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500 Millionen Dollar für ein Leben
Die 15-jährige Jackie erfährt, dass ihr Vater einen Hirntumor hat. Fast noch schockierender: Um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern, hat er die Fernsehrechte am Rest seines Lebens verkauft. Ein TV-Team hält Einzug ins Haus, alles wird gefilmt und zu einer geschmacklosen Reality-Show geschnitten. Jackie beschließt, den Wahnsinn zu stoppen und ihrem Vater ein würdevolles Ende zu ermöglichen. Der TV-Sender sitzt am längeren Hebel, doch keiner hat mit Jackies Einfallsreichtum gerechnet …
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2019
© Kristen Gilligan
DER AUTOR
Nachdem Len Vlahos in den 80ern die Filmhochschule in New York abgebrochen hatte, spielte er zunächst in einer Punk-Pop-Band, wechselte dann in die Buchhandelsbranche und begann schließlich selbst zu schreiben. Er lebt mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen in Denver und ist dort Inhaber einer Buchhandlung.
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Len Vlahos
Welcome to Reality
Aus dem Amerikanischen von Anja Galić
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© 2017 by Len Vlahos
The moral rights of the author have been asserted.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
»Life in a fishbowl« bei Bloomsbury Children’s Books, New York
Bloomsbury is a registered trademark of Bloomsbury Publishing Plc. Diese Geschichte ist ein fiktionales Werk. Alle Ereignisse, Namen, Figuren, Firmen, Wirtschaftsunternehmen und Organisationen in diesem Roman sind entweder der Fantasie des Autors entsprungen oder fiktiv gebraucht. © 2019 für die deutschsprachige Ausgabe
cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Aus dem Amerikanischen von Anja Galić
Umschlaggestaltung: semper smile, München
Umschlagmotiv: © Getty Images / Dominik Nitze / EyeEm
kk · Herstellung: eR
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-18487-2 V002 www.cbj-verlag.de
In liebendem Gedenken an Patrick A. McCartney, Patti Girvalo Neske, Avin Mark Domnitz und meinen Onkel Charlie Vlahos
Prolog
(Donnerstag, 10. September)
Jackie Stone mochte ihren Vater. Sie mochte ihn sehr.
So sehr, dass sie ein Foto von ihm in ihrem Schließfach in der Schule aufbewahrte. Es klebte an der Innenseite der Tür und war ein relativ aktuelles Selfie, das die beiden in einem Skilift zeigte. Nicht einmal Jackies blonde Haare, die unter ihrer Mütze hervorquollen, konnten das strahlende Lächeln verbergen, das auf ihrem Gesicht lag. Wenn sie einen miesen Tag hatte, von denen es für Jackie gefühlt mehr gab als von den nicht miesen, machte sie einen Abstecher zu ihrem Schließfach und schaute sich das Foto an. Es war zu so einer Art visueller Schmusedecke geworden.
An den Tagen, an denen Jackies Vater Jared nicht in Salem war, wo er als Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates Oregon saß, verbarrikadierte er sich in seinem Arbeitszimmer. Jackie hatte ihn im Verdacht, dass er dort wahrscheinlich mehr Zeit damit verbrachte, sich mit seiner Wii zu amüsieren, als zu arbeiten. Es machte ihm unglaublich viel Spaß, Tiger Woods auf dem Golfplatz zu schlagen, auch wenn es nur ein virtueller Golfplatz war, und dafür liebte sie ihn nur umso mehr. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, ihn zu stören, wenn die Tür zu seinem Arbeitszimmer geschlossen war, egal ob er nun arbeitete oder spielte.
Aber donnerstags war es anders.
Donnerstags erledigte ihr Vater alles, was im Haushalt anstand – einkaufen und zur Post gehen oder Wäsche waschen –, und ging anschließend ins Fitnessstudio. Wenn er dann nach Hause kam, ließ er seine Tasche mit den verschwitzten Sportsachen im Flur fallen, lief immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hoch und setzte sich oben neben Jackie, die dort schon auf ihn wartete. Sie unterhielten sich ein bisschen, bevor sie mit Jackies Mutter und ihrer Schwester zu Abend aßen, und dann kuschelten sie sich zusammen auf die Couch und zappten. Sie und ihr Dad nannten es »Vater-Tochter-Zeit« und für Jackie war es der beste Abend der ganzen Woche.
Selbst mit fünfzehn fühlte sie sich nirgends auf der Welt so beschützt und geborgen wie an der Sicherheit spendenden, warmen Schulter ihres Vaters. Sie wusste, dass es ihm genauso ging.
Aber an diesem Donnerstag musste sie ziemlich lange auf ihren Vater warten.
Er war spät dran.
***
Jared Stone mochte sein Gehirn. Er mochte es sehr.
Natürlich gab es Momente – der eintönige Feierabendverkehr, ein sich endlos in die Länge ziehendes Baseballspiel, die tröstliche Routine des wöchentlichen Kirchgangs –, in denen es seine Aktivität herunterfuhr und auf eine Art Autopilot schaltete. Aber größtenteils war Jareds Gehirn wirklich fleißig.
Es half ihm, sich in den endlosen Gängen des Kapitols von Oregon zurechtzufinden, wo er seine mittlerweile fünfte zweijährige Amtszeit ableistete und die Bürger von Portland repräsentierte. Es half ihm, die unergründlichen Mienen seiner Frau Deirdre und seiner beiden mitten in der Pubertät steckenden Töchter Jackie und Megan zu entschlüsseln. Es signalisierte ihm, wann sie ihn brauchten und wann er ihnen lieber aus dem Weg gehen sollte. Es wusste, was gut schmeckte, welche Frauen attraktiv waren und welche Kollegen ein Problem mit Körpergeruch hatten. Und im Großen und Ganzen schien es den Unterschied zwischen Gut und Böse zu kennen. Man könnte sagen, dass sein Gehirn sein bester Freund war. Deswegen war es ziemlich hart für Jared, als er erfuhr, dass sein Gehirn ein Glioblastom hatte – oder besser gesagt, deswegen wäre es ziemlich hart gewesen, hätte Jared gewusst, was ein Glioblastom ist.
»Ein Glio-was?«, fragte er.
Die Ärztin, eine grauhaarige Frau mit markantem Kinn und weißen Sandalen, die genauso aussahen wie die, die Jareds Tante Eva immer getragen hatte, sah ihn einen Moment schweigend an, bevor sie antwortete. »Es tut mir leid, Jared. Das ist ein Gehirntumor.«
Er ließ sich die Worte durch den Kopf gehen: Es tut mir leid, Jared. Das ist ein Gehirntumor. Tat es ihr leid, dass es ein Tumor war, oder entschuldigte sie sich dafür, dass sie sich nicht sofort klarer ausgedrückt hatte, anstatt die Bezeichnung »Glioblastom« zu benutzen? War der Teil seines Gehirns, den er gerade einsetzte, der, in dem der Tumor saß?
»Und?«, fragte er.
»Und das sind keine guten Neuigkeiten«, antwortete die Ärztin.
»Keine guten Neuigkeiten?« Jared hörte die Worte, hatte aber Schwierigkeiten, dem Gespräch zu folgen. Er wusste, dass er sich konzentrieren musste, wusste, dass es jetzt wichtiger denn je war, sich zu konzentrieren, aber es schien ihm einfach nicht gelingen zu wollen. Genau dieses zeitweilig auftretende Unvermögen, sich zu konzentrieren, diese Anfälle von Verwirrung und Gedächtnisverlust, gemeinsam mit dem anhaltenden Schmerz in seiner rechten Schläfe, hatten ihn überhaupt erst dazu veranlasst, die Neurologin aufzusuchen.
»Nein«, sagte die Ärztin. Sie wartete, dass Jared die Information verarbeitete.
»Keine guten Neuigkeiten«, sagte er und hatte es nun begriffen.
»Er ist inoperabel.«
»Inoperabel«, wiederholte Jared und begriff diesmal sofort.
»Die einzige Behandlung, die ich Ihnen anbieten kann, ist palliativer Natur.«
»Tut mir leid, aber das Wort sagt mir nichts.« Wobei er nicht wusste, ob das schon immer so gewesen war, oder ob er das Wort einmal gekannt und mittlerweile vergessen hatte.
»Es bedeutet, dass wir versuchen können, ihr Leiden zu lindern, aber nicht in der Lage sind, das Wachstum zu stoppen. Das wird fortschreiten.«
»Das Wachstum wird fortschreiten?«
»Ja.«
Er ließ sich auch das durch den Kopf gehen und fragte sich, ob dieser Gedanke gerade durch den Tumor hindurchging, über ihn drüber, unter ihm hinweg oder um ihn herum. »Kann ich mit einem Tumor leben?«, fragte er.
Die Ärztin seufzte unabsichtlich. Noch während sie den Atem ausstieß, versuchte sie, den Laut zu unterdrücken, sodass es wie ein »Ahh« klang und sich eher zustimmend als bekümmert anhörte. Dann sagte sie: »Nein.«
»Nein«, wiederholte Jared.
»Nein«, sagte die Ärztin.
Ihr Tonfall war nüchtern, als würde sie die Temperatur und Luftfeuchtigkeit feststellen, aber Jared sah, wie ihr die Tränen in die Augen traten, und das tat ihm leid. Mitgefühl war ein wesentlicher Bestandteil seines Wesens, oder zumindest glaubte er das. Es gab jetzt nichts mehr, dessen er sich sicher sein konnte.
***
Das Glioblastom mochte Jared Stones Gehirn. Es mochte es sehr. Genauer gesagt, fand es sein Gehirn köstlich.
Wie die meisten Lebewesen hatte der Tumor keine Ahnung, wie er entstanden war. Fast so, wie ein Baby aus dem Mutterleib kommt und die Brust seiner Mutter findet, wachte das Glioblastom einfach eines Tages auf, fraß sich durch die graue Substanz in Jareds Frontallappen und wusste, dass es schön war, dort zu sein.
Für den Tumor war das völlig normal. Es war das, was Tumore machen: Sie verzehren die Erinnerungen ihres Wirts, bis beide – der Wirt und der Tumor – zu existieren aufhören. Während sich das Glioblastom die Neuronen des scheinbar endlos weiten Nervensystems einverleibte und den wesentlichen Kern des Geists seines Wirtes verdichtete, würde es im Laufe der Zeit immer mehr zu Jared werden, während Jared immer weniger Jared sein würde. Damit wäre dann der Moment gekommen, in dem es Game over hieße. Aber das wusste der Tumor nicht. Er wusste nur, dass er weiterfressen musste, dass Jareds Erinnerungen wundervoll schmeckten, dass sie etwas waren, was man genießen musste.
An dem Morgen, an dem Jared bei der Ärztin war, dem Donnerstag, an dem er erfuhr, dass er einen Gehirntumor hatte, schaute sich das Glioblastom Jareds Erinnerung an die Geburt seiner ältesten Tochter Jackie an.
Deirdre, Jareds Frau und Jackies Mutter, lag auf einem OP-Tisch. Verborgen hinter einem blauen Tuch, das vor ihren Oberkörper gespannt war, beugten sich ein Arzt und mehrere Schwestern über ihren Unterleib. Was sie dort machten, konnte das Glioblastom nicht sehen. Der Tumor nahm jedes Detail in sich auf. Den weißen Glanz des Bodens und der Wände; den Geruch von Blut und Desinfektionsmittel, der sich auf eine Art vermischte, die vermuten ließ, dass etwas enorm Wichtiges im Gang war; das Piepsen der Maschinen und das Schnaufen des Beatmungsgeräts. Der Tumor absorbierte alles, was er sah, roch und hörte, als würde er es selbst erleben, und so war es im Grunde auch. Für den Tumor unterschied sich die Erinnerung an das Ereignis nicht von dem Moment, in dem Jared es erlebt hatte.
Durch den Geschmack und die Beschaffenheit dieser speziellen Erinnerung wusste das Glioblastom, dass die Nabelschnur sich um den Hals des Babys gewickelt hatte, weshalb es per Notkaiserschnitt aus Deirdres Bauch geholt wurde. Jared, und jetzt auch der Tumor, waren krank vor Sorge.
Jared hielt Deirdres Hand und gab Binsenweisheiten von sich. Es wird alles gut. Der Arzt sagt, so was kommt ständig vor. Er versuchte, so überzeugend wie möglich zu klingen, aber der Tumor wusste, dass sein Wirt nicht wirklich an das glaubte, was er da sagte. Er wusste es, weil der Tumor selbst nicht wirklich daran glaubte.
Deirdre weinte. Das Glioblastom wünschte sich nichts mehr, als selbst etwas tun zu können, damit sie nicht mehr weinte.
Und dann … ein neues Weinen.
Ein anderes Weinen.
Ein Weinen, das von all den Geheimnissen des Universums erfüllt war.
Zuerst befand sich das Weinen mittig über Deirdres Körper, aber das Geräusch entfernte sich schnell, und Jared – und jetzt auch der Tumor – wurde panisch.
Der Anästhesist, den der Tumor bis jetzt nicht bemerkt hatte und der neben Jared saß, musste Jareds Not gespürt haben.
»Es ist alles in Ordnung«, sagte er. »Sie waschen sie und führen den Apgar-Test mit ihr durch.«
»Apgar-Test?«, fragte Jared.
»Das Baby wird untersucht, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. Reine Routine.«
Kurz darauf zeigte eine Schwester in einem hellgrünen OP-Kittel und mit Mundschutz, der nur ihre Augen freiließ, Deirdre das Baby und legte es dann Jared in den Arm.
»Herzlichen Glückwunsch«, sagte sie. Der Tumor sah, dass die Schwester unter ihrem Mundschutz strahlte. Er fragte sich, wie sie sich über etwas, das sie jeden Tag machte, so aufrichtig freuen konnte.
»Hallo, Jacquelyn«, sagte Jared. »Wie klein du bist.« Der Tumor spürte, wie sich die Muskeln in Jareds Armen und Nacken anspannten; er schmeckte die Angst, die Jared empfand, Angst davor, dass er diesen winzigen neugeborenen Menschen fallen lassen könnte.
»Ich möchte sie sehen«, sagte Deirdre. Jared ging ein bisschen in die Knie und hielt das Baby in Deirdres Blickfeld. Und dann machte Jared etwas, das der Tumor nicht verstand: Er begann zu singen.
Er sang so leise, dass das Glioblastom zuerst sicher war, niemand, noch nicht einmal Deirdre, könne es hören. Es war ein Schlaflied, das er nur für seine neugeborene Tochter sang. Aber der Tumor konnte es hören und fand es wunderschön: »Seven Spanish Angels« von Willie Nelson und Ray Charles. Der Titel des Songs leuchtete plötzlich im Kopf des Tumors auf, oder hätte dort aufgeleuchtet, wenn der Tumor einen Kopf gehabt hätte, was nicht der Fall war. Aber es lief auf dasselbe hinaus.
»Sie hat aufgehört zu weinen.« In Deirdres Augen stand eine so unglaubliche Freude, dass der Tumor dachte, die Frau seines Wirts würde jeden Moment vor Glück platzen.
Jared lächelte, beugte sich vor und küsste Deirdre auf die Stirn. Dann beugte er sich über die kleine Jackie und küsste sie auf dieselbe Stelle. Deirdres Haut war rau und schweißbedeckt, die von Jackie dagegen war ganz weich und duftete nach Hoffnung und Versprechen. Das Baby krähte leise.
In diesem Moment wusste der Tumor, dass das zwischen Vater und Tochter entstandene Band unzerreißbar war. Er hielt inne, um dieses Gefühl in sich aufzunehmen und sich von dem grenzenlosen Glück einhüllen zu lassen.
Dann verschlang das Glioblastom die Erinnerung in einem Stück.
***
Jackies jüngere Schwester Megan hatte an diesem Donnerstagnachmittag ein paar Freundinnen zu Besuch und hatte klargestellt, dass Jackie nicht erwünscht war. Jackie war das mehr als recht. Das Letzte, worauf sie Lust hatte, war, sich Wiederholungen von Der Bachelor oder irgendeiner anderen dämlichen Realityshow anzuschauen, während Megan und ihre Freundinnen wie eine Horde gackernder Hühner vor dem Fernseher hockten.
Als ihr Vater nicht zur gewohnten Uhrzeit nach Hause kam, ging Jackie in ihr Zimmer, um Hausaufgaben zu machen. Sie stieg über den am Boden liegenden Wäscheberg hinweg, berührte im Vorbeigehen wie immer kurz das Filmposter von Girls Club – Vorsicht bissig! (ein abergläubisches Ritual) und schob die über ihren Schreibtisch verteilten Schulbücher und Krimis zur Seite, um an ihre Schultasche zu kommen. Dann legte sie sich bäuchlings aufs Bett und breitete ihre Unterlagen vor sich auf dem Kissen aus.
Einen Stift in der einen Hand, eine Haarsträhne um den Zeigefinger der anderen gewickelt, lächelte Jackie, als sie in ihrer Englischhausaufgabe für das zehnte Schuljahr zum »Wort des Tages« kam:
töricht (ˈtœrɪçt) 1. albern oder naiv
Das passte perfekt: Megan und ihr Gefolge aus der Achten waren definitiv albern und ziemlich naiv.
Nicht dass es eine Rolle spielte. Jackie hätte sich auch dann in ihrem Zimmer verkrochen, wenn sich Megan und ihre Freundinnen nicht im Wohnzimmer breitgemacht hätten. Ihr Zimmer war für Jackie ihr Schutzgebiet. Es war der einzige Ort im Haus, an dem sie sich rundum wohlfühlte.
Der einzige Ort außerhalb des Hauses, an dem Jackie sich wohlfühlte, war das Internet. Sie dachte oft, dass es sehr viel besser war, aus der Ferne mit der Welt verbunden zu sein, als sich tatsächlich in sie hinauszuwagen. Zum einen liebte sie die Anonymität. Man konnte sich heimlich auf Webseiten oder in Chatrooms schleichen, ohne dass es jemand mitbekam. Niemand wurde auf einen aufmerksam, und wenn doch, war man mit einem einzigen Klick wieder weg. Es kam ihr so vor, als hätte sie ihre ganz eigenen magischen roten Schuhe wie Dorothy aus dem »Zauberer von Oz« und könnte im Handumdrehen nach Kansas, Hollywood oder Tokio teleportieren.
Der einzige Mensch, mit dem sie sich jemals online unterhalten hatte, war Max. Sie hätte jetzt gern ein bisschen mit ihm geredet, wusste aber, dass er so spät nachmittags nicht zu erreichen war.
Jackie hörte, wie die Haustür auf- und zuging, sie hörte Megans Freundinnen im Chor »Hi, Mr Stone« rufen und dann ohne ersichtlichen Grund in Kichern ausbrechen. Das war eines der Dinge, das Jackie an Megans Freundinnen am meisten auf die Nerven ging: dass sie ständig grundlos kicherten.
Aber das war jetzt egal; ihr Vater war zu Hause. In null Komma nichts sprang Jackie vom Bett, lief aus dem Zimmer und setzte sich oben auf die Treppe.
Sie hörte, wie ihr Vater etwas zu ihrer Mutter sagte – sie verstand nicht, was –, und sah ihn dann um die Ecke biegen und die Treppe hochsteigen. Als sie merkte, dass ihr Vater vor sich hin murmelte und völlig abwesend wirkte, verschwand das vorfreudige Lächeln von ihrem Gesicht. Verblüfft beobachtete sie, wie er an ihr vorbeiging.
»Dad?«
Jared blieb stehen und drehte sich um. »Oh, hey, Jax. Tut mir leid, ich hab dich gar nicht gesehen.«
Das hatte es noch nie gegeben. Dass er, ohne sie zu bemerken, einfach an ihr vorbeiging, war so, als würde der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in Gedanken versunken am Podium einer Pressekonferenz vorbeigehen. So etwas passierte einfach nicht.
»Alles okay, Dad?«
»Hm? Oh, sicher. Hab nur ziemlich viel Arbeit heute.«
Jackie wusste sofort, dass das eine Lüge war.
»Ich werde gleich mal loslegen«, fügte er hinzu, dann ging er in sein Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich. Jackie starrte ihm verwirrt hinterher. Er hatte sie nicht hereingebeten.
***
Jared war noch nicht bereit, mit seiner Familie darüber zu sprechen. Er konnte seiner Frau und seinen Töchtern nicht sagen, was die Ärztin ihm mitgeteilt hatte; dass seine zeitweiligen Ausfälle und die Kopfschmerzen sich verschlimmern würden und dass er in drei oder vielleicht vier Monaten tot sein würde.
So leid es ihm tat, was gerade mit Jackie auf der Treppe passiert war, er konnte sich jetzt nicht damit beschäftigen. Er musste nachdenken.
Die Ärztin hatte ihm erklärt, dass er die Ausfälle zumindest etwas in Schach halten konnte, indem er die »Außenreize«, die sein Gehirn verarbeiten musste, so gering wie möglich hielt. Jared blickte sich in seinem Arbeitszimmer nach Außenreizen um. Er schaltete den Computer, den Monitor und den Drucker aus, um sämtliche Hintergrundgeräusche zu beseitigen. Dann löschte er das Licht. Weil er sich albern vorkam, so im Dunkeln dazustehen, legte er sich auf den Boden.
Nachdem er ein paar Minuten so dagelegen hatte, sagte er laut: »Tod.«
Es erschreckte ihn, seine eigene Stimme zu hören, also sagte er es noch mal. »Tod.«
Trebuchet, der betagte schwarze Labrador der Familie, der gerade ein Nickerchen im Arbeitszimmer hielt, schaute einen Moment auf, bevor er den Kopf wieder sinken ließ und erschöpft seufzte.
Jared merkte, dass die Stille im Raum ihm tatsächlich half, klarer zu denken.
»Ich werde sterben«, sagte er laut. Das ist ein Anagramm für ›Er schwebt nieder‹, dachte er. Seltsam.
Je länger er darüber nachdachte, desto weniger Angst vor dem Sterben hatte Jared. Er hatte Wichtigeres zu tun. Wie die meisten Senatsabgeordneten musste Jared noch einer zweiten Tätigkeit nachgehen, um genug Geld für seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Allerdings war er im Gegensatz zu den meisten Abgeordneten nicht Rechtsanwalt, sondern Grafikdesigner. Das Einkommen aus diesen beiden Jobs würde seine Familie selbst mit Deirdres Gehalt finanziell nicht absichern. Er hatte eine Lebensversicherung, aber die belief sich auf gerade mal 500000 Dollar, hatte eine Laufzeit von zwanzig Jahren und war kurz nach Jackies Geburt abgeschlossen worden. Allein schon die Hypothek für das Haus würde diesen Betrag verschlingen wie ein Wurm, der sich durch einen Apfel fraß. Oder ein Tumor durch ein Gehirn, dachte er. Er konzentrierte sich mit aller Kraft darauf, eine Lösung für das Problem zu finden, aber je angestrengter er nachdachte, desto mehr schmerzte sein Kopf. Er wusste nicht, ob der Tumor oder die Situation dafür verantwortlich war, aber das spielte auch keine Rolle.
»Ich brauche Geld«, sagte er laut. Durchgabe Chile, dachte er. Jared fragte sich, woher plötzlich all diese Anagramme kamen. Er hatte sonst eigentlich mit Wortspielen nie etwas am Hut gehabt, zumindest konnte er sich nicht daran erinnern. Vielleicht war der Tumor die Ursache dafür, vielleicht bewirkte er, dass manche Bereiche seines Gehirns leistungsfähiger arbeiteten als früher, während er ihn gleichzeitig langsam tötete.
Ihm fielen noch mehr Anagramme ein, während er »langsam einschlief« (sein Schlagmann lief) und in einem Meer aus »Buchstaben« (Buntschabe) versank.
***
Während der nächsten Tage versuchte Jackie immer wieder, ein Gespräch mit ihrem Vater anzufangen, aber das Ergebnis war von Mal zu Mal seltsamer.
»Hi, Daddy«, sagte Jackie eines Nachmittags.
»Hm? Oh, hi, Peanut. Mir geht’s gut, danke«, antwortete er und ließ sie stehen.
Nicht nur die Dauer des Gesprächs war untypisch und beunruhigend – ganz abgesehen davon, dass sie ihn nicht gefragt hatte, wie es ihm ging –, sondern auch die Tatsache, dass »Peanut« Dads Kosename für Megan war.
»Dad«, sagte sie bei einer anderen Gelegenheit, »kannst du mir bei meiner Mathehausaufgabe helfen?«
»Klar, Jax, aber vielleicht lieber später, nachdem wir Jericho geschaut haben.«
An der Antwort wäre an sich nichts auszusetzen gewesen, wenn die Serie nicht letztes Jahr abgesetzt worden wäre.
Nicht alle ihre Begegnungen verliefen so – Jared dachte immer noch daran, zu fragen, wie ihr Schultag gewesen war, und schaffte es sogar, den Anschein zu erwecken, er würde Jackie aufmerksam zuhören, wenn sie antwortete –, aber es gab für sie trotzdem genügend Anzeichen, sich zu fragen, ob etwas nicht stimmte.
Sie versuchte, mit ihrer Mom darüber zu sprechen, aber Deirdre war auf eine andere Art und Weise zerstreut, wie es berufstätige Mütter oft sind. Sie müssen sich um so viele Dinge gleichzeitig kümmern, dass sie keine Zeit haben, sich um irgendetwas Sorgen zu machen, falls nicht gerade das Haus abzubrennen droht. Und auch wenn Jareds Gehirntumor definitiv so bedrohlich war wie ein Hausbrand, hatte noch niemand den Alarm ausgelöst.
Jackie kam zu dem Schluss, dass ihr Dad wohl einfach überarbeitet war, schob ihre Beunruhigung beiseite und genoss, ohne es zu ahnen, die letzten Tage, die sie in seligem Nichtwissen verbringen würde.
***
Jared behielt die Nachricht von seinem Gehirntumor vier weitere Tage für sich und verbrachte die meiste Zeit damit, in seinem Arbeitszimmer auf dem Boden zu liegen und nachzudenken. Er achtete darauf, oft genug herauszukommen, damit seine Familie nicht auf die Idee kam, etwas könnte nicht in Ordnung sein, und kehrte sofort dorthin zurück, sobald er sich sicher war, dass sie noch nicht Lunte gerochen hatten.
Jared dachte angestrengt über eine Möglichkeit nach, sich aus seiner – wie er es nannte – finanziellen Zwickmühle zu befreien. Bald würden Collegegebühren anfallen. Und Autos und Urlaube und alles, wofür Kinder sonst noch Geld brauchten. Aber hauptsächlich versuchte er, einfach nachzudenken. Wenn er genug davon hatte, in der Dunkelheit zu liegen, schaltete er seinen Computer an und klickte sich von einer Krebs-Seite zur nächsten. Die bedrückenden Dinge, die er über Glioblastome las, verursachten ihm Kopfschmerzen, und er ertappte sich immer wieder dabei, wie er stattdessen auf verlinkte Nachrichten- und Boulevard-Seiten abwanderte.
Dabei stieß er auf einen seltsamen Artikel vom letzten Monat:
Mann versteigert nach Scheidung sein Leben online.
14. März – WorldNewsNow.com
Als Joos Smit klar wurde, dass er einen Neustart brauchte, versteigerte er seine sämtlichen materiellen Besitztümer im Internet. Von einer unbenutzten Tube Zahnpasta bis hin zu einem 2002 Toyota Camry bot Smit sein komplettes Leben dem Meistbietenden an.
Der dreiundvierzigjährige Niederländer, ein erfolgreicher Anwalt, der gern Drachen fliegt und Ski läuft, schien alles zu haben. Aber dann reichte seine Frau, eine Italienerin namens Anna Mazzucchi, nach sieben Jahren Ehe die Scheidung ein, und Smit beschloss, dass es Zeit war, etwas zu verändern.
»Ich wollte einfach keine Erinnerungen mehr an mein vorheriges Leben«, sagte er.
Smits Angebot beinhaltet sein Haus, seinen Whirlpool, seine Kleidungsstücke, seinen Fernseher, seine Katze und seinen Wagen. Er erklärte außerdem: »Meine Freunde sind ebenfalls in dem Gesamtpaket enthalten. Sie haben versprochen, nett zu demjenigen zu sein, der den Zuschlag erhält.«
Jared blickte von seinem Computerbildschirm auf und für einen Moment blieb die Welt stehen.
In Jareds Gehirn formte sich eine Idee. Eine verrückte Idee. Eine Idee, auf die nur ein Mann mit einem Glioblastom kommen konnte. Er würde sein Leben versteigern – nicht sein Hab und Gut, sondern sich selbst – auf eBay. Im Parlament übte die Sterbehilfe-Lobby Druck auf ihn aus, bei einer geplanten Gesetzeserweiterung Position zu beziehen; er würde ihr Aushängeschild werden. Jared Stone meistbietend zu verkaufen – verfahren Sie mit ihm nach Ihrem eigenen Gutdünken.
(Dienstag, 15. September)
Hazel Huck mochte Spiele. Sie mochte sie sehr.
Sie mochte Strategiespiele (Schach und Risiko) und Glücksspiele (Kniffel und Solitaire), aber am liebsten mochte sie Rollenspiele. Egal ob es um die Offlinewelten von Dungeons & Dragons ging oder die Onlineuniversen von EverQuest, Dark Age of Camelot und World of Warcraft. Hazel liebte nichts mehr, als in die Haut von jemand anderem zu schlüpfen und sich darin zu verlieren. Eine hochgewachsene Elfenkriegerin mit 150 Trefferpunkten zu sein bedeutete, unbesiegbar zu sein. Sie verbrachte jede freie Minute damit, sich in diesen Welten aufzuhalten. Es war ihr Weg, dem Alltagstrott zu entfliehen.
Hazel fühlte sich in ihrem eigenen Leben fehl am Platz. Sie stammte aus einer vermögenden Familie in Huntsville, Alabama, und hätte sich mit ihren siebzehn Jahren eigentlich auf ihren Debütantinnenball vorbereiten sollen. Ihre Mitschülerinnen von der Florence Nightingale School for Young Women sprachen von nichts anderem mehr als von dem Ball, auf dem sie offiziell in die Gesellschaft eingeführt werden würden. Ganz im Gegensatz zu Hazel. Sie fand diese Tradition völlig überholt und ziemlich peinlich. Ihre Eltern, die beide Anwälte waren und sich auf Schifffahrtsrecht spezialisiert hatten, bedauerten die Einstellung ihrer Tochter, respektierten aber, dass sie nun mal ihren eigenen Kopf hatte.
Mit Ausnahme der Schule und der familiären Verpflichtungen – im Haushalt mithelfen, Besuche bei Tanten und Onkeln, der obligatorische sonntägliche Kirchgang – lebte Hazel in einer virtuellen Welt. Ihre engsten Freunde waren Mitglieder ihrer Warcraft-Gilde. Und was sprach dagegen? Das waren interessante Leute. Sie war ihnen zwar nie persönlich begegnet, wusste aber mehr über sie als über irgendeines der Mädchen von der Schule. Da waren zum Beispiel eine Geschäftsfrau mittleren Alters aus New York, ein Mädchen aus Bolivien, das wie sie noch auf die Highschool ging, und jemand, der behauptete, Science-Fiction-Romane zu schreiben. Allerdings verriet er (sie?) nie die Titel seiner (ihrer?) Bücher, worum es darin konkret ging oder bei welchem Verlag sie erschienen. Es spielte keine Rolle. In dieser Welt konnte man sein, wer oder was man wollte, nicht nur durch die Avatare, die man sich aussuchte, sondern auch durch die Geschichten, die man erzählte.
Bei ihrem ersten Ausflug in die Welt der Onlinespiele war Hazel noch ziemlich nervös gewesen, was ihre eigene Geschichte anging – oder genauer gesagt, ihr Gefühl, keine eigene Geschichte zu haben –, weshalb sie kurzerhand eine erfand. Sie behauptete, Englische Literatur an einer Universität »irgendwo in Europa« zu studieren. Die anderen Gamer wirkten beeindruckt, und ehe sie sich versah, gab es kein Entkommen mehr aus ihrer Lüge. Damit ihre Onlinepersona glaubhaft war, recherchierte sie ausführlich über die wichtigsten Doktorandenprogramme für Englische Literatur in Großbritannien und Frankreich und hatte immer genügend aktuelle Informationen in petto, um ihr Märchen aufrechtzuerhalten. Mit der Zeit glaubte sie schließlich selbst, dass diese Person – die sie Tess nannte – tatsächlich existierte. Es war zu spät, damit herauszurücken, dass sie noch auf der Highschool war – erst in der Neunten, als sie angefangen hatte, dieses besondere Seemannsgarn zu spinnen, mittlerweile in der Zwölften – und in Alabama lebte. Sie machte sich die erfundene Geschichte zu eigen und hielt die Lüge am Leben.
Hazel war gerade dabei, einen Heilzauber zu wirken, als eine Chat-Nachricht von einem Warcraft-Freund auf dem Bildschirm aufploppte. Die Nachricht lautete Ist das nicht voll krass? ROTFL! und enthielt einen Link zu Jareds eBay-Anzeige.
Aber Hazel wälzte sich nicht vor Lachen auf dem Boden.
***
Ethan Overbee mochte seine Sekretärin Monique. Er mochte sie sehr.
Er mochte ihre Fähigkeit, es vorauszuahnen, wenn er ein Meeting verlegen wollte. Er mochte es, dass sie genau wusste, wen von seinen Untergebenen sie an welchen Tagen zu ihm durchlassen durfte und wie lange sie in seinem Vorzimmer zu warten hatten. Und er mochte es, dass es ihr immer gelang, Anrufe von seiner Freundin, seiner Mutter und seiner Schwester abzuwehren. Aber am meisten mochte er die Dinge, die Monique für ihn tat, wenn er die Tür zu seinem Büro in Santa Monica schloss.
Es wäre Ethan nie in den Sinn gekommen, dass er Monique das Gefühl gab, eine sehr gut verdienende Prostituierte zu sein, worunter ihr Selbstwertgefühl so sehr litt, dass sie noch nicht einmal mehr in den Spiegel schauen konnte, ohne dass ihr schlecht wurde. Es kam ihm nie in den Sinn, weil es ihm erst gar nicht in den Sinn kommen konnte. Im Gegensatz zu Jared Stone war Ethan Overbee ein Mann ohne jedes Mitgefühl.
In einer wissenschaftlichen Studie wurde festgestellt, dass auf Chromosom 15q ein Markergen existiert, das für Mitgefühl verantwortlich ist. Offenbar ist dieses Markergen bei erfolgreichen Staatsoberhäuptern, Vorstandsvorsitzenden und passionierten Hobbyradfahrern sehr viel seltener nachzuweisen als beim restlichen Teil der Bevölkerung. Wie sich zeigen sollte, konnte man Ethan zu dieser Gruppe zählen.
So war es dann auch nicht weiter überraschend, dass Ethan nicht nur ein leidenschaftlicher Radfahrer, sondern mit seinen zweiunddreißig Jahren auch der jüngste stellvertretende Programmchef in der Geschichte von American Television Network war. ATN war das Kronjuwel eines Medienimperiums aus Fernseh- und Radiosendern und Zeitungshäusern auf der ganzen Welt und dafür bekannt, mit seiner Berichterstattung schon so gut wie jeden vor den Kopf gestoßen zu haben, was jedoch nichts daran änderte, dass das Unternehmen Jahr für Jahr die allerhöchsten Absatzzahlen und Einschaltquoten erzielte. In einer Kolumne der New York Times wurde ATN als Spiegel bezeichnet, »der die dunkelsten Winkel der amerikanischen Seele wiedergibt«. Wenn Ethan sich die Mühe gemacht hätte, darüber nachzudenken (was er nicht tat), hätte seine pragmatische Seite diesem Urteil zugestimmt.
Seinen Mangel an Mitgefühl machte Ethan dadurch wett, dass er die Menschen, die es gut mit ihm meinten, mit Luxusgeschenken überhäufte. Er fand, dass Monique es gerade besonders gut mit ihm gemeint hatte, weshalb er sich bei eBay auf die Suche nach dem perfekten Geschenk für sie machte.
Er wusste, dass Monique den Schauspieler Heath Ledger vergötterte. Normalerweise hätte er einfach ein paar Anrufe getätigt und Ledger wäre in seinem Büro aufgetaucht und hätte Monique zum Mittagessen ausgeführt. Aber weil der Typ an einer Medikamentenüberdosis gestorben war, musste Ethan sich mit herkömmlichem Shopping begnügen. Künstler, dachte er kopfschüttelnd. Es ist doch immer dasselbe mit ihnen.
Es gab an die zweitausend Artikel bei eBay, die mit Ledger zu tun hatten, aber nichts davon schien zu passen. Ethan war der Meinung, dass ein signiertes Foto oder ein Kleidungsstück, das Ledger in einem seiner Filme getragen hatte, zu banal waren. Ihm kam ein Gedanke – vielleicht gab es ja irgendein Erinnerungsstück, das in direktem Zusammenhang zu Ledgers Tod stand. Er fragte sich kurz, ob das womöglich zu geschmacklos war, sah aber keinen Grund dafür.
Die Presse hatte Ledgers Tod als Unfall dargestellt, aber Ethan glaubte nicht daran; er gab »Selbstmord Ledger« in die Suchmaske ein. Als er die makabren Artikel durchging, die ihm angezeigt wurden, sah er den Link »Kunden, die sich diesen Artikel angeschaut haben, interessierten sich auch für …«. Einer der angebotenen Artikel hatte den seltsamen Titel »Menschenleben zu verkaufen«. Er klickte ihn an.
Und so kam es, dass Ethan Overbee Jareds Anzeige las.
***
Schwester Benedict Joan mochte das Internet. Sie mochte es sehr.
Sie mochte es, weil es ihr die Möglichkeit bot, mithilfe ihres Blogs christus-kadetten.blogspot.com Gottes Wort zu verbreiten. Sie mochte, dass sie durch das Internet mit all den anderen Kämpfern in Christus’ Armee auf der ganzen Welt in Kontakt bleiben konnte. Und vor allem mochte sie, dass das Internet es ihr ermöglichte, gegen die unaufhörliche Flut von Pornografie, Pietätlosigkeit und Blasphemie zu kämpfen, die drohte, die gesellschaftlichen Vorstellungen von Anstand und Moral zu zerstören. Eine weniger zuversichtliche Frau wäre von den Abartigkeiten und der Gewalt, die den Puls des World Wide Web antrieben, überwältigt gewesen. Nicht so Schwester Benedict; ihr gab es eine Aufgabe.
Als Vorsteherin des Ordens »Schwestern der ewigen Anbetung« empfand sie es als ihre ganz persönliche Verantwortung, die ihr anvertrauten Nonnen und Novizinnen zu beschützen. Das bedeutete sehr viel mehr, als für regelmäßige Mahlzeiten und eine Unterkunft zu sorgen; es bedeutete, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, so gering diese Macht auch war, eine Welt zu gestalten, die von den Lehren und der Liebe Jesus Christus wusste und durchtränkt war. Man könnte sagen, dass es nur eine einzige Sache gab, die Schwester Benedict Joan mehr mochte als das Internet, und das war Jesus Christus selbst.
Die Schwester war eine Nonne alter Schule. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil behielten die meisten Nonnen ihren Taufnamen und wurden zu Schwester Ella oder Schwester Casey oder Schwester Jordyn. Angela Marie Taggart wäre es wie eine schwere Sünde am wahren Katholizismus vorgekommen, ihren eigenen Namen zu behalten. Die Nonnen, die sie als kleines Mädchen ihrer Frömmigkeit, ihres Gehorsams und ihrer fast martialischen Schönheit wegen anbetete, hatten die Namen männlicher Heiliger angenommen, eine Tradition, der sie sich, zumindest teilweise, verbunden fühlte und die sie aufrechterhalten wollte. Sie war davon überzeugt, dass ihr Name sowohl eine autoritäre als auch beruhigende Wirkung auf die jungen Frauen des Konvents und vor allem auf die Schülerinnen der Annunciation Catholic School hatte, wo sie die dritte Klasse unterrichtete. Jemanden, der Schwester Benedict hieß, stellte man einfach nicht infrage.
Ihre früheste Kindheitserinnerung war der Besuch einer katholischen Messe im Alter von vier Jahren, und schon von diesem Moment an hatte sie gewusst, dass sie ihr Leben Christus weihen wollte. Was sie damals nicht verstanden hatte und bis heute nicht verstand, war, warum sie die Einzige war. Woche für Woche waren die Bänke der St. Mary’s Church mit Kirchgängern gefüllt, die ehrfurchtsvoll unter den hohen Buntglasfenstern saßen, aufstanden oder knieten, wenn sie dazu aufgefordert wurden, und ihre Brieftaschen und Herzen öffneten, wenn man sie darum bat. Sie lächelten aufrichtig, wenn sie einander »Friede sei mit dir« sagten. Wenn sie also alle an Gott und die Wahrheit der Bibel glaubten, daran, dass Gott der König der Könige war, der Erschaffer allen Lebens, der Herrscher über ihr gemeinsames Schicksal, dessen Herrlichkeit zu preisen sie hier zusammengekommen waren, wie kam es dann, dass sie sich nur einmal in der Woche die Mühe machten, ihn zu ehren? Sollte das nicht ein Fulltime-Job sein?
Genau darüber dachte Schwester Benedict Joan nach, als sie ihren Laptop einschaltete. Wie immer hatte sie keine Antwort darauf. Sie schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck von ihrem Earl-Grey-Tee.
Schwester Benedict schaute gern dabei zu, wie der Rechner seine ganz eigenen rituellen Handlungen vollzog, wenn er Windows und das Antivirusprogramm lud, das System auf Updates prüfte und E-Mails abrief. Sie stellte sich gern vor, dass er von der Hand Gottes geleitet wurde, obwohl ihr klar war, dass diese technologischen Wunder von Menschenhand geschaffen worden waren und nur die Wunder selbst der echte Beweis göttlicher Gnade waren.
Sie öffnete ihren Browser und ging auf ihren Blog. Sie hatte den Namen Christus-Kadetten nie gemocht, aber alle guten Namen – Christus-Krieger, Christus-Ritter, Christus-Soldaten – waren schon vergeben gewesen. Es gab einen neuen Post, der ein bisschen ungewöhnlich war. Schwester Benedict war zwar davon überzeugt, dass ihr Blog gelesen wurde, aber kaum jemand hinterließ je einen Kommentar. Wenn es doch einmal vorkam, waren es Sprüche wie »Hast du kein Leben, du Sch***witzfigur?«, nur dass das »eiß« dann nicht ausgeblendet war.
Genau wie die wenigen anderen Posts war auch dieser anonym und enthielt lediglich die Nachricht »So etwas sollte man verbieten«. Darunter war ein Link zu Jared Stones eBay-Anzeige.
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Sherman Kingsborough mochte das Leben. Er mochte es sehr.
Mit dreiundzwanzig war Sherman bereits stinkreich. Er war der glückliche Begünstigte eines Treuhandfonds, den ihm sein Vater vermacht hatte, der während des Vietnamkriegs Millionen gescheffelt hatte und an Shermans achtzehntem Geburtstag starb.
Shermans Mutter war in ihre Heimat Korea zurückgekehrt, als er noch ein kleiner Junge war (sein Vater hatte sie mehr oder weniger abserviert, als wäre sie nichts weiter als eine lästige Angestellte gewesen), und er hatte nie wieder Kontakt zu ihr gehabt. Sherman war in dem Glauben groß geworden, seine Mutter hätte ihn im Stich gelassen. Ohne Geschwister und Eltern, aufgewachsen in einer Welt des Überflusses und der Verschwendung, war sein moralischer Kompass nie geeicht worden und zuckte unkontrolliert hin und her, ohne je wirklich den wahren Norden zu finden.
So war es nicht weiter verwunderlich, dass Sherman seine geerbten Millionen dafür verwendete, allen nur vorstellbaren Verrücktheiten und Fetischen nachzugeben. Von sexuellen Begegnungen, die zu abartig waren, um sie hier zu beschreiben oder zu beziffern, bis hin zur Haltung extrem exotischer, vom Aussterben bedrohter Tiere, nur um sie sich irgendwann zum Abendessen servieren zu lassen, gab es nichts, was Sherman sich verwehrt hätte. Wenn ihm etwas in den Sinn kam, setzte er es in die Tat um.
Aber nicht alles, was er tat, war verdorben und verkommen. Jedes Mal, wenn Sherman seinen dunkelsten Trieben nachgab, ließ er eine großzügige Geste folgen. Als er sämtliche Hausangestellte seines Vaters wegen eines Wasserflecks auf einem Weinglas feuerte, arbeitete Sherman anschließend zwei Monate in einem Aschram in Indien. Eine Woche, nachdem er einem fünfzehnjährigen Mädchen gesagt hatte, er würde sie lieben, nur um sie ins Bett zu kriegen, und ihr am nächsten Morgen in einem schäbigen Hotelzimmer den Laufpass gegeben hatte, flog er zur Beringstraße und beteiligte sich an der Rettung ölverseuchter Möwen, die Opfer eines auslaufenden Tankers geworden waren. Und nachdem er eine mittellose Familie aus einer der vielen Immobilien seines Vaters geklagt hatte – ein baufälliges Apartmentgebäude in Queens, New York –, bestieg Sherman den Mount Everest als Mitglied einer Expedition, die Geld für Habitat for Humanity sammelte. Jede edle Tat war eine Wiedergutmachung für seine Sünden.
Es war ein unaufhörlicher, bizarrer Kreislauf, wie er dem Drogentraum eines Crystal-Meth-Süchtigen entsprungen sein könnte (was Sherman selbst tatsächlich auch war). Er hielt nie inne und machte nie eine Bestandsaufnahme des Menschen, der er geworden war; er hatte zu viel Angst vor dem, was er finden könnte.
Nachdem Sherman Kingsborough sechs Jahre lang auf der Überholspur gelebt hatte, waren er und sein ständig nach neuen Reizen gierender Geist zu Tode gelangweilt. Es schien nichts mehr zu geben für diesen Mann, der alles hatte, oder zumindest Zugang zu allem.
Aber das war nicht das erste Mal, dass Sherman sich so fühlte. Nachdem er den Gipfel des Mount Everest bestiegen hatte, war er von dieser, wie er glaubte, ultimativen Erfahrung, völlig high gewesen, ein Wortspiel, das er während des gesamten Abstiegs unaufhörlich wiederholte, aber dann reiste er mit Opiumschmugglern durch Pakistan und war wieder total high, wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise. Es schien, als würde sich jedes Mal, wenn es scheinbar nichts Neues zum Ausprobieren mehr gab, ein bisher unbekannter Pfad auftun. Er sagte gern, dass er lieber Glück habe, als gut zu sein. Das war das Motto von Sherman Kingsboroughs Leben.
Und es war das Erste, was er dachte, als er Jared Stones eBay-Anzeige sah.
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Jackie lag auf ihrem Bett und starrte auf ihr neues iPhone, mit dem sie durch Neil Gaimans Twitter-Feed scrollte. In den wenigen Wochen, seit sie das Handy hatte – sie und Megan hatten jede eins zum neuen Schuljahr geschenkt bekommen –, war es zu so etwas wie einem zusätzlichen Körperglied geworden, das immer in Griffweite lag, wenn sie es nicht gerade sowieso in der Hand hatte. Sie war bereits auf sämtlichen sozialen Netzwerken – Twitter, Facebook, Instagram –, postete aber selbst so gut wie nie etwas. Sie war eine Beobachterin, eine Voyeurin.
So tickte sie eben. Jackie gehörte nicht zu den Schülerinnen, die sich im Unterricht meldeten, gehörte (für gewöhnlich) nicht zu den Töchtern, die ihre Eltern infrage stellten, und sie gehörte nicht zu den Usern, die ihrer Meinung im Internet eine Stimme verliehen. Jackie genügte es vollkommen, durchs Netz zu wandern, ohne jemals einen Fußabdruck zu hinterlassen, allerdings fragte sie sich, ob sie womöglich ein Troll war, weil sie selbst sich nie zu erkennen gab. Die einzige Person, mit der sie online interagierte, war Max, und der lebte in Sankt Petersburg in Russland.
Sie und Max nahmen an einem Social-Media-Austauschprogramm ihrer Schulen teil. Jackie wollte sich nicht mit jemandem in einem anderen Land anfreunden – das Thema Freunde bereitete ihr schon in ihrer Heimat Amerika genügend Probleme –, aber die Teilnahme an diesem Programm war Pflicht. Als sie erfuhr, dass der zufällig ausgewählte Austauschpartner ein Junge war, hatte sie einen kleinen Nervenzusammenbruch.
Aber wie sich herausstellte, war Max nett. Er war fasziniert von der amerikanischen Kultur und löcherte Jackie mit Fragen, wenn sie sich online trafen, was sie in der Regel während Jackies morgendlicher Freistunde im Computerraum taten. Er interessierte sich brennend für amerikanische Filme und schien geradezu besessen von amerikanischen Regisseuren wie Martin Scorsese, Cameron Crowe und Steven Spielberg.
Bisher hatten sie sich noch nie über irgendwelche wirklich ernsten Themen unterhalten, meistens nur über Musik und Filme und darüber, was die anderen Kids in der Schule anhatten. Max hatte schon drei Freundinnen gehabt, weshalb sich Jackie für ihr eigenes nicht existierendes Liebesleben schämte, aber zum Glück fragte Max nie danach. Außerdem spielte er Gitarre, was sie ziemlich cool fand.
Vielleicht lag es daran, dass sie wusste, dass sie sich nie treffen würden, aber aus irgendeinem Grund fühlte es sich ungefährlich an, sich mit Max zu unterhalten. Jackie ertappte sich dabei, wie sie mit ihm ihre Komfortzone verließ, und das gefiel ihr. Zudem glaubte sie zu spüren, dass er vielleicht ein bisschen verliebt in sie war.
Sie hatte gerade angefangen, sich in einem Tagtraum mit Max zu verlieren, als ein Klingeln an der Haustür sie ins Hier und Jetzt zurückholte. Und weil Jackie nun mal so war, wie sie war, verließ sie sich darauf, dass schon irgendjemand anderes aufmachen würde.
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Jared Stone las sein eBay-Angebot zum vierten Mal durch. Er wurde das Gefühl nicht los, dass er irgendetwas vergessen hatte:
Menschenleben zu verkaufen
Fünfundvierzigjähriger Mann, der noch vier Monate zu leben hat, verkauft sein Leben an den Meistbietenden. Man kann mit ihm nach eigenem Gutdünken verfahren – ihn versklaven, umbringen, foltern oder sich einfach nett mit ihm unterhalten. Ein Menschenleben also, über das der Besitzer uneingeschränkt verfügen kann. Der Käufer muss in einem Bundesstaat oder Land leben, in dem Sterbehilfe gesetzlich erlaubt ist, und die Transportkosten sowie die anfallenden Steuern übernehmen. Für diese Auktion gibt es ein Mindestgebot.
Falls tatsächlich etwas fehlte, konnte er es nicht ausmachen. Er hatte die Anzeige in einem Moment vollkommener Klarheit verfasst, vielleicht war dieses Gefühl, das an den Rändern seines Bewusstseins zupfte, also nur dem Tumor geschuldet. Trotzdem …
Das Angebot war erst seit fünf Stunden aktiv und es gab bereits sieben Gebote. Sie stammten von einer experimentellen Theatergruppe, deren Kaufhistorie eine Vorliebe für Nazi-Artefakte, mittelalterliche Waffen und Hello-Kitty-Sammelobjekte enthüllte. Das höchste Gebot dieser Gruppe lag bei 900 Dollar und war so weit von dem Mindestgebot von 1000000 Dollar entfernt, dass Jared lachen musste.
Es klingelte an der Tür, und er hörte seine Tochter Megan rufen, sie würde schon gehen, während sie die Treppe herunterpolterte und dabei wie immer zwei Stufen auf einmal nahm.
Megan war ein starkes und unabhängiges Mädchen, um das er sich keine Sorgen machen musste, weil er wusste, dass sie in der Lage sein würde, seinen Tod zu akzeptieren, zu verstehen und zu verarbeiten. Es würde traumatisch werden, keine Frage, aber sie würde es durchstehen. Sie gehörte zu den Kindern, die mit einer natürlichen Leichtigkeit durchs Leben gingen.
Bei seiner älteren Tochter Jackie sah das anders aus.
Jackie begnügte sich damit, im Schatten ihrer jüngeren Schwester zu leben, stellte sich nie in den Vordergrund, zeigte nie, wer sie war. Sie war klein und zart, und Jared liebte sie mehr als das Leben selbst. Es war vor allem die Sorge um Jackie, die ihn dazu getrieben hatte, es mit dieser eBay-Anzeige zu versuchen.
Jared hörte gedämpfte Stimmen an der Vordertür, einen Moment später folgte ein »Mom! Dad!« von Megan. Er stand von seinem Computer auf und ging nach unten, um zu sehen, was los war.
»Ähm, Schatz«, sagte seine Frau Deirdre, die ein paar Sekunden vor ihm an der Tür angekommen war, »gibt es vielleicht irgendetwas, das du mir sagen möchtest?«
Stimmt, dachte Jared, als er das halbe Dutzend Kamerateams und die doppelte Anzahl an Reportern vor seinem Haus sah, jetzt weiß ich, was ich vergessen habe.
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Genau in dem Moment, in dem Jared von der Pressemeute vor seiner Haustür mit Fragen bestürmt wurde, schwelgte das Glioblastom in einer Erinnerung an Jareds zweites Weihnachtsfest mit anderthalb Jahren. Die Erinnerung war so gut versteckt gewesen, dass der Tumor bis in einen nur selten genutzten Bereich vordringen musste, um sie zu finden. Dieses »Vordringen« war ein solcher Schock für Jareds System, dass es den Wirt des Tumors straucheln und in die Arme seiner Frau fallen ließ.
Der Tumor nahm nichts von dem wahr, was außerhalb von Jareds Gehirn vor sich ging. Er war zu gefesselt vom Anblick des »Schnee-Boots« – wie der kleine Jared seinen ersten Schlitten später nennen würde –, um auf irgendetwas anderes zu achten.
Der Schlitten war wunderschön – makellos, formvollendet und so leuchtend rot wie das Cabrio, das manche Männer sich in der Midlife-Crisis zulegen. Der kleine Jared umklammerte die gelbe Schnur des Schlittens und führte einen Freudentanz auf, der hauptsächlich daraus bestand, lachend auf der Stelle zu rennen. In diesem Moment wusste er noch nicht, dass man ihn draußen im Schnee benutzte, aber das machte nichts. Für ihn zählte vor allem, dass er riesig war und ihm gehörte.
Es war ein Gefühl purer, ungetrübter Freude. Der Tumor war so glücklich, dass er bestimmt geweint hätte, wenn er Augen, einen Tränenkanal oder Tränen gehabt hätte, aber es kam auf dasselbe heraus. Die Erfahrung war so zart und wahr, als würde sie genau jetzt und hier in der realen Welt stattfinden.
Währenddessen fing Deirdre den stolpernden Jared auf und half ihm, sich auf den Boden zu legen. Jared versuchte seine Gedanken zu ordnen, richtete sich auf, schaffte es, aufzustehen, ohne erneut hinzufallen, und wandte sich wieder dem Pulk vor seiner Haustür zu.
Der Tumor bemerkte von alldem nichts.
***
»Irgendwas stimmt nicht mit Dad.« Megan kam ins Zimmer gestürzt und blieb schwer atmend in der Tür stehen. Jackie hielt den Blick weiter auf ihr iPhone gerichtet.
Megan räusperte sich. »Hast du gehört?«
Jackie hatte es gehört, nahm aber an, dass ihre kleine Schwester bloß versuchte, sie mal wieder auf fieseste Art und Weise zu quälen. Aus Gründen, die Jackie nicht verstand, gehörte es zu Megans Lieblingsbeschäftigungen, herausfinden, was Jackie am meisten bedeutete, und es gegen sie zu verwenden.
Vor ein paar Jahren hatte Megan einmal gefragt: »Sag mal, gibt es in deiner Klasse zufällig einen Jungen, der Kevin oder so ähnlich heißt?« Sie war damals in der vierten, Jackie in der sechsten Klasse, und die Frage ließ Jackies Herz stillstehen.
Kevin Memmott saß in der Reihe vor Jackie. Er war ein eher einfach gestrickter, unbekümmerter Junge, und er war Jackies erster richtiger Schwarm. Jeden Morgen, wenn er in die Klasse kam und Hallo zu ihr sagte, wurden Jackies Handflächen feucht und ihr Magen fühlte sich an, als würde er schrumpfen. Sie senkte dann immer den Kopf und murmelte ein Hallo unter ihrem Pony hervor, worauf er sich achselzuckend auf seinen Platz setzte. Danach wechselten die beiden den ganzen Tag kein einziges Wort mehr. Für Kevin war es ein Ritual, das er sofort wieder vergaß. Für Jackie war es ihr Ritual.
»Ja, gibt es«, antwortete sie. »Warum?«
»Ach, ich hab nur gehört, wie er sich mit einem anderen Jungen unterhalten hat … über dich.« Schon mit neun Jahren war Megans Technik, ihre Schwester zu ködern, so ausgefeilt wie die eines Profi-Anglers, der eine Fliege an die Schnur seiner Rute knotet.
»Was hat er denn gesagt?«, den Blick zu Boden geheftet, wickelte Jackie eine Haarsträhne um ihren Finger, und versuchte vergeblich so zu wirken, als würde es sie nicht wirklich interessieren.
»Na ja, ich hab gehört, wie er gesagt hat, dass …«, Megan senkte die Stimme, als würde sie ein Geheimnis erzählen, von dem sie nicht wollte, dass irgendjemand anderes es erfährt, obwohl sie allein in Jackies Zimmer waren, »… er dich mag!«
Jeder, der schon einmal verliebt war, glaubt tief in seinem Herzen, dass das Objekt seiner Zuneigung dasselbe empfindet, auch wenn es nie irgendwelche sichtbaren Anzeichen dafür gegeben hat. Jackie verbrachte so viel Zeit damit, sich vorzustellen, sie und Kevin wären ein Paar, dass sie Megans Lüge bereitwillig glaubte.
Megan sah, dass ihre Schwester am Haken zappelte und nur noch an Land gezogen werden musste.
»Er hat mit einem anderen Jungen aus deiner Klasse darüber geredet … Scott oder so.« Scott Yee, dachte Jackie, Kevin Memmotts bester Freund. »Er hat gesagt, dass er dich wirklich mag und dich gern fragen würde, ob du mit ihm gehen willst, aber er findet, du könntest dich hübscher anziehen.«
Am nächsten Tag zog Jackie, die sonst nie etwas anderes trug als Jeans und gemütliche Kapuzenpullis, das Kleid an, das sie vor ein paar Wochen am Ostersonntag in der Kirche angehabt hatte. Es war hellrosa, endete kurz über den Knien und wurde im Rücken mit einer großen Schleife gebunden. Ihre Eltern freuten sich so sehr darüber, dass Jackie endlich einmal aus ihrem Schneckenhaus herauskam, dass sie während des Frühstücks gar nicht mehr aufhören konnten, ihre Tochter mit Komplimenten zu überhäufen.
An der Schule angekommen, wartete Jackie vor dem Eingang auf Kevin Memmott, stand einfach da in ihrem rosafarbenen Kleid, und jeder, der an ihr vorbeiging, schaute zweimal zu ihr hin. Als Kevin schließlich auftauchte, leuchtete Jackies Gesicht auf, als würde es von einem tausend Watt starken Scheinwerfer angestrahlt werden.
Während er und Scott Yee näher kamen, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und sagte: »Hi, Kevin.«
»Hm? Oh, hi«, erwiderte er, ohne sie überhaupt richtig wahrzunehmen.
Im nächsten Moment kam Jason Sanderson auf sie zu, ein Junge mit dicken Brillengläsern, wild abstehenden Haaren und einem vorzeitig von Aknenarben gezeichneten Gesicht. »Oh Mann, Jackie«, rief er, »du sieht heute aber hübsch aus!«
Jackie konnte Jason ganz gut leiden. Er war ein netter Junge, bekam aber nie etwas von dem mit, was um ihn herum passierte, als wäre er mit den Gedanken ständig woanders. Sein uncooles Aussehen und dass er immer wie ein zerstreuter Professor wirkte, machten ihn bei den anderen Schülern zu einer beliebten Zielscheibe. Jackie wurde jedes Mal wütend, wenn sie mitbekam, wie Jason fertiggemacht wurde; einmal verließ sie sogar ihre Komfortzone, um ihn zu verteidigen. Aber an diesem Tag, dem Tag, an dem sie das Osterkleid trug, war Jason Sanderson der letzte Junge, den sie sehen wollte.
Plötzlich hörte Jackie leises Gekicher und Prusten hinter sich; sie und Jason drehten sich um und sahen Megan und ihre Freundinnen in der Nähe stehen, die sich vor Lachen krümmten. Jackie wusste sofort, dass sie diesmal nicht völlig grundlos wie die Hühner gackerten, sondern ihretwegen.
Sie drehte sich um, rannte den ganzen Weg bis nach Hause, blieb zwei Tage im Bett und tat so, als wäre sie krank, dabei weinte sie in Wirklichkeit die meiste Zeit, weil sie sich so gedemütigt fühlte und nicht verstand, wie ihre Schwester so gemein sein konnte.
Als Megan jetzt also in ihr Zimmer kam und »Irgendwas stimmt nicht mit Dad« sagte, war Jackie auf der Hut.
»Mhm«, antwortete sie.
»Schau nach draußen. Wir sind im Fernsehen.«
Jackie blieb weiterhin skeptisch, aber irgendetwas an der Stimme ihrer Schwester war anders als sonst. Sie ging zum Fenster.
Im Vorgarten drängte sich ein Pulk von Reportern, der gerade dabei war, sich aufzulösen. Ein paar packten ihre Kameras und Aufnahmegeräte zusammen, andere schossen noch ein letztes Foto vom Haus als Bildmaterial für die Nachrichtensender, und wieder andere waren bereits auf dem Weg zu ihren Wagen. Wie ein Flashmob, der nach ausgeführter Aktion wieder abzog.
Jackie stürmte zur Tür, aber Megan hielt sie am Arm fest.
»Jax«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Nicht.«
Die beiden Schwestern setzten sich zusammen aufs Bett, was sie schon seit Jahren nicht mehr gemacht hatten, und Megan erzählte Jackie alles, was sie gehört hatte.
»Daddy wird sterben?«, fragte Jackie, als Megan fertig war.
Megan nickte und brach in Tränen aus. Sie flüchtete sich in Jackies Arme und weinte an ihrer Schulter. Jackie war zu fassungslos, um sofort zu reagieren. Aber weinen ist wie gähnen; wenn einer damit anfängt, muss der andere automatisch mitmachen.
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Als Hazel Huck sieben Jahre alt war, passierte etwas, das für ihr Leben emotional prägend war. Wie jeden Morgen trank ihr Hund Boots gierig aus seinem Wassernapf, während Hazel geduldig hinter ihm wartete. Es war wie die gut einstudierte Szene aus einem Drehbuch, die beide Tag für Tag aufs Neue und mit ungebrochener Begeisterung aufführten.
Zuerst leckte Boots ihr morgens so lange die Hände und ihr Gesicht ab, bis sie aufwachte, und führte sie anschließend zur Haustür. Sie ließ ihn hinaus, wartete, bis er sein Geschäft erledigt hatte, ließ ihn wieder rein und gab ihm zu fressen. Dann stellte Hazel sich genau neun Schritte hinter ihn (neun war ihre Glückszahl) und schaute zu, wie er sich über sein Trockenfutter hermachte, das er jeden Morgen mit solchem Heißhunger verschlang, als wäre es seine erste Mahlzeit seit Wochen. Zum Schluss vergewisserte er sich, dass er auch wirklich jeden Krümel erwischt hatte, und trank danach die Hälfte seines Wassernapfs leer. Wenn er fertig war, drehte er sich zu Hazel um, wedelte mit dem Schwanz und grub seine nasse Schnauze in ihren Bauch.
An diesem bestimmten Morgen drehte Boots sich wie immer zu ihr um, als er fertig war, wedelte mit dem Schwanz, lief auf sie zu und fiel um. Hazel schrie.
Der Tierarzt, ein großer, dünner Mann mit einer großen, dünnen Nase, einem breiten, dünnen Schnurrbart und einer hohen, dünnen Stimme sagte: »Gehirntumor.« Hazel, eine altkluge Siebenjährige, war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, was das bedeutete. In Boots Gehirn wuchs eine Geschwulst.
»Können Sie das nicht einfach rausschneiden?«, fragte sie.
Hazels Mutter brach in Tränen aus, als sie den hoffnungsvollen Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Tochter sah. Der Tierarzt kniete sich vor Hazel, damit er ihr in die Augen schauen konnte. »Es tut mir leid, Liebes, ich fürchte, das können wir nicht.«
An dem Tag, an dem sie Boots im Garten hinterm Haus begruben, versuchte Hazel mit aller Macht, nicht zu weinen. Sie glaubte, Boots würde nicht wollen, dass sie weinte. Als die letzte Schaufel Erde auf sein Grab geworfen wurde, konnte Hazel nicht mehr an sich halten und ihr ganzer Kummer brach aus ihr heraus. Sie rannte ins Haus, warf sich aufs Bett und kam an diesem Tag nicht mehr aus ihrem Zimmer.
Als sie zehn Jahre später Jared Stone in den Nachrichten sah, zusammen mit seiner Frau, seinen Töchtern und dem Hund, und hörte, wie er über seinen Gehirntumor sprach, musste sie sofort an Boots denken. Sie setzte sich an ihren Computer und schickte den Mitgliedern ihrer Warcraft-Gilde eine Nachricht mit dem Betreff: »Alarm! Alarm! Wir müssen Jared Stone helfen!«
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An dem Abend, an dem Ethan Overbee Jared in den Nachrichten sah, verschwand sofort jeder Gedanke an seine Sekretärin Monique aus seinem Kopf. Sein erster Gedanke war Abgefahren. Gefolgt von VERDAMMT abgefahren!
