Wenn die Sonne im Meer versinkt - Gerhard Gottschalk - E-Book

Wenn die Sonne im Meer versinkt E-Book

Gerhard Gottschalk

4,8

Beschreibung

Silke und Stefan freuen sich sehr auf ihren langersehnten Urlaub. Schönes Italien. Sorrent, die Halbinsel am Golf von Neapel. Die Metropolitanstadt Neapel, reich an Naturschönheiten und interessanten Ausflugszielen. Berühmte Sehenswürdigkeiten, wie Pompeji und Herculaneum und der immer noch aktive Vulkan Vesuv gehören zu den wunderschönsten Urlaubszielen der Welt. Aber die Urlauber geraten in die Machenschaften der Mafia. Mit ihren Urlaubsfreunden Tanja und Manfred erleben sie schreckliche Dinge. Immer wieder ist ihr Leben in allerhöchster Gefahr. Ohne es zu wissen, buchten sie eine Reise in das Reich der neapolitanischen Mafia, die Camorra. Der Leser kann miterleben und teilnehmen. Er wird in eine Welt hineinversetzt, die der Wirklichkeit sehr nahe ist.

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Vorwort

Dieser Roman ist ein Produkt meiner Phantasie. Einige der bezaubernden Touristenattraktionen am Golf von Neapel haben meine Frau und ich verschiedene Male im Urlaub erleben dürfen. Neapel ist eine reizvolle, süditalienische Hafenstadt mit herrlicher Lage am Meer. Die Stadt liegt direkt am Fuße des Vesuvs. Unheimlich, geheimnisvoll und beeindruckend thront der mächtige Feuerberg über Neapel. Die bekannten, verschütteten und wieder ausgegrabenen Städte Pompeji und Herculaneum lassen den Betrachter eine nichtauslöschende Erinnerung behalten. Drohend steht der Schreckensberg vor den Toren von Napoli. Dagegen sind das milde Klima und eine Fülle von faszinierenden Sehenswürdigkeiten einzigartig. Sie ziehen jeden Touristen magisch an. Die engen Gässchen in der Altstadt von Napoli führen zu geheimnisvollen Kirchen, Katakomben und unterirdischen Höhlen. Eine Reise in die Vergangenheit: antike Bauwerke, die Kunst aus Renaissance, Barock und wunderschöne Museen.

Spannung, atemberaubend, etwas Erotik und Liebe vermischen sich mit grauenhaften Geschehnissen. Alle Gestalten dieses Romans sind frei erfunden. Sie sind nicht das Abbild irgendwelcher heute oder früher lebenden Personen.

Kapitel 1

Endlich Urlaub, freute sich Stefan. Drei Wochen keine Stressarbeit mehr. Jetzt konnte sich der Bauingenieur erholen. Arbeitsmenge, Zeitdruck und Hektik nahmen in seinem Job kontinuierlich zu. Neue Kraft schöpfen, den stressigen Alltag vergessen, um dann den Jahresurlaub genießen zu können. Das war schon lange überfällig. Nur der innere Druck musste unbedingt weg. Erst dann würde sich sein Urlaub optimal bemerkbar machen. Silke, seine Frau, hatte mit ihrem Liebsten die gleichen Anstrengungen. Sie arbeitete bei der gleichen Firma als Bürokauffrau. Ein großes Architekturbüro in Aachen, was in ganz Deutschland für Perfektion, Planung, Ausführung, Bauen und Restaurieren bekannt war. Stefan war normal immer auf Achse, immer auf Tour. Mit einem Sportflugzeug der Firma, flog er mal eben schnell nach Rostock oder München, um wichtige Bauleitungen schneller abwickeln zu können. Im Dienste der Firma war er immer unterwegs. Seine Frau sah er selten und ein gemeinsames Familienleben blieb oft auf der Strecke. Somit freuten sich beide auf den bevorstehenden Urlaub nach Italien. Eine Reise nach Sorrent. Anhand der Reisunterlagen sollte dort das Paradies auf Erden sein. Verbunden mit Capri, Pompeji, Herculaneum und Neapel war der Ort Sorrent als beliebtes Ferienziel bekannt. Nicht vorstellbar, aber das schon seit mehr als 2.000 Jahren.

„Hast du die Koffer schon gepackt?“ rief Stefan. Er kam wie immer, auf der letzten Minute. Nun versuchte er sich zu entschuldigen: „Ich musste noch mal schnell nach Leipzig. Ein wichtiger Bauabschnitt war noch zu prüfen. Es tut mir wirklich leid, dass ich zu spät bin.“ Die Baufirma, bei der Stefan arbeitete, hatte dort ein riesiges Kaufhaus geplant und so betreute er die Ausführung der Bautätigkeiten. „Ob es auch drei Wochen ohne mich geht?“, bemerkte er nebenbei. Jetzt nahm er seine Frau in den Arm und drückte sie ganz fest an sich. „Ich freue mich, dass es endlich losgehen kann“, flüsterte er ihr ins Ohr. Ihr Gesicht wurde wieder etwas freundlicher, aber sie wusste ja, dass ihr Mann ständig unter Zeitdruck handeln musste. Zwei liebe Menschen, die im Alltag viel zu wenig Zeit für sich hatten.

Mit großen Koffern, dass nötige Handgepäck, so standen sie in einer langen Menschenreihe am Terminal um einzuchecken. Lächelnd erklärte Stefan seiner Frau: „Wenn man bedenkt, dass der Flughafen Köln-Bonn früher ein kleiner Fliegerhorst war, muss man über die enorme Weiterentwicklung staunen. Heute fliegen Millionen Menschen von hier aus in aller Welt.“ Seine Frau hörte ihrem Mann immer gerne zu, wenn er ihr etwas erklärte. In ihren wunderschönen Augen spiegelte sich ein freundlicher, glücklicher Glanz wieder. Stefan schaute seine Frau an und dachte dabei: ‘Was habe ich doch eine hübsche Frau. Da stimmt alles. Eigentlich schade, dass ich sie selten sehen kann und wenn, dann immer nur zwischen Tür und Angel. Aber wir haben ja jetzt unsere drei Wochen in der Gemeinsamkeit noch vor uns. Vielleicht kann man in dieser Zeit so einiges nachholen‘. Seine Gedankengänge beschäftigten ihn im Moment sehr. Langsam rückte die Menschenschlange auf den Abfertigungsschalter zu. Stefan mochte keine Businessklasse und auch keine Reservierung der Sitzplätze. Einfach, wie jedermann, so wollte er in den Urlaub fliegen. In der Warteschlange hatte er die Gelegenheit, Menschen zu beobachten. In diesem chaotischen Menschengewimmel sah er viele hektisch aufgeregte Leute, die hin und herliefen. „Was hat der liebe Gott doch alles so unter der Sonne laufen“, dachte er weiter. Einige der Reisenden sahen angsteinflößend aus. In den Nachrichten hörte man immer wieder von Flugzeugentführungen und Luftpiraterie. Trotzdem die Sicherheit im Flugverkehr das oberste Ziel der Luftfahrt bedeutet, gab es immer wieder Gefahren, die bei Flugzeugentführungen, Sabotage und anderen terroristischen Angriffen zunahmen. Natürlich ist es beruhigend, dass mehrere Milliarden Menschen jährlich mit dem Flugzeug fliegen. Laut Statistik würde jeder viermillionste Passagier dabei ums Leben kommen. Seine Gedanken wurden plötzlich unterbrochen. Einige Meter vor ihm sackte ein älterer Herr in sich zusammen. Mit voller Wucht schlug er mit dem Hinterkopf auf den Boden. Sofort war Stefan zur Stelle. Er sah wie der Mann kollabierte. Seine Gesichtsfarbe veränderte sich in einer bläulichen Verfärbung und eine wässrige, schleimige Flüssigkeit lief aus Mund und Nase heraus. „Schnell, ist hier ein Arzt?“, rief Stefan mit lauter Stimme. Gleichzeitig begann er schon mit lebensrettenden Maßnahmen. Er begriff aber schnell, dass er beim Beatmen durch die Nase Probleme hatte, überhaupt Luft hineinzubekommen. Nach einigen Minuten waren die Rettungssanitäter zur Stelle. Nach mehreren Wiederbelebungsversuchen, stellte der Arzt schließlich den Tod fest. Der Körper wurde mit einem weißen Laken abgedeckt. „So schnell kann es gehen“, stellte Silke schockierend fest. „Unser Urlaub fängt ja gut an. Das muss man erst einmal wieder verkraften“, meinte sie. Angsterfüllt schmiegte sie sich an ihren Mann. Noch in der Sicherheitskontrolle hörte man das laute Weinen einer Frau. Silke sprach aufgeregt mit ihrem Mann: „Oh, tut mir das leid. Das ist bestimmt seine Lebensgefährtin oder sogar seine Frau. Ich finde das ganz schlimm.“ Stefan konnte in ihren Augen ein leichtes, unruhiges Flackern erkennen. Solch ein Erlebnis ging nicht so ganz einfach vorbei. Daran musste man doch lange denken. So etwas kam immer wieder ins Bewusstsein zurück.

Die Informationsansage für den Flug nach Neapel gab die Durchsage zum Check-in. Das Flugzeug durfte nun betreten werden. „Darf ich ans Fenster“, fragte Silke. „Ladies First! Nehme Platz und fühle dich wohl“, antwortete Stefan sehr liebevoll. Das Flugzeug war vollbesetzt. Silke wunderte sich sehr: „So viele Leute, die nach Neapel fliegen, dass ist kaum zu glauben.“ Sie setzte sich vorsichtig auf ihren Sitz und schaute aus dem Fenster der Flugabfertigung zu. Stefan saß in der Mitte, neben seiner Frau. Rechts neben ihnen hatte sich ein ziemlich dickleibiger Mann gesetzt, der große Mühe hatte, überhaupt in den Sitz zu kommen. ‘Na toll‘, dachte Stefan, jetzt sitze ich hier eingeklemmt, wie in einer Ölsardine. Nach ca. einer Minute trat ein pedantischer Geruch auf. Es roch nach kaltem Schweiß. Vielleicht hatte der dicke Sitznachbar heute noch nicht geduscht? Oder schwitzte er durch seine Dickleibigkeit? Frustrierend wendete sich Stefan schnell in die andere Richtung. Er schaute Silke mit einem deprimierten Gesicht an. Der unangenehme Geruch hatte sich allerding auch schon bei ihr bemerkbar gemacht. Sie rümpfte die Nase und verzog ihr Gesicht. Stefan flüsterte ihr ins Ohr: „In zwei Stunden sind wir da. Dann kommen wir wieder an die frische Luft. Ein Glück, dass ich deinen Parfümduft rieche. Zwar werden die Gerüche vermischt, aber an deiner Seite ist es auszuhalten.“ Er gab ihr ein unauffälliges Küsschen auf die Wange.

Die hübsche Stewardess kündigte den bevorstehenden Start an. Während das Flugzeug zur Startbahn rollte, erklärte sie vorgeschriebene Sicherheitsunterweisungen. „Könnten sie bitte einmal aufstehen. Sie sitzen auf meinem Sicherheitsgurt“, bat Stefan seinen Sitznachbarn.“ Mit mürrischem Gesicht versuchte er aufzustehen, sagte aber kein Wort. Stefan bedankte sich und zog den Gurt zu sich heran: ‘Was ist das nur für ein ungemütlicher Zeitgenosse‘, dachte er und wandte sich seiner Frau zu.

Take-off. Das Einleiten zum gesamten Startvorgang begann. Schnell gelangte das Flugzeug in den Steilflug. Man wurde durch die Beschleunigungskräfte in den Sitz gedrückt. Mit voller Leistung hörte man die Turbinengeräusche. In rasanter Geschwindigkeit konnte man aus der Vogelperspektive die gesamte Stadt Köln sehen. Deutlich auffallend sah man den Kölner Dom, den Rhein, und die Hohenzollernbrücke. Silke fragte Stefan: „Könntest du auch in einem Notfall so ein großes Verkehrsflugzeug bedienen?“ Stefan lächelte und sagte scherzeshalber: „Mit unserem Firmensportflugzeug ist es bestimmt auch nicht einfach, aber um eine Verkehrsmaschine fliegen zu können, braucht man jahrelange Erfahrungen und eine hochwertige Ausbildungen. Außerdem tragen Berufspiloten eine große Verantwortung um das Wohlergehen der Passagiere.“ Silke fühlte sich sehr wohl neben ihrem Mann. Sie ließ ihre Gedanken freien Lauf: „Wie schön kann das Leben auch ohne Arbeit einmal sein. Was hatte sie denn schon erlebt, oder schönes von der Welt gesehen? In ihren annähernd dreißig Jahren kannte sie eigentlich nur den Alltag, den Stress und einen sehr langen Arbeitstag. Zusätzlich musste sie zwangsläufig auch noch ihren Haushalt bewältigen. Sollte das in ihrem Leben immer so weiter gehen. An Kinder war überhaupt nicht zu denken. Entweder Job oder Mutter; beides kam nicht in Frage. Natürlich verdienten sie zusammen sehr gut. Aber war Geld alles auf der Welt, was wichtig sein sollte? Plötzlich störte eine Durchsage vom Flugzeugkapitän ihren Gedankenfluss: „Liebe Fluggäste, wir müssen einem Gewitter ausweichen. Es kann aber trotzdem zu Turbolenzen kommen. Bitte schnallen sie sich an!“

Das monotone Geräusch der Turbinen änderte sich durch ein dunkles Grollen. Ängstlich schaute Silke ihren Mann an: „Was ist das?“ Stefan lächelte und beruhigte sie: „Das ist nicht schlimm. Hab keine Angst. Dieses Gebrumme entsteht durch Geschwindigkeitsunterschiede zwischen Umgebungsluft und Triebwerksluft.“ Nach einigen Sekunden begann das Flugzeug zu wackeln. Wieder musste er seine Frau beruhigten: „Keine Angst; dass sind Luftlöcher, die durch starke Luftströmungen über Hindernisse hinwegströmen.“ Der Dicke in ihrer Sitzreihe meldete sich. Er konnte auf einmal sprechen: „Mir ist es aber gar nicht geheuer, so ein Mist, ich glaube es mir speiübel.“ Blitzschnell handelte Stefan. Er holte eine Spucktüte aus seiner Sitztasche und reichte sie seinem Nachbarn: „Hier, für alle Fälle!“ In Gedanken malte er sich aus, wenn es wirklich dazu kommen würde.

Das Flugzeug ruckelte und wurde richtig durchgeschüttelt. Silke bekam ein flaues Gefühl im Magen. Es machte sich in ihrem Körper bemerkbar. Stocksteif saß sie in ihrem Sitz. Der Schweiß auf ihrer Stirn ließ erkennen, dass sie Angst hatte. Stefan versuchte sie nochmals zu beruhigen. Er erklärte ihr in einem ruhigen Ton, dass überhaupt nichts passieren könnte. Selbst mehrere Durchsagen vom Kapitän halfen Silke nicht. Seine scherzhaften Bemerkungen der Lage, wie z. B. ‘machen sie sich keine Sorgen‘, denn damit wollte er den Passagieren die Angst nehmen. Bei Silke hatte das aber nicht geholfen. Stefan hielt sie fest in seinen Armen. Er zeigte vom Fenster auf die Flügel des Flugzeugs: „Schau, wie elastisch die Flügel sind. Der Unterschied zwischen der Spitze und der Befestigung beträgt bestimmt mindestens 1 Meter. Aber bei solchen Turbolenzen ist das alles normal.“ Er wollte ihre Angst damit lindern. Trotz seiner gelassenen Art, die er in dieser Situation aufbrachte, wurde Silke nicht ruhiger, sondern sie hatte Todesängste. Der ganze Flug wurde von Turbolenzen begleitet, so dass die Stewardessen noch nicht einmal das Essen und den Duty-Free-Shop eröffnen konnten. Stefan warf einen Blick auf den übergewichtigen Sitznachbarn. Grün im Gesicht, den Angstschweiß auf der Stirn, so saß er eingeklemmt in seinem Sitz. Es sah so aus, als ob er mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Wer weiß, was er dachte? Vielleicht glaubte er, dass der Absturz des Flugzeugs bald kommen würde.

Der Kapitän kündigte den Landeanflug an. Die Flugphase änderte sich auffallend. Der Beginn der Landung begann. Mit einem Male wurden die Flugbewegungen wieder ruhiger. Der Pilot leitete den Sinkflug ein. Die Geschwindigkeit wurde reduziert und das Ausfahren des Fahrwerks konnte man deutlich hören. Der Boden kam immer näher. Das Flugzeug landete erstaunlicher Weise sanft und weich. Silke seufzte: „Endlich wieder Boden unter den Füßen. Ich glaube das war mein erster und letzter Flug. Lieber gehe ich zu Fuß nach Hause, als das ich irgendwann noch einmal in ein Flugzeug steigen werde.“ Stefan gab keinen Kommentar mehr dazu, denn letztendlich musste sie den Rückflug doch wieder antreten, um wieder nach Hause zu kommen. Er brachte volles Verständnis für seine Frau auf. Bei einem derartigen unruhigen Flug, konnte man schnell Flugangst bekommen. Schließlich war es ihr erster Flug. Warum musste auch ausgerechnet das Flugzeug so wackeln.

Der dickleibige Sitznachbar versuchte aus seinem Sessel zu kommen. Er war grün im Gesicht. Wie benommen, ohne ein Abschiedswort von sich zu geben, torkelte er den Flugzeuggang entlang. Was war das? Jetzt konnte man erkennen, dass der Dicke sich in die Hosen gepinkelt hatte. Bestimmt eine peinliche Situation für ihn. Aber wie hätte er in der engen Bordtoilette sein Geschäft machen wollen, und das bei diesen Turbulenzen? Das war überhaupt nicht vorstellbar. Vielleicht hatte er auch eine schwache Blase oder Beschwerden beim Wasserlassen. Oder war es die bekannte Männerkrankheit, die viele Männer sich nicht eingestehen wollten? Es konnte aber auch sein, dass er vor Angst in die Hosen gemacht hatte. Der Blasenschließmuskel ist dann in diesem Moment der Angst unwichtiger als alle anderen Muskeln und Körperteile, die in dieser Situation zur Gefahrenabwehr gebraucht würden.

Einige der Passagiere rümpften ihre Nasen. Der Geruch verbreitete sich in seiner näheren Umgebungsluft. Endlich wurden die Flugzeugtüren geöffnet. „Oh, tut das gut! Frische Luft“, seufzte Silke. „Gott sei Dank! Was bin ich froh, dass wir aussteigen können.“

‘Aeroporto Internationale di Napoli‘. In den Reiseunterlagen konnte man lesen, dass der Flughafen einer der wichtigsten von Süditalien sei. Viele Verkehrsanbindungen mit Anschluss an die Autobahn, von der aus alle Stadtteile und umliegende Städte gut erreichbar sein sollten. Der Transfer nach Sorrent würde ungefähr eine Stunde dauern. Erst dann hätten sie ihr Urlaubsziel erreicht. Eine kleine Zeitspanne für das Ausschecken war natürlich mit einzurechnen und das aufgegebene Gepäck musste auch noch am Abholband in Empfang genommen werden. Nervös, hektisch und offensichtlich erregt stand auch der ungemütliche Zeitgenosse am Kofferband. Eine Sonnenbrille verdeckte seine Augen. Drängelnd stand er in den Menschenmassen am Gepäckband. Jedesmal wenn er jemanden zu nahe kam, dauerte es nicht lange, dann hatte der Dicke durch seinen unangenehmen Geruch rundum viel Platz. Unverkennbar sah man seine Urinränder in der Hose. Jetzt schob er sein Gepäck mit einem Kofferwagen zur Zoll- und Grenzabfertigung. Der Zollbeamte musterte ihn mit strengen Blicken. Ganz langsam prüfte der Zöllner seinen Pass. Dann schaute er ihn von oben bis unten an. Ein kurzes, schnelles Gespräch in italienischer Sprache folgte. Anschließend wurde der Dicke von zwei weiteren Zollbeamten abgeführt. „Der gehört bestimmt mit zur Mafia“, flüsterte Silke.

Beim Verlassen des Flughafengebäudes erlebten sie ein totales Menschengewirr. Verschiedene Sprachen wurden gesprochen. Eine gänzliche Verkehrsdichte, die hektisch und rücksichtslos erschien. Jeder hatte ein Ziel vor Augen. In diesem Durcheinander versuchte Silke und Stefan den Transferbus zu erkunden. Allerdings war von einer Reiseleitung nichts zu sehen. Sie bemühten sich an einem Informationsschalter herauszubekommen, wie sie nach Sorrent kommen sollten. Mit Akzent erklärte eine hübsche Italienerin auf die von Stefan gestellten Fragen. Sie musste lange nachdenken, um einige Sätze in deutscher Sprache formulierten zu können, bevor sie redete: „Hotel Minerva, in Sorrent! Sie zum Taxistand gehen, schauen auf Schilder! Fahrer wird ihnen helfen weiter.“ Abrupt schaute sie wieder auf ihre Arbeit am Schreibtisch. Sie setzte wieder ihren gleichgültigen Gesichtsausdruck auf, als sei nichts vorgefallen. Ihre Schaltergäste beachtete sie einfach nicht mehr. Stefan dachte: ‘Solch eine wunderschöne Frau! Aber wieso ist sie so unfreundlich? Was mag wohl der Grund für ihr Verhalten sein? Ob ihr eine Laus über die Leber gelaufen ist, oder ist es in Italien so üblich, dass Urlauber und andere Fluggäste so unfreundlich behandelt werden? Mürrisch, vergrault reagierte Stefan: „Geht es auch etwas freundlicher, oder sind sie damit überfordert?“ Sie verstand sofort. Ihre dunklen Augen blitzten böse. Silke maßregelte ihren Mann. Leise sagte sie: „Was meinst du, wenn du den ganzen Tag hinter dieser Glasscheibe sitzen würdest? Wenn du mit allerlei Menschen zu tun hättest, die ungeduldig und unfreundlich sein können?“ Stefan blickte nochmal zurück und sah das blasse, energische Gesicht der schönen Italienerin. Schon tat es ihm leid. Aber warum konnte sie nicht etwas freundlicher sein? Höflichkeit kostet doch bekanntlich kein Geld. Denn so wie man sich anderen gegenüber verhält, so verhalten sich diese auch zu einem! Oder, so wie man jemand behandelt, so reagiert dieser darauf. Oder; jemand der unhöflich ist, wird auch unhöflich behandelt. Warum sollte er sich in dieser Sache bei seiner Frau rechtfertigen. Die Angelegenheit war unbedeutend, banal und belanglos. Dadurch wollte er sich nicht schon den ersten Urlaubstag vermiesen lassen.

Ein junger Mann stand mit einem Schild am Taxenstand. Von einer nahen Entfernung konnte man lesen ‘Mr. und Miss Laumen‘. Sie gingen auf ihn zu. „Bello, bello! Was für ein hübscher Mann! Was für ein Schönling!“, flüsterte Silke. Seine äußere Erscheinung war wahrscheinlich ein Augenschmaus für die Damenwelt. Stefan wunderte sich über die Begeisterung seiner Frau und wurde etwas eifersüchtig. Er dachte wieder nach: ‘Der sieht aus wie ein richtiger Typ, der nur Frauen abcheckt, große Fresse und nichts dahinter‘. Freundlichst wurden sie von dem Taxifahrer begrüßt. ‘Na, wenigstens etwas‘, dachte Stefan weiter. Mit einigen Worten versuchte er etwas Deutsch zu sprechen.

Der Motor heulte auf und mit quietschenden Reifen fuhr das Taxi los. Stefan und Silke saßen angeschnallt auf dem Rücksitzt. Mit unkontrollierter Geschwindigkeit raste er wie in einem Fernsehkrimi über eine Hauptstraße. Er schlängelte sich durch einen Stau und schnitt anderen Fahrzeugen die Vorfahrt. „Wollen sie einen Massenunfall produzieren? Fahren Sie bitte etwas vernünftiger! Wir haben Zeit! Wir haben Urlaub!“, rügte Stefan die Fahrweise des Taxifahrers. Das hätte er besser nicht gesagt. Beleidigt schaute der Fahrer in den Rückspiegel und gab jetzt erst richtig Vollgas. Zunehmend erhöhte er die Geschwindigkeit. So konnte man bestimmt eine Verfolgungs- oder Amokfahrt erleben. Ängstlich saßen Stefan und Silke auf ihren Sitzen. Krampfhaft hielten sie sich an den Haltegriffen fest, die über den Fenstern angebracht waren. Jetzt meldete sich der Fahrer: „Sie brauchen nicht Angst haben! Hier immer so wird gefahren. Links sehen, können sie Vulkano Vesuvio.“ Damit wollte er seine Fahrgäste beruhigen, aber er ging nicht vom Gas. Der Zeiger des Tachometers kletterte immer höher in der Kilometerzahl.

Drohend konnte man den riesigen Vulkan sehen. Unvorstellbar, dass er einer der gefährlichsten aktiven Feuerberge der Welt sein sollte. Seit dem letzten Ausbruch im Jahre 1944 hatte er eine kleine Ruhepause eingelegt. Aus den Geschichtsbüchern wusste man, dass die antiken Städte Pompeji, Herculaneum und Stabiae vor ca. 2.000 Jahren durch die nicht zu entrinnenden pyroklastischen Strömen verschüttet wurden. Jegliches Leben wurde damals auslöscht. Versunken in Gedanken, stellte Stefan sich eine derartige gewaltige Eruption vor: ‘Was wäre wenn der Vulkan erneut ausbrechen würde? Es wäre eine furchtbare Katastrophe für die Millionenstadt Neapel. Sie wäre durch die dicht besiedelte Region dem Untergang geweiht‘.

Ein ruckartiges Bremsen, dann quietschende Reifen. Schreckhaft gelangte Stefan in die Realität zurück. Es war nicht zu glauben, fast ein Auffahrunfall. Dann ein lautes Gebrüll und Geschimpfe. Rücksichtslos und seelenruhig lenkte der Taxifahrer sein Fahrzeug über den rechten Grünstreifen, überfuhr ganz einfach eine rote Ampel und gab wieder Vollgas. Auf Italienisch schimpfte er: ‘Stupido, Bastardo‘ was etwa ‘Doofer Bastard‘ heißen sollte. Anschließend rechtfertigte er sich bei seinen Fahrgästen: „Können muss man Auto fahren in Italia. So geht das hier. Wer nicht sich anpasst, untergeht bei großes Verkehr.“ Hoffnungslos schaute Silke ihren Mann an. Beide dachten wahrscheinlich dasselbe: ‘Bloß nichts sagen. Der hat sowieso nicht mehr alle Tassen im Schrank‘.

Chaotisch und Nervenaufreibend wurde die Autofahrt. Ungefähr eine Stunde brauchte das Taxi über die Autobahn bis nach Sorrent.

„Der Golf von Neapel, die große Meeresbucht von Süditalien! Hier scheint wirklich das Paradies auf Erden zu sein“, sagte Silke und sie kam ihrem Mann sehr nahe. Er antwortete: „Ich freue mich auf unseren Urlaub. So schön habe ich es mir nicht vorgestellt. Was haben wir doch schöne Tage vor uns. Schau dir doch die herrliche Landschaft an, die wunderschönen Städte und Häuser.“ In weiter Entfernung konnte man wieder den gigantischen Schreckensberg erkennen. Gewaltig thronte er über die Stadt Neapel hervor. Wann würde er wieder Erwachen, dieser graubraune Bergkegel? Was würde passieren? Könnte er mit einem Schlag das Leben in dieser Region wieder auslöschen? Stefan versank wieder weiter in seinen Gedanken, als das Taxi mit einer Vollbremsung vor einem Hotel anhielt. ‘Gott sei Dank‘, dachte er weiter. ‘Endlich da und das unbeschadet‘. Elegant sprang der Wahnsinnsfahrer aus dem Taxi: „Wir sind da! Hotel Minerva!“ Ich habe transportiert sie ganz gut! Hoffentlich hatte keine Angst bei Fahrweise; hole sie Rückflug wieder ab, dann sicher zum Flughafen.“ Stefan schaute ihn sehr verwundert an. Er wusste nicht was er über eine solche Gleichgültigkeit und Leichtfertigkeit sagen sollte. „Zehn Euro Trinkgeld fürs schnelle fahren, dass reicht. Bei der Rückfahrt gebe ich ihnen zwanzig, aber nur dann, wenn sie uns annähernd durch vernünftigeres Fahren zurückbringen.“ „Grazie!“ Schnell steckte er den Zehner in seiner Hosentasche. Dann nahm er die Koffer heraus und stellte sie auf den Bordsteig. Mit einem kurzen ‘Arrivederci‘ setzte er sich wieder hinter das Steuer, gab Vollgas und fuhr mit lautem Hupen die vielbefahrene Hauptstraße herunter.

Ein Bediensteter des Hotels begrüßte die neuen Gäste. Die Koffer setzte er in einem Servicewagen, der aufwendig mit Messing und Holz hergestellt worden war. An der Rezeption wurde Stefan und Silke mit einem eisgekühltem Glas Champagner empfangen. Sie waren erstaunt über die wunderschönen Räume im Erdgeschoß, die durch eine lange Wandeldiele getrennt wurden. Dekorative Torbögen ließen das Hotel durch mehrere Lounges reizvoll erscheinen. Hier konnte man sich Entspannen und die Aussicht genießen. Das Hotel war 1875 erbaut worden. Ein altes Gemäuer. Allerdings hatte man das ursprüngliche Alter mit einem eleganten Design und allen modernen Annehmlichkeiten erneuert.

Der Herr am Empfang regelte noch einige Formalitäten. Dann übergab er den Schlüssel für eine Suite im 2. Obergeschoss. In einem perfekten Deutsch wünschte er schönen Aufenthalt im Hotel Minerva. Dabei machte er gleichzeitig eine Verbeugung: „Sie haben das schönste Zimmer im Hotel. Ein Paradies für jung verliebte Paare. Wenn sie etwas wünschen, so stehe ich ihnen gerne zur Verfügung.“ Stefan schob einen fünf Euro Schein über den Tresen und bedankte sich für den freundlichen Service.

„Komm wir gehen die Treppe herauf“, meinte Stefan. Das Gepäck hatte der Page schon zur Suite gebracht. Sie gingen durch die lange Wandelhalle zum innenliegenden Treppenhaus. Es war prachtvoll ausgeschmückt und diente zu Repräsentadtionszwecken: Die alten, historischen Bodenfließen, dass prunkvolle kunstschmiedeeiserne Treppengeländer, etliche bleiverglaste Fenster, die in beeindruckender Farbvielfalt an einen Zauber der Vergangenheit erinnerten. Alle Schönheiten waren in früheren Zeiten sorgfältig abgestimmt worden. Hier war die Handwerkskunst durch spezialisierende Handwerker getätigt worden. Durch ihre Fertigkeiten, Innovationen und Stilentwicklungen zeigten sie, dass sie hervorragende Meister in ihrem Fach waren. Sie hatten ihre Kunstarbeiten den nachfolgenden Generationen als Erinnerung hinterlassen.

Der Page stand vor der Suite. Er öffnete die Türe: „Benvenuto, si accomodi, prego! Sembra di essere in Paradiso.“ Stefan hatte einige Vokabeln gelernt und langsam übersetzte er in Gedanken die Worte: ‘Willkommen; treten sie ein, bitte! Es ist das Leben im Paradies‘. Der Page ging ins Zimmer. Dann öffnete er die rotgestrichenen Balkonklappläden. Er machte eine kleine Verbeugung und verabschiedete sich mit einem herzlichen „Arividertschi“. Schnell gab Stefan ihm ein kleines Trinkgeld.

Sie öffneten die Balkontür. Die Aussicht war überwältigend. Durch das höher, in einer Hanglage gelegene Hotel hatten sie eine wunderschöne Aussicht über den gesamten Golf von Neapel. In weiter Ferne konnte man die Stadt Neapel an den Flanken des Vesuvs erkennen. Der riesige, gefährliche Vulkan, der immer ins Blickfeld fiel. Gigantisch ragte er in der entzückenden Landschaft hervor. Schaute man nach rechts, so lag die gesamte Stadt Sorrent auf ihren schwarzen Steilküsten. Ein dunkles vulkanisches Gestein. Direkt unterhalb befand sich ein kleiner Hafen ‘Marina di Puolo‘. Eine gemütliche, entspannte Atmosphäre ging von diesem kleinen Ort aus. Ein kleiner Hafen mit einigen romantischen Fischrestaurants. Ein ruhiges Fleckchen Erde. Der Lebensstil der Einheimischen konnte Freude bereiten. Verträumte Fischerboote lagen im Hafen und so wie es aussah, hatten sie schon seit längerer Zeit eine Ruhepause eingelegt.

Silke schaute Stefan an und drückte ihn fest: „Hier ist wirklich das Paradies auf Erden. Wie schön, dass wir hier sind. Der Alltag, unsere Sorgen und Nöten sind ganz weit weg. Sie verschwinden hier ganz.“ Stefan merkte wie glücklich seine Frau war. Er wunderte sich über seine schnell veränderten Sinnesempfindungen. Gefühl und Denken waren in Italien anders.

Zwei großzügige Räume, ein Bad mit WC; eine Suite im italienischen Baustil, die sich sehen lassen konnte. Alles war passend aufeinander abgestimmt. Italienische Träume. Stefan ließ sich auf das opulent gepolsterte Bett fallen. An der Decke beobachtete er die besondere Stucktechnik. Sie verliehen dem Zimmer ein edles Aussehen. Jetzt merkte er erst, dass die anstrengende Reise müde gemacht hatte. Am liebsten würde er jetzt die Augen schließen, um ein wenig schlafen zu können. Er hörte jetzt die Badezimmertür ins Schloss fallen. Silke stand ganz nackt im Raum. Sie schaute ihn mit ihren wunderschönen Augen strahlend und verführerisch an. Ihr sexy Körper, ihre knackigen Rundungen und Proportionen ließen Stefans Herz höher schlagen. Alle Müdigkeit war mit einem Schlag verflogen. Faszinierend beobachtete Stefan seine Frau. Sie kam näher, berührte ihn emotional. Der Zustand tiefster Vertrautheit und höchster Zuneigung steigerte sie in eine sexuelle Leidenschaft. Das Kribbeln auf der Haut vermischte sich mit 1.000 kleiner Funken, die in der Luft zu flirren anfingen. Der Tanz der Körper begann. Man konnte nicht entrinnen. Leidenschaftliche Küsse bis zum Gipfel der Zweisamkeit ließen sie in einen tiefen Schlaf versinken.

Silke träumte unruhig. Sie sah im Traum den fürchterlichen, unsympathischen, dicken Sitznachbarn im Flugzeug. Händeringend fuchtelte er mit einer Pistole durch die Luft und drohte das Flugzeug zu entführen. Aber durch seine Dickleibigkeit kam er nicht aus dem Sitz. Er war eingeklemmt. Zwei Stewardessen zogen an seinen Armen; vergebens, er konnte nicht aufstehen. Ein Schuss löste sich. Es entstand ein riesiges Loch im Flugzeugrumpf und das Flugzeug stürzte ab.

Silke schrie auf. Ein Klopfen an der Tür ließ sie wieder in die Wirklichkeit zurückkommen. Zum Glück war das nur ein Traum. Benommen rief sie: „Ja, bitte!“ Der Page stand vor der Tür und antwortete: „Sie können gebrauchen irgend Service, dann sie rufen die Rezeption, prego!“ Silke antwortete schnell: „Nein Danke! Grazie! Vielleicht später!“ Stefan schreckte jetzt auch aus seinem Schlaf hoch. „Was war? fragte er Silke und fügte hinzu: „Das fängt ja gut an!“

Silke zog sich den Bademantel über und öffnete die Balkontür. Was sie jetzt sah, war ein Naturschauspiel: Die Schönheit der Natur. Ein Sonnenuntergang im Meer. Der Tag ging wieder zur Neige. „Schau dir das an! Komm zu mir und halt mich fest.“ Sie hielten einander inne. In der gemütsbewegenden Stimmung sahen sie die Rot- und orangetönenden Farben über dem Meer. Ein bezauberndes Licht, in eindrucksvoller Weise. Es tauchte langsam ins silberscheinende Meer und verschwand.

Das neue Kleid mit Pailletten wählte Silke für den ersten Abend. Sie hatte die idealen Körpermaße für dieses figurbetonte Kleid mit einem besonders tiefen Ausschnitt ausgewählt. Es stand ihr bestens. Stefan schaute zu und dachte: ‘Sie sieht wunderschön aus. Was habe ich doch ein Glück, mit dieser schönen Frau verheiratet zu sein‘. Weiter überlegte er: ‘Seit ich verheiratet bin, finde ich jede Frau schön. Frauen können sehr interessant sein. Viele berühmte Maler haben eigentlich nur schöne Frauen gemalt. Die meistens wurden nackt oder nur leicht bekleidet mit Pinsel und Farbe auf eine Leinwand produziert. Somit konnte eine Frau ein Kunstwerk sein. Warum sollte man da nicht hinschauen? In seinen Gedanken vertieft hörte er Silke sagen: „Wie sieht es aus? Willst du dich nicht mal auch langsam fertig machen? Ich habe nämlich großen Hunger! Er sprang aus dem Bett, drückte sie wieder einmal fest an sich und antwortete: „In einer Minute bin ich soweit. Schau dir doch noch solange vom Balkon das Meer an und träume ein wenig von mir.“

Der Blick aufs Meer ließ die Zeit der Abenddämmerung erkennen. Das beeindruckende Farbenspiel am Himmel erstrahlte in mehreren Farbtönen. Goldend glitzerten die Wellen in der Himmelsfärbung, die in starkem Rot zu sehen waren. Silke war sehr glücklich. Kann es im Leben noch etwas Schöneres geben? Diese Sekunden des Glücks würden nie sterben, sie würden für immer bleiben. In weiter Ferne, an der gegenüberliegenden Seite des Golfs von Neapel sah sie die Schattenumrisse des Vulkans. Bedrohlich und Majestätisch wirkte er. Am Fuße des Feuerberges konnte man Millionen Lichter der Stadt Neapel sehen. Ihre Gedankengänge beschäftigten sie weiter: ‘Wie mochte es vor 2.000 Jahren ausgesehen haben? Bei dem schrecklichen Vesuvausbruch im Jahre 79 n. Chr.; der die Städte Pompeij, Herculaneum, bis hin nach Stabiae, mit furchtbarer und vernichtender Gewalt auslöschte. Jegliche Spur von Leben war damals plötzlich zu Ende. Würde die Stadt Sorrent bei einem Wiedererwachen des Vulkans auch durch Ascheregen in Mitleidenschaft gezogen? Aber was sollen diese düsteren Gedanken in dieser sicheren Entfernung? Warum sollte der Feuerberg gerade jetzt ausbrechen‘?

Ein Geräusch ließ sie aufschrecken. Stefan legte die Hände um ihre Taille. Er küsste ihre Wangen und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich bin ausgehbereit. Nur für dich habe ich mich in Schale geworfen. Es soll ja ein besonders schöner Abend werden.“ Silke drehte sich um. Sie machte eine freundliche Äußerung: „Du siehst ja aus, wie aus dem Ei gepellt. Wenn ich dich nicht schon kennen würde, könnte ich mich wieder auf der Stelle in dich verlieben.“ Sie küssten sich leidenschaftlich und zärtlich. Silke holte nach einigen Sekunden Luft und wandte sich von ihrem Mann ab: „Meinst du, ich lebe nur von Liebe und Luft? Ich brauche jetzt unbedingt etwas zu Essen. Mein Magen hängt fast auf den Knien.“

Von der Wandelhalle gelangten sie in den Speisesaal. Freundlich wurden sie von einem Kellner empfangen. Sein perfektes Deutsch hatte er wahrscheinlich in Deutschland gelernt: „Guten Abend, bitte nehmen sie hier Platz. Sie haben von hier eine wunderschöne Aussicht aufs Meer. Ich wünsche guten Appetit. Zum Trinken können sie von der Getränkekarte bestellen.“

Das reichhaltige Buffet zeigte kulinarische Speisen. „Hier muss das Schlaraffenland sein“, meinte Stefan. Eine unerschöpfliche Vielfalt der Mittelmeerküche wurde präsentiert: Antipaste oder Tapas machten Appetit auf Häppchen für Augen und Gaumen. Vorspeisen, Salate und Fisch, warme Fleischgerichte, vegetarische Gerichte, mediterrane Fleischgerichte in allen Variationen, ließen etwas Besonderes für Leib und Leben aufkommen. Der beliebte italienische Nachtisch war das Pünktchen auf dem – i. Eine umfangreiche Palette: wie Cassata, Tiramisu, Panna cotta, Zuppa inglesi und vieles mehr waren süße Köstlichkeiten. Trotzdem man Papp satt war; ein klitzekleines Dessert fand immer noch Platz. Es sollte ein unvergessliches Abendessen bleiben. Rotwein beim Kerzenschein. Ein edles Besteck mit klassischem Porzellan, gab dem Festtagstisch eine besondere Tischkultur. Ein romantisches Candle Light Dinner. Das ist natürlich mehr als ein einfaches Abendessen.

Stefan geriet ins Schwärmen. Eine andere Welt. Hier war er weit weg vom stressigen Terminkalender und ständigem Handyklingeln. Er merkte manchmal schon, dass seine typisch, berufsspezifischen Risiken seine Lebenserwartungen bestimmen konnten. Schon mehrere bekannte Arbeitskollegen waren viel zu früh verstorben. Die Faktoren, die die Sterblichkeit beeinflussen konnten, waren natürlich schwer zu erfassen. Es galt eben; im Alltag nur Stress, Rauchen und Alkohol. Und das hält kein Körper für eine längere Zeit aus. Stefan überlegte weiter: ‘Ein Glück das wir beide nicht rauchen. Alkohol spielt bei uns eigentlich auch keine Rolle. Nur der Arbeitsstress müsste etwas vermieden werden. Also; was hindert uns daran, öfter einmal auszuspannen. Unser Leben sollte in naher Zukunft ganz anders zu gestalten sein. Dann fangen wir doch einfach im Urlaub damit an. Das ist die beste Gelegenheit mit der Arbeit zu Leben. Aber ohne Geld kann man nichts machen. Ein festes Gehalt ist immer die Voraussetzung um sich in dieser Gesellschaft zu behaupten. Jeder müsste sich die Frage selbst stellen: Arbeiten um zu leben oder leben um zu arbeiten. Dadurch könnten vielleicht einige Lebensjahre gewonnen werden. Aber an die Regeln müsste man sich schon ein wenig halten‘.

Silke störte ihn jetzt in seiner Nachdenklichkeit: „Komm wir gehen zur Hotelbar; so wie die Italiener das tun; Espresso trinken. Essen macht müde und Koffein regt die Verdauung wieder an. Damit das nicht passiert, lade ich dich ein, damit deine Lebensgeister wieder wach werden.“ Viele Gäste standen an der hochglanzpolierten Theke. Alle Barhocker und Bistromöbel waren besetzt. Stefan machte den Vorschlag: „Dann stellen wir uns eben an der Theke; das ist ja bekanntlich der schönste Platz. Da wird bestimmt ein kleines Plätzchen für uns frei sein.“ Auffallend bemerkte er die Blicke vieler Männer, die mit heimlichen und bewussten Blicken den Körper seiner Frau betrachteten. Ein Italiener wendete sich in einer höflichen Art an Silke: „Prego, ich gebe ihnen meinen Barhocker. Nehmen sie doch Platz.“ Stefan meinte etwas mürrisch: „Glückwunsch! Der Gute hat es auf dich abgesehen. Er schenkt dir seine Aufmerksamkeit, obwohl ich neben dir stehe.“ Silke setzte sich auf den Barhocker und bedankte sich bei dem hübschen Kavalier. Stefan konnte es allerdings überhaupt nicht fassen, dass er einfach übersehen wurde. Jetzt fand er es auch gar nicht mehr lustig, so überflüssig und nutzlos da zu stehen. Aber er wollte nicht grob unhöflich werden. Gleichzeitig stellte er fest, dass der Typ sich auch noch in unmittelbarer Nähe neben Silke platzierte. ‘Dieser Papagallo, was fällt dem denn ein? Der ignoriert mich ja total. Wie er sich aufplustert und seine Muskeln zeigt. Seine Körpersprache benutzt er einfältig und will damit meine Frau beeindrucken. So etwas nennt man auch Balzen. Mit seinen Blicken will er sie vernaschen‘. Ohne Hemmungen wollte er Silke einen Drink spendieren. Jetzt drängte sich aber Stefan dazwischen: „Es reicht! Gestatten! Das ist meine Frau; falls sie es noch nicht wissen sollten, dann wissen sie es eben jetzt. Geben sie sich keine Mühe, denn wir sind sogar schon ein paar Jahre verheiratet. Ihr Interesse und ihre Zuneigung finde ich zwar sehr nett; möchte aber, dass sie ihre Aufmerksamkeit anderen Damen schenken.“ Die Pupillen des Gigolos weiteten sich augenblicklich. Selbstsicher antwortete er etwas verdutzt und ging dabei auf Distanz: „Schade, dass es so ist! Ihre Frau hätte mir gefallen können. Es tut mir leid, wenn ich sie gekrängt habe; aber das war nicht meine Absicht.“

Silke schmunzelte und dachte: ‘Mein Mann ist ja eifersüchtig! Was würde denn jetzt passieren, wenn ich ihn nicht dabei hätte? Könnte der Fremde mir sogar gefährlich werden? Vielleicht in romantischer Atmosphäre, bei einigen Drinks und in einer schönen Urlaubsstimmung? Dazu etwas Alkohol? Dann würde vielleicht alles lockerer werden? War es überhaupt möglich, dass beim Flirten, nach einem netten Abend, ein Mann wie dieser mich erobern könnte? Wer weiß? Möglich wäre es bestimmt. Aber ich liebe ja meinen Mann. Oder habe ich bisher in meinem Leben etwas verpasst? Würde eine Affäre für mich attraktiv erscheinen? Ist man neugierig und sucht nach etwas, was man vielleicht noch nicht erlebt hat? Neues erfahren zu können, in einem spannungsgeladenen, sexuellen Liebesabendteuer. Wäre das ratsam? ‘ Stefan sah 1.000 kleine Teufelchen in ihren Augen: „Entschuldige bitte, wenn ich deine Gedanken störe. An was denkst du gerade?“ Ein verlegenes Lächeln und eine leichte Rötung überflog ihr Gesicht: „Ich wundere mich immer wieder über euch Männer! Erst werden Frauen umschwärmt und gleichzeitig mit Komplimenten überschüttet. Damit betont ihr eure Schokoladenseiten. Ihr wollt interessant, cool, auffällig und Aufmerksamkeit erregen. Zum guten Schluss geht es doch nur um Sex mit Gleichgesinnten.“ Stefan wunderte sich über die Schilderungen seiner Frau. Scherzhaft antwortete er: „Bei uns stimmt doch alles? Oder?“ Silke grinste ihn an: „Kann es sein, dass du eine Vermutung oder Befürchtung hast? Meinst du ich habe einen anderen? Aber einem netten Mann hinterherzuschauen ist doch keine Todsünde? Oder? Er kann ja durchaus eine schöne Erscheinung sein.“ Jetzt wechselte Stefan das Thema. Er machte ihr den Vorschlag ins Nachtleben von Sorrent einzutauchen.“

Vom Hotel konnte man über eine vielbefahrene Verkehrsstraße bis ins Zentrum gehen. Von weiten sah Stefan und Silke eine große Menge hellerleuchteter Lampen und Lichter. Das Lichtermeer einer Stadt. Die Stadt hatte unzählige kleine Bars. Viele Einheimische, viele Torristen trafen sich auf einer Piazza der Stadt, um neue Kontakte zu knüpfen. Die Straßen im Herzen Sorrento waren überfüllt mit Fußgängern. Den Abendspaziergang brachten sie in Verbindung mit zahlreichen Geschäften, die bis spät abends geöffnet waren. Arm in Arm schlenderten Stefan und Silke durch die herrliche, laue Sommernacht. Stefan zeigte auf ein Straßencafé. Er machte Silke einen Vorschlag: „Sieht gut aus, die Ercolano Bar. Ein Drink gefällig?“ Die Bar lag direkt am Hauptplatz von Sorrento. Von dort hatte man einen wunderschönen Ausblick auf die ‘Piazza Tasso‘. An einem der kleinen Tische konnte man rundum das Geschehen in aller Ruhe genießen. Eine typisch italienische Bar, die hervorragenden Espresso, Spirituosen aller Art, Biere und einige Snacks anbot. Ein toller Ort um Menschen zu beobachten. Es dauerte eine Weile, ein hübscher Kellner kam und nahm die Bestellung auf. Er sah gut aus und war sehr gepflegt. Auffällig glänzten seine schwarzen Haare im Sonnenlicht. Ganz sicherlich ließ er so manches Frauenherz höher schlagen. Freundlich fragte er in einem gebrochenem Deutsch: „Prego, was ich kann bringen ihnen.“ Dabei schaute er Silke mit seinen durchdringenden, dunklen Augen fragend an. Sein Blick blieb an ihr haften. An was dachte er wohl? Zu gerne hätte Stefan es gewusst.

Es sollte eine unvergessliche Nacht werden. In trauter Zweisamkeit genossen sie die wunderschöne Umgebung. Hier war der richtige Ort, der Partnerin, oder dem Partner eine romantische Liebeserklärung zu machen. Stefan schaute seiner Frau in die Augen. In dieser atemberaubenden Kulisse wollte er gerade die drei Worte sagen: ‘Ich liebe dich‘. Ein lautes Stimmengewirr störte in diesem Moment sein Vorhaben. An einem der Nachbartische saß eine Gruppe Männer, die in italienischer Sprache eine heftige Auseinandersetzung hatten. Ängstlich flüsterte Silke: „Da ist doch wieder der Dicke mit im Spiel! Siehst du ihn auch? Der aus dem Flugzeug! Was spielt der für eine komische Rolle? Mit dem stimmt doch etwas nicht.“ Stefan lächelte und antwortete: „Der gehört ganz bestimmt mit zur Mafia. So oft wir den schon gesehen haben, dass kann bald kein Zufall mehr sein.“

Fassungslos mussten Stefan und Silke mitansehen, wie aus dem Streitgespräch eine handfeste Keilerei entstand. Der Dicke schlug mit einem Schlag einen der Männer zu Boden. Jetzt wollten die anderen ihn attackieren. Bevor sie ihn aber ergreifen konnten, wich er geschickt einen Schritt zurück. Plötzlich hatte er eine Pistole in der Hand. Wie erstarrt schauten die Angreifer auf die Waffe. Ohne zu zögern schoss der Dicke einen seiner gegenüberstehenden Kumpane in den Kopf. Die Barkeeper und Kellner riefen: „Al Suolo! Auf den Boden!“ In Sekundenschnelle brach Angst und Panik aus. In dieser Gefahrensituation liefen viele Gäste kreuz und quer von dannen. Zitternd vor Angst hielt Stefan schützend seine Arme über Silke. Sie hatten sich schnell in gebückter Haltung hinter einem Gebäudepfeiler versteckt. Stefan sah jetzt, wie der Mörder in ein heranfahrendes Auto stieg und verschwand. Sofort wimmelte es von unzähligen Polizeifahrzeugen und Krankenwagen. Ärzte und Sanitäter konnten aber nur noch den Tod des Mannes feststellen. Die Ermittlungen wurden schnell abgeschlossen. Den Tathergang hatten viele Gäste gesehen. Sie konnten den Vorgang und das Geschehen bezeugen. Jetzt brauchte die Polizei nur noch den Mörder finden. Stefan flüsterte Silke ins Ohr: „Sollen wir der Polizei den Mörder beschreiben? Wir kennen ihn mittlerweile genau. Der ist uns schon so oft über den Weg gelaufen, sodass ich sogar ein Bild von ihm malen könnte.“ Wie benommen schaute Silke ihren Mann mit angsterfüllten Augen an. Entsetzt sagte sie: „Du bist nicht bei Sinnen. Wenn du eine Zeugenaussage bei der Polizei machst, können wir unseren Urlaub vergessen. Wer weiß, was dann noch alles passieren wird. Komm, wir verschwinden unauffällig. Mit der Mafia will ich nichts zu tun haben. Und den Ermordeten können wir sowieso nicht mehr helfen.“ Der Schreck saß tief. Als sie gehen wollten, mussten sie feststellen, dass die Polizei das gesamte Lokal abgesperrt hatte. Es kam keiner mehr herein und keiner mehr heraus. Ein gut situierter älterer Italiener, der auffallend schick gekleidet war, stellte sich nun vor: „Polizeihauptkommissar Ritzardini. Was können sie mir über diesen Mord sagen? Haben sie etwas gesehen, oder können sie mir den Mörder vielleicht beschreiben?“ Silke zitterte jetzt am ganzen Körper. Ihr wurde flau im Magen. Das Herz klopfte bis zum Hals. Vor Aufregung setzte sie sich auf einen Stuhl. Der Kommissar beobachtet sie mit seinem stechenden Blick und stellte eine weitere Frage: „Kennen sie den Mörder? Jetzt mischte Stefan sich ein: „Woher sollen wir ihn denn kennen? Wir haben nichts gesehen. Nur den Schuss haben wir gehört. Dann sind wir sofort in Deckung gegangen. Mehr wissen wir nicht.“ Der Kommissar gab Stefan ein Visitenkärtchen. Weiter notierte er die Urlaubsadresse von Stefan und Silke. Er bemerkte und wollte noch auf etwas aufmerksam machen: „Wenn ihnen doch noch etwas einfallen sollte, dann rufen sie mich bitte an.“ Stefan staunte über sein perfektes, akzentfreies Deutsch. Es hätte sogar ein Deutscher sein können! Aber, wo war denn der hübsche Kellner? Er war nirgendwo mehr zu sehen. Stefan ging zur Theke und sprach einen der Barkeeper an: „Wir müssen noch bezahlen! Der schöne Kellner hat uns bedient.“ Der Barkeeper antwortete nervös: „Kommen sie vorbei doch, morgen oder übermorgen. Dann sie können bezahlen bei Fabio.“ Man merkte ihm an, dass er sehr hektisch wirkte. Unruhig konzentrierte er sich weiter auf seine Arbeit.