8,99 €
Lilah und ihr Freund Carter sind das perfekte Traumpaar. Aber unbemerkt von allen anderen, beginnt es zu kriseln. Lilahs vereinnahmendes Wesen und ihre Stimmungsschwankungen machen Carter zunehmend zu schaffen. Dann taucht plötzlich Jules auf. Wunderschön, lustig, clever, talentiert. Und Carter verfällt ihr hemmungslos. Doch eine Nacht voller Leidenschaft verändert alles und hat Konsequenzen, mit denen niemand rechnen konnte.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 317
Veröffentlichungsjahr: 2016
DER AUTOR
Sean Olin ist in Wisconsin aufgewachsen und schrieb schon als Kind eigene Geschichten. Er lebt in New York City, verbringt die Sommer aber in einer kleinen Stadt am Meer, die ihn zu dem Setting von »Weil du mein bist« inspirierte.
Sean Olin
Weil du mein bist
Aus dem Englischen
von Edith Beleites
Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.
1. Auflage
Deutsche Erstausgabe März 2016
© 2014 by HarperCollins Publishers
Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem
Titel »Wicked Games« bei Katherine Tegen Books an imprint of HarperCollins Publishers.
© 2016 für die deutschsprachige Ausgabe
by cbt Verlag in der Verlagsgruppe
Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten.
Published by arrangement with HarperCollins Children’s Books, a division of HarperCollins Publishers.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen.
Aus dem Englischen von Edith Beleites
Lektorat: Stefanie Rahnfeld
Umschlaggestaltung: init | Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen, unter Verwendung des Originalumschlags: jacket photo © 2014 by plainpicture/André Schuster, jacket design by Joel Tippie
jb · Herstellung: kw
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-15767-8V002
www.cbt-buecher.de
Prolog
Bei ihrem dritten Date, vor ewigen Zeiten, im ersten Jahr an der Highschool, waren Carter und Lilah abends im Harpoon Haven, dem kleinen Vergnügungspark, der vor zehn Jahren in Strandnähe errichtet worden war, um Touristen aus Miami nach Dream Point zu locken. Sie aßen Zuckerwatte, bis ihre Zungen blau waren, fuhren Riesenrad und gleich dreimal hintereinander Autoscooter. Beim Dartwerfen traf Carter fünf Luftballons und gewann für Lilah einen Plüschlöwen, der so groß war, dass sie beide Arme brauchte, um ihn zu tragen.
Gegen zehn mussten sie eigentlich nach Hause, aber dazu hatten sie keine Lust. Stattdessen gingen sie die von Palmen und Rasen gesäumte Promenade hinunter, die am schneeweißen Strand entlangführte.
»Heute ist Vollmond«, sagte Carter. »Siehst du, wie der Sand im Mondlicht schimmert? So was Schönes haben wir in Savannah nicht.«
Er war erst vor Kurzem nach Dream Point gezogen, zu Schuljahrsbeginn. Auf den ersten Blick hatte er etwas Versnobtes, aber das lag nur an seiner Art, sich zu kleiden, nicht daran, dass er sich für etwas Besseres hielt. Er trug Khakis und karierte Hemden und die widerspenstigen hellbraunen Haare mit Seitenscheitel, was ihn ziemlich von den Surfern und Footballern und stylishen Kubanern unterschied, die die Christopher Columbus Highschool sonst bevölkerten.
»Du bist erst seit einem Monat hier«, sagte Lilah. »Wenn man sein ganzes Leben hier verbracht hat, nimmt man so was gar nicht mehr wahr. Oder erst wieder, wenn einen jemand darauf aufmerksam macht.«
»Heute kommen die Wellen besonders weit rein. Wahnsinn, wie viel Kraft sie haben! Das liegt am Mond. Bei Vollmond steigt die Flut höher als sonst.«
Lilah versuchte, den Plüschlöwen besser zu fassen zu kriegen. Tatsächlich wurde ihr bewusst, wie schön es in Dream Point war, und auf einmal kam es ihr wie der magischste Ort der Welt vor, obwohl sie es schon ihr Leben lang kannte. »Ich wünschte, ich könnte die Stadt immer durch deine Augen sehen«, sagte sie. »Wenn ich dir zuhöre, wird sie plötzlich richtig lebendig. Vielleicht liegt es daran, dass du dich für Naturwissenschaften und so interessierst.«
Carter blickte über den Strand, und Lilah fragte sich, was er jetzt wohl wieder sah – bestimmt mehr als die Wellen, die ans Ufer rollten und sich dann wieder zurückzogen. In seinen klaren, hellbraunen Augen lag etwas so Tiefes, Ernsthaftes.
»Ich hab eine Idee«, sagte er nach einer Weile. »Wenn ich etwas Besonderes sehe, mache ich dich darauf aufmerksam, damit du einen Blick für die Schönheit der Natur bekommst. Okay?«
»Absolut«, sagte Lilah. Das Besondere, das sie bis jetzt sah, war vor allem er. Unter seiner sonnengebräunten Haut schien ein sensibler, aufmerksamer Junge zu stecken, und sie schätzte sich glücklich, ihn kennengelernt zu haben. Aber wie sollte sie ihm beweisen, dass sie seine Aufmerksamkeit verdiente? Plötzlich kam ihr ein Gedanke.
»Lass uns zum Wasser runtergehen«, sagte sie.
»Ich dachte, der Strand schließt um acht.«
»Na und?«
»Kriegen wir keinen Ärger?«
»Hast du etwa Angst? Es wird schon keiner merken.«
Carter fuhr sich nervös mit den Fingern durch die Haare.
»Okay«, sagte Lilah. »Betrachte es als Herausforderung. Ich gehe jedenfalls.«
Bevor Carter Ja oder Nein gesagt hatte, warf sie ihm den Löwen zu und band ihre welligen aschblonden Haare zu einem Pferdeschwanz.
»Wer als Erster da ist!«, rief sie und rannte los, dass ihre Flip-Flops auf den Asphalt der Promenade klatschten und der Rock ihres knielangen violetten Kleids hinter ihr herflatterte.
Carter lief ihr nach, den Plüschlöwen mit beiden Händen über den Kopf haltend, und versuchte, sie einzuholen. Aber sie war eine gute Sportlerin, gehörte schon seit der sechsten Klasse zum Schwimmteam, und sogar in Flip-Flops war sie mit ihren starken Beinen schnell. Sie lief über den Strand, dass der Sand aufwirbelte, und so sehr Carter sich auch anstrengte, er konnte sie nicht einholen. Lilah war einfach zu schnell. Außerdem war seine weite lange Hose zum Sprinten denkbar ungeeignet.
Lilah drehte sich um und lief rückwärts weiter, bis Carter auf wenige Meter an sie herangekommen war, hielt aber im Weiterlaufen ihren kleinen Vorsprung.
»Komm schon, du Schleichschuh!«, rief sie. »Du willst dich doch wohl nicht von einem Mädchen schlagen lassen?« Ein übermütiges Grinsen breitete sich über ihr Gesicht aus. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie sich das letzte Mal so frei gefühlt hatte.
Irgendwann warf Carter den Plüschlöwen in ihre Richtung und sie blieb unwillkürlich stehen und griff danach. In diesem Moment machte er einen Satz und fing sie mit beiden Armen ein. Lachend fielen sie zusammen in den Sand, der Löwe kullerte ein paar Meter weiter.
»Mann, das hat Spaß gemacht«, keuchte Carter.
»Und wie«, sagte Lilah. »Okay, das ist meine Gegenleistung. Du zeigst mir die Schönheit der Welt, und ich helfe dir, die Welt zu erobern – wenn’s sein muss, auch gegen die Regeln.«
»Deal«, sagte er.
Er lag auf ihr, das Kinn auf ihrem Brustbein, und für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Dann rollte er von ihr herunter und schaute zum Himmel auf. Lilah fragte sich, warum er sie nicht geküsst hatte. Vielleicht war er schüchterner und unsicherer, als sie dachte.
Schließlich rappelten sie sich auf. Carter kippte den Sand aus seinen Schuhen, klopfte das kurzärmelige grüne Leinenhemd aus und führte ein kleines Tänzchen auf, um auch den Sand auf seiner hellbraunen Hose loszuwerden. Lilah sammelte ihre Flip-Flops ein und schüttelte dem Plüschlöwen den Sand aus dem Fell. Dann gingen sie über den gepflegten Rasen, der den Strand von der Promenade trennte, Richtung Stadtzentrum zurück.
»Das war’s dann wohl«, sagte Lilah. »Zeit heimzugehen.«
»Meinst du wirklich?« Carter lächelte sie an und sah auf seine Gucci-Uhr. »Wir sind doch sowieso schon zu spät. Was wäre denn das Schlimmste, was passieren kann?«
»Okay, setzen wir uns noch ein bisschen.«
Sie setzten sich auf eine Bank. Auch der Plüschlöwe bekam einen Platz. Dann blickten sie aufs Meer. Und redeten.
Carter erzählte von Georgia, wo er bis zur Scheidung seiner Eltern gewohnt hatte, bevor er mit seiner Mutter nach Dream Point gezogen war. Dann sprach er von Rappern – Lil Wayne, Outkast, Jay-Z und Snoop Dogg – und ihren verschiedenen Sounds, Styles und Texten, die seiner Meinung nach davon geprägt waren, wo die Musiker herkamen. Lilah spürte seine leidenschaftliche Begeisterung. Sein ganzer Körper ging mit, als er die Unterschiede zwischen East-Coast-Beat, West-Coast-Beat, Chicago-Beat und Dirty-Southern-Beat erläuterte.
Dann hörte er ihr genauso aufmerksam zu, als sie von ihren Freundinnen aus dem Schwimmteam erzählte – Kaily, Margarita und Teresa – und davon, wie wichtig es ihr war, die Beste zu sein. Sie sprach auch von ihren Eltern, die sie fürchterlich konservativ und verklemmt fand.
»Manchmal kommen sie mir vor wie Fossilien aus einer Welt, wo das Abendbrot um Punkt sechs auf dem Tisch stehen musste und das Kaffeekränzchen in der Kirchengemeinde um keinen Preis verpasst werden durfte«, sagte sie. »Sie ziehen sich sogar um, bevor sie einkaufen gehen. Und meine Mutter! Ich wette, du hast noch nie jemanden getroffen, der so ängstlich ist wie sie. Man sieht es schon an ihrem Blick. Andauernd schaut sie sich ganz aufgeregt um – und übersieht dabei das eigentlich Wichtige. Und dann diese permanente Sorge, was die Leute wohl von ihr halten könnten. Und von mir. Manchmal ist es unerträglich, wie neurotisch sie ist.«
»Hört sich an, als würde sie dich ziemlich unter Druck setzen.« Mit zwei Fingern berührte Carter ihre Hand, die zwischen ihnen auf der Bank lag. Er hoffte, dass sie die tröstliche Geste akzeptieren würde. Als sie die Hand nicht wegzog, nahm er sie ganz in seine.
Eine Weile saßen sie schweigend so da und ließen sich von der schweren, salzigen Luft einhüllen. Lilah hatte das Gefühl, als hätte sie Carters Hand schon ihr Leben lang gehalten, nur dass es ihr bis jetzt nicht bewusst gewesen war.
Die nächsten fünf Minuten vergingen wie in Zeitlupe. Zentimeter für Zentimeter rückten ihre Köpfe näher zusammen, ganz langsam lösten sie den Blick vom Meer und schauten sich tief in die Augen. Ihre Wangen berührten sich, erst ganz zart, dann küssten sie sich und schlangen die Arme umeinander, als wollten sie miteinander verschmelzen.
»Das wollte ich schon den ganzen Abend tun«, sagte Carter, als sie sich wieder voneinander lösten, und wurde knallrot.
»Ich auch«, flüsterte Lilah und schmiegte sich an ihn.
Ein Prickeln breitete sich in Carter aus, das er bis ins Innerste spürte.
Sie verschränkten die Finger, sahen sich wieder in die Augen und mussten plötzlich peinlich berührt kichern.
Es gab Dinge, die Lilah ihm niemals sagen wollte. Vor allem, wie unsicher sie war. Sie staunte immer noch darüber, dass er sie um ein Date gebeten hatte, weil sie sich nicht für das hübscheste und beliebteste Mädchen der Schule hielt. Allein schon wegen ihrer Sommersprossen und unspektakulären braunen Augen, ganz zu schweigen von ihren welligen, nicht wirklich blonden Haaren, die nie das taten, was sie wollte.
»Warum ich?«, fragte sie plötzlich, obwohl sie das gar nicht vorhatte.
Er überlegte kurz, bevor er sagte: »Du hast so viel Energie … als hättest du einen extra Akku. Etwas Mitreißendes. Verstehst du, was ich meine? Wie du es zum Beispiel geschafft hast, dass ich mit zum Strand gekommen bin, obwohl es um diese Zeit verboten ist. Ich versuche immer krampfhaft, alles richtig zu machen. Ohne dich hätte ich das niemals gewagt.« Er dachte nach, betrachtete ihre weiche Haut und den geschmeidigen Körper einer Leistungsschwimmerin unter dem Kleid, dann sagte er: »Außerdem scheint dir nicht klar zu sein, wie wahnsinnig sexy du bist.«
Sie grinste verlegen und wandte den Blick ab, bevor sie ihm wieder in die Augen sah. »Und dir scheint nicht klar zu sein, dass es kein Mädchen an der Schule gibt, das sich nicht für dich interessiert.«
Er wurde wieder rot. »Wirklich?«
»Wirklich.«
»Kann ich mir gar nicht vorstellen.«
»Stimmt aber«, sagte sie. »Du bist anders als die anderen Jungs hier, so was wie … ein Gentleman.« Sie schämte sich fast, als sie das gesagt hatte, und hatte das Gefühl, etwas verraten zu haben, das sie besser für sich behalten hätte. Womöglich würde er jetzt auf die Idee kommen, dass er die freie Wahl unter den eingebildeten, gutaussehenden Mädchen und es gar nicht nötig hatte, sich mit ihr abzugeben.
»Tja, dann haben die anderen Mädchen eben Pech gehabt«, sagte er. »Sie interessieren mich nicht.«
»Im Ernst?«
»Hier, ich beweise es dir.« Er holte ein Schweizer Messer aus der Tasche und schnitzte etwas in die Bank, das sie nicht sehen konnte.
»Du machst ja schon wieder was Verbotenes«, neckte sie ihn.
Lächelnd sah er zu ihr auf. »Ja, ich lerne schnell.«
Erst als er fertig war, ließ er Lilah sehen, was er in die Bank geschnitzt hatte:
CARTER & LILAH
»Für immer und ewig. Das meine ich ernst«, sagte er.
»Sicher?«
»Ganz sicher.«
Er sah sie so ernsthaft an, dass sie ihm einfach glauben musste.
»Okay«, sagte sie, holte ihr iPhone aus der Handtasche und fotografierte den Schriftzug. »Aber ich warne dich! Ich nehme dich beim Wort.«
1. Teil
1
»Geht’s dir auch wirklich gut?«, fragte Carter.
»Wenn ich’s dir doch sage! Alles bestens.« Lilah zog die verschränkten Arme enger an den Körper.
Es war der erste Samstag im März des letzten Schuljahrs an der Highschool. Sie fuhren in Carters schwarzem BMW Cabrio über den Magnolia Boulevard zur luxuriösen Villa seines Freunds Jeff, die im spanischen Stil erbaut war und im vornehmen Norden der Stadt lag. Dort sollte eine der berühmt-berüchtigten Partys steigen, für die galt: Was hier passiert, darf nicht nach außen dringen.
»So siehst du aber nicht aus.« Carter wartete auf eine Antwort, aber Lilah starrte nur in die Wipfel der Palmen, die an ihnen vorbeizogen, und verdrehte genervt die Augen. »Es ist okay, wenn du nicht mitwillst. Ich kann dich wieder heimfahren und allein hingehen. Ich wäre dir nicht böse.«
»Aber ich will mit. Schließlich hab ich mich extra schick gemacht.«
Sie trug ein weißes Neckholder-Kleid mit rot besticktem Blümchensaum und raffinierte Riemchensandalen. Ihr Outfit wirkte elegant, aber auch ein wenig gewollt, als hätte sie sich zu sehr angestrengt, um diesen Look zu perfektionieren. Trotzdem wusste Carter, dass sie das bestgekleidete Mädchen der Party sein würde. Er selbst trug voller Stolz das graue T-Shirt seiner künftigen Universität mit dem rot-blauen »UPenn«-Logo, das er letzten Herbst von einem Campusbesuch mitgebracht hatte.
»Sicher? Du wirkst nicht unbedingt, als seist du in Partylaune.«
»Ach, ich weiß auch nicht. Kennst du das nicht, wenn man sich nicht entscheiden kann?«
Carter hielt es für klüger, Lilah nicht weiter zu bedrängen. Er ließ die Hand auf ihrem Bein liegen und streichelte die glatte Haut ihres Knies. Als er ihren Schenkel berührte, konnte er ihre Anspannung spüren. An der Pelican Street mussten sie an einer roten Ampel halten, und als er den Wagen ausrollen ließ, schob Lilah seine Hand weg und legte sie mit Nachdruck auf seinen eigenen Schenkel. Ihre Laune schien sich sekündlich zu verschlechtern.
»Willst du mir nicht endlich sagen, was mit dir los ist?«, fragte er.
»Gar nichts«, antwortete Lilah gereizt.
»Doch. Seit wir mit deinen Eltern essen waren, um unsere Zulassung an der UPenn zu feiern, bist du komisch.«
»Das stimmt überhaupt nicht!«
»Ach nein? Warum macht dich dann in letzter Zeit alles und jedes wütend? Und warum willst du nicht mehr mit mir reden?«
»Wir reden doch die ganze Zeit!«
»Du weißt, was ich meine. Ich mag es nicht, wenn du dich so einkapselst.«
Lilah drehte sich zu ihm um und beugte sich so weit vor, wie ihr Sicherheitsgurt es zuließ. Ihr Gesicht war rot vor Wut, sogar ihre Sommersprossen schienen zu glühen. »Herrgott, Carter! Natürlich gehe ich nicht gern auf eine Party deiner idiotischen Freunde. Und? Ist das ein Kapitalverbrechen?«
Carter atmete tief durch und versuchte, ganz ruhig zu bleiben.
»Da sind ja noch andere Leute. Alle werden kommen. Fast die ganze Schule. Aber darum geht es gar nicht. Was ich sagen will, ist: Ich möchte nicht, dass so was wie … du weißt schon … noch mal passiert.«
»Wird’s auch nicht.« Lilah spuckte die Worte förmlich aus. Sie hasste sich selbst, wenn sie in einem Zustand war wie jetzt gerade, und ganz besonders hasste sie die Tatsache, dass sie nichts dagegen tun konnte. Sie drehte sich Richtung Seitenfenster, ließ sich in den Sitz fallen und betrachtete sich im Außenspiegel.
Die Ampel sprang um und Carter fuhr weiter. Er versuchte, den warmen Wind zu genießen, der ihm ins Gesicht blies, musste aber andauernd daran denken, dass Lilahs Verhalten ihn an letztes Jahr erinnerte. Damals hatte sie ein paar Wochen nicht mehr schlafen können, nach einem besonders harten Wettkampf gegen das Schwimmteam von Coral Gables, den ein Mädchen namens Melissa gewonnen hatte. Diese Melissa hatte Lilah um Längen geschlagen; deutlicher hatte Lilah nie zuvor verloren. Die Schmach hatte sie so wütend gemacht, wie Carter sie noch nie erlebt hatte. In den folgenden Wochen konnte sie über nichts anderes sprechen und verstieg sich zu Behauptungen wie die, dass Melissa sich mit Steroiden dopte. In ihrer Rage hatte sie sich nicht nur Melissas Telefonnummer besorgt, sondern auch die des Trainers und des Schulleiters von Coral Gables. Und dann hatte sie alle drei so oft angerufen, dass Lilahs Trainer darüber verständigt wurde, der sie schließlich aus dem Team warf.
»Sag mal …«, begann er, als er das Ende der Magnolia Avenue erreichte und Richtung Strand und in den Shore Drive einbog. »Du hast doch nicht etwa deine Tabletten abgesetzt?«
Lilah fiel die Kinnlade herunter. »Das fragst du jetzt nicht im Ernst, oder?«
»Doch. Ich mache mir nämlich Sorgen um dich«, sagte Carter.
»Dann hör gefälligst damit auf. Ich kann selbst auf mich aufpassen.«
Carter war nicht entgangen, dass sie seine Frage nicht beantwortet hatte. Also hakte er nach: »Hast du oder hast du nicht?«
Wieder antwortete Lilah nicht. Im Gegenteil. Jetzt sagte sie gar nichts mehr.
Sie fuhren den Shore Drive hinunter, an den hell beleuchteten Eingängen von Luxushotels vorbei und weiter Richtung Norden, an Strandvillen und verwitterten Toren entlang, die zu Privatstränden führten.
Als sie in Jeffs kreisrunde, mit Muschelkies bestreute Einfahrt einbogen, fuhren sie auf der Suche nach einer Parklücke an Dutzenden Wagen vorbei, konnten aber keine finden. Also steuerte Carter den Wagen wieder auf die sandige Straße.
»Wir sind da«, sagte er, als er am Straßenrand parkte.
»Was du nicht sagst«, erwiderte Lilah gereizt.
Einen Moment lang blieben sie noch sitzen, ohne sich zu rühren.
»Hör mal«, sagte Carter. »Bevor wir reingehen, möchte ich dir sagen, dass …« Er sah Lilah an, die an dem roten Plastikarmband an ihrem Handgelenk herumspielte, das sie im letzten Sommer als Rettungsschwimmerin bekommen hatte. »Würdest du mich bitte ansehen, wenn ich mit dir spreche?«
Sie sah auf und Carter hielt dem trotzigen Blick ihrer dunkelbraunen Augen stand. Sie sah so zerbrechlich und verängstigt aus, dass er ihre Hände nahm.
»Vielleicht sind auch die Mädchen aus dem Schwimmteam hier und ich möchte nicht …«
Lilah senkte den Kopf und schlug sich die Hände vors Gesicht, aber Carter sprach weiter.
»Ich weiß, dass du denkst, die Mädels hassen dich, aber das stimmt nicht. Das kannst du mir glauben. Versuch, ganz ruhig zu bleiben. Entspann dich und hab einfach Spaß. Wenn du merkst, dass du das nicht schaffst, sag mir bitte Bescheid. Dann gehen wir.«
»Okay«, sagte Lilah und sah ihn ungeduldig an. »Können wir jetzt?«
»Ja, lass uns reingehen.« Carter strich ihr eine Strähne hinters Ohr und lächelte traurig. »Es wird bestimmt eine großartige Party.«
2
Die Party war bereits voll im Gang. Die Musik – Nelly, Mac Miller und Nas – dröhnte aus den Surroundboxen, die in den Ecken des riesigen Wohnzimmers mit der gewölbten Decke standen. Alle Schüler und Schülerinnen ihres Jahrgangs schienen schon da zu sein, aber auch viele, die Carter und Lilah nicht kannten. Barfuß tanzten sie am Pool, schubsten sich gegenseitig ins Wasser und schlugen mit neonfarbenen Schwimmnudeln aufeinander ein.
Lilah drückte Carters Arm, um ihm zu signalisieren, wie unsicher sie sich fühlte. Sie hoffte, dass er sie aufmuntern würde, so wie er es im Wagen versucht hatte. Aber er sah sich unter den Gästen um, wahrscheinlich auf der Suche nach Jeff.
»Ich seh mal nach, wo sie den Tisch mit den Getränken aufgebaut haben«, sagte Lilah.
»Lilah!«, sagte er erschrocken. »Du weißt, dass du keinen …«
»Ich hole mir eine Coke Zero, Carter. Hör auf, mir Vorschriften zu machen!«
Er entspannte sich. »Hast ja recht. Sorry.«
»Soll ich dir was mitbringen?«, fragte sie.
»Ja, bitte.«
»Und wo finde ich dich dann?«
»Keine Ahnung.« Carter stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte, einen besseren Überblick zu bekommen. »Ach, da ist er ja.«
Er zeigte quer durchs Haus auf die Fensterfront zur Terrasse, auf der Jeff mit ein paar anderen Jungs stand. Er trug eine riesige rote Sonnenbrille – jedes Glas musste einen Durchmesser von fünfzehn Zentimetern haben – und führte irgendeinen idiotischen Tanz auf, über den sich die anderen kaputtlachten.
»Ich gehe auf die Terrasse«, sagte Carter.
»Gut, dann komme ich auch gleich raus«, sagte Lilah, aber das hörte er schon nicht mehr, weil er bereits auf die Schiebetür vor den marmornen Stufen der Terrasse und seine herumalbernden Freunde zuging.
Lilah durchquerte das riesige Zimmer, das sich über die gesamte Grundfläche des Hauses erstreckte. Im Küchenbereich steuerte sie den Küchenblock an, auf dem die Getränke standen. Von hier konnte sie sehen, dass in einer Ecke des höhlenartigen Gewölbes eine Tischtennisplatte aufgestellt worden war. Kaily und Teresa, ihre früheren Freundinnen aus dem Schwimmteam, spielten ein Doppel gegen zwei Jungs aus dem Footballteam, die ihre Rückennummern in ihre seitlich kurzgeschorenen Haare rasiert hatten.
Das Herz rutschte ihr in die Hose.
Bevor sie sich abwenden oder das Haar vors Gesicht fallen lassen konnte, hatte Teresa sie schon entdeckt. »He-e-ey!«, rief sie und ihr ganzes mandelfarbenes Gesicht zerfloss zu einem Lächeln. Wie eine Waffe richtete sie ihren Tischtennisschläger auf Lilah. »Seht mal, wer uns mit ihrer Anwesenheit beehrt!«
Kaily sah auf. »Lailalala!«, rief sie. »Wo hast du gesteckt? Komm rüber, Mädel! Wir brauchen jemand, der uns hilft, die Jungs von der Platte zu putzen.«
Lilah winkte ihnen zu und zwang sich zu lächeln. Nur zu gern wäre sie Kailys Aufforderung nachgekommen.
Einer der Footballer, die Nummer vierundsechzig, trommelte ungeduldig mit dem Schläger auf den Tisch und sagte: »Los, weiter! Ihr habt Aufschlag. Oder spielen wir etwa nicht mehr?«
Kaily zog das Band aus ihren langen roten Haaren, beugte sich vor und schüttelte sie schwungvoll erst nach vorne und dann wieder nach hinten, um sie dann wieder zusammenzubinden.
»Als ob das hier ein Spiel wäre.« Teresa hielt den Ball hoch und machte sich zum Aufschlag bereit. »Bei einem Stand von sechs-null.«
Schon im nächsten Moment schienen sie und Kaily zu vergessen, dass Lilah überhaupt existierte. Typisch, dachte sie. Sie wusste, dass die beiden sie in Wahrheit gar nicht mitspielen lassen wollten. Als sie mit ihnen zusammen in einer Staffel schwamm, waren sie unzertrennlich gewesen, aber seit einem Jahr hatten die beiden kaum ein Wort mit ihr gewechselt und auch nicht per SMS Kontakt gehalten. Seit sie aus dem Team geflogen und depressiv geworden war.
Sie ging weiter auf den Getränketisch zu und fühlte sich abgeschoben und gedemütigt. Nein, dieser Party war sie nicht gewachsen. Sie fühlte sich wie in einer Falle, und obwohl Carter ihr mehrfach versichert hatte, dass es ihm nichts ausmachen würde, wenn sie zu Hause bliebe, wusste sie genau, dass es nicht stimmte. Also hatte sie ihm den Gefallen getan und war mitgekommen. Aber je mehr sie sich anstrengte, hier zurechtzukommen, desto wütender wurde sie. Was, wenn heute Abend endgültig das Aus kam? Der Gedanke war unerträglich, aber sie wurde ihn nicht los.
Nur langsam konnte sie sich einen Weg durch die dicht gedrängten Partygäste bahnen. Aber jetzt wusste sie, was sie tun würde, auch wenn sie es vor sich selbst nicht gern zugab: Sie würde sich betrinken. Und falls sich der Alkohol nicht mit ihren Antidepressiva vertrug, war es ihr auch egal.
Jeff hatte für ein üppiges Angebot gesorgt: zwei Partyfässer Bier und jede Menge Wodka, Rum, Gin und Whisky, dazu alles zum Mixen, was man sich nur vorstellen konnte. Es gab sogar eine Flasche Champagner, einen Moët.
Sie schenkte sich einen Captain Morgan Rum mit Cola in einen Plastikbecher und steckte einen Strohhalm hinein. Dann goss sie kurz entschlossen noch einen Schuss Rum nach. Sie hatte das Gefühl, eine gehörige Stärkung zu brauchen.
Carter wollte bestimmt Bier. Er trank nicht viel Alkohol und konnte sich einen ganzen Abend lang an einem Glas festhalten.
Sie eroberte sich einen Platz in der Traube vor den Bierfässern und wartete, bis sie an der Reihe war. Am Ausschank stand Paco Bermudez, ein cooler Typ, der neben der Schule schon als DJ arbeitete und modischer gekleidet war als alle anderen in ihrem Jahrgang. Heute trug er einen Gucci-Hut und eine Ray-Ban.
Während der Wartezeit saugte sie immer wieder an ihrem Strohhalm, und noch bevor sie an der Reihe war, merkte sie plötzlich, dass ihr Becher leer war. Dummerweise fühlte sie sich aber nicht besser, also verließ sie ihren Posten und mixte sich noch einmal das Gleiche.
Als sie endlich Carters Bier ergattert hatte, war auch ihr zweiter Drink so gut wie alle, und endlich begann sie etwas zu spüren.
Aber als sie sich umsah, war sie von lauter Leuten umgeben, meist Klassenkameraden, die sich amüsierten und so taten, als seien sie einander sympathisch. Dabei stammten sie aus den unterschiedlichsten Familien und repräsentierten die ganze Bandbreite vom letzten Loser mit zerfetzter Armeejacke oder Heavy-Metal-T-Shirt bis zur glamourösen Prada-Diva. Einfach unerträglich! Vor allem Kaily und Teresa, die mit wilden Bewegungen haarscharf am Tischtennisball vorbeischlugen und so taten, als könnten sie nicht besser spielen, nur um irgendwelchen Footballern das Gefühl von Überlegenheit zu geben.
Sie drängte sich an Paco Bermudez vorbei und arbeitete sich wieder zum Getränketisch vor, um sich eine dritte Cola-Rum zu mixen.
Einen Drink in jeder Hand schob sie die Terrassentür mit dem Fuß auf und trat ins Freie, um Carter das Bier zu bringen. Sie musste aufpassen, dass ihr keine Wasserbälle an den Kopf flogen oder sie jemandem in die Quere geriet, der mit Anlauf in den Pool springen wollte. Jedes Mal, wenn sie stehen bleiben musste, nahm sie einen Schluck von ihrem Drink und fürchtete schon, dass der Becher wieder leer sein würde, wenn sie Carter erreichte. Was dann? Sie würde ziemlich dumm dastehen und hätte nichts mehr, womit sie ihre Ängste betäuben könnte.
Also trank sie schnell noch einen Schluck. Sie konnte es gar nicht abwarten, endlich betrunken zu werden. Es war die einzige Möglichkeit, das schreckliche Gefühl loszuwerden, dass sich alle hinter ihrem Rücken über sie lustig machten.
Als sie sich der Jungsclique näherte, winkte Carter sie zu sich, und sie reichte ihm das Bier.
»Mmm, lecker! Warmes Bier, mein Lieblingsgetränk«, sagte er und nahm einen Schluck. Sie wusste, dass er sie damit nicht kritisieren, sondern nur einen Witz machen wollte. Trotzdem fand sie, dass ein einfaches »Danke« genügt hätte.
Alle seine besten Freunde waren da. Jeff natürlich, Andy, Carlos und Reed. Ein Multikulti-Grüppchen. Carlos war Kubaner, Andy Afroamerikaner (seine Mutter war eine Weiße, sein Vater ein Schwarzer), und Reed, dessen richtiger Name Ranjit war, hatte indische Wurzeln. Was die fünf zusammenschweißte, waren ihr Humor, ihre Bewunderung für Komiker wie Seth Rogen und die Tatsache, dass sie dem Rest ihres Jahrgangs geistig überlegen waren.
»Alles in Ordnung?«, flüsterte Carter und beugte den Kopf zu Lilah herunter, um ihr das Gefühl von Nähe zu geben.
Sie zuckte mit den Schultern und fingerte am Nackenträger ihres Kleids herum. »Jetzt, wo wir mal da sind …«, sagte sie. »Was soll’s?«
Carter roch ihre Fahne, und Lilah sah sein enttäuschtes Gesicht, aber er sagte nichts. Stattdessen wandten sie sich den anderen Jungs zu.
Jeff war ein begnadeter Imitator, und Lilah sah, dass er gerade Paco Bermudez nachmachte – daher auch die überdimensionierte Sonnenbrille. Er krümmte den Rücken, als säße er über das Mischpult eines DJs gebeugt, nickte rhythmisch mit dem Kopf, ließ den Blick über eine imaginäre Tanzfläche schweifen und murmelte mit lateinamerikanischem Akzent: »Yo, Mann! Voll der Hammer, dieser Beat! Das ist unser Sound. Yo, Mann!«
Carlos und Andy lachten, aber Reed wischte Jeff die riesige Sonnenbrille von der Nase und runzelte die Stirn. »Die Nummer kennen wir schon, du Vogel. Du solltest dein Repertoire mal erweitern.«
Carter flüsterte Lilah ins Ohr: »Mal ehrlich: Würdest du das hier nicht vermissen?«
»Kann schon sein«, sagte sie und versuchte, ein amüsiertes Gesicht aufzusetzen. In Wahrheit sehnte sie sich nach dem Tag, an dem Jeff seine Ankündigung wahrmachen und nach L.A. ziehen würde, um sein Glück in der Filmbranche zu suchen. Dann hätte sie Carter endlich für sich allein und könnte sich mit ihm ein gemeinsames Leben aufbauen, ohne dass Jeff ständig seine Aufmerksamkeit beanspruchte.
Sie wollte noch einen Schluck trinken, aber ihr Becher war leer.
Sie wusste, dass Carter immer ein Auge auf sie hatte, wenn sie an seiner Seite war, auch wenn es manchmal so aussah, als konzentrierte er sich auf etwas anderes. So auch jetzt. Er hatte gesehen, dass sie mit dem Strohhalm erst einmal gegen Wange und Kinn gestoßen war, bevor sie ihren Mund gefunden hatte.
»Mach uns den Rollo!«, forderte Andy die nächste Parodie von Jeff ein. Rollo war der Mannschaftskapitän der Wrestler, ein Unikum mit gigantisch großem Appetit und verschwindend kleinem Hirn.
»Ich Rollo«, sagte Jeff. »Ich Hunger. Ich dich fressen.« Er breitete die Arme aus wie Frankensteins Monster und wollte sich auf Lilah stürzen, bis er sah, dass sie nicht in Stimmung war. Mitten in der Bewegung hielt er inne und sagte ganz ernst: »Manchmal frage ich mich wirklich, wie Rollo zurechtkommen soll, wenn er nach der Schule ins richtige Leben entlassen wird. Wie seht ihr das?«
Lilah wartete nicht ab, bis jemand antwortete, sondern sagte: »Ich hole mir noch einen Drink.«
»Jetzt schon?«, fragte Carter. »Der Abend ist noch lang.«
»Du sagst doch selbst, ich soll mich entspannen und Spaß haben. Genau das habe ich vor.«
»Ich meinte bloß …«
»Was?«
»Nichts«, sagte Carter. »Geh nur. Hol dir einen Drink.«
»Danke. Vielen Dank!« Lilah merkte, dass sie rot wurde.
Reed war ein stillerer Typ als die anderen und registrierte die subtilsten Details in seiner Umgebung. Mit seinen großen dunklen Augen sah er Lilah an und stutzte. Als Jeff seinen Blick bemerkte, sah er Lilah ebenfalls an.
»Ganz recht, Leute. Spart heute Abend nicht am Alkohol«, sagte Andy, der gern die Stimmungskanone gab und nicht davor zurückschreckte, in Fettnäpfchen zu treten. »Par-ty! Par-ty! Par-ty!« Um noch klarer zu machen, was er meinte, trank er so gierig aus seinem Plastikbecher, dass ihm die Hälfte über die prallen Wangen lief.
Gott! Lilah wäre am liebsten im Boden versunken. Sie wusste, dass Carter nichts dafür konnte, aber letzten Endes gab sie ihm trotzdem die Schuld und sagte: »Nicht alle können so perfekt sein wie du, Carter.«
»Komm schon, Lilah«, sagte er. »Ich wollte dich doch nicht …«
Aber sie hatte sich schon umgedreht und bahnte sich ihren Weg zur nächsten Cola-Rum. Dieses Mal würde sie gleich auf die richtige Mischung achten: neunzig Prozent Rum und ein Spritzer Cola.
3
Zwanzig Minuten später standen Carter und seine Freunde immer noch auf der Terrasse, doch Lilah war noch nicht wieder da. Die Party um sie herum steuerte auf ihren Höhepunkt zu, aber die Jungs zogen sich lieber auf die gepolsterten Bänke zwischen Pool und Terrasse zurück. Dort ließen sie sich die erhitzten Köpfe vom leichten Seewind kühlen und sprachen über ihre Chancen, an ihren Wunsch-Colleges zugelassen zu werden.
»Wie’s aussieht, muss ich kleine Brötchen backen«, sagte Andy und seufzte. »Vermutlich lande ich in so was wie Tallahassee.«
Jeff grinste und stützte sich auf einen Ellenbogen. »Was hast du gegen Tallahassee? Alles nur eine Frage der Anpassung. Wahrscheinlich kommst du hier in den ersten Semesterferien mit einem Vokuhila an.«
»Richtig. Und dann hat Tallahassee natürlich den Vorteil, dass ich Alligator-Wrestling als Hauptfach belegen kann. Das war immer schon mein Traum.« Andy zog eine Grimasse.
»Jeff kann dich von der UCLA aus besuchen und ich fahre von der Duke zu dir runter«, sagte Reed. »Wir drehen ein Video von dir, wie du dir den Arm abbeißen lässt, stellen es bei YouTube rein und werden die nächsten Jackass-Stars.«
»Ha!« Jeff schlug aufs Polster und krümmte sich vor Lachen. »Wir nennen uns die United Jackass Colors.«
Carter hörte nur mit halbem Ohr zu, während er sich fragte, wo Lilah geblieben war, und gegen den Impuls ankämpfte, sie zu suchen. Er saß ein kleines Stück abseits, die Arme auf das Terrassengeländer gestützt, und sah aufs Meer hinaus. Wie ruhig es heute Abend war.
Jeff merkte, dass Carter mit den Gedanken woanders war. Um ihn wieder ins Gruppengeschehen einzubeziehen, fragte er: »Welchen Part würde Carter dabei übernehmen?«
Carter grinste schief, fuhr sich durch die Haare und konzentrierte sich wieder auf seine Freunde. »Ich liefere euch eine wissenschaftliche Erklärung der unterschiedlichen Methoden, mit denen ein Alligator einen Menschen töten kann. Nur damit ihr wisst, welchem Tod man ins Auge blickt.«
»Also, mich schafft so ein Vieh nicht.« Andy packte seinen Bauch mit beiden Händen und schüttelte die Speckrollen, die er zu fassen bekam. »Um das hier kleinzukriegen, braucht es mehr als ein paar messerscharfe Zähne.«
Alle lachten. Danach sagte eine Weile lang niemand etwas. Nur die Partygeräusche und das Klatschen der Schwimmnudeln, die auf nackte Haut trafen, waren zu hören. Sie sahen zu den Mädchen in ihren Bikinis hinüber, die sich auf den Schultern von Rollo und seinen Wrestler-Buddies eine Wasserschlacht lieferten.
Reed beobachtete wie immer alles aufmerksam, nahm das Schlachtgetümmel in sich auf, bis sich sein Interesse auf etwas über ihnen verlagerte und seine Augen noch größer wurden, als sie ohnehin schon waren. Er berührte Carter am Ellenbogen und flüsterte: »Guck nicht zu auffällig hin, aber da oben passiert gerade was!«
Als Carter aufsah, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. Auf Händen und Knien kroch Lilah über die Terrakottaziegel des Dachs und machte ihr weißes Kleid ganz schmutzig. Sie schien sich aufrichten zu wollen, aber Carter sah, dass sie dafür zu betrunken war.
»Um Gottes willen«, murmelte er, sprang auf und suchte die Hauswand nach einer Leiter oder etwas Ähnlichem ab.
»Siehst du das, Jeff?«, fragte Reed. »Ich hoffe, ihr seid gut versichert.«
Jetzt sahen es auch Jeff und Andy. Alle standen auf und reckten die Hälse, um Lilahs Aktion zwei Stockwerke über ihnen zu beobachten.
»Wie ist sie da bloß raufgekommen?« Carter wischte sich die Haare aus dem Gesicht und überlegte fieberhaft, was er tun konnte.
»An der Seite gibt es eine gemauerte Leiter«, sagte Jeff.
Lilah hatte es inzwischen geschafft, sich aufzurichten. Ihre Sandalen baumelten an den Riemchen von ihrer Hand und schlugen ab und an gegen ihren Schenkel. Schwankend blickte sie über Terrasse und Pool – die Wasserschlacht, die Partygäste, die in Grüppchen zusammenstanden, die tätowierten Jungs in knallbunten Bermudas beim Pool-Pavillon. Und natürlich Carter und seine Freunde, die mit so besorgten Mienen zu ihr aufschauten, als würde es sie wirklich interessieren, was mit ihr los war. Als würde Carter sich wirklich Sorgen machen, dachte sie.
Sie schwankte, verlor die Balance und torkelte umher, aber kurz bevor sie vom Dach fiel, fing sie sich wieder.
Carter rief panisch: »Setz dich hin, Lilah!«
»Nein«, rief sie zurück.
»Doch, Lilah, du musst«, rief er. »Sonst fällst du runter.«
»Ich falle nicht«, rief sie beleidigt. »Was weißt du denn schon?«
Wieder geriet sie ins Wanken und machte zwei unsichere Schritte Richtung Dachkante, bevor sie das Gleichgewicht wiederfand.
Jetzt waren auch andere aufmerksam geworden. Die Mädchen im Pool unterbrachen ihre Schlacht, rutschten von den Schultern der Wrestler, und alle schauten nach oben.
»Ich komme rauf, Lilah«, rief Carter. »Aber setz dich erst mal hin, okay? Ich helfe dir runter.« Er wandte sich zu Jeff um und flüsterte: »Sie ist hackevoll. Wo ist die Leiter, von der du gesprochen hast?«
Jeff zeigte auf den schmalen Weg zwischen Pavillon und Wohnhaus. »Da, um die Ecke.«
»Wieso? Hier oben ist es doch schön«, rief Lilah. »Ich will nicht runter.« Sie versuchte, sich tänzelnd zu drehen, um allen zu zeigen, wie wohl sie sich fühlte, geriet aber wieder ins Taumeln und fing sich dieses Mal erst wenige Zentimeter vor der Dachkante wieder.
Die Partygäste, die im Haus gewesen waren, strömten jetzt aus der Schiebetür und begafften sie von der Terrasse aus. Sie begriff, dass sie zum Mittelpunkt der Party geworden war, aber das war ihr egal.
»Bitte, Lilah, setz dich hin! In zwei Minuten bin ich bei dir.«
»Ich lass mir nichts befehlen«, rief sie. »Du hast mir gar nichts zu sagen, Carter!«
Er drängte sich durch die schwitzenden Partygäste, die jetzt dichtgedrängt auf der Terrasse standen. Nach und nach bildeten sie eine Gasse für ihn, der jetzt auch ein Teil der Show geworden war.
»Bleib, wo du bist, und rühr dich nicht!«, rief er.
»Hör auf, mir zu sagen, was ich tun oder lassen soll!«, schrie Lilah.
Wie um zu unterstreichen, dass sie es ernst meinte, schwenkte sie ihre Sandalen über dem Kopf, holte aus und schleuderte sie in seine Richtung. Eine verlor fast sofort den Schwung und plumpste in die Regenrinne, die andere flog auf die Partygäste zu, ein Stück über die Terrasse hinweg und landete platschend im Pool. Das Geräusch gefiel ihr so gut, dass sie grinsen musste.
Dann lugte sie über die Dachkante.
»Geh von der Kante weg!«, rief Carter.
»Hör endlich auf, mir Vorschriften zu machen!«
Dann holte sie Schwung und sprang vom Dach. Mit rudernden Armen, zappelnden Beinen und aufgebauschtem Rock flog sie in hohem Bogen durch die Luft und landete im Pool. Das Wasser spritzte so hoch, dass die Terrasse und alle, die darauf standen, nass wurden.
Alle hielten die Luft an. Einige applaudierten.
Gespannt blickte jeder auf den Körper, der an die Wasseroberfläche kam, um zu sehen, ob Lilah verletzt war.
Sie streckte den Kopf aus dem Wasser und schüttelte die Haare. Dann sah sie zum klaren schwarzen Himmel auf, lachte und schwamm auf die flache Seite des Pools zu.
Als sie die Leiter erreichte, war Carter schon da, um ihr herauszuhelfen.
»Komm, Lilah«, sagte er und hielt ihr die Hand hin. »Wir gehen heim.«
Sie sah ihn verächtlich an und sagte: »Lass mich in Ruhe.«
Als er ihre Hand nehmen wollte, schlug sie seine fort. Carter ging einen Schritt zurück und ließ sie aus dem Pool steigen. Da er nicht wusste, was er sonst tun sollte, fischte er ihre Sandale, die Richtung Sprungbrett trieb, aus dem Wasser.
Sie riss sie ihm aus der Hand und stolperte durch die Menge auf den Weg neben dem Haus zu.
Carter folgte ihr, um sie zu überreden, mit ihm heimzufahren, aber eine Hand auf seiner Schulter hielt ihn zurück.
Es war Kaily, Lilahs frühere Schwimmfreundin.
»Lass sie«, sagte sie. »Sonst machst du alles noch schlimmer. Teresa und ich wollten sowieso gerade gehen. Wir können sie mitnehmen.«
»Wirklich?«, fragte er.
