessen Vater, waren bei ihm zu Hause ständig alle gestresst. Sein Dad, weil er sechs Tage in der Woche in einer großen Firma für Metallveredelung in einer gehobenen Position arbeitete und nebenbei noch für sämtliche ehrenamtliche Tätigkeiten zur Verfügung stand. Seine Mutter, die halbtags in einer Drogerie beschäftigt war und in ihrer knapp bemessenen Freizeit Spanischunterricht nahm und als wäre das nicht genug, auch noch in einem Chor sang. Seiner Meinung nach machten sie sich also den Stress selbst. Und seine Schwester zickte den ganzen Tag herum, was ihn wiederum stresste.
Rios Vater hingegen war für gewöhnlich während der Woche im Außendienst. Er war für eine große Firma im Export tätig und verdiente sehr gut, was man auch an dem gepflegten Anwesen mit dem riesigen, golfplatzähnlichen Garten erkennen konnte.
Rios Mutter starb an Krebs, als er acht Jahre alt war. Von diesem Zeitpunkt an intensivierte sich ihre Freundschaft. Seine Mum hatte ihn ermuntert, Rio öfters einzuladen und schließlich war sie eine Art Tagesmutter für ihn geworden. Sie profitierten alle von der Situation. Rios Vater wusste seinen Sohn in sicheren Händen und konnte beruhigt arbeiten gehen und Hannes Mutter, die damals noch zu Hause war, verdiente auf diese Weise ein paar Euro hinzu. Außerdem hatten sie Rio alle gern - er war eine Bereicherung für die ganze Familie.
Jetzt also auch Rios Dad. Hannes wurde immer unbehaglicher.
»Wir können.« Rio zog die Haustür hinter sich zu.
»Deinem Vater scheint es nicht gut zu gehen.« Hannes runzelte die Stirn. »Hast du das heute Morgen in der Zeitung gelesen?«
»Was?«, entgegnete Rio mechanisch und warf einen Blick auf sein Handy.
»Diese Grippewelle, jetzt im Juli.«
Rio zuckte die Schultern. »Kann vorkommen, warum beunruhigt dich das?«
»Findest du das nicht seltsam? Die halbe Kursstufe ist krank.« Hannes leckte sich über die Lippen. »Und das mit dem Temperatursturz …«
Rio sah ihn fragend an. »Was meinst du?«
»Da stand, es soll Bodenfrost geben.«
Rio boxte ihn lachend auf den Arm. »Alter, das glaubst du doch selbst nicht, wir haben fast dreißig Grad.«
Sie hätten zwar den Alfa von Rios Vater nehmen können, aber der Weg war nicht weit und noch schneller waren sie, wenn sie die Abkürzung über die Wiesen nahmen.
Es war seltsam, obwohl sie keiner Menschenseele begegneten, hatten sie das Gefühl beobachtet zu werden. Immer wieder blieben sie stehen und sahen sich um. Doch es war nur das Zirpen der Grillen zu hören und oben am Himmel zog ein einsamer Bussard seine Kreise.
War es die Stille oder die unerträgliche Hitze, die für diese seltsame Sinnesempfindung verantwortlich war? Ein weiteres Mal ließ Rio den Blick schweifen – und blieb wie angewurzelt stehen. Er packte Hannes am Arm.
»Siehst Du, was ich sehe?« Er fixierte den Waldrand, der keine zweihundert Meter von ihnen entfernt war.
»Das glaub ich jetzt nicht, was zum Teufel ...« Auch Hannes rührte sich nicht von der Stelle. Dutzende von Augenpaaren schienen sie anzustarren. Sämtliche Tiere hatten sich an der kleinen Lichtung eingefunden. Rehe, Füchse, Wildschweine. Alle standen sie einfach nur da, als würden sie auf etwas warten.
»Vielleicht Tollwut?« Rio hielt die Hand über die Augen.
Hannes schüttelte den Kopf. »Glaub ich nicht, die gibt es seit Jahren nicht mehr, jedenfalls nicht in Deutschland.«
»Sehen wir zu, dass wir ins Haus kommen, bevor die sich in Bewegung setzen.« Rio ging voraus.
Nach dem letzten Hügel tauchte auch schon das rote Ziegeldach von Jacks Haus auf.
Rio hatte kaum den Klingelknopf losgelassen und der Ton war noch nicht einmal ganz verklungen, als plötzlich die Haustür aufgerissen wurde. Ein völlig zerzauster Jack schaute mit weit geöffneten Augen hektisch nach rechts und links und zog die beiden blitzschnell ins Innere.
»Jack, was soll da ...« Hannes kam nicht dazu, seinen Satz zu Ende zu führen.
»Die Zeichen, habt ihr die Zeichen gesehen?« Panisch warf Jack die Tür ins Schloss. Rio und Hannes tauschten einen beunruhigten Blick.
»Was für Zeichen?«, fragten sie fast zeitgleich.
In diesem Moment wurde Rios Aufmerksamkeit auf einen undefinierbaren Punkt in der Küche gelenkt. Irgendetwas schwebte da in der Luft. Was war das nur? Sah aus wie ein … Ei ...? Mit einem Mal überschlugen sich die Ereignisse. Rio sah dieses Ding plötzlich auf sich zurasen. Bevor er reagieren konnte, klatschte es mitten in sein Gesicht. Mit einem Aufschrei fasste er sich an die Wange. Angewidert betrachtete er seine schleimig gelben Hände.
»Was zum Geier - Jack! Willst du uns umbringen?«
»Oh Rio, es tut mir leid! Warte einen Augenblick.« Er eilte in die Küche und kam mit einem Stück Küchenpapier zurück.
»Hier, bitte verzeih.« Er lächelte zerknirscht. »Diese Erfindung ist zugegebenermaßen noch nicht ganz abgeschlossen. Das Ei sollte eigentlich in den Topf.«
»Schon gut.« Rio winkte ab und wischte sich über sein Gesicht.
»Jack, du wolltest uns etwas von irgendwelchen Zeichen erzählen, was ist passiert?« Die Stirn in Falten gelegt sah Hannes ihn an.
Jack blickte verwirrt auf. Plötzlich schien er sich wieder zu erinnern. Aufgewühlt schritt er hin und her.
»Mein Gott, ja, die Zeichen! Folgt mir ins Wohnzimmer. Setzt euch.«
Nachdem sie es sich bequem gemacht hatten, ergriff Jack wieder das Wort.
»Es ist etwas Furchtbares eingetreten! Ich muss zurück. Ich muss es verhindern!« Beschwörend sah er von einem zum andern.
»Hört mir jetzt genau zu.« Jack sprach die Worte langsam und eindringlich aus.
Er holte tief Luft und begann zu erzählen.
Was Rio und Hannes dann zu hören bekamen, verschlug ihnen die Sprache.
»Was wollen die denn bloß immer bei diesem komischen Kauz? Ich schwör dir, da ist was im Gange, hast du gesehen, wie geheimnisvoll der Alte getan hat?« Um einen besseren Blick ins Wohnzimmer zu ergattern, kletterte Liz noch einen Ast höher. Heimlich waren sie Rio und Hannes gefolgt. Es war Liz‘ Idee gewesen. Zuerst wollte Jo sich nicht die Blöße geben, den beiden hinterher zu spionieren. Andererseits war es immer noch besser, als sich zwei langweilige Stunden um die Ohren zu schlagen. Und jetzt kam sie sich total kindisch vor.
Von halb zwei bis halb vier ruhte ihre Mutter sich aus. Diese Zeit konnte Jo für sich nutzen. Danach musste sie unbedingt wieder zuhause sein. Ihre Mum brauchte sie dann. Jeden Tag derselbe Ablauf, seit damals… Sie liebte ihre Mutter über alles, aber manchmal war ihre Hilflosigkeit so groß, dass sie nicht wusste wohin mit ihren Gefühlen und der angestauten Wut. Die ständige Verantwortung nahm ihr oft die Luft zum Atmen.
»Der Alte redet wie verrückt auf die beiden ein. Wenn ich nur etwas verstehen könnte. Die reißen die Augen auf, als hätten sie den Schock ihres Lebens. Jetzt setzen sie sich. Komisch, Rio schmiert sich irgendetwas ins Gesicht.« Liz rümpfte die Nase.
Auf dem Wohnzimmertisch hatte schon die ganze Zeit über eine verwitterte Holzkiste gestanden. Jack beugte sich vor und öffnete diese vorsichtig. Behutsam entnahm er ein Schriftstück aus Pergament. Er zog an dem Band, entrollte das Papier und begann mit zitternder Stimme zu lesen:
Leer wird der Wald es werde kalt Lichtertanz und Fackelfeuer wird kommen das Ungeheuer
»Was soll das heißen, woher hast du das?« Hannes hob die Augenbrauen an.
Rio beugte sich über das Schriftstück. »Sieht extrem alt aus.«
Jack erhob sich und schritt im Zimmer auf und ab. Abrupt blieb er stehen. Er starrte ins Leere und schien bei den folgenden Worten zu frösteln:
»Es ist eine Prophezeiung aus dem Jahre 1489.«
»Was?« Rio und Hannes warfen sich einen Blick zu.
»Ich war dabei.« Mechanisch sprach er die Worte aus, ohne sich auch nur einen Millimeter zu rühren.
Es hörte sich komplett verrückt an, doch in diesem Moment glaubten sie ihm.
»Und was bedeutet das?« Hannes hatte sich zuerst gefangen.
Wo immer er war – mit einem verwirrten Blinzeln tauchte Jack wieder auf.
»Ich möchte euch etwas zeigen, kommt mit in die Scheune!« Jäh wandte er sich ab und steuerte zielstrebig auf die Haustür zu.
»Achtung, sie kommen!« Liz sprang vom Baum und es gelang ihnen gerade noch rechtzeitig, sich hinter ein paar Büschen zu verstecken.
»Was wollen sie denn in der Scheune? Los, das sehen wir uns mal genauer an.«
Mit einem resignierten Seufzen folgte Jo ihrer Freundin.
Bevor Jack das Scheunentor öffnete, sah er sich nach allen Seiten um. Rasch schob er Hannes und Rio vor sich her ins Innere.
Das schummrige Licht drang lediglich durch zwei kleine Fenster und ein paar schmale Ritzen im Holztor. In der Mitte der großen Scheune thronte ein seltsam monströses Objekt. Rio hob die schwarze Plane, mit der das Ungetüm abgedeckt war, an einer Ecke ein wenig an.
Etwas Silbernes blitzte darunter hervor.
»Oldtimer oder Ferrari? Nein, lass mich raten.« Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. »DeLorean.«
In Anspielung auf die Zeitmaschine aus dem Film Zurück in die Zukunft grinste er. Doch als Jack ihn nur stumm ansah, gefror seine Miene.
»Helft mir mal.« Gemeinsam zogen sie an der Plane.
Sie waren unfähig etwas zu sagen. Was sie zu sehen bekamen, glich einem Ufo, das aus einem billigen Science-Fiction-Film zu stammen schien.
Rio wusste nicht, was er davon halten sollte und als Hannes ihm einen kurzen Blick zuwarf, war er überzeugt, dass es dem genauso ging.
Schon eine ganze Weile fiel ihnen auf, dass Jack in letzter Zeit geistig ein wenig abbaute. Immerhin steuerte er auf die siebzig zu.
Bis auf diesen Strahler, mit dem er Hannes Bein damals geheilt hatte und ein paar netten Kleinigkeiten, war Jacks Erfindergeist nicht gerade mit Erfolg gesegnet. Die meisten seiner Errungenschaften funktionierten nicht.
In ihrer Kindheit konnte er sie mit seinen Ideen begeistern, aber für so etwas wie das hier waren sie einfach zu alt. Was versprach er sich davon? Auf einmal kam ihm die ganze Geschichte mit dieser Prophezeiung nur noch lächerlich vor.
Jack tat ihnen leid. Sie mochten ihn wirklich gerne. Seine notorische Zerstreutheit trug jedoch nicht gerade zur Glaubhaftigkeit seiner verrückten Geschichte bei.
Hin und wieder fiel ihnen auf, wie er total abwesend zu sein schien. Es dauerte meist nur einen kurzen Augenblick, aber in diesen Momenten starrte er mit leerem Blick auf irgendeinen imaginären Punkt – meilenweit entfernt. Er und Hannes waren sich einig, dass es irgendetwas mit seiner Vergangenheit zu tun haben musste. Dafür sprach auch, dass er niemals von früher erzählte. Genau genommen wussten sie nichts über ihn.
Rio hatte das Gefühl, dass Jack sich im Moment in etwas verrannte, das fernab jeglicher Realität war und Hannes schien es ebenso zu gehen.
Jack grinste. »Es sieht zwar nicht aus wie ein DeLorean, aber es funktioniert genauso.« Sein Lächeln gefror, als er in ihre Gesichter sah. Er biss sich auf die Lippen und nickte ein paar Mal.
»Ihr glaubt mir nicht.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Rio hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Betreten schaute er zu Boden. Bevor er etwas sagen konnte, meldete Hannes sich zu Wort. »Jack, sowas funktioniert nicht, das weißt Du. Zeitreisen …«, er lachte kurz auf, »das sind doch nur Geschichten.«
Es war wirklich unheimlich, wie ihr alter Freund sich in diese Sache hineinsteigerte. Vielleicht sollten sie in nächster Zeit einmal einen Arzt mit ihm aufsuchen.
Einen Moment lang schien Jack zu überlegen. Kurz entschlossen zog er zwei leere Bierkisten aus der Ecke und stellte sie vor den beiden ab.
»Setzt euch.«
Nachdem sie seiner Aufforderung nachgekommen waren, ließ er den Blick zwischen ihnen hin und her gleiten. Die Hände in die Hüften gestemmt, sah er sie eine Weile intensiv an. Er schüttelte kurz den Kopf und dann lächelte er.
»Da ihr mir augenscheinlich nicht glaubt, werde ich euch die ganze Geschichte erzählen müssen. Tja, wo beginne ich? Nun gut, eigentlich wollte ich in das Jahr 1984 reisen. Das hatte einen bestimmten Grund, dafür hatte ich die Maschine gebaut.« Einen kurzen Moment verharrte er gedankenverloren.
»Ich war aufgeregt. Es war schließlich das erste Mal, dass ich es versuchte. Dann dieser verdammte Zahlendreher. Ich hatte die neun und die vier verwechselt. Bis ich es realisierte, liefen bereits die Turbinen an. Die Zahlen waren eingespeichert. Die Startphase begann.«
Er atmete tief durch.
»Euch ist sicherlich nicht entgangen, dass es heute Nacht ein heftiges Gewitter gab. Die alte Eiche am Straßenkreuz nach Empfingen brannte lichterloh. Es ist nur noch ein schwarzer Stumpf übriggeblieben. Ich habe gesehen, wie der Blitz eingeschlagen hat. Ich sage euch, das war kein gewöhnlicher Blitz. Obwohl der Himmel mit schweren Gewitterwolken bedeckt war, sah ich plötzlich Dutzende von Sternschnuppen herunterregnen.«
Jack zog eine weitere Kiste heran und setzte sich ebenfalls.
»Könnt ihr euch an die Worte der Prophezeiung erinnern? Lichtertanz und Fackelfeuer ... «
»Wie war dieser Satz mit dem Wald?« Ruckartig hob Hannes den Kopf.
»Leer wird der Wald«, entgegnete Jack.
»Die Tiere! Auf dem Weg zu dir standen plötzlich sämtliche Tiere an der Waldlichtung.«
»Der Temperatursturz.« Rio sah Hannes an. »Sagtest du nicht, es soll Bodenfrost geben?«
»Leer wird der Wald, es werde kalt, Lichtertanz und Fackelfeuer, wird kommen das Ungeheuer.« Noch einmal sprach Jack die Worte laut aus.
Es war vollkommen verrückt an so etwas zu glauben, aber plötzlich lief es Rio eiskalt den Rücken hinunter.
Hannes warf einen Blick auf sein Handy.
»Oh, sorry, ich muss los, Arzttermin.« Bedauernd hob er die Schultern. Rio und Jack erhoben sich ebenfalls.
»Wenn ihr die ganze Geschichte hören möchtet, kommt morgen wieder. Und dann wird es eure Entscheidung sein, ob ihr mir glauben wollt.« Jack nickte ihnen zu und sie machten sich auf den Weg.
»Runter!« Hastig zog Jo Liz von dem kleinen Scheunenfenster weg. Sie warteten einen Moment ab, bis die drei gegangen waren, dann schlichen sie sich langsam davon. Sie wussten nicht, was sie von dem Ganzen halten sollten. Es hörte sich einfach nur völlig durchgeknallt an.
Hannes war mit dem Auto seiner Eltern zur Arztpraxis gefahren. Zum zwanzigsten Geburtstag im Oktober würde er eine Lebensversicherung ausbezahlt bekommen und dann würde er sich mit Beginn seines Studiums ein Eigenes leisten. Bis jetzt hatte es ganz gut ohne funktioniert. Meistens war er sowieso mit Rio unterwegs und ab und zu gab er ihm fürs Mitfahren etwas aus.
Vor der Arztpraxis waren alle Parkplätze belegt. Er musste neben dem gegenüberliegenden Hotel parken. Bei dem Versuch, das Wartezimmer zu betreten, wurde er sofort von einer Arzthelferin abgefangen und in ein leeres Zimmer geführt. Im Vorbeigehen registrierte er den großen Andrang. Einige Patienten mussten sogar stehen und die Glastür war geschlossen.
Mit angespannten Gesichtszügen betrat Dr. Jens Schroth das Sprechzimmer und zog rasch die Tür hinter sich zu.
»Grüß dich, Hannes. Na, bist du fit?«
»Hey Jens, ja, alles bestens.«
Sie kannten sich gut. Jens war der Hausarzt der Familie und ein lockerer, unkomplizierter Typ.
»Was ist denn bei dir heute los? Das Wartezimmer platzt ja aus allen Nähten.«
Jens winkte ab und setzte sich hinter seinen Schreibtisch.
»Wenn ich das nur wüsste. Sieht nach einer Grippewelle aus – und das mitten im Juli.« Er musterte ihn. »Fühlst du dich gesund? Keine Kopfoder Gliederschmerzen, Fieber?«
Hannes verneinte. »Alles im grünen Bereich.«
Jens nickte. »Gut. Machst du bitte deinen Arm frei?« Mit geübten Händen verabreichte er Hannes die Spritze und klebte ein Pflaster auf die Einstichstelle.
»Du gehst dann am besten durch die Hintertür raus. Nicht nötig, sich mit irgendetwas anzustecken.«
Hannes hob kurz den Blick und bemerkte ein Flackern in Jens’ Augen.
Plötzlich beschlich ihn das Gefühl, dass der Arzt mehr wusste, als er ihm erzählt hatte.
Ma?« Die Bettdecke war zurückgeschlagen - ein gutes Zeichen. Hoffnungsvoll machte Jo sich auf den Weg ins Wohnzimmer. Vielleicht hatte sich ihre Mutter aufraffen können, wenigstens die Bügelwäsche zu erledigen.
Mit einem Seufzen blieb sie am Türrahmen stehen und lehnte den Kopf dagegen. Ihre Mutter saß auf dem Sofa und starrte mit leerem Blick vor sich hin.
»Ach Mama, du hast mir doch versprochen es wenigstens zu versuchen. Du musst dich mit etwas beschäftigen.«
Ihre Mutter hob den Kopf. »Hallo Liebes.« Sie zwang sich, ein Lächeln zustande zu bringen. »Ich hab es wirklich versucht. Eigentlich wollte ich bügeln. Aber dann überfiel mich wieder diese bleierne Müdigkeit.«
Aus stumpfen Augen sah sie ihre Tochter an.
»Hast du deine Medizin genommen?« Schon auf dem Weg in die Küche wusste Jo, dass die Tabletten ihrer Mutter unberührt dalagen.
»So wird es nie besser. Du musst die Medikamente regelmäßig einnehmen, wie es der Arzt verordnet hat!« Genervt reichte sie ihr eine der Pillen.
»Ach Kind, ich wollte es einfach alleine schaffen, ohne diese Dinger.« Angewidert schaute sie auf die weiße Tablette in ihrer Hand. »Aber vielleicht hast Du recht. Holst du mir ein Wasser?«
Mit einem Glas in der Hand kehrte Jo ins Wohnzimmer zurück und ließ sich auf das Sofa sinken. Geduldig wartete sie, bis ihre Mutter die Pille geschluckt und ausgetrunken hatte.
»Es tut mir so leid, Joana.« Zärtlich legte ihre Mutter die Hand an ihre Wange, bevor sie sie in ihre Arme zog.
Hastig wischte Jo sich über ihre feuchten Augen. Auf keinen Fall würde sie jetzt weinen. Du bist stark und hast alles im Griff. Wie ein Mantra wiederholte sie unablässig die Worte in ihrem Inneren.
Liz und Jo standen an der Bushaltestelle, als sie nach der Schule betont langsam daran vorbeifuhren.
Rio hatte das Verdeck heruntergelassen und die Musik laut aufgedreht. Die Sonne schien von einem nahezu wolkenlosen Himmel und sie hatten ihre verspiegelten Sonnenbrillen aufgesetzt. Es war klar, sie zogen in dem roten Alfa sämtliche Blicke auf sich.
Sie bogen in die Parkbucht ein und Jo dachte zuerst wirklich, sie würden sie fragen, ob sie mit nach Hause fahren wollten. Doch dann war diese Davina Maier - was für eine abartige Namenskombination - mit ihrer Freundin Laura an den Wagen herangetreten. Sie umrundete den Alfa und stützte sich mit den Händen an der Fahrertür ab. Was sie miteinander redeten, konnte sie nicht verstehen, aber auf einmal stiegen die beiden Mädchen kichernd ein und sie fuhren mit ihnen davon.
»Sieht das nur so aus oder läuft da was?« Liz sah ihnen hinterher.
»Keine Ahnung. Interessiert mich auch nicht.« Betont gelangweilt richtete Jo ihre Aufmerksamkeit auf ihr Handy. Wenn sie so darüber nachdachte, wurde ihr bewusst, dass Rio und Davina in letzter Zeit ab und zu zusammen abhingen. Sie hatte keinen blassen Schimmer, warum sich ihre Laune plötzlich verschlechterte. Schließlich konnte sie Dario Renzi nicht ausstehen.
Wenn Hannes ehrlich war, hätte er lieber Liz und Jo, anstatt der beiden Ziegen mitgenommen.
»Dir ist schon klar, dass Vin scharf auf dich ist?« Sie hatten die zwei am Marktplatz abgesetzt.
Rio lachte. »Alter, nie im Leben! Ich werd ganz sicher nicht ihre nächste Trophäe sein.«
Hannes grinste und zog die Augenbrauen hoch. »Dann schenk ihr besser nicht so viel Aufmerksamkeit.«
Rio zuckte die Schultern. »Was sollte ich machen? Sie hat mich gefragt, ob ich sie in die Stadt mitnehme, ist doch nichts dabei. Aber vielleicht hast du recht. Sie ist echt hartnäckig.«
Rio drehte die Musik auf. »Hör dir das Intro an - genauso muss es klingen.« Sie spielten in der Rockband der Schule. Hannes am Bass und Rio an der E-Gitarre. In ein paar Wochen fand das alljährliche Schulfest mit anschließendem Rockkonzert statt. Sie hatten noch einige Übungsphasen vor sich.
»Das wird absolut geil, glaub mir. Wäre wirklich cool, wenn wir die Band über die Schulzeit hinaus erhalten könnten.«
Hannes trommelte mit den Händen auf seinen Schenkeln und bewegte den Kopf zum Takt. »Ja, das wäre echt klasse.«
Rio hielt vor Hannes’ Haus an.
»Um zwei bei Dir?« Hannes sah ihn fragend an, bevor er ausstieg.
Rio nickte wortlos. Sie hatten nicht mehr groß darüber gesprochen und sie wussten immer noch nicht, was sie von all dem halten sollten. Aber es war klar, dass sie ein weiteres Mal bei Jack vorbei mussten. Das waren sie ihm einfach schuldig.
Was schleppst du da mit dir herum?« Hannes deutete auf Rios Rucksack, nachdem sie die Siedlung hinter sich gelassen hatten.
Rio hielt den Blick auf den Boden geheftet und schüttelte einmal lächelnd den Kopf. »Zwing mich nicht, zu antworten - es ist echt bescheuert.«
Hannes musterte ihn einen Augenblick. »Du machst mich neugierig.«
Während sie weitergingen, holte Rio tief Luft. Schließlich blieb er stehen und sah Hannes an.
»Ein paar nützliche Dinge. Taschenlampe, Feuerzeug, Batterien.«
Hannes schwenkte seinen Kopf zur Seite und leckte sich über die Lippen. Mit der Hand fuhr er sich durchs Haar.
»Bei Jens gestern, das Wartezimmer war brechend voll. Er vermutet diese Grippewelle. Aber wenn du mich fragst, verschweigt er etwas.« Hannes verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. »Du glaubst Jack wirklich.« Es war keine Frage, es war eine Feststellung.
Rio erwiderte seinen Blick. »Du?«
Wortlos sahen sich an.
Hannes nickte ein paar Mal. »Was ist, wenn mit diesem Ungeheuer aus der Prophezeiung eine Krankheit gemeint ist?«
Rio ging nicht auf die Frage ein. Er musste an seinen Vater denken, der, so hoffte er, nur mit einer Sommergrippe auf dem Sofa lag.
»Gehen wir.« Rio deutete mit dem Kopf nach vorne.
Wortlos setzen sie ihren Weg fort.
Mit sicherem Abstand folgten Jo und Liz ihnen.
»Ich komm mir echt bescheuert vor Liz, was tun wir hier überhaupt? Es interessiert mich einen Scheiß, was die vorhaben.« Jo war stehen geblieben und rieb sich mit dem Arm über die Stirn.
»Jetzt tu nicht so, du willst doch auch wissen, was da abgeht.« Liz fuhr sich mit den Händen durchs Haar und band es zu einem Pferdeschwanz zusammen. Daran, dass Jo ihr nicht widersprach, erkannte sie, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.
»Wenn wir wenigstens was zu trinken hätten. Diese Hitze ist unerträglich.« Sie hatten zwischen ein paar Büschen Stellung bezogen und gewartet, bis Hannes und Rio hinter dem nächsten Hügel verschwunden waren.
Und dann war es Jo, die zum Weitergehen drängte. »Komm schon, bringen wir es hinter uns.«
Sie warteten, bis Jacks Haustür ins Schloss gefallen war, dann bezogen sie wieder Stellung hinter der Scheune. Bestimmt würden die drei irgendwann auftauchen. Und tatsächlich mussten sie nicht lange warten.
»Setzt euch.« Jack deutete auf die Kisten, auf denen sie tags zuvor gesessen hatten. »Hier, greift zu.« Er lächelte. »Es kann dauern.«
Auf einem Regal hatte er Getränke und eine Schale mit Nüssen bereitgestellt. Er legte die Handflächen aneinander und hielt kurz inne.
»Nun gut, wo fange ich an?«
Er begann zu erzählen und seine Augen fixierten einen imaginären Punkt irgendwo an der Wand. Langsam schien er sich innerlich von ihnen zu entfernen.
»Ich wollte, wie bereits erwähnt, in das Jahr 1984. Fragt mich nicht warum, ich werde es euch erzählen, wenn die Zeit dafür reif ist.« Bittend sah er sie einen Moment an.
»Wie ich schon sagte, geschah dann das Missgeschick mit diesem Zahlendreher.« Er seufzte. »Ehe ich es registrierte, war es zu spät. Die Turbinen liefen an. Es gab keine Möglichkeit mehr, den Vorgang zu stoppen. Ein ohrenbetäubender Lärm setzte ein, der immer stärker anschwoll. Alles begann sich zu drehen, schneller und schneller. Ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, war mir jegliches Zeitgefühl abhandengekommen. Langsam hob ich den Kopf vom Bedienfeld und blickte mich um. Die Hoffnung, dass meine weit in die Vergangenheit gehende Zeitreise doch nicht geklappt hatte, wich einem seltsam unbehaglichen Gefühl. Irgendetwas stimmte nicht. Ich kam nicht sofort darauf, was es war. Doch dann wurde mir klar, es war die Stille.
Keine Autobahngeräusche - nichts war zu hören. Ich blickte in südöstliche Richtung, wo normalerweise die Autos bei Tempo hundertfünfzig über die Mühlbachbrücke brausen. Keine Brücke war zu sehen. Nur eine Landschaft, deren Farbintensität dem Inhalt eines Bilderbuches glich.
Nie zuvor hatte ich ein so intensives Grün auf den Wiesen und in den Wäldern gesehen. Ich sah mich um - und da war nichts! Versteht ihr? Keine Scheune, kein Haus, nichts. Ich stand mit meiner Maschine in einer Senke, umgeben von Büschen und Wiesen. Da wurde mir klar, ich war nicht mehr in der Gegenwart. Schnell warf ich einen Blick auf das Bedienfeld. Im Display leuchteten mir in modernstem Neongrün die Ziffern 1489 entgegen.
Na gut, dachte ich, bleib ruhig. Du tippst die richtige Jahreszahl ein und dann nichts wie weg hier. Aber so einfach war es nicht. Zuerst würde ich noch einen Check durchführen müssen. Denn so eine weit in die Vergangenheit gehende Zeitreise, da war ich mir sicher, hatte die Maschine stark beansprucht. Die Solarzellen waren so gut wie leer. Zum Glück war am Himmel kein Wölkchen zu sehen, sodass dies das kleinere Problem darstellte. Jedoch schien eine der vier Turbinen defekt zu sein. Einige der fächerartigen Lamellen waren abgebrochen. Ich setzte mich ins Gras und überlegte. Was konnte ich tun? Zuallererst musste ich mich um die Turbinen kümmern und irgendwie versuchen, die beschädigten Lamellen zu ersetzen.
Dann kam mir ein weiterer Gedanke. Was, wenn plötzlich Menschen auftauchten? Ich befand mich im tiefsten Mittelalter. Aberglaube und Hexerei gehörten hier zum Alltag. Wenn man mich mit meiner Zeitmaschine erblickte, hielt man mich womöglich für den Leibhaftigen! Nein, zuallererst musste ich die Maschine, so gut es ging, mit Zweigen abdecken. Nachdem dies erledigt war, schaute ich mich nach allen Richtungen um. Noch immer war keine Menschenseele zu sehen.
Plötzlich kam mir die Burgruine in den Sinn. Besser gesagt die Burg. Von Ruine konnte im Jahr 1489 ja keine Rede sein. Meine Neugier war geweckt. Ich musste das Gemäuer sehen. Meinen Berechnungen zufolge lag Burg Wehrstein gleich hinter dem bewaldeten Hügel. Ich hoffte, unbemerkt entlang der Hecken dorthin zu gelangen, und machte mich auf den Weg. Ich war ungefähr zehn Minuten gegangen, als Stimmen an mein Ohr drangen. Vorsichtig spähte ich durch die Büsche auf eine kleine, von ein paar Tannen umsäumte Lichtung.
Zwei Pferde waren an einem der Bäume festgebunden und ließen sich das saftige Gras schmecken. Ein junger Mann in eurem Alter saß auf einem Baumstamm und ein Mädchen ungefähr genauso alt, schritt ziemlich aufgebracht hin und her. Sie schienen über irgendetwas zu streiten.
Ich fühlte mich wie ein Zuschauer in einem historischen Theaterstück. Die junge Frau trug ein langes, aus dunkelblauem Samt gefertigtes Kleid. Das schwarze Haar hatte sie zu einer kunstvoll geflochtenen Frisur hoch-gesteckt. Kleine weiße Perlen glitzerten darin. Der Junge trug ebenfalls typische mittelalterliche Kleidung: weißes Hemd, eine enganliegende Lederhose, sowie kniehohe Lederstiefel. Seine fast schulterlangen Haare hatte er im Nacken zusammengebunden. Eine Strähne hatte sich gelöst und war ihm ins Gesicht gefallen.«
Jack lächelte etwas versonnen bei der Erinnerung an die beiden.
»Zwei so schöne junge Menschen ...
Ich hörte, wie das Mädchen sagte, sie würde nicht verstehen, warum er ihn immer zu schützen versuche. Er müsse es doch auch schon bemerkt haben. Worauf der Junge meinte, sie tue ihm Unrecht und bilde sich alles nur ein. Als würden sie meine Anwesenheit spüren, redeten sie plötzlich nur noch mit gedämpfter Stimme und ich konnte nichts mehr verstehen.
Gerade war ich dabei mich vorsichtig zurückzuziehen, da geschah es. Mit dem Fuß blieb ich an einem Ast hängen, stolperte und fiel so unglücklich auf meine linke Hand, dass ich wohl einen kleinen Schmerzenslaut von mir gegeben hatte. Ihr könnt euch vorstellen, was nun passierte. Die zwei wurden auf mich aufmerksam.
Der Junge ging auf mein Versteck zu. ‚Wer da?‘, rief er.
Vor mir teilten sich die Zweige und ich sah einen Degen auf mich gerichtet.
‚Wartet!‘, flehte ich ihn an. ‚Ich bin verletzt!‘ Misstrauisch musterte mich der junge Mann. Das Mädchen war ebenfalls nähergekommen und spähte hinter dessen Schulter hervor.
‚Wer seid Ihr, was treibt Ihr hier?‘, herrschte er mich an. Fieberhaft überlegte ich, welche Erklärung ich den beiden geben könnte. Würden sie mir glauben, wenn ich ihnen die Wahrheit erzählte? Wohl kaum. Ich entschied mich daher, erst einmal Zeit und ihr Vertrauen zu gewinnen. Ich bat den Jungen, mir aufzuhelfen, und streckte ihm meine Hand entgegen. Er ergriff sie und zog mich überraschend kraftvoll auf die Beine. Ich nannte ihnen meinen Namen und erzählte, dass ich aus dem hohen Norden käme und Hilfe bräuchte. Die Achse meines Wagens wäre gebrochen. Mein Pferd, sowie mein gesamtes Hab und Gut seien den steilen Abhang am Rande des Weges hinuntergestürzt und im Neckar, in der Nähe von Rottenburg auf Nimmerwiedersehen versunken. Wäre es mir nicht gelungen, gerade noch rechtzeitig abzuspringen, hätte mir dasselbe Schicksal geblüht. Vermutlich machte ich einen so bedauernswerten Eindruck, dass sie Mitleid mit mir bekamen.
Ihre Namen waren Karl und Magdalena.
Magdalena erzählte mir, dass ihr Vater, Graf Rudolf von Wehrstein, der Burgherr wäre. Sie boten mir an, in der Burg beim Gesinde unterzukommen, und wollten den Schmied fragen, ob er einen Gehilfen gebrauchen könne. Das kam mir natürlich gerade recht. Ich hegte Hoffnung, dass sich dort die Möglichkeit ergeben würde, die beschädigten Lamellen der Turbinen zu ersetzen. Dann gab es noch ein Problem - meine Kleidung. Der Overall, den ich trug, kam den beiden natürlich äußerst merkwürdig vor. Meiner Erklärung, dass es sich dabei um eine neue Erfindung aus dem hohen Norden handelte, begegneten sie mit einem gewissen Maß an Skepsis. Dennoch gaben sie sich mit meiner Begründung zufrieden. Auf dem Ritt zur Burg - ich saß bei Karl mit auf - unterhielten wir uns ein wenig.
Sie waren beide zwanzig Jahre alt und Cousin und Cousine. Ihre Väter waren Brüder gewesen. Karls Vater, Graf Michael von Hohenzollern, starb überraschend an einem Herzanfall, als sein Sohn gerade erst zwei Jahre alt war. Der Junge war plötzlich Vollwaise - seine Mutter war bereits bei seiner Geburt gestorben. Ohne zu zögern, hatten Magdalenas Eltern den Kleinen bei sich aufgenommen. Magdalena und Karl waren unzertrennlich. Doch dann schlug das Schicksal in dieser Familie zu. Es fing damit an, dass sich Magdalenas Mutter immer öfter müde und zusehends kränker fühlte. Sie wurde schwächer und schwächer. Keiner wusste, was ihr fehlte und eines Tages lag sie tot im Bett. Graf Rudolf war also von heute auf morgen mit zwei Kleinkindern alleine. Als Burgherr befand er sich zum Glück in einer finanziell sicheren Lage. Er hatte genügend Bedienstete und die Amme Mechthild. Ihr wurde die Erziehung der Kinder übertragen und sie wurde zu einer liebevollen Ersatzmutter. Die kämpferische Ausbildung des Jungen, also unter anderem den Umgang mit Degen und Schwert übernahm Ritter Marquard - der treuste Diener von Wehrstein - wie Karl ihn nannte. Graf Rudolf sei ein großzügiger Burgherr, der seine Untergebenen gerecht behandelte und auch keine zu großen Steuerabgaben von seinem Volk forderte, erzählte Karl.
Zu seinem Volk sei er manchmal gerechter, als zu seinem eigenen Fleisch und Blut, fügte Magdalena zynisch hinzu. Worauf Karl seinen Onkel verteidigte und meinte, sie müsse sich als Frau endlich auch als solche benehmen und lernen, gewisse Regeln einzuhalten. Darauf begannen sie sich wieder zu streiten. So wäre es wohl noch einige Zeit weiter-gegangen, doch plötzlich wurde unsere Aufmerksamkeit auf das Geräusch eines herannahenden Pferdes gelenkt. In rasantem Galopp näherte sich eine Reiterin. Die junge Frau, die das Pferd lenkte, schnappte keuchend nach Luft, als sie abrupt vor uns zum Stehen kam. Zuerst dachte ich, sie wäre nicht bei Trost. Wie wild fuchtelte sie mit den Armen und verzog ihren Mund zu eigenartigen Grimassen. Dann begriff ich - sie war stumm. Auf wundersame Weise schien Magdalena sie jedoch zu verstehen.
‚Beruhige dich Phil, ich komme ja schon!‘, redete sie auf sie ein.
Nachdem die beiden Mädchen sich auf den Weg zur Burg gemacht hatten, erfuhr ich von Karl, dass Philomena Magdalenas Kammerzofe war. Sicherlich hätte sein Onkel das Verschwinden seiner Tochter bemerkt. Sie würde großen Ärger bekommen, denn heute wollte Graf Christoph von Haigerloch seine Aufwartung machen und um Magdalenas Hand anhalten. Die in finanzieller Hinsicht lukrative Verbindung war von Graf Rudolf eingefädelt worden. Die rebellische Magdalena jedoch wehrte sich mit Händen und Füßen gegen diese bevorstehende Vermählung. Was man auch verstehen könne, denn der zukünftige Bräutigam sei nicht gerade als gutaussehend zu bezeichnen.
Wir waren so sehr ins Gespräch vertieft, ich hatte überhaupt nicht bemerkt, dass wir schon fast am Ziel waren. Der Pfad war breiter geworden. Beidseitig wurde der Weg von hohen Laubbäumen gesäumt. Plötzlich sah ich eine Fahne durch die Blätter schimmern. Ich bekam eine Gänse-haut. In wenigen Augenblicken würde ich Burg Wehrstein in ihrer ganzen, vollständigen Größe sehen. Welch unbeschreibliches Gefühl!
Karl hielt das Pferd an und drehte sich zu mir um. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er mich.
‚Es ist wohl besser, Ihr sucht Schutz hinter den Bäumen. Ich werde euch derweil anständige Kleidung besorgen‘, meinte er.
Vermutlich hatte er Recht. Mein Aussehen würde bei den Menschen nur Misstrauen wecken. Während ich im Unterholz ausharrte, machte Karl sich auf den Weg.
Was würde mich hier erwarten? Wie anders war doch alles gekommen. Als ich so meinen Gedanken nachhing, wurde die Stille plötzlich durch das Wiehern von Pferden und Gesprächsfetzen unterbrochen.
Ich zog mich noch etwas weiter ins Unterholz zurück und beobachtete zwei herannahende Reiter. Der stämmigere der beiden Männer schien sich über seinen stattlichen, gutaussehenden Begleiter zu ärgern.
‚Seht Euch vor! Behaltet Euer absonderliches Gedankengut für Euch, bevor Ihr in Ungnade fallt!‘ In barschem Tonfall hatte er ihm die Worte an den Kopf geworfen. Bevor ich die Antwort des anderen hören konnte, waren sie auch schon an mir vorbei.
Kurze Zeit später tauchte Karl mit ein paar Kleidungsstücken auf.
Alles passte wie angegossen und schließlich begaben wir uns auf den Weg zur Burg. Noch eine letzte Wegbiegung und dann sah ich sie.
Sie ragte so urplötzlich aus dem Erdboden auf, dass ich einen Moment an ein Trugbild glaubte. Wie ein Fels in der Brandung stand sie vor mir - Burg Wehrstein.
Wir trabten über die heruntergelassene Zugbrücke.
Linker Hand, gleich nach der Brücke, befand sich ein imposanter Ringturm von ungefähr sechs Metern Durchmesser. Zwei Schießscharten waren Richtung Graben und Ringmauer gerichtet. Zwischen der südlich gelegenen Ringmauer und des nördlich gelegenen Gebäudes führte die Einfahrt zum Burghof. Auf der Ringmauer thronte ein viereckiger Turm. Am beeindruckendsten jedoch war die Stärke der Mauern. Sie betrug teilweise über zwei Meter. Im mittleren Teil der gesamten Anlage thronte ein mächtiger Rundturm. Daran angeschlossen befanden sich die Wohnräume der Herrschaft. Auf dem höchsten Teil der Burganlage erstrahlte abermals ein Rundturm, der dieses wundervolle Gesamtbild abrundete.
Hinter den Mauern herrschte reges Treiben. Niemand schenkte uns Beachtung. Kinder spielten Fangen. Eine Frau rannte einem Huhn, das wohl in den Topf sollte hinterher und das Klopfen des Schmiedes war zu hören. Zielstrebig folgten wir dem hämmernden Geräusch. Karl wollte mich gleich meinem zukünftigen Meister vorstellen.
Die Schmiede lag direkt hinter den Toren der Burg. Ein imposanter Rundbogen wies den Weg ins Innere.
Den schweißglänzenden breiten Rücken uns zugewandt, bearbeitete ein glatzköpfiger Riese mit dem Hammer ein Stück glühendes Eisen, das er eben in einen mit Wasser gefüllten Bottich tauchen wollte.
In diesem Moment bemerkte er uns und stieß vor Schreck einen furchterregenden Fluch aus. Noch furchterregender jedoch war sein Aussehen. Buschige Augenbrauen zierten sein rußverschmiertes, grimmiges Gesicht. Als er jedoch Karl erkannte, erhellte ein freundliches Lächeln seine Züge.
Karl stellte uns einander vor und erklärte meine Situation.
Natürlich könne er einen Gehilfen brauchen, meinte Conrad und klopfte mir mit seiner Pranke auf die Schulter, sodass ich das Gefühl hatte, zehn Zentimeter zu schrumpfen.
Plötzlich drangen von außen Rufe und Schreie herein. Neugierig blickten wir nach draußen. Zwei Wachposten zu Pferd schienen jemanden zu verfolgen. Auf einmal tauchte inmitten der Menschenmenge Magdalenas dunkler Haarschopf auf. Offensichtlich war sie das Ziel der Verfolger. Blitzschnell sprang Karl vor und zog sie in die Schmiede. Als hätten sie sich abgesprochen, hielt Conrad eine in den Boden verankerte Klappe auf. Nachdem die Wachen vorgedrungen waren, war Magdalena bereits wie vom Erdboden verschwunden.
Karl versperrte ihnen den Weg und herrschte sie an, was hier vor sich ginge. Im selben Augenblick näherten sich zwei Männer. Ich erkannte in ihnen die beiden, die im Wald an mir vorbeigeritten waren, während ich auf Karl gewartet hatte. Es stellte sich heraus, dass es sich bei dem großen, stattlichen Mann um Ritter Marquard handelte. Der kleinere, etwas stämmigere, war Graf Joachim, der Verwalter von Hohenzollern - Karls ursprünglichem Zuhause. Bis zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag sollte dieser die Geschäfte für ihn führen. Danach würde Karl selbst sein ihm zustehendes Erbe in die eigenen Hände nehmen.
Mit ungläubiger Miene lauschte Karl den Schilderungen der Wachen. Nach dem gemeinsamen Mittagsmahl war Graf Christoph von Haigerloch plötzlich zusammengebrochen. Der rasch herbeigerufene Medicus konnte nur noch den Tod des edlen Herren feststellen. In seinem Weinkelch hatte man Spuren von Gift gefunden. Der Verdacht war schnell auf Magdalena gefallen - es war kein Geheimnis, dass sie sich gegen diese Heirat mit aller Macht gewehrt hatte.
Magdalena musste wohl oder übel in ihrem Versteck ausharren.
Karl wollte sich zuallererst auf den Weg zu seinem Onkel begeben, um die ganze Geschichte noch einmal aus dessen Mund zu hören.
Niedergeschlagen kehrte er mit schlechten Nachrichten in die Schmiede zurück. Christoph von Haigerlochs gesamtes Gefolge beharrte auf eine Verhaftung Magdalenas. Rudolf zeigte sich überzeugt, dass seine Tochter ihre Unschuld nur dadurch würde beweisen können, wenn sie sich stellte. Karl wiederum hatte schreckliche Angst, dass diese eiskalten Haigerlocher, wie er sie nannte, sollte sich Magdalena erst einmal in deren Gewalt befinden, keine Gnade kennen würden und es schlimmstenfalls zu einer Hinrichtung käme. Schweren Herzens hatte er sich dagegen entschieden, seinen Onkel in das Wissen um Magdalenas Versteck einzuweihen. Entsprechend verstimmt hatten sie sich getrennt.
Nun also beratschlagten Karl und Conrad, wie es weitergehen sollte.«
Jack blickte auf und lächelte. »Diese Menschen waren unglaublich - obwohl sie mich doch erst kurze Zeit kannten, vertrauten sie mir. Von Beginn an bezogen sie mich in alles mit ein.«
Jack fuhr fort.
»Zuerst einmal mussten wir nach Magdalena sehen. Sicherlich ängstigte sie sich in ihrem Versteck. Der Reihe nach kletterten wir unter dem Verschlag ins Erdinnere. Conrad als letzter, zog die Klappe über sich zu. Mit einer Talgfackel leuchtete Karl in dem höhlenartigen Raum umher. Das gedämpfte Licht fiel auf eine zusammengekauerte Gestalt - Magdalena. Karl reichte mir seine Fackel und kniete sich auf den felsigen Boden. Vorsichtig berührte er sie an der Schulter. Sie schlug die Augen auf und zuckte zusammen. Als sie uns erkannt hatte, atmete sie erleichtert auf. Sie flehte uns an, ihr zu glauben, dass sie unschuldig sei - und glaubt mir, sie war unschuldig.
Karls Befürchtungen bekräftigten ihren Entschluss, sich auf keinen Fall freiwillig zu stellen. Und so beschlossen wir gemeinsam, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun würden, um Magdalenas Unschuld zu beweisen. Conrad erläuterte seinen Plan und versetzte mich, aber noch mehr Karl und Magdalena in großes Staunen. In dem höhlenartigen Gewölbe rankte sich ein schmaler Gang leicht aufwärts. Der unbekannte Geheimgang, führte zum nahegelegenen Wehrsteinhof. Es war ein seit Jahrzehnten streng gehütetes Geheimnis unter Generationen von Schmieden, die auf der Burg sowie in der hofeigenen Schmiede ihrer Arbeit nachkamen. Hier also hielten wir Magdalena erst einmal versteckt, hier war sie sicher. Conrad veranlasste auf dem Wehrsteinhof die tägliche Verpflegung Magdalenas. Er hatte dort seine Leute, auf die er sich absolut verlassen konnte. So vergingen einige Tage.
Um ihr das Alleinsein etwas zu erleichtern, schauten wir so oft wie möglich bei Magdalena vorbei. Gleichzeitig setzte Karl alles in Bewegung, um den tatsächlichen Mörder Christophs von Haigerloch zu finden.
Wie ihr euch vorstellen könnt, wurde Magdalena immer ungeduldiger in ihrem Gefängnis. Ihre Laune war an einem Tiefpunkt angelangt und wir sorgten uns sehr um sie.
Ich nahm meine Arbeit bei Conrad in der Schmiede auf. Wir beide wurden in der kurzen Zeit Freunde. Conrads furchterregendes Äußeres, stand im Gegensatz zu seiner gutmütigen, friedfertigen Art, die jedoch, sollte ihm einer dumm kommen, ins Gegenteil umschlagen konnte.
Nun, ich hatte noch das Problem mit den Lamellen, die in den Turbinen meiner Zeitmaschine zerstört worden waren. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Art Vorahnung war, aber ich wollte die Maschine ohne Verzögerung in ihren Originalzustand versetzen. Wer wusste schon, was noch alles geschehen würde.
Also beschloss ich, Karl und Conrad die Wahrheit über meine Identität zu erzählen. Die Gelegenheit bot sich schneller, als ich es für möglich gehalten hatte. Nachdem Karl den Vormittag erfolglos damit verbrachte, in der Burg das Gesinde auszuhorchen, in der Hoffnung irgendeinen Hinweis auf den Mörder zu erhalten, schaute er kurz bei Magdalena vorbei.
Aufgebracht betrat er die Schmiede. Er hatte Magdalena nicht in ihrem Versteck angetroffen. Stattdessen entdeckte er sie auf dem Hof im Stall bei den Pferden. Mit Hilfe einer Magd war sie für eine Weile ihrem Gefängnis entflohen und das nicht zum ersten Mal.
Uns war klar, dass es so nicht mehr lange weitergehen konnte. Irgendwann würde sie entdeckt werden.
‚Hätte ich nur das Treffen mit diesem Christoph von Haigerloch verhindert, dann wäre Magdalena jetzt nicht in dieser verzweifelten Lage!‘, wütend spuckte Karl die Worte aus. ‚Könnte man die Zeit doch nur zurückdrehen!‘ Gedankenverloren blickte Karl vor sich auf den Boden.
Ich holte tief Luft. ‚Möglich wäre es.‘ Vorsichtig waren die Worte aus meinem Mund gekommen.
‚Was redet Ihr da?‘ Entgeistert und gleichzeitig fragend sahen Karl und Conrad mich an.
Um sie zu überzeugen, dass ich die Wahrheit sagte, entschloss ich mich, ihnen zuerst die Zeitmaschine zu zeigen und erst dann die Geschichte über meine Reise zu erzählen.
Tatsächlich trafen wir mein Versteck genauso an, wie ich es verlassen hatte. Auf den ersten Blick war nichts außer Büsche und Hecken zu sehen. Ich entfernte die Zweige und bat die beiden, mir zu helfen.
Conrad bekreuzigte sich mehrmals hintereinander. Vermutlich dachte er, dieses Objekt wäre das Werk des Teufels. Mit gebührendem Abstand umkreisten sie die Maschine. Offensichtlich war ihnen alles recht unheimlich. Sie taten sich schwer mir zu glauben, doch als ich ein paar Knöpfe drückte und auf dem Bedienfeld das Display aufleuchtete, wichen sie erschrocken einen Schritt zurück.
Die Tage vergingen und Magdalena befand sich am Rande des Wahnsinns. Sie hielt es in ihrem Verlies fast nicht mehr aus. Uns war klar, etwas musste geschehen - und zwar bald.
Dann überschlugen sich die Ereignisse und das Schicksal wendete sich eines Morgens gegen uns.
Die Sonne war gerade über der Burg aufgegangen. Das Gemäuer lag ein wenig verschlafen in den ersten Sonnenstrahlen. Es war noch nicht viel Betrieb im Burghof. Conrad half mir dabei, die Lamellen für die Turbine herzustellen. Das einzige Geräusch bestand aus dem Klopfen von Conrads großem Hammer, mit dem er ein Stück Eisen, bearbeitete.
Hufschläge ließen uns aufhorchen. Es war Karl, der mit erhitztem Kopf von seinem Pferd absprang. Völlig aufgelöst erzählte er, dass Magdalena spurlos verschwunden sei. Er war morgens schon in aller Frühe aufgebrochen, um so unbeobachtet wie möglich zu ihr zu gelangen. Die gesamte Haigerlocher Sippschaft beabsichtigte, sich oberhalb der Burg am Waldrand niederzulassen, bis Magdalena gefasst und verurteilt wäre. Daher war höchste Vorsicht geboten, damit die täglichen Besuche niemandem auffielen.
Er war zu Magdalena hinuntergestiegen und hatte den höhlenartigen Raum verlassen vorgefunden. Unbemerkt musste sie sich wohl in der Nacht davongeschlichen haben. Doch plötzlich wurde uns klar, dass es auch noch eine andere Möglichkeit gab. Was, wenn sie aus ihrem Versteck entführt worden war? Vielleicht gab es eine undichte Stelle, die sie verraten hatte.
Es half nichts, wir mussten Ruhe bewahren und den nächsten Schritt planen. Wir einigten uns darauf, dass Karl sich unbemerkt in der Umgebung umsehen sollte. Möglicherweise würde ihm ja irgendetwas Verdächtiges auffallen. Conrad und ich konzentrierten uns derweil auf die Zeitmaschine, um sie wieder startklar zu machen.
Für den Abend verabredeten wir uns in der Schmiede.
