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Alle verfallen ihr. Sie geht selbstbewusst durch die Straßen in ihrem Glanz, zieht magisch die Aufmerksamkeit auf sich. Ruth. Ruth ist ein ganz besonderer Mensch. Sie kommt mit einem Fell zur Welt wie schon ihre Mutter und ihre Großmutter, am Ende der Kindheit verliert sie es. Und Ruth hat «die Kraft». Sie kann Gewitter aufziehen lassen, Bäche zum Versiegen bringen, Dinge bewegen. Aber vor allem kann sie Menschen in Tiere verwandeln, vorübergehend. Und die Menschen strömen zu ihr, wollen Qualle sein auf Zeit, Languste, Hund, Vogel, Echse und dabei die Rechnungen vergessen, die Sitzungen im Büro, den Haushalt, das ganze moderne Leben. Ruth teilt ihre Kraft mit jedem einzelnen Menschen, sie sehen bei ihr das Glück, sehen, was sein könnte und nicht ist, was sie vergessen haben und jetzt vermissen. Und sie hilft mit ihrer Kraft auch denen, die Gewalt erleben. Aber dann kommt Linda, die große, schöne Linda. Die verheiratete Linda. Was soll jetzt werden? «Weil ich Ruth bin» ist ein verblüffender Roman voller Magie in einer einzigartig sinnlichen Sprache.
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Seitenzahl: 461
Veröffentlichungsjahr: 2026
Alle verfallen ihr. Sie geht selbstbewusst durch die Straßen in ihrem Glanz, zieht magisch die Aufmerksamkeit auf sich. Ruth.
Ruth ist ein ganz besonderer Mensch. Sie kommt mit einem Fell zur Welt wie schon ihre Mutter und ihre Großmutter, am Ende der Kindheit verliert sie es. Und Ruth hat «die Kraft». Sie kann Gewitter aufziehen lassen, Bäche zum Versiegen bringen, Dinge bewegen.
Aber vor allem kann sie Menschen in Tiere verwandeln, vorübergehend. Und die Menschen strömen zu ihr, wollen Qualle sein auf Zeit, Languste, Hund, Vogel, Echse und dabei die Rechnungen vergessen, die Sitzungen im Büro, den Haushalt, das ganze moderne Leben.
Ruth teilt ihre Kraft mit jedem einzelnen Menschen, sie sehen bei ihr das Glück, sehen, was sein könnte und nicht ist, was sie vergessen haben und jetzt vermissen. Und sie hilft mit ihrer Kraft auch denen, die Gewalt erleben. Aber dann kommt Linda, die große, schöne Linda. Die verheiratete Linda. Was soll jetzt werden?
«Weil ich Ruth bin» ist ein verblüffender Roman voller Magie in einer einzigartig sinnlichen Sprache.
Foto Ayse Yavas
Julia Weber wird 1983 in Moshi (Tansania) geboren und zieht 1985 mit ihrer Familie nach Zürich. Nach einer Lehre als Fotofachangestellte mit gestalterischer Berufsmaturität studiert sie literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, gründet den Literaturdienst und ist Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert» zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht sowie des feministischen Autorinnenkollektivs «RAUF». Julia Weber wurde bereits vielfach ausgezeichnet (u.a. Alfred-Döblin-Medaille, Franz-Tumler-Literaturpreis, Droste-Förderpreis, Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, Alemannischer Literaturpreis), sie lebt mit ihrer Familie in Zürich. Im Limmat Verlag sind die Romane «Immer ist alles schön» und «Die Vermengung» lieferbar.
Julia Weber
Roman
The witch cooks
Love down in a pot
She feeds herself to herself
She grows stronger
Sonya Vatomsky
Ich erinnere mich an meine unberührte Haut, an die Wärme eines Körpers, als wäre es meine eigene. Ich erinnere mich an das Licht, das mir in die Augen sticht, an die alte Hebamme, ihren fauligen Atem und mit dem Atem die kalte Luft in meinem Gesicht. Ich erinnere mich an ihre Augen, grau wie nasser Beton, ihren Mund ganz ohne Lippen, ihre Haut wie zerknittertes Zeitungspapier. Sie umfasst mit ihren eiskalten, astigen Fingern meinen Kopf, den Hals, die Schultern, die Ärmchen und zieht. Sie zieht mich aus dem Körper meiner Mutter heraus.
Ich erinnere mich an einen gelben Mond über der Alten im Dachfenster, unter dem meine Mutter liegt. Auf einer Matratze. Und die dunklen Äste einer Linde zwischen Mond und Frau und Fenster bewegen sich im Wind. Ich erinnere mich an den Mond, seine Form, ziemlich rund, aber noch nicht voll, und ich erinnere mich an den Geruch von Fleisch, klumpiger Erde, Blut, Marmorkuchen. Ein säuerlicher, nach Eisen riechender Atem meiner Mutter und der uralte Geruch der Frau.
Ich atme.
Ich erinnere mich an den schwitzenden Käse auf dem Tisch neben der Matratze, auf der meine Mutter liegt. Der Käse ist gelblich am Rand und in der Mitte hell.
Und ich erinnere mich an die Schreie während der letzten Wehen. In meiner Mutter höre ich sie, wie sie in ihr wachsen, wie ich gewachsen bin, wie die Schreie sie verlassen, wie auch ich es tue. Ihre Schreie fliegen nach draußen und in die Dunkelheit, verschwinden hinter der Linde.
Ich erinnere mich an das Husten der alten Frau, das klingt wie das Geräusch hungriger Schweine. Ihre Unterarme sind hart an meinem Rücken, und da, wo vorher das Fruchtwasser war, ist jetzt Kälte, als läge ich im Schnee. Die Alte hält mich und wäscht mein dunkles Fell, wäscht mir mit einem weißen Lappen Schleim und Blut vom Gesicht und vom Bauch, von den Armen, den Beinen. Und sie durchtrennt die Nabelschnur, rollt sie mit steifen Fingern auf. Und die Nase der Frau berührt mein Gesicht, als sie sich dicht über mich beugt und ihr Ohr an meine kleine Brust legt.
Das Herz schlägt, sagt sie.
Ich erinnere mich, wie sie einen Finger auf meine fellige Brust legt. Sie streicht gegen den Lauf der Haare.
Und meine Mutter streckt die Arme aus, fasst in die Luft, tastet ins Nichts, als wäre ein großes Dunkel um uns. Die Frau legt mich in die suchenden Arme hinein, im Moment der Berührung knistert es, wie trockene Äste eines Nadelbaumes im Feuer knistern.
Ich erinnere mich an meine Mutter, wie sie weich in der Erschöpfung liegt, ihr Körper gibt nach, ich sinke in ihre Haut. Und plötzlich weint sie leise. Meine Mutter sieht mich an.
Ich bin so müde, kleine Ruth, flüstert sie, so müde bin ich in meinem ganzen Leben noch nie gewesen, so müde, dass ich schon nicht mehr ganz sicher bin, ob es mich überhaupt noch gibt, und ich will aber wach bleiben bei dir, du kleine Ruth mit einem Fell, denn ich fürchte, dass ich nicht mehr erwache, wenn ich jetzt einschlafe, ich nicht mehr erwache, so müde, so tief in den Schlaf würde ich sinken, dass ich vielleicht für immer verschwände. Ich will aber hierbleiben, bei dir, und schauen, wie du wächst, wie dir die Finger länger werden und die Augen heller und wie du laufen lernst und sprichst. Ich will dich beschützen, kleine Ruth.
Ich erinnere mich, sie nimmt mich näher zu sich heran, kommt ganz nahe an mein Gesicht. Sie legt ihre Lippen auf die Stelle zwischen meiner Nase und meinem Mund, küsst die schwarzen Härchen, die dort gewachsen sind. Sie küsst auch die schwarzen Härchen an meinem Bauch, an meinem Rücken, meinen Armen, auf dem ganzen kleinen Körper, den ich habe.
Meine Mutter ist noch schwach und ich bin sehr klein, sie trägt mich an die Sonne, sie trägt mich nahe an ihrem Körper, und die Wärme legt sich in mein Fell. Sie geht voller Stolz umher, türmt ihr Haar auf, trägt eine Weste aus Schaffell und wadenhohe Lederstiefel mit grober Sohle. Dann läuft sie stundenlang und singt. Singt laut und glücklich über meinen Kopf hinweg, mein Körper ist an ihren gebunden, sie schaut nach unten und küsst mich. Kaum ist es warm genug, legt sie mich auf die Wiese, hebt mich wieder hoch, weil der Boden noch kalt ist. Nimmt Blättchen aus meinem Fell, Käfer, alte Samen. Wenn wir Menschen begegnen, die sie kennt, versuchen diese mich anzuschauen, aber weil ich so nahe an meine Mutter gebunden bin, können sie mich nicht gut sehen. Wenn jemand sagt, das süße Kind, wie schön. Wenn jemand sagt, sie solle mich doch einmal nach außen drehen, dann dreht sie mich nach außen, von sich weg, und die Menschen werfen erschrockene Blicke auf mich. Oh, sagen sie. Das sind aber viele Haare. Wo ist denn da das Kind? Ist das ein Anzug, das es trägt? Ist das echt? Wie heißt es denn?
Ruth, sagt meine Mutter, das ist Ruth.
Dann geht sie heim, weil es kalt ist, ein kalter Wind weht, und überall liegen alte Schneeflecken und brauner Schnee am Straßenrand. Sie geht die Treppen hoch bis unter das Dach, legt mich auf den weichen Teppich, über uns das Fenster, und draußen fliegen die Krähen in der Dämmerung, schwarze Flecken am kobaltblauen Himmel. Sie beugt sich über mich, ihre orangen Haare fallen in mein Gesicht, und ihr großes Gesicht schwebt über meinem, sie wäscht und kämmt mein Fell. Sie nimmt Tierchen, kleines Geäst und Käfer, Staubkörner heraus, ölt es ein. Sie schaut mich oft und lange an. Was bist du, Ruth? Was bist du bloß mit diesen dunklen Augen, sagt sie, in die ich hineinfallen kann. Mich fast vergesse beim Anschauen. Sie legt ihr Ohr an mein Herz. Es schlägt, sagt sie. Ach, schau mich nicht so an, Ruth, flüstert sie, du schaust geradeso, als wüsstest du bereits mehr, als ich jemals wissen kann. Dein Fell, Ruth, es ist so finster und so warm.
Sie legt mich an ihre Brust und ich trinke die warme, zuckrige Milch.
Die Menschen, die uns besuchen, fragen, was ist das?
Und meine Mutter sagt, das ist Ruth. Sie ist klein und liegt herum, gehört nur sich selbst. Sie ist in meinen Armen zu Hause, sagt sie.
Und wirklich tut meine Mutter fast alles nur noch mit einer Hand. Sie hackt die Zwiebeln mit einer Hand und presst Zitronen am Morgen, und sie hämmert mit einer Hand den Nagel in die Wand, sie stillt mich, während sie Tomatensuppe kocht, und wenn sie staubsaugt, schlafe ich in ihrem Arm. Sie wäscht das Geschirr und legt mich auf den Tisch, um die große Schüssel im Schrank zu verstauen, dann nimmt sie mich wieder hoch und atmet mir warm ins Gesicht. Sie schreibt Briefe und redet mit Menschen, und ich schlafe mit dem Gesicht an ihrem Hals und dem Fell am Körper, finsterbraun, fast schwarz. In der Nacht schlafen wir in ihrem großen Bett, so nahe beieinander, dass wir beinahe wieder ein Körper sind. Und manchmal am Abend sitzt sie neben mir auf der Matratze, das Licht des Bildschirms im Gesicht, ich drehe meinen Kopf und blinzle ins Licht, dann klappt sie den Computer zu. Ich muss ein paar Briefe schreiben, sagt sie dann und hebt mich hoch und dreht mich so, dass mich das Bildschirmlicht nicht mehr trifft.
Die Menschen, die uns besuchen, schauen mich von Weitem an.
Und meine Mutter sagt, Ruth schläft an manchen Tagen achtzehn Stunden, liegt eingerollt auf dem Bett, wie eine Katze.
Sie lacht. Und die Menschen schauen von Weitem auf mich, und dann schauen sie zu meiner Mutter und sagen nichts.
Und wenn sie mich ansehen, verändern sie sich. Sie stehen oder sitzen mit den Schatten in den Gesichtern, und dann kommen sie vorsichtig zu mir, manchmal riechen sie nach schnell gekochtem Essen, nach Duftbaum und nach Tabak und Tankstelle, oder nach Puderzucker, sie setzen sich neben mich und sie streichen zögerlich mit den Fingerkuppen über mein Fell. Meine Mutter sitzt neben mir, oder sie steht in der Ecke und beobachtet, was geschieht, legt ihre Hand leise auf der Kommode ab. Die Menschen kommen mit ihren Gesichtern nahe an meinen Körper und riechen an mir. Erstaunlich, sagen sie. Ganz erstaunlich. Wunderlich. Und dann legen sie eine Hand an meinen Bauch, wenn ich auf dem Rücken liege, oder auf meinen Rücken, wenn ich auf dem Bauch liege. Sie berühren mein Fell. Sie streichen gegen den Lauf der Härchen, und sie streichen mit dem Lauf. Was ist das?, flüstern sie, ich würde so einnehmend riechen, nach Milchreis und nach den nassen Wiesen, den Wiesen hinter dem Haus ihrer Kindheit, oder nach den Gängen des Schulhauses, ja sogar nach der Lehrerin, sagen sie und sind erstaunt, sie erinnern sich, dass die Lehrerin nach Kaffee roch, nach Weichspüler auch. Ich würde nach dem Geburtstagskuchen riechen, der für sie gebacken wurde jedes Jahr, Marmorkuchen, immer der mit der weißen Zitronenzuckerglasur, und der Geruch vom Rauch der ausgeblasenen, rot-weiß oder blau-weiß gestreiften Kerzen, und die Klarheit ihrer Mutter und die Wärme des Vaters, die Umarmung nach dem Auspusten und das Licht gedämpft. Ich würde nach ihrer Geborgenheit riechen, sagen sie, und nach dem stundenlangen Liegen in Zimmerecken, mit den Fersen an der kühlen Wand und dem Blick an die Decke. Und die Felder im Sommer, die weiten gelben Felder. Roggenfelder. Rapsfelder im Frühling. Und diese Abwesenheit von Müssen und Sollen, wie es sie nur damals gegeben habe. Und dann lachen sie verlegen, weil sie so seltsam und viel reden, so ohne Verstand, ach, es ist ihnen unangenehm, so zu reden, fast wie im Spiel, wie sie es von sich nicht kennen, rosarot reden sie, und rot werden sie. Und nach Butter riecht Ruth, sagt jemand. Nach Versöhnung. Nach Versöhnung mit dem, was aus uns geworden ist. Und manchmal weinen sie, dann weinen sie alles aus sich heraus.
Es bleibt fast nichts mehr übrig, sagen sie.
Die Menschen bringen Blumen.
Sie bringen Lachs.
Sie geben Mutter Geld.
Sie bringen Spiele für mich und Kostüme. Glitzernde Kleider und Feenstäbe. Sie bringen Pralinen und Stofftiere, Socken und Schuhe. Sie sagen, die Schuhe hätten ihre Kinder bereits getragen, es seien gute Schuhe, die würden mir gut passen, wenn ich dann einmal laufen könnte.
Irgendwann läufst du, Ruth.
Sie bringen Früchte in Papiertüten und frische Minze.
Sie bringen Weinflaschen, die meine Mutter am Abend trinkt, wenn ich schlafe.
Und sie bringen Kuchen, Zucker. Den Kuchen isst meine Mutter am Abend, unter dem Fenster liegend, dann träumt sie vor sich hin, summt ein Lied, und manchmal scheint sie zu vergessen, nur für einen kurzen Moment, dass ich da neben ihr bin. Ich liege da, schaue sie mit meinen dunklen Augen an.
Sie sind leise bei uns, sagt meine Mutter, deinetwegen werden sie leise, Ruth. Sie dreht sich zu mir, streichelt mein Fell, und ich lächle sie an. Selbst diejenigen, die sonst laut sind, gehen vorsichtig durch die Wohnung, sagt sie, selbst die Stolzesten legen sich neben dich auf den Boden, auf die Decke, auf der du liegst, selbst die Härtesten legen irgendwann ihr Gesicht in dein Fell.
Mein Vater ist der Schnee, die Millionen Schneeflocken, die leuchtend weiß aus dem schwarzen Himmel fallen. Mein Vater ist das Weinen meiner Mutter, die Angst um ihr unsichtbares, filigranes Glück. Und die Wolkendecke liegt weit oben, weit über unseren viel zu schweren Köpfen. Die Augen, die sich öffnen und schließen. Und dabei erscheint und verschwindet die Welt.
Seit du hier bist, Ruth, scheint es mir, als würden die Wände nachgeben, wenn ich sie berühre. Wenn ich mich gegen sie lehne, sinke ich in eine andere Welt oder einfach in das Innere der Wand, und ich berühre meinen Körper in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann oder auch wenn ich am Morgen in das Toastbrot beiße, noch vor dem ersten Kaffee, dann scheint es mir, als würde auch mein Körper nachgeben wie die Wand, als könnte ich in mich hineinfassen, die Haut, die meine Finger nicht abhält, alles ist durchlässig geworden. Meine Hände sind größer geworden. Und ich stehe vor dem großen Bett, auf dem du liegst und die Augen geschlossen hast. Ich sehe, wie dein Brustkorb sich hebt und senkt, und ich sehe deine kleinen Hände, die du zu Fäusten formst, und dein Gesicht ist so ernst, deine Augenbrauen sind buschig, und manchmal verfängt sich etwas Staub in ihnen, und deine Nase rümpfst du im Schlaf. Und ich habe Milch für dich. Und ich sorge mich um dich, was wird sein, wenn du größer wirst, wenn du wächst, wenn du dieses Fell hast, und was ist, wenn du es nicht mehr hast, wenn du es verlierst? Wenn du ein Mädchen in einem Mädchenkörper bist?
Ich schwimme auf dem Rücken in der Wanne, das Gesicht an der Luft und der Körper im warmen Wasser, unter dem Schaum. Der Schaum verschwindet, und meine Mutter setzt mich auf. Ich sehe, wie mein Fell sich im Wasser bewegt wie dunkles Seegras oder Algen im Wellengang. Sie hebt mich hoch, wickelt mich in ein großes Tuch, rubbelt mein Haar, bis es trocken ist, dann liegen wir unter dem Fenster. Der Körper meiner Mutter ist senffarben und warm. Sie kämmt mich, und weil sie dabei Kekse isst, fallen kleine Stücke der Kekse in mein frisch gewaschenes Fell, sie nimmt sie vorsichtig heraus, zupft die finsterbraunen Härchen aus der Bürste, steht auf, wirft Krümel und Haare aus dem Fenster. Für die Tauben, sagt sie, für das Nest der Tauben. Sie hebt ein Bein beim Werfen, sieht aus wie eine Eiskunstläuferin. Ihr Feuerhaar leuchtet im Sonnenlicht. Dann legt sie sich zurück zu mir und kämmt weiter langsam meinen Rücken, die Schultern, die Arme, die Beine, die Füße, die Zehen, die Fersen. Die Finger kämmt sie mit einer Zahnbürste, auch hinter den Ohren bürstet sie mich, dann geht ein angenehmes Schaudern durch mich.
Wann sprichst du endlich mit mir, Ruth?, fragt sie. Was du wohl zu sagen hast?
Sie nimmt eines meiner Füßchen, küsst meine schrumplige Fußsohlenhaut.
In ihrer Umarmung wachse ich, beginne zu laufen und zu reden, und das Fell wächst mit mir mit. Wir bleiben zu Hause. Wir essen aus kleinen, farbigen Schüsseln und schauen aus dem Dachfenster in den Himmel, jeden Tag. Wir spielen Spiele und warten auf die Menschen, die uns besuchen. Es gibt welche, bei denen bin ich froh, wenn sie vorbeikommen, und es gibt welche, bei denen bin ich froh, wenn sie wieder gegangen sind. Es gibt Menschen, die mit mir spielen, und manchmal frage ich jemanden, was draußen ist, dann schauen sie zu meiner Mutter. Draußen sind viele von uns, Menschen ohne Fell, und kein Einziger ist wie du, sagen sie. Es gibt Hunde mit Fell, und es gibt Ratten in der Kanalisation, auch die haben ein Fell. Auch Wölfe im Wald, Dachse, schwarz und weiß. Es gibt den Fuchs mit seinem orangen Fell, der durch die nächtliche Stadt schleicht, es gibt auch Marder, aber Menschen mit einem Fell gibt es da draußen nicht.
Und immer küsst meine Mutter mich, und immer schaue ich den Mond an. Und immer erzählt sie mir Geschichten und immer neue Wörter.
Was ist das?, frage ich und zeige aus dem Fenster.
Der Mond.
Mond, sage ich.
Und manchmal weint meine Mutter, in der Küche stehend, mit dem Rücken zu mir gewandt, sodass ich ihr Gesicht nicht sehen kann, aber ich sehe ihre Bewegung. Das leichte Schütteln der Schultern. Manchmal drehe ich mich weg von ihr, gehe unter das Fenster, lege mich hin.
Ich sage, ich will zum Fluss. Ich trage die Kleider meiner Mutter und die Schuhe, ihren Schmuck. Ich sage, mein Fell ist mir egal. Ich sage, ich will schwimmen, nicht nur in der Badewanne, im Fluss, wie sie es mir erzählt hat, wie sie es gemacht hat als Kind. Ich will das Wasser im Fell haben und das Klimpern der Steine am Grund des Flusses hören, die Steine, die von der Strömung bewegt werden, ich will bewegt werden. Ich will das Gras an den Füßen und das Sonnenlicht am ganzen Körper, mein Fell so warm, dass die Hand warm wird, wenn sie das Fell berührt. Und ich will auf einer Decke liegen, nahe am Wasser, unter einem Baum, und will in den Baum schauen. Ich will mit ihr in den Fluss und dass sie mich im Wasser hält und wir vielleicht abtauchen und uns unter Wasser anschauen, mit vergrößerten Gesichtern, wie die Bilder, die wir angeschaut haben in einem Magazin, von weißen Stränden und Menschen in Badeanzügen und mit Kokosnüssen in den Händen und vergrößerten Gesichtern unter Wasser, und dass sie mich im Fluss festhält, damit die Strömung mich nicht fortreißt. Ich will, sage ich zu meiner Mutter. Draußen ist es warm und bei uns kühl, weil die Fensterläden geschlossen sind, der Himmel ist leer, von der Hitze fast weiß, und vor den Fenstern flimmert die Luft. Ich will mit anderen Kindern sein, sage ich. Meine Mutter steht vor mir, die Augen hat sie geschlossen.
Wir gehen nach draußen. Wir laufen durch das Viertel bis zum Fluss, auf einer Wiese breiten wir eine Decke aus, und ich laufe auf der Wiese, barfuß. Am Ufer des Flusses steht eine Hängebuche, deren Äste beinahe den Boden berühren, und ich stehe unter ihr und berühre die untersten Blätter an den dünnen Ästen. Weit oben im Baum sitzt eine Elster. Sie hat ihren Kopf so gedreht, dass sie mich beobachten kann. Sie hüpft von Ast zu Ast, immer tiefer und immer näher zu mir heran.
Weiter entfernt rennen Kinder umher. Ich kann ihr Kreischen hören und die nackten Kinderbeine sehen. Und ich will näher zu ihnen, will sehen, was das für Kindergesichter und Kinderbeine sind. Meine Mutter sagt, ich soll lieber bei ihr bleiben. Und ich gehe trotzdem näher hin. Die Kinder haben ein knatterndes Lachen, wie Motorräder, die einen Hügel hochfahren. Es klingt so schön, dass auch ich lachen muss. Sie haben ganz helle Stimmen und hellgrüne Hosen und zitronengelbe Pullover und dünne, lange Arme und geflochtenes Haar, kurze Locken. Eines der Kinder trägt eine Brille, eine runde Brille mit dickem, schwarzem Rand. Und eines hat schmale, lange Hände, wunderschöne Hände, wie zwei kleine Fische, die durch die Luft schwimmen. Ich gehe noch ein wenig näher, bis ich die farbige Zahnspange in einem offenen Mund sehen kann. Und dann kommt eines der Kinder in meine Richtung gerannt und bleibt vor mir stehen, reißt die Augen auf. Es hat sehr dunkelblaue Augen und rotes, langes Haar. Ein bisschen wie meine Mutter. Es ist wunderschön.
Du bist so schön, sage ich. Du siehst aus wie meine Mutter.
Was ist denn das?, ruft das Kind.
Und ich lächle und sage, Ich bin Ruth.
Bist du ein Monster?, fragt das Kind.
Nein, ich bin Ruth, sage ich, ich trinke gerne Pfefferminztee und esse am liebsten rote Früchte und Schokoladenkugeln.
Das Kind sieht mich an. Dann macht es ein seltsames Geräusch. Es bellt. Ich hebe die Arme an. Das Kind verstummt und springt mich an. Es packt mein Fell, es fasst hinein und reißt an ihm.
Was machst du da?
Ich hebe die Hand, das Kind fliegt nach hinten, fliegt sicher drei Meter, bleibt liegen im Gras.
Ich schließe kurz die Augen, renne dann zu meiner Mutter, setze mich neben sie auf das Tuch.
Was ist denn passiert?, ruft der Vater des Kindes und läuft zum Kind. Was ist denn passiert?
Was ist passiert, Ruth?, fragt meine Mutter.
Nichts, sage ich.
Der Vater hat lange Beine und macht weite Schritte, in einer lindgrünen Badehose und mit weißen Plastikschuhen an den Füßen kommt er zu uns. Ich sehe seine Brustwarzen und dunklen Haare um die Brustwarzen herum. Er kommt immer näher und sieht wütend aus, er schwingt die Arme, bis er mich erkennen kann, bis er mich anschaut. Dann bleibt er stehen, schaut auch meine Mutter an, dann wieder mich.
Oh, Entschuldigung, sagt er, das wusste ich nicht.
Dann geht er davon. Meine Mutter macht ein Geräusch wie ein Stein, den man in einen tiefen Brunnen wirft, wenn er endlich ganz unten auf das Wasser trifft.
Jedes Haar, das ich von dir finde, klebe ich in ein Buch.
Jedes Geräusch, das du machst.
Mein Vater ist die Härte derer, die sich fürchten vor dem, was sie nicht kennen. Ich gehe klein neben meiner Mutter her, sie trägt die Tasche und hat ein Tuch um mich gelegt. Und ein hüfthoher Hund zieht an einer Leine, an deren Ende sich ein Mensch mit leichenfarbenem Haar befindet. Mein Vater ist die Einsamkeit meiner Mutter, ihr Vermissen von Berührungen. Er ist ihr Schweigen. Und er ist die Stille, wenn wir nach Hause kommen. Er ist der große Schatten des Schranks im Flur, das Drehen des Schlüssels im Schloss.
Ich möchte unter Kindern sein, sage ich.
Meine Mutter steht stolz vor mir, trägt ein Kleid mit Flügeln, die sich öffnen zwischen Hüfte und Händen, wenn sie die Arme hebt, und die Haare leuchten, weil Sonnenlicht auf ihren Kopf fällt.
Ich könnte einen Kindergarten besuchen, sage ich.
Sie hebt die Arme, öffnet die Flügel, bewegt sie.
Ich würde mit den anderen Kindern fangen spielen, wie damals die Kinder am Fluss.
Sie bewegt die Arme auf und ab.
Was tust du?, frage ich.
Ich versuche zu fliegen, sagt sie.
Aber es geht nicht?
Aber ich wünsche es mir, sagt sie und bewegt die Arme.
Und ich schaue zu, wie sich die Arme und der Stoff bewegen. Und dann schwebt sie plötzlich wenige Zentimeter über dem Boden, nur ein paar Sekunden, steht wieder auf dem Teppich, lässt die Arme fallen.
Oh, sagt sie. Schaut mich an. Und wenn die Kinder dich nicht akzeptieren?
Was heißt das?
Nicht zulassen.
Nicht sein lassen? Wollen?
Ja.
Dann kommst du und rettest mich.
Sie schaut mich an, so, als hätte sie sich auf diesen Moment lange vorbeireitet, aber jetzt fällt ihr nicht mehr ein, was sie sagen wollte.
Gut, sagt sie, hör zu, Ruth. Und dann kniet sie sich vor mich, legt ihre Mutterhand auf meinen Tierbauch. Ich lasse die Arme sinken. Dann lege ich meine haarigen Kinderhände auf die der Mutter und mein Gesicht an ihren Hals. Ein Tier und eine schöne Frau.
Ich habe den gelben Regenmantel, sage ich. Da kann mir niemand gar nichts.
Was ist denn das? Was soll das sein?
Ich bin Ruth.
Die Kindergärtnerin steht ganz gerade neben den kleinen Stühlen, auf den Stühlen sitzen die Kinder in einem Kreis.
Das ist Ruth, sagt sie.
Meine Mutter steht neben mir, sie hat mir den gelben Regenmantel über das Fell gezogen. Jetzt kniet sie sich vor mich und öffnet den Reisverschluss. Meine Mutter riecht noch immer nach der Wärme unter den Bettdecken. Sie riecht auch nach dem Brot, das wir gegessen hatten, im Bett liegend, unter den Decken. Sie riecht nach dem Honig auf dem Brot. Und die Tauben auf der Fensterbank, ihr Tip Tip Tap Tap.
Sie nimmt mir den Mantel ab, küsst mich und schiebt mich sanft von sich, ich gehe in den Kreis hinein, die Kinderaugenpaare, die mir folgen braun, braun, dunkelbraun, dunkelbraun, blau, blau, hellblau, hellblau, braun, braun, grün, grün, grünbraun, grünbraun, graubraun, graubraun, hellblau, hellblau, finsterbraun, finsterbraun, wiesengrün, braungrün. Und ich setze mich auf einen kleinen Stuhl.
Die Kindergärtnerin mit ihrem runden Gesicht sieht mich an, hat warme Augen wie kleine Erbsencremesuppen, ein gleichgültiges Lächeln. Sie sieht mich warm an und sagt, Willkommen Ruth.
Ich bin Anna. Was ist das, was du da hast?
Ein Fell.
Und warum hast du so ein Fell?
Das habe ich schon im Bauch meiner Mutter bekommen.
Und ist es gemütlich?
Sehr, im Winter kann ich mich in den Schnee legen.
Ich möchte auch so ein Fell haben.
Vielleicht musst du deine Mutter fragen.
Und dein Vater? Hat der auch ein Fell?
Mein Vater ist das Sonnenlicht, das im Sommer die Wiesen summen lässt, hat meine Mutter gesagt.
Hat sich deine Mutter in die Wiese gelegt?
Ja, ich glaube schon. Manchmal legen wir uns zusammen dahin. Und was machst du?
Meine Mutter ist Anwalt. Und mein Vater ist auch Anwalt. Mein Großvater war auch schon Anwalt. Ich mag Schinkenbrote mit viel Butter.
Und was machst du?
Ich sammle tote Insekten.
Wie viele hast du?
Tausendvierundvierzig. Darf ich dein Fell berühren? Das ist ein sehr weiches Fell. Darf ich mein Gesicht an deinen Rücken legen?
Dein Fell ist nett zu mir, sagt das Kind mit dem Gesicht an meinem Rücken, es ist weich wie meine Tante, die sich immer so sehr freut, mich zu sehen, dass sie mich fest an sich drückt, und weil es so viel Tante an der Tante gibt, verschwinde ich in ihrer Umarmung. Dein Fell riecht nach Marmorkuchen.
Das ist meine Mutter, sage ich, meine Mutter riecht nach Kuchen. Nach was riecht deine Mutter?
Ich weiß es nicht. Ich habe noch nie an ihr gerochen. Du bist seltsam, Ruth.
Ich bin nicht seltsam.
Doch, du bist seltsam.
Anna nimmt ihr Gesicht von meinem Fell. Sie rennt davon, schaut zurück.
Ich habe Anna verzaubert. Und jedes Mal, wenn ich den Regenmantel ausziehe, ihn an den Haken in der Garderobe hänge, mich in den Kreis setze, setzen sich die Kinder etwas weniger weit weg als beim letzten Mal. Und immer kommt irgendwann Anna und setzt sich neben mich. Sie betritt den Raum, und ihre verschiedenfarbigen Augen suchen mich, sie lächelt, wenn sie mich sieht. Manchmal berührt sie heimlich mein Fell. Wenn sie sich setzt, streicht sie mir über den Arm oder die Schulter, ganz fein. Riecht danach an ihrer Hand, die mich berührt hat. Sie trägt den Pullover mit der Naht nach außen und hat ein grünes und ein braunes Auge. Ganz dunkle Wimpern und eine Pflaumennase. Eine kleine Brust, und ihre Haut erinnert mich an das Braun des weichen Teppichs bei uns zu Hause.
Sie sagt, Hallo Ruth.
Hallo Anna, sage ich.
Sie kichert. Und ihre Hände legt sie auf ihren dünnen Beinen ab.
Und sie sagt, Ruth, ich habe gestern an meiner Mutter gerochen; als sie gekocht hat, habe ich an ihr gerochen. Ich lief in die Küche und legte die Nase an ihren Po. Und sie fragte, Was machst du denn da? Und ich sagte, ich rieche an dir. Und dann hat sie mich weggeschoben und gesagt, Ach du, ich bin doch kein Blumenstrauß. Und als sie mich ins Bett gebracht hat, habe ich auch an ihr gerochen.
Und?, frage ich.
Und sie riecht nach Palmen und nach Schinken, sagt Anna.
Schinken?
Kochschinken.
Ich mag Kochschinken, sagt sie, auf dem Brot, mit viel Butter und Essiggurke.
Ich weiß, sage ich.
Und heute werde ich an meinem Vater riechen.
Gut, sage ich.
Und dann berührt Anna mein Knie. Und dann den Arm.
So weich bist du, Ruth, sagt sie.
Alles gut?, fragt meine Mutter. Nimmt mich in den Arm.
Alles gut, sage ich.
Sie gibt mir siebenhundert Küsse.
Alle nett?
Ja, sage ich, alle nett. Und bei dir?
Eigentlich auch, sagt sie, nur ein wenig einsam, manchmal.
Aber ich bin da, sage ich und löse mich aus ihren Armen.
Schau mich nicht so an, sagt sie.
Wie schaue ich?
Wie ein Hund.
Ich bin ein kleiner, pelziger Hund.
Du bist jetzt auch weg, sagt sie, immer, jeden Tag. Und ich warte darauf, bis ich dich wieder abholen kann. Und die Wohnung ist ganz langsam ohne dich, still und rau und leer und weiß und langweilig. Manchmal wünsche ich mir jemanden, sagt meine Mutter.
Ich bin doch jemand.
Manchmal wünsche ich mir Bewunderung.
Bewunderung?
Ja, und Blumen und Küsse.
Küsse?
Ja, einen Abend mit Wein.
Wein, sage ich.
Und wenn du weg bist, dann sorge ich mich um dich. Ich mache mir immer große Sorgen, und das macht mich schwer, und die Sorgen weichen mich auf.
Dann hör auf, dir diese Sorgen zu machen.
Aber du bist mein Kind.
Aber ich kann mich beschützen.
Aber ich will dich beschützen.
Du willst dir Sorgen machen und schwer werden wie ein betäubter Bär?
Nein, will ich nicht.
Du willst tanzen?
Ja, vielleicht.
Sollen wir Verstecken spielen?
Nein, ich will mich nicht verstecken.
Sollen wir rausgehen?
Nein, ich will hierbleiben mit dir.
Sollen wir uns unter das Fenster legen und den Himmel betrachten?
Ja, sagt meine Mutter.
Also legen wir uns unter das Fenster, ich lege mich in ihren Arm, und sie streichelt meinen Rücken.
Wir haben deine Mutter im Garten gesehen, sagt er, bucklig und wütend. Es roch nach Feuer, sie hat da etwas verbrannt, Holz und alte Kleider und auch etwas anderes, das roch nach Haar und Knochen.
Wir haben gar keinen Garten, sage ich. Wir stehen im Hof des Kindergartens und er tritt mit beiden Füßen auf den Boden, als müsse er etwas zertrampeln. Leuchtende Turnschuhe und eine gelbe kurze Hose, die dünnen Beinchen, die seine Wut auf den Boden stampfen.
Warum stampfst du?
Wir schauen auf eine Ameisenstraße, rote Ameisen, Ameise hinter Ameise. Sie machen einen weiten Weg, über den warmen Asphalt, über die weißen Linien des Basketballfeldes, über die Kante des Sandkastens bis in eine Hecke hinein.
Du stinkst, sagt er.
Du stinkst selbst, sage ich, nach Fernbedienung und langweiligem Urlaub.
Du stinkst nach Wald.
Wald riecht gut.
Du stinkst nach der Tierkacke im Wald, sagt er.
Du stinkst nach Wohnzimmer und Toilettenreiniger.
Du stinkst nach Schwefel.
Du stinkst nach Eifersucht.
Was ist das?
Du stinkst nach Engstirnigkeit, sage ich. Und du stinkst nach Intolliranz.
Intolliwas?, fragt er.
Du bist ein Vogel, und deine Mutter hat cremige Haare.
Deine Mutter ist eine Frau, sagt er.
Ja, was denn sonst?
Ameise hinter Ameise hinter Ameise, ein Weg über den grauen Beton und vor uns eine Tanne, deren Äste beinahe den Boden berühren, weil sie schwer und schön und beladen sind von Zapfen und Nadeln, darunter die Nadeln, die abgefallen sind. Eine Tanne wie ein Haus.
Bei euch stinkt es nach toten Füchsen und Mardern, wie im Sommer auf der Autobahn. Das hat mein Bruder gesagt. Und du gehörst zurück in die Höhle, aus der du gekrochen bist mit deiner Mutter. Deine Mutter macht dir an deinem Geburtstag einen Kuchen aus Fröschen und Asche. Mein Bruder sagte, deine Mutter hat dich gar nicht bekommen, es ist ein Bär gewesen, der dich bekommen hat.
Und dann tritt er in die Ameisenstraße. Ich höre das Knacksen der Insektenkörper, ich sehe seinen grün-blau blinkenden Turnschuh, wie er neunzehn Ameisen zerdrückt. Ich reiße ihn weg. Und er gräbt seine Finger in mein Fell. Meine Augen starren ihn dunkel an, und er starrt aus bleichen Augen zurück.
Ungeheuer, schreit er.
Und dann fliegt er rückwärts von mir fort, gegen den Baum, prallt an den Tannenarmen ab, stürzt zu Boden. Bleibt kurz liegen, öffnet die Augen. Er steht auf. Das werde ich sagen, sagt er. Macht ein blödes Gesicht, wie die Welse, die ich im Aquarium in diesem Restaurant gesehen habe, in dem meine Mutter und ich essen waren und der Kellner ein weißes Hemd und eine schwarze, glänzende Seidenweste getragen und nur italienisch gesprochen hat, sehr schön, hat meine Mutter gesagt und ihn angelächelt, und der Kellner hat zurückgelächelt mit dunklen Augenbrauen über den Augen, wie zwei unechte halbe Schnäuze aus der Tischbombe, und einem richtigen Schnauz über dem Mund.
Es klingelt, alle Kinder rennen hinein, kreischen wie zerbrechendes Geschirr und ziehen sich an den Kleidern, an den Armen und Beinen, nur wir bleiben, wo wir sind, bis das letzte Kind im Haus verschwunden ist, dann renne ich los. Eine Elster sitzt im Baum, sie schackert mir nach. Er aber bleibt, bewegt sich nicht.
Die Elster hüpft von Ast zu Ast, bis sie direkt über seinem Kopf sitzt. Sie schackert aufgeregt und hebt den Vogelkopf an, schwankt auf dem Tannenast hoch und runter, hoch und runter. Ich sehe einmal noch zurück, sehe, wie er unbewegt dasteht, eine Vogelscheuche. Ich verschwinde im Inneren, kann mich gerade noch in den Kreis setzen, bevor die Kindergärtnerin die Kinder durchzählt.
Wo ist Leo?, fragt sie.
Ich weiß es nicht, sage ich.
Aber ihr wart doch zusammen draußen.
Ja, aber er ist nicht mit reingekommen.
Und dann geht die Tür auf und Leo kommt herein, hat steife Beine und Arme und sieht mich nicht an. Läuft, als hätte er Beine und Arme aus Holz.
Wie eine Vogelscheuche, flüstere ich Anna zu, die neben mir sitzt und ihre Finger an meinem Arm hat. Sie kichert.
Wo er gewesen sei, fragt die Kindergärtnerin.
Er habe sich nicht bewegen können, sagt Leo und sieht mich nun doch an.
Er habe sich also einfach nicht mehr bewegen können, sagt die Kindergärtnerin.
Ja, wie eine Vogelscheuche, sagt Leo und sieht mich immer noch an, Anna nimmt ihre Hand aus meinem Fell.
Und Leo sagt, er sei gefroren worden. Dann zeigt er auf mich.
Die hat mich gefroren, in eine Vogelscheuche verwandelt, sagt er.
Die Kinder haben staunende Augen.
Ah ja, sagt die Kindergärtnerin, gefroren also.
Ja, gefroren, sagt er.
Gut, sagt die Kindergärtnerin, weil das eine sehr schöne Ausrede sei, zumindest eine, die sie noch nie gehört habe, sei es jetzt gut, und jedes Kind dürfte dort weitermachen, wo es vor der Pause aufgehört hat.
Meine Mutter steht am Zaun und winkt mit beiden Händen, als könnte ich sie übersehen mit ihren Flammenhaaren. Wenn ich aus der Kindergartentür trete, in meinem gelben Regenmantel, leuchtet sie zwischen den Gesichtern der Eltern und Großeltern, reibt ihre großen Hände am Zaun, strahlt mich an. Hier bin ich, meine kleine Ruth, ruft sie. Ihr Haar aufgetürmt wie Schlagsahne, und ich kann sie riechen, kaum habe ich die schwere Tür einen Spaltweit aufgestoßen. Gesichter drehen sich heimlich zu ihr, beobachten sie. Wenn ihre Kinder kommen, starren die Eltern geradeaus, als müssten sie sich an ihnen festsaugen mit den Augen, damit sie nicht zur Seite rutschen und an mir kleben bleiben.
Deine Mutter hat deinen Vater gefressen, sagt Leo. Ich weiß es, sagt er, meine Familie hat das gesagt, gestern Abend beim Abendessen, es gab Brot mit Käse und Apfelkuchen.
Ah ja, sagt meine Mutter, lacht so, dass es mir angenehm in den Ohren plätschert.
Dann sagt sie, Komm Ruth, wir gehen, wir müssen doch die Knochen deines Vaters auskochen.
Leo macht eine Grimasse. Ich mache auch eine Grimasse. Leos Vater schaut in den Himmel. Wir laufen vom Kindergarten weg, die Grimasse verschwindet hinter uns. Und der Vater hat Leos Hand fest in seiner, so fest, dass Leo neben ihm springt und vielleicht sogar winselt.
Ich frage meine Mutter, was mit meinem Vater ist.
Es gibt keinen, sagt sie. Ich habe dich ganz allein gemacht. Nur du in meinem Körper und du, die wächst. Es gibt keinen Vater.
Alle haben einen, sage ich. Ist er tot?
Ja, wenn du so willst, dann ist er tot, er war bereits tot, bevor du entstanden bist.
Mama, sage ich, ich will es wissen.
Ich weiß nichts, du bist ein Wunder Ruth.
Ich habe einen Vater, sage ich, schaue zu ihr hoch, und auch sie hält meine Hand zu fest.
Lass los, sage ich.
Nein, sagt meine Mutter und zieht an meinem Arm.
Und dann knarrt es über uns in einem Baum. Wir gehen weiter. Hinter uns fällt ein Ast zu Boden.
Ruth!
Das war ich nicht, sage ich, das war mein Vater, den es nicht gibt.
Mein Vater ist die Bewegung der Hände meiner Mutter, wenn sie mein Fell kämmt und wenn wir Frieden geschlossen haben, im großen Bett unter der Decke liegend. Mein Vater ist unsere meerestiefen Träume und er ist der Wind, der macht, dass der Fensterladen an die Hauswand kracht. Wenn ich erwache, sitzt er manchmal als schwarzer Schatten an meinem Bett, aus einem schweren Traum mitgebracht. Und ich schaue und schaue, bis sich der Vaterschatten auflöst, wieder der Schatten des Schranks im Flur wird, der zu mir ins Zimmer kriecht.
Manchmal, wenn wir Verstecken spielen, steigt meine Mutter in den großen, braunen Schrank, von dem sie einmal sagte, dass er auch schon im Haus ihrer Eltern gestanden habe. Dann kann ich sie lange nicht finden. Sie geht hinein, die Haare als roter Vorhang vor dem Gesicht. Auch wenn sie traurig ist, leuchtet ihr Haar, aber weniger stark, es flackert wie eine Glühbirne, die nur unregelmäßig mit Strom versorgt wird. Wenn meine Mutter traurig ist, dann wird alles traurig, sogar ihre Beine und Arme und meine auch. Ich sehe dann, wie sie die traurigen Füße in den Schrank hebt, sehe die Finger, die die Schranktür zuziehen, auch die Finger groß und traurig. Dann ist es still. Und dann beginnt das leise Atmen, das immer tiefer und länger wird, bis es ein Schluchzen ist. Und ich stelle mir vor, wie die Tränen aus ihr fallen, wie sich der Schrank langsam mit Wasser füllt. Ich stelle mir vor wie meine Mutter immer tiefer in das Salzwasser hinabsinkt. Ich stelle mir vor, wie es dunkler wird um sie herum, wie eine Geierschildkröte mit ihrem Hunderte Jahre alten Gesicht vor ihr vorbeischwimmt, wie die Quallen, die sich in Zeitlupe durch das Wasser bewegen, sie liebevoll berühren mit den Quallenfäden. Es wird dunkler und dunkler, weil sie tiefer hinabsinkt, bis es kein Licht mehr gibt. Dort, wo meine Mutter sitzt, ist es schwarz, alle Farben sind gefressen, kein Fisch glitzert silbern und keine Qualle schimmert rosa, keine Berührung, nur das Weinen.
Ich gehe leise in der Wohnung umher, lege mich kurz in die Küche unter den Tisch, schaue mir seine Unterseite an und höre das Schluchzen aus dem Schrank. Ich zähle die Holzlinien an der Tischunterseite, ich rolle mich über den Boden, und Krümel und Staub bleiben in meinem Fell hängen, ich schüttle mich am Fenster aus. Und ein metallenes Weinen klimpert im Schrank, das irgendwann leichter, eher ein Glucksen wird und dann ein Summen, bis es verstummt. Dann ist es still. Dann geht die Schranktür auf, weil ich nicht gekommen bin, um sie zu finden. Meine Mutter steigt gefaltet aus dem Schrank, bleibt mit hängenden Armen und einem krummen Rücken im Flur stehen, ein Wrack, geborgen aus tausend Metern unter der Meeresoberfläche. Algen hängen in ihrem Feuerhaar, und Wasser tropft auf den Eichenboden im Flur. Meine Mutter hat die Augen geschlossen und geht langsam in ihr Zimmer, schließt die Tür.
Manchmal kommt sie wieder aus dem Zimmer, später, nach einer halben Stunde oder Stunde, hat sich mit Parfum besprüht, ein goldenes Kleid angezogen, die Haare geföhnt und offen, über die Schultern fallend, und ihre Augen sind mit Schwarz umrandet, die Lippen himbeerrot wie die Türe meines Kindergartens. Sie schwingt die Beine in feinen Strümpfen, gefährlich und stark sieht sie aus. Sie verlässt die Wohnung summend, mit einem kleinen, glänzenden Täschchen umgehängt, kommt erst spät in der Nacht zurück, steht schwankend im Türrahmen und betrachtet mich. Ich tue, als ob ich schlafe, sehe ihre Schattenfigur durch die Schlitze meiner Augen, dunkles Glitzern.
In der Schule sitze ich ganz hinten an der Wand. Ich zähle die Buchstaben an der Tafel, das G von Giraffe, das L von Lurch, T von Tintenfisch. R von Ruth, denke ich, nicht Rhinozeros. Ich streichle mit meinem Blick die Kinderköpfe und Kinderrücken in den grauen, rosa, gelben Pullovern und streichle mein Fell. Der Lehrer sieht mich selten an. Und ich melde mich ab und zu im Unterricht. Ich sage, Ich bin Ruth, ich kann werden und sein, was ich will.
Im Winter, wenn die Heizung aufgedreht wurde, öffne ich das Fenster und sehe hinaus. Wenn Schnee auf der Wiese liegt, auf der ich in der Pause noch gelegen habe, sehe ich meinen Abdruck im Schnee. Und den Kreis, den ich gegangen bin auf der Wiese, riesengroß. Ich schaue mir die Schneeschichten auf den Baumarmen an und die Eichhörnchen, die dort sitzen.
Irgendwann sagt der Lehrer, ich solle das Fenster schließen, weil der Schnee hereinkäme und die anderen Kinder frieren würden. Leider hätten nicht alle so ein Fell, wie ich eines hätte, sagt er. Ich schließe das Fenster sofort und schüttle den Schnee von meinem Fell. Der Lehrer ist nervös, wenn er mit mir spricht.
Sie finden mein Fell schön?, frage ich.
Und er sagt, das habe er nicht gesagt.
Doch, das habe er, sage ich.
Schön warm, habe er sagen wollen, sagt er, und jetzt Ruhe. Er beißt sich auf die schmalen Lehrerlippen.
Die Kinder berühren mich heimlich, wenn wir in der Turnhalle umherrennen oder beim Umziehen in der Garderobe. Sie gehen hinter mir in den Gängen, gehen neben mir, kommen näher, tun, als würden sie stolpern, um in mich hineinzufallen, dann fange ich sie auf.
Hoppla, sage ich.
Und das Kind in meinen Armen wird rot, streichelt mich, legt seine Wangen an meine haarige Brust.
Aber meistens bin ich allein. Ich kenne die Würmer in den Hecken und die Regentropfen, wie sie klingen auf dem Wellblech vom Fahrradunterstand.
Und manchmal taucht am Rand des Schulhofs meine Mutter auf, ich sehe ihr Haar leuchten hinter einer Hecke, manchmal bedeckt sie es mit einem schwarzen Tuch, damit sie nicht auffällt, aber ich sehe sie trotzdem, ich kann sie riechen, und fühlen kann ich sie auch. Ich schaue aber nicht zu ihr, ich lächle zufrieden, damit sie sehen kann, dass es mir gut geht, dass ich nicht einsam bin.
Ich habe die Wiese unter meinen Beinen und meinem Rücken, wenn ich liege, habe den Schnee, den ich als Flocken mit dem Mund fangen kann. Ich habe im Frühling die Amseln, die mich jeden Morgen auf dem Schulweg begleiten, auch einen Igel im Sommer, der manchmal aus der Hecke kommt und bei mir ist, wenn ich da sitze und warte, den Himmel betrachte. Wenn ich seine Stacheln berühre, rollt er sich ein. Ich habe den Himmel und seine Musterung, die bewegten dunklen Flecken der Krähenkörper am Himmel. Ich habe die Pflanzen, die an den Rändern des Schulhausplatzes wachsen. Brennnessel und Margeriten, Hasel, Löwenzahn. Ich habe die Spitzmaus, die aus der Mauer des Schulhauses kriecht, die ihre Nase in die Luft hält. Mein Fell beschnuppert. Hineinkriecht. Hinaus und wieder geht. Ich habe auch die Klingeln an den Fahrrädern, die ich gerne klingeln lasse. Ich habe diese teerschwarze Katze, die sich manchmal auf mich legt, wenn ich irgendwo liege und in den Himmel schaue, dann schleicht sie elegant heran und legt sich auf meinen Bauch, um einzuschlafen. Sie hat wilde, wassergrüne Augen. Wenn wir so liegen, kann es sein, dass man uns nicht mehr unterscheiden kann. Ihr Fell ist dann meines und mein Fell gehört ihr.
Ich sitze auf der Mauer, und die Sonne scheint. Ich sehe Anna über den Platz auf mich zukommen. Neben ihr stehen einige Kinder und sagen etwas, dann lachen sie. Und wenn Anna kommt, bin ich froh. Wenn sie kommt, werde ich sanft. Sie schaut mich immer an, in ihren Augen liegt, tief unten, ein Schatz, der hinausstrahlt, ganz fein. Sie schaut, und dann streckt sie ihre Finger aus und berührt mich am Bauch, berührt meinen Hals, streicht die Härchen glatt, die mir abstehen über dem Schlüsselbein.
Und sie sagt, Meine Mutter hatte heute früh den Klang von tausend kleinen Glöckchen. Ich habe es gehört, direkt nach dem Aufstehen. Und ich habe sie heute Morgen ganz lange umarmt, das war sehr schön. Die Sonne schien in mein Zimmer, und ich saß auf dem Bett, meine Mutter neben mir, dann habe ich meine Arme um sie gelegt, und dann haben die Glöckchen geklingelt.
Sie setzt sich neben mich und legt ihren Kopf in meinen Schoß. Und sie sagt, Ruth, du riechst von allen am allerbesten, und dein Fell ist so weich, ich habe meinen Kopf sehr gerne hier, an deinem Bauch. Sie legt ihre Finger in mein Fell, und es knistert leise unter ihren Fingerkuppen. Sie streichelt mich und nimmt mir Fusseln und Samen aus dem Fell.
Die Schöne und das Biest, ruft ein Mädchen mit Igelfrisur. Sie rennt an uns vorbei und wirft etwas, das aber in den Büschen landet, weil sie nicht werfen kann.
Du bist eklig, schimmlig und monsterverliebt, ruft es und rennt weiter, setzt sich zu den anderen Kindern, und es öffnet seine Brotbox.
Macht dich das traurig?, frage ich.
Ein bisschen, sagt Anna, ein bisschen schon. Und dich?
Auch ein bisschen, sage ich.
Ich schaue zum Mädchen und den anderen Kindern, die neben ihm sitzen, und das Mädchen schaut zu mir. Schaut böse. Dann nimmt es ein Salamibrot aus seiner Brotbox, betrachtet das Brot, klappt es auf, nimmt ein Salatblatt heraus, wirft das Salatblatt zu Boden, klappt das Brot wieder zu und beißt hinein, kaut. Es verzieht das Gesicht und spuckt aus. Ein Schimmelbrot ist es geworden in seiner Hand.
Schimmelbrot! Schimmelbrot!, rufen die anderen Kinder.
Und sie lachen. Das Mädchen wirft das Brot zu Boden. Es würgt und spuckt, es muss sich beinahe übergeben.
Anna blinzelt zu mir hoch, den Kopf noch immer in meinem Schoß.
Ruth?, fragt sie.
Ja?
Hast du das gemacht?
Ich habe einen Kreis um uns gezogen, sage ich.
Ah, gut, sagt Anna und schließt wieder die Augen. Sie nimmt meine Hand.
Das Mädchen rennt spuckend zum Brunnen und wäscht sich den Mund aus.
Mein Vater ist der Ruf der Elster und das Rufen der Kinder in der großen Pause. Wer ist das Monster? Er ist meine Bewegung auf der Schaukel, mein Festhalten an den kühlen Ketten, links und rechts, die Bewegung meiner Beine, vor und zurück. Vor und zurück. Mein Vater ist die Blicke der Kinder, wenn sie an mir vorübergehen. Hast du das gemacht? Mein Vater ist der Geschmack von Schimmel im Mund, auch dann, wenn das Kind den Mund ausgespült hat.
Der Mond hängt über mir an einem schwarzen Himmel, als wäre er mit Milch gefüllt, und er ist so hell und voll, dass ich die Krater sehen kann. Sein Licht fließt in den Raum, über mein Gesicht, über den Teppich und den Holzboden. Ich streichle meine Arme, und dabei lösen sich schwarze Härchen. Sie liegen in meiner Hand. Kurz denke ich, dass draußen jemand geflüstert hat, meinen Namen geflüstert, ich öffne das Fenster, schaue ins Schwarz, sehe eine Elster, die vor dem Fenster in der Linde sitzt.
Meine Mutter kichert vor der Tür. Sie versucht mit dem Schlüssel das Loch zu finden, und ich kann eine tiefere Stimme hören, die ihr etwas zu erzählen scheint, was sie so sehr zum Kichern bringt, dass sie das Schlüsselloch nicht treffen kann. Es ist ein Kichern, wie ich es von ihr noch nie gehört habe.
Die beiden treten ein, bleiben stehen, sie in einem weiten Kleid und er in einem hellen Hemd. Er hat ein Gesicht, das mich an eine Figur aus einem meiner Kinderbücher erinnert, eine große Nase und wulstige Lippen. Sie sehen mich an, als hätte meine Mutter nicht gewusst, dass ich da sein würde, wenn sie kommt, als wäre sie erstaunt darüber, dass da eine Ruth liegt.
Das ist Ruth, sagt sie irgendwann. Das ist meine kleine Ruth. Mein kleines Felltier.
Hallo Ruth, sagt der Mann, der die Haare wirr auf dem Kopf trägt und der nach Rauch und Rosmarin riecht. Hallo Ruth, sagt er nochmals, weil er wohl nicht weiß, was er sonst sagen soll.
Dann stehen sie zu zweit im Flur, das Licht fällt aus einer Birne an der Decke auf die beiden und durch das Fenster fällt das weiße Licht des Mondes auf mich, die da liegt in ihrem schwarzen Fell, und er kann den Blick nicht von mir abwenden. Die Unruhe raschelt wie trockenes Laub. Ihr Seidenkleid raschelt, weil sie sich bewegt, und ich schaue den Mann an.
Hallo, sage ich.
Faszinierend, flüstert der Mann.
Und dann sehe ich weiter zum kreisrunden Mond vor dem Fenster.
Willst du was trinken?, fragt meine Mutter.
Ich muss gehen, sagt der Mann und sieht aber weiter zu mir. Sein Blick wie angeschraubt. Ich muss gehen, sagt er leise, und dann geht er. Meine Mutter sieht noch eine Weile zur Tür, die er eben geschlossen hat, dann legt sie sich zu mir.
Sein Name ist Pierre, sagt sie, dann schläft sie ein.
Am nächsten Morgen erwache ich im Bett meiner Mutter, und sie liegt neben mir, riecht wunderbar süß und auch ein bisschen alt. Sie lächelt mich verschlafen an.
Pierre schrieb, sagt sie, dass er heute zum Essen kommt und sich sehr gefreut hat, dich kennenzulernen.
Ich lege mein Gesicht in ihre Hände, auf der Fensterbank sitzen die schlafenden Tauben.
Freust du dich?, fragt meine Mutter. Endlich mal Besuch?
Ich weiß es nicht, sage ich. Ist er nett?
Sehr nett, sagt meine Mutter, lustig auch.
Aber ich hatte das Gefühl, er hat Angst vor mir.
Aber nein, sagt sie, der wird schon merken, wie lieb du bist.
Bin ich lieb?, frage ich.
Du kannst es sein, sagt meine Mutter, für mich.
Aber du sagtest mir, dass ich nie für jemanden lieb sein solle, sondern wenn dann nur, wenn ich es wirklich will, für mich.
Dann sei eben lieb für dich, sagt sie.
Du hast mich noch nie gebeten, lieb zu sein, sage ich.
Dann tue ich es jetzt, sagt sie.
Sie bürstet mir das Fell am Rücken, und ist etwas grob dabei.
Das tut weh, sage ich.
Meine Mutter entschuldigt sich, und es bleiben Büschel von Härchen in der Bürste hängen. Sie sammelt sie ein, um sie später den Tauben auf das Fensterbrett zu legen.
Dein Fell scheint feiner geworden zu sein, sagt sie, vielleicht verlierst du es irgendwann.
Hattest du auch ein Fell?, frage ich.
Ja, sagt meine Mutter, aber sie haben es mir direkt nach der Geburt weggenommen. Meine Mutter hat mir jeden Morgen den Körper rasiert.
Jeden Tag?
Manchmal sogar zweimal. Sie hat mich auf die Wickelablage gelegt, den Rasierer in das lauwarme Wasser gehalten und meinen Körper eingeseift und dann hat sie den Rasierer langsam über den Kinderbauch gezogen und über die Arme und die Beinchen, bis kein Haar mehr zu sehen war. Und später, als ich in der Schule war, sind wir jeden Morgen früher aufgestanden, meistens noch in der Dunkelheit, meine Mutter hat das Badewasser eingelassen, ich bin in die Wanne gestiegen, sie hat meinen Rücken eingeseift und die Bahnen gezogen, Bahn um Bahn hat sie aus dem Tier ein Mädchen gemacht mit glatter Haut und weißer Strumpfhose und einem lachsfarbenen Kleid. Und ich habe aus dem Fenster in den Baum geschaut, während meine Mutter die Klinge ausgewaschen hat. Das Schaben der Klinge auf der Haut. Die Härchen auf den hellen Fliesen. Das Seufzen der Mutter. Immer seufzte sie, und ich war mir nie sicher, ob sie diese Geräusche machte, weil sie so viel Arbeit mit mir hatte oder wegen des verlorenen Fells. Auf den dunklen Ästen des Baumes saßen jeden Morgen mindestens sieben schwarze Vögel. Wenn jemand den Garten betrat oder ein Wagen auf der Straße vor dem Haus vorbeifuhr, dann flogen sie auf.
Und in dem Moment fliegen die Tauben auf.
Die Tauben, sage ich.
Meine Mutter schweigt.
Und vermisst du dein Fell?
Ich vermisse es jeden Tag, sagt sie.
Am Abend, als es klingelt, springt meine Mutter auf. Sie hatte sich eine Schürze umgebunden und eine Suppe gekocht, dabei hat sie gesungen und roch den ganzen Tag gepudert. Später duschte sie mindestens eine Stunde, und dann föhnte sie ihre Haare lange und sah sich dabei mit vielen Gesichtsausdrücken im Spiegel an. Ihre orangen Haare flogen ihr um das Gesicht herum. Sie sprayte sie ein, türmte sie auf und glitzerte am ganzen Körper. So nackt und glitzernd mit aufgetürmtem Haar sprang sie eine Weile durch die Wohnung. Ich sah ihr zu und klatschte und lachte. Jetzt trägt sie ein rotes Kleid mit goldenen Knöpfen und strahlt noch einmal zu mir ins Wohnzimmer, dann öffnet sie die Tür.
Ich schäle eine Orange, und meine Nägel verfärben sich. Er kommt herein, die feinen Blüten der Blumen zittern in seinen Händen. Er schaut meine Mutter an und erst nach einigen Sekunden schaut er zu mir.
Und dann sagt meine Mutter, Das ist Ruth.
Ruth, ja, stottert er und kommt zu mir hin, bleibt einen Meter vor mir stehen, immer noch mit den Blumen und in Socken. Vom Regenmantel tropft es auf den Teppich.
Dein Fell ist wirklich erstaunlich, flüstert er. Es ging mir gar nicht mehr aus dem Kopf.
Er scheint seine Füße auf dem Teppich zu vergessen, und seinen Regenmantel, den er noch trägt, die Kapuze noch auf, die Blumen, die er meiner Mutter geben wollte, die er in der einen Hand hält, während die andere auf meine Schulter zukommt. Meine Mutter steht neben ihm und lächelt. Vom Regenmantel tropft das Wasser auf den Teppich. Und er kommt noch etwas näher, legt eine Hand an meinen Arm.
Dein Fell ist so weich, Ruth, sagt er. Wirst du es verlieren, wenn du größer bist?
Ich weiß es nicht, sage ich.
Deine Stimme, Ruth, sagt er.
Was machst du?, fragt meine Mutter.
Ich?, fragt Pierre.
Ja, du, sagt meine Mutter mit einem leicht gequälten Lachen.
Pierre steht auf, und sie nimmt ihm den Mantel ab, hängt ihn an die Garderobe.
Kommst du in die Küche, Pierre?
Pierre geht rückwärts aus dem Raum, in seinem weinroten Seidenhemd mit weißen Knöpfen und seiner schwarzen Kordhose, er setzt die Füße behutsam auf den Teppich. Ich esse die Orange Schnitz um Schnitz auf, schaue ihm zu und dann weiter aus dem Dachfenster, die Regentropfen prallen auf die Scheibe, und sie laufen der Scheibe entlang nach unten, bis an den Rand des Fensterrahmens.
Und dann sitzen wir an diesem Küchentisch, die Blumen, die Pierre mitgebracht hat, in einer Vase zwischen uns. Dieser Tisch stand schon immer hier, aber meine Mutter und ich haben ihn nie benutzt. Wir haben unter dem Fenster gesessen oder auf dem Sofa, meistens auf dem großen Bett. Eine Kerze brennt.
Pierre fragt mich, ob ich in die Schule gehen würde.
Ja, sage ich, natürlich.
Und Pierre sieht mich an, als würde er meine Stimme abspeichern, einlegen, ablegen.
Dann fragt er, ob ich Freundinnen hätte.
Nein, ich hätte keine Freundinnen, sage ich, ich hätte meine Mutter.
Ob ich denn andere Kinder um mich haben wollen würde, fragt er.
