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Der Liebesroman mit Gänsehauteffekt begeistert alle, die ein Herz für Spannung, Spuk und Liebe haben. Mystik der Extraklasse – das ist das Markenzeichen der beliebten Romanreihe Irrlicht: Werwölfe, Geisterladies, Spukschlösser, Hexen und andere unfassbare Gestalten und Erscheinungen erzeugen wohlige Schaudergefühle. … gibt es für den Frevler kein Erbarmen! Silvia Pattern, vierundzwanzig Jahre jung, lebenslustig und normalerweise voller Schwung und Tatendrang, unterdrückte bereits etliche Male ein herzhaftes Gähnen. Sie beschloß, den Sender in ihrem Autoradio zu wechseln; bisher hatte sie mit halbem Ohr der ziemlich drögen Stimme eines so genannten »Experten für Liebes- und Ehefragen« zugehört. Der Mann tat so, als wüßte er tatsächlich für alle Probleme eine Lösung – etwas, das ihm Silvia nicht so ohne weiteres abnahm. »Vermutlich ist er selbst schon dreimal geschieden«, brummte sie unwillig, ehe sie dem »Lebensberater« mitten im Wort den Saft abdrehte und einen Sender suchte, der Rock und Popmusik brachte, während sie gleichzeitig aus dem Augenwinkel heraus den zwar wunderschönen, aber gleichzeitig geheimnisvoll, ja sogar ein wenig unheimlich anmutenden Wald links und rechts beobachtete. Sie konnte diesmal dem Gähnreflex nicht widerstehen, da sie vergangene Nacht sehr schlecht geschlafen hatte. Das war immer so, wenn sie am nächsten Tag »auf Tour« war. Obwohl sie ihren Job bereits seit zwei Jahren zur großen Zufriedenheit ihrer beiden Chefs in Düsseldorf erledigte und ihr die Arbeit Spaß machte, war sie in der Nacht davor jedes Mal schrecklich aufgeregt. Die Nervosität legte sich im Normalfall, sobald sie angelangt war und sich konkret auf die Suche begeben konnte. Aber noch war es nicht so weit. Das schlanke Mädchen mit den schulterlangen aschblonden Haaren, war, aus Aachen kommend, mit ihrem kleinen roten Peugeot auf die belgische Route Nationale gelangt und näherte sich einer Kreuzung. »Aha, da ist es ja«, murmelte sie zufrieden, als sie das Schild »St. Pierre sur Roc, 10 Kilometer« las. Sie bog nach rechts ab und drehte das Radio um eine Idee leiser.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Silvia Pattern, vierundzwanzig Jahre jung, lebenslustig und normalerweise voller Schwung und Tatendrang, unterdrückte bereits etliche Male ein herzhaftes Gähnen. Sie beschloß, den Sender in ihrem Autoradio zu wechseln; bisher hatte sie mit halbem Ohr der ziemlich drögen Stimme eines so genannten »Experten für Liebes- und Ehefragen« zugehört.
Der Mann tat so, als wüßte er tatsächlich für alle Probleme eine Lösung – etwas, das ihm Silvia nicht so ohne weiteres abnahm. »Vermutlich ist er selbst schon dreimal geschieden«, brummte sie unwillig, ehe sie dem »Lebensberater« mitten im Wort den Saft abdrehte und einen Sender suchte, der Rock und Popmusik brachte, während sie gleichzeitig aus dem Augenwinkel heraus den zwar wunderschönen, aber gleichzeitig geheimnisvoll, ja sogar ein wenig unheimlich anmutenden Wald links und rechts beobachtete.
Sie konnte diesmal dem Gähnreflex nicht widerstehen, da sie vergangene Nacht sehr schlecht geschlafen hatte. Das war immer so, wenn sie am nächsten Tag »auf Tour« war. Obwohl sie ihren Job bereits seit zwei Jahren zur großen Zufriedenheit ihrer beiden Chefs in Düsseldorf erledigte und ihr die Arbeit Spaß machte, war sie in der Nacht davor jedes Mal schrecklich aufgeregt. Die Nervosität legte sich im Normalfall, sobald sie angelangt war und sich konkret auf die Suche begeben konnte.
Aber noch war es nicht so weit.
Das schlanke Mädchen mit den schulterlangen aschblonden Haaren, war, aus Aachen kommend, mit ihrem kleinen roten Peugeot auf die belgische Route Nationale gelangt und näherte sich einer Kreuzung.
»Aha, da ist es ja«, murmelte sie zufrieden, als sie das Schild »St. Pierre sur Roc, 10 Kilometer« las.
Sie bog nach rechts ab und drehte das Radio um eine Idee leiser. Es war kurz nach vier Uhr nachmittags an einem prächtigen, milden Herbsttag, Mitte September. Es war einer jener traumhaft schönen Tage, voll Erinnerung an den vergangenen heißen Sommer, aber ohne dessen verzehrende Glut, dafür mit der Verheißung von Reife und Fülle, mit einem Himmel wie lichtblaue Seide, ohne ein Wölkchen und ohne den geringsten Windhauch, jedoch mit dem betäubenden Geruch nach Erde, Wald und Gras.
›Wenn ich Glück habe, dauert das wunderschöne Wetter noch etliche Tage lang an; und es müßte schon mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht fündig würde‹, ging es Silvia Pattern, deren korrekte Berufsbezeichnung »Adventure Scout« lautete (was bei weitem nicht so
holprig klang wie das deutsche »Abenteuerpfadfinderin«), durch den Kopf, als sie in das schmale Sträßchen eingebogen war.
Als der Weg plötzlich ziemlich steil anstieg, schaltete sie nochmals einen Gang herunter. Das hatte den Vorteil, daß das Getriebe geschont wurde und daß sie sich bei dem geringen Tempo in aller Ruhe die Gegend anschauen konnte.
Links und rechts der kurvenreichen Fahrstraße erhob sich eine kleine Böschung mit reichem Wildblumenbewuchs zwischen den Schlehdornbüschen und Heckenrosen, während sich dahinter der Hochwald ausbreitete.
Es schien ein gesunder Mischwald zu sein aus verschiedenen Nadelbäumen, abwechselnd mit Birken, Eichen, Buchen und Ebereschen, deren Beeren in einem strahlenden Rotorange durch das noch grüne Laub schimmerten.
»Schätze, daß dies der besagte Gemeindewald von ›St. Pierre sur Roc‹ ist«. Die hübsche junge Fahrerin war jetzt hellwach und schon mächtig gespannt auf dieses ganz versteckt liegende belgische Städtchen ›St. Peter auf dem Felsen«.
Die smarte Düsseldorferin arbeitete für die Agentur »Managing and Training Agency«, kurz MATA genannt, und als »Adventure Scout« oblag es ihr, geeignetes Gelände zu finden, um es Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und Industrie, welche Erholung und Entspannung gepaart mit Abenteuer suchten, zu ermöglichen, ein sogenanntes »Überlebenstraining« in freier Natur zu praktizieren.
Es kam durchaus nicht jeder Wald dafür in Frage – nein, die Anforderungen an einen solchen Fleck Natur waren sogar ziemlich hoch. MATA konnte es sich nicht leisten, frustrierte Kunden zu haben, die halb verhungert und verdurstet regelrecht »aus der Wildnis« flohen und sie womöglich anzeigten und Schadenersatz verlangten.
Die Herren mit der wohlgefüllten Brieftasche wollten zwar das Gefühl haben, »Abenteurer« zu sein – in jedem von denen steckte ein kleiner Junge, der Robinson Crusoe spielen wollte, aber irgendwo waren auch Grenzen. Der Wald, in dem sie sich etwa eineinhalb Wochen lang aufhalten und selbständig ernähren sollten, mußte tatsächlich die Möglichkeiten bieten, sich eine Unterkunft aus primitiven Mitteln zu bauen, sowie auf relativ einfache Weise an Nahrung zu gelangen.
Vielen Gemeindevorstehern und Stadtvätern hatte Silvia zu deren bitterer Enttäuschung schon Absagen erteilen müssen. Der übliche Stangenwald aus schnell wachsenden Fichten, wie er in Deutschland leider noch üblich war – ohne Unterholz und bar aller Sträucher –, war schlichtweg zu kümmerlich.
Keine Nüsse, keine Bucheckern, keine Beeren, keine Pilze; kein noch so kleines Bächlein oder winzige Quelle mäanderte durch moosigen Grund und fiel somit als Frischwasserreservoir flach. Und was die Möglichkeit anbetraf, etwa ein Eichhörnchen oder ein Kaninchen mittels einer selbst gebastelten Schlinge, beziehungsweise mit einer Steinschleuder zu erlegen – ebenfalls Fehlanzeige.
»Wir kommen leider nicht ins Geschäft«, hatte Silvia den Herren gesagt, welche gemeint hatten, durch diese interessanten »Überlebenscamps« als Ferienorte auch für andere Erholungssuchende bekannt zu werden. Aber so lief es nun mal nicht.
Jedoch dieses Städtchen in den Ardennen auf einer etwa sechshundert Meter hohen Hochfläche in wahrhaft traumhafter Landschaft gelegen – das Wenige, was die junge Frau bisher gesehen hatte, erschien ihr sehr viel versprechend – könnte dieses Mal ein Volltreffer zu sein.
›Mal sehen, wie der Bürgermeister sich dazu stellt‹, überlegte sie. Aber meistens waren diese Herren nicht das Problem…
»Liebe Güte, hören denn die Kurven überhaupt nicht mehr auf?«
Silvia hatte ihren Wagen immer mehr verlangsamt; sie fuhr zudem äußerst rechts und hoffte, daß ihr kein anderes Fahrzeug auf der schmalen Straße entgegenkam. Sie sehnte jetzt das Ende der Fahrt herbei.
Plötzlich erkannte sie rechts vorne in beunruhigend großer Nähe eine seltsame Bewegung im Wald. Es schien beinahe so, als brauste auf einmal ein Sturmwind durch die Baumwipfel, so daß die Äste einer Anzahl alter Baumriesen heftig ins Schwanken gerieten.
Gerade als Silvia erneut vom Gas ging, legte sich der annähernd orkanartige Sturm, alle Bäume beruhigten sich wieder – bis auf einen, eine dicke Tanne nämlich, die mit einem geradezu ohrenbetäubendem Getöse quer über die Straße krachte und einer Bahnschranke gleich den Weg versperrte.
Silvias Notbremsung erfolgte automatisch; sie kam etwa einen halben Meter vor dem Baumstamm zum Stehen. daß sie laut geschrieen hatte, kam ihr überhaupt nicht zu Bewußtsein, aber daß sie nun zitterte wie Espenlaub, blieb ihr natürlich nicht verborgen.
»Oh, mein Gott«, flüsterte sie, »wenn dieses Monstrum von Baum mein Auto erwischt hätte, wäre es jetzt platt wie eine Flunder – und ich auch.«
Sie schaltete den Motor aus und stieg nach einer Weile, als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, aus ihrem Auto aus, um sich das unerwartete Hindernis genauer zu betrachten.
Etwa einen halben Meter über dem gewaltigen Wurzelstock war die Tanne einfach abgebrochen, wobei Silvia die Bruchstelle äußerst merkwürdig vorkam: keineswegs so zersplittert, wie es oft bei einem schweren Sturm und morschen Bäumen vorkam, sondern ziemlich glatt und vor allem: der Baumstamm war innen kerngesund!
›Es bestand überhaupt kein Grund dafür, daß die Tanne umgefallen ist‹, dachte Silvia Pattern verblüfft. ›Wenn wir jetzt schon so weit sind mit den Umweltschäden, daß vollkommen intakte Bäume, ohne Fäulnisschäden oder Wurm- und Käferfraß, einfach mir nix, dir nix umkippen, dann gute Nacht!‹
Auch die Nadeln der Tanne zeigten frisches Grün, die Äste und Zweige erschienen voller Saft und Silvia konnte nur den Kopf schütteln – und sich dazu gratulieren, daß sie nicht ein klein wenig schneller gefahren war…
Aber nun hatte sie ein weiteres Problem: sie konnte das Hindernis seitlich nicht umfahren. Sie mußte versuchen, auf der schmalen Straße zu wenden und dann zurückfahren zur Kreuzung und von da aus einen anderen Zugang zum Ort finden.
›Viele Wege führen nach Rom, sagt man; da werden wenigstens zwei auch nach St. Pierre sur Roc führen.‹
Nachdem sie ihren kleinen Peugeot nach einem halben Dutzend Wendemanövern in die richtige Fahrtrichtung platziert hatte, fuhr die junge Frau retour zur Kreuzung, an der sie vor einiger Zeit schon einmal abgebogen war, fädelte sich erneut in die Route Nationale ein, in der Hoffnung, eine weitere Abzweigung in das Städtchen zu finden.
Als erstes würde sie dann den Vorfall mit der umgestürzten Tanne auf der Polizeistation melden.
*
Monsieur André Lacourbe, das fünfundfünfzigjährige Stadtoberhaupt von St. Pierre sur Roc tobte in seinem Amtszimmer in der »Mairie«, dem Bürgermeisteramt der Stadt, herum.
Gerade hatte er von der Abholzfirma »Adolphe Mahonney« eine Absage bekommen und seine Sekretärin, Mademoiselle Ginette Balanche, mit ihren neununddreißig Jahren ein »spätes« Mädchen und angeblich hinter ihrem verwitweten Chef her, guckte ihn an wie ein verschrecktes Huhn.
Das tat sie immer, wenn André Lacourbe sich lautstark aufregte und dann meistens seinen Unmut an ihr ausließ.
»Was denken sich diese Brüder eigentlich?« brüllte der Bürgermeister, nachdem er den Hörer seines Amtstelefons aufgeknallt hatte. Er war so rot im Gesicht wie ein gekochter Hummer und Ginette befürchtete schon, es könnte ihn der Schlag treffen.
»Was haben die Mahonney-Leute denn gesagt, Monsieur?« erkundigte sie sich schüchtern.
»Gesagt, gesagt! Dieser Ignorant von einem Juniorchef hat mir mitgeteilt, daß sie in der nächsten Zeit die geplante Fällaktion im Gemeindewald nicht durchführen könnten, weil sie erst ihre anderen, bereits zugesagten Aufträge abarbeiten müßten! Das hat der arrogante Schnösel mir eiskalt ins Gesicht gesagt!«
»Ach so.« Ginette atmete auf. »Nun, das hört sich doch ganz vernünftig an, Monsieur. Sie müssen eben die Arbeiten der Reihe nach durchführen, so wie sie sie angenommen haben. Außerdem: soo furchtbar eilig ist es uns doch nicht, oder?«
Lacourbes Zorn wandte sich jetzt umgehend gegen seine unscheinbare Untergebene.
»Sie sind doch …«
Gerade konnte sich der Gemeindevorsteher noch bremsen, ehe er etwas gesagt hätte, was ihm sogar die gutmütige Ginette Balanche übel genommen hätte. Die alte Jungfer verteidigte ihren Chef zwar eisern gegen alle Kritiker in der Stadt, aber beleidigen ließ sie sich von ihm auf keinen Fall – trotz ihrer unbestreitbaren Sympathien für den immer noch attraktiven Witwer.
»Mademoiselle Ginette, Sie sind einfach zu gut für diese schlechte Welt! Ihnen fehlt das Gespür für alles Hinterhältige im Leben. Meine Nase hingegen« – und er tippte dabei an sein ziemlich mächtiges Riechorgan – »schnuppert Verrat schon aus meilenweiter Entfernung, während Ihr entzückendes Näschen nichts davon wahrnimmt – selbst wenn der Misthaufen meterhoch direkt vor dem Rathaus liegen sollte.«
»Ich verstehe Sie nicht, Monsieur!«
Hilflos zuckte Ginette die Schultern, aber das »Näschen« für ihre etwas zu lang und spitz geratene Nase hatte sie jedenfalls umgehend versöhnt.
»Schauen Sie, Mademoiselle Ginette, das liegt doch auf der Hand. Diese Abholzfirma steckt mit unseren Feinden im Stadtrat unter einer Decke! Ich glaube diesen Kerlen kein Wort, von wegen ›anderen Aufträgen, die angeblich Vorrang haben‹. Welchen Großauftrag sollten die denn schon haben, frage ich Sie? Vielleicht in Südamerika am Amazonas oder im Kongo? In Belgien jedenfalls nicht! Und wenn sie zu wenige Leute haben, sollen sie gefälligst Holzfäller einstellen, ehe sie versuchen, mich für dumm zu verkaufen.«
»Aber, wieso? Was hätte ›Alphonse Mahonney« davon, wenn er uns absichtlich hängen läßt?« Die Sekretärin blieb hartnäckig und blickte ihren Chef verständnislos an.
Monsieur André warf die Arme zum Himmel, zuckte mit den Achseln und meinte:
»Vielleicht hat man sie geschmiert – was weiß denn ich? Sie wissen, meine Liebe, daß mir und meinen Freunden im Stadtrat viel daran liegt, möglichst zügig mit der Fällaktion zu beginnen, um die geplanten Bauarbeiten an den neuen Projekten schnell zu verwirklichen. Je länger nun gezögert wird, umso mehr Zeit bleibt unseren Gegnern, weitere Verbündete zu finden und vor allem die Schwankenden auf ihre Seite zu ziehen.«
»Aber, Monsieur, der Stadtrat hat doch neulich mehrheitlich entschieden…«
»Ja, ja, ja! Das weiß ich, Teuerste (der Bürgermeister war darauf bedacht, ihr zu schmeicheln – was täte er denn ohne sie?), aber so lange noch kein Axthieb erfolgt ist, kann diese äußerst wacklige Mehrheit immer noch kippen und dann wäre Essig mit unseren schönen Plänen. Kein Flughafen, kein Erlebniscenter, kein Hotel!«
»Oh, Monsieur le Maire, das müssen Sie natürlich unbedingt verhindern!« Aufgeregt flatterte Mademoiselle Ginette, eine kleine hagere Person, um den ziemlich beleibten Bürgermeister herum. »Das wäre ja eine Katastrophe!«
Wie viele andere Befürworter des ehrgeizigen Bauprojektes wollte sie ihr sauer Erspartes in die Errichtung des Flugplatzes und des Vergnügungsparks investieren und hoffte dabei auf beste Rendite.
»Deswegen müssen diese Holzköpfe endlich spuren und unverzüglich anfangen, den Gemeindewald abzuholzen, damit Tatsachen geschaffen sind, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Sonst funken uns die so genannten ›Naturschützer« noch gewaltig dazwischen, wenn die erst einmal gemerkt haben, wie groß die Fläche überhaupt sein wird, die wir für den Fortschritt zu opfern bereit sind«, meinte er hochtrabend. »Verstehen Sie jetzt meine Ungeduld, Teuerste?«
»Oh, ja, Monsieur!«
Ginette war eben erst klar geworden, daß der gewiefte Bürgermeister vor der Abstimmung im Stadtrat offensichtlich nicht mit der ganzen Wahrheit herausgerückt war. Recht hatte er!
»Sie müssen diese Firma unbedingt irgendwie dazu zwingen, so bald wie möglich anzufangen. Vielleicht würde eine höhere Summe sie geneigter stimmen…«
»Pah! Von wegen! Ich werde den Brüdern mit einer Klage wegen Schadensersatz drohen und zwar in dreistelliger Millionenhöhe und …«
Mehr konnte die treue Seele Ginette leider nicht verstehen, denn das Telefon auf ihrem Schreibtisch hatte geklingelt und sie stöckelte eilig aus dem pompösen Eckzimmer ihres Chefs in ihr vergleichsweise bescheidenes Reich, um den Anruf entgegen zu nehmen.
›Hoffentlich keine neue Hiobsbotschaft‹, dachte Ginette noch. Falls es sich die Behörden in Brüssel noch einmal überlegen sollten und die zugesagten erheblichen Zuschüsse für den Flughafen streichen würden – immerhin zig Millionen Euro – wäre das vermutlich der Anfang vom Ende aller hochfliegenden Pläne der »Fortschrittlichen« in St. Pierre.
Das vollkommen unbedeutende Städtchen würde weiter vor sich hindämmern und irgendeine andere Gemeinde, in der es nicht so viele »naturfreundlich« Gesinnte gab, würde mit Kußhand den Reibach machen.
*
Silvia Pattern gelangte auf einem Umweg von zirka fünfzehn Kilometern in den gesuchten Ort und landete direkt auf dem Marktplatz in der Mitte von St. Pierre sur Roc.
Sie stieg aus, streckte sich erst einmal und schaute sich dann interessiert um. Ihre Müdigkeit war seit dem Zwischenfall mit dem Baum wie weggeblasen. Sie hatte genau vor dem Hotel »Le Cerf Bleu« – dem »Blauen Hirschen« also – geparkt.
»Nicht schlecht«, murmelte das junge Mädchen vor sich hin, »unsere gestreßten Manager werden es begrüßen, nach eineinhalb Wochen ›Leben in Gottes freier Natur‹ die Gemütlichkeit eines belgischen Kleinstädtchens mit Flair zu genießen.«
Doch, ja, dieser Ort schien Silvia durchaus geeignet für die Ansprüche ihrer verwöhnten Klientel.
Einige Momente lang dachte sie unvermittelt an Stefan Dormagen, ihren langjährigen Beinaheverlobten, von dem sie sich vor einiger Zeit – in aller Freundschaft – getrennt hatte.
Es war eine »Sandkastenliebe« gewesen, welche die beiden verbunden hatte und irgendwann war »die Luft raus« und die Liebe verflogen; aber geblieben waren eine tiefe Freundschaft, sowie eine echte Kameradschaft. Silvia wußte, daß sie sich auf Stefan, einen fünfundzwanzigjährigen Pharmaziestudenten, stets würde verlassen können.
›Stefan würde es hier auch gefallen‹, dachte sie, als sie den Mittelpunkt dieses niedlichen Fachwerkstädtchens betrachtete. Alles, was ein Gemeinwesen benötigte, war um einen alten, blumengeschmückten Marktbrunnen aufgereiht: das Rathaus (als »Mairie« gekennzeichnet), eine barocke Stadtpfarrkirche, die Polizeistation, der Gemeindesaal, ein kleines Kaufhaus, sowie Metzger- und Bäckerladen plus kleinem Café, dazu ein »Magasin d’ Alimentation«, also ein Lebensmittelladen.
Silvia entdeckte zu ihrem Entzücken neben dem »Blauen Hirschen«, in welchem sie beabsichtigte ein Zimmer zu nehmen, einen Bücherladen, der auch Zeitschriften und Ansichtskarten verkaufte, sowie ein winziges Antiquitätengeschäft.
›Dem werde ich einen ganz besonders intensiven Besuch abstatten, sobald es meine Zeit erlaubt‹, nahm die junge Frau sich vor. Sie liebte es geradezu, zwischen alten Bildern, Lampen, Schmuck und Möbeln herumzustöbern.
Auf diese Weise hatte sie schon das eine oder andere Juwel für ihre schnuckelige Jungesellinnenwohnung erstanden, um die sie von ihren Freundinnen glühend beneidet wurde. Sie selbst hätte es allerdings vorgezogen, wenn ihr Auszug aus Stefan Dormagens geräumiger und urgemütlicher Altbauwohnung nicht nötig gewesen wäre. Aber gleichzeitig wußte sie, daß dieser harte Schnitt das Richtige gewesen war…
Sie riß sich beinahe gewaltsam los von dem attraktiven Anblick, den der Ortskern dieses Städtchens bot. Als erstes lenkte sie ihren Schritt zur Gendarmerie, wo sie den Vorfall mit dem umgestürzten Baum zu Protokoll gab. Der Dienst habende Beamte – ein Schild auf seinem Schreibtisch wies ihn als Jean-Pierre Lacourbe, Leiter der Dienststelle, aus – nahm sich mit Eifer dieses Falles an.
Der junge Mann – Silvia schätzte ihn um die dreißig – schien allerdings mehr an ihr, als an der Beinahekatastrophe interessiert zu sein. Als sie jedoch ihre Beobachtungen genau schilderte und davon sprach, daß es ihrer Ansicht nach keinen vernünftigen Grund für einen Sturz der Tanne gegeben hatte, wurde er stutzig.
»Ich werde dieser Sache sofort persönlich nachgehen«, versprach er, »sowie die Feuerwehr alarmieren, daß sie das Hindernis von der Straße räumt, ehe noch jemand dagegen knallt.«
Dann dankte er ihr geradezu überschwenglich, ehe er die Frage riskierte, ob sie längere Zeit in der Stadt zu verbringen gedachte. Es war nicht zu übersehen, daß er sich das erhoffte. Aber ehe er sie einladen konnte, machte Silvia ihm klar, daß sie zum Arbeiten hierher gekommen war und nicht zum Urlaubmachen.
Im gleichen Atemzug fragte sie ihn, ob er wüßte, wann der Bürgermeister von St. Pierre sur Roc zu sprechen wäre. Dies entlockte dem jungen Mann ein strahlendes Lächeln.
»Oh! Mademoiselle möchte zu meinem Vater? Welch’ ein Zufall! Heute sitzt er zwar nicht mehr in seinen Amtsräumen, aber morgen früh ab neun Uhr wird er für Sie da sein, Mademoiselle Pattern.«
Silvia, die genau gemerkt hatte, daß ihr Gegenüber vor Neugierde beinahe platzte, dachte nicht im Traum daran, ihm den Gefallen zu tun und ihr Anliegen vor ihm auszubreiten. Sie fand, es wäre besser, zu gehen, um nicht noch Öl aufs Feuer zu gießen. Für ihren Geschmack hatte der oberste Ordnungshüter von St. Pierre nämlich ein wenig zu schnell Feuer gefangen…
*
Der Besitzer des »Cerf Bleu« bemühte sich höchstpersönlich um den neu angekommenen, weiblichen Gast. Monsieur Gaston Rienne, der einundfünfzig Jahre alte Hotelier, war sehr angetan von der aparten Deutschen.
Als sie auf Befragen erwiderte, vorerst würde sie nur drei Tage bleiben wollen, schien er ein wenig enttäuscht zu sein: so charmante Gäste wünschte er sich eigentlich das ganze Jahr über.
»Es ist jetzt sehr ruhig bei uns«, meinte er bedauernd, »wenn der Sommer vorüber ist, ist gewöhnlich bis Weihnachten so ziemlich Schluß mit Übernachtungsgästen.«
»Das könnte sich möglicherweise demnächst ändern, Monsieur Rienne«, kündigte Silvia ein wenig voreilig an und erregte damit sofort die größte Aufmerksamkeit des smarten Geschäftsmannes.
Kurz informierte ihn die hübsche Deutsche über ihr Vorhaben und der Hotelier schien entzückt.
