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In einem abgelegenen Dorf in Kanada finden Kinder in den Cranberry-Feldern eine verstümmelte Leiche. Schnell geht in dem abergläubischen Dorf das Gerücht herum, es handele sich um den Wendigo, ein Fabelwesen aus den Fabeln der Ojibwa und Cree Indianer. Die Kommissare Sheila und Danny werden zu Hilfe gerufen und müssen bald feststellen, dass sie es durchaus nicht mit Dämonen aus Geschichten zu tun haben, sondern durchaus mit etwas sehr Lebendigem.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2023
Chris Arcos
Wendigo
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
EINS – Cranberrys
ZWEI – Legenden
DREI: Kühlkammer
VIER: Autopsie
FÜNF: Das Dorf
SECHS: Wolfsmensch
SIEBEN: Vergiftet
ACHT: Überlebt
NEUN: Wand aus Schweigen
ZEHN: Alte Wunden
ELF: Reminiszenz
ZWÖLF: Geister
DREIZEHN: Dunkelheit
VIERZEHN: Bürotrakt
FÜNFZEHN: Opfer
SECHZEHN: Retorte
SIEBZEHN: Tod
ACHTZEHN: Gefrierschrank
NEUNZEHN: Wach
ZWANZIG: Im Schacht
EINUNDZWANZIG: Schaltzentrale
ZWEIUNDZWANZIG: Keller
DREIUNDZWANZIG: Nest
VIERZUNDZWANZIG: Rodeo
FÜNFUNDZWANZIG: Gas
SECHSUNDZWANZIG: Flucht
SIEBENUNDZWANZIG: Feuer
ACHTUNDZWANZIG: Lunte
NEUNUNDZWANZIG: Explosion
DREIßIG: Endspiel
Impressum neobooks
Osoyoos-Wüste, Brititsh Columbia, Canada, 13.08.1991
Stille. Kaum ein Lufthauch wehte über die weite Ebene. In der Dunkelheit nur die verwischten Silhouetten der spärlich wachsenden Kakteen. Absolute Stille.
Paul betrachtete seine Schafherde, die in der Dunkelheit die letzten Reste des spärlichen Grasbewuchses abfraß, bevor er morgen weiterziehen würde. Bald würden die Schafe wieder geschoren werden und er würde auf den heimischen Hof zurückkehren, der näher am Meer lag. Dort war das Leben leichter.
Er starrte in die Dunkelheit. Am Himmel waren nur vereinzelt Sterne sichtbar. Er erinnerte sich an die Zeit seiner Jugend. Der Himmel war klarer gewesen. Tausende Sterne hatte er in jeder Nacht am Himmel gesehen. Nun blieben nur noch wenige, obwohl die Verschmutzung hier draußen in der Wüste aufgrund der fehlenden Industrie nicht ganz so stark war wie in den Metropolen.
Ein leichter Wind kam auf. Er blickte nach Westen. Die Schafe begannen, unruhig zu werden. Er vernahm ein leises Pfeifen und blickte sich um. In der Dunkelheit konnte er nichts außer den Schafen sehen. Diese drängten sich nun eng aneinander und blökten um die Wette. Was ging hier vor? Waren Coyoten in der Nähe? Oder sonstige Raubtiere? Er konnte nichts ausmachen.
Er blickte zum Himmel. Und dann sah er es. Ein helles Licht leuchtete am dunklen Nachthimmel. Eine weiß-gelblich strahlende Scheibe. Ob es den heiligen drei Königen wohl so gegangen war? Er schüttelte den Kopf über seine eigenen Gedanken. Das war doch bloß eine Geschichte. Er blickte weiter hinauf zum Himmel, das Licht kam näher, tanzte im Zickzack über den Himmel.
Er dachte an die 3 Schnäpse, die er sich genehmigt hatte. War das zu viel gewesen in der Hitze der Wüste? Er kniff die Augen zusammen und sah Sterne. Als er sie langsam wieder öffnete, war das Licht immer noch dort. Also keine Wahnvorstellung.
Das Licht wurde größer. Das Pfeifen lauter. Er kramte in der Tasche nach seinem Mobiltelefon. Das würde ihm niemand glauben. Er hatte Ufologen immer für eine Bande von Verrückten mit einem Drang nach Aufmerksamkeit gehalten.
Seine Finger drückten aufgeregt die Tasten, dreimal verwählte er sich in seiner Aufregung. Endlich zeigte das Display die richtige Nummer an und er drückte die Taste mit dem grünen Hörer. Es erklang nur statisches Rauschen. Kein Netz. Vermutlich störten Interferenzen in der Atmosphäre den Empfang. Er fluchte vor sich hin, sein Fluchen verklang im Wind um ihn herum, der immer stärker wurde. Das näherkommende Licht blendete ihn, so dass er den Arm vor die Augen hielt. Die Schafe waren verstummt und kauerten eng beieinander. Das Licht war nun gleißend hell und kam auf ihn zu. Er drückte den Arm fest auf die Augen. Die Erde bebte und das Licht war erlosch. Die Schafe kauerten immer noch eng beieinander.
Stille.
„Rufus!“
Der Hund kam folgsam zu ihm gelaufen.
„Wir gehen nach Hause. Hol die Schafe.“
Er zeigte mit dem Stock in die Richtung, in der es einen Unterstand gab und setzte sich in Bewegung. Dort würde er bis zum Sonnenaufgang bleiben. Der Hund trieb die Schafe in diese Richtung.
Er hatte sich alles nur eingebildet. Es war alles in Ordnung.
Der Korb war bereits zur Hälfte gefüllt. Die roten Cranberrys leuchteten rot im Schein der Sonne. Bereits seit Sonnenaufgang waren sie unterwegs, um die reifen Beeren für den traditionellen Likör des Dorfes zu sammeln. Nanuk, Amrooq und einige andere hatten das Lager morgens früh noch in der Dunkelheit verlassen. Das Dorf im Norden Kanadas gehörte zum geschützten Gebiet Nunavut, in dem noch die alten Inuit-Traditionen gepflegt wurden. Die jüngere Generation ging gleichzeitig in die normalen Schulen der Kanadier, während viele Mitglieder der älteren Generation noch die alten Traditionen pflegten und ihr Dorf so gut wie nie verließen. Zu den Aufgaben der jüngeren Generation gehörte es auch, jährlich die Cranberrys für den typischen Likör zu sammeln. Gegen die Kälte schützten sie dicke Jacken und Stiefel aus Robbenfell. Dicht an dicht wuchsen die Cranberry-Büsche hier nur wenige Kilometer vom Dorf entfernt.
Nanuk folgte seiner jüngeren Schwester Anna, die die Bösche neben ihm bearbeitete.
„Der Korb ist so schwer,“ jammerte diese gerade.
„Mach doch eine Weile Pause und setz den Korb ab,“ antwortete er. „Wir haben seit dem frühen Morgen gearbeitet.“
Sie stellte den Korb auf dem Boden ab und setzte sich auf einen Stein.
„Hast du schon an ein Geschenk für Mutter gedacht?“ fragte er. „Ich zerbreche mir seit Tagen den Kopf.“
„Mir fällt auch nichts ein. Ich möchte ihr nicht einfach nur etwas kaufen. Sie soll sehen, dass ich mir Gedanken gemacht habe. Es soll eine Bedeutung haben.“
„Ich habe in der Stadt eine wunderbare Halskette gesehen. Sie war golden mit vielen Steinen. Vielleicht können wir ihr sie zusammen schenken?“
„Die ist bestimmt teuer. Alles in der Stadt ist teuer. Meinst du, wir können uns das leisten?“
„Ich weiß es nicht. Ich muss noch einmal fragen, was sie kostet und…“
Ein Schrei unterbrach sie. Er kam aus der Mitte des Cranberry Feldes. Jemand schrie und kreischte und hörte gar nicht mehr auf. Nanuk sprang auf und rannte in die Richtung, aus der das Geschrei kam. Anna folgte ihm. Die Zweige der Büsche peitschten gegen ihre Beine. Als Nanuk bei der Quelle des Geschreis ankam, blieb er ruckartig stehen beim Anblick, der sich ihm bot. Anna prallte von hinten gegen ihn.
„Es war der Wendigo,“ hörten sie einen der anderen Jungen schluchzen, der sich in Hockstellung auf dem Boden wiegte. „Der Wendigo.“
Auf dem Boden lag ein menschlicher Körper oder zumindest das, was von ihm über war. Das Hemd war in Fetzen gerissen und hing an den Seiten des Brustkorbs. Der Brustkorb war vollständig zerfetzt und die inneren Organe quollen hervor. Nanuk zog seine Schwester an sich, so dass sie keine Sicht auf die Leiche hatte. Das Gesicht war nicht mehr als solches erkennbar, auch an den Oberschenkeln war die Hose zerrissen und das Fleisch bis auf die Knochen zerrissen.
„Der Wendigo wird uns alle töten,“ heulte der Junge weiter.
„Unsinn!“ sagte Nanuk laut. „Es gibt keinen Wendigo. Das ist nur eine Sage. Wahrscheinlich war es nur ein Bär.“
„Ein sehr hungriger Bär,“ fügte einer der anderen Jungen hinzu.
Anna hatte sich von Nanuk losgerissen und starrte mit weit geöffneten Augen auf die Leiche.
„Der Wendigo,“ flüsterte sie. „Wie in Großmutters Geschichten.“
„Es sind nur Geschichten. Es gibt keinen Wendigo. Diese Geschichten erzählen die Alten, damit wir Kinder nicht im Dunkeln in den Wald laufen.“
„Ist das einer aus unserem Dorf?“
„Ich glaube nicht. Das Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Und die Kleidung kenne ich auch nicht. Schickt jemanden ins Dorf, damit er abgeholt und bestattet wird.“
Er war sehr vernünftig für sein Alter und immer für die Jüngeren in seinem Dorf dagewesen.
Nanuk kniete sich zu dem weinenden Jungen.
„Es wird alles gut. Es gibt keinen Wendigo. Es ist ein Bär gewesen oder ein Wolf. Deswegen sagen uns unsere Großeltern, dass wir nicht im Dunkeln alleine in den Wald gehen sollen.“
„Es war der Wendigo. Er hat spitze, große Zähne und reißt das Fleisch aus dem Körper. Ich habe Bilder davon gesehen. Dieser hier sieht genauso aus.“
„Es sind nur Geschichten. Es gibt keinen Wendigo. Es gibt auch kein Monster unter dem Bett. Und jetzt lasst uns von hier verschwinden. Wir werden morgen weiter sammeln. Lasst uns die Körbe aufladen.“
Sanft schob Nanuk den Jungen weg von der Leiche in Richtung einer anderen Gruppe. Langsam beruhigte er sich. Sie luden die Körbe auf den Husky-Schlitten und machten sich auf den Heimweg. Die Leiche würde später von einer anderen Gruppe abgeholt werden, sobald sie im Dorf Bescheid gegeben hatten.
„Was tun wir eigentlich hier?“ fragte Danny, der in seinem Parka immer noch fror. „Sind wir ernsthaft hierhergefahren, weil ein paar Eskimos behaupten, dass ein Fabelwesen umgeht und Menschen frisst?“
Sheila lachte und schlug die Autotür zu. Ihr Atem gefror sogleich zu kleinen weißen Wölkchen.
„Naja, ganz so ist es vermutlich nicht. Es wurde eine Leiche aufgefunden, die starke Bissspuren aufweist. Und da viele Inuit noch an die alten Sagen ihrer Ahnen glauben, geht das Gerücht um, es sei der Wendigo gewesen.“
„Was ist ein Wendigo?“
Danny Potter war zu sehr Realist, um sich mit Fabelwesen und uralten Sagen zu beschäftigen. Er war direkt nach seinem Schulabschluss zur Polizeischule gegangen und hatte dort einen Abschluss in Kriminalistik und Forensik gemacht. Seit 2 Jahren arbeitete er mit Sheila im Team. Sheila war 36, Danny 32. Sheila Dotson hatte den Rang eines Polizeihauptkommisars, während Danny noch den Titel Polizeioberkommisar trug. Aber wenn er sich weiter so anstrengte, würde auch er bald in der Hierarchie aufsteigen. Sie waren ein gutes Team.
„Ein Wendigo ist eine Gestalt aus den Fabeln der alten Cree Indianer aus Quebec. Er hat die Gestalt eines Tiers, große Reißzähne und wächst angeblich mit jedem Opfer. Menschen, die vom Wendigo besessen sind, töten andere Menschen, um sie aufzufressen. Sie werden zu Kannibalen.“
„Nett.“
„Eher weniger wie ich finde. Aber es handelt sich um eine Legende, nichts weiter. Eine Geschichte, die kleinen Kindern erzählt wird, um sie davon abzuhalten, Dinge zu tun, die ihnen verboten wurden. Ich gehe nicht davon aus, dass wir es hier mit einem Wendigo zu tun haben.“
„Das wäre dann in etwa so wie der Yeti im Himalaya“, sagte Danny. „Der ist auch nur eine Sagengestalt und die ganzen angeblichen Sichtungen sind doch schon sehr fragwürdig. Hat einmal jemand einen Wendigo lebendig gesehen?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Sheila. „Ich habe mich damit bisher noch nicht beschäftigt.“
Sie stiegen die Treppe des roten Holzhauses hinauf und Sheila klopfte an die Eingangstür. Sie waren in der nächstgrößeren Kleinstadt des Tatorts. Von Stadt konnte man eigentlich kaum sprechen, es handelte sich um eine Ansammlung von nicht mehr als 50 Holzhäusern. An einem Supermarkt waren sie vorbeigefahren sowie an einer Tankstelle. Sonst gab es hier draußen nicht viel. Nur Schnee, Eis, ein paar Angel-Löcher und eine ziemlich kahle Vegetation. Die Tür wurde geöffnet und ein kräftiger Mann im Holzfällerhemd trat ihnen entgegen.
„Sie müssen die Kommissare aus Quebec sein“, begrüßte er sie. „Mein Name ist Ron Willard. Ich bin der Leiter der Polizeistation hier, wenn man es denn so nennen kann.“
„Sheila. Sheila Dotson. Mein Kollege Danny Potter.“
„Herzlich willkommen in unserem kleinen, aber feinen Städtchen. Es ist vermutlich etwas ungewohnt für sie?“
„Es geht“, antwortete Sheila. „Mein Exmann ist Inuit. Ich habe mehrere Jahre in einem kleinen Ort gewohnt. Vermutlich auch der Grund, warum man mir den Fall übertragen hat.“
Danny sah sie erstaunt an. Er wusste, dass sie eine gescheiterte Ehe hinter sich hatte, jedoch nicht, dass ihr Exmann zu den Inuit gehörte.
„Dann kommen sie herein“, lud er sie mit einer weit ausholenden Geste ein. „Wir wollen nicht festfrieren hier draußen.“
„Ich habe gehört, die Leiche wurde beim Beerensammeln gefunden?“ fragte Danny erstaunt. „Bei diesen Temperaturen?“
„Cranberrys haben es gerne kalt. Dann werden sie schön rot und leuchtend. Sie brauchen die kalten Temperaturen. Haben sie schon einmal den Likör probiert? Wenn sie ein Glas möchten..“
„Wir sind eigentlich zum Arbeiten hier“, sagte Sheila. „Vielleicht ergibt sich später die Gelegenheit, ihren Likör zu testen.“
Danny nickte zustimmend.
„Sollen gesund sein die Beeren.“
„Das sind sie, und nicht nur in der Form von Schnaps.“
Willard lachte.
„Kommen sie mit.“
Er führte sie zu einem Sitzbereich, wo ein gemütliches Feuer prasselte.
„Bitte setzen sie sich. Möchten Sie einen Kaffee oder einen Tee?“
„Etwas Warmes wäre super. Zum Aufwärmen. Tee bitte.“
„Für mich auch.“
Danny rieb sich die Hände. Willard goss Tee in zwei Becher und reichte sie ihnen. Zucker und Milch standen bereits in hübschem rot weiß gepunkteten Porzellan auf dem Tisch.
„Bitte erzählen sie uns genau, was eigentlich passiert ist. Warum glauben die Menschen, es sei der Wendigo?“
Willard setze sich ihnen gegenüber. Er seufzte und räusperte sich.
„Dieses Dorf befindet sich im Umbruch. Die junge Generation ist sehr modern, geht zur Schule. Alle haben Handys und Internet. Gleichzeitig versucht die alte Generation, die Traditionen zu wahren. Dabei werden natürlich eine Menge der alten Geschichten erzählt. Der Wendigo ist ein Mensch, der von einem bösen Geist besessen ist. Er hat ein dunkles Fell und große Reißzähne. Er frisst Menschen und wächst mit jedem Opfer. Er lebt versteckt im Wald und kommt nur hervor, wenn ihn der Hunger plagt.“
„Klingt fast wie Rotkäppchen“, sagte Danny. „Die Geschichte dient wohl auch dazu, Kinder davon abzuhalten, alleine in den Wald zu gehen.“
„Glauben sie daran?“ fragte Sheila.
Willard gab einen Ton von sich, der wie ein Lachen klang. Er schüttelte den Kopf.
„Es ist eine Geschichte, nichts weiter. Auch meine Großeltern haben mir diese Geschichte erzählt, damit ich abends im Dunkeln nicht rausgehe. Es gibt keine Monster im Wald, keinen Wendigo und auch keine anderen Kreaturen. Nur Bären und Wölfe. Aber die sind normalerweise so scheu, dass sie sich vom Dorf fernhalten.“
„Aber die Dorfbewohner glauben es weiterhin?“ fragte Danny.
„Die glauben es so lange, bis ihnen jemand widerlegt, dass es der Wendigo war. Bis jemand den Mörder fängt und ihn in der Mitte des Dorfes präsentiert, so dass auch der letzte sieht, dass es nicht der Wendigo war.“
„Ist so etwas schon öfter vorgekommen?“ fragte Sheila. „Woher stammt das Opfer?“
„Das wissen wir nicht“, antwortete Willard. Es ist keiner von unseren Leuten. Zumindest fehlt niemand. Das Gesicht ist nicht mehr erkennbar, der Mörder hat ganze Arbeit geleistet. Wer oder was es auch war, es hat mit ziemlich grausamen Methoden zugeschlagen. Der ganze Torso des Mannes ist zerrissen, Kehle und Gesicht sind so gut wie nicht mehr vorhanden.“
„Wo wurde er genau gefunden?“ fragte Danny.
„In den Feldern, wo die Cranberry Büsche wachsen. Es gehört zum Reservatsgebiet der kanadischen Inuit. Normalerweise kommt kein Mensch in diese abgelegene Gegend. Einige der Menschen aus den größeren Städten halten uns für seltsam. Wir pflegen unsere Traditionen, aber unsere Kinder gehen genauso in die Schule und lernen Schreiben und Rechnen wie andere. Mittlerweile studieren einige sogar.“
„Und wer hat ihn gefunden?“
„Die Kinder, die dort zum Beeren pflücken waren. Es ist eine Tradition, dass jedes Jahr die Kinder mit dem Schlitten hinausfahren und die Beeren sammeln. Es ist auch bisher noch nie etwas in dieser Art passiert.“
„Wir werden herausfinden, wer oder was das Opfer so zugerichtet hat. Können wir uns die Leiche ansehen?“
„Selbstverständlich, sie liegt bei uns im Kühlraum. Kommen Sie, es ist direkt hier im Gebäude im Untergeschoss.“
Sie standen auf und folgten Willard in den Keller.
Der Keller war ein gemauertes Gewölbe unter dem Haus. Eine schwere Holztür mit eisernen Zargen versperrte den Eingang. Ein schwerer Schlüssel öffnete das quietschende Schloss und die Tür öffnete sich schleifend über den Steinboden. Vermutlich hatte man hier im Norden Kanadas in einem Dorf am Ende der Welt nicht so oft Leichen, die in einer Kühlkammer auf die Polizei warten mussten.
„Haben sie hier oft Leichen?“ fragte Danny.
Willard lachte.
„Das ist die erste seit ich im Dienst bin und das ist schon 8 Jahre her. Hier in dieser Gegend gibt es keine Verbrechen. Ich musste die Kühlkammer erstmal wieder in Funktion versetzen. Hier war alles zugestellt. Der einzige unnatürliche Tod hier geschieht durch Bären. Und diese Opfer kommen normalerweise nicht wieder.“
Er deutete auf einen Haufen Möbel und anderes Gerümpel, was nun hinter dem metallenen Ungetüm von Kühlschrank lag.
„Oder durch den Wendigo,“ sagte Danny.
Willard hielt inne und blickte ihn an.
„Das glauben sie nicht wirklich?“
„Nein. Ich nicht. Sie?“
„Nein, das sind alles nur Geschichten.“
„Aber viele Leute scheinen es zu glauben,“ sagte Sheila.
„Die Leute glauben viel, wenn sie nichts zu tun haben. Hier auf dem Dorf tut jeder nur das Notwendige, um zu überleben. Die jungen Leute gehen in die Stadt zur Schule, interessieren sich für das Internet und das ganze moderne Zeug. Nur die Älteren und die ganz jungen glauben noch an solche Geschichten. Zu viel Zeit, wissen sie?“
„Und was ist ihre persönliche Meinung zu der Sache?“
„Sehen sie ihn sich an“, sagte Willard.
Er öffnete die Tür des Kühlschrankes und zog die Liege heraus. Er öffnete den Plastiksack.
„Wenn die nicht ausgestorben wären, würde ich sagen, es war ein Säbelzahntiger.“
Er lachte leise.
„Ich denke, es war ein Bär. Oder mehrere Bären.“
„Mit großem Hunger“, sagte Danny.
Sie betrachteten den Körper. Die Haut war bläulich angelaufen. Die Haut an den Wundrändern zeigte erste Anzeichen von Zersetzung. Die Haut des gesamten Torsos war aufgerissen, die inneren Organe sichtbar, teilweise nur noch in beschädigtem Zustand vorhanden. Einige Rippen waren gebrochen, die Lunge zerfetzt. Das Gesicht war nicht mehr vorhanden, die Haut komplett entfernt, Nase und Augäpfel fehlten.
„Nett“, stellte Sheila fest.
„Ich habe bis jetzt niemanden gesehen, den ein Bär so zugerichtet hat“, sagte Willard. „Aber was soll es sonst gewesen sein?“
„Das ist tatsächlich die Frage. Und um das rauszufinden sind wir hier,“ sagte Sheila.
„Wissen wir, um wen es sich handelt?“ fragte Danny.
„Bis jetzt nicht.“ Willard zuckte die Schultern. „Im Reservat wird niemand vermisst. Es gibt hier draußen kaum Menschen. Die einzige Siedlung, wenn man es denn als solche bezeichnen kann, ist GenArcTec. Die sitzen in 3 km Entfernung in nördlicher Richtung. In der Nähe des Meteoritenkraters. Irgendwas mit Biologie, Untersuchungen und Laboren. So genau weiß niemand, was die dort eigentlich tun.“
„Und sie meinen, er kommt von dort. Was hat er dann dort draußen alleine in der Wildnis gesucht?“
„Das weiß niemand. Und ehrlich gesagt, interessiert es auch niemanden hier. Wir wollen nur die Leiche loswerden und dann ist der Fall für uns abgeschlossen.“
„So einfach?“ fragte Sheila.
„Ja, so einfach.“
Willard zuckte erneut die Schultern.
„Wir haben hier Anderes zu tun als uns mit Leichen zu beschäftigen. In diesem Dorf gab es seit Ewigkeiten keine Verbrechen. Alle Menschen, die hier sterben, sterben aus Altersschwäche.“
„Glückwunsch. Sie haben einen ziemlich ruhigen Job.“
Danny lachte.
„Ich bin nicht nur der Sheriff hier,“ sagte Willard. „Ich bin nebenbei noch für sämtliche Verwaltungsangelegenheiten dieses Teils des Reservats zuständig. Wenn sie eine Auskunft brauchen, sind sie hier richtig.“
„Dann wollen wir den Sack mal einpacken. Fass mal mit an.“
Sheila hatte bereits die eine Seite des Sacks gepackt und wartete, bis auch Danny fest zupackte. Gemeinsam trugen sie den Sack aus dem Keller und verstauten ihn auf der Ladefläche des Pickups.
„Vielen Dank für die unproblematische Zusammenarbeit.“
Sheila schüttelte Willard die Hand.
„Noch einen schönen Tag für sie.“
Sie stiegen in den Pickup und verließen das Dorf durch die Einöde, durch die sie auch gekommen waren.
„Verrückte Geschichte“, sagte Danny. „Wendigo. An was die hier noch so glauben, haarige Wesen, die Menschen fressen.“
„Du hast keine Ahnung, an was die sonst noch so glauben.“
Sheila rollte die Augen.
„Auch mein Ex-Mann hat manchmal Geschichten erzählt, da haben sich mir die Fußnägel aufgerollt. In dieser modernen Zeit.“
„Dein Ex?“
„Er gehört zu den Cree Indianern, aber er arbeitete in der Stadt. Sein Leben war ein Kessel voll von Elementen aus seinem hochbezahlten Job und der mystischen Geisterwelt der Cree-Indianer. Wir sind seit 2 Jahren getrennt, aber er hat immer noch nicht aufgegeben. Er sagt, bei den Cree sei eine Ehe für die Ewigkeit, alles andere können die Geister nicht gutheißen.“
„Die Geister?“
„Geister, Dämonen, ich glaube nicht daran. Er unterschreibt die Scheidung nicht. Ich möchte die Sache abschließen, aber wenn er nicht unterschreibt, komme ich nicht weiter.“
„Und was ist mit Ty?“
Mit Ty Brooks ging Sheila seit ein paar Wochen aus. Sie verstanden sich gut und sie versprach sich mehr von diesen Dates.
„Der weiß nichts davon. Ist ja auch eine ziemlich irre Geschichte. Dass Männer eine Trennung nicht akzeptieren können, ist relativ normal, aber dass sie es nicht können, weil sie Angst vor Geistern haben, ist mir unverständlich.“
Sheila schüttelte den Kopf.
„Belästigt er dich?“ fragte Danny.
„Nein, so weit geht er nicht. Er will nur nicht die vertraglichen Dinge regeln. Tief im Innersten glaubt er wohl, dass ich irgendwann zu ihm zurückkomme, wenn er nur lange genug wartet.“
„Aber das wirst du nicht.“
„Niemals. Die Differenzen zwischen uns sind einfach zu groß. Es war jugendlicher Leichtsinn, diese Ehe zu schließen. Jetzt geht es nur noch darum, möglichst unbeschadet aus dieser Sache herauszukommen.“
Am nächsten Morgen lag der Leichensack in der Pathologie. Sheila war früh aufgestanden und betrat bereits um 7:30 Uhr mit einem Kaffee in der Hand das Labor.
„Guten Morgen“, sagte Julie Cramer, die dort bereits eifrig mit den Vorbereitungen für die Autopsie beschäftigt war.
„Guten Morgen. Kaffee?“
„Nein, danke. Ich habe dieser schwarzen Brühe abgeschworen. Ich trinke jetzt Wasser.“
Julie hielt wedelte mit einer Flasche vor Sheilas Nase herum. Sheila stellte ihre Tasse auf dem Sideboard ab.
„Wo ist Danny?“
„Ich habe seinen Wagen eben auf den Parkplatz einbiegen sehen, er müsste jeden Moment eintreffen.“
Als hätte er es gehört, trat Danny durch die Tür, ebenfalls mit Kaffee und einer Tüte vom Bäcker ausgerüstet. Er kaute auf einem Stück Croissant. Sheila war es schleierhaft, wie man in Räumen der Pathologie überhaupt essen konnte. Kaffee war für sie schon eine Überwindung.
„Morgen.“
„Morgen. Dann können wir ja anfangen.“
Julie zog sich die Handschuhe an und legte das Diktiergerät auf den Tisch. Sheila und Danny stellten sich neben ihr auf. Julie öffnete den Sack und drückte nach einem aufmunternden Blick von Sheila auf die Aufnahmetaste des Diktiergeräts.
