Welcome to Hysteria - Sonni Maier - E-Book

Welcome to Hysteria E-Book

Sonni Maier

0,0

Beschreibung

Eine extreme Kältewelle rollt über Deutschland. Medien und Gesellschaft sind in Panik, Experten sagen Temperaturen von minus 60 Grad voraus. Als die Regierung einen harten Lockdown verhängt, wird die Klasse 10b in ihrem Klassenzimmer zusammengesperrt und muss als unfreiwillige WG gemeinsam ausharren: Streberin Letizia ebenso wie Kifferschluffi Assi, der peinliche Nerd Stanislav zusammen mit der zickigen Denise und dem unberechenbaren Schläger Justin. Angst angesichts der bedrohlichen Außensituation, Gruppendruck und suggestive Medienberichte treten schon bald heftige gruppendynamische Prozesse los. Die Klasse schlittert in eine Spirale aus Ohnmacht, Wut und schließlich Eskalation: Hierarchien und Lager bilden sich, Schuldige werden gesucht und gefunden. Schleichend baut sich eine Hetzstimmung gegen eine abweichende Minderheit innerhalb der Klasse auf, in der nach und nach selbst sicher geglaubte zivilisatorische Schranken fallen. "Welcome to Hysteria" ist ein Theaterstück mit 21 Rollen. Es kann als Schullektüre im Unterricht (8.-13. Klasse) mit verteilten Rollen gelesen oder sogar einstudiert werden - mit der Klasse, der Theater AG oder dem theaterpädagogischen Jugendclub. Ab Sommer 2024 außerdem erhältlich: Begleitendes Unterrichtsmaterial, um die Inhalte im Unterricht zu vertiefen. "Welcome to Hysteria" zeichnet nach, wie in als bedrohlich empfundenen Situationen und Krisen autoritäre Systeme aus der Mitte der Gesellschaft erwachsen können - mit Ausgrenzung von Minderheiten, Sündenbock-Mechanismen, Konformitätsdruck und unkritischem Mitläufer-Verhalten. Im Mittelpunkt steht eine ganz normale Schulklasse in einer angsteinflößenden Notsituation. Durch den unbedingten Willen, in dieser Situation das moralisch "Richtige" zu tun, gerät die Klasse ungewollt auf eine gefährliche Rutschbahn - in einen Strudel aus Gruppendruck, Schuldzuweisungen und schlussendlich Hass. Explizit will "Welcome to Hysteria" zur aufarbeitenden Diskussion darüber anregen, wo und wie dies auch in der Corona-Zeit passiert ist - wo wir als Gesellschaft in der Bekämpfung der Krise ggf. zu weit gegangen sind und was wir daraus für die Zukunft lernen können. In der Tradition von Klassikern wie "Die Welle" warnt das Theaterstück eindrücklich vor dem Erstarken von Autoritarismus und Extremismus.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



„Welcome to Hysteria“ ist ein Theaterstück mit 21 Rollen für Jugendliche ab 13 - über Gruppendruck, Hetze und Diskriminierung. Aber auch über: Freiheit, Zivilcourage und Aufstehen gegen Ungerechtigkeit. Es kann als Schullektüre im Unterricht mit verteilten Rollen gelesen oder sogar einstudiert werden – mit der Klasse, der Theater-AG oder dem theaterpädagogischen Jugendclub.

Das Theaterstück zeichnet nach, wie in als bedrohlich empfundenen Situationen und Krisen autoritäre Systeme aus der Mitte der Gesellschaft erwachsen können – mit Ausgrenzung von Minderheiten, Sündenbock-Mechanismen, Konformitätsdruck und unkritischem Mitläufer-Verhalten.

Im Mittelpunkt steht eine ganz normale Schulklasse in einer angst-einflößenden Notsituation. Durch den unbedingten Willen, in dieser Situation das moralisch „Richtige“ zu tun, gerät die Klasse ungewollt auf eine gefährliche Rutschbahn – in einen Strudel aus Gruppendruck, Schuldzuweisungen und schlussendlich Hass.

Explizit will „Welcome to Hysteria“ zur aufarbeitenden Diskussion darüber anregen, wo und wie dies auch in der Corona-Zeit passiert ist – wo wir als Gesellschaft in der Bekämpfung der Krise ggf. zu weit gegangen sind und was wir daraus für die Zukunft lernen können. In der Tradition von Klassikern wie „Die Welle“ warnt das Theaterstück eindrücklich vor dem Erstarken von Autoritarismus und Extremismus.

Kapitelübersicht

01. Prolog

02. Nachrichten aus der Kälte 1

03. Erste Pause

04. Nachrichten aus der Kälte 2

05. Zweite Pause

06. Nachrichten aus der Kälte 3

07. Dritte Pause

08. Nachrichten aus der Kälte 4

09. Vierte Pause

10. Nachrichten aus der Kälte 5

11. Fünfte Pause

12. Werbespot

13. Sechste Pause

14. Nachrichten aus der Kälte 6

15. Siebte Pause

16. Nachrichten aus der Kälte 7

17. Achte Pause

18. Nachrichten aus der Kälte 8

19. Letzte Pause

20. Nachrichten aus der Kälte 9

21. Epilog

Nachwort der Autorin

Anhang zu Szene 18

Hauptrollen

LEONIE

Die heimliche Chefin der Klasse. Hübsch, intelligent, sozial engagiert, dominant. Sie ist in der Lage, die Meinung der Klasse zu lenken. Hat ihre eigene ergebene Fancrowd, vor allem bestehend aus Letizia, Orkan und Denise.

LETIZIA

Die 150%ige. Will durch Leistung und angepasstes Verhalten akzeptiert werden. Leonies Sprachrohr und rechte Hand. Sie wäre gerne auch Leonies beste Freundin, ihre Versuche haben aber immer etwas tendenziell anbiederndes und unterwürfiges.

ORKAN

Der Macho. Fußballer, braungebrannt, können diese Augen lügen? Schwarm aller Mädchen. Das nutzt er durchaus auch aus. Mit Denise ist es ihm diesmal aber wirklich ernst – es glaubt ihm nur keiner.

DENISE

Die Diva. Jedes ihrer Gefühle hat theatralischen Ausschlag und maximale Breitenwirkung. Derzeit leidet sie offensiv an Orkans gefühlter Untreue. Wenn man es sich nicht mit ihr verscherzt (was schnell passieren kann), ist sie aber eine treue, warmherzige Freundin.

JUSTIN

Der Schläger. Schlechtes Elternhaus, schnell beleidigt, aufbrausend. Löst seine Probleme mit Gewalt, weswegen die anderen immer etwas Angst vor ihm haben. Schämt sich für sein weiches Herz. Er wäre so gerne anders, findet aber keinen Ausweg.

ASSI

Der Klassenclown. Sympathischer Nichtsnutz, tie-fenentspannt, immer einen ironischen Kommentar auf den Lippen. Kiffer.

BEN

Der Unangepasste. Ein trotziger Nein-Sager, immer misstrauisch gegenüber Trends, Hypes und den selbsternannten „Guten“. Grunge-T-Shirt, Wuschel-kopf. Wenn er es darauf anlegen würde, könnte er als sexy Rebell durchgehen.

STANISLAV

Der Nerd. Immer am Computer, leicht autistische Züge, wenig Sozialkompetenz. Irgendwie weird – seltsame Hobbys, obskurer Humor. Niemand will mit ihm zu tun haben, aus Angst, dass das abfärbt.

TUGCE

Die Mama. Sie ist die gute Seele der Klasse, warmherzig, vermittelt in Konflikten und hat immer ein offenes Ohr. Manchmal vielleicht zu weichherzig, lässt sich leicht ausnutzen.

FRANZISKA

Die Unsichtbare. Ein stilles Mädchen, Brille, scheu. Weder besonders gut noch besonders schlecht in der Schule, weder hübsch noch hässlich. Wird immer übersehen. Sie selbst übersieht allerdings nichts, und zieht ihre eigenen Schlüsse.

Weitere Rollen

STEFANIE

TV-Moderatorin. Fönwelle, strahlendes Lächeln, unbedingter Karrierewille.

WERNER

TV-Moderator. Bis zur Schmerzgrenze gut gelaunt.

JULIEN

TV-Moderator. Findet sich selbst einfach zu geil.

LEHRERIN

Sorgt sich so sehr um das Wohlergehen ihrer Schützlinge. Oder?

HAUSMEISTER

Ein gemütlicher Typ, durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Blaumann, Mütze. Gerne mit Dialekt.

RILKEN

Klimatologe. Smarter, dynamischer TV-Experte.

LEISERBERG

Deutscher Klima-Minister. Dröge, staatstragend, pflichtbewusst. Hardliner.

3 PROMIS

Gesichter einer großen Werbekampagne

.

SPRECHER

Bevor ihr durchstartet!

Wie verdient eine Theaterautorin eigentlich ihren Lebensunterhalt?

Einfache Frage – einfache Antwort: Durch die so-genannten „Tantiemen“.

Ein Buch oder ein Theaterstück zu schreiben bedeutet erstmal viel lange unbezahlte Arbeit. Bei „Welcome to Hysteria“ waren das ganze 9 Monate.

Tantiemen bedeutet: Wer das fertige Theaterstück jetzt vor Publikum aufführen will, meldet die Aufführung vorher bei www.hallo-wach-verlag.de an.

90% eurer Einnahmen aus dem Ticketverkauf dürft ihr dann behalten, 10% erhält die Autorin für ihre Arbeit. Bei Aufführungen ohne Eintrittspreis sind die Tantiemen ein niedriger Pauschalbetrag.

Nur durch Tantiemen können weiterhin engagierte, packende Theaterstücke entstehen!

Deshalb sei fair – melde deine Aufführung an!

01. Prolog

Vor der Bühne ist ein Mikrofon aufgebaut. FRANZIS-KA fährt im Rollstuhl ans Mikrofon, scheu und sehr nervös. Spot auf sie.

1

FRANZISKA

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Richter.

(Räuspert sich nervös)

Entschuldigung. Das ist mein erstes Mal, so vor Gericht, und es sind so viele Leute hier … Meine Zeugenaussage muss wann …? Jetzt? Okay. Also.

2

Ich meine, was passiert ist, das wissen Sie ja alle längst. Sie haben es in den Zeitungen gelesen und in den Nachrichten gehört, und, ja, natürlich haben Sie das Video gesehen, das berühmte Video. Ich meine, wer nicht? 30 Millionen Views. Natürlich waren Sie schockiert darüber, das waren alle, aber haben Sie auch gesehen, dass es fast 9 Millionen Likes bekommen hat? Vielleicht haben Sie es ja sogar selbst geliket. Also ja, das sind wir, auf dem Video, meine Klasse und ich.

3

Alle fragen mich: Wie konnte es dazu kommen? Zu so etwas Schrecklichem? Aber die Geschichte fängt ja nicht mit dem Video an. Sondern viel früher. Es gibt Gründe, warum es soweit kommen konnte. Ich möchte Ihnen unsere Geschichte erzählen. Die ganze Geschichte, von Anfang an.

4

Wissen Sie, ich habe eine Art geheime Superpower: Ich bin unsichtbar. Das weiß ich, seit –

Sie wird jäh von DENISE unterbrochen, die wutentbrannt auf die Bühne stürmt. Licht an auf der Bühne: Ein Pausenraum, der offenbar früher ein Klassenzimmer war. Schlampig angeordnet ein paar Schulbänke und Stühle, einige alte Lernplakate und Star-poster an den Wänden. Ein großes Fenster, darunter ein Heizkörper.

5

DENISE

(theatralisch)

Dieses entsetzliche Mega-Arschloch! Dieser furchtbare, widerliche, unsensible, barbarische Scheißkerl! Wieso tut er mir das an!

6

FRANZISKA

Ich sollte Ihnen von meiner Klasse erzählen.

Im Folgenden entsteht ein Wechsel zwischen FRAN-ZISKAs erklärenden Worten am Mikrofon (vor der Bühne) und dem Geschehen im Pausenraum (auf der Bühne). Wenn FRANZISKA spricht, frieren die Figuren auf der Bühne ein. Auftritt ORKAN.

7

ORKAN

Baby, was ist denn jetzt wieder?

8

DENISE

Du zerstörst mein Leben!

9

ORKAN

Was habe ich denn gemacht?

10

FRANZISKA

Das sind Denise und Orkan. Unsere persönliche Klassen-Soap. Keine Ahnung, wie oft sich die beiden schon getrennt und wieder versöhnt haben. Man weiß aber nie so genau, wer von beiden diesmal gerade schuld ist.

11

DENISE

Tu nicht so! Ich habs genau gesehen!

12

ORKAN

Alter, was will sie?!

Auftritt TUGCE.

13

DENISE

Tugce!

(Sie flüchtet sich zu ihr.)

14

FRANZISKA

Tugce. Die Seele der Klasse. Hat immer ein offenes Ohr. Ich weiß nicht, was wir ohne sie täten.

15

TUGCE

Hey hey Kleines, was ist denn los? Komm mal zu Mama. Wir setzen uns jetzt in Ruhe in die Ecke und du erzählst mir alles.

16

ORKAN

(ruft ihr hinterher)

Ich hab überhaupt nichts gemacht, Mann!

17

DENISE

Wäre ich dir doch nie begegnet!

18

TUGCE

Ganz ruhig.

Auftritt ASSI, reläxt, mit funky Sonnenbrille.

19

ASSI

Tach Servus Gruezi und Hallo! - Hoho, was geht denn hier ab?

20

FRANZISKA

Das ist Assi. Wie Assi richtig heißt, weiß inzwischen niemand mehr. Wahrscheinlich nicht mal die Lehrer. Sie haben anscheinend eine Art Deal mit ihm: Er stört sie nicht beim Unterrichten, und sie ihn nicht beim Pennen.

21

ORKAN

(zu Assi)

Alter, ich check die Frau nicht. Was hat sie denn jetzt schon wieder?

22

ASSI

Bro, Bro … ist doch ganz einfach. Gerade im Flur, wievielen Mädels bist du da begegnet?

23

ORKAN

Keine Ahnung Mann … Lea, Aynur, Kim, Han-nah … die Blonde aus der 9b …

24

ASSI

Und nach wievielen davon hast du dich umgedreht?

25

ORKAN

Äh …?

26

ASSI

Ich frags andersum, Digger: Nach wievielen hast du dich NICHT umgedreht?

27

ORKAN

Ich bin ein Mann, was erwartest du?

28

DENISE

(heulend aus der Ecke)

Du bist ein abscheulicher Mistkerl und ich hasse dich!

29

ORKAN

Denise, Babylein, ich –

Auftritt LETIZIA, voll im Businessmodus, mit einem zusammengerollten Plakat unterm Arm; klatscht energisch in die Hände.

30

LETIZIA

Guten Morgen ihr Hübschen! Noch 10 Minuten bis Unterrichtsbeginn! Habt ihr alle eure Texte für das große Lernplakat?

31

ASSI

Oh shit …

32

LETIZIA

Assi, das darf doch nicht wahr sein!

33

FRANZISKA

Das ist Letizia. Sie ist Klassenbeste, schon im-

mer gewesen. Letztes Jahr hatte sie sogar einen Schnitt von 1,0 und hat dafür eine Auszeichnung vom Rektor bekommen.

34

ASSI

Mann, sorry … was sollte ich nochmal …?

35

LETIZIA

Du hattest die Gestapo! Ohne Gestapo sind wir nichts!

36

ASSI

Ah ja … sorry, hat mein Hund gefressen.

Alle anderen kramen in ihren Schultaschen und reichen ihr einzelne beschriebene oder gezeichnete Blätter. LETIZIA entrollt ihr selbstgemaltes Lernplakat auf einem Tisch und beginnt, die Einzelblätter aufzukleben.

37

LETIZIA

Wir können nicht im Ernst ein Faschismus-Plakat ohne Gestapo abgeben. … Also, wer hat die Gleichschaltung der Gesellschaft? Danke. … Widerstand, hier fehlt noch der Widerstand! … Wo ist die Staatsgewalt?

Auftritt JUSTIN. Eine Erscheinung. Er bleibt im Türrahmen stehen, alle verstummen.

38

FRANZISKA

Ah, da kommt Justin. Vor dem haben alle Respekt. Seit dem Vorfall letzten Sommer mit diesem Dea-lertypen aus dem Stadtpark. Zwei gebrochene Rippen, Nase kaputt, Nierenquetschung. Also, der Typ, nicht Justin. Man sagt, es sei eine Eisenstange im Spiel gewesen.

Alle beobachten immer noch gebannt JUSTIN, der nun aufreizend langsam zu einem Tisch geht und seine Schultasche darauf ablegt. Die Blicke bemerkend, hält er inne und blickt herausfordernd in die Runde.

39

JUSTIN

Problem?

Alle schütteln hastig den Kopf, „Nein nein“.

40

JUSTIN

Dann glotzt nicht so.

Alle widmen sich schleunigst wieder ihren bisherigen Tätigkeiten. Nur TUGCE erhebt sich von ihrem Platz und schlendert unauffällig zu ihm.

41

TUGCE

(flüstert)

Hier, dein Text über die Staatsgewalt im Faschismus.

42

JUSTIN

Danke, Tugce.

43

TUGCE

Kein Problem, mache ich gerne.

TUGCE wendet sich zum Gehen, aber JUSTIN hält sie zurück.

44

JUSTIN

Ich meine es ehrlich: Ich wüsste nicht, was ich ohne dich -

45

TUGCE

(zwinkert ihm verschwörerisch zu)

Ich meine es auch ehrlich: Immer wieder gerne. - Schreib ihn ab, er muss in deiner Handschrift sein.

Auftritt STANISLAV, voll nerdiger Aufgedrehtheit, was Augenrollen bei den Anderen hervorruft.

46

STANISLAV

Tatü tata, die Post ist da! Ach ja – live long and pro-sper, may the force be with you und so weiter und so weiter! Hier kommt sie …

(er kramt umständlich in seiner Tasche und reicht Letizia seinen Text)

… die „Opposition im Exil“! Mein Beitrag zur, sozusagen, Komplettierung unseres own personal Faschismus, hehe. Man beachte meinen Titel: „The truth is out there!“ - Kleines Wortspiel, kapiert? Kapiert?

47

FRANZISKA

Oh, ja, das ist Stanislav. Stanislav ist – Stanislav.

48

LETIZIA

(frostig)

Der kommt sehr spät.

49

STANISLAV

Was, äh, zu 99,8% der Wahrheit entspricht. Zugegebenermaßen. ABER aus höchst triftigem Grund: Denn bei meiner Recherche sprang sie mich plötzlich an – die Konformitätstheorie von Strauss und

Howe! Be-zwing-end, wie sie das Phänomen Faschismus erklärt! War euch zum Beispiel bewusst, dass dieser eine prozentuale Komponente hat? Die statistischen Proportionen sind signifikant -

50

ORKAN

Verpiss dich, Stanni.

51

STANISLAV

Oki-doki.

(Plötzlich fällt ihm noch etwas ein:)

Orkan! Ich hab hier was für dich. Du kennst doch die Blonde aus der 9b, ja? Hier, von ihr für dich. Sieht aus wie eine Telefonnummer.

52

ORKAN

Oh, hey -

53

DENISE

(heult aus der Ecke)

Ich mach Schluss mit dir!

54

JUSTIN

(haut plötzlich mit der Faust auf den Tisch)

RUHE! Kann man hier nicht EINE Minute in Ruhe arbeiten?

Auftritt LEONIE. Sofort ändert sich die Stimmung – sie ist wie ein strahlender Magnet, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

55

LEONIE

Guten Morgen zusammen.

56

ORKAN

Leonie!

57

JUSTIN

Guten Morgen Leonie!

58

LETIZIA

Leonie, hier schau mal, unser Faschismus-Plakat! Hab ich bis Mitternacht daran gesessen.

59

DENISE

Leonie Schatz, setz dich zu mir, ich erzähle dir was Un-fass-bares!

60

FRANZISKA

Das ist Leonie. Sie ist unglaublich. Hübsch, intelligent, sie hat alles. Die wahre Königin der Klasse.

61

LEONIE

(lacht)

Hey Leute, lasst mich doch erst mal ankommen. Schön euch zu sehen!

62

DENISE

Oh bitte bitte, setz dich zu mir!

63

LETIZIA

Es ist richtig gut geworden und fast fertig!

64

LEONIE

(dirigiert die anderen mit herzlicher, unwiderstehlicher natürlicher Souveränität)

Das freut mich. Dann

stell du doch mit Orkan und Tugce das Plakat fertig; Justin, du bist ja noch beschäftigt; und Denise, mit dir setze ich mich jetzt fünf Minuten hin und danach helfen wir den anderen, okay?

65

DENISE

Oh jaaa!

66

LETIZIA

(jubiliert eifrig)

Wir sind gleich fertig!

(Scharf zu Assi:)

Und du machst jetzt sofort die Gestapo.

67

ASSI

Zu Befehl!

(Salutiert ironisch und setzt sich, um seinen Text zu schreiben.)

Die Klasse sortiert sich. ASSI und JUSTIN schreiben ihre Texte, DENISE und LEONIE unterhalten sich lautlos angeregt, STANISLAV sitzt in einer Ecke mit seinem Tablet, und LETIZIA, ORKAN und TUGCE diskutieren, über das Plakat gebeugt, lautlos die aufgeklebten Blätter.

68

FRANZISKA

Das ist also unsere Klasse. Und das ist unser Pau-senraum. Er war mal unser Klassenzimmer, aber seit die Stunden alle in speziellen Fachräumen stattfinden, nutzen wir ihn nur noch in den Pausen. – Fehlt noch jemand? Achja – ich. Ich, ich bin Franziska. Wie gesagt, ich habe ein Geheimnis. Eine geheime Superpower. Ich bin unsichtbar. Glauben Sie mir nicht? Warten Sie, ich beweise es Ihnen.

FRANZISKA nimmt das Mikrofon in die Hand, steigt aus ihrem Rollstuhl und auf die Bühne, in den Pau-senraum. Dort geht das Leben inzwischen (lautlos) weiter. FRANZISKA nähert sich DENISE und LEONIE, die in einem angeregten lautlosen Gespräch sind.

69

FRANZISKA

(ohne Mikro; räuspert sich schüchtern)

Hallo.

DENISE und LEONIE ignorieren sie.

70

FRANZISKA

(übers Mikro, als Erzählerin zum Publikum)

Sehen Sie? Oder hier …

Sie geht zu STANISLAV, der in der Ecke sitzt, ganz in sein Tablet vertieft. Sie wedelt mit der Hand vor seinem Gesicht herum, er ist aber zu konzentriert, um es zu merken.

71

FRANZISKA

(übers Mikro)

Oder so …

Sie stellt sich in die Mitte der Klasse, zwischen die verschiedenen Parteien, die alle mit sich selbst beschäftigt sind.

72

FRANZISKA

(ohne Mikro; räuspert sich erneut)

Manchmal weiß ich gar nicht, ob ich überhaupt noch Lust auf mein Leben habe.

Sie sieht in die Runde, doch keiner reagiert. Keiner scheint es gehört zu haben. Hilflos lächelnd zuckt sie die Achseln und steigt von der Bühne, zurück in ihren Rollstuhl.

73

FRANZISKA

Wie ich sagte: Ich bin unsichtbar. Aber hey, ich habe mich daran gewöhnt. Es ist eigentlich gar nicht so schlecht. Man kann die Anderen beobachten und wird selbst in Ruhe gelassen. – Also, das ist jedenfalls meine Klasse. Nun wird es Zeit, dass ich Ihnen unsere Geschichte erzähle. Die Geschichte von dem Tag, der unser Leben verändert hat. Und

(sie weist auf den Rollstuhl)

auch meins. Dies ist meine Aussage.

FRANZISKA klatscht in die Hände. Black. Titelmusik.

02. Nachrichten aus der Kälte 1

Video- oder Audioeinspielung: Eine Fernsehsendung, wie Frühstücksfernsehen, mit dem gut gelaunten Moderationsduo WERNER und STEFANIE. Jingle.

74

WERNER

Guten Morgen Deutschland, und willkommen bei VTV Voll eingeschenkt, Ihrem Frühstücksfernsehen mit Herz! Es ist ganz schön kalt geworden, Stefanie, oder liegt das nur an meinem dünnen Gucci-Hemd?

75

STEFANIE

Ganz und gar nicht, Werner! Dieser 25. November beginnt deutschlandweit frostig. Die Temperaturen sind seit gestern erneut um 2 Grad gefallen. Uns steht ein klirrender Wintertag bevor.

76

WERNER

Also schlechte Aussichten für Frostbeulen wie mich, nicht wahr, Stefanie?

77

STEFANIE

Absolut, Werner! Und es kommt noch kälter: Unsere Wetterabteilung meldet eine riesige Kaltfront, ausgehend von diesem Tiefdruckgebiet hier im nördlichen Sibirien! Metereologen nennen sie die „Sibirische Peitsche“.

78

WERNER

Uh, Peitsche!

79

STEFANIE

Uns erwartet also eine Kältewelle mit satten Minustemperaturen, vielleicht sogar im Rekordbereich.

80

WERNER

Die Spitze des, haha, Eisbergs ist also noch nicht erreicht, nicht wahr, Stefanie?

81

STEFANIE

Hahaha, ganz und gar nicht, Werner!

Abschluss-Jingle.

03. Erste Pause

Pausenklingel. Licht an auf der Bühne. Die Tür öffnet sich, und die Schülerinnen und Schüler strömen in den Pausenraum, vorneweg LETIZIA und ASSI. Danach TUGCE, STANISLAV, ORKAN und JUSTIN; sie setzen sich in verschiedene Ecken des Pausen-raums, chillen, spielen am Smartphone oder beschäftigen sich mit Hausaufgaben. Als letztes die unsichtbare FRANZISKA, damals noch nicht im Rollstuhl. Sie wird von der zufallenden Tür eingeklemmt und befreit sich mühsam.

82

LETIZIA

Es war die Gestapo! Ich habe es von Anfang an gesagt: Faschismus ohne Gestapo funktioniert einfach nicht!

83

ASSI

Jetzt chill mal, Letizia.

84

LETIZIA

Genug gechillt, Assi! Du wusstest seit 2 Wochen, dass das Plakat heute fällig ist. Und jetzt haben wir den Salat!

LETIZIA entrollt das Plakat auf dem Tisch und setzt sich direkt wieder daran, überklebt die aufgeklebten Texte mit weißem Papier. FRANZISKA will ihr Eddings anreichen, aber LETIZIA bekommt das gar nicht mit.

85

ASSI

Was willst du? Immerhin haben wir eine 3+.

86

LETIZIA