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Eine gefühlvolle Slow Burn Romance über Verlust, Identität und den Mut, das Leben beim Schopf zu packen
Als Grace erfährt, dass sie Krebs hat, wird ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt. Einzig in der Musik findet sie einen Zufluchtsort, an dem sie die Welt für einen kurzen Moment ausblenden kann. Deshalb ist das Musikprojekt an ihrer Schule für sie auch das Highlight des Jahres – bis sie ausgerechnet mit Callum zusammenarbeiten soll. Callum, der arrogante Überflieger, für den nur seine Noten zählen und der jedes Opfer bringt, um in die Fußstapfen seines erfolgreichen Vaters zu treten. Doch Graces Lebensfreude und ihr unbedingter Wille, jedem Tag so viel Glück wie möglich abzuringen, bringen Callums abweisende Fassade nach und nach zum Bröckeln. Und während die Gefühle der beiden füreinander wachsen, versucht Grace verzweifelt ein Geheimnis zu verbergen, das Callum den Boden unter den Füßen könnte …
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2025
Zum Buch
»Manche Dinge müssen nicht repariert werden. Nur geliebt.«
Für Grace war Musik schon immer ein Mittel, um auch die dunkelsten Zeiten in ihrem Leben zu überstehen. Deshalb ist das Musikprojekt an ihrer Schule für sie auch das Highlight des Jahres – bis sie ausgerechnet mit Callum zusammenarbeiten soll. Callum, der arrogante Überflieger, für den nur seine Noten zählen und der zu jedem Opfer bereit ist, um in die Fußstapfen seines erfolgreichen Vaters zu treten. Doch Graces Lebensfreude und ihr unbedingter Wille, jedem Tag so viel Glück wie möglich abzuringen, bringen Callums abweisende Fassade nach und nach zum Bröckeln. Und während die Gefühle der beiden füreinander wachsen, versucht Grace verzweifelt ein Geheimnis zu verbergen, das Callum den Boden unter den Füßen wegziehen könnte …
Zur Autorin
Sophie Herbst wurde 1994 in Magdeburg geboren. Nach ihrem Abitur arbeitete sie kreativ mit Kindern und Jugendlichen in der Theaterpädagogik des Theater Magdeburgs, schrieb erfolgreich Songtexte und studierte Literatur- und Medienwissenschaft. 2015 erkrankte Sophie mit gerade einmal 21 Jahren an einem seltenen Krebstumor, der ihr fast das Lachen und ihr Leben genommen hätte. Seit 2017 engagiert sie sich deshalb öffentlich für andere junge Betroffene und rief 2018 den Krebsgeflüster-Podcast ins Leben. Seit dem Jahr 2022 unterstützt sie andere Autorinnen und Autoren als Lektorin bei ihren Buchprojekten.
Sophie Herbst
Wenn heute unser Morgen wäre
Roman
dragonfly
Originalausgabe
© 2025 Dragonfly in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung von Frauke Schneider
Coverabbildung von © 2025 Kelley McMorris
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783748803003
www.dragonfly-verlag.de
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Instagram: @dragonflyverlag
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberinnen und des Verlags bleiben davon unberührt.
Bitter Sweet Symphony (Live at Maida Vale) – London Grammar
take a moment to breathe – normal the kid
Two Lungs – Mogli
Letting Go for a Little While – Ryan McMullan
I Hate It Here – Taylor Swift
give me hell – Sam Nelson Harris, X Ambassadors, Madi Diaz
Lost – Luz, Mahogany | Dermot Kennedy
Inside of Love – Nada Surf
Anchor – Novo Amor
Rhyme or Reason – Chaislyn
Beauty In The Hurting – Jared Benjamin
Living and Existing – CJ Starnes
Salvation – Gabrielle Aplin
The Art Of Getting By – Laura Zocca
The Camera Turns – Born Without Bones
Healing Hurts – BLÜEYES
The Black and White – The Band CAMINO
State Lines – Novo Amor
Shallows – Daughter
Repeat Until Death – Novo Amor
Robin – Taylor Swift
The Waves – David Hodges
Medicine – Daughter
Wait – M83
Grow As We Go – Finding Us, Chad Graham | Ben Platt
After The Storm – Mumford & Sons
Don’t give up on me – Andy Grammer
All I’ve ever known – Hadestown
(Original Broadway Cast Recording)
Take on the world – You Me At Six
Wild Heart – Bleachers
Call The Nightingale – Vian Izak, Juniper Vale
Loml – Taylor Swift
To Build A Home – The Cinematic Orchestra, Patrick Watson
Carry You – Novo Amor
The Manuscript – Taylor Swift
Diese Playlist ist auf Spotify unter dem Titel »WhuMw«
zu finden oder direkt über diesen Code.
Bitter Sweet Symphony
Callum
Manchmal ist es schwer zu sagen, ob man gerade am Anfang oder am Ende von etwas steht.
Ich presse die Zähne aufeinander, bis sie knirschen. Nervosität frisst sich durch meine Eingeweide. Mit einem flauen Gefühl im Magen spähe ich zu meinem Schreibtisch hinüber, wo sich der Lernstapel der letzten Tage auftürmt. Wenn ich heute Nachmittag beginne, ihn abzuarbeiten, wird mein Kopf wieder klarer werden.
Tief einatmend streiche ich mir die Haare zurück. Sie sind genauso dunkelblond wie die meiner Mutter, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. An dem Tag, an dem sie beschloss, Dad und mich zu verlassen. Lange habe ich versucht, ihr mit dem Verständnis zu begegnen, das Dad nie für sie hatte. Bis ich begriffen habe, dass sie auch mich zurückgelassen hat und nie wiederkehren wird.
Es war ein grauer, regnerischer Morgen. Bis heute erinnere ich mich an den Duft von nassem Laub, der durchs Fenster hereindrang, an den der heißen Schokolade, die sie in einer großen Tasse vor mir auf den Tisch gestellt hat … und an die Regentropfen auf den Fenstern. Meine Mutter fand, im Gegensatz zu meinem Vater, immer die richtigen Worte. An diesem Tag jedoch ging sie, gehüllt in Schweigen. Ohne einen Abschied.
Ich erschaudere. Shit. Nicht daran denken. Nicht heute.
Durchatmen.
Entschlossen straffe ich die Schultern, schüttele den Callum ab, den ich lange hinter mir gelassen habe, wickele die Krawatte enger um meinen Hals und prüfe meine Schuluniform im Spiegel. Dabei ziehe ich wie zur Übung die Mundwinkel nach oben, bis sie wie eingemeißelt in meinem Gesicht wirken.
Ich seufze tief. Ich mag keine Veränderungen und noch weniger Überraschungen. Wenn es nach mir ginge, könnte dieses Trimester wie alle anderen davor verlaufen. Doch leider fragt mich niemand nach meiner Meinung. Alle Zehntklässler an der St. Doyle sind verpflichtet, am Grow Together-Projekt teilzunehmen. Als ließen sich soziale Hürden allein dadurch überwinden, dass sie uns, die sich das Schulgeld an der Privatschule leisten können, und die Stipendiaten neun Wochen lang in Zweierteams zusammenbringen. Ich habe keine Ahnung, welches Projekt und welchen Partner ich bekomme, und das macht mich nervös. Außerdem habe ich Besseres mit meiner Zeit zu tun.
Noch ein letzter Blick in den Spiegel. Die Krawatte passt makellos zu der Schuluniform, bestehend aus Anzughose, weißem Hemd und einem Jackett in milk-tea-brown. In dem Outfit könnte ich auch in Dads Kanzlei aufschlagen und sofort mit der Arbeit beginnen. Unglücklicherweise stecke ich noch anderthalb Jahre an der St. Doyle fest.
Ich greife nach der Aktentasche, die unter meinem Schreibtisch in der Ecke steht, hänge sie mir über die Schulter und verlasse mein Zimmer. Schon auf der obersten Treppenstufe höre ich Dad aus dem Wohnzimmer. Wahrscheinlich telefoniert er mit seinem neuen Klienten. In den letzten Wochen hat er – in den paar Minuten, die wir uns gesehen haben – von kaum etwas anderem gesprochen als von diesem Fall, der die Kanzlei wieder mal ins Rampenlicht katapultieren wird.
»Morgen«, sage ich, lasse die Aktentasche zu Boden sinken und begrüße meinen Vater mit einem knappen Nicken. Er sitzt mir gegenüber, am anderen Ende des weißen Hochglanztisches, auf dem, abgesehen von unseren Tellern und Tassen, nichts steht.
»Gut geschlafen?«, fragt Dad, nachdem er sein Telefonat beendet hat. Seine Hände streichen erst über seinen Armani-Anzug, dann über den perfekt gestutzten Dreitagebart. Ohne zu mir aufzusehen, zieht er das iPad neben seinem Teller zu sich heran und tippt darauf herum. Keine Sekunde später ist er, wie ich annehme, wieder in die Fallakte vertieft. So ist er, ein Macher. Nachdem meine Mutter uns verlassen hat, war er da. Er hat sich um seine Karriere gekümmert und gleichzeitig in meine Zukunft investiert. Er hat mir gezeigt, dass sich Verluste leichter verkraften lassen, wenn man ein Ziel verfolgt. Sicherheit gewinnt.
»Die Nacht war okay«, lüge ich und schlinge ein paar Happen Toast und Bohnen runter, bevor ich den Stuhl zurückrücke.
»Wo willst du hin?« Endlich blickt Dad auf. »Du hast deinen Tee nicht angerührt.«
Normalerweise ist das unser Ritual, wenn Dad ausnahmsweise zum Frühstück zu Hause ist. Wir trinken Tee und reden über seine aktuellen Fälle. Nur heute nicht.
»Keine Zeit«, sage ich und deute zur Uhr. »Das Schulprojekt. Du weißt schon.« Genervt schnalze ich mit der Zunge. Auf Dads Stirn erscheint die kritische Falte, die bedeutet, dass er längst vergessen hat, worum es geht.
»Das Projekt, Dad«, betone ich und imitiere eine Kotzgeste.
»Oh.« Weitere Falten graben sich in Dads Haut, rund um den Mund und die Augen. »Sie halten tatsächlich daran fest, ja?«
»Jap«, sage ich knapp und greife mir meine Tasche. »Zehnjähriges Jubiläum. Grow Together.«
»Man sollte meinen, dass eine der renommiertesten Privatschulen bei der Ausbildung ihrer Schüler andere Prioritäten setzt …« Dad schüttelt den Kopf. »Das nächste Jahr ist euer letztes. Aber ich gehe davon aus, dass du trotzdem dein Bestes geben wirst. Und vielleicht wirst du ja dem Rechtsprojekt zugeteilt.« Dads Mundwinkel offenbaren den Ansatz eines zufriedenen Lächelns. »Das würde sich gut in deinem Lebenslauf machen.«
»Absolut«, erwidere ich wie eine Schallplatte, die seit Monaten das gleiche Lied abspult.
Dad widmet sich wieder dem Tablet. »Sieh einfach zu, dass du am Ende des Trimesters einen einwandfreien Schnitt vorweisen kannst. Dann stehen dir alle Türen offen.« Sein Handy klingelt wieder, weshalb ich beschließe, dass es Zeit ist, aufzubrechen.
Im Flur – der genauso makellos weiß und mit Hochglanz-Möbeln bestückt ist wie der Rest unseres Hauses – schlüpfe ich in meine Jacke und Schuhe. »Bis dann, Dad«, rufe ich ins Wohnzimmer. »Drück mir die Daumen, dass ich diesen verfluchten Tag überlebe.«
Mein Vater reagiert nicht.
Ich trete nach draußen auf die Veranda. Kalter Oktoberwind peitscht mir ins Gesicht. Die kühle Brise sorgt dafür, dass mein Kopf klarer wird und die dunklen Gedanken sich in Luft auflösen.
Selbst für Brighton-Verhältnisse ist der Herbst in diesem Jahr klirrend kalt und nass. Während ich die Marmortreppe runter- und durch den Vorgarten laufe, begleiten mich die weißen Atemwolken vorm Gesicht und ich beruhige meine Gedanken. Dieses Schulprojekt ist bloß ein kleines Kapitel in meinem Leben, einem großen Buch mit einer hoffentlich langen Geschichte.
Später wird es nicht mal mehr eine Erwähnung wert sein.
* * *
Vor dem Schultor der St. Doyle versammeln sich bereits ein paar Mitschüler, die Platz machen, sobald ich an ihnen vorbeischlendere. Manchmal ist es anstrengend, einen Staranwalt als Vater zu haben, der ständig omnipräsent in den Medien ist. Hier vertritt er einen berühmten britischen Schauspieler bei einem Scheidungsskandal, da einen Fußballer, der sich einen Fehltritt erlaubt hat. Und auf magische Weise schafft Dad es immer, das bestmögliche Ergebnis rauszuholen. Für seine Klienten – und für sich. Während Dad den Ruhm genießt, engen mich die Blicke meiner Schulkameraden eher ein. Ich fühle mich wie auf dem Präsentierteller.
Ohne auf die anderen zu achten, winke ich ein paar Jungs aus dem Fußballteam zu, die ich später beim Training sehen werde. Mich verbindet sonst nicht viel mit ihnen, bis auf die Tatsache, dass unsere Eltern das Schulgeld aus eigener Tasche zahlen, im Gegensatz zu den Stipendiaten.
Einige von ihnen lachen ausgelassen. Ich frage mich, wie es ist, zur Schule gehen zu können, ohne diesen Druck hinter der Stirn und im Hals zu spüren. Wie es sein muss, ohne das Ziehen im Magen das Schulgelände zu betreten.
»Erde an Callum?« Will hat sich in mein Sichtfeld geschoben und schnippt mit seinen Fingern vor meinem Gesicht herum, sodass ich zusammenzucke. Ich war so in Gedanken vertieft, dass ich seine Ankunft nicht bemerkt habe. »Träumst du etwa schon von den nächsten neun Wochen?«
»Too soon. Too soon«, brumme ich angesichts seines Jokes, und mein bester Freund klopft mir grinsend auf den Rücken. Voller Herzlichkeit, während ich die Geste steif zur Begrüßung erwidere.
»Hey, stell dir vor, wir werden zusammengesteckt. Dann hättest du mich die ganzen nächsten neun Wochen auch nach der Schule an der Backe. Das wäre doch was, oder? Vor allem, weil ich mittlerweile fast betteln muss, damit wir eine Runde Fortnite zocken.« Will malt einen unsichtbaren Heiligenschein über seinen Kopf, zieht einen Schmollmund und klimpert übertrieben mit den Wimpern. Ich boxe ihm gegen die Schulter und er taumelt zurück, den Mund zu einem noch breiteren Lachen verzogen. Das ist Wills Superkraft. Er kann selbst eine unerträgliche Situation erträglicher machen.
»Was ist eigentlich mit nächster Woche?« Mein bester Freund setzt sich in Bewegung, und ich folge ihm durch den weiten Vorgarten.
»Keine Zeit«, antworte ich und wage es nicht, Will direkt anzusehen. Stattdessen fixiere ich das Schulgebäude, als wäre es das Interessanteste auf der Welt. Mein Lebensmittelpunkt.
»Ernsthaft? Mann …« Wills Schultern sinken ein Stück herab. »Ich dachte, du könntest endlich mal meine Meisterwerke bestaunen. Außerdem sind die Jungs aus der Street-Art-Gang echt cool. Du würdest sie mögen.« Seit ein paar Monaten ist er Teil einer offiziellen Street-Art-Gruppe, die die Wände der Stadt mit Graffiti verschönern darf. Da Will schon jetzt zeichnen kann wie ein junger Gott, ist das genau sein Ding. Bisher habe ich allerdings keine freie Minute gefunden, um mir seine Malereien anzusehen.
»Ich muss mich auf die Schule konzentrieren. Sorry, Pal«, sage ich. »Das Projekt kommt jetzt noch dazu …«
»Kapiert. Du musst auf deine große Karriere als Anwalt hinarbeiten. Und wer weiß, wo wir eingeteilt werden.« Wills Mundwinkel zucken, doch das Lächeln reicht nicht bis zu seinen Augen. Auch daran habe ich mich gewöhnt. Will ist der Einzige, der mich wie ein Bruder kennt, er liest mich wie kein anderer.
Unsere Eltern haben sich kennengelernt, als wir in die Grundschule kamen. Ich war eher ein Eigenbrötler, habe lieber zu Hause neben Mum am Klavier gesessen und sie angehimmelt, während sie spielte, mir vorgesungen und Akkorde beigebracht hat.
Unser Garten war mein Abenteuerspielplatz. Ich hatte kein Interesse daran, mit den Nachbarskindern zu spielen. Aber mit Will Freundschaft zu schließen, war leicht. Er hatte am ersten Tag Pokémonkarten zum Tauschen mit – meine lagen ganz unten im Rucksack, weil ich nicht sofort wie ein Nerd rüberkommen wollte. Es hat mich beeindruckt, wie selbstverständlich Will mit einem Grinsen seine Karten präsentiert hat, obwohl die anderen nichts damit anfangen konnten. In der Pause habe ich meinen Mut zusammengenommen und meine Karten mit ihm getauscht.
Seitdem sind wir nahezu unzertrennlich gewesen. Mal gab es gemütliche Abende bei uns, mal bei Wills Eltern. Seit Mum abgehauen ist, hat Dad aber auch zu Wills Familie so gut wie keinen Kontakt mehr. Wenn sie sich sehen, dann nur auf irgendwelchen Schulveranstaltungen.
Wills Enttäuschung ist aus seinem Schweigen rauszuhören und versetzt mir einen Stich, aber so ist es nun mal. Ich muss mich auf das Wichtige konzentrieren.
»Oh, sie haben die Herbstdeko angebracht«, sagt Will plötzlich, und ich hebe den Kopf. An der Schulfassade hängen Efeu-Ranken und Herbstblätter-Vorhänge, vor dem Eingang stehen Kürbisse, teilweise übereinandergestapelt.
Die St. Doyle sieht genauso aus wie Bilder bei Pinterest, wenn man ›private Highschool‹ und ›England‹ ins Suchfeld eingibt. Ein altes Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, viktorianischer Stil, viel Grünfläche, Hecken und Sportfelder drumherum. Auf dem gesamten Campus kann man das Brechen der Wellen unten am Strand hören. Obwohl sich die St. Doyle Hunderte Meter vom Strand entfernt befindet, in der Nähe des Queens Park. Ein netter Bonus.
Wir treten durch die breite Flügeltür, die in die Eingangshalle der Schule führt. Der Boden ist marmoriert, die Wände sind aus Gestein und Putz. Überall finden sich die cremefarbenen und braunen Töne der Uniformen und des Wappens wieder. Wir laufen in den ersten Stock, und meine Laune sinkt.
Aber ich brauche diese verfluchte Note, die einen Großteil des Trimesters ausmachen wird. Ich lehne mich neben der Saaltür gegen die Wand und begutachte finster den Boden, während Will uns jeweils einen Becher Cappuccino aus dem Getränkeautomaten holt.
»Hauptsache, nicht das Sozialprojekt«, murmle ich wie zum Gebet, und Will wirft mir einen Seitenblick zu, bevor er mir den heißen Becher überreicht.
»Schade. Ein bisschen soziale Kompetenz würde dir guttun.«
»Sehr witzig«, entgegne ich.
Will grinst übers ganze Gesicht. Er hat Glück, dass ich ihm nichts übel nehmen kann. »Bereit?«, fragt er, und ich nehme einen Schluck von dem Cappuccino, der so bitter schmeckt wie dieser Morgen.
»Auf ins Verderben.«
Wir betreten den Saal, und ich lasse den Blick schweifen. Die meisten Zehntklässler haben sich bereits im Raum verteilt. Ein paar sitzen auf den Stühlen, andere auf den Tischkanten, um sich besser unterhalten zu können. Wir setzen uns in die letzte Reihe. Der Saal ist viel zu groß für die knapp dreißig Leute meines Jahrgangs, die dieses Jahr am Projekt teilnehmen müssen.
Lustlos lasse ich den Blick schweifen und entdecke Taylor, Daniel und Anthony, die ebenfalls in der Schul-Fußballmannschaft spielen. Sie grüßen mich mit einem angedeuteten High Five und einem genervten Laut, den ich erwidere. Ansonsten sind da noch ein paar Mitschüler aus meinen Mathematik-, Wirtschafts- und Sozialkundekursen, mit denen ich im letzten Trimester vielleicht zehn Worte gewechselt habe. Timothy, der hundertprozentig – wie jedes Mal – wegen seines kranken Dads Mitleidspunkte bekommen wird. Ich wette, Timothy wird genau in dem Projekt oder Fach landen, in dem er sowieso brillant ist. Und dann ist da der dunkelhaarige, schlaksige Kerl mit der viel zu großen Brille, der unserem Mathelehrer, Mr. Hopper, bei der letzten Weihnachtsfeier auf die Schuhe gekotzt hat. Er war mindestens zwölf Wochen lang das Thema in der Schule, trotzdem will mir sein Name nicht einfallen. Mr. Hopper verzieht seitdem jedes Mal auf dem Gang die Mundwinkel, sobald er dem Kerl begegnet.
Neben dem kotzenden Typen sitzt die Rothaarige mit den Sommersprossen, die jeden in Grund und Boden redet, der sich über ihren Kumpel lustig macht. Und neben ihr, direkt am Fenster, in der zweiten Reihe, sitzt Grace McIntyre. Der wahr gewordene Albtraum meiner Schulzeit. Sie und ich haben jahrelang einen Konkurrenzkampf im Musikkurs ausgefochten, der vor drei Jahren bei der Weihnachtsaufführung in einem Desaster gipfelte. Seitdem verbindet uns nichts mehr, außer unsere intensive Abneigung gegeneinander.
Einen Augenblick lang fixiere ich das Whiteboard, bis mein Blick wieder zu Grace huscht. Warum habe ich sie so lange nicht gesehen? Das letzte Mal muss eine Ewigkeit her sein. Nicht, dass ich es darauf anlegen würde. Wenn es nach mir ginge, würden Grace McIntyre und ich auf verschiedenen Planeten leben.
Doch sie ist hier, im selben Raum, atmet dieselbe Luft wie ich.
Sie hat eine Kurzhaarfrisur. Ganz im Gegensatz zu früher, als sie ihre langen, braunen Haare immer offen oder geflochten getragen hat. Die neue Frisur betont ihr markantes Gesicht. Die hohe Stirn, die vollen Wangen, die Sommersprossen. Die lächerlich großen hellgrünen Augen, die niemand übersehen kann, weil sie an die weite Landschaft der Cotswolds erinnern, die in warme Sonnenstrahlen getaucht wird. Sie lacht, und ich verkrampfe mich. Es klingt wie damals, wenn sie den Musikraum betreten und jeden auf diese Weise begrüßt hat. Glücklich. Die Verkörperung puren Lebens. Voller disneymäßiger Ich-möchte-diese-Welt-umarmen-Mentalität.
»Hast du dir eigentlich das Video angesehen, das ich dir geschickt habe?«, unterbricht Wills Stimme meine Gedanken.
»Welches Video?«
»Auf TikTok von so tollen Sängern.« Will sieht mich lächelnd an. »Alter, die Stimmen sind so krass. Du musst dir den Song anhören.«
»Lass mal. Ich habe keine Lust auf Jammersongs.«
Wills Miene wird ausdruckslos. »Also ich erinnere mich an Zeiten, da hast du selbst Jammersongs gesungen.«
Der Stachel, der seine Worte begleitet, bohrt sich direkt in mein Herz. Doch der Schmerz hält nur kurz an. So kurz, dass er kaum der Rede wert ist. »Ist Vergangenheit«, sage ich, ehe Will sich entschuldigen kann und den Moment dadurch schlimmer macht.
»Offensichtlich.« Der Blick, den Will mir zuwirft, bedarf keiner weiteren Worte. Er dreht sich nach vorn, exakt in der Sekunde, in der Mrs. Murray, unsere Lehrerin, bepackt mit einem Ordner den Saal betritt, den sie vor sich auf dem Rednerpult ablegt.
Sie strahlt uns der Reihe nach an. Ihre Begeisterung ist unübersehbar.
»Herzlich willkommen«, sagt Mrs. Murray feierlich und präsentiert mit ausgestreckten Armen den Schriftzug in Druckbuchstaben auf dem Whiteboard. Grow Together. 2025.
»Zusammen wachsen. Das Motto unseres Projektes seit 2015. Und in diesem Jahr, beim zehnjährigen Jubiläum, haben Sie die Ehre, ein Teil davon zu sein.«
Mrs. Murray beginnt eine ausschweifende Rede darüber, wie Rektor Harrison und sie das Projekt ins Leben gerufen haben. Jeder an der St. Doyle kennt die Geschichte auswendig. Sie fanden, die Distanz zwischen den Schülern ohne Stipendium, aus finanziell ›sorglosem‹ Umfeld, und den Stipendiaten sei zu groß. Um Mobbing und Ausgrenzung vorzubeugen, wurde beschlossen, dass die Zehntklässler – in Zweierteams – wochenlang zusammenarbeiten und eine Präsentation vorbereiten müssen. Dabei gibt es verschiedene Bereiche, denen man zugeteilt werden kann. Die Sozialprojekte, Wissenschaftsprojekte, das Literatur-Projekt, Theater-Projekt, IT-Projekt, Social-Media-Projekt, Medien-Projekt und einige mehr.
Ich schalte ab. Draußen fallen die ersten Tropfen vom Himmel, es donnert. Keine Minute später trommelt der Regen wie laute Faustschläge gegen die Fenster.
Mrs. Murray macht eine ausladende Geste. »Es ist unerlässlich für das Projekt, dass Sie sich aufeinander einlassen. Nur so können wir Grenzen und Vorurteile überwinden und das Beste auseinander rausholen. Sie werden in dieser Zeit viel voneinander lernen. Wenn Sie es zulassen, kann die Zusammenarbeit Ihren Horizont erweitern.«
Ich verdrehe innerlich die Augen. So eine Horizonterweiterung hat noch niemandem einen Job oder ein gutes Auskommen beschert.
»So, kommen wir nun zum spannenden Teil, auf den Sie sicher gewartet haben: die Aufteilung in Ihre Kurse und die Auflösung, mit wem Sie zusammenarbeiten werden.« Mrs. Murray klatscht wieder in die Hände, Will rutscht nervös auf dem Stuhl hin und her. Vorn in der zweiten Reihe beugt sich die Rothaarige zu Grace rüber und flüstert ihr etwas ins Ohr.
Mrs. Murray setzt ihre Lesebrille auf und hebt mit einer schwungvollen Geste die Namensliste vor ihre Nase, so, als würde sie den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten verkünden. »Eric Winthers und Delia Moore. Wissenschaftsprojekt.«
Mr. Ich-kotze-auf-der-Weihnachtsfeier-der-Highschool dreht sich seiner neuen Partnerin zu, die ihm verhalten zunickt.
Name für Name wird verlesen. Will wird mit Grace’ rothaariger Freundin fürs soziale Projekt zusammengesteckt. Er bleibt ganz entspannt. Sie müssen mit einem chronisch kranken Kind ihre Präsentation erarbeiten. Will kann gut mit Kindern umgehen, er hat drei jüngere Geschwister, die ihn vergöttern, und es passt zu seinem Ziel, Arzt zu werden. Mein bester Freund grinst mich über beide Ohren an und zwinkert mir zu.
Nur noch sechs Namen sind übrig. Als Mrs. Murray das Rechtswissenschaftsprojekt an Timothy aus meinem Rechtskurs vergibt, der am Fenster eingeschlafen ist und bei der Erwähnung seines Namens hochschreckt, bin ich sicher, dass sie mir wirklich eins auswischen will, weil ich ihren geliebten Musikkurs verlassen habe.
»Miss Grace McIntyre«, verliest Mrs. Murray und wirft ihrer Lieblingsschülerin einen warmen Blick zu, »wird der Musikaufgabe zugeteilt.«
»Surprise«, murmle ich und ernte einen Rippenstoß von Will. Klar. Miss future Taylor Swift darf in den nächsten neun Wochen einen eigenen Song schreiben und komponieren, die ganze Welt lieben und bei der Aufführung glänzen.
»Zusammen mit ihrem Teampartner, Mr. Callum Hayward.«
Stille. Ich glaube, meine Seele hat für einen Wimpernschlag meinen Körper verlassen.
Das Musikprojekt… mit Grace…
»Sorry, aber … was?«, frage ich, in der Annahme, mich verhört zu haben. Meine Stimme klingt nicht wie meine Stimme. Zu belegt, wackelig, wie von Schleifpapier angeraut.
»Sie haben mich richtig verstanden, Mr. Hayward.« Mrs. Murrays Euphorie macht die Sache noch schlimmer. »Sie und Miss McIntyre werden für die nächsten neun Wochen ein Team bilden. Ich erwarte Großes von Ihnen beiden.« Sie sagt es fröhlich. Dann fährt sie einfach fort. So, als hätte sie meinen Traum von einer Bestnote nicht gerade mit einem einzelnen Wort zum Platzen gebracht.
Instinktiv wende ich den Kopf der zweiten Reihe zu.
Grace’ Körperhaltung hat sich verändert. Ihre Schultern hängen nicht mehr entspannt hinab. Sie hat sich umgedreht, ihre Augen scannen in Rekordgeschwindigkeit die Reihen, bis sie an mir hängen bleiben. Unsere Blicke kreuzen sich.
Ich erkenne erst Überraschung in ihrem Gesicht, gepaart mit Skepsis und gefolgt von einer Emotion, die ich nicht deuten kann.
Langsam begreife ich, dass ich mich in den nächsten Wochen meiner größten Angstgegnerin stellen muss: der Musik. Zu allem Überfluss muss ich das ausgerechnet mit der einen Person tun, die Musik quasi atmet.
Um Grace und mich herum tobt ein Gewitter, und wir befinden uns im Auge des Sturms. Schweigend. Einander fixierend. In Gedanken versunken. Auf den ersten Schritt des anderen wartend.
Das hier ist meine persönliche Horrorvorstellung.
Und sie ist soeben real geworden.
take a moment to breathe
Grace
Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins.
Die für mich magischen Worte, um alle Worst-Case-Szenarien aus meinem Kopf zu vertreiben. Um die Bilder der Katastrophe zersplittern zu lassen.
Ich schließe die Augen, ignoriere das penetrante Ticken der Uhr an der Wand im beinahe leeren Hörsaal und atme tief ein und aus. In den Bauch. Als ich die Lider wieder öffne, konzentriere ich mich auf fünf Dinge, die ich sehen kann. Die leeren Stühle. Die Bänke. Die Fenster. Regentropfen auf der Scheibe. Meine zwei besten Freunde, direkt hinter mir.
Ich höre Vals Stimme, die flüstert: »Panikattacke?«, woraufhin ich nicke. Ich spüre den Kloß in meinem Hals, die Implosion in der Nähe meines Herzens, die sich weiter und weiter wie eine Blase auszuweiten scheint und meine Atemwege blockiert. Die Hitze. Kochende, schwallende Hitze, überall. In meinem Gesicht, meinem Brustkorb. So unerträglich, dass ich glaube, innerlich zu verbrennen. Mein Puls rast, das Rauschen in meinen Ohren wird lauter und lauter. Ich bekomme nicht genug Sauerstoff in die Lunge gepresst.
Dann der Gedanke: Ich werde sterben. In der Schule, am ersten Projekttag, auf den ich mich so gefreut hatte. Was für ein Ende. Komm schon, Grace, ermahne ich mich. Du wirst nicht sterben. Konzentrier dich. Vier Dinge. Vier Dinge, die du fühlen kannst.
Den Stoff meines Blazers, weich, nachgiebig. Das Holz unter mir, das gegen meine Oberschenkel drückt. Das Kunstlederarmband meiner Smartwatch am Handgelenk. Mein Smartphone in der Hosentasche.
Drei Dinge, die ich hören kann. Meinen rasenden Herzschlag, der in meinen Ohren verhallt. Darüber das Meeresrauschen, das durch das angekippte Fenster hereindringt. Wild, frei, konstant, beruhigend.
Seine schneidende, abfällige Stimme, die das übertönt, was mich entspannen soll.
Seit einer Minute redet Callum auf Mrs. Murray ein, die wie ein Fels in der Brandung dasteht und eine Ruhe ausstrahlt, die für mich unbegreiflich ist. Callum gibt sich betont höflich, doch es ist unübersehbar, wie sehr er sich beherrschen muss, seine Flüche zu unterdrücken.
»Mr. Hayward.« Ich bewundere Mrs. Murray für ihr erbauliches Lächeln, das von nichts zum Einsturz, nicht mal zum Wackeln gebracht werden kann. »Ich habe Sie viele Jahre lang unterrichtet und glaube an Ihre Fähigkeit und Ihr musikalisches Talent. Das müsste Sie eigentlich freuen. Sie waren immer ein engagierter und ehrgeiziger Schüler.«
Das bringt Callum kurzzeitig aus dem Konzept. Seine Kiefermuskeln treten hervor, er stößt einen langen Atemzug aus. Ich verharre still, gegen mein Pult gelehnt. Mit Callum Hayward die nächsten neun Wochen verbringen zu müssen, ist definitiv nicht der Traum, den ich mir für dieses Trimester ausgemalt habe.
Ich glaube, dass Mrs. Murray uns etwas Gutes mit dieser Paarung tun will. Mir. Wahrscheinlich denkt sie, dass die Wogen zwischen Callum und mir nach so langer Zeit geglättet sind. Wir reif genug sind, um mit diesem Kapitel der Schulaufführung abzuschließen. Damals in ihrem Musikunterricht haben wir, trotz der kindlichen Rivalität, gut miteinander harmoniert – er an der Gitarre, ich an der Violine.
Ich hole zittrig Luft und spüre sogleich Vals Hand auf meinem Unterarm. Eine beiläufige Berührung. So beiläufig, dass niemand außer mir sie wahrnimmt. Voller Liebe, Sicherheit und Verständnis, die meinen galoppierenden Herzschlag entschleunigt. Meine beste Freundin schaut mich mit großen Augen an. Warm. Diese Wärme ist mein Anker. Sie sagt: Es ist okay, Grace. Es ist okay. Wie jedes Mal, wenn ich glaube, dass ich auf offenem Meer verloren bin, gefangen in dem Sturm, den meine eigenen Gedanken herbeiführen, wartet sie mit mir, bis er vorbei ist. Erics rundliches Gesicht taucht neben Vals auf, er zwinkert mir aufmunternd zu, und ich bekomme langsam wieder Luft.
Der Saal hat sich längst geleert, nur meine Freunde sind geblieben. Und Callums Kumpel, der ein paar Meter abseits steht und die Lage ähnlich hilflos wie wir beobachtet. Dabei linst er in regelmäßigen Abständen zu Val, seiner Projektpartnerin, unsicher, ob er sie ansprechen soll.
»Hast du gar nichts dazu zu sagen?« Callum hat sich zu mir umgedreht. Die Härte in seiner Stimme schlägt mir wie eine Eiswand entgegen. Eine dunkelblonde Strähne ist ihm in die Stirn gefallen. Wäre das arrogante und wütende Funkeln in seinen blauen Augen nicht, die wie der Ozean während eines Tornados wüten, würde er fast attraktiv wirken.
Fast.
Val baut sich schon wie eine Festung vor mir auf, um mich vor Angriffen durch Callums Worte zu schützen – doch ich halte sie mit einer Berührung zurück.
»Mrs. Murray«, beginne ich diplomatisch, trete vor und bringe mein tapferstes Lächeln zustande, wobei ich an Callum vorbei zu der Lehrerin sehe, die in den letzten Jahren zu einer meiner wenigen Vertrauenspersonen an der Privatschule geworden ist. »Gibt es wirklich gar keine andere Lösung? Callum ist schon seit zweieinhalb Jahren nicht mehr im Musikkurs. Wir haben seitdem nicht mehr zusammen gespielt.«
»Geschweige denn miteinander geredet.«
Ich ignoriere Callums Einwurf, schaue bloß Mrs. Murray an. Für einen Moment bringt mein verzweifelter Unterton sie aus der Balance. Das erkenne ich an der tiefen Falte zwischen ihren Augenbrauen, die nach einem Augenblick, den sie mich mustert, wieder verschwindet und von Weichheit abgelöst wird.
»Dann ist das doch ein guter Zeitpunkt, Ihre gemeinsame Liebe zur Musik wieder aufblühen zu lassen«, sagt sie sanft. »Außerdem sind Sie beide in den letzten drei Jahren erwachsener geworden. Ich denke, wir können wiederholte Eskapaden wie die bei der letzten Aufführung ausschließen?«
Ich nicke, wie ferngesteuert, und werde rot vor Scham. Callum öffnet den Mund, schließt ihn aber wieder. Er bemüht sich genauso wie ich, in die entgegengesetzte Richtung zu blicken. Als wären wir zwei Blumen und jeweils der Schatten füreinander. Das Licht, das wir brauchen, ist genau dort, wo der andere nicht ist.
»Schön.« Mrs. Murray lässt ihren Hefter in der Aktentasche verschwinden, die sie sogleich mit einem beschwingten Griff schließt. »Dass Sie ausgestiegen sind, ändert nichts daran, dass Sie jahrelang ein wichtiger Bestandteil des Kurses waren, Mr. Hayward. Sie haben Ihr Talent mehr als einmal unter Beweis gestellt. Ich bin gespannt, wie Sie sich weiterentwickelt haben und was Sie beide gemeinsam auf die Beine stellen werden. Diese Einteilung ist ein großer Vertrauensbeweis.« Mrs. Murray sieht zwischen mir und Callum hin und her. Ihr Gesichtsausdruck bestätigt mich in der Annahme, dass sie die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen, sondern lange darüber nachgedacht hat. »Sie beide sind beeindruckende Musiker. Wenn Sie Ihre Begabungen vereinen und sich aufeinander und auf Ihre Kreativität einlassen, wird sicher ein wunderbares Lied entstehen.«
Callum hebt die Hand. »Mrs. Murray, ich …«
»Mr. Hayward.« Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich einen strengen Unterton aus Mrs. Murrays Stimme heraushöre. »Meine Auswahl ist nicht als Strafe gedacht, sondern als Chance.«
Callum schweigt. Ich ebenfalls.
Mrs. Murray zwinkert uns ein letztes Mal aufmunternd zu. »Lassen Sie sich auf das Experiment ein, lernen Sie voneinander. Die neun Wochen werden schneller vorbeigehen, als Ihnen lieb ist, glauben Sie mir. So, und nun wünsche ich Ihnen viel Spaß bei Ihrer ersten Besprechung.«
Damit verlässt sie den Saal.
Ich tausche mich wortlos mit Val aus, deren Augen sich die ganze Zeit in Callums Rücken bohren. Sie schüttelt kaum merklich den Kopf vor Empörung. Callum steht regungslos mit grimmigem Ausdruck da, wo Mrs. Murray ihn zurückgelassen hat. Vor dem Pult. Ich empfinde einen Anflug von Mitleid wegen der dunklen Schatten unter seinen Augen, die pure Verzweiflung ausdrücken.
Callum Hayward ist der Inbegriff von Privilegien, von Status, Beliebtheit, Unantastbarkeit. Er lässt all meine Alarmglocken schrillen.
Reiß dich zusammen, Grace, predige ich stumm. Ich darf mir das nicht kaputt machen lassen. Nicht von ihm. Auf gar keinen Fall.
»Tja«, sage ich und gebe mir Mühe, sorglos und versöhnlich zu klingen. »Das lief anders als gedacht.«
Callum wirbelt zu mir herum. In seiner Miene steht nichts als Empörung geschrieben. Ich räuspere mich. Versuch Nummer zwei. »Wir müssen wohl das Beste draus machen.«
Keine Reaktion. Kurz befürchte ich, Callum ist für immer in Schockstarre verfallen. Bis er sich mit den Händen durch die Haare fährt und mich ausdruckslos anlächelt. »Das Beste. Ja.«
Seine Stimme trieft vor Zynismus.
Hilflos linse ich zu Callums Freund hinüber. Der versteht den Wink mit dem Zaunpfahl – oder eher dem ganzen Zaun –, tritt zu seinem besten Freund heran, legt einen Arm um seine Schultern und raunt ihm etwas zu.
Ich nutze die Gelegenheit, um meine Freunde ein Stück beiseitezuziehen, bis wir außer Hörweite sind. Ich schaffe es kaum mehr, gegen den Kloß in meiner Kehle anzuschlucken. Ein verräterisches Brennen breitet sich in meinen Augen aus.
»Oh, Süße.« Val streicht über meinen Arm. Dankbar für ihr Verständnis drücke ich ihre Finger. Keine Tränen. Nicht hier. Nicht vor ihm. Er würde es sofort als Schwäche auffassen. Das Letzte, was ich mir erlauben kann, ist, Callum Hayward einen wunden Punkt zu bieten.
»Ein ziemliches Ding«, sagt Eric in seiner gewohnt diplomatischen Art und rückt seine Brille zurecht, wie immer, wenn er nervös ist.
»Ziemliches Ding? Ernsthaft, Eric?« Val deutet auf Callum, der mit seinem Kumpel diskutiert und die Zähne so fest aufeinanderpresst, dass ich das Knirschen bis hierhin höre. »Beschissen ist das für Gracie. Mehr als das. Es ist eine verfluchte Tragödie.« Val zieht den selbst gebackenen Cookie aus der Tasche, den ich ihr heute Morgen mitgebracht habe. Mit einem leidigen Schluchzen schiebt sie ihn sich zwischen die Zähne. »Iff fange fon an, den Streff mit Schokolafe zu kompenfieren.«
»Ach, Quatsch. Und wennschon: Gracie macht aus jeder Tragödie ein Happy End, stimmt’s?« Erics ruhige Art sorgt dafür, dass mein Herz sich zusammenzieht. Der Satz hat einen bitteren Nachgeschmack. »By the way: Du kompensierst Stress immer mit Grace’ Keksen«, sagt er an Val gerichtet.
»Hast du die mal probiert?« Val hält ihm den angebissenen Keks vor die Lippen. Eric schiebt ihre Hand von sich weg und Val verputzt schulterzuckend den Rest. »Da öffnen sich die Himmelspforten.«
»Zurück zum Thema.« Eric streckt sich und legt seinen Ellenbogen auf Vals Schulter ab. Er schaut mich einfühlsam an und nickt zu Callum hinüber. »Gracies ›Problem‹.«
»Ihr habt ja gehört, was Mrs. Murray gesagt hat.« Ich lege so viel Zuversicht in den Satz, bis ich sie mir selbst abkaufe. »Es ist eine Chance.«
»Worauf? Einen Herzinfarkt?«, erwidert Val trocken.
Wir lachen, und die Anspannung in mir löst sich.
Callums Kumpel läuft an uns vorbei, nickt erst mir, dann Eric zu und gibt Val zu verstehen, dass er später noch mal auf sie zukommt. Ich nehme an, dass er, wie Mrs. Murray, bei Callum auf Granit gebissen hat. Der dunkelhaarige Kerl verschwindet im Flur, und ich drehe mich seufzend meinen Freunden zu. »Tja, dann«, sage ich, deute auf Callum hinter mir und lasse zu, dass Val mich stürmisch umarmt.
Sofort spüre ich die Tränen aufsteigen. Bevor wir beide heulend im Hörsaal stehen, lassen wir uns los und bringen Abstand zwischen uns. Eric tippt mich mit der Fußspitze an und stupst gegen meine Nase. Ein letztes Zeichen der Aufmunterung. »Bis später, Gracie.«
»Bis später«, sage ich, begleite meine Freunde bis zur Tür, winke und warte, bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden sind. Dann verharre ich einen Augenblick lang auf der Schwelle, zähle im Kopf bis fünf, um mich zu wappnen. Bete, dass ich nicht in Tränen ausbrechen werde, obwohl mir danach zumute ist.
Ich schnappe mir einen Stuhl und lasse mich darauf nieder. Unvoreingenommen. Wer weiß, wie sich Callum in den letzten zweieinhalb Jahren verändert hat. Vielleicht sieht er die Dinge anders als damals. In zwei oder drei Jahren kann viel passieren. Niemand weiß das besser als ich. Ich muss, ich will ihm eine Chance geben. Jeder verdient es, zu zeigen, ob und wie er sich weiterentwickelt hat. Das Hier und Jetzt zählt. Also warte ich.
Callum lehnt mir gegenüber an einem anderen Tisch, beäugt mich von Kopf bis Fuß.
Die Stille zwischen uns legt sich wie ein schweres Gewicht auf mein eh schon lädiertes Herz.
»Tja«, beginne ich und gebe mein Bestes, um nicht vor lauter Unsicherheit aufzuseufzen. »Dann machen wir uns mal einen Plan, was?«
Callum verdreht die Augen. Am liebsten würde ich ihn anschreien. Ihm sagen, wie wichtig dieses Projekt für mich ist. Wie lange ich mich darauf gefreut habe, weil Mrs. Murray mir zwischen den Zeilen gesteckt hat, dass ich mir keine Gedanken machen muss, woanders zu landen.
Warum kriegt er es nicht hin, ein paar Minuten nett zu mir zu sein?
Ich schüttle den Frust ab und lächle mein glaubwürdigstes Tausend-Volt-Lächeln. Dabei öffne ich die Notiz-App auf meinem Smartphone. »Ich würde sagen, dass wir uns mindestens zweimal pro Woche zum Schreiben und Komponieren treffen sollten. Was meinst du? Neun Wochen gehen schnell vorbei.«
Nicht schnell genug.
Callum muss den Satz nicht aussprechen, ich lese ihn an seiner abwehrenden Körperhaltung ab. Gott, ich hasse es, wie verwundbar ich mich in seiner Gegenwart fühle.
»Ich könnte checken, wann der Probenraum frei ist, und ihn für uns buchen?«, fahre ich fort und konzentriere mich auf das Display meines Handys, um Callum nicht direkt ansehen zu müssen.
»Klar, check doch am besten gleich, ob er jeden Tag frei ist. Weil ich in meiner Freizeit verdammt noch mal nichts Besseres zu tun habe, als diesen Scheißsong mit dir zu schreiben.«
Es fällt mir schwer, geduldig zu bleiben, wenn Callum Hayward den Arsch spielt. Durchatmen, Grace. Innere Mitte finden. »Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber irgendwie müssen wir das hinkriegen. Die Note macht vierzig Prozent des Trimesters aus.«
Callum seufzt resigniert. Er scheint endlich zur Vernunft zu kommen.
»Also? Zweimal die Woche? Dreimal?«
»Bis zu dreimal sind okay«, brummt Callum, wobei er es vermeidet, mich anzusehen. Er fokussiert sich auf seine Hände und Unterarme, die viel muskulöser und sehniger sind als noch vor zwei Jahren.
Bevor er es sich anders überlegen kann, schiebe ich ihm mein Handy entgegen, damit er seine Nummer eintippen kann. Es ist unübersehbar, dass er genauso wenig Lust wie ich auf gemeinsame WhatsApp-Gespräche hat. In Gedanken setze ich mir bereits eine Callums-Nummer-löschen-Notiz für den Tag nach der Abschlusspräsentation. »Wir können uns ja auch spontan absprechen.«
»Klar.« Seine Stimme trieft vor Sarkasmus.
»Okay«, fahre ich unbeirrt fort und mache mir Notizen. »Ideen fürs Genre?«
»Singer-Songwriter wäre wohl das Beste.«
Wow. Er kann ja richtig umgänglich sein. »Ist notiert«, verkünde ich und blicke auf, direkt in Callums versteinerte Miene. Er beäugt mich skeptisch.
»Was?«, frage ich.
»Du siehst anders aus mit den kurzen Haaren.«
Ich schlucke, wende mich meinem Handy zu. Callum mustert mich weiter, als wäre ich ein Rätsel, das er lösen muss.
»Danke, ich fühle mich wohl damit«, sage ich, wohl wissend, dass Callum es nicht als Kompliment gemeint hat. Immerhin versteht er, dass das Thema damit beendet ist.
»Du freust dich richtig auf dieses Projekt, oder?« Es ist eine Feststellung, keine Frage.
»Klar«, entgegne ich.
»Immer noch so Musik-fanatisch?«
»Jap.«
»Mrs. Murrays Kurs ist noch dein Lieblingskurs?«
»Natürlich.«
»Du weißt aber schon, dass die Chancen, mit Musik eine Karriere aufzubauen, gegen null gehen? Es ist einfach sinnlos, damit seine Zeit zu verschwenden. Schade um dein Stipendium.«
»Wow. Du bist immer noch ein richtiger Sonnenschein, was? So charmant«, kann ich mir nicht verkneifen zu antworten.
Seltsamerweise zuckt daraufhin einer von Callums Mundwinkeln. Dieser Schlagabtausch erinnert mich beinahe an früher. Wir waren offiziell nie Freunde, aber auch keine Feinde bis aufs Blut. Wir waren kindliche Konkurrenten, die sich gegenseitig herausgefordert und die Rivalität manchmal auf die Spitze getrieben haben. Und dennoch hatten wir einen gewissen Respekt voreinander. Davor, wie sehr wir die Musik geliebt haben, wie viel sie uns bedeutet hat. Klar, ich war ab und zu genervt von ihm, wie er von mir … aber ich würde behaupten, da war eine gewisse Sympathie zwischen uns. Eine, mit der man einander anerkennt, obwohl man aus unterschiedlichen Welten kommt.
Zumindest bis zum Vorfall beim Konzert …
»Klar«, sagt Callum im gleichen Tonfall wie ich.
Nachdem er den Musikkurs verlassen hatte, habe ich mich oft gefragt, warum Callum die Musik aufgegeben hat. Für mich ist das unvorstellbar. Musik ist wie Atmen. Freiheit. Gefühle. Leben. Überleben. Therapie. Fühlen. Ohne Musik – kein Leben. Oder zumindest keine Lebendigkeit.
»Weißt du, warum ich jetzt hier sitze?«, fragt Callum aus dem Nichts.
»Weil Mrs. Murray uns eingeteilt hat?«, erinnere ich ihn.
»Weil ich die beschissene Note brauche.«
Kurz spiele ich mit dem Gedanken, mich Callum anzuvertrauen. Ihm zu sagen, warum ich diese Note auch so sehr brauche, dass uns das verbindet. Callum und ich werden die nächsten Wochen miteinander verbringen, einen Song schreiben, gemeinsam singen, komponieren. Das ist etwas sehr Intimes. Wenn ich ihm nicht die Wahrheit sage, könnte das zu Komplikationen führen. Ich öffne gerade den Mund, da kommt Callum mir zuvor.
»Aber offensichtlich wird mir die gute Note ja nicht so gegönnt wie anderen.«
»Was?« Ich beiße mir auf die Wange, zögere, unsicher, worauf Callum anspielt.
»Timothy und das Rechtsprojekt? Komm schon, jeder weiß, dass das eine Mitleidsgeste war.«
»Was meinst du?«, frage ich heiser, wobei mir Hitze ins Gesicht schießt. Ich ahne, warum Callum das gesagt hat, hoffe aber, eines Besseren belehrt zu werden. Bitte tu das nicht.
»Er will unbedingt Anwalt werden. Seine Familie hat kaum Geld. Sein Dad liegt im Sterben.« Callum redet darüber, als würde es um eine Einkaufsliste gehen, nicht um einen Menschen. Er verschränkt die Arme vor dem Brustkorb und lehnt sich nach hinten, streckt die Beine unter dem Tisch aus, sodass sie meine fast berühren. »Mitleidspunkte. Schätze, die Diagnose seines Dads bringt ihm einige Vorteile.«
Von einer Sekunde auf die andere wird mir kalt. Mein gesamter Körper ist gelähmt, inklusive meiner Zunge. Wut steigt in mir auf.
»Du findest, es bringt Tim Vorteile, dass sein Dad stirbt?« Ich kann den Satz kaum aussprechen. Callum hebt nur die Schultern.
Und ich warte. Auf eine Einsicht. Eine Entschuldigung. Eine winzige Regung, aus der ich lesen kann, wie unwohl er sich mit seiner eigenen Bemerkung fühlt. Doch da ist nichts. Außer dem dumpfen Ziehen in meinem Magen, das mich daran erinnert, dass Callum Hayward ein Arschloch ist.
Ich nehme mir selbst das stumme Versprechen ab, niemals mit Callum über irgendetwas zu reden, das mich beschäftigt, und erhebe mich.
»Was ist jetzt los?«, fragt Callum und liest die Antwort sogleich aus meinem verkniffenen Gesicht. »Oh, komm schon, Grace. Ernsthaft? Deshalb packst du deine Sachen?«
»Genau«, entgegne ich, schlüpfe in meine Jacke und merke erst beim Zuziehen des Reißverschlusses, wie sehr meine Hände vor Wut zittern. »Und weißt du was? Timothy wäre ein tausendmal besserer Anwalt als du. Warum? Weil er im Gegensatz zu dir einen Funken Empathie besitzt.« Ich hole rasselnd Luft. An einem Wutanfall wegen Callum Hayward zu sterben, steht nicht auf meiner To-do-Liste für dieses Jahr.
Callum fasst sich an die Brust, als hätte ihn soeben ein Pfeil ins Herz getroffen. Dann verzieht er den Mund zu einem abschätzigen Grinsen. »Ich schätze, die drei Male pro Woche für unser kleines Projekt werden doch nicht mehr stattfinden wie geplant?«
»Fick dich, Callum.«
Die Worte sind raus, ehe ich über sie nachdenken, geschweige denn sie bereuen kann. Auf dem Absatz mache ich kehrt, begleitet von dem Rauschen und dem Verhallen meines rasenden Pulses in meinen Ohren.
Ohne einen Blick zurückzuwerfen, lasse ich Callum Hayward, den Hörsaal, die St. Doyle und das große Grow Together-Schild am Eingang der Highschool hinter mir.
Two Lungs
Grace
»Wow.« Mum sinkt gegen das große Kissen, das sie zwischen Sofalehne und ihrem Rücken platziert hat, und pustet ihren Pony zurück. »Callum Hayward. Kannst du das glauben, David?« Sie nippt geräuschvoll an ihrer heißen Schokolade und legt ihre Beine auf Dads Schoß.
Mein Vater schüttelt den Kopf und beginnt sogleich, Mums Füße zu massieren. Bloß eine von vielen kleinen Liebeserklärungen, die sich meine Eltern jeden Tag geben.
Seufzend reiße ich mich von meinem Handy los und blicke die beiden an. Dads Haare sind genauso dunkel und kurz wie meine, im Gegensatz zu Mums dunkelblonden. Mit der freien Hand streicht er sich über seinen Dreitagebart, der mehr einem Zehntagebart ähnelt. »Ich glaube, damit hat keiner von uns gerechnet, Darling.«
»Yup. Und ich hab’s total verkackt.« Seufzend kuschele ich mich an Mum, schlinge die Finger enger um die Kürbistasse, aus der süßlicher Duft in meine Nase dringt, und nippe ebenfalls an der heißen Schokolade. Niemand macht sie so wie Mum. Sobald sie mir angesehen hat, dass ich einen schlechten Tag hatte, ist sie in die Küche gestürzt und hat unsere Tassen mit einer Extra-Portion Marshmallows, Streuseln und Schokosoße zubereitet.
Jetzt liegen wir, eingekuschelt in Wollsocken und Decken, zu dritt auf dem Sofa, zwischen den vielen Lichterketten, Herbstgestecken und Fotos an den Wänden, die unser Haus für mich erst zu einem Zuhause machen, und starren gedankenverloren zum Fernseher rüber.
Gerade läuft eine Episode Heartstopper – meine liebste Safespace-cozy-Serie, die Mum und Dad endlich auch schauen, weil ich jeden Tag davon schwärme. Dass beide es kaum schaffen, eine Folge ohne Tränen zu überstehen, zeigt mir wieder, von wem ich die Sensibilität und Emotionalität geerbt habe. Nicht, dass das etwas Schlechtes wäre. Denke ich.
»Du hast es nicht verkackt, Liebling. Es ist eben aus dir rausgebrochen. Dass es dir leidtut und ihm offenbar nicht, sagt doch alles, was du wissen musst.« Dad greift zur Fernbedienung und pausiert die Szene, in der Charlie sich ähnlich fühlt wie ich vorhin in Callums Nähe. Unverstanden. Wertlos. Hilflos.
»Danke«, murmle ich. Vielleicht haben Mum und Dad recht. Vielleicht war es nötig, Callum meine Grenze aufzuzeigen. Aber so? Das kenne ich nicht von mir. Meine Wangen glühen immer noch vor Scham.
»Was wirst du jetzt machen, Liebling?« Dad deutet auf den weißen Flügel, der schräg hinter unserer Fernsehecke steht. Vor ein paar Jahren hat er ihn seinem besten Freund abgekauft, und es ist die bei Weitem beste Entscheidung seit Langem gewesen. Das Klavier hat Gebrauchsspuren wie ein ausgelesenes, altes Buch, das man Jahre mit sich herumgetragen hat, um wieder und wieder zu der Geschichte zurückzukehren. Wahrscheinlich liebe ich den Flügel deshalb so sehr. Weil er Ecken und Kanten hat, die man auf Anhieb sieht.
»Ich muss es durchziehen«, sage ich, während sich die Euphorie, die ich für das Musikprojekt empfunden habe, in Luft auflöst.
»Willst du nicht noch mal mit Mrs. Murray reden?«
Ich erwidere Mums Blick mit einem tapferen Lächeln, das mir nicht so gelingt wie beabsichtigt. »Nein. Sie wird sich was bei ihrer Entscheidung gedacht haben. Es ist … egal. Ich mache, was ich eh machen wollte. Ich werde mein Bestes geben, ob Callum mitmacht oder nicht. Ich will mir das nicht kaputt machen lassen.«
»Das klingt nach meinem Mädchen.« Dad streicht mir über den Hinterkopf. Ich spüre das Ungesagte, das zwischen seinen und meinen Zeilen steht und das wir trotzdem hören. Wie eine Leerzeile beim Schreiben, die blinkt und blinkt … und blinkt.
Manchmal ist es hart, dass meine Eltern auch meine besten Freunde sind. Neben der Liebe, dem Vertrauen und der Dankbarkeit, die ich empfinde, ist da auch dreifacher Schmerz, sobald jemand von uns leidet. Menschen, die sagen, dass Leid sich teilt, sobald man liebt, haben keine Ahnung. Es teilt sich nicht. Es verteilt sich nur anders. Nämlich auf noch mehr Personen, die alle gleichermaßen Schmerz ertragen.
»Ich geh dann mal hoch«, verkünde ich und erhebe mich von unserem Big Sofa. Mum spürt, dass ich für mich sein muss. Das sagt mir ihr Händedruck. Und doch fällt ihr das Loslassen schwer.
»Willst du nicht lieber hierbleiben?« In Mums Augen erscheint das sorgenvolle Funkeln, das mir jedes Mal ein schlechtes Gewissen bereitet.
»Nein.« Ich brauche kurz Ruhe. Zeit für mich, ergänze ich gedanklich. Mum lässt meine Hand widerwillig los und schmiegt sich enger an Dad, der seine Arme fest um ihren Oberkörper schließt.
»Wir sind hier, wenn du uns brauchst.«
»Ich weiß. Das wird schon.« Schweren Herzens mache ich kehrt. Ich spüre Mums und Dads besorgte Blicke noch, als ich schon die ersten Stufen genommen habe und aus ihrem Sichtfeld verschwunden bin.
Erst als meine Zimmertür hinter mir zufällt, erlaube ich es mir, loszulassen und durchzuatmen. Mein Zimmer ist mein Rückzugsort. Ich liebe alles daran.
Den Lichtervorhang vor meiner alten Ukulele. Die aufgeklebten Sterne über meinem Bett, die im Dunkeln leuchten. Den weißen Vintage-Schreibtisch mit den vielen Fächern, den wir gebraucht im Secondhandshop ergattern konnten. Die bis oben hin gefüllten Bücherregale, die den meisten Platz im Raum einnehmen. Die Film- und Serienplakate hinter der Tür, die kleinen Motivationssprüche, die ich bei Pinterest gefunden, ausgedruckt, zugeschnitten und an die Wand über meinem Schreibtisch geklebt habe. Die Lichterkette mit den Polaroid-Foto-Clips, die viel zu kurz für alle Bilder ist, die ich gern aufgehängt hätte. Den Fernseher, der früher im Wohnzimmer stand.
