Wenn du mich fragst, sag ich für immer - Holly Martin - E-Book

Wenn du mich fragst, sag ich für immer E-Book

Holly Martin

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8,99 €

Beschreibung

100 Heiratsanträge, 100 Chancen für die Liebe ...

Suzie und Harry sind die besten Freunde und Verbündete der Liebe. Denn sie betreiben eine Firma, the.perfectproposal.com, die Ehemännern und -frauen in spe hilft, den ultimativen, einzigartigen Heiratsantrag zu finden. Um das Unternehmen noch bekannter zu machen, beschließt Harry, Suzie auf hundert verschiedene Arten um ihre Hand zu bitten – nur aus Werbegründen natürlich. An exotischen Orten, auf herzerweichendste Art, an den romantischsten Plätzen der Welt: Harry legt sich richtig ins Zeug. Für Suzie heißt das allerdings, dass sie hundert Mal ablehnen muss, auch wenn alles, was sie will, Ja sagen ist …

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Seitenzahl: 465

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Buch

Suzie und ihr bester Freund Harry betreiben eine Webseite mit dem Namen dieperfekteverlobung.com, deren Ziel es ist, Ehemännern und -frauen in spe zu helfen, den perfekten Heiratsantrag vorzubereiten. Harry war für Suzie in der letzten Zeit eine große Stütze, der ihr beistand, als ihr Bruder vor ein paar Monaten starb, und sie hat sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Doch sie ist sich sicher, dass er nichts von ihr will. Bei der Arbeit läuft es aber gut für die beiden, denn sie haben bereits ein beeindruckendes Repertoire an Ideen. Suzie ist jedoch von keiner so wirklich überzeugt. Eines Tages lässt sie Harry gegenüber fallen, dass es für sie mehr braucht als eine Heißluftballonfahrt, damit sie Ja sagen würde. Außerdem hat sie bereits eine schlechte Erfahrung gemacht: Ihr Exfreund bat sie um ihre Hand, während er gerade einen schmierigen Döner aß. Seitdem hat sie jede Hoffnung für sich selbst verloren, irgendwann einen wirklich perfekten Antrag zu bekommen.

Das bringt Harry auf eine Idee, die gleichzeitig ein guter Weg sein könnte, ihre Seite noch bekannter zu machen: Er beschließt, Suzie auf hundert verschiedene Arten um ihre Hand zu bitten, um den perfekten Antrag zu finden. Er startet einen Blog, auf dem er die hundert Anträge mit der Welt teilen will.

Für Suzie ist das jedoch kein Spaß, denn wie kann sie hundert Mal Nein sagen, wenn alles, was sie will, Ja sagen ist?

Autorin

Holly Martin hat schon in diversen Jobs gearbeitet – als Rezeptionistin in einem Hotel, in einer Bank und als Lehrerin –, doch ihre wahre Leidenschaft galt immer dem Schreiben von romantischen Komödien. Nun hat Holly Martin es geschafft, ihr Hobby zum Beruf zu machen: In ihrem Haus mit den runden Fenstern in Bedfordshire widmet sie sich nun genau dem, was ihr am meisten Spaß macht. Wenn du mich fragst, sag ich für immer ist ihr erster Roman bei Blanvalet.

HOLLY MARTIN

Wenn du mich fRagst, sag ich füR immeR

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Claudia Geng

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

»One Hundred Proposals« bei Carina Press, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Mai 2016 bei Blanvalet Verlag,

einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkterstr. 28, 81673 München

Copyright © 2014 by Holly Martin

This edition is published by arrangement

with Harlequin Books S.A.

Copyright © 2016 für die deutsche Ausgabe

by Blanvalet Verlag, in der

Verlagsgruppe Random House, München

Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de

Redaktion: Angela Kuepper

LH · Herstellung: sam

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-17861-1V001

www.blanvalet.de

Für meine Mutter

Für die fantastischen Gosling Girls

Ich lebe im sonnigen Bedfordshire, in einem Haus mit runden Fenstern. Ich habe Medienwissenschaften studiert, was zu einer sehr glamourösen Karriere hinter einer Hotelrezeption führte, gefolgt von zwei noch glamouröseren Jahren in einer Bank. Als einer meiner Kollegen zu seinem fünfzehnjährigen Dienstjubiläum eine heiß begehrte Stiluhr erhielt, war das der Moment, in dem ich wusste, dass ich fliehen musste. Ich kündigte meinen Job und kehrte an die Universität zurück, um Lehramt zu studieren. Drei Jahre später tauchte ich wieder auf, mit weit aufgerissenen Augen und einem großen Bammel davor, nun für die Entwicklung von dreißig jungen Köpfen verantwortlich zu sein. Ich unterrichtete vier Jahre lang, bis ein Pädagoge von History Off The Page an unsere Schule kam und einen historischen Projekttag zum Thema »Tudor-Zeit« durchführte. Inzwischen fahre ich selbst mit meinem kleinen weißen Transporter durch das Land, um mich an dem einen Tag als Wikingerin zu verkleiden und am nächsten als ägyptische Hohepriesterin.

Ich schreibe für mein Leben gern. Die Figuren machen genau das, was ich will, meistens jedenfalls. Manchmal hat es jedoch den Anschein, als würden sie ihren eigenen Kopf durchsetzen. Es ist eine komplette Realitätsflucht in eine Welt, in der ich die volle Kontrolle habe.

Ich schreibe nun seit vier Jahren – in jeder freien Sekunde notiere ich mir Ideen in ein Merkbuch oder tippe eine Szene auf meinem Laptop. Ich habe drei Liebesromane geschrieben. Meine ersten zwei Bücher, Changing Casanova und The Chainsaw Masquerade, standen 2012 auf der Shortlist für den New Talent Award des Festival of Romance.

Meine Kurzgeschichte gewann den Wettbewerb des Belinda Jones Travel Club und wurde in dem Erzählband Sunlounger veröffentlicht, neben einigen meiner Lieblingsautorinnen, wie Belinda Jones, Miranda Dickinson und Rosie Blake.

2013 gewann ich auf dem Festival of Romance den Valentins-Schreibwettbewerb von Carina, und mein Roman The Guestbook erschien am Valentinstag.

Sie können mir auf http://hollymartinwriter.wordpress.com/ folgen und auf Twitter @hollymartin00.

Prolog

»Du kannst jetzt die Augen aufmachen«, sagte Harry.

Ich sah blinzelnd in das Dämmerlicht der Höhle. Der Mond schien durch die Öffnung über uns und spiegelte sich in dem Wasserfall, der sich in ein Becken ergoss. Wir waren erst wenige Tage in Australien, aber ich wusste jetzt schon, dass ich hier nicht aus dem Staunen herauskommen würde. In den Nischen der Höhlenwände tanzten Hunderte von Leuchtkäfern, die wie eine Lichterkette funkelten.

Nichts hätte mich auf das vorbereiten können, was als Nächstes passierte.

Die Leuchtkäfer versammelten sich einer nach dem anderen auf einer Wand, und langsam bildete sich eine Form heraus. Ich runzelte verwirrt die Stirn, und dann, innerhalb von Sekunden, ragten die Worte Suzie Marry Me auf der Höhlenwand hervor, geschrieben von den Leuchtkäfern.

Ich wirbelte verblüfft zu Harry herum. »Wie hast du das gemacht?« Ich drehte den Kopf wieder zu den Leuchtkäfern, weil ich nichts verpassen wollte. Würden sie sich vielleicht gleich neu formatieren und den Refrain meines Lieblingssongs abbilden? Handelte es sich hier um perfekt trainierte Käfer, die gleich ihre Mini-Cheerleader-Pompons zücken und eine Art Formationstanz beginnen würden, bei dem sie waghalsig auf dem Rücken der jeweils anderen balancierten?

»Mit dem Saft einer Frucht, auf die sie voll abfahren.«

Ich wühlte in meiner Tasche nach meiner Kamera. »Wir müssen ein Foto für die Webseite machen.«

Ich machte ein paar Aufnahmen und bemerkte dann, dass ein paar Touristen die Höhle betreten hatten und offensichtlich auf meine Antwort warteten. Da konnten sie noch lange warten.

»Also, was denkst du?«, fragte Harry. »Ist das hier der perfekte Heiratsantrag?«

»Es ist definitiv einer deiner besten, sehr romantisch.« Ich richtete meine Konzentration wieder auf die Kamera. Die Bilder würden fantastisch wirken, mit dem weichgezeichneten Wasserfall im Hintergrund und den Leuchtkäfern, die sich scharf vor dem nachtblauen Licht in der Höhle abzeichneten.

»Aber trotzdem noch nicht der perfekte Antrag?«

»Nicht für mich, aber andere Frauen würden begeistert sein.« Ich beobachtete, wie die Touristen lange Gesichter machten wegen meiner herzlosen Antwort. »Wir sind kein Paar, wir arbeiten nur zusammen.« Ein Mann und eine Frau sahen mich zweifelnd an, also erklärte ich: »Unsere Firma entwirft den perfekten Heiratsantrag. Damit verdienen wir unseren Lebensunterhalt.«

Ich widerstand dem plötzlichen Bedürfnis, zu den Leuten hinüberzueilen und unsere Visitenkarten zu verteilen. Als könnte er meine Gedanken lesen, schlang Harry einen Arm um meine Schulter und hielt mich zurück.

Ich sah ihn unschuldig an, aber er wirkte nicht überzeugt.

Die Touristen setzten ihren Weg durch die Höhle fort und ließen uns wieder allein.

»Das machst du immer«, sagte Harry.

»Was, Werbung für unser Geschäft? Ich weiß, ich kann nicht anders. Ich bin einfach so stolz auf das, was wir erreicht haben, dass ich es am liebsten jedem erzählen würde, der mir zuhört, und auch jedem, der mir nicht zuhört.«

»Nein, das meinte ich nicht. Du sagst immer unsere Firma, unser Geschäft, dabei ist es deine Firma, du hast sie gegründet. Ich bin nur der Techniker.«

Tatsächlich habe ich alleine angefangen. Ich erschuf dieperfekteverlobung.com vor über zwei Jahren, als mein damaliger Freund mit einem fettigen Kebab betrunken um meine Hand anhielt. Das brachte mich auf die Idee, dass die Männer dieser Welt vielleicht ein bisschen Hilfe brauchten, um ihrer Freundin einen Heiratsantrag zu machen, den sie nie vergessen würde. Obwohl, den fettigen Kebab werde ich wahrscheinlich auch nicht vergessen.

Harry war mein Webdesigner. In der Anfangsphase unseres Geschäfts kam er jeden Tag in mein Büro – das Gästezimmer meiner Wohnung – und half mir, neue Ideen, Bilder und Spezialangebote in meine Homepage einzupflegen. Letzten Endes machte es Sinn, ihn fest einzustellen. Unsere Website sah fantastisch aus, und das war ein wesentlicher Baustein für unseren Erfolg als Internet-Dienstleister.

Aber Harry war nicht bloß irgend so ein IT-Freak, weit davon entfernt. Er war der größte Mann, den ich je in meinem Leben gesehen habe, mit langen Oberschenkeln und großen Füßen. Er hatte dunkle stoppelige Haare und schokoladenbraune Augen. Aber er hatte auch eine lebhafte Fantasie. Während ich die Logistik für einen Helikopterflug mit Champagnerpicknick organisierte, war Harry derjenige, der mit wirklich einzigartigen Ideen daherkam, wie zum Beispiel der Leuchtkäfer-Formation.

»Außerdem machst du dich immer kleiner, als du bist. Wir sind gleichberechtigte Partner. Du hast genauso deinen Anteil geleistet zu unserem Erfolg«, sagte ich.

Er zuckte mit den Achseln, nicht erpicht darauf, seiner Rolle so viel Bedeutung beizumessen. Er deutete auf die Leuchtkäfer, die nun begannen, ihre Formation aufzulösen. »Ist es zu kitschig?«

Ich ließ die Kamera an meinem Hals baumeln und lehnte mich an Harry. Ich liebte es, wie perfekt ich mich an ihn schmiegen konnte. »Ich finde es toll, wirklich, es ist … magisch. Aber trotzdem fehlt noch etwas.«

Gab es tatsächlich so etwas wie den perfekten Heiratsantrag? Vor drei Monaten, kurz vor dem Valentinstag, hatte Harry sich zum Ziel gesetzt, mir einen perfekten Heiratsantrag zu machen. Aber tief in meinem Innern wusste ich, was ich wollte, und ich bezweifelte, dass Harry in der Lage sein würde, es mir zu geben. Ich hätte es ihm sagen sollen, bevor er dieses sinnlose Unterfangen startete. Es hätte mir viel Kummer erspart.

Kapitel 1

Drei Monate zuvor

Nach einem Telefonat mit einem weiteren aufgeregten Kunden legte ich den Hörer auf und seufzte. Heute war der elfte Februar, und wir hatten einen Ansturm von Kunden, die den dringenden Wunsch hatten, am Valentinstag auf dem Eiffelturm um die Hand ihrer Liebsten anzuhalten. Ich hätte schreien können. Nur dank sorgfältiger Planung hatte ich es so organisiert, dass unsere Kunden nicht alle gleichzeitig auf dem Eiffelturm sein würden. Das ist nämlich nicht gerade das, was eine Frau sich wünscht, um sich als jemand Besonderes zu fühlen – zu sehen, dass andere Frauen neben ihr am selben Ort und zur selben Zeit einen Heiratsantrag bekommen. Gab es keine Originalität mehr? Harry hatte immer so geniale Ideen für einzigartige Verlobungen, aber egal, wie oft ich versuchte, sie unseren Kunden zu verkaufen, sie entschieden sich immer für das Traditionelle, und das war’s dann.

»Wieder der Eiffelturm?«, fragte Harry geistesabwesend, während er Bilder für unsere Diashow hochlud.

»Der Kunde möchte, dass um acht Uhr ein Dutzend rote Rosen auf die Aussichtsplattform geliefert wird.« Geschlagen massierte ich meinen Kopf. »Wie wäre es mal mit was anderem, zum Beispiel ins Ballett gehen oder sich ganz hinten auf dem Brighton Pier bei einer Tüte Pommes verloben?«

Harry schwenkte auf seinem Stuhl herum. »Was wäre denn für dich der perfekte Heiratsantrag?«

Ich sah ihn an und hatte plötzlich ein Bild vor Augen, in dem er mich in seinen Armen hielt und mich bat, seine Frau zu werden.

»Ich weiß nicht. Der perfekte Mann wäre schon mal definitiv ein Bonus.«

»Okay, du hast also deinen perfekten Mann, und es ist nicht der fettige Kebabbursche …«

»Lass mich das kurz klarstellen – der Kebab war fettig, nicht der Bursche.«

Harry wischte die Details beiseite. »Also, Orlando Bloom oder irgendein anderer nicht fettiger Adonis möchte um deine Hand anhalten. Wie sollte er es anstellen?«

Ich nahm einen Schluck von meinem Tee, während ich über die Frage nachdachte. Wenn mich ein Kunde anrief, weil es ihm an Inspiration mangelte, hatte ich hundert Ideen. Aber für mich selbst fiel mir nichts ein.

»Ich habe eine Idee.« Harrys Augen glänzten plötzlich vor Begeisterung. Er drehte sich mit seinem Stuhl wieder zu seinem Computer und begann eifrig zu tippen. Ich schaute über seine Schulter hinweg auf unsere Homepage.

Verlobungsblog

Wie macht man einem Profi für Heiratsanträge einen Heiratsantrag?

Genau das beabsichtige ich in den nächsten einhundert Tagen herauszufinden. Ich werde hundert Möglichkeiten ersinnen, unserer Spezialistin für Heiratsanträge, Suzie McKenzie, einen Heiratsantrag zu machen, und die Ergebnisse hier für euch veröffentlichen. Eins ist jedenfalls sicher: Kein einziger dieser Heiratsanträge wird auf dem Eiffelturm stattfinden mit einem Dutzend roter Rosen.

»Das kannst du nicht reinsetzen. Wir hatten allein in dieser Woche fünfzehn Kunden, die den Eiffelturm gebucht haben«, sagte ich, während ich mein plötzliches Herzklopfen angesichts der Aussicht, dass Harry um meine Hand anhalten würde, zu ignorieren versuchte.

»Dann werden sie es sich vielleicht noch mal überlegen.« Harry fügte bereits das Foto von einem Diamantring in den Text ein.

»Oder ihr Geld zurückverlangen.«

Aber Harry schrieb trotzdem weiter.

Tag 1: Der traditionelle Antrag.

Ort: Unser Büro.

Er stand auf, machte einen Kniefall vor mir, zerrte den Schlangenring von seinem Daumen und reckte ihn zu meinem bestürzten Gesicht empor.

»Suzie McKenzie, du bist meine beste Freundin, und ich kann mir keine andere Frau vorstellen, mit der ich lieber mein Leben verbringen würde. Willst du mich heiraten?«

Die Welt blieb stehen. Mein Mund fühlte sich trocken an. Wie unfair, dass das, was ich mir am meisten auf der ganzen Welt wünschte, gerade direkt vor meinen Augen passierte und so echt war wie ein Paar Brüste auf dem Sunset Boulevard.

Am liebsten hätte ich Harry den Ring aus der Hand gerissen, ihn auf meinen Finger gestreift und Harry dann sofort zum nächsten Standesamt geschleift. Aber das tat ich nicht.

Mit einem Räuspern befreite ich meinen Hals von einem dicken Kloß. »Zu abgedroschen, falscher Ort, falscher Ring.«

Harry musterte grinsend seinen Ring und stand dann wieder auf, sichtlich unbeeindruckt von meiner Abfuhr. Er begann wieder zu tippen.

Eine totale Bruchlandung. Scheinbar sind ein Schlangenring mit bösen roten Augen und die beigen Wände unseres engen Büros nicht gut genug für Suzie. Ich versuche es morgen wieder.

Ganz bestimmt nicht. Hundert Tage lang diese Folter? Ich bezweifelte, dass ich das ertragen konnte.

Harry sah auf seine Armbanduhr. »Oh, ich muss los. Ich habe heute Abend wieder ein heißes Date mit Sexy Samantha.«

Samantha war Harrys neue Freundin, nachdem er fast ein Jahr lang Single gewesen war. Als ich ihn kennenlernte, schien er seine Freundinnen jede Woche zu wechseln, darum war ich mir nicht sicher, warum er zwischenzeitlich diese Abstinenz gewählt hatte. Aber Samantha war definitiv der Typ, um ihn wieder in Versuchung zu führen.

Ich hatte das Vergnügen gehabt, sie am Abend zuvor kennenzulernen. Da sie Harrys Beziehung zu seiner besten Freundin verdächtig fand, tauchte sie überraschend bei mir zu Hause auf und verlangte, dass Harry uns miteinander bekannt machte. Ich kam in Leggings und einem übergroßen schwarzen Kapuzensweatshirt die Treppe herunter – mir war bewusst, dass ich sie in meiner Aufmachung kaum beeindrucken würde. Und beeindruckt war Samantha definitiv nicht. Die Erleichterung in ihrem Gesicht, als sie mich sah, war förmlich greifbar. Samantha dagegen war eine Erscheinung von göttlicher Schönheit. Sie war fast so groß wie Harry, mit langen blonden Haaren und einem sehr kurvigen Körper. Meine Augen wurden sofort von zwei großen Brüsten angezogen, die in ein knallenges Top gequetscht waren. Harry stand definitiv auf große Brüste. Alle seine Freundinnen waren obenherum gut bestückt gewesen. Ich vermutete, dass manche der Brüste nicht mal echt waren – wobei es Harry nicht zu stören schien. Ich dagegen gehörte eher zu der Flachbrettabteilung, ohne jegliche Kurven und ohne eine nennenswerte Oberweite …

Ich beobachtete, wie Harry sich eilig an seinem Computer abmeldete, offensichtlich gespannt darauf, was Sexy Samantha heute Abend für ihn auf Lager hatte.

»Ich habe heute auch ein heißes Date«, platzte ich heraus, während ich nach einem Anflug von Eifersucht Ausschau hielt. Natürlich war da keiner.

»Das ist toll, Suzie.« Harry wirkte aufrichtig erfreut. »Du hattest kein Date mehr, seit Jack …« Er verstummte. Mein Leben war in zwei Abschnitte unterteilt: vor Jack und nach Jack. Ich fragte mich, ob es Jules genauso ging. Harry griff nach seiner Jacke und mied meinen Blick, vielleicht weil er ahnte, dass er etwas gesagt hatte, das er nicht hätte sagen sollen. »Es ist höchste Zeit, dass du wieder aufs Pferd steigst. Wir können uns ja morgen mal über die saftigen Details austauschen.«

»Oder auch nicht.« Ich fand bereits die Vorstellung von einer solchen Unterhaltung unerträglich. Ich wollte nicht wirklich die saftigen Details über Harrys Date hören. An diesem Morgen hatte ich bereits zweimal das Thema wechseln müssen, denn Harry hatte angefangen, explizit ins Detail zu gehen, gerade so, als würde er aus einem erotischen Roman zitieren. Sexy Samantha war offenbar viel verruchter, als ihre babyblauen Augen vermuten ließen. Außerdem, was hatte ich zu diesem Gespräch schon beizutragen? Mein heißes Date bestand aus einem Becher Ben & Jerry’s und einem Abend mit dem schönen Brad Pitt. Ich fuhr meinen Computer ebenfalls herunter, im Bestreben, Harry zu zeigen, dass auch ich etwas Aufregendes vorhatte und dringend wegmusste.

»Wo hast du dein Date kennengelernt?«, fragte er.

Ich zerbrach mir den Kopf, während ich meine Haare zurechtzupfte und als Spiegel das Glas eines Bilderrahmens benutzte, in dem ein Foto von Harry und mir war, beide schneebedeckt und von einem Ohr zum anderen grinsend, nachdem wir mit dem Schlitten die Indoor-Piste heruntergefahren waren. Vor Jack.

»Beim Skifahren«, sagte ich und bereute es sofort.

Harry unterbrach seinen hastigen Aufbruch. »Beim Skifahren? Wann warst du denn Ski fahren?«

»Ich gehe jeden Sonntag in die Skihalle. Er ist mein Skilehrer.« Ich machte es noch schlimmer.

»Du hasst Skifahren.«

Das hatte ich wohl einmal gesagt. Denn dieses Foto war entstanden, als ich meine erste und letzte Skistunde gehabt hatte, vor einem Jahr. Die ersten vierzig Minuten hatte ich damit verbracht, auf den Hintern zu fallen – während Kinder im zarten Vorschulalter mühelos an mir vorübergeglitten waren. Die letzten zwanzig Minuten, als Harry auf die Erwachsenenpisten befördert worden war, hatte ich versucht, mich durch Hin-und-her-Wälzen auf dem Boden aufzurichten, während ich, die Skier steil in die Luft gereckt, aussah wie ein riesiger Käfer, der auf seinem Rücken gestrandet war. Harry hatte Mitleid mit mir gehabt, weil ich so spektakulär versagt hatte, und war mit mir hinterher Schlitten gefahren. Das war schon deutlich eher mein Fall. Es erforderte nämlich keine besonderen Fähigkeiten, in einem roten Plastikschlitten den Buckel hinunterzugleiten.

»Inzwischen gefällt es mir. Ich bin schon richtig gut darin. Offensichtlich brauchte ich nur den richtigen Skilehrer.«

»Nun, das ist super. Vielleicht können wir ja mal wieder zusammen fahren.«

Ich fixierte ein Lächeln in meinem Gesicht. »Vielleicht.«

»Wie heißt dein Skilehrer?«

Ich suchte nach einem passenden Namen und einem passenden Adjektiv, um ihn zu beschreiben, nach etwas, das mit »Sexy Samantha« vergleichbar war. Mir fiel nichts ein, mein Kopf war leer. Der einzige Name, der mir in den Sinn kam, war Harry, doch das wäre zu bizarr. Harry starrte mich an, während er darauf wartete, dass ich einen Namen nannte, und das Schweigen zog sich in die Länge. Ich musste etwas sagen.

»Ken!«, rief ich fast erleichtert. »Kleiner Ken!«

Großartig. Einfach großartig.

Harrys Gesicht wurde lang. »Kleiner Ken?«

»Ja.«

»Bezogen auf …« Er wackelte mit seinem kleinen Finger in meine Richtung.

»Nein, nein, natürlich nicht. Was das betrifft, ist er sehr groß. Tatsächlich ist er auch sonst groß. Riesig. Sein Spitzname ist ironisch gemeint.«

»Ist er so groß wie ich?«

»Na ja, ich habe keine Ahnung, wie groß du untenherum bist.« Mein Blick schnellte kurz zu der stattlichen Beule in Harrys Hose, und ich spürte, dass meine Wangen zu glühen begannen, weil Harry meinen prüfenden Blick bemerkt hatte.

»Ich meinte auf die Körpergröße bezogen«, sagte er. Ich war mir sicher, dass seine Mundwinkel zuckten, während er ein Grinsen unterdrückte.

»O ja, er ist mindestens so groß wie du.«

»Gut. Das ist gut. Ein Kumpel von mir gibt auch Kurse in der Skihalle. Vielleicht kennt er ja deinen Ken. Wie heißt er mit Nachnamen?«

»Kenneth.«

Ich war eine furchtbar schlechte Lügnerin.

»Ken Kenneth?«

»Richtig.«

Draußen hupte ein Fahrzeug, und Harry schob die Gardine zur Seite und winkte Sexy Samantha, die sich an die Haube ihres sexy roten Cabrios lehnte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals so erleichtert sein würde, sie wiederzusehen.

»Na, dann wünsche ich dir viel Spaß.« Harry winkte mir flüchtig zu und stürmte dann polternd die Treppe hinunter. Eine Sekunde später hörte ich die Haustür zuknallen.

Ich starrte aus dem Fenster und hoffte, unbemerkt zu bleiben, während Harry unten auf der Straße Sexy Samantha in seine Arme schloss und herumwirbelte, als habe er sie monatelang nicht gesehen. Als er sie wieder absetzte, sah sie zu mir hoch und winkte, sodass ich gezwungen war, höflich zurückzuwinken.

Mit einem Kavalierstart und junger, hipper Musik, die aus den Lautsprechern dröhnte, brauste das rote Cabrio davon und nahm mein Herz mit sich.

Ich war seit zwei langen, qualvollen Jahren in Harry verliebt, und wir waren heute weiter davon entfernt zusammenzukommen als damals, nachdem wir uns frisch kennengelernt hatten. Wir waren längst fest in der Freundschaftszone verankert, und es gab kein Zurück.

Zwei Jahre waren viel zu lang für eine unerwiderte Liebe. Es war an der Zeit, dass ich mich neu orientierte. Ich würde mich eben wieder entlieben, so einfach war das.

Seufzend ging ich in mein Schlafzimmer und schlüpfte in meinen Hausanzug mit dem Kuhmuster. Ich blätterte durch ein paar Songs auf meinem iPod, bis ich eine fetzige Nummer fand, und als Gloria Gaynor ihr I am what I am anstimmte, drehte ich die Lautstärke voll auf, sprang auf das Bett und wackelte mit dem Hintern im Takt zur Musik. Ich war sehr talentiert im Luftschlagzeugspielen, und als Gloria ein Crescendo erreichte, tat das auch mein frenetisches Trommeln. Dann begann der Instrumentalpart, und ich sprang vom Bett und machte mitten in der Luft einen Spagat. Dabei zerrte ich mir einen Muskel in der Leiste, und als ich meine Haare theatralisch aus dem Gesicht warf, sah ich in Harrys Augen, die vor Schreck immer größer wurden, bevor ich gegen ihn prallte und mein linkes Bein irgendwie über seiner Schulter landete, während mein rechter Fuß mitten in seinen Unterleib trat.

Harry schrie vor Schmerz auf, ich vor Verlegenheit. Er taumelte rückwärts und plumpste hart auf seinen Hintern, mein Bein immer noch um seinen Hals geschlungen.

Gloria sang weiter laut im Hintergrund, während Harry und ich uns anstarrten. Schließlich fand ich meine Sprache wieder.

»Was machst du hier?«

»Im Moment frage ich mich, ob ich jemals wieder in der Lage sein werde, Sex zu haben. Könntest du bitte deinen Fuß aus meinem Schoß nehmen?«

Ich kletterte rasch von ihm herunter und rappelte mich auf, wobei ich mich versehentlich auf Harrys Gesicht kniete. Er stand schwerfällig auf und krümmte sich, offensichtlich vor Schmerzen.

»Ich habe meine Brieftasche vergessen«, sagte er als Erklärung.

Ich schluckte. »Du hast mir beim Tanzen zugesehen?«

Er hob den Kopf, und dieses Mal war sein Grinsen nicht zu übersehen. »Vom allerersten Augenblick bis zum dramatischen Finale.«

Ich stöhnte.

»Ich muss wieder los, Samantha fragt sich bestimmt schon, wo ich bleibe. Übrigens, netter Hausanzug. Hat der kleine Ken auch so einen? Vielleicht das Modell Pferd oder Schwein?«

Ich starrte an mir herunter, auf das rosa Euter, das schlaff vor meinem Bauch baumelte, und wünschte mir, ich könnte im Erdboden versinken. »Er kommt erst später.«

»Sicher. Und ich kann mir vorstellen, dass er dich in diesem Outfit ziemlich süß findet.«

Süß? Hundewelpen waren süß. Betrachtete Harry mich so wie ein süßes kleines Hundebaby?

Er wandte sich zur Treppe, und ich folgte ihm.

»Findest du, dass ich darin süß aussehe?«

Er drehte sich auf der Treppe um, ging wieder ein Stück hoch und stützte sich mit einem Bein auf die Stufe unter mir, sodass wir auf einer Augenhöhe waren. »Ja.«

Mein Herz wurde schwer. Ich war so tief in der Freundschaftszone, dass ich nun schon als »süß« eingestuft wurde. Gleich würde Harry mir den Rücken tätscheln und mir sagen, dass ich für ihn wie eine Schwester wäre.

»Verführerisch süß?«

»Nein.«

Mein Herz plumpste bis auf den Boden.

»Ich wette, Samantha würde darin verführerisch aussehen.«

»Das bezweifle ich. Ich glaube nicht, dass es irgendjemand schaffen kann, darin verführerisch auszusehen.«

Ich fühlte mich ein wenig besser.

»Und unterschätze nicht den Wert von süß. Das ist nämlich eine tolle Eigenschaft.« Er beugte sich vor und gab mir einen Kuss auf die Nase. »Bleib nicht zu lange auf. Ich habe morgen nämlich einen großen Tag für dich geplant.«

Er eilte die Treppe hinunter und war gleich darauf verschwunden.

Ich berührte meine Nase, wo ich noch seine weichen Lippen spürte. Harry fand mich süß. Ich lächelte, während ich mich wieder aufs Neue in ihn verliebte.

Kapitel 2

Am nächsten Morgen schreckte ich aus dem Schlaf hoch, als ich gerade von Jack träumte – eine Erinnerung von früher, als wir zusammen am Strand spielten und Jack versucht hatte, mir nassen Seetang auf den Rücken zu legen. Während ich langsam wach wurde, traf mich sein Verlust aufs Neue.

Ich wusste sofort, dass jemand bei mir im Zimmer war. Ich lag mit dem Gesicht in meinem Kissen. Verschlafen setzte ich mich auf und strich mir den Vorhang aus verknoteten braunen Haaren aus dem Gesicht. Harry saß neben mir auf dem Bett, nippte an einem Kaffee und las in meiner Ausgabe von Der kleine Hobbit, die ziemlich viele Eselsohren hatte.

Ich sah ihn böse an. Ich war keine Frühaufsteherin.

»Kannst du nicht anklopfen?«

Harry wandte seine Aufmerksamkeit nicht eine Sekunde lang von der Seite ab, die er gerade las. »Du hast mir einen Hausschlüssel gegeben.«

»Ich hätte nackt sein können.«

Er ließ das Buch sinken und sah mich an. »Ein Grund mehr für mich, nicht anzuklopfen.«

Ich errötete und kletterte aus dem Bett.

Meistens wurde ich morgens auf diese Art wach. Ich muss zugeben, es war eine schöne Art aufzuwachen. Als Harrys Besuche am frühen Morgen regelmäßiger wurden, ging ich eines Abends in meiner verführerischsten Nachtwäsche ins Bett, in der Hoffnung, Harry würde vielleicht so angetörnt sein, dass er am nächsten Morgen über mich herfiel. Aber er zuckte nicht einmal mit der Wimper, als er mich in meinem schwarzen Satinnachthemd sah, und außerdem war er mehr begeistert von seinem McDonald’s-Frühstück und dem Rösti, den die Bedienung ihm gratis dazugegeben hatte, während er mit ihr flirtete, als von dem, was ich zu bieten hatte. Um das Ganze noch schlimmer zu machen, rutschte ich bei dem Versuch, unauffällig eine verführerische Pose neben Harry einzunehmen, während er seinen McMuffin Bacon and Egg kaute, vom Bett und landete wie ein zerknittertes Häufchen auf dem Boden. Mittlerweile fand ich es viel einfacher und bequemer, in meinen normalen Pyjamas zu schlafen.

Harry gab mir einen Becher Kaffee, frisch aus dem Coffeeshop um die Ecke. Ich trank einen kleinen Schluck – der Kaffee war genau so, wie ich ihn mochte, mit drei Zuckerwürfeln und einem Schuss Haselnusssirup. Als ich den nächsten Schluck nehmen wollte, bemerkte ich, dass ein kleines Herz in den Milchschaum gezeichnet war. Ich lächelte und lauerte an Harrys Seite, während ich an ihm vorbei zu der braunen Papiertüte spähte, die er dicht neben seiner Hüfte platziert hatte.

Er war mit Lesen beschäftigt, also hüstelte ich laut, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Als er den Kopf hob, sah ich bewusst auf die Papiertüte.

»Woher weißt du, dass die für dich ist?«

»Weil du mir immer was Leckeres aus dem Coffeeshop mitbringst. Was ist es denn heute, ein Plunderteilchen mit Aprikosenfüllung? Oder ein Nusszopf oder …«

Er zog den Inhalt aus der Tüte und zeigte ihn mir, und die Worte versiegten in meiner Kehle. Auf meinem Lieblingsgebäck, einer Zimtschnecke, stand in Zuckergussschrift Marry Me.

Ich hatte Harrys alberne Idee mit den hundert Heiratsanträgen fast vergessen und im Stillen gehofft, er würde dasselbe tun. Aber es sah so aus, als hätte er wirklich die Absicht, mich zu quälen. Einhundert Tage lang. Einhundert verschiedene Möglichkeiten, mir das Herz zu brechen.

Ich sah ihn an, und er erwiderte hoffnungsvoll meinen Blick.

»Das ist definitiv einzigartig.« Ich nahm ihm die Zimtschnecke aus der Hand und pickte eine Rosine heraus, während ich seinen Blick mied. Ich zwang meine Stimme, normal zu klingen, bevor ich weiterredete. »Wenn ich da reinbeiße, laufe ich dann Gefahr, einen Diamantring zu verschlucken?«

Harry schüttelte den Kopf. »Kein Ring. Du hast gesagt, ein Ring wäre zu abgedroschen. Außerdem, warum mit Diamanten um die Hand einer Frau anhalten, wenn man das auch mit Zimtschnecken und Kaffee tun kann?«

»Du solltest ein Foto von der Zimtschnecke machen, bevor ich sie esse, für unsere Homepage.« Ich hatte einen dicken Kloß im Hals.

»Gute Idee.« Er holte sein Handy hervor, schaltete die Kamerafunktion ein und richtete es dann auf mich. Ich stand auf und hielt ihm die Zimtschnecke dicht vor die Linse, damit er einen guten Aufnahmewinkel hatte, und ich sah, dass meine Hände zitterten. Harry sah es auch. Zu meiner Beschämung schwammen plötzlich Tränen in meinen Augen.

Harry stand im Nu vom Bett auf. »Was ist los, was hast du?«

»Nichts. Alles okay. Bin nur müde.« Ich machte einen Schritt von ihm weg, aber er zog mich zurück und drückte mich fest an sich, wodurch die Zimtschnecke zwischen uns eingequetscht wurde. Ich atmete ihn ein, seinen wunderbaren, erdigen Geruch, und er streichelte meinen Rücken.

»Ist was passiert mit dem kleinen Ken?«

Ich konnte diese Lüge nicht länger aufrechterhalten, und ich hatte damit ohnehin nichts erreicht.

»Wir haben uns getrennt«, sagte ich in Harrys Brust, in der Hoffnung, dies würde erklären, warum ich sein Hemd mit meinen Tränen durchnässte.

»Oh, Engelchen, das tut mir leid.« Seine Hände wanderten hoch zu meinen Haaren, und mir stockte der Atem. »Warst du schon länger mit ihm zusammen?«

Oh, welch wirres Netz wir weben.

»Ein paar Wochen. Es war nichts Ernstes, aber ich hatte ihn wirklich gern. Offensichtlich fand ich ihn sympathischer als er mich.«

»Nun, dann ist der Kerl ein Idiot. Wer würde sich nicht in eine Frau in einem Kuhanzug verlieben?«

Ich kicherte.

Er hob mein Gesicht, sodass es seinem ganz nah war.

»Okay, genug der Tränen. Ein Mann, der dich zum Weinen bringt, ist es nicht wert.«

Wenn er nur wüsste.

»Außerdem habe ich heute einiges mit dir vor, also hör auf, Trübsal zu blasen, und geh stattdessen lieber duschen und dich anziehen.«

Er ließ mich los, und wir schauten beide auf die zerdrückte Zimtschnecke. Obwohl sie nun ein bisschen lädiert aussah, waren die Worte Marry Me auf der Oberfläche immer noch deutlich zu erkennen. Harry machte ein Foto davon, und ich aß das Zimtgebäck dann rasch auf, damit ich nicht mehr auf die leeren Worte starren musste. Es schmeckte gut, trotz des Umstands, dass mein Herz mit jedem Bissen ein Stück mehr brach.

»Und, hat dieser Heiratsantrag deinen Vorstellungen entsprochen?«, fragte Harry, nachdem ich die Zimtschnecke verdrückt hatte.

»Zweifellos. Der perfekte Heiratsantrag. Du kannst dir also die anderen achtundneunzig Varianten sparen. Schreib in das Verlobungsblog, dass du mich mit einer Zimtschnecke weichbekommen hast. Ich bin ein billiges Date, leicht zufriedenzustellen.«

Harry zog ein Gesicht. »Das war tatsächlich ein bisschen billig und stillos, oder? Na gut, für das nächste Mal lasse ich mir etwas Besseres einfallen.«

»Wirklich, deine Idee mit der Zimtschnecke war süß … und unterschätze nicht den Wert von süß.«

Aber Harry entfernte sich bereits in Richtung Büro, während er in seinem Handy scrollte.

»Harry, hörst du mir zu? Nichts sagt so deutlich ›Ich liebe dich‹ wie eine personalisierte Zimtschnecke.«

»Geh unter die Dusche, Weib. Ich muss ein paar Anrufe machen.«

Ich seufzte. Ich musste ihn von diesem Pfad abbringen. Achtundneunzig herzzerbrechende Tage erstreckten sich vor mir wie eine endlose Wüste, ohne eine Pause von der Sonne.

Ich stieg in die Dusche und hielt meinen Kopf unter die Brause.

Stopp, ich konnte das sehr wohl. Heiratsanträge waren schließlich mein ganzes Leben. Ich träumte sogar davon. Harrys Unterfangen konnte nur gut sein für unser Geschäft. Ich musste einfach gegen die Worte immun werden. Sie waren leer und bedeutungslos. Und wenn ich wusste, dass ich sie täglich zu hören bekommen würde, konnte ich mich darauf einstellen und in meinem Kopf so tun, als würden sie etwas anderes bedeuten.

Ich zog mich rasch an und ging dann hinüber ins Büro.

»Hey.« Harry war mit Tippen beschäftigt. »Unser Blog hat bereits neunzehn Follower.«

»Unser Verlobungsblog? Der Quatsch mit den hundert Anträgen?«

»Quatsch? Ich bin gekränkt.« Er lächelte kurz zu mir hoch, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Monitor richtete. »Ja, ich schätze, die wollen sehen, was ich mir als Nächstes einfallen lasse.«

Ich beugte mich über Harrys Schulter, um zu lesen, was er geschrieben hatte, und erhaschte dabei einen Hauch von seinem wunderbar sauberen, erdigen Geruch. Ich sah eine Nahaufnahme von meiner zerdrückten Zimtschnecke und ein weiteres Foto, dessen Entstehung ich gar nicht mitbekommen hatte – ein Schnappschuss von mir, als ich die Zimtschnecke gefuttert hatte, auf dem Kopf ein Vogelnest aus Haaren, das Gesicht rot verquollen vom Weinen, in meinem ziemlich unvorteilhaften Kuhanzug. Na, super!

Unter meinem Bild stand Harrys Text.

Verlobungsblog

Tag 2: Der Zimtschnecken-Antrag.

Ort: Suzies Schlafzimmer (ich kann euch versichern, dass sich nichts Schlüpfriges zutrug).

Verläuft der Weg zu dem Herzen einer Frau durch ihren Magen?

Unsere Suzie ist eine kleine Naschkatze, also dachte ich mir, ich bezaubere sie mit einem süßen Heiratsantrag ganz nach ihrem Geschmack. In Nadia’s Bakery auf der St. Patrick’s Road gibt es die besten Zimtschnecken der Welt, und Zimtschnecken gehören zu Suzies Allzeitfavoriten als Frühstücksgebäck. Nachdem ich der reizenden Nadia heute Morgen die Situation erklärt hatte, servierte sie mir bereitwillig eine mit Zuckerguss personalisierte Zimtschnecke samt einem Caffè latte mit einem kleinen Herzen im Milchschaum.

Und wie fiel Suzies Reaktion aus? Tatsächlich nahm sie es relativ gleichgültig auf. Sie schlang das Teilchen hinunter, ohne groß auf die Worte zu achten.

Das stimmte natürlich nicht, aber es war besser, er schrieb das als die Wahrheit: dass ich in Tränen ausbrach.

Ich fand es immer unklug, einen Verlobungsring auf den Boden eines Champagnerglases zu versenken – wer hat schon Lust, den Diamanten ein paar Tage später aus der Toilette zu fischen? Obwohl, nachdem Suzie ihren »Verlobungsring« vertilgt hat, ist nichts mehr davon übrig, abgesehen von dem Zuckerguss auf ihren Lippen.

Ich überprüfte sofort meine Lippen und sah aus den Augenwinkeln, dass Harry grinste.

Beim nächsten Mal werde ich etwas Größeres auf die Beine stellen, etwas, das sie unmöglich übersehen kann. Außerdem, wer würde schon Ja sagen bei einer Zimtschnecke für 59 Pence?

»Das klingt, als wäre ich oberflächlich«, sagte ich und quetschte mich an Harry vorbei, um meinen Computer einzuschalten.

»Nicht oberflächlich, nur gierig. Und spar dir die Mühe, den PC hochzufahren. Wir gehen nämlich aus.«

»Ich kann nicht. Das ist im Moment genau die Zeit im Jahr, in der wir am meisten zu tun haben, das weißt du. Drei Tage vor dem Valentinstag – diese ganzen Last-Minute-Larrys werden unsere Leitung zum Glühen bringen, weil sie unsere Hilfe brauchen.«

»Ich habe die Anrufe bereits auf deine Handynummer umgeleitet, und deine E-Mails kannst du jederzeit abrufen. Außerdem ist der heutige Tag rein geschäftlich, wir werden neue Orte auskundschaften. Also hör auf, nach Ausreden zu suchen, und zieh dir deine Schuhe an.«

Als ich zögerte, schnappte er sich meine Hand und zog mich aus dem Büro.

Ich lachte. »Wo gehen wir hin?«

»Als Erstes kaufen wir dir einen anständigen Pyjama, damit du den nächsten Mann nicht mit deinem Kuhanzug abschreckst.«

Ich blieb abrupt stehen, und Harry drehte sich um und sah mich an, mit freundlichem Blick.

»Den hat Jack mir geschenkt«, sagte ich leise.

»Ich weiß.«

»Ich werde ihn nicht wegwerfen.«

»Ich habe nicht gesagt, dass du das Ding wegwerfen sollst. Aber ich kannte Jack. Er hatte einen schrägen Humor, und du weißt genauso gut wie ich, dass er dir diesen Strampelanzug nur aus Jux geschenkt hat, weil du dich immer über Hausanzüge und Leute, die so was tragen, lustig gemacht hast. Es war nie Jacks Absicht, dass du dieses Ding anziehst, geschweige denn jeden Tag trägst, seit er tot ist. Wenn du es behalten willst, behalte es. Ich rede hier nur von anderen Möglichkeiten. Von etwas, in dem deine fabelhafte Figur besser zur Geltung kommt.«

Ich öffnete bereits den Mund, um ihm zu widersprechen, als seine letzten Worte in mein Gehirn einschlugen. Fabelhafte Figur?

Er legte die Hände um meine Schultern und fuhr mit weicher Stimme fort.

»Ich weiß, du versuchst, die Erinnerung an deinen Bruder wachzuhalten, ihm nahezubleiben, aber er würde zusammenzucken, wenn er dich in diesem Teil sehen würde, das weißt du selbst. Bleib ihm nah in deiner Erinnerung und nicht, indem du dir selbst untreu wirst.«

Ich zwinkerte. Das war sehr tiefgründig für einen Donnerstagmorgen um halb neun.

»Ich sage ja nur, dass die Suzie McKenzie, die ich kenne und liebe, sich nicht einmal tot in so einem Strampler erwischen lassen würde.«

»Ich finde den Anzug witzig.« Mir war bewusst, dass ich wie ein bockiges Kind klang.

»Ja, in den ersten fünf Minuten, als du ihn ausgepackt hast. Aber acht Monate später ist er nicht mehr ganz so witzig.«

Harry hatte nicht ganz unrecht. Ich hatte den Anzug so oft gewaschen, dass die weißen Stellen inzwischen grau waren und das Euter definitiv schlaff herunterhing.

»Und wenn wir gerade bei dem Thema sind, du kannst auch aufhören, ständig Schwarz zu tragen. Wir sind nicht mehr im viktorianischen Zeitalter.«

Er zog mich in das Schlafzimmer, und ich tappte mit, immer noch erschüttert von seiner brutalen Ehrlichkeit. Er öffnete meinen Kleiderschrank und nahm mein scharlachrotes Trägerkleid heraus. »Das kannst du heute anziehen, und dazu diese lila Leggings hier.«

Die Farben würden sich furchtbar beißen. Ich lächelte.

»Und dazu kannst du deine barbierosa Stiefel anziehen, die du so sehr liebst, und …« Er wühlte in einer meiner Schubladen, fand schließlich, wonach er suchte, zog es heraus und warf es mir ins Gesicht. »Das hier. Das ziehst du auch an.«

»Aber …«

»Kein Aber. Zieh dich um. Du hast fünf Minuten.«

Ich starrte Harry auf den Rücken, während er das Zimmer verließ, und heftete meinen Blick dann auf die schwarze Bluse und die schwarze Hose, die ich aus Gewohnheit angezogen hatte. In der ersten Zeit nach Jacks Tod war mir mein Faible für knallbunte Outfits irgendwie respektlos erschienen. War es nach einem Monat zu früh, um zu meinen farbenfrohen Punkt-, Streifen- und Kringelmustern zurückzukehren? Oder nach zwei Monaten? Aber inzwischen waren acht Monate vergangen, und ich hatte in der ganzen Zeit offenbar nichts anderes als Schwarz getragen. Auf meinen bunten Sachen schien eine dünne Staubschicht zu liegen, während sie vergessen in meinem Kleiderschrank hingen. Harry hatte nicht unrecht. Wieder einmal.

Ein paar Minuten später ging ich die Treppe hinunter, in meinem scharlachroten Kleid, den lila Leggings, meinen rosa Stiefeln und mit einer roten Barettmütze auf dem Kopf, die mit goldenen Pailletten verziert war und die ich heiß und innig liebte, während Jack sie gehasst hatte, weil er fand, dass ich damit wie ein Giftpilz aussah. Ich fühlte mich bereits leichter.

Harry grinste, als er mich sah. »Du siehst toll aus.« Er bot mir seinen Arm. »Gut, lass uns gehen.«

Ich hakte mich bei ihm unter und ging mit ihm hinaus in die frühe Morgensonne.

»Vergiss es. Ohne mich«, sagte ich, während ich entsetzt auf den Schauplatz vor mir starrte. »Das hat nichts mit Romantik zu tun.«

»Wer sagt, dass ein Heiratsantrag romantisch sein muss?«, erwiderte Harry und bückte sich, um mir gewaltsam die Stiefel auszuziehen.

»So sind die Regeln. Blumen, ein Feuerwerk, Pralinen. Ein Teddy mit einem roten Herzen, in dem die Worte stehen. Aber nicht das hier. Das geht gar nicht.«

»Ich bin da anderer Meinung.«

»Schon klar«, sagte ich, während Harry mich sanft, aber mit Nachdruck in der Schlange vorwärtsschob.

»Ich finde, ein Heiratsantrag kann auch schräg sein oder lustig oder wie in diesem Fall ein kleines Abenteuer, ein Adrenalinkick.«

Ich war die Nächste.

»Wenn ich sterbe …«

»Werde ich zu deiner Beerdigung einen Kuhanzug tragen. Und jetzt rauf mit dir.«

Mein Handy klingelte in meiner Jackentasche.

»Oh, da muss ich drangehen. Schade, gerade jetzt, wo ich an der Reihe gewesen wäre.«

Aber zu meinem Verdruss fischte Harry mein Handy bereits aus meiner Jacke und nahm den Anruf für mich entgegen. Er beherrschte den Umgang mit unseren Kunden mehr als gut, und er wusste, dass ich das wusste.

»Schätzelein, kommst du nun endlich oder was?«, sagte ein großer, ruppiger Mann, dessen Gesicht aussah, als habe es schon mehrere Male mit einer Faust Bekanntschaft gemacht. Die Nase war an zwei Stellen krumm, und die Stirn zierte eine große Narbe. Hatte er diese Verletzungen hier erlitten? Ich wich zurück, aber Harry schob mich wieder vorwärts.

»Ja, sie kommt, und schicken Sie sie so weit rauf wie nur möglich.«

Der Mann nickte, etwas grimmig, wie ich fand.

Ich erklomm die Stufen zu meinem Verderben, und an meinem Gurt wurden schmale Gummiseile befestigt. Ich hielt meine Augen fest auf Harry gerichtet, während der große Mann hinter mir ein paar Sekunden lang in den Knien federte, sodass auch ich in den Knien federte. Einen Moment später wurde ich ungefähr drei Meter hoch in die Luft katapultiert, und ein Schrei entfuhr meiner Kehle. Ich fiel senkrecht nach unten, aber kaum berührten meine Füße den Boden, wurde ich wieder in die Luft geschleudert, dieses Mal sogar noch höher als beim ersten Mal.

Harry und ich waren vorhin an der Themse entlangspaziert, als Schreie unsere Aufmerksamkeit geweckt hatten. Wir waren ihnen gefolgt, und als wir um eine Ecke bogen, sahen wir die Bungee-Trampoline und beobachteten amüsiert, wie die Leute darauf kreischten, während sie höher und höher in die Luft stiegen. Meine Belustigung verwandelte sich jedoch rasch in Entsetzen, als mir bewusst wurde, dass Harry ein Ticket für mich gekauft hatte und dass wir genau aus diesem Grund hierhergekommen waren.

Ich schrie wieder, während ich mit den Armen in der Luft ruderte und hilflos mit den Beinen strampelte in der Hoffnung, meinen Sinkflug dadurch zu verlangsamen. Jedes Mal, wenn ich dachte, ich würde mit vollem Karacho auf den Boden knallen, kam ich sanft zu einem Halt, federte anmutig auf dem Trampolin ab und stieg wieder hoch in die Luft. Bei meinem fünften Aufstieg entwich meiner Kehle ein perlendes Lachen. Es war ein Rausch – ein beängstigender, genialer Rausch. Der Mann mit der schiefen Nase federte mit mir und schickte mich noch höher, und ich kreischte vor Vergnügen.

Der Spaß ging viel zu schnell zu Ende, und der Mann bremste mich ab, bis ich zum Stillstand kam. Er schnallte mich los, und ich stieg rasch die Stufen hinunter und stürzte mich direkt in Harrys Arme, während ich immer noch unkontrolliert lachte.

Schließlich beruhigte ich mich wieder.

»Danke.«

»Gern geschehen«, sagte Harry an meiner Schläfe. »Siehst du, das wäre der Moment, in dem ich um deine Hand anhalten würde, wenn dein Herz noch immer wie wild klopft und du das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekommst.«

»Und ich würde Ja sagen.«

Ich spürte, dass er in meine Haare lächelte.

»Also können wir Bungee-Trampolinspringen definitiv in unser Repertoire aufnehmen?«

»Ja, ich nehme alles zurück, was ich vorhin gesagt habe. Ich bin hellauf begeistert.«

»Die Trampoline stehen nicht immer hier, sondern touren durch ganz England, aber der Betreiber hat mir seine Karte gegeben. Falls Bedarf besteht, brauchen wir nur anzurufen und zu fragen, wo sie gerade sind.«

»Super. Es ist gut, solche Kontakte zu haben.«

»Bist du bereit für den nächsten Teil unseres Tages?«

Ich wich ein Stück zurück und sah ihn neugierig an. »Es geht noch weiter?«

»Ja.« Harry hob ritterlich die Tüte mit dem Pyjama auf, den er mir vorhin gekauft hatte. Ein sehr schlichter, sehr eleganter Pyjama aus Satin. Ich hatte ihn in Schwarz haben wollen, aber Harry hatte sich quergestellt, und schließlich einigten wir uns auf Altrosa.

»Was war das für ein Anruf vorhin?«

»Eine Bestellung. Das Basispaket.«

Ich seufzte. »Das ist schon die vierte heute.«

»Hey, das Basispaket ist eine solide kleine Einnahmequelle. Du weißt, dass im Durchschnitt die Hälfte aller Kunden, die für zwanzig Pfund das Basispaket kaufen, sich danach wieder bei uns melden und dann zehnmal so viel für einen großen, extravaganten Heiratsantrag ausgeben.«

»Ich weiß, aber um diese Jahreszeit habe ich eigentlich mehr große Heiratsanträge erwartet statt so viele Basispakete.«

Harry hatte recht, wir verdienten nicht schlecht mit dem Basispaket. Für zwanzig Pfund erhielten unsere Kunden eine Broschüre mit unseren fünfzig besten Verlobungsideen. Sie reichten von romantisch bis albern, vom Spitzenrestaurant bis zu der kleinen, versteckten Kneipe mit Lichterketten-Ambiente. Wir berücksichtigten auch Tagestouren, Spaßerlebnisse und romantische Ausflüge. Wir fügten Gutscheine und Spezialangebote für Hotels und Restaurants bei, und wenn unsere Kunden sie nutzten, erhielten wir als Vermittlungsprovision zehn Prozent vom Umsatz. Unsere Broschüre enthielt außerdem eine kurze Beschreibung der aufwändigeren Heiratsanträge, die nur wir organisieren konnten, und das Versprechen, dass wir bei Buchung eines großen Pakets die zwanzig Pfund zurückerstatteten.

»Romantik erfordert nicht immer große Gesten«, sagte Harry. »Manchmal reichen dafür die richtigen Worte, die der Mann findet, oder die Mühe, die er sich gegeben hat. Es muss nicht unbedingt etwas Teures sein.«

»Ich weiß. Die kleinen Gesten sind manchmal sogar die schönsten, zum Beispiel eine Botschaft im Sand an deinem Lieblingsstrand oder eine personalisierte Zimtschnecke.« Ich stupste Harry in die Seite, während wir die Straße entlanggingen, und er lächelte. »Aber von einem geschäftlichen Standpunkt aus betrachtet, bin ich mir nicht sicher, ob es die beste Idee ist, von den Leuten zwanzig Pfund zu nehmen und sie dann woanders hinzuschicken für ihren Heiratsantrag. Die geben in diesen schicken Restaurants hundert Pfund und mehr aus. Das sind hundert Pfund, die sie stattdessen bei uns ausgeben könnten.«

Harry tauschte mit mir die Seite, und ich fragte mich noch, warum, als er mich vor zwei Männern abschirmte, die lautstark miteinander diskutierten, und seine Hand auf meinen Rücken legte, um mich an den beiden vorbeizulotsen. Ich schämte mich für die Gänsehaut, die sich durch seine Berührung schlagartig auf meinem ganzen Körper bildete.

Harry setzte unser Gespräch fort, als hätte er nicht bemerkt, dass mir das Herz fast aus der Brust sprang. »Die meisten Leute haben bereits eine bestimmte Vorstellung von ihrer Verlobung, wenn sie uns kontaktieren. Für die Mehrheit gehört ein romantisches Essen dazu, darum ist es unwahrscheinlich, dass die Leute ihr Geld bei uns ausgeben. Wir geben ihnen eine Liste mit Adressen, wo man romantisch essen kann, und kassieren dafür nicht nur zwanzig Pfund, sondern erhalten auch noch eine Provision von den Restaurants. Wahrscheinlich haben wir insgesamt mit dem Basispaket mehr Umsatz gemacht als mit den großen Heiratsanträgen – ich würde also an deiner Stelle nicht über die kleinen Gesten meckern. Na komm, wir müssen hier rein.«

Harry bog in eine sehr schmale Gasse, die sich um eine Ecke schlängelte. Er kannte London wie seine Westentasche und nahm nur selten die U-Bahn. Es gab viel mehr zu sehen, wenn man zu Fuß unterwegs war. Ich folgte ihm durch die Gasse, und seine breite Statur füllte fast den gesamten Durchgang aus, von einer Häuserwand zur anderen. Die Wände waren mit Graffiti und Kaugummi übersät, aber ein paar der Motive, die auf das Mauerwerk gesprüht waren, sahen richtig kunstvoll aus. Harry blieb vor einem alten, zugenagelten Fenster stehen, und als ich zu ihm aufschloss, zog er mich an seine Seite und legte den Arm um meine Taille, während mir köstliche Schauer über den Rücken liefen.

»In Kalifornien gibt es eine Bubblegum Alley und in Seattle eine Gum Wall, wo Millionen von Kaugummis kleben. Die Wände sehen so bunt und fröhlich aus, dass etwas, das ursprünglich so richtig unappetitlich war, inzwischen zu einer offiziellen Touristenattraktion erklärt wurde. Die Leute kommen von überall her, um die Mauern zu besichtigen und ihr eigenes Kaugummi draufzukleben. Manche haben richtige Kunstwerke geschaffen zwischen den Tausenden von Kügelchen.«

Er machte einen kleinen Schritt zurück und deutete auf die Wand. Dort stand in einem Herz aus lauter rosa Kaugummis: »Annie, heirate mich.«

»Man kann die Liebe an den unwahrscheinlichsten Orten finden, man muss nur danach Ausschau halten.«

Er starrte mich an, und einen Augenblick lang war ich mir nicht sicher, ob er nur von sich selbst sprach oder von uns beiden.

»Es muss nicht zwingend mit Romantik zu tun haben, nur kleine Gesten, die von Herzen kommen«, fügte er hinzu.

Ich lächelte. »Ich frage mich, ob Annie Ja gesagt hat.«

Harry deutete auf die grünen Buchstaben aus Kaugummikügelchen direkt unter dem Herzen. Dort prangte groß und stolz das Wort JA.

»Gefällt mir.« Ich holte mein Handy heraus und machte damit ein paar Fotos. Das musste unbedingt auf unsere Homepage.

»Ich habe mir gedacht, dass es dir gefallen wird.«

»Siehst du, ich brauche keine großen Gesten. Was auch immer du für deinen nächsten Antrag geplant hast, muss also keine Jacht sein oder eine Reise zum Mond.«

Harry ging weiter, auf das Sonnenlicht zu, das unseren Schatten durchbrach.

»In diesem Fall storniere ich die Weltraumrakete.«

»Harry, ich meine es ernst. Verschwende nicht dein Geld für mich.«

Er ignorierte mich, während wir hinaus in das Licht traten. Harry war unglaublich großzügig mit seinem Geld, und er besaß viel davon. Er verdiente bei mir nicht besonders gut, aber er war auch nicht wirklich darauf angewiesen. Als er vor vielen Jahren durch Amerika gereist war, hatte er die Weitsicht gehabt, in eine kleine aufstrebende Social-Media-Plattform namens Connected zu investieren. Er hatte sich mit tausend Dollar beteiligt, Geld, das er im Casino gewonnen hatte, und Jahre später, als Connected das größte soziale Netzwerk in Amerika und wahrscheinlich weltweit geworden war, verkaufte er seine Anteile für eine riesige Summe. Er hat mir nie erzählt, wie viel er an diesem kleinen Investment verdient hat. Aber es war genug, dass er sich das große Haus gegenüber von meinem, auf der anderen Seite der Grünfläche, kaufen konnte, nachdem die Immobilienpreise stark gefallen waren. Und er schien immer genug Geld zu haben für kleine Geschenke oder eine Einladung zum Essen.

»Für dich Geld auszugeben ist keine Verschwendung. So, nun sind wir schon spät dran und müssen uns sputen.«

Er schnappte sich meine Hand und lief mit mir los, während er uns meisterhaft einen Weg durch die anderen Passanten auf der Straße bahnte.

»Wir können auch die U-Bahn nehmen«, jammerte ich, während ich versuchte, mit seinen langen Beinen Schritt zu halten.

»Laufen macht viel mehr Spaß«, erwiderte Harry, ohne sein Tempo zu verlangsamen.

Etwas wie die Glade Bar im Sketch, einem kunstvoll gestalteten Gastrokomplex, hatte ich noch nie zuvor gesehen. Von außen wirkte das Sketch mit seiner weißen Ziegelsteinfassade wie ein typischer Londoner Altbau, an dem wir zuerst vorbeimarschierten, bevor wir merkten, dass wir wieder umkehren mussten. Stieg man dann im Gebäude die dunkle Treppe hinunter und wandte sich nach links, landete man auf einer beschaulichen Lichtung, die aus irgendeinem Märchenwald in diesen nach außen hin bescheidenen Foodtempel im Herzen Londons verpflanzt worden war. Die Wände zierten gemalte Bäume mit aufwändig gestaltetem Blätterwerk in jeder erdenklichen Grün- und Goldschattierung. Die Decke wurde von einem überdimensionalen Kronleuchter dominiert, ein Geflecht aus Ästen, das ein sanftes Licht auf die Oberflächen warf. Winzige goldene Glühwürmchen tanzten über die Wände und den Boden. Weit oben waren rotierende kreisförmige Spiegel angebracht, die das Licht von den großen Oberlichtern über uns reflektierten und die Strahlen durch den Raum schickten, als würde die Sonne zwischen den Bäumen durchwandern. Tische, Stühle und Sessel aus Rattan mit dicken bestickten dunkelgrünen Polsterkissen verteilten sich leger in der ganzen Bar, als wären es Gartenmöbel. Mir kam es so vor, als säßen wir alle draußen auf einer Waldlichtung und würden die Sonne genießen.

»Harry Forbes. Wir haben eine Reservierung für den Nachmittagstee«, sagte Harry zu der hübschen Kellnerin, die mich mit ihren geflochtenen und aufgesteckten Haaren und in ihrem fließenden Kleid an eine Waldnymphe erinnerte.

Die Kellnerin führte uns zu unserem Tisch, und wir bestellten uns direkt einen Tee. English Breakfast Tea für mich, eine Sorte, die in Harrys Ohren wie eine seltene tropische Krankheit klang.

»Harry, dieser Ort hier ist wunderschön.« Ich konnte nicht aufhören, mich staunend umzusehen, bis meine Augen Harrys Blick kreuzten und mir bewusst wurde, dass er mich beobachtete. »Danke für diesen Tag heute.«

»War mir ein Vergnügen. Ich wollte nur, dass du ein bisschen Spaß hast. Du wirkst in letzter Zeit so deprimiert.« Er machte eine Pause, aus Verlegenheit, während er die Tassen auf dem Tisch neu ausrichtete. »Die Speisen hier sind übrigens fantastisch.«

Ich langte zu ihm hinüber und drückte seine Hand. »Danke.«

Gerade als Harry im Begriff war, etwas zu sagen, kam unsere Bestellung. Ich ließ widerwillig seine Hand los, um für die Etagere Platz zu machen.

Harry hatte recht, die Speisen sahen fantastisch aus und schmeckten auch so. Die Häppchen waren alle mit Extras wie Wachteleiern oder Kaviar belegt, die ein einfaches Ei-Mayonnaise-Sandwich zu einem kleinen kulinarischen Highlight aufpeppten.

Es gab auch eine Auswahl an Gebäck, kleine, köstliche Bissen von purem Genuss, darunter eine Art Trifle und natürlich leckere Scones, gespickt mit frischem Obst.

»Okay, erzähl mal«, sagte Harry um einen Mundvoll Schokoladiges herum. »Du und der kleine Ken, habt ihr …«

O Gott, der kleine Ken kehrte zurück und würde mich für immer verfolgen.

Ich steckte mir eine pinkfarbene Meringe in den Mund, die buchstäblich auf der Zunge zerging. Danach leckte ich mir ausgiebig die Lippen, während ich auf Zeit spielte.

»Haben wir was?« Ich grinste süffisant, während Harry unbehaglich auf seinem Stuhl herumrutschte und mit den Händen eine Geste machte, die wohl den Geschlechtsakt darstellen sollte. Der Mann hatte kein Problem damit, mit mir über sein schmutziges Sexleben zu reden, aber es war ihm peinlich, meins anzusprechen. Ich wollte ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen.

»Ken stand auf Verkleidungsspiele«, sagte ich und steckte mir eine Minitarte in den Mund. Das Obst war kristallisiert und fühlte sich an wie eine Explosion auf meiner Zunge.

Harrys Augen wurden größer. »Du meinst als Stewardess, Polizistin, Cheerleader, so was in der Art?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ganz unterschiedliche Sachen. Eine meiner Lieblingsvarianten war ich als Einhorn und er als Löwe. Er nahm mich nämlich gern von hinten, und er brüllte immer, wenn er kam.«

Harry starrte mich ungerührt an. Ich nahm mir ein kleines Mokka-Éclair und fing dabei den Blick einer alten Dame auf, die am Nebentisch saß und deren Tarte auf halbem Wege zu ihrem Mund in der Luft verharrte. Ich errötete, als mir bewusst wurde, dass sie jedes Wort mitgehört hatte.

Trotzdem, es gab nun kein Zurück mehr.

»Ken hat sich besonders gern als Blumentopfmännchen verkleidet, normalerweise als Bill, keine Ahnung, warum. Ich war immer die Blume. Dann ging Bill mit seinem großen Schlauch auf mich los.«

Die alte Dame beugte sich zu mir herüber. »Meine Liebe, können Sie mir sagen, wie das Geschäft heißt, in dem Sie diese Kostüme gekauft haben?«

»Leider nein, Ken hat sie immer mitgebracht. Ich werde seinen großen Schlauch vermissen.«

Harry starrte mich immer noch an. »Mir war nicht bewusst, dass du auf so schräge Sachen stehst.«

Ich leckte die Glasur von meinem Éclair und schob es mir dann in den Mund, während ich verzweifelt versuchte, ein Lachen zu unterdrücken, aber ohne Erfolg. Ich prustete so heftig los, dass ein Popel aus meiner Nase herausschoss. Hastig wischte ich ihn von meiner hübschen Stoffserviette ab.

»Das war also ein Scherz?« Harry wirkte beinahe erleichtert.

»Natürlich war das ein Scherz.«

»Dann habt ihr beiden nicht …«

»Das geht dich nichts an. Nur weil du gern von deinen ganzen Sexabenteuern erzählst, heißt das nicht, dass alle anderen das auch tun.«

»Das ist dann wohl ein eindeutiges Nein.« Er grinste selbstzufrieden. Doch so würde ich ihn nicht davonkommen lassen.

»Tatsächlich ist es ein Ja, aber es war nur normaler Sex.« Ich musste das weiter ausführen, »normaler Sex« klang so langweilig. »Na ja, so normal, wie ein dreistündiger Sexmarathon eben sein kann. Ken hat das Stehvermögen von einem Hengst. Wir haben es in der ganzen Wohnung getrieben. Auf dem Esstisch, an der Wand, in der Dusche, in der Küche, auf der Waschmaschine, von vorn, von hinten, von der Seite, in der Hundestellung.«

Die alte Dame verschluckte sich an ihrem Scone.

»Von der Seite?«, fragte Harry.

»Ja. Das solltest du mal ausprobieren, macht großen Spaß. Kannst du mir den Zucker geben?«