Palimpsest - Chris Arcos - E-Book

Palimpsest E-Book

Chris Arcos

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Beschreibung

Der ehrgeizige Connor arbeitet an seinem Doktortitel. Er versucht alles, um hinter die Geheimnisse des bisher unentschlüsselten Voynich-Manuskripts zu gelangen. Bisher erfolglos. Er steht permanent im Schatten seines Vaters, der an seinen Sohn den Anspruch hat, auch einen Doktor zu machen. Auf der anderen Seite seine Partnerin, die mehr Zeit von ihm einfordert. Schließlich gerät er durch einen Zufall beim Berühren des Buches durch Visionen in die Vergangenheit, in jene Zeit, in welcher das Buch geschrieben wurde. Er selbst ist der Schreiber und muss sich mit anderen Leuten verstecken. Doch in der Jetzt-Zeit haben auch andere Menschen auf einmal Interesse am lange verborgenen Geheimnis des Buches und stehlen das Buch. Conner möchte sein Projekt unbedingt abschließen und sie müssen das Buch wiederfinden. Es beginnt ein Abenteuer für Connor und seinen Freund Paul, der ihm bei allem zur Seite steht. Werden sie es schaffen, das Buch zurückzubekommen und kann Connor das Buch entschlüsseln und damit seine Doktorarbeit fertigstellen? Welche Geheimnisse offenbaren Connor die Visionen und seine Reisen in die Vergangenheit des Buches?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Chris Arcos

Palimpsest

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREIßIG

EINUNDDREIßIG

ZWEIUNDDREIßIG

DREIUNDDREIßIG

VIERUNDDREIßIG

FÜNFUNDDREIßIG

SECHSUNDDREIßIG

SIEBENUNDDREIßIG

ACHTUNDDREIßIG

NEUNUNDDREIßIG

VIERZIG

EINUNDVIERZIG

ZWEIUNDVIERZIG

DREIUNDVIERZIG

VIERUNDVIERZIG

FÜNFUNDVIERZIG

Impressum neobooks

EINS

„Bücher lesen heißt wandern, gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne“– Jean Paul

“What else than a natural and mighty palimpsest is the human brain? Such a palimpsest is my brain; such a palimpsest, O reader! is yours. Everlasting layers of ideas, images, feelings, have fallen upon your brain softly as light. Each succession has seemed to bury all that went before. And yet in reality not one has been extinguished.”

Thomas De Quincey, 2003

Connor saß nun schon seit Stunden über das Buch gebeugt an seinem Tisch. Der Rücken schmerzte ihn und er konnte gar nicht mehr sagen, wie viele Tassen Kaffee er schon getrunken hatte. Seine Augen brannten, während er versuchte, sich auf die Zeichnungen und Schriftzeichen auf den Seiten vor sich zu konzentrieren. Seit Wochen versuchte er nun, dem Geheimnis des Buches auf die Spur zu kommen, aber er war keinen Schritt weiter als am ersten Tag, als er sich entschlossen hatte, dieses Buch zum Inhalt seine Doktorarbeit zu machen.

Die Tür des Labors öffnete sich und herein trat Paul, sein Kollege, seit er in dieser Einrichtung begonnen hatte.

„Hey Connor, schon was für das Wochenende geplant?“, fragte Paul, nachdem er sich auf einem der Stühle des Labors niedergelassen hatte.

„Wochenende“, murmelte Connor. „Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht.“

Er hob den Kopf kaum von der aufgeschlagenen Seite des Manuskripts.

„Was macht Voynich?“

„Frag besser nicht. Ich trete vollständig auf der Stelle, es scheint beinahe, als wolle dieses Buch mir sein Geheimnis nicht verraten. Wie viele Stunden Arbeit habe ich nun schon investiert?“

Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und streckte sich.

„Du bist nicht der Erste, der dies versucht“, antwortete Paul, „das ist ein ziemliches Mammut-Projekt, wie ich finde. Ohne Garantie auf Erfolg.“

„Vielen Dank“, sagte Connor und sah auf. „Das hilft mir ungemein.“

Er strich sich durch die dunklen Haare, welche trotz des Einsatzes von Gel am Morgen nicht mehr sonderlich viel Form aufwiesen, da er diese Geste im Laufe des Tages ständig wiederholt hatte.

„Ich habe alles versucht, was mir eingefallen ist. Zahlencodes, vertauschte und zugeordnete Buchstaben, Verschiebungen in zugeordneten Buchstaben, Binärcodes, Geheimschrift in Form von Zitronensaft.... nichts.“

„Vielleicht hat das ganze gar keinen tieferen Sinn“, sagte Paul. „Vielleicht hat in der Vergangenheit einfach jemand gedacht, er würde die zukünftigen Leser an der Nase herumführen. Und der lacht sich jetzt in seinem Grab ins Fäustchen.“

„Wer investiert so viel Zeit und schreibt und zeichnet ein ganzes Buch, um eine Person in der Zukunft, welche er nicht einmal kennt, zu täuschen. Außerdem handelt es sich hier um ein Buch, welches über 500 Jahre alt ist. Der Verfasser konnte nicht mal sicher sein, ob dieses Buch die Zeit überhaupt übersteht. Es gab Bücherverbrennungen en masse.“

„Vielleicht hat er oder sie es geschrieben, um eine nahestehende Person hinters Licht zu führen. Du solltest zur Abwechslung auch mal etwas unternehmen, was nichts mit dem Buch zu tun hat“, schlug Paul vor. Er setzte seine Kaffeetasse auf dem Tisch ab und betrachtete Connor eingehend. „Deine Haut nimmt bald die Farbe eines Vampirs an, weil du nur im Dunkeln sitzt.“

„Ich glaube, Lisa hat am Wochenende ein Picknick mit der gesamten Familie organisiert“, sagte Connor auf einmal. „Mist, das hatte ich völlig vergessen.“

Connor begann, in seiner Tasche zu kramen, um einen Blick in seinen Kalender zu werfen. Der Kalender war sein Heiligtum, dort waren alle Termine stets säuberlich notiert. Die letzten Wochen allerdings wies der Kalender nur eine gähnende Leere auf, ein Indiz dafür, dass es außer dem Manuskript nicht viel Abwechslung in seinem Leben gegeben hatte.

„In der Tat“, stellte er fest, als er die Seite im Kalender aufgeschlagen hatte. „Aber ich habe überhaupt keine Zeit für so etwas, geschweige denn irgendwelche Vorbereitungen.“

„Findest Du nicht, dass Du Deine Prioritäten etwas anders setzen solltest? Ein bisschen Zeit mit der Familie würde dir guttun. Außerdem würde Lisa sich freuen, sie hat dich die letzten Wochen kaum zu Gesicht bekommen.“

Connor legte den Kopf in die Hände auf seinen Schreibtisch. Nachdem er ein paar Sekunden so verharrt hatte, blickte er wieder auf.

„Lisa weiß, wie wichtig das hier für mich ist.“

„Aber weiß sie, wie wichtig sie dir ist? Hast du ihr das mal gezeigt die letzten Wochen? Nimm den Vorschlag an, fahr auf das Picknick, vergiss das Manuskript einmal für ein paar Stunden und verbringe eine tolle Zeit mit deiner Freundin.“

„Meinst du?“

„Ja, meine ich. Du kannst nicht dein gesamtes Sozialleben den Bach hinunter gehen lassen wegen dieses Buches. Am Ende endest du in der Psychiatrie wegen totaler Überarbeitung und Obsession. Was nützt dir ein Doktor, wenn du dann später alleine dastehst. Und Lisa ist eine tolle Frau.“

Paul lachte.

„Gummizelle und so, soll nicht so nett sein. Und das Essen ist vermutlich auch nicht besser als im Krankenhaus“.

„Keine nette Vorstellung.“

„Siehst du, also sieh zu, dass du das Wochenende genießt.“

„Ja, vielleicht hast du Recht. Und jetzt raus hier, lass mich den Rest des Nachmittags noch nutzen, um vielleicht doch noch einen Geistesblitz zu haben.“

Connor wedelte theatralisch mit den Händen.

„Ich bin schon weg.“

Paul stand auf und nahm die Kaffeetasse vom Tisch. Er sah noch einmal zu Connor, doch dieser hatte seinen Blick schon wieder auf das Buch gesenkt. Er schüttelte den Kopf. Leise öffnete er die Tür und schloss sie hinter sich.

ZWEI

Kurze Zeit später öffnete sich die Tür erneut und der Kopf eines älteren Mannes schob sich durch den Spalt. Connor bemerkte es erst, als sein Professor den Raum vollständig betreten hatte und ihn ansprach.

„Connor, wie weit sind sie mit ihrer Arbeit? Irgendwelche neuen Erkenntnisse?“

Connor schreckte hoch, da er gerade tief versunken in seine Arbeit gewesen war.

„Dr. Prager“, stammelte er und erhob sich rasch von seinem Stuhl. „Haben sie mich erschreckt.“

„So tief versunken in die Arbeit. Die Erde könnte beben und das Haus zusammenstürzen und sie würden weiterhin seelenruhig an ihrem Projekt arbeiten. Wahrscheinlich würden sie bei einem potentiellen Erdbeben hier verschüttet und man würde sie finden, immer noch über das Buch gebeugt. Ihre Hingabe ist beneidenswert.“

Connor rang sich ein Grinsen ab.

„Das nennt man Leidenschaft,“ erklärte er.

Dr. Prager ließ sich auf einem umgedrehten Laborstuhl nieder und legte das scharfe Kinn auf die Lehne.

„Manch einer nennt es Obsession. Und Obsession kann gefährlich sein.“

Prager betrachtete ihn stumm. Er trug stets schwarz und wurde manchmal von den Studenten „Professor aus der Hölle“ genannt. Manchmal konnte seine Stimmung innerhalb von Millisekunden umschlagen. Er betrachtete Connor weiterhin wortlos und schien darauf zu warten, dass dieser das Wort ergriff.

Connor setzte sich wieder an seinen Platz und blickte Prager an.

„Ich habe alles versucht“, sagte er. „Sämtliche mir bekannten Verschlüsselungsmethoden, Suche nach Geheimschriften im nicht beschriebenen Teil des Buchs, Palimpseste, aber es ist nichts da. Gar nichts. Obwohl ich den Eindruck habe, dass dieses Buch vielleicht vor seiner jetzigen Verwendung anders verwendet wurde. Aber wenn es keine Anzeichen für eine Überschreibung eines alten Werkes gibt, dann gibt es auch keinen Palimpsest.“

Er klang enttäuscht und senkte den Blick.

„Im Moment weiß ich wirklich nicht mehr, wie ich weiter vorgehen soll.“

Er klang resigniert.

Prager wackelte mit dem Kopf von einer Seite auf die andere und starrte ihn an. Er schien sich seine nächsten Worte zu überlegen.

„Hören sie Connor. Sie müssen sich nicht selbst quälen. Ich sehe sie seit Wochen an nichts anderem arbeiten als an diesem Buch. Und auch aus meiner Sicht sind sie, wie sie selbst zugeben, keinen Schritt weitergekommen. Glauben sie wirklich, dass sie dieses Thema beibehalten sollten für ihre Doktorarbeit? Es gibt so viele andere interessante Themen auf dem Gebiet der Pharmakologie. Ich könnte meine Kontakte spielen lassen und ihnen bestimmt ein passendes Thema und einen Konzern suchen, der sie bei ihrer Forschung unterstützt.“

Connor blickte betroffen zu Boden.

„Aber dieses Buch ist das, was mich fesselt, seit ich in dieser Branche arbeite. Ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht, als darüber schreiben zu können.“

„Aber es gibt Themen aus der Neuzeit, welche ein erheblich größeres Potential bieten. Sie könnten neue Medikamente entwickelt und Probleme von Millionen von Menschen auf dieser Welt lösen. Sie könnten ein Held sein. Wollen sie stattdessen weiterhin mit diesem verstaubten Buch arbeiten, ohne zu wissen, ob sie seinem Geheimnis jemals auf die Spur kommen? Ohne zu wissen, ob es überhaupt ein Geheimnis gibt?“ Prager untermalte seine Fragen mit Gesten, mit denen er auch stets die Studenten in seinen Vorträgen fesselte. Er war eine herausragende Persönlichkeit, wenn auch nicht immer von allen gemocht. Die meisten Doktoranden wählten andere Professoren aus, da sie sich vor der harten Ehrlichkeit von Dr. Prager fürchteten. Er schien stets seine Gedanken in unbeschönigter Form auszusprechen. Aber er hatte ihn bewusst gewählt, in der Hoffnung in ihm einen ehrlichen Unterstützer seiner Forschungsarbeit zu finden. Und nun warf dieser Unterstützer ihm die Sinnlosigkeit seiner bisherigen Arbeit vor die Füße.

„Wissen sie, ich gehe dieses Wochenende zum Fischen. Wollen sie vielleicht mitkommen? Es täte ihnen gut, wenn sie mal etwas anderes als das Innere des Labors sehen würden. Fischen ist wirklich sehr entspannend. Die Natur, die Klänge des Wassers. Wenn der Fisch dann am Haken zappelt, hat man sämtliche Dinge um sich herum vergessen.“

Connor war überrascht, dass Prager eine solche Art von Leidenschaft empfand und auch in Worte fassen konnte. Und er hatte bisher auch von keinem Kommilitonen gehört, dass Dr. Prager einen Doktoranden zu einer privaten Aktivität eingeladen hätte.

„Sie sind nicht der erste, der mir das sagt. Ich fürchte, meine Freundin ist mit ihrer Planung ihrem Angebot bereits zuvorgekommen. Es erwartet mich ein Picknick im Familienkreis.“

Dr. Prager lächelte.

„Aber das ist doch eine wunderbare Gelegenheit, die Seele baumeln zu lassen. Gönnen sie sich ein paar Bier, gutes Essen, Konversationen mit der Familie, die sich um andere Dinge drehen, als dieses Buch.“

„Ich habe das Gefühl, dass niemand mich ernst nimmt. Niemand versteht, dass ich mir einfach nur wünsche, das Geheimnis dieses Buches zu entschlüsseln.“

„Sie selbst nehmen die Sache zu ernst. Es geht hier lediglich um eine Doktorarbeit, nicht um ihr Leben, Connor.“

„Den Doktortitel zu erhalten hat schon etwas mit dem Leben zu tun, finden sie nicht?“

„Ja, aber es sollte den Rest des Lebens nicht dermaßen überschatten, dass dieses sich in ein Nichts verwandelt. Innere Balance wird sie auch zu einem besseren Doktor machen.“

Connor nickte stumm.

„Es geht in diesem Sinne um Leben oder Tod, als dass diese völlige Obsession sie gesellschaftlich tötet. Denken sie darüber nach, ob sie dieses Thema weiterhin verfolgen möchten. Ich habe genügend Bekannte, die ihnen ein neues Thema vorschlagen und sie bei ihren Forschungen unterstützen können. Lassen sie mich wissen, wenn sie sich dafür entscheiden.“

„Danke.“

Connor blickte auf und Dr. Prager in die Augen.

„Nichts zu danken.“

Prager erhob sich und schob den Stuhl wieder an den Platz, an dem er ihn herausgezogen hatte. Seine Penibilität machte Connor manchmal wahnsinnig, wenn er mit Prager einen Teil seiner Arbeiten durchging. Manchmal war er wirklich so weit, alles hinzuwerfen.

„Ich wünsche ihnen ein schönes Wochenende.“

Prager verabschiedete sich und die Bürotür fiel hinter ihm ins Schloss. Es herrschte wieder Stille. Und in diesem Moment fühlte Connor fast so etwas wie Einsamkeit.

DREI

Kurz darauf klingelte sein Handy. Genervt hob Connor den Blick von der Buchseite, die er gerade betrachtet hatte und sah Lisas Name auf dem Display aufblinken. Er schlug die Hände vor das Gesicht und rieb sich die Augen. Dann nahm er zögerlich das Handy in die Hand und nahm den Anruf an.

„Hallo?“ meldete er sich, als wüsste er nicht, wer am anderen Ende der Leitung war.

„Connor, ich bin es“, ertönte Lisas Stimme. „Ist alles in Ordnung bei dir? Ich wollte nur mal hören, wie es dir geht. Freiwillig meldest du dich ja nicht bei mir.“

Es sollte zwar kein Vorwurf sein und Lisa hatte es vermutlich eher lustig gemeint, dennoch hörte er den vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme.

„Es tut mir leid, Schatz“, murmelte er. „Ich bin zurzeit so beschäftigt mit meiner Arbeit.“

„Es ist, als wärest du in einer anderen Dimension verschwunden. Oder als wenn Aliens dich entführt hätten. Hast du heute schon etwas gegessen?“

Connor brummte zustimmend.

„Nur Kaffee, habe ich recht?“

„Nein, ich habe auch heute Morgen etwas vom Bäcker gegessen. Aber darum rufst du doch bestimmt nicht an, oder?“

Connor hat seinen linken Arm auf den Tisch vor sich gestützt und das Handy am linken Ohr, mit der rechten Hand fuhr er sich nervös über die Stirn. Er konnte sich bereits denken, was nun kam.

„Ich nehme einmal an, dass du das Picknick am Wochenende vergessen hast?“

„Nein, habe ich nicht. Es steht in meinem Kalender.“

Stolz präsentierter er ihr eine Antwort, die sie so nicht erwartet hatte. Die er ihr allerdings auch nicht hätte geben können, wenn Paul in früher am Tag nicht darauf hingewiesen hätte mit seiner Frage nach den Plänen am Wochenende.

„Und heute wollten wir dafür einkaufen, erinnerst du dich?“

„Oh.“

„Ich brauch ein neues Kleid und ein paar Schuhe.“

Lisa erzählte unbekümmert weiter, während Connor sich erneut die Haare raufte. Die Hälfte dessen, was sie ihm erzählte, nahm er gar nicht richtig wahr.

„Und wir brauchen ein Geschenk für Mom und Dad. Sie haben uns schließlich eingeladen. Und du brauchst auch etwas Hübsches zum Anziehen.“

Mittlerweile hatte sie bemerkt, dass von Connor nicht wirklich eine Antwort auf ihre Vorschläge kam.

„Connor?“

„Hmm?“

„Hast du mir zugehört?“

„Natürlich Schatz, du brauchst ein Kleid und ein Geschenk für unsere Eltern. Aber ich brauche keine neue Kleidung, ich habe Kleidung genug. Und wir gehen nur in den Park. Könntest Du das Geschenk alleine aussuchen?“

Sie schwieg für eine Sekunde. Er erwartete ein Donnerwetter. Doch dieses bleib aus. Stattdessen schwieg sie ein paar Sekunden, was einen schlimmeren Effekt hatte, als wenn sie ihn angeschrien hätte.

„Connor, du hast versprochen, dass wir zusammen etwas aussuchen und auch, dass wir das Kleid für mich zusammen aussuchen würden.“

„Ich weiß. Aber Lisa, ich bin so mit meiner Arbeit beschäftigt. Eben war Dr. Prager hier und hat mir ebenfalls ans Herz gelegt, die Arbeit an dem Buch aufzugeben. Es scheint, dass alle ihren Glauben an mich und meine Arbeit aufgegeben haben. Sogar mein Professor.“

„Du arbeitest Tag und Nacht wie ein Besessener und ich bekomme dich kaum noch zu Gesicht, obwohl wir zusammenwohnen. Und das schon seit 6 Wochen. Wie weit bist du bisher mit deiner Arbeit gekommen?“

Connor war sich nicht sicher, ob dies nun ein Vorwurf war oder eine einfache Frage. Er seufzte.

„Du bist nicht weiter als letzte Woche, richtig?“

„Leider.“

„Bist du sicher, dass dieses Thema dich nicht an den Rand des Wahnsinns bringt? Möchtest du nicht lieber zu etwas anderem wechseln, bei dem du den Erfolg sehen kannst?“

„Warum glaubst du nicht an mich?“

Connor war nun fast verzweifelt. Alle schienen ihm von der Arbeit am Manuskript abzuraten. Sein bester Freund Paul, sein beratender Professor und nun auch seine Freundin.

„Ich glaube an dich, Connor. Ich glaube, dass du ein guter Arzt und Pharmakologe bist und dass du in deinem Leben noch einiges erreichen kannst. Aber ich glaube auch, dass du einer Obsession verfallen bist. Wenn man so verbissen an etwas arbeitet, verkehrt es sich manchmal genau in das Gegenteil dessen, was man eigentlich erreichen will. Du darfst die Arbeit an diesem Buch nicht über den Rest deines Lebens stellen.“

„Das habe ich heute schon einmal gehört.“

„Vielleicht solltest du beginnen, darüber nachzudenken, ob die Menschen, die dir diese Ratschläge geben, nicht recht haben. Connor, ich liebe dich. Und ich möchte dich nicht an diese Obsession verlieren.“

Ihre Stimme klang nun wie Seide.

„Ich liebe dich auch Lisa.“

Er flüsterte die Worte. Mittlerweile war es draußen dunkel geworden und er hatte das Licht im Labor noch nicht eingeschaltet. Draußen schienen die Straßenlaternen und ein Rest ihres Lichts fiel durch die Fenster herein. Seine Worte schienen aus dem Zimmer heraus als Echo zurückgeworfen zu werden.

„Ich liebe dich Lisa. Und ich verspreche dir, dass wir mit meiner und deiner Familie ein wunderbares Picknick am Wochenende verbringen werden. Wir werden gemütlich zusammensitzen, leckeres Essen genießen und über Gott und die Welt reden und meine Doktorarbeit ist für diese Zeit vergessen.“

„Versprochen?“

„Ja, versprochen. Ich werde noch ein paar Stunden hier arbeiten, damit wir das ganze Wochenende dann nur für uns haben. Also warte nicht auf mich.“

„Dann gehe ich mit Jess in die Stadt, sie hatte mich heute Morgen gefragt, weil sie auch noch etwas an Kleidung braucht.“

„Und du bist mir nicht böse?“

„Du hast mir versprochen, deine Arbeit am Wochenende vollständig zu vergessen, warum sollte ich dann böse sein? Mit einer Frau einkaufen zu gehen, ist sowieso einfacher.“

Connor lächelte vor sich hin. Er liebte Lisa, seit er sie kennengelernt hatte. Sie war wirklich sehr geduldig mit ihm und seiner Obsession. Nun bezeichnete er es selbst schon als Obsession. Aber er würde sich in Zukunft wirklich mehr Mühe geben müssen, wenn er wollte, dass diese Frau für den Rest seines Lebens bei ihm bleib.

„Dann sehen wir uns später. Viel Spaß beim Einkaufen. Pass auf dich auf.“

„Auf die Kreditkarte meinst du wohl eher. Bis später.“

Sie sandte ihm einen Kuss durchs Telefon, den Connor erwiderte und dann das Gespräch beendete.

VIER

Connor betrachtete die halbvolle Kaffeetasse. Über das Gespräch war der Kaffee kalt geworden. Er würde sich in der Kaffeeküche einen neuen holen müssen. Jeder andere Mensch würde bei seinem Kaffeekonsum vermutlich nachts kein Auge mehr zu tun. Sein Körper jedoch schien sich an die tägliche Zufuhr von Koffein gewöhnt zu haben. Er stand auf und schaltete zunächst einmal das Licht ein. Er fand den Flur in Dunkelheit, nachdem er die Tür des Labors geöffnet hatte. Er sah auf die Uhr. Viertel nach 7. Nur wenige der Kollegen blieben so lange im Büro. Er ging den Flur entlang und betrat die Kaffeeküche. Er schaltete das Licht ein und suchte sich eine passende Kaffeekapsel aus der Dose, die einer seiner Kollegen zur Aufbewahrung der Kapseln mitgebracht hatte. Eigentlich war dies die pure Umweltverschmutzung, sinnierte er. Allerdings befassten sie sich hier am Institut mit weitaus größeren Problemen der Menschheit, unter anderem die vollständige Ausrottung von Tuberkulose, Typhus, Aids, Hepatitis und ähnlichen Geißeln der Menschheit. Er hatte immer noch die Hoffnung, dass das Voynich Manuskript die Rezeptur für ein altes Heilmittel enthalten könnte, das bei der Bekämpfung dieser Plagen helfen könnte.

„Hey, Con, du bist noch da?“

Connor zuckte zusammen.

„Stacey. Hast du mich erschreckt. Was machst du noch hier?“

„Ich wollte noch meine heutige Testreihe zu Ende führen, damit die Zeiten im Inkubator nicht überschritten werden.“

Stacey arbeitete in einem anderen Labor am anderen Ende des Gebäudes. Eigentlich traf man sich eher selten, nur zu bestimmten Anlässen, wenn das ganze Labor zusammenkam.

„Und warum schleichst du hier um diese Zeit rum?“

„Mein Kaffee war kalt, ich brauchte einen neuen.“

„Du siehst aus, als hättest du tagelang nicht geschlafen.“

„Das trifft es vermutlich auf den Punkt. Ich habe es zwar versucht, aber tiefer, erholsamer Schlaf ist anders.“

„Ist es dein Projekt mit dem Voynich Manuskript?“

„Woher weißt Du davon?“

„Das ganze Labor berichtet von Connor, der bis tief in die Nacht durch das Labor schleicht und wie ein Besessener an seinem Buch arbeitet. Man nennt dich schon teilweise Nightwalker.“

„Muss wohl was dran sein.“

Die Kaffeemaschine hörte auf zu summen und Connor nahm sich seine frische Tasse Kaffee heraus.

„Ist das gut, Kaffee so spät am Abend? Das ist es vermutlich, was dir nachts den Schlaf raubt. Du solltest Tee trinken wie ich.“

Sie schwenkte den Beutel mit der Aufschrift Kamillentee durch die Tasse mit dem heißen Wasser.

„Das wirkt bei mir nicht mehr, vielleicht ist das das Problem.“

„Zu viel Kaffee, zu viel Arbeit. Geh nach Hause Connor und schlaf dich einmal richtig aus. Du wirst sehen, dass man, wenn man ausgeschlafen ist, mit einem ganz anderen Blick an die Dinge herangeht.“

„Meinst du?“

„Ja, das meine ich. Außerdem freut sich deine Freundin bestimmt auch, wenn sie dich mal wiedersieht.“

„Geht mein Privatleben auch durch das ganze Labor?“

Connor wunderte sich über sich selbst. Jeder im Labor schien alles über ihn zu wissen. Benahm er sich so sonderbar, dass seine Persönlichkeit von sämtlichen Kollegen täglich einer Analyse unterzogen wurde?

„Woher weißt du von meiner Freundin?“

„Das war nur eine Vermutung. Schöne Männer bleiben selten alleine.“

Stacey strich sich durch die Ponyfransen und versuchte damit zu verbergen, dass ihr die Röte ins Gesicht schoss. Connor fühlte ebenfalls, wie sich eine Wärme auf seinen Wangen ausbreitete. Aber da er mit dem Rücken zu ihr stand, konnte sie es nicht sehen.

„Vielleicht habt ihr alle Recht. Vielleicht gehe ich einfach nach Hause und entspanne mich dort.“

„Ein Glas Wein, ein guter Film.“

„Ich werde nur noch einen Anruf machen, dann gehe ich wirklich nach Hause.“

Connor streckte sich und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Das Gel hatte seine Funktion mittlerweile vollständig eingebüßt und die Haare hingen ihm strähnig ins Gesicht.

„Dann wünsche ich dir noch einen schönen Abend.“

„Danke, dir auch.“

Er nahm seine Kaffeetasse und sah ihr nach, wie sie den Flur hinunterging und um eine Ecke verschwand.

FÜNF

In seinem Labor schloss er die Tür hinter sich, um zu verhindern, dass vielleicht noch einer der so spät noch anwesenden Kollegen mehr aus seinem Privatleben erfuhr. Dann nahm er erneut sein Handy zur Hand. Er setzte sich auf seinen Stuhl, lehnte sich zurück und wartete, bis es beim Empfänger des Anrufs klingelte.

„Miller.“

Es war die tiefe Stimme seines Vaters.

„Hey Dad.“

„Connor. Wie schön, von dir zu hören. Im Moment scheinen ja nicht viele Menschen überhaupt von dir zu hören.“

Connor seufzte. Also hatte es sich schon bis zu seinen Eltern herumgesprochen, dass er zurzeit wie ein Einsiedler hauste.

„Wie geht es dir?“

„Mir geht es gut. Aber ich habe viel Arbeit. Wie geht es dir? Wie geht es Mom?“

„Deine Mutter ist mit ihrem Kegelclub heute Abend unterwegs. Sie hat mich hier alleine zurückgelassen mit einem vorbereiteten Abendessen für die Mikrowelle.“

Er schnaubte theatralisch, so dass Connor grinsen musste. Sein Vater vertrat noch ein wenig die alte Schule. Danach hatte das Essen fertig auf dem Tisch zu stehen, wenn man als Mann von der Arbeit nach Hause kam.

„Sonst läuft hier alles wie immer. Sie kocht und hält das Haus instand, während ich mich bemühe, einen Mitarbeiter zu finden, den ich irgendwann einmal für geeignet halte, meine Position einzunehmen, wenn ich mal in Rente gehe.“

„Dad, bis dahin sind es noch 10 Jahre.“

„Ich meine ja nur. Besser man fängt früh mit der Vorbereitung an.“

Connors Vater Peter arbeitete als leitender Mitarbeiter in einem Unternehmen, welches im Bereich der Onkologie forschte und Medikamente entwickelte.

„Du redest, als würdest du morgen abtreten.“

„Das hoffe ich nicht. Ich möchte doch noch mindestens 20 Jahre meine Rente genießen, wenn es mal so weit ist. Du weißt schon, das Klischee erfüllen, mit dem Caddy über den Golfplatz fahren und mein Geld für Kunstschätze ausgeben.“

Er lachte. Connor mochte den Sarkasmus seines Vaters. Dieser nahm das ganze Leben nicht so ernst, legte jedoch trotzdem sehr viel Wert auf Hingabe bei der Arbeit.

„Und wie läuft es bei dir?“

Connor seufzte, auch wenn dieses eigentlich der zentrale Punkt war, warum er angerufen hatte.

„Dad, ich habe eine Frage.“

Er begann zögerlich.

„Und die wäre?“

Connor hatte in seinem Kopf in den letzten 10 Minuten gefühlte einhundert Mal durchgespielt, was er sagen würde und wie das Gespräch verlaufen könnte.

„Was würdest du sagen, wenn ich mein Projekt abbreche?“

Stille am anderen Ende der Leitung.

„Was?“

„Naja, ich arbeite nun schon 6 Wochen an diesem Buch und bin keinen Schritt weitergekommen. Sogar mein Professor scheint den Glauben an mich zu verlieren.“

„Das ist nicht dein Ernst?“

„Doch, Dad. Ich weiß nicht, wohin mich dieses Projekt noch führt. Aber ich bin auch zwiegespalten. Ich habe bereits so viel Arbeit investiert.“

„Du bist mein Sohn. Die Millers geben niemals auf.“

„Aber wenn es doch nutzlos ist.“

„Warum ist es nutzlos? Hast du bisher alles probiert?“

„Alles Mögliche habe ich ausprobiert, alle mir bekannten Methoden, alles, was mir eingefallen ist. Aber es ist nichts dabei herausgekommen. Gar nichts.“

„Wenn es mit den konventionellen Methoden nicht funktioniert, musst du es eben mit den unkonventionellen Methoden versuchen. Sagte schon Sherlock Holmes.“

„Mit den unkonventionellen?“

„Ja.“

Connor trommelte mit den Fingern auf dem Tisch vor sich. Er hatte gewusst, dass es in eine Diskussion ausarten würde.

„Und was schwebt dir hierbei so vor?“

„Ich weiß es noch nicht. Ich werde darüber nachdenken. Ich erzähle dir dann am Wochenende davon. Aber eins ist sicher: ein Miller gibt niemals auf.“

„Sagt wer?“ fragte Connor.

„Ich sage das.“

Nun schlugen die Freundlichkeit und der Spaß in der Stimme um.

„Kein Mann in dieser Familie hat weniger als einen Doktor erreicht. Und auch du als mein Sohn wirst keine Schande über diese Familie bringen, indem Du einfach aufgibst.“

„Aber Dad…“

„Aufgeben ist niemals eine Option. Wenn Du keinen Doktor machst, wirst Du enterbt und ziehst sofort aus meiner Wohnung aus.“

„Es ist meine Wohnung.“

„Aber sie gehört mir und du zahlst keine Miete dafür. Überlege es Dir gut. Du wirst ein guter Doktor sein genau wie dein Vater, dein Großvater, dein Urgroßvater und alle Generationen davor.“

„Und wenn ich das nicht will?“

„Diese Entscheidung stellt sich für einen Miller nicht, das sollte dir bewusst sein.“

„Und du würdest mich wirklich auf die Straße setzen, wenn ich keinen Doktor mache?“

„Ja, damit du mal zu würdigen lernst, welche Vorteile du hast, indem du in einer Wohnung wohnst, für die du nicht mal Miete zahlst, während du in aller Ruhe deinen Doktor machen kannst. Weißt du, wie viele andere Studenten dieses Privileg gerne hätten?“

Connor seufzte und schwieg. Sein Vater nutzte die Stille, um das Thema zu wechseln.

„Wir sehen uns doch am Wochenende? Deine Mutter hat schon alles vorbereitet und geht mir seit Tagen damit auf die Nerven.“

„Ja, wir sehen uns. Ich mache jetzt gleich Feierabend und fahre nach Hause und werde dann mit Lisa die letzten Details absprechen, wann genau wir kommen und solche Dinge. Ich sage euch dann Bescheid und ihren Eltern auch. Allerdings habe ich Lisa versprochen, am Wochenende nicht über die Arbeit zu reden.“

„Ja, sie wird dich ja nicht 24 Stunden lang überwachen. Sie ist nicht das FBI. Wir werden schon eine ruhige Minute dafür finden.“

„Okay Dad.“

„Dann sehen wir uns am Wochenende.“

„Ja Dad. Grüße an Mom.“

„Werde ich ausrichten. Mach‘s gut.“

„Mach‘s gut, Dad.“

SECHS

Nach dem Wochenende war Connor tatsächlich blendender Laune. Er erzählte Paul auf dem Rückweg von der Kaffeeküche von den Geschehnissen.

„Das Wetter war super, die Sonne schien, es war warm, die Kinder konnten auf dem Rasen spielen und wir einfach auf einer Decke sitzen. Das hat uns die Schlepperei der Gartenmöbel gespart. Und das Essen war einfach der Wahnsinn, meine Mutter und meine Schwiegermutter haben ein ganzes Buffet für uns gezaubert.“

„Und Du und Lisa?“