Weil du nur einmal lebst - Marina Selle - E-Book

Weil du nur einmal lebst E-Book

Marina Selle

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Beschreibung

Die 18-jährige Lory verbringt den Sommer bei ihrer Tante Maddie in Maryland, wo sie den süßen Noah kennen lernt. Zusammen wollen die drei die alte Villa der Tante zu einer Pension umbauen, doch Noah und Lory machen eine unerwartete Entdeckung. Und dann ist da noch die gleichaltrige Rosie, die an Leukämie erkrankt ist und voraussichtlich bald sterben wird. Doch Lory möchte ihr helfen, wieder zurück ins Leben zu finden. Eine Geschichte über Freundschaft, die stärker ist als Krankheit und eine Liebe, die sommerlicher nicht sein könnte. 2. Auflage

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Marina Selle

Weil du nur einmal lebst

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

November

Impressum neobooks

Kapitel 1

„Und du meinst, du möchtest das wirklich machen?“, fragte mich meine Mutter skeptisch und blickte auf ihren Laptopbildschirm.

„Ja klar, warum denn nicht?“, fragte ich und nippte an meiner Limonade.

„Na, weil Countmay nicht gerade um die Ecke ist“, sagte meine Mutter und tippte auf ihrer Tastatur herum.

„Na ja. So weit ist es nun auch wieder nicht weg. Außerdem bin ich dort doch nicht alleine. Ich meine, ich habe Tante Maddie schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Warum also nicht? Was machst du da eigentlich?“

„Ich sehe mir ein Hotel in der Nähe an.“

„Wieso das denn? Du weißt doch, dass ich bei Mad wohnen möchte.“

„Ja, das weiß ich Schatz, aber du weißt auch, dass dort im Moment noch die reinste Baustelle ist. Sie hat gerade erst angefangen mit den Renovierungsarbeiten und ich möchte nicht, dass du in einem Zimmer schlafen musst, in dem der Putz auf dem

Boden liegt und die Fenster nicht richtig schließen.“

„Ich habe schon mit Maddie darüber geredet“, sagte ich und sah meine Mutter beruhigend an, „sie hat mir am Telefon gesagt, dass ihr eigenes Haus schon komplett fertig ist und dass ich im Gästezimmer schlafen könnte. Außerdem meinte sie, dass die Arbeiten an der Pension gar nicht mal mehr so lange andauern würden und ich dann die Bilder machen könnte.“

„Welche Bilder?“, fragte meine Mutter überrascht und klappte ihren Laptop zu.

„Ich habe Mad versprochen, eine Internetseite für die Pension zu erstellen, mit Bildern, Beschreibungen und so weiter. Sie meinte, ich könnte doch so gut mit Computern umgehen, also dachte ich mir warum denn nicht? Wenn sie mich schon den ganzen Sommer bei sich wohnen lässt.“

„Also gut. Du bist sowieso alt genug, um zu wissen, was du tust. Aber bitte pass auf dich auf, okay? Ich weiß, dass meine Schwester eine wirklich liebe und verantwortungsvolle Person ist, aber trotzdem. Manchmal kann sie ein bisschen chaotisch sein. Wenn du nach Hause kommen möchtest, dann ruf mich an und du kannst sofort den nächsten Zug nehmen.“

„Ich weiß Mom, danke“, sagte ich und gab ihr einen Schmatzer auf die Wange.

„Aber mach dir bloß nicht zu viele Sorgen um mich, verstanden?“

Meine Mutter lächelte und strich mir über die Haare. „Ich werde es versuchen. Aber ich vergesse immer, wie groß du schon bist. Ich meine, in einem Jahr hast du deinen Schulabschluss! Ich denke es wird Zeit, dass ich mich an solche Situationen gewöhne, hm?“

Ich nickte und nahm einen Schluck von meiner Limo, die ich in den Händen hielt.

„Da hast du wohl Recht. Aber keine Sorge, bei dir gefällt es mir eigentlich ganz gut. Ich denke nicht, dass ich so bald hier ausziehen möchte“, sagte ich und grinste belustigt. Meine Mutter lachte und sah mich zufrieden an.

„Na dann, hab’ ich ja alles richtig gemacht“, antwortete sie und lächelte gutmütig.

„Ich werde Maddie nachher anrufen und sie fragen, wann du kommen kannst“, sagte sie und stand vom Sofa auf.

„Also, was willst du zu Abend essen?“

Kapitel 2

„Nächste Station, Melton“, sagte die monotone Lautsprecherstimme und riss mich aus meinem Halbschlaf.

Ich rieb mir meine müden Augen und schaute zum Fenster hinaus.

Ich musste wohl recht früh eingeschlafen sein, denn ich hatte gar nicht mitbekommen, wie draußen vor dem Fenster die Landschaft immer grüner und hügeliger geworden war. Ich sah auf mein Handydisplay. Mittlerweile war ich schon gute acht Stunden unterwegs. Ich wühlte in meiner Tasche und fand schließlich mein Zugticket. Ich legte es auf meinem Schoß bereit, da der Schaffner gerade auf dem Weg durch die Reihen war und schaute wieder aus dem Fenster.

Die Bäume und Wiesen rasten vor meinen Augen vorbei und ich sah zum Himmel, der strahlend blau und vollkommen wolkenlos war.

Als wir von zu Hause aus losgefahren waren, hingen dort noch Wolken am Himmel, aber je weiter wir gefahren waren, desto schöner war es geworden, jedenfalls, soweit ich es mitbekommen hatte.

Als der Schaffner zu mir kam, zeigte ich ihm mein Ticket und er wünschte mir noch eine gute Fahrt. Ich bedankte mich bei ihm und holte dann mein Handy aus der Tasche, um eine SMS an Maddie zu schreiben, damit sie wusste, wann sie mich vom Bahnsteig abholen sollte.

Hi Mad, komme in 5 Minuten am Bahnhof in Melton an.

Wo soll ich auf dich warten?

LG, Lory

Ich schickte die Nachricht ab und steckte mein Handy wieder ein. Langsam begann ich, meine Sachen zusammen zu packen, damit ich gleich schnell aussteigen konnte. Dann bekam ich eine Nachricht.

Hallo Liebes, ich schaffe es leider nicht, dich abzuholen, weil hier ein Rohr gebrochen ist und ich auf die Handwerker warten muss, aber ich habe jemanden organisiert. Achte einfach auf einen roten Geländewagen.

Bis gleich dann, Maddie :)

Na das fing ja super an. Ich hoffte inständig, dass es die nächsten Wochen nicht so weitergehen würde, schließlich wollte ich etwas Zeit mit meiner Tante verbringen und mit der Website wollte ich auch anfangen und das war natürlich nicht möglich, wenn bei der Pension Probleme auftraten, die den Zeitplan umschmissen.

Als der Zug hielt, griff ich mir schnell meinen Koffer und meine vollgestopfte Sporttasche und stieg aus.

Als ich aus dem Zug trat, kam mir ein Schwall warmer Sommerluft entgegen. Die Luft roch süßlich nach Blumen und Blüten und war gerade noch kühl genug, dass sie Temperatur nicht zu drückend war. Ich hiefte meinen schweren Koffer auf den Bahnsteig und lief ein paar Schritte, bis ich schließlich stehen blieb.

Wohin sollte ich jetzt gehen? Ich beschloss, einfach den wenigen Leuten zu folgen, die mit mir ausgestiegen waren und kam schließlich an den Parkplätzen aus. Ich setzte mich auf eine der drei Bänke im Schatten und wartete.

Ich stellte mein Gepäck neben mir auf dem Boden ab und sah mich um. Der Bahnhof war recht klein, ein wenig heruntergekommen, aber eigentlich wirkte er ganz romantisch. Er sah aus wie eine dieser Filmkulissen, fand ich. Er war gesäumt von alten, großen Bäumen und kleinen, blühenden Sträuchern und es gab einen kleinen Fahrradunterstand, dessen Säulen von Efeu umrankt waren.

Wie Maddie es mir aufgetragen hatte, hielt ich Ausschau nach einem roten Geländewagen, aber ich entdeckte ihn nicht.

Ich hoffte, dass ich den richtigen Parkplatz gewählt hatte, aber da ich nirgendwo einen anderen Parkplatz gesehen hatte, beschloss ich, einfach noch ein bisschen zu warten. Vielleicht verspätete sich meine Mitfahrgelegenheit nur ein wenig. Um die langsam aufkommende Langeweile zu vertreiben, machte ich ein paar Fotos von dem Bahnhof und schickte sie meiner Mutter.

Dazu schrieb ich:

Hi Mom, bin gerade angekommen. Sieht das hier nicht idyllisch aus? Aber das ist noch nicht Countmay, dorthin fährt nämlich kein Zug.

Mad wollte mich eig. abholen, aber sie kann nicht kommen, Rohrbruch in der Pension. Gleich holt mich jemand ab und fährt mich zu ihr.

Drück mir die Daumen, dass ich nicht mehr allzu lange warten muss!

Küsse Lory

Gerade, als ich die letzten Worte der SMS schrieb, fuhr ein Auto vor. Ich sah nicht von meinem Handy auf, sondern schickte erst die Nachricht ab, doch ich hörte, wie eine Autotür zugeschlagen wurde und schließlich etwas zögerliche Schritte auf mich zu kommen.

„Hi“, sagte eine warme Stimme. Ich sah auf und blickte direkt einem groß gewachsenen, braun gebrannten Jungen ins Gesicht. Ich schätzte ihn auf vielleicht zwanzig Jahre, also um genau zu sein, kein richtiger Junge mehr...

Er trug ein lockeres, weißes T-Shirt und eine kurze, abgenutzte Hose. Sein Haar war dunkelbraun und wuschelig, und seine Augen hatten die Farbe von Kastanien.

„Bist du Lory?“, fragte er mich und machte noch einen zaghaften Schritt auf mich zu.

Ich nickte nur und betete, dass es sich bei ihm um meine Mitfahrgelegenheit handelte.

„Hi“, sagte er nochmal und streckte mir seine Hand entgegen.

„Ich bin Noah. Deine Tante Maddie hat mich geschickt, um dich abzuholen. Sie hat einen Rohrbruch in der neuen Pension und kann deswegen nicht kommen…“

„Ich weiß“, sagte ich und lächelte.

Ich kam mir ziemlich blöd dabei vor, hier so rum zu sitzen und ihn anzustarren, aber aus irgendeinem Grund konnte ich nicht anders.

„Also dann, wollen wir los?“, fragte ich und gab mir große Mühe, irgendwie lässig zu klingen. Normalerweise gelang mir so etwas nicht besonders gut, wenn ich ehrlich bin, aber dieses Mal schien es ausnahmsweise einmal geklappt zu haben.

„Ähm, klar. Lass mich das nehmen“, sagte er und griff nach meinem Koffer und meiner Sporttasche. Langsam lief ich hinter ihm her zum Auto und musterte seinen Rücken und die trainierten Arme. Es schien kein Problem für ihn zu sein, die schweren Sachen zu tragen, ganz im Gegensatz zu mir.

Am Auto angekommen, klappte er die Kofferraumtür auf und verstaute meine Sachen darin. Dann ging er zur Beifahrerseite und hielt mir die Tür auf.

Ich wurde rot. Er hielt mir die Tür auf! Was war das denn bitte für ein Gentleman?

Verlegen huschte ich in den Wagen und setzte mich auf den Beifahrersitz.

Ich schnallte mich an und band mir schnell meinen Zopf neu, einfach nur, weil ich nicht wusste, was ich mit meinen Händen machen sollte.

Lässig ließ Noah sich neben mir hinter das Steuer fallen und schaltete den Motor an. Gekonnt lenkte er das Auto aus der Parklücke, die mit Sträuchern umrahmt war. Ich hätte Angst gehabt, dass die Äste das Auto verkratzen könnten, aber Noah schien sich darüber nicht im geringsten Sorgen zu machen.

Er fuhr vom Bahnhofsgelände herunter und lenkte dann auf eine Schnellstraße. Ich versuchte, mich auf den Weg zu konzentrieren, um mich während der drei Monate, die ich hier verbringen würde, wenigsten einigermaßen zurecht finden zu können. Doch ich war zu nervös.

„Ist das dein Wagen?“, fragte ich schließlich, als die Stille mir zu unerträglich wurde.

„Nein. Das ist das Auto von Maddie. Ich arbeite ab und zu für sie und dann kann ich den Wagen benutzen. Um Einkaufen zu fahren, zum Beispiel.“

„Echt, du arbeitest für sie? Ich wusste gar nicht, dass… naja… Ich wusste gar nichts davon.“

Noah lachte.

„Ich mache das auch noch nicht so lange. Außerdem habe ich im Moment so wie so nicht so viel zu tun, da die meisten handwerklichen Arbeiten am Haus schon erledigt sind, die ich machen konnte und jetzt die Elektrik angeschlossen wird, von der ich ehrlich gesagt keine Ahnung habe. Wenn es dann in die Möbelaufbauphase geht, werde ich aber wahrscheinlich wieder öfter da sein.“ Er lächelte mich freundlich an und ich lächelte zurück.

Dann schwiegen wir wieder eine Weile. Ich sah aus dem Fenster und sah mir die wunderschöne Landschaft an. Im Wechsel dazu schaute ich immer wieder auf die Uhr. Es kam mir so vor, als wären wir bereits eine halbe Ewigkeit unterwegs, dabei waren wir gerade einmal zehn Minuten gefahren.

„Und du bist Mad’s einzige Nichte?“, fragte er mich schließlich.

Ich war etwas erstaunt, weil ich bisher immer gedacht hatte, dass ich die einzige Person wäre, die Maddie den Spitznamen Mad gab, doch offenbar hatte ich mich geirrt. Ich wusste nicht wieso, aber aus irgendeinem Grund machte es mir etwas aus.

„Ja“, antwortete ich und bemerkte den verwirrten Ton in meiner Stimme.

Jetzt kam ich mir dumm vor. Hoffentlich hatte er es nicht bemerkt.

„Sie ist die Schwester meiner Mutter“, sagte ich daher noch schnell und hoffte, dass es ihm nicht aufgefallen war.

Noah nickte und bog ab.

„Wir sind gleich da“, verkündete er und ich atmete innerlich auf.

Ich mochte ihn zwar, er war wirklich nett, aber ich tat mich immer ein bisschen schwer mit neuen Bekanntschaften und es machte mich nervös, unter fremden Leuten zu sein. Ich bevorzugte die Gesellschaft von meiner Familie oder von vertrauten Freunden, dort fühlte ich mich einfach wohler.

Wir fuhren eine alte Baumallee entlang, die direkt zu einem großen, alten Haus führte.

Als ich das Haus zum ersten Mal sah, lief mir ein Schauer über den Rücken, so eindrucksvoll wirkte es auch mich. Die Pension sah von außen aus, wie eine große, alte Villa.

Vermutlich war sie auch eine. Ein großes und sehr altes Gebäude, in einem schönen Sandton gestrichen und hier und da von Efeuranken bewachsen. Auf der oberen Etage, direkt über der großen, hölzernen Eingangstür, befand sich ein kleiner Balkon, auf den man durch eine zweiflüglige Tür gelangte, die aus dem gleichen Holz gemacht worden war, wie die Eingangstür, nur, dass die Balkontür hauptsächlich aus Glasfenstern bestand. Der halbmondförmige Parkplatz vor der Villa war mit hellem, sandfarbenen Kies aufgeschüttet und links und rechts davon wuchsen hohe, alte Bäume mit wunderschönen dunkelgrünen Baumkronen.

„Wow“, hauchte ich andächtig und blickte auf das Haus.

„Es ist echt schön, oder?“, fragte Noah und parkte den Wagen auf dem Parkplatz.

„Es ist traumhaft. Wie in einem Märchen!“ Als ich begriff, wie bescheuert sich das gerade angehört hatte, wurde ich rot.

Ich sollte mir wirklich besser zuhören, wenn ich redete.

Aber Noah schien es nicht gestört zu haben, oder wenn doch, ließ er sich netterweise nichts anmerken.

„Ich meine, es ist sehr eindrucksvoll“, fügte ich sicherheitshalber hinzu und wartete auf eine Antwort. Doch statt etwas zu erwidern, lächelte Noah mich nur an, mit einem Ausdruck im Gesicht, den ich als Belustigung deutete, und schnallte sich ab.

„Komm, lass uns aussteigen“, sagte er und öffnete die Autotür.

Ich ging zum Kofferraum und nahm meine Sporttasche heraus.

Meinen Koffer wollte Noah unbedingt selbst tragen.

Wir gingen quer über den kleinen Parkplatz und steuerten auf ein kleines Haus zu, das so versteckt hinter einer Reihe von Bäumen lag, dass ich es bis gerade eben gar nicht bemerkt hatte. Es war deutlich kleiner als die Villa, aber trotzdem wunderschön.

Es hatte dieselbe Farbe wie die Pension und war von einem kleinen, von Wildblumen bewachsenen Vorgarten gesäumt.

Noah stellte den Koffer neben der Haustür ab und ging dann zu einem der vielen kleineren Bäumen neben dem Haus. Er steuerte auf den vordersten Baum zu, an dem ein kleines Vogelhaus hing, und griff hinein.

Triumphierend kam er wieder zurück, einen Schlüssel in der Hand. Anerkennend nickte ich.

„Kein schlechtes Versteck“, gab ich zu und lachte.

„Das war meine Idee“, verkündete Noah stolz und grinste verschmitzt.

Er schloss die Tür auf und zog meinen Koffer aus dem Weg.

„Bitte nach Ihnen“, sagte er und machte eine übertriebene Verbeugung, bei der er in das Haus wies.

Lachend schulterte ich meine Tasche und trat ein.

Der erste Eindruck war wirklich einladend. Links neben der Eingangstür, führte eine schmale, alte Holztreppe nach oben in den ersten Stock. Rechts neben der Tür stand ein kleines Tischchen, auf dem eine kleine Lampe und ein Telefon standen.

Dahinter, ebenfalls auf der rechten Seite, befand sich eine Tür, hinter der sich die Küche befand. Rechts neben der Treppe entdeckte ich ein kleines Badezimmer, mit einer Dusche, einer Toilette und einem Waschbecken, und dann folgte das offene Wohnzimmer. Es war sehr gemütlich eingerichtet, in einem ländlichen Stil mit vielen weißen Möbeln und Blumen. Die Fenster reichten bis zum Boden und sahen genauso aus, wie die Balkontür der Villa.

Es war traumhaft.

„Ich sage dann mal Maddie Bescheid, dass du da bist. Sieh dich ruhig ein bisschen um, ich denke nicht, dass sie etwas dagegen haben wird. Wir sehen uns!“, sagte Noah und drehte sich um.

„Danke fürs Fahren“, rief ich ihm noch schnell hinterher.

Er drehte sich im Gehen noch einmal um und winkte mir, dann trat er durch die Haustür und ging hinüber zu der Villa.

Ich beschloss, mir noch die obere Etage anzusehen und dann meine Sachen in das Gästezimmer zu bringen.

Die Treppe knarrte leise, als ich die Stufen hinaufging, und aus irgendeinem Grund erinnerte es mich an einen dieser alten Filme, die ich in meiner Kindheit immer an Weihnachten gesehen hatte. Ich schaute hinter jede Tür im Obergeschoss und entdeckte ein zweites Bad mit Wanne, das Schlafzimmer von Tante Maddie und ein weiteres Zimmer. Es war ganz am Ende des kleinen Flures und es war das einzige Zimmer, das noch übrig war, also musste es sich um das Gästezimmer handeln, was für die nächsten Monate mein Zimmer sein würde.

Aufgeregt drückte ich die Klinke herunter und stieß die Tür auf. Sprachlos blieb ich im Türrahmen stehen. Das Zimmer war fast doppelt so groß wie Maddies eigenes Zimmer, hatte einen großen, in die Wand eingelassenen Kleiderschrank und ein wunderschönes, weißes Metallbett. Auf dem Bett waren haufenweise pastellfarbene Kissen gestapelt und davor lag ein wunderschön gemusterter Teppich. Die Vorhänge waren ebenfalls weiß und wölbten sich im Wind, der durch die geöffneten Fenster in das Zimmer strömte.

In der Ecke stand ein kleiner, schlichter Schreibtisch mit einer Zeitschrift darauf und auf der Kommode an der Wand lagen Handtücher für mich bereit.

Aufgeregt, wie ein kleines Kind, rannte ich die Treppe wieder hinunter und holte mein Gepäck. Mühsam versuchte ich, es die Treppe hochzutragen, was mir letztendlich auch gelang. Ich zog meinen Koffer hinter mir her und legte ihn dann zusammen mit meiner Tasche vor den Kleiderschrank auf den Boden.

Ich wollte gerade mit dem Auspacken beginnen, als es an der Tür klopfte.

Ich drehte mich um und sah Maddie im Türrahmen stehen. Strahlend ging ich auf sie zu und ließ mich von ihr umarmen.

„Da bist du ja endlich!“, sagte sie auf ihre fröhliche, ausgeglichene Art und musterte mich von oben bis unten.

„Ich weiß, dass man diesen Standardsatz nicht sagen sollte, wenn man sich nicht unbeliebt machen möchte, aber du bist wirklich groß geworden, Lory!“ Ich lächelte und sah Tante Maddie an.

Sie hatte sich nicht wirklich verändert. Lediglich ihre kastanienbraunen Krauselocken waren länger geworden und sie hatte ein paar freundliche Lachfalten um die Augen herum bekommen.

Sonst sah sie aus, wie vor ein paar Jahren auch schon. Sie trug einfache Jeans und ein bunt gemustertes T-Shirt.

Dazu hatte sie meist Sandalen oder Flip-Flops an, zumindest im Sommer. Heute waren es die Flip-Flops.

„Wie findest du dein Zimmer?“, fragte sie mich und sah sich im Raum um.

„Es ist wundervoll! Wirklich, ich werde mich hier sehr wohlfühlen. Es ist unglaublich, dass es so viel größer ist, als dein eigenes!“ Maddie lächelte mich erfreut an.

„Du kennst mich doch, ich mag es lieber klein und gemütlich. Aber es freut mich sehr, dass es dir gefällt!“, sagte sie und lächelte noch breiter.

„Was hälst du davon, wenn ich dir mal die Pension zeige? Du brauchst allerdings ein wenig Fantasie, um dir das Endergebnis vorzustellen, denn sonst wirst du wohl nicht viel mehr als eine staubige Baustelle sehen.“

„Das kriege ich schon hin“, sagte ich aufgeregt und sah aus dem Fenster zu dem Haus hinüber. Um genau zu sein, liebte ich es, mir solche Dinge vorzustellen. Ich tat das immer, wenn ich bei jemand anderem zu Hause war, dann stellte ich mir jedes Mal vor, wie ich wohl all diese Räume einrichten würde.

„Na also, dann lass uns gehen“, sagte Maddie und ging mit mir die Treppe hinunter und dann hinaus.

Wir liefen hinüber zu der alten Villa und meine Tante stieß die Tür auf. Ich wunderte mich, warum sie nicht abschloss, allerdings, was gab es auf einer Baustelle schon zu holen?

Im Haus war es angenehm kühl. Wenn man durch die Haustür hereinkam, stand man zu aller erst in einer kleinen Eingangshalle. Sie hatte hellen Marmorboden und eine weiße Tapete mit einer schönen Bordüre. Von der Eingangshalle gingen zwei weiße Türen ab und an der linken Wand stand eine alte Treppe. Sie war breit und hatte ein verschnörkeltes Geländer, das perfekt in dieses Haus zu passen schien.

„Die unteren Räume sind alle schon fertig renoviert, nur die Einrichtung fehlt noch. In der oberen Etage sind alle Räume noch unfertig, also noch keine Tapete, noch keine fertigen Böden und so weiter. Und der Rohrbruch war zum Glück nur im Keller, hat also nicht wirklich viel Schaden angerichtet. In den Keller kommt man übrigens nur von außen. Willst du mal eine der Zimmer sehen?“, fragte mich Maddie und zeigte auf eine der weißen Türen.

„Klar“, sagte ich und nickte gespannt.

Wir gingen zu einer der Türen und Maddie öffnete sie.

„Also, der Plan ist, in jedem der sechs Zimmer einen Schlafbereich, einen kleinen Wohnbereich, ein Badezimmer und eine kleine Kochzeile bereit zu stellen. Die Gäste können sich dann selbst etwas zu Essen machen oder alternativ auch in den Ort fahren, wo es ein paar wundervolle Restaurants gibt“, erklärte Maddie begeistert und zeigte mir, wo welche Möbel stehen sollten.

„Wenn man reinkommt, dann soll erst einmal ein kleiner Schrank hier an der Wand stehen, wo man seine Sachen verstauen kann. Hier geht es dann ins Bad, wenn du möchtest kannst du da auch mal reinschauen, da ist aber auch noch nichts drin, außer der neuen Fliesen.“ Ich warf einen kurzen Blick in den großzügig geschnittenen Raum und lief dann wieder meiner Tante hinterher, die gar nicht aufgehört hatte, zu reden.

„Hier um die Ecke soll dann ein schönes, großes Doppelbett stehen, vielleicht ein Himmelbett, was meinst du?“

Ich nickte und stellte es mir bildlich vor. Ja, das würde wirklich toll aussehen. „So, und hier soll dann ein kleines Zweiersofa und ein schöner Sessel stehen. Hier vielleicht ein kleiner Fernseher und dort vorne an der Wand die Kochecke. Essen kann man entweder auf der Terrasse, oder man setzt sich auf Hocker, die ich an die Küchenzeile stellen möchte, sodass man sie gleichzeitig auch als Tisch benutzen kann. Wenn man im Obergeschoss wohnt, dann kann man natürlich auch auf dem Balkon essen, den jedes Zimmer dort hat.“

Wow, das waren viele Informationen auf einmal.

„Das hört sich wirklich großartig an, Mad.“

Sichtlich erleichtert lächelte Maddie mich an.

„Danke“, sagte sie und fuhr sich durch ihre Haare.

„Ich freue mich schon auf den Moment, wenn ich die ersten Möbel aufbauen und an ihren Platz stellen kann. Dann wird es nicht mehr lange dauern, bis endlich alles fertig sein wird und die ersten Gäste kommen können.“

Ich nickte. Ich konnte mir gut vorstellen, dass es nicht besonders einfach war, so ein großes Haus zu renovieren und vollkommen umzukrämpeln. Aber es passte zu Maddie, sich ein solch großes und Kreativität forderndes Projekt zu suchen. Sie liebte die Herausforderung und sie brauchte immer eine Aufgabe, der sie nachgehen konnte.

„Die anderen Räume zeige ich dir dann ein anderes Mal, wenn es dort schon etwas zu sehen gibt, in Ordnung? Ich habe nämlich ziemlich Hunger und ich würde sagen, zur Feier des Tages gehen wir beide jetzt erst einmal in einem tollen Restaurant zu Abend essen.“

„Das klingt wunderbar“, sagte ich und versuchte mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal etwas gegessen hatte. Es schien mir schon eine Ewigkeit her.

„Okay, ich werde nur noch schnell duschen und mich umziehen, dann können wir los“, sagte Maddie und legte mir ihre Hand auf meine Schulter.

„Ich freue mich, dich endlich mal wieder hier zu haben, Lory“, sagte sie.

„Ich freue mich auch“, sagte ich.

Kapitel 3

Frisch geduscht und umgezogen, machten wir uns schließlich auf den Weg in den Ort. Die Sonne war bereits tief am Himmel und tauchte alles in ein goldenes, warmes Licht.

Das war meine Lieblingstageszeit. Der Abend. Vor allem im Sommer, wenn es nicht dunkel wurde und es einem so vorkam, als würde es die Zeit und mit ihr all die Verpflichtungen nicht geben. Wir fuhren knappe zehn Minuten mit dem Auto, dann waren wir im Ort angekommen. Es war ein ziemlich kleiner Ort und allmählich wunderte ich mich nicht mehr, dass es hier keinen eigenen Bahnhof gab. Wir fuhren ein paar Umwege, weil Maddie mir die Stadt zeigen wollte, und so bekam ich einen kleinen Überblick von ihrer Heimat.

Es gab zwei Bäckereien, eine kleine Bücherei, eine Kirche mit einem wunderschönen, gepflasterten Platz davor, eine Hand voll Restaurants und Cafés, zwei Eisdielen, einen Fastfood-Imbiss und ein kleines Geschäft, das sich Tulip nannte.

Soweit ich es erkennen konnte, lagen im Schaufenster alle möglichen Dinge, vor allem Schmuck und Kleinkram, aus. Maddie erklärte mir, dass man dort alles kaufen konnte, was eigentlich kein Mensch brauchte und dass sie gerade deshalb so gerne dorthin ging. Weiter außerhalb gab es unzählige Bauernhöfe mit eigenen kleinen Hofläden oder einem kleinen Stand an der Straße, die allerdings nie von irgendwem bewacht wurden. Man konnte sich einfach das wegnehmen, was man haben wollte und dann das Geld dafür in eine kleine Spardose werfen.

Ich war sehr erstaunt darüber, wie vertrauensvoll die Leute hier miteinander umzugehen schienen, aber gleichzeitig war ich auch ziemlich beeindruckt. Bei mir zu Hause wäre so etwas nicht vorstellbar, da war ich mir sicher.

Wir fuhren zu einem Restaurant, das etwas außerhalb der Stadt lag.

Es war klein und wirkte sehr gemütlich, als wir dort ankamen. Es lag an einem kleinen See und es gab sowohl einen Essraum im Inneren, als auch eine große Terrasse direkt am Wasser, auf der einige Tische standen.

Das Restaurant war überraschend gut besucht, aber es waren noch ein paar Tische frei. Wir beschlossen, uns auf die Terrasse zu setzen, die jetzt im Abendlicht von Kerzen beleuchtet wurde.

Wir setzten uns an einen Tisch ganz am Rand der Terrasse, sodass wir einen guten Blick auf den See hatten. Jemand hatte kleine Papierboote gefaltet und Teelichter hineingestellt und sie dann auf der Wasseroberfläche verteilt.

„Guten Abend. Was kann…Oh hallo Maddie! Schön dich mal wieder hier zu sehen! Wie geht es dir?“, fragte die Kellnerin, die unbemerkt an unseren Tisch getreten war.

Ich fragte mich, woher die beiden sich wohl kannten.

„Gut, danke“, sagte Maddie, „Und dir?“

„Ja, es geht. Es hat sich nicht viel geändert, seit wir uns das letzte Mal gesprochen haben. Rosie geht es immer noch nicht besser und ich bin ehrlich gesagt auch ziemlich am Ende mit meinen Nerven, aber was kann ich schon machen? Ich habe alles ausprobiert, aber nichts hat geholfen. Ist das etwa deine Nichte?“, fragte die Kellnerin plötzlich, die mich scheinbar jetzt erst richtig bemerkt hatte. „Lory, nicht wahr? Ich bin Amanda, Maddies alte Schulfreundin. Sie hat mir erzählt, dass du für den Sommer kommen würdest. Schön, dich mal kennen zu lernen.“

„Ja, hi“, sagte ich etwas schüchtern und wusste nicht so recht, was ich jetzt sagen sollte.

Aber Maddie fragte auch schon weiter.

„Wie geht es Rosie denn?“

Sie klang ziemlich besorgt dabei, aber ich wusste nicht, um wen es sich dabei handeln könnte. Mad hatte in meiner Gegenwart noch niemanden namens Rosie erwähnt. Der Gesichtsausdruck von Amanda veränderte sich plötzlich. Man sah ihr deutlich an, dass sie eigentlich lieber nicht darüber reden wollte, aber meine Tante schien das nicht zu bemerken. Oder sie übersah es einfach.

„Sie will nicht mehr aus dem Haus gehen“, sagte sie mit gesenkter Stimme. „Das geht jetzt seit mehr als einer Woche so, und seitdem ist sie so verzweifelt, dass sie sich nur noch vom Bett bis zum Kühlschrank und zur Toilette bewegt. Es ist schrecklich. Ich meine, das kenne ich überhaupt nicht von ihr.“

Amandas Augen waren voller Besorgnis bei diesen Worten und es versetzte mir einen kleinen Stich, als ich das sah. Ich wusste zwar nach wie vor nicht, wer diese Rosie war, aber Amanda schien sehr an ihr zu hängen. Wahrscheinlich war es ihre Mutter, die langsam aber sicher mit ihren Kräften am Ende war.

„Das tut mir wirklich sehr leid“, sagte meine Tante mitleidig und sah Amanda in die Augen.

Diese nickte dankend und fragte uns dann nach unseren Getränkewünschen.

Wir bestellten und Amanda verschwand wieder im Restaurant.

„Wer ist diese Rosie?“, fragte ich schließlich, „ihre Mutter?“

Ein Grinsen legte sich auf Maddies Gesicht.

„Ihre Mutter? Nein, die ist schon lange tot. Sie war eine nervige, alte Nörglerin, aber irgendwie mochten wir sie doch alle. Ich weiß bis heute nicht warum, aber sie hatte so etwas an sich...“

„Na und wer ist Rosie dann?“, fragte ich noch einmal, weil ich das Gefühl hatte, dass Maddie meiner Frage aus dem Weg zu gehen versuchte.

„Es ist ihre Tochter“, sagte sie nach einem kurzen Zögern, „sie hat akute Leukämie. Du weißt doch was das ist oder?“

Ich nickte. „Blutkrebs.“

„Ja“, sagte meine Tante und sah auf den stillen Teich.

„Sie ist ein wirklich fröhliches und aufgeschlossenes Mädchen gewesen, bis vor einer Woche. Sie war eine echte Träumerin, sie hat gerne Geschichten erzählt, Abenteuer erlebt und all solche Dinge. Sie war so lebensbejahend. Aber dann hat der Arzt vor einer Woche diese schlimme Diagnose gestellt und jetzt geht es ihr, wie du gehört hast, wirklich schlecht. Sie liegt von morgens bis abends in ihrem Bett und liest oder hört CDs. Manchmal macht sie auch gar nichts. Sie liegt dann da und starrt aus dem Fenster oder sie weint. Sie weint viel in letzter Zeit…“

Wow. Das musste ich erst einmal verdauen. Plötzlich hatte ich überhaupt keinen Hunger mehr und ich wollte nicht mehr hier in diesem Restaurant sitzen.

„Wie alt ist sie?“, fragte ich neugierig, obwohl ich mich fragte, ob das eigentlich groß einen Unterschied machte. Es muss immer unendlich schwer sein, einen geliebten Menschen zu verlieren, ob es nun ein dreijähriges Kind oder eine siebzig jährige Rentnerin war.

„18.“

Genauso alt wie ich. Ich schluckte. Kurz stellte ich mir vor, was ich wohl tun würde, wenn ich so eine schlimme Krankheit hätte, aber ich schob den Gedanken schnell wieder weg. Es war eine schreckliche Vorstellung, die ich mir nicht weiter ausmalen wollte.

Zum Glück unterbrach Amanda meine Gedanken, als sie die Getränke brachte.

„So, eine große Limonade und eine Apfelschorle, bitte sehr. Was möchtet ihr essen?“

Nach einer weiteren Stunde hatten wir das Restaurant wieder verlassen. Das Essen war lecker gewesen, aber ich hatte es nicht richtig genießen können. Ich war sehr empfindlich, was schlimme Neuigkeiten anging, sie schlugen mir immer ziemlich auf den Magen.

Auf der Rückfahrt sprachen wir kaum ein Wort.

Maddie erzählte mir, dass sie morgen früh einen Termin im Rathaus hatte.

Es war wegen irgendetwas, das für die Pension geklärt werden musste, mehr habe ich aber auch nicht verstanden. Ich war mit den Gedanken woanders gewesen. Jedenfalls würde ich morgen früh alleine zu Hause sein.

„Ich muss dich noch warnen“, sagte Maddie zu mir, als wir schon fast zu Hause waren, „Noah kommt öfter mal ins Haus um sich etwas zu Trinken oder zu Essen zu holen, also wunder dich nicht, wenn er plötzlich in meiner Küche steht. Er hat ja einen Schlüssel, also muss er nicht klingeln. Ich hoffe er macht nicht so viel Lärm, dass es dich aufweckt.“

„Ich bin nicht so ein Langschläfer“, behauptete ich, um Maddie zu beruhigen.

„Wahrscheinlich werde ich sowieso schon wach sein, wenn er kommen sollte.“

Als wir zu Hause ankamen, war es bereits zehn Uhr.

Ich ging in mein Zimmer und packte das Nötigste aus meinem Koffer aus, aber ich war zu müde von der Reise und all den neuen Eindrücken, um alles auszuräumen. Ich beschloss, das auf morgen zu verschieben und ging mit meinem Schlafanzug und meinem Kulturbeutel in das Badezimmer auf der oberen Etage.

Maddie hatte sich großzügigerweise dazu bereit erklärt, mir das Badezimmer den ganzen Sommer über zu überlassen. Sie würde stattdessen das kleinere im Erdgeschoss benutzen.

Ich schminkte mich ab und wusch mir mein Gesicht mit kaltem Wasser, was mich normalerweise irgendwie beruhigte und wieder herunterkommen ließ, aber dieses Mal funktionierte es nicht.

Schnell putzte ich meine Zähne und zog mich um, meine Klamotten warf ich einfach auf den Schreibtischstuhl in meinem Zimmer.

Dann öffnete ich die beiden Fenster neben meinem Bett und zog die Vorhänge zu, bevor ich mich auf mein weiches Bett fallen ließ.

Ich warf ein paar von den Dekokissen herunter und schaltete die Nachttischlampe aus.

Dann lag ich einige Minuten da und machte nichts. Ich versuchte, einzuschlafen, aber es gelang mir nicht. Ich zählte langsam von fünfzig herunter, aber auch das brachte nicht den gewünschten Erfolg.

Schließlich machte ich das Licht wieder an und nahm mein Handy vom Nachttisch. Ich wollte eine SMS an meine Mutter schreiben, als ich sah, dass sie mir auf meine vorherige Nachricht geantwortet hatte.

Hallo mein Schatz!

Schön, dass du gut angekommen bist.Wie ist das Wetter?Hier ist es etwas bewölkt, aber trotzdem warm.

Bestell Tante Maddie schöne Grüße von mir!

Und denk dran: wenn irgendetwas ist, dann ruf mich jederzeit an oder komm zurück nach Hause.

Ich hoffe du verbringst einen schönen Sommer!

Alles liebe, Mom

Ich las die Nachricht und drückte auf Antworten.

Hi Mom,

das Wetter hier ist toll! Genau richtig, nicht zu heiß, aber angenehm warm. Ich war gerade mit Maddie Essen in einem total schönen Restaurant an einem kleinen See. Die Pension sieht wirklich toll aus (also zumindest von außen). Die Räume sind teilweise schon renoviert, müssen aber noch eingerichtet werden.

Ich freue mich schon darauf, die Fotos für die Website zu machen, dann kann ich sie dir auch schicken. Maddies Haus ist auch hübsch. Schreibe dir morgen wieder.

Gute Nacht, deine Lory.

Ich schickte die SMS ab und ging dann auf Google, weil ich immer noch nicht das Gefühl hatte, einschlafen zu können.

In die Suchleiste gab ich Leukämie ein.

Sofort wurde ich mit tausenden von Ergebnissen bombardiert.

Ich klickte auf das erste Ergebnis und las den Text auf der Website.

Leukämie ist eine Erkrankung des blutbildenden und lymphatischen Systems. Es wird unterschieden zwischen der chronischen Leukämie (meist über mehrere Jahre hinweg) und der akuten Leukämie, die innerhalb von wenigen Wochen oder Monaten zum Tod führen kann.

Ich las nur den Text mit der akuten Leukämie, da ich wissen wollte, an was Rosie erkrankt war.

Akute Leukämie kann oft aus völliger Gesundheit heraus entstehen und sich wie ein schweres Krankheitsbild äußern.

Beim Betroffenen können zum Beispiel Blässe, blaue Flecken und Erschöpfungszustände auftreten.

Des Weiteren sind Menschen mit dieser Krankheit anfälliger für geschwollene Lymphknoten, Milz- und Lebervergrößerungen und manchmal auch Knochenschmerzen.

Teilweise treten auch Gewichtsverlust, Müdigkeit und Appetitlosigkeit auf.

Weiter stand dann da noch, dass die Heilungschancen von Leukämieerkrankten sehr stark von der Art der Leukämie und vom Alter, Gewicht und weiteren körperlichen Faktoren des Patienten anhängen. Eine dauerhafte Heilung bei einer Chemotherapie ist allerdings fast unmöglich, da immer ein kleiner Rest der Krebszellen übrigbleibt.

Bei 30 bis 40 Prozent der Betroffenen tritt der Krebs nach der Heilung erneut auf. So etwas nennt sich rezidiv. Wenn der Krebs relativ früh erneut auftritt, dann sinken die Heilungschancen des Patienten stark.

Das waren ziemlich viele unschöne Informationen. Jetzt konnte ich verstehen, warum Rosie nichts mehr unternehmen wollte.

Wenn ich solche Nachrichten bekommen hätte, würde es mir wohl kaum besser gehen.

Ich schaltete mein Handy aus und legte es wieder zurück auf den Nachttisch.

Ich machte das Licht aus und starrte an die Decke.

Das Leben ist unfair, dachte ich. Wieso musste ein junges, fröhliches Mädchen Krebs bekommen und Angst um ihr Leben haben, während andere Leute, die Kettenraucher oder Alkoholiker waren, und kein Stück auf ihre Gesundheit achteten manchmal über neunzig Jahre alt wurden?

Ich beschloss, mir etwas zu überlegen, um Rosie zu helfen. Ich konnte nicht einfach so zusehen, wie ein Mädchen, im gleichen Alter wie ich, so eine schlimme Zeit durchmachte. Ich wusste nicht, wer dabei alles an ihrer Seite stand, aber selbst wenn es viele Leute waren, es schien ihr nicht besonders gut zu helfen, denn sonst würde sie wohl kaum den ganzen Tag im Bett verbringen.

Aber gleichzeitig wusste ich auch nicht, wie ich ihr helfen konnte. Vor allem bezweifelte ich, dass sie überhaupt meine Hilfe wollte. Ich meine, sie kannte mich ja überhaupt nicht.

Und sie wäre mit Sicherheit nicht gerade begeistert davon, wenn sie erfahren würde, dass Maddie und all die anderen Leute alle untereinander über sie redeten und ihre Geschichte verbreiteten.

Ich beschloss, mich morgen um die ganze Sache zu kümmern und jetzt erst einmal zu schlafen.

Ich hatte noch den ganzen Sommer Zeit, mich um diese Angelegenheit zu kümmern. Nur hoffte ich inständig, dass auch Rosie noch der ganze Sommer blieb.

Kapitel 4

Am nächsten Morgen wachte ich von den Sonnenstrahlen auf, die trotz der dünnen Vorhänge in mein Zimmer kamen und auf mein Gesicht schienen.

Ich schaltete mein Handy an und warf einen Blick auf die Uhr. Halb zehn.

Ich schlug meine Bettdecke zurück und stand auf, wobei mein Blick nach draußen aus dem Fenster fiel. Es war ein wirklich schöner Morgen, die Sonne schien und die Vögel zwitscherten munter. Ich ging zu meinem Koffer und suchte mir eine Jeans, ein luftiges Top und Unterwäsche heraus und ging ins Badezimmer.

Um wach zu werden, sprang ich unter die Dusche und stellte den Strahl auf kaltes Wasser ein. Das kühle Wasser lief mir den Rücken hinunter und über mein Gesicht und allmählich fühlte ich mich wacher.

Ich wusch mich und shampoonierte meine Haare ein, bevor ich alles mit angenehm warmen Wasser wieder ausspülte. Dann stellte ich das Wasser aus und trocknete mich ab.

Ich zog mich an und öffnete das Badezimmerfenster, woraufhin mir frische Luft entgegenströmte, die nach Wald roch.

Ich fragte mich, wann Maddie wieder vom Rathaus zurück sein würde, aber ich vermutete, dass solche Angelegenheiten wohl etwas dauern konnten, also ging ich runter in die Küche, um mir schon mal Frühstück zu machen.

Durch die Fenster der Haustür fiel warmes Licht in den Hausflur und ich konnte es kaum erwarten, bei dem herrlichen Wetter die Gegend zu erkunden. Die Küche war ein kleiner, heller Raum, mit weißen Holzmöbeln und etwas abgenutzten Griffen an den Schranktüren, aber alles in allem sah es wirklich schön aus. In der Ecke stand ein kleiner, runder Esstisch und davor war ein großes Fenster. Es reichte über die halbe Höhe der Wand und man hatte eine gute Sicht auf den Hof, wenn man dort saß.

Ich durchsuchte alle Hochschränke, bis ich schließlich eine Packung Cornflakes fand und holte mir Milch aus dem Kühlschrank und eine Schüssel aus dem Geschirregal. Die Milch war nicht wie bei uns zu Hause in Pakete abgefüllt worden, sondern in etwa litergroße Milchkrüge. Es sah ganz so aus, als würde Maddie sie frisch von einem Milchbauern aus der Umgebung bekommen. Ich fand diese Vorstellung total romantisch.

Ich mixte mir alles zusammen in die Schüssel und beschloss, mein Frühstück auf der Veranda zu essen.

Die Veranda war nicht gerade groß, aber es gab eine Art hängenden Sessel, der so aussah, wie eine kleine Einzel-Hollywoodschaukel, die mit Kissen ausgelegt und urgemütlich war. In der anderen Ecke stand ein kleiner, alter Metalltisch mit schöner Verzierung am Rand und zwei Stühlen daneben.

Ich setzte mich an den Tisch, damit ich mir nicht so leicht die Cornflakes über den Schoß schütten konnte, wie in dem Sessel, und wollte gerade anfangen zu essen, als ich merkte, dass mir ein Löffel fehlte.

Ich rollte mit den Augen und stand wieder auf. So etwas passierte mir ständig. Ich war glücklicherweise nicht vergesslich, was Geburtstage oder so etwas anging, aber solche Kleinigkeiten vergaß ich andauernd.

Ich ging wieder ins Haus und suchte in den zahlreichen Schubladen nach einem Löffel. Ich fand einen alten und schon ziemlich verbogenen aus Silber und nahm ihn mit. Als ich wieder durch die Haustür nach draußen trat, war mein Platz plötzlich nicht mehr leer. Noah saß auf einem der beiden Stühle und inspizierte meine Schüssel. Als er mich sah, lächelte er mich freundlich an.