Welt ohne Skrupel - Jim Nisbet - E-Book

Welt ohne Skrupel E-Book

Jim Nisbet

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Beschreibung

Klinger hat schon einiges durchgemacht und hängt am liebsten unter seinesgleichen in den lausigsten Kaschemmen San Franciscos ab. Mit Kaffee, Zigaretten und ein paar Drinks durch den Tag zu kommen und eine Bleibe für die Nacht zu finden sind sein Ansporn, sich als Kleinkrimineller seinen Pflichtanteil am Leben zu ergaunern. Doch als er einen Betrunkenen aufs Korn nimmt, der sich als wichtiger App-Entwickler entpuppt, schnallt Klinger, dass sich mit einem glimmenden Smartphone oder einem Börsengang weitaus mehr absahnen lässt als mit den kleinen Gaunereien der Nacht … In Jim Nisbets Roman kämpft die Welt der altbewährten Form zwischenmenschlicher Kommunikation Rückzugsgefechte gegen eine Technologie der Kontrolle, die jede menschliche Regung registriert und analysiert.

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Seitenzahl: 258

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Inhalte

Titel

Zitat

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Abspann

Pulp Banner

Jim Nisbet
Welt ohne Skrupel
Baby, wo auch immer du stirbst, gibt es jemanden, der zusieht. Es spielt keine Rolle, ob sie dich im Bett sterben sehen, oder auf einem Stuhl, irgendjemand wird da sein. Es ist ausschließlich ein Zuschauersport.
— Elliott Chaze, Black Wings Has My Angel.
Wenn es an der Zeit ist, dass ein Mensch stirbt, führt Gott ihn an den perfekten Ort.
1
Der Miata überwand die Kante und knickte einen Lichtmast ab. Der Zusammenprall löste die Airbags aus, aber Chainbang war zur Stelle. Er zerstach den von Klinger, bevor sich das Ding vollständig entfaltet hatte, und den eigenen, bevor der die Crackpfeife in seiner, Chainbangs, Brusttasche zerdrücken konnte. Die fünfzehn Zentimeter lange Klinge schoss durch das Nylon wie ein Pitbull durch einen Kindergarten.
So zumindest Klingers Gedanke. Damit beschäftigt, die vom Rand des Lenkrades übertragenen Erschütterungen mit den Armen abzufangen, achtete er nicht auf den Schnitt in seiner rechten Wange, hervorgerufen von einer Klinge, die in ihrer Bahn von dem sich aufblähenden Gewebe abgelenkt worden war. Und dann, beim Zerfetzen der eigenen Sicherheitsvorrichtung, stach Chain­bang sich selbst, unterhalb des Kinns.
Keiner von beiden bekam es mit.
Der Lichtmast krachte kopfüber auf die nach Norden führenden Fahrspuren der Webster Street und ließ einen Funkenregen auf dem Bürgersteig niedergehen.
Mit abgesoffenem Motor landete der Miata jenseits des Mittelstreifens, mitten zwischen den beiden nach Süden führenden Fahrbahnen, die Schnauze Richtung Norden.
Es war halb vier am Morgen. Kein Verkehr derzeit. Klinger betätigte den Anlasser.
Die Zündung gab nur ein schwaches »klick!« von sich. Er drehte den Schlüssel ein weiteres Mal. Gleiches Er­gebnis.
»Die Scheißkarre gibt auf, obwohl sie in Führung liegt«, bemerkte Chainbang.
»Wie man’s nimmt«, meinte Klinger, »sie steigt aus, ob­wohl wir im Verzug sind.«
Mit der Klinge seines Messers schlug Chainbang ein paar Takte auf der Lippe des aufgerissenen Mauls des Armaturenbretts. Die nächste Feuerwehrwache liegt nur vier Straßenkreuzungen weiter an der Turk und Webster. Das nächste Polizeirevier befindet sich von der Feuerwache aus gesehen gleich um die Ecke, Höhe Turk und Fillmore.
Chainbang starrte auf die Straße und klopfte mit seinem Messer rhythmisch auf das Vinyl, als oberhalb des Garagentors der Feuerwache ein rotes Licht zu rotieren begann.
»Sinnlose Gewalt«, sagte Klinger. Er drehte den Schlüs­sel im Zündschloss, als drehe er einen Korkenzieher in einen Korken. »Meinst du, du hast den Typ umgebracht?« Chainbang zuckte mit den Achseln.
»Ich habe so hart wie möglich zugeschlagen.«
»Sollte gereicht haben«, befand Klinger finster, und jetzt – obwohl er dem bockigen Anlasser Geduld entgegengebracht hatte – brach der Bart des Schlüssels im Zündschloss ab.
So ist das mit dem Adrenalin, dachte Klinger und fuhr mit dem Daumen über den Stumpf des Schlüssels im Schatten der Lenkradsäule. Unter seinem Einfluss weiß ein Mann nichts von seinen Kräften.
Hinter dem nach oben gleitenden Garagentor von San Franciscos Feuerwache 5 sandte eine Sirene ihr Auftaktgeheul nach draußen.
Klingers Hand fiel auf den Türgriff. »Wird Zeit abzuhauen.« Er streckte die andere Hand aus. »Gib mir die Hälfte von dem, was deine Tasche hergibt.«
Chainbang starrte weiter durch die Windschutzscheibe und er schlug weiter mit der Klinge seines Messers auf die Überbleibsel des Armaturenbrettes. Sein Blick konzentrierte sich auf das Glas. Jetzt fiel ihm der lange Sprung auf, der wie ein Mäander von der unteren rechten Ecke der Windschutzscheibe bis zu ihrer linken oberen Ecke auf der Fahrerseite verlief. Er mäanderte, wie der Snake River durch das in Nebel gehüllte Reservat seiner Jugend mäandert war. »In Nebel gehüllt« trifft es nicht – Chainbangs Erinnerung an seine Jugend lag nachhaltig verfremdet hinter der beschmierten Stärke einer beliebigen Anzahl mit Graffiti versehener Polycarbonatplatten.
Mit heulender Sirene, mit flackerndem Licht, so rollte das Feuerwehrfahrzeug durch das offene Garagentor der Feuerwache.
Chainbang erwog, die fordernde Hand auf den Schaltknauf zu spießen, bevor er verduften würde. Aber, so seine Überlegung, die Nachricht über diesen minderschweren Verrat würde unweigerlich in jedem Schuppen die Runde machen, wo er nach diesem oder einem anderen Fischzug aufschlagen würde, und Scheißkerl hin oder her, niemand, auch nicht ein Klinger, der auf diese ungewöhnliche Weise ans Messer geliefert werden wür­de, war gänzlich ohne Freunde. Und war nicht sogar er in dieser Hinsicht einer von Klingers Freunden?
Das Feuerwehrfahrzeug hatte, einer Seenadel gleich, sein Versteck vollständig verlassen und richtete seine Scheinwerfer gen Süden, auf den Miata, die Sirene voll aufgedreht.
»Hey! Aufwachen! Rück’s raus!«
Chainbang schob die freie Hand in die Tasche seiner Windjacke und fischte eine Handvoll Scheine heraus. Hier, im Dunkeln, hätte er nichts über Wert und Anzahl der Scheine sagen können und doch drückte er sie Klinger in die ausgestreckte Hand. »Du solltest einiges davon in Fahrstunden investieren, Arschloch.«
Klinger verlor keine Zeit. Die Tür auf seiner Seite klemm­te, war sie es gewesen, die den Lichtmast ge­rammt hatte. Da sie ihre Überfälle auf die Schnapsläden mit zurückgeklapptem Verdeck durchgezogen hatten, unfähig dahinterzukommen, wie sie es hätten aufstellen können, versuchte er jetzt, mit Würde aus dem gestohlenen Sportwagen zu steigen. Doch seine Beine verhedderten sich in den Resten des Airbags und er fiel samt seiner Würde kopfüber auf die Straße.
Durch Klingers Erfahrung schlau geworden, nahm sich Chainbang die Zeit, seinen Airbag schadenfroh in Fetzen zu reißen, bevor er die Beifahrertür öffnete und auf den begrünten Mittelstreifen – einst Standort des gefällten Lichtmastes – trat. Das Feuerwehrfahrzeug war jetzt drei Blocks entfernt. Irgendwo etwas weiter entfernt ertönte die klar zu unterscheidende Sirene eines Rettungswagens. Die für San Francisco übliche Maßnahme in Notfällen: ein oder zwei Fahrzeuge der Feuerwehr und ein Rettungswagen. Erst wenn jemand entschieden hatte, dass ein Verbrechen vorliege, wurden die Cops alarmiert.
Östlich der Webster, hinter dem Lichtmast, lagen acht Blocks mit Sozialwohnungen, wo sich Chainbang nur zu gut auskannte.
Es hatte Zeiten gegeben, da hätte er eines der Eingangstore überwunden und Zuflucht in einer verlassenen Wohnung gesucht oder bei den zahlreichen Fixertreffpunkten oder dort, wo man bekanntermaßen Flüchtige gegen Bares aufnahm. Früher verfolgten die Cops einen Mann nur bis zum Rand der Anlage, machten dort halt, unabhängig davon, wie intensiv ihre Verfolgungsjagd gewesen sein mochte, denn selbst die Cops schreckten davor zurück, ohne entsprechende Unterstützung die Grenzen dieser und anderer Sozialbausiedlungen zu überschreiten, sogar am Tage.
Aber diese Zeiten waren vorbei. Heute Nacht – Chainbang ließ die Gegend an seinem geistigen Auge vorüberziehen – bot sich ihm mit dem Alamo Square, zwei Blocks die Grove Street hoch, eine bessere Möglichkeit. Er konnte den Rest der Nacht dort zubringen, versteckt in Strauchigem Salbei von den Ausmaßen eines Heu­haufens. Solange die Cops keine Hunde einsetzten, war für ihn alles in Butter.
Er ging um das Heck des Miata und setzte Klinger einen Fuß auf die Brust.
»Hey, was soll das?«
»Komm mir nicht hinterher, Mann«, sagte Chainbang. Er zeigte auf die hügelige Straße. »Such dir deinen eigenen Weg.« Er deutete auf die Sozialbausiedlung.
»Keine Sorge, du Wichser«, sagte Klinger, nachdem er sich von der Überrumpelung erholt hatte. »Ich bin ge­nug hinter dir her. Das reicht für eine Nacht.«
»Du hast die Knarre, oder?«
»Die Knarre?« Klinger wollte sich aufsetzen, doch der Fuß hielt ihn unten. Klinger fügte sich. »Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, lag sie auf der Mittelkonsole.«
Chainbangs Blick wanderte zum Wagen. Ein Scheinwerfer war noch intakt, aber sein Strahl verlief sich in den Bäumen, die entlang des Mittelstreifens Richtung Norden aufgereiht standen. Das Wageninnere war ein Knäuel aus dunklem Nylon.
Zwei Kreuzungen weiter, an der Webster Ecke McAllister Street, brach das Feuerwehrfahrzeug in wütendes Hupen aus, als der SUV eines entgeisterten Fahrers, der trotz Lärms und Scheinwerfern auf die Kreuzung gefahren war, direkt vor dem Feuerwehrfahrzeug zum Halten kam.
Zwei weitere Kreuzungen weiter fuhr der rote Einsatzleitwagen aus der Feuerwache und bog mit heulender Sirene und flackerndem Licht nach Süden ab. Klinger sah hoch zu Chainbang und lachte. »Warst du nicht der Letzte, der mit einer Knarre hantieren würde?«
Chainbangs Miene verdüsterte sich und er hob das Messer.
Klinger schleuderte Chainbang die Geldscheine ins Gesicht, verdrehte das Knie über dem ihn beleidigenden  Fuß und rollte zur Seite.
Unter Fluchen fiel Chainbang rückwärts in den Miata. Klinger sprang auf und rannte los.
Nach zwei Dritteln der Strecke zur Fillmore hörte Klinger das Quietschen von Reifen und gebellte Anordnungen aus einem oberhalb der Stoßstange montierten Lautsprecher. Klinger nahm sich zusammen, verlegte sich aufs Gehen, und dann drehte er sich um.
Keine hundert Meter den Hügel hinunter blockierte ein Streifenwagen die Straßenkreuzung und vor dem Streifenwagen stand Chainbang im Licht der Scheinwerfer, blinzelnd und mit erhobenen Händen. Hinter ihm sandte der verunglückte Mazda Rauchwolken in die Luft. Das Papier, das überall verstreut auf der Kreuzung lag, war sehr wahrscheinlich dereinst legales Zahlungsmittel gewesen und würde es dereinst wieder sein. Doch auf die Distanz hätte Klinger es nicht genau zu sagen vermocht. Ebenso gut hätten es Kalenderblätter sein können, von einem Windzug am allerletzten Geschäftstag des Jahres durch die Schluchten eines dunklen Finanzdistriktes ge­trie­ben.Wie die meisten unbeteiligten Zuschauer es getan hätten, blieb Klinger wie angewurzelt stehen, während die Festnahme vonstattenging. Er hörte Chainbang protestieren, konnte aber aufgrund der Entfernung nicht verstehen, was gesagt wurde. Ein Cop hatte sich vor Chainbang aufgebaut, leuchtete ihm mit einer Taschenlampe ins Gesicht. Ein zweiter stand hinter Chainbang, eine Hand an seiner Dienstwaffe. Der dritte legte die Handschellen an.
Ein Haus weiter, im ersten Stock, rasselte ein Schiebefenster in seinem Rahmen. »Was ist passiert?«, fragte eine verschlafene Stimme.
»Weiß nicht genau«, antwortete Klinger ohne sich um­zudrehen. »Zuerst dachte ich, es wär ein Unfall, aber es sind ’ne Menge Cops da.«
Jetzt traf das Feuerwehrfahrzeug ein und kurz darauf der rote SUV des Einsatzleiters, dann der Rettungswagen und schließlich ein weiterer Streifenwagen.
»Mannomann«, sagte der Mann am Fenster.
Klinger gestattete sich ein »Ja«.
»Ich möchte nur wissen, warum in San Francisco bei jedem Notruf zwei Fahrzeuge der Feuerwehr und ein Rettungswagen losgeschickt werden«, sagte der Mann am Fenster.
Klinger nickte.
»Ich meine«, fuhr der Mann am Fenster fort, »das kostet den Steuerzahler schließlich Geld.«
Klinger nickte etwas lebhafter.
»Man fragt sich, wie es sein kann, dass die angesichts der ganzen Einsparungen, der Schließungen von Parks und Schulen, der Kürzungen bei den Polizeistreifen und was weiß ich noch alles nicht nur ein Fahrzeug zu einem Brand schicken oder einen Rettungswagen bei Atemnot oder einen Streifenwagen bei häuslichen Streitigkeiten. Was meinen Sie?«
Jetzt lag Chainbang mit dem Gesicht nach unten auf der Motorhaube, redete unaufhörlich über seine Schulter hinweg, völlig unbeachtet von dem Polizisten, der sorgfältig Chainbangs Taschen durchsuchte. Chainbang wird doch wohl das Messer entsorgt haben? Denkste! Da lag es auf der Klappe des Kofferraums, die Klinge noch aufgeklappt, am Rande eines Lichtkreises, zusammen mit dem Bandana. Das Bandana war noch verknotet.
Chainbang gefiel es, Läden mit einem Bandana über Mund und Nase zu überfallen. Wie Jesse James und so, wie er gern bemerkte.
»Meinen Sie nicht?«, hakte der Mann am Fenster nach.
»Ja, schon.« Klinger nickte, gab sich nachdenklich. »Aber San Francisco ist eine Stadt mit Holzhäusern. Jedenfalls war sie das mal. Es gibt Feueralarm, also musst du sofort das schwere Geschütz auffahren. Verdammt, es war nicht das Erdbeben, das die Stadt 1906 niedergemacht hat, es war das Feuer, das danach tagelang wütete. Sie hatten nicht genügend Wasserdruck, nicht wahr, und dann die gesamte Stadt aus Holz gebaut, also ging der ganze Laden in Flammen auf wie Dresden im Zweiten Weltkrieg. Genauso wie Nagasaki, auch ’ne Stadt aus Holz. Oder Saint-Malo.«
»Wovon reden Sie eigentlich?«, fragte der Mann am Fens­­­­­­­ter.
Klinger runzelte die Stirn.
»Von Städten, die leicht in Flammen aufgehen?«
»So?« Der Mann am Fenster gähnte. »Von diesen Städten habe ich noch nie etwas gehört.«
Klinger widerstand dem Impuls, dem einzigen weiteren Zeugen des Polizeieinsatzes in der Webster Street mit Erstaunen zu begegnen.
»Sie sind alle abgebrannt«, sagte er lediglich, und er sagte es, als spreche er mit sich selbst.
Der Mann am Fenster erwiderte nichts. Unten an der Kreuzung hatte der Polizist eine Handvoll hastig zu einem Bündel zusammengepackter Scheine aus Chainbangs Gesäßtasche gezogen. Und ich hab gedacht, er hat das Geld aus seiner Jackentasche genommen, ging es Klinger durch den Kopf.
»Na ja«, nahm der Mann am Fenster den Faden wieder auf. »Wenn die beim Notruf wenigstens eine gewisse Unterscheidung treffen würden.«
»Aber das machen sie doch«, behauptete Klinger. »Mal kürzlich beim Notruf angerufen?«
Keine Antwort.
Okay, dachte Klinger. Entweder der Typ ist ’n Schisser oder er hängt ständig an der Notrufstrippe und will nicht, dass ich ihn für einen Anschwärzer halte, obwohl er keinen blassen Schimmer hat, wer ich bin.
»Sie fragen jetzt nach«, sagte Klinger. »Um welche Art Notfall handelt es sich, mein Herr oder gnädige Frau, je nachdem.«
»Ach«, sagte der Mann am Fenster. »Tatsächlich?«
»Aber sie schicken immer noch mindestens ein Fahrzeug der Feuerwehr und einen Notfallwagen.«
»Aber wozu?«, beharrte der Mann. »Das kostet.«
»Vielleicht sollten Sie mal zu deren Veranstaltungen gehen«, schlug Klinger vor.
»Als wenn ich die Zeit hätte, zu solchen Veranstaltungen zu gehen«, gab der Mann mit müder Stimme zu­rück.
Klinger zuckte mit den Achseln. »Vielleicht schauen Sie mal online nach.«
»Mannomann«, sagte der Mann, »ich muss online nach­­­schauen, was mit meinem Leben passiert.«
Das haben Sie gesagt, dachte Klinger. Nicht ich. Das Fenster rasselte nach unten.
An der Kreuzung las ein Cop Chainbang seine Rechte vor. Das Feuerwehrfahrzeug wendete und fuhr zur Feuerwache zurück.
Das wär jetzt Nummer drei, dachte Klinger, also macht es keinen großen Unterschied, ob Chainbang mich verpfeift oder nicht. Er sieht harten Zeiten entgegen, komme, was da wolle. Klinger verzog das Gesicht. Er hätte mich ohne Probleme töten können und vermutlich hat er diesen Typ hinter der Kasse umgebracht. Es könnte durchaus die Entscheidung bringen zwischen lebenslänglich ohne Aussicht auf Bewährung oder der Giftspritze. Aber Chainbang lässt keinen hochgehen.
Zurück in den Knast, und wofür? Einhundert Flocken? Zweihundert? Klinger hatte keinen Schimmer, wie viel sie aus der Kasse erbeutet hatten, aber das spielte jetzt auch keine Rolle.
Ein paar Meter weiter ging eine Tür auf und eine Frau erschien auf der Bildfläche, einen Hund an der Leine.
Der Hund erleichterte sich dankbar am Stamm des erstbesten Baumes, auf den er stieß. »Hallo«, sagte die Frau leise, als sie samt Hund die Steigung hochkam. Sie war jung, hübsch und ge­schmack­voll angezogen.
»’n Abend«, erwiderte Klinger. »Netter Hund.«
»Danke«, sagte die Frau.
Klinger hielt dem Hund die Innenseite seiner Hand hin und der Hund schnüffelte daran, ohne rechtes Interesse. »Sieht aus wie eine Promenadenmischung.«
»Ein Labradudel«, sagte die Frau.
»Ach? Ist das eine Züchtung?«
Die Frau nickte und lächelte verschlafen. »Jetzt ist sie es.«
»Labrador und Pudel, nehme ich an.«
»Genau.«
Der Hund wedelte leicht mit dem Schwanz.
»Wie heißt sie denn?«
»Sein Name ist Latte.«
Klinger zwinkerte als Erster.
»Was ist denn da unten los?«, fragte sie.
Klinger sah hoch, während er Lattes Kopf streichelte.
Auf der Kreuzung hielt ein Cop die Hintertür des Streifenwagens auf. Ein anderer Cop, eine Hand an Chainbangs Ellbogen, drückte Chainbangs Kopf nach unten, damit er nicht gegen den Rahmen stieß. Selbst aus dieser Entfernung hätte Klinger sehen können, dass die Innenseite der Hintertür keine Griffe hatte. Aber vielleicht wusste er das ohnehin. »Irgendein Unfall, nehme ich an.«
»Sieht aus, als hätten sie den Mann festgenommen. Hat er den Wagen gefahren?«
Ein Abschleppwagen traf ein, gelbe Lichter flackerten, und er blieb so stehen, als wolle er Klinger die Sicht auf Chainbang völlig versperren. Der Fahrer stieg aus der Fahrerkabine und machte sich daran, mit einem Polizisten den Papierkram zu erledigen.
»Keine Ahnung«, sagte Klinger. »Ich bin hier gerade die Steigung hoch, als ich das Krachen hörte und ... « Er zuckte mit den Achseln. »Ich glaube, er hat einen Laternenmast mitgenommen. Als Nächstes gab’s dann viel flackerndes Licht. Sie sind recht schnell hier gewesen.«
»Beides, Feuerwache und Polizeirevier, ist gleich hier die Straße hoch. Vielleicht ist der Fahrer irgendwie angeknockt«, mutmaßte die junge Frau.
»Schon möglich.« Klinger gelang ein Lächeln. »Es ist reichlich spät, um nicht angeknockt zu sein.«
Die junge Frau sah ihn an. Er sah sie an. Hätte ich entsprechend Geld, dachte er, wäre ich ganz sicher angeknockt. Und so wie Sie aussehen, junge Frau, können Sie es sich allemal leisten, angeknockt zu sein, und doch sind Sie es nicht um halb vier am Morgen. »Sind Sie gerade von der Arbeit gekommen?«, wagte er zu fragen.
Sie nickte. »Nun, die Zeit reicht, um mich ein wenig hinzulegen, mich frisch zu machen, den Hund zu nehmen und auszuführen, um dann demnächst wieder auf der Matte zu stehen – «
»Termindruck«, warf Klinger ein.
»Börsengang«, klärte sie ihn auf.
»Börsengang«, wiederholte Klinger stumpf.
»Das ist wahnsinnig spannend«, sagte sie. »Keiner weiß, was passieren wird.«
2
Mary Fiducione trank ihren morgendlichen Tee stets in dem kleinen Garten an der Rückseite ihrer Wohnung.
Dexter Gordons Version von Don’t Explain floss ruhig durch den Morgen, rieselte aus einem Paar ramponierter Lautsprecherboxen, die am jeweiligen Ende des Balkens oberhalb der gut zwei Meter hohen Schiebetür und unterhalb des kleinen Vordaches verschraubt waren, das ein wenig Schutz vor den Unbilden des Wetters bot. Ein Kolibri und eine dicke Hummel wechselten einander ab bei der Begutachtung der schimmernden Kelche eines Stechapfels, der die hintere Ecke des kleinen Gartens überwucherte. Eine Zierpflaume daneben, erst vor einer Woche Verkünderin des Frühlings, reckte ihre malvenfarbenen Blüten über den angegrauten Lattenzaun, der an der Nordseite des Grundstücks verlief. Den verwitterten Tisch, an dem Mary saß, bedeckte ein ausgeblichenes Tuch, darauf die Abbildung einer Frau mit Sonnenbrille, einer Frisur à la Jackie O. und im Cocktailkleid, das Ganze gekrönt von dem Schriftzug Queen Of Fucking Everything. Auf dem Tisch lagen die New York Times, der Chronicle und ein Exemplar von Janet Hobhouse’ Die Furien neben einer Kanne schottischen Schwarz­tees, einem Teelöffel und einer sehr zerbrechlich wirkenden Keramiktasse samt Unterteller, beides mit Teerosendekor in einem ins Pink spielenden Kirschrot.
Es waren jedoch The Complete Idiot’s Guide to Developing iPhone Apps, ein Netbook und vor allem ihr iPhone, die Mary an diesem Morgen Interesse abnötigten.
Es läutete an der Tür.
Mary runzelte nachdenklich die Stirn und tippte weiter in die virtuelle Tastatur des Telefons.
Nach einer Minute klingelte es ein weiteres Mal.
Mary fiel plötzlich ein, dass sie darauf wartete, UPS möge ihr das neue Gürtelholster für ihr Telefon liefern. Den nachdenklichen Blick unverwandt auf die Tastatur gerichtet, stand Mary auf, ging durch die offene Schiebetür, durchmaß die gesamte Länge des im Erdgeschoss gelegenen Apartments und öffnete die Tür.
»Hallo!«, sagte Klinger.
Mary sah von ihrem Telefon auf, blickte dann wieder darauf und sah erneut hoch. »Handelt es sich um Kelchblätter einer Salvia leucantha da in deinem Haar oder bist du einfach nur froh, mich zu sehen?«
Klinger verdrehte seine Augen bis zum Anschlag. »Solltest du dich auf die violetten Teile des Strauchigen Salbeis beziehen, ja. Und ansonsten: vermutlich.«
Sie blickte nach unten und wieder hoch. »An deiner Wange ist Blut«, stellte sie fest und sah hinunter auf das Gerät in ihrer Hand.
Klinger betastete seine Wange und betrachtete dann seine Fingerspitze. »Muss mich beim Simsen verletzt haben.«
Ohne auf seine Stichelei zu reagieren, hob Mary das Telefon in die Höhe und machte einen Schritt zur Seite.
Klinger betrat das Apartment. »Schon den Posteingang gesichtet?«
Mary runzelte die Stirn. »Die Post kommt immer erst gegen – ach!« Sie ging in den Flur.
Klinger steuerte direkt das Badezimmer an, schloss die Tür und erleichterte sich. Nachdem er die Spülung betätigt hatte, zog er den Reißverschluss zu und ging in den Küchenbereich, wo er dreimal in schneller Folge ein großes Glas mit Wasser füllte und den Inhalt hinunterstürz­te. »So früh und die Wasserspeicher müssen bereits aufgefüllt werden?«, bemerkte Mary.
Klinger, der das Glas absetzte und die dritte Füllung hinunterschluckte, nickte stumm und mit vermindertem Elan, bevor er deutlich vernehmbar ausatmete.
»Tu dir keinen Zwang an«, sagte Mary nur, als sie an ihm vorbeiging.
Klinger nickte, dann seufzte er stoßweise, so, dass seine Lippen flatterten. »War kalt letzte Nacht«, sagte er schließlich. »Außerdem neblig. Feucht. Nass. Scheußlich.«
»Du solltest ein wenig strenger vorgehen, was die Wahl des Zeitpunktes für ein Camping anbelangt«, schlug Mary ihm vor, als sie durch die Schiebetür nach draußen trat. »Wobei ... ich sehe mich genötigt, dich daran zu erinnern, dass es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur unpassende Kleidung.« Kaum draußen, setzte sie sich wieder an den Tisch und deutete mit der Hand auf den Stuhl ihr gegenüber. »Komm her, setz dich.« Sie gestikulierte mit dem Telefon in Klingers Richtung. »Hunger? Immer noch durstig?«
»Müde«, sagte Klinger, als er durch die Tür ging. »Ab­gekämpft. Alles klamm, durch und durch.«
Er setzte sich in dem Moment, als Dexter Gordon sich auf Stille verlegte. »Unrasiert. Unsaubere Kleidung. Auf ganzer Linie ein Versager.«
Mary tippte auf das Display ihres Telefons. »Wehleidig«, sagte eine Computerstimme, gefolgt von reichlich blechernen Tönen — Beautiful Dreamer, von jemandem aus einer verstimmten Geige hervorgekratzt. »Wehleidig«, wiederholte das Telefon.
»Bitte, was?!« Klinger blinzelte.
»Beleidigt«, sagte das Telefon. »Beleidigt ... «
»Eine App zum Identifizieren von Stimmungen.« Mary tippte auf das Display und das Telefon verstummte. »Sie ist seit vielleicht zwei Monaten zu haben und wurde be­reits einhundertfünfunddreißigtausendmal runtergeladen.«
Klinger demonstrierte Verwirrung, indem er eine Hand hob und den Kopf schüttelte.
»Kannst du neun Komma fünfundneunzig mit einhundertfünfunddreißigtausend multiplizieren?«, fragte Mary ungeduldig. »Ich geb dir einen Tipp.«
Klinger zog die Brauen zusammen.
»Runde auf zehn auf.«
Klinger setzte eine mürrische Miene auf.
»Eine Million einhundertfünfunddreißigtausend, so lautet die Antwort. Und zwar Dollar, und das ist krass.«
Klinger gab ein lautes Seufzen von sich.
»Die allgemein übliche Vereinbarung beschert dem Entwickler Tantiemen in Höhe von siebzig Prozent des Umsatzes. Bist du in der Lage, siebzig Prozent von eins Komma drei fünf null multipliziert mit zehn hoch sechs ausrechnen? Ich will dir die Mühe ersparen: neunhundertfünfundvierzigtausend.« Sie hob die von einem Telefon unbelastete Hand – »Da fehlt nur noch läppisch wenig bis zu einer Million« – und schlug auf den Tisch, sodass Teekanne, Tasse, Untertasse, Klinger und selbst Janet Hobhouse in die Höhe sprangen.
»In zwei Monaten!«
Klinger griff sich mit beiden Händen an den Magen und starrte auf den Boden. »Ich glaube, ich muss mich übergeben.«
Mary beachtete ihn nicht.
»Und meine großartige App, Tante Cringles Führer durch Kaliforniens Pflanzenwelt, wurde klägliche dreizehntausendmal runtergeladen«, maul­te sie.
»Tatsächlich?« Klingers Magen produzierte Geräusche, denen nicht unähnlich, die er nach dem Verschlucken eines Vibraslaps hervorgebracht hätte. »Und das soll was bedeuten? Du hast lumpige neuntausend Kröten in zwei Monaten eingestrichen, seitdem du deine Anwendung lanciert hast?«
»Drei«, korrigierte Mary ohne Umschweife. »Ich habe neuntausend Kröten in drei Monaten eingestrichen. Und in Anbetracht von Mietpreisbindung und sozialistischer Krankenversicherung meinen Job vor zwei Wochen ge­kündigt«, fügte sie stolz hinzu.
Klinger runzelte die Stirn. »Warst du noch in dieser Fabrik für Glückskekse?«
Mary nickte.
»Schön für dich.« Klinger rülpste voller Inbrunst. »Das verschafft dir die Zeit, beim Canasta richtig gut zu werden.«
Mary beugte sich in ihrem Stuhl nach vorn und fragte bedeutungsschwanger: »Kennst du den Bestseller unter den sogenannten Sensory Apps?«
»Nein«, bekannte Klinger, und es entsprach der Wahrheit.
»Man hält das Telefon vor eine Person, die rülpst oder furzt.«
Klinger runzelte misstrauisch die Stirn. »Und ...?«
Mary nickte. »Das Telefon sagt einem, was die Person gegessen hat.«
»Du meinst, man ... man hält das Telefon an den Mund oder den Arsch dieser Person?«, fragte Klinger ungläubig.
»Meinst du das im Ernst?«
»So ernst wie Mahler seine Neunte.« Mary klopfte im Takt der Betonung der einzelnen Silben der Bilanzsumme auf den Tisch: »Vierzehn Millionen fünfhunderttausend Downloads.«
»Was, wenn man nichts gegessen hat?«
»Auf nüchternen Magen sozusagen?« Mary dachte nach. »Dann kommt es vermutlich zu einer Unterbrechung«, sagte sie schließlich. »Fehlercode.«
Klinger musste aufstoßen, und zwar nicht zu knapp. »Das kauf ich.«
»Mehr als zehn Millionen an Lizenzgebühren«, sagte Mary geradezu entrückt.
»Wir reden hier über deine beschissene Zucht von Scharlatanerie, die ihre eigene Wirklichkeit unterstützt«, entfuhr es Klinger gereizt. Allmählich machte er sich Gedanken um seinen Magen. Eigenartige Gase bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche des Wassers, das er gerade getrunken hatte, und trieben dabei den ph-Wert mächtig in den sauren Bereich.
Mit seinem Magen stimmte etwas nicht, seit er, Klinger, im Verlaufe eines Alkoholexzesses Blut geschissen hatte ... Seit ... Klinger runzelte die Stirn. Klinger konnte sich nicht mehr erinnern. Wie auch immer ... er hatte vor Kurzem damit begonnen, das Trinken einzuschränken, einigermaßen. Ohne Geld fiel das Sicheinschränken natürlich leichter. Falsch. Aber er war beunruhigt, dass es sich um eine dauerhafte Schädigung handeln könnte, wodurch sich sein mithilfe von Alkohol in Zeitlupe verübter Selbstmord als Farce herausstellen könnte. Das machte ihn nervös.
»Zehn Millionen Dollar«, wiederholte Mary.
»Weißt du, was Stendhal mal gesagt hat?«
»Scheiße, nein«, erwiderte Klinger im Brustton der Über­zeugung.
»Er hat gesagt, er sitze lieber die Hälfte des Monats im Gefängnis, statt mit den Leuten, die ihm auf der Straße begegneten, Konversation machen zu müssen.«
»Ach was?!« Klinger lächelte, fast.
»In etwa dahingehend.«
»Und wann hat er das gesagt?«
Mary überlegte. »Ich denke, es muss mittlerweile um die zweihundert Jahre her sein«, erklärte sie schließlich.
Klinger nickte, seine Miene verbissen. »Manche Dinge ändern sich nie.«
»So scheint es.«
Neben einem der Tischbeine stolperte eine Kellerassel durch das Gras. Halm für Halm, Bruder. Klinger bewegte seinen Fuß, machte den Weg frei. »Kann dieses Dingens den Gestank von Acetylen bei einem Betrunkenen erkennen? Oder was immer auch das Nebenprodukt der Entfaltung von Alkohol und der Aktivität der armen noch verbliebenen Leberzellen sein mag.«
Mary zuckte mit den Achseln.
»Ich bin mir nicht sicher.« Sie schnippte mit den Fingern. »Vielleicht ist das eine App, die du und ich ge­meinsam entwickeln könnten.« Sie setzte sich wieder aufrecht hin. »Bestimmt. Das Telefon könnte dir mitteilen, wie hoch der Anteil der Enzyme ist. Womöglich versetzt das einem Trinker einen Wahnsinnsschock, genug, damit er sich bessert.« Sie schnippte noch mal mit den Fingern. »Unsere App könnte quasi der Kanarienvogel in der Goldmine sein.«
»Im Grunde«, Klinger ging auf den Scherz ein, »könn­te man doch aus dem Telefon einen Alkotester machen. Der Typ spricht hinein, ist zu betrunken um zu fahren, das Telefon blockiert seine Zündung und ruft ihm ein Taxi.« Er ballte die Faust vor seinem Mund und sprach mit verzerrter Stimme: »Fahruntüchtig.«
Mary sah Klinger entgeistert an.
»Das ist einfach brillant.«
»Warte«, sagte Klinger. »Der Typ ist sturzbetrunken, sein Telefon meldet sich bei den Bullen, verpfeift ihn. So sparen die Bullen Zeit und Kosten für Verkehrskontrollen.«
»Das ist einfach großartig!«, rief Mary begeistert aus. »Es wurde immer gesagt, dem Staat sei am besten mit Schweigen gedient. Aber mittlerweile ist dem Staat am besten mit Telefonen gedient!«
»Das Meldofon.« Klinger musste unwillkürlich lachen. »Das hier hört sich noch besser an!« – er zeigte mit dem Finger auf Mary – »der iMelder.«
»iMelder!« Jetzt zeigte ihr Finger auf Klinger. »Was für eine App!«
»Damit machen wir Millionen!«, sagten beide wie aus einem Munde.
Nach nur kurzer Zeit machte ihr Gelächter einem Schweigen Platz.
Nachdem sie zunächst den Frühnebel erfolgreich hatte durchstechen können, hatte sich die Sonne darangemacht, die Luft in dem kleinen Garten zu erwärmen. Der Kolibri schwirrte umher. Mit einem Brummen schwang sich die Hummel schwerfällig über den Zaun und verschwand. Klinger, der jeden Knochen spürte, nachdem er sich drei bis vier Stunden im Alamo Square Park der Witterung ausgesetzt hatte – ganz zu schweigen von seinem Marsch zu Marys Apartment, einer Strecke von gut zwei Meilen, ganz zu schweigen vom Zusammenstoß mit dem Lichtmast –, bewegte seinen Kopf, seine Beine, seine Arme, jedes einzelne Gelenk, nur um das Knacken zu spüren.
Die Kellerassel hatte die halbe Strecke zwischen den beiden Tischbeinen auf Klingers Seite zurückgelegt. Klinger fragte sich, was Kellerasseln so zu sich nähmen.
»Und? Arbeitest du derzeit?«, erkundigte sich Mary, ohne von ihrem Telefon aufzusehen.
Klinger schenkte der Kellerassel ein halbes Lächeln. »Nichts, was der Rede wert wäre.«
Voll auf ihre über das Display flitzenden Daumen konzentriert, reagierte Mary nicht.
Klingers Lächeln verabschiedete sich. Nach einer Minute wiederholte er: »Ich sagte, nichts, was der Rede wert wäre.«
»Ah ja«, antwortete Mary, während ihre Daumen weiter das Telefon bearbeiteten. »Brauchst du Geld?«
Klinger nickte müde. »Ich brauche Geld, falsche Pa­piere, einen Wagen, einen trockenen Platz zum Schlafen, ein Steak und einen Dreiviertelliter Whiskey. Immerhin«, er lächelte kraftlos, »ich bin keine anspruchsvolle Verabredung.«
Mary, die weiter ihr Telefon im Blick gehabt und dabei jeden Punkt von Klingers Aufzählung mit einem Nicken quittiert hatte, ließ sich jetzt zu einem entschiedenen, wenn auch nur halben Kopfschütteln hinreißen. »Du bekommst ein Frühstück von mir und hundert Dollar«, sagte sie. »Danach musst du sehen, wie du klarkommst. Es sei denn, du willst diese App schreiben.«
»Gott«, sagte Klinger. »Wär ich nur nicht so allergisch gegen das Ausheben von Gräben. Ich würde mich gleich viel besser fühlen.«
»Auch dafür gibt’s eine App«, ließ Mary ihn wissen. »Nennt sich Bagger.«
Klinger fuhr sich mit den Fingern durch das zu lange, schütter werdende Haar. »Was zum Teufel soll ich mit einhundert Dollar anfangen?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Mary. »Was würdest du ohne sie anfangen?«
Klinger dachte darüber nach. »Nüchtern verhungern, schätze ich.«
»Bisher warst du weder das eine, noch hast du das andere bisher getan«, erinnerte ihn Mary.