Wenn nicht jetzt, wann dann? - Harald Lesch - E-Book
Beschreibung

Geben wir unser Bestes für eine bessere Welt!

An jeder Ecke scheint es zu brennen: Die Menschen haben einen dramatischen Klimawandel in Gang gesetzt. Rücksichtslos werden Mensch und Natur ausgebeutet. Das Leben ist bis zum Zerreißen durchökonomisiert, die Gesellschaft gespalten. Überall stecken wir in lähmenden Widersprüchen. Ratlosigkeit macht sich breit. Was können wir, was kann jeder Einzelne tun? Wir haben keine Zeit zu verzagen, sagen Harald Lesch und Klaus Kamphausen. An zahlreichen Beispielen zeigen sie, wie wir mit Widersprüchen umgehen können, und erörtern mit namhaften Experten wie Ottmar Edenhofer, Karen Pittel und Ernst Ulrich von Weizsäcker Lösungsansätze, Handlungsmöglichkeiten und Ideen für ein gedeihliches Zusammenleben. Ein Weckruf und ein Mutmachbuch!

Gedruckt wird das Buch nach dem weltweit einzigartigen Druckverfahren Cradle-to-Cradle TM auf höchstem ökologischem Niveau. Auf ein Einschweißen wird daher verzichtet. Papier, Druckfarben und weitere Druckkomponenten sind für den biologischen Kreislauf optimiert und zu 100% recyclingfähig. Das Buch wurde in Österreich auf Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft gedruckt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:499


Harald Lesch und

Klaus Kamphausen

Wenn nicht jetzt,

wann dann?

Handeln für eine Welt,

in der wir leben wollen

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Copyright © 2018 Penguin Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81 673 München

 

Bildbearbeitung: Helio Repro GmbH, München Grafik: GGP Media Pößneck Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München Umschlagabbildung: Gerald von Foris und Getty Images/Aaron Foster Satz: Andrea Mogwitz Druck und Bindung: Gugler GmbH, 3390 Melk, Österreich

ISBN 978-3-641-22786-9V003

www.penguin-verlag.de

www.randomhouse.de

Inhalt

CopyrightVorwort1Was sollen wir tun?2Eigentlich bin ich ganz anders3Wir brauchen eine stabile, gerechte Gesellschaft4Ökologisch handeln – wie geht das?5Haltung … oder wie man mit Widersprüchen fertigwird6Risiko Freiheit anstatt moralischer Imperative7Angst vor Veränderung8Klimawandel – Gesellschaftswandel9Irgendwannzeit10Irren – Bedingung für eine menschliche Zukunft11Wechselklima versus Klimawandel12Make our planet great again13Die Welt-Versicherer14Klimarisiko – Klimarettung15Strom aus der Wüste16Licht aus zur Erleuchtung17Geballte Zukunft: die Metropolen18Der Planet lebt noch19Mobilität – da bewegt sich nicht viel20Hunger, Gier und Widerstand21Ende einer Ideologie22Ringen um Transparenz und Demokratie23Wie sähe denn eine Gesellschaft aus, in der wir leben wollten?24Das Generationen-Manifest25Demut26Geben wir unser Bestes für eine bessere WeltDanke!

Vorwort

Dieser blaue Planet am Rand der Milchstraße, er ist perfekt geschaffen fürs Leben. Es gibt Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, an den Bäumen wachsen Früchte, in den Meeren schwimmen Fische, und in den Wäldern tiriliert ein buntes Vogelvolk, und die Böcke suchen in jedem Herbst ihr scheues Reh. Es gibt einen Nord- und einen Südpol. Die Himmelsrichtungen sind also klar vorgegeben, man kann sich nicht verlieren. Alles in allem eigentlich ein Paradies, eine Welt, in der wir leben wollen.

Ein Jahr auf diesem Planeten zählt 365 Tage. Fantastisch, Zeit genug für vier Jahreszeiten! Es gibt einen Mond. Als Sichel oder vollständig rund leuchtet er am Nachthimmel zwischen Milliarden funkelnder Sterne. Tagsüber scheint die Sonne, wenn es nicht regnet, und passiert beides zugleich, gibt es einen Regenbogen. Und da, wo dieser mit seinem in allen Spektralfarben leuchtenden himmlischen fast Halbrund den Boden berührt, da, so heißt es, liegt ein Schatz begraben.

Und damit sind wir bei dem Problem dieses Planeten am Rand der Milchstraße angekommen. Diese Legende vom Regenbogen und dem Schatz stammt nicht von einem Reh, Fisch oder Vogel, nein, geboren wurde sie in der Fantasie eines Homo sapiens – eine intelligente, von Affen abstammende Lebensform.

Diese Intelligenzbestien – vielleicht weil sie mehr der inneren Bestie als der gemeinsamen Intelligenz gefolgt sind – strengen sich seit den letzten 150 Jahren ihrer immerhin schon 150 000 Jahre währenden Existenz auf diesem Planeten mächtig an, sich selbst abzuschaffen.

Im Jahr 2016 der menschlichen Zeitrechnung ist ein Buch erschienen, dessen Titel (»Die Menschheit schafft sich ab«) diese Tendenz der Menschheit, sich selbst abzuschaffen – trotz Beginn des postfaktischen Zeitalters –, mit wissenschaftlichen Fakten belegt hat. Obwohl besagtes Buch über eine Bestandsaufnahme des Zustandes unseres Planeten hinausgeht und Lösungsansätze beschreibt, glauben die Autoren, dass sie den Lesern und vielen anderen (auch sich selbst) Antworten auf eine immer wieder gestellte Frage schulden:

»Was sollen wir tun?«

»Was sollen wir denn verdammt noch mal tun?«

In diesem Buch wird es daher vor allem um Antworten auf diese Frage gehen, um Wege aus der Handlungskrise, um Visionen für eine gedeihliche Gesellschaft.

Harald Lesch und Klaus Kamphausen sagen:

»Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln wir für eine Welt, in der wir leben wollen!«

Wenn nicht jetzt …

Die ökologische Ausbeutung des Planeten, gnadenloser Neoliberalismus, digitale Kontrollgesellschaft, naturwissenschaftlicher Machbarkeitswahn, die Entsolidarisierung der Gesellschaft, der dramatische Klimawandel und seine Folgen – das alles lässt uns an Grenzen stoßen. Überall spielt Geld die Rolle des Ziels. Möglichst mit allem muss Geld verdient werden, auch mit der Pflege der Alten und Kranken, der Betreuung unserer Kinder, mit Gemeineigentum. Fast immer zählen nur noch wirtschaftliche Argumente. Der stärkste Minister ist der Finanzminister. Als ob ein Kassenwart bestimmen könnte, wohin die Reise geht. Die Durchökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche beraubt uns mehr und mehr unserer demokratischen Freiheiten. Wir erleben eine elementare Krise unserer Gesellschaft. Sie scheint durch die schiere Zahl und Komplexität der Herausforderungen ebenso gelähmt wie der Einzelne.

… wann dann?

Was können wir, was kann der Einzelne tun gegen Hunger, Krieg, Umweltzerstörung, Armut, Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch – für eine zukunftsfähige, vermögende, gedeihliche Gesellschaft, für eine Welt, in der wir leben wollen?

Wie lassen sich die ökologischen, ökonomischen, politischen, sozialen Probleme konstruktiv, nachhaltig, lokal und global lösen?

Unser letztes Buch schloss mit einem Zitat von Albert Camus:

»Der Mensch ist nichts an sich.Er ist nur eine grenzenlose Chance.Aber er ist der grenzenlos Verantwortliche für diese Chance.«

Zeigen wir also die grenzenlosen Chancen auf! Und beginnen wir endlich, die grenzenlose Verantwortung für diese Chancen wahrzunehmen, denn viel Zeit haben wir nicht mehr, wir müssen uns beeilen. Wir müssen uns entscheiden, wir müssen handeln.

In der Entscheidung – und wir können uns jeden Tag neu entscheiden –, in der Tat des Einzelnen liegt das reine Vermögen, die Lösung.

Um dieses Entscheiden für jeden von uns zu erleichtern, brauchen wir nicht nur stabile und sozial gerechte Gesellschaften, sondern auch entsprechende politische Rahmenbedingungen und Strukturen. Wir brauchen eine neue Erzählung, die uns auch emotional erreicht und die neue Werte vermittelt. Anders gesagt: Wie können wir uns und die anderen inspirieren, motivieren, uns Tag für Tag für ein nachhaltiges Handeln zu entscheiden, ohne dass wir lange darüber nachdenken müssen? Wie können wir den Menschen Lust machen, ihr Leben umzukrempeln?

Wir können Lösungsansätze aufzeigen! Interessante und spannende! Durch die Summe von Lösungen entsteht nach und nach, wie bei einem Puzzle, ein immer deutlicheres, klareres Bild einer Welt, die noch nicht existiert, das Bild einer anderen Zukunft. Das Bild einer lebenswerten Zukunft.

Schütten wir diese Puzzleteilchen also auf den Tisch – oder auf die folgenden Seiten dieses Buches –, damit ein Bild entstehen kann.

Puzzles mit 10 000 Teilchen kennen Sie? Das ist doch eine Herausforderung, wenn man diese Teilchen auf den Tisch schüttet, und ein großartiges Erlebnis, wenn man die ersten beiden Puzzlestückchen zusammensteckt, jetzt geht es nämlich los, da passt was zusammen. Mal sehen, welche Teile noch passen. Ja, ja, ja!

Natürlich gibt es beim Puzzle auch Phasen, in denen nichts richtig vorwärtsgeht. Man sucht und sucht, und nichts passt, bis, ja bis dann doch wieder ein passendes Teilchen das Bild ergänzt. So entsteht allmählich ein Bild. Hier und da fehlt vielleicht noch was, aber wir wissen, wie es aussehen soll. Und genau darum geht es in diesem Buch, Teilchen für Teilchen zu einem Bild zusammenzusetzen.

Natürlich, wir basteln hier an einem Zehntausenderpuzzle, das ist ein komplexes Ding, da heißt es, mit Demut, Geduld und mit Spaß bei der Sache bleiben.

Ernährung und Landwirtschaft, Energie, Mobilität, Städte, Klima, Industrie, Konsum, Finanzwesen, soziale Gerechtigkeit, Big Data und künstliche Intelligenz (als ob wir sicher sein könnten, dass wir über natürliche Intelligenz verfügen!), Macht, Bildung, Biodiversität, Krieg und Frieden und last, but not least die Ethik einer Transformation zu einer ökologischen Welt – das ist der bunte Teilchenhaufen dieses Buchs. Fangen wir an und schauen, welche passen, aber Sie werden im Laufe des Buches erkennen, es hängt sowieso alles zusammen.

Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen

Der Untertitel unseres Buchs sagt es ja, dieses Buch versucht, von den guten Dingen zu erzählen, von den Dingen, die richtig laufen, und es will Lösungen zeigen für so vieles, das unserer Meinung nach falsch läuft. Natürlich muss man dazu wissen, was richtig laufen soll. Man muss eine Ahnung haben, was das bedeutet, »richtig«. Und dafür brauchen wir die Wissenschaft.

Die Wissenschaft kann uns Erklärungen liefern und Wege aufzeigen bei Fragen zum Klimawandel, zur Energiewende, globaler Gerechtigkeit und zu vielem mehr. Sie kann Lösungen vorschlagen, wie wir Ressourcen und Gelder, Chancen und Möglichkeiten besser verteilen. Anders gesagt, wie wir aus der Welt eine bessere Welt machen, in der wir leben wollen und können.

Die Wissenschaft wäre ein wichtiger Partner. Verfolgt man jedoch die aktuellen Nachrichten aus der Wissenschaft, dann ist man oft ratlos, so wenig kann man damit anfangen, weil man so wenig versteht, was Wissenschaftler da eigentlich treiben.

So gab es jüngst immer wieder sensationelle Neuigkeiten über die Gravitationswellen. Die Astronomie ist – für mich als Astrophysiker sowieso – eine wunderbare Wissenschaft. Sie erzählt viel darüber, was am Himmel über uns passiert, dem Himmel, von dem Kant sagte, zwei Dinge erschütterten sein Gemüt immer wieder: »der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir«.

Über diesen bestirnten Himmel wissen wir heute unglaublich viel. Die Entdeckung der Gravitationswellen ist dabei schon etwas Besonderes. Hut ab und Gratulation an alle, die daran beteiligt sind. Aber zugleich sind es unvorstellbare Zahlen, mit denen die Wissenschaftler hantieren, da sagt man sich als normaler Mensch, du lieber Gott, was ist das für eine Präzision!

Eine Gravitationswelle, die durch die Verschmelzung von zwei schwarzen Löchern in einer Entfernung von 1,3 Milliarden Lichtjahren verursacht worden ist, bewirkt bei uns eine Längenänderung von einem Tausendstel Protonenradius. Solche allerkleinsten Längen, präzise ein Trillionstel Meter, werden mithilfe kilometerlanger Laserinterferometer auf der Erde gemessen. So genau können inzwischen wissenschaftliche Instrumente Wirkungen messen. Hier trifft sozusagen das fast Allerkleinste auf das fast Allergrößte.

Ein Tausendstel Protonenradius oder ein Trillionstel Meter. Das ist so gut wie nichts, unter uns gesagt. Und auf der anderen Seite steht die Entfernung dieser schwarzen Löcher: 1,3 Milliarden Lichtjahre. Wie weit das ist, kann man sich genauso wenig vorstellen. Das heißt, die Wissenschaft präsentiert uns fundamentale Erkenntnisse über die Welt aus dem Allerkleinsten und dem Allergrößten. Aber anfangen können wir damit wenig.

Genauso aber erhalten wir ständig Nachrichten über die Welt, die uns etwas näher ist als schwarze Löcher. Aber auch mit diesen Nachrichten können wir nicht wirklich etwas anfangen, weil sie aus allen Winkeln unseres Globus stammen. Wir erfahren etwas über Klimawandel und Umweltverschmutzung, über Hunger in Afrika, über Unwetter in Indien oder Amerika. Eine Flut von Berichten, die uns dank – oder sollte ich besser sagen, undank – der Digitalisierung der Medien in Echtzeit überschwemmt.

Mit all diesem Wissen können wir nicht wirklich etwas anfangen, es nicht einordnen, weil wir nicht vor Ort sind. Wir kennen die Kulturen nicht wirklich, wir wissen zu wenig über ihre Traditionen, ihre Geschichte. Wir wissen zu wenig, wie die Menschen anderswo leben. Mittels Zeitungen, Internet, Fernsehen erhalten wir Nachrichten über andere Teile der Welt in Häppchen geliefert und fühlen uns dann oft auch verantwortlich für das, was dort passiert. Auf der anderen Seite wissen wir gar nicht, worum es wirklich geht, weil wir die Einzelheiten nicht kennen, weil oft genug Nachrichten aus Zusammenhängen gerissen werden, denn der Zusammenhang, der globale Zusammenhang, ist komplex. Wir leben auf einem Planeten, der einen Umfang von 40 000 Kilometern hat. Und wir sind über sieben Milliarden Menschen, die alle ständig irgendetwas machen, die Hoffnungen, die Träume haben, die total frustriert sind oder dynamisch und strebsam. Ständig passiert etwas.

Dann gibt es Nachrichten aus einem Reich, das wir auch kaum kennen, das aber unser Leben immer mehr dominiert – das Reich der digitalen Daten. Da hat zum Beispiel das Google-Forschungszentrum DeepMind eine neue sogenannte künstliche Intelligenz entwickelt, die besser Go spielen kann als irgendjemand sonst im Universum: AlphaGo Zero. Schon das große Duell zwischen dem vormaligen Weltmeister im Go und dem Vorgänger von AlphaGo Zero mit Namen AlphaGo hat der Computer gewonnen. Dieser Computer hatte das Spiel in monatelangem, intensivem Training mit Experten und in Spielen gegen sich selbst erlernt. Sein Nachfolger AlphaGo Zero hat nicht mit menschlichen Spielpartnern gelernt, man gab ihm lediglich die Regeln vor, den Rest erledigte dieser Meister der KI, indem er Millionen Male gegen sich selbst spielte. Nach nur 36 Stunden war AlphaGo Zero besser als sein Vorgänger AlphaGo. Nach 72 Stunden, also nach drei Tagen, ließen die IT-Experten die beiden Computer gegeneinander spielen. Das Ergebnis war eindeutig: AlphaGo Zero gewann alle 100 Spiele.

100: 0 für die künstliche Intelligenz, die selbstlernend und selbstoptimierend arbeitet. AlphaGo Zero entwickelte sogar innovative Strategien, die keinem Menschen in den zweitausend Jahren, seit dieses anspruchsvolle Strategiespiel existiert, je eingefallen sind. Die Wissenschaftler erklären es damit, dass die selbstlernende künstliche Intelligenz eben nicht durch mögliche Schwächen oder Beschränkungen menschlicher Lehrer behindert wurde. Noch erschreckender ist, was der KI-Forscher David Silver vom Google-Forschungszentrum DeepMind erklärte: »Wir haben hier ein System, das sich vom Go-Spiel in jede andere Domäne übertragen lässt. Der Algorithmus ist so allgemein, dass er überall eingesetzt werden kann.«

Das heißt, in der IT-Branche, wo es um Informationen und Technologie geht, passieren Dinge, die wir nicht mehr begreifen und vor allem irgendwann vielleicht nicht mehr kontrollieren können. Maschinen entstehen, die spezielle Aufgaben in einer abartigen Geschwindigkeit mit hirnzerreißender Präzision erledigen. An vielen Stellen in Verwaltungen und Dienstleistungsbetrieben werden keine Männer und Frauen mehr hinter Schreibtischen sitzen, nein, da wird alles von Computern erledigt werden. Wer weiß, vielleicht machen sie es ja besser. Aber man fragt sich natürlich, was machen die Männer und Frauen, die vorher dort gearbeitet haben? Was passiert in einer Welt, in der immer mehr und mehr Aufgaben von Maschinen übernommen werden?

Der große Alan Turing, der Begründer der IT- und Computertechnologie, hat gesagt, nur Maschinen können Maschinen verstehen. Vielleicht wollen sich diese Maschinen, die in Zukunft automatisiert unsere Welt immer stärker beherrschen werden, gar nicht mehr mit uns Menschen unterhalten und sich schon gar nicht von uns noch irgendetwas sagen lassen. Weil: Nur Maschinen können Maschinen verstehen. Killer-Roboter gibt es übrigens auch schon. Aber das sei nur am Rande erwähnt, am Rande des Wahnsinns.

Und übrigens zum besseren Verständnis, der Begriff künstliche Intelligenz, KI, stammt aus dem Englischen und heißt dort: artificial intelligence oder kurz AI. Intelligence bedeutet im Englischen nicht nur Intelligenz. Klar, die CIA, die Central Intelligence Agency, ist ein Geheimdienst und keine Zentrale Intelligenz Agentur. Intelligence bedeutet im Englischen eben auch Geheimdienst, Information, Spionage. Und damit sollte jedem der Zusammenhang zwischen KI und Google, Amazon, Facebook und Friends und deren Zielen klar und deutlich sein.

Ein anderes Gebiet, über das wir vor allem dank der Wissenschaften täglich informiert werden: Das sind keine Nachrichten von den Grenzen der erkennbaren Wirklichkeit wie in der Astronomie oder von den neuesten technologischen Entwicklungen, sondern Nachrichten mitten aus dem Leben, von Leben, das verschwunden ist.

Lebewesen, die immer da waren, auf einmal, still und leise, sind sie weg. Die Rede ist von Insekten. Um das zu ermitteln, braucht es weder große Wissenschaft noch komplexe Technologien. Nur einfache Fallen, um zu zählen, wie viele Insekten unterwegs sind. Und zwar in Naturschutzgebieten, weitab von Siedlungsräumen. Festgestellt hat man, dass sie wirklich weg sind. Haben wir uns als Autofahrer nicht schon länger gefragt: Wo sind eigentlich die Insekten hin, die wir früher von der Windschutzscheibe abkratzen mussten? Diese Frage hat nun eine wissenschaftliche Antwort gefunden. Sie sind weg: Seit 1989 hat sich die Masse der Insekten in Deutschland um durchschnittlich 76 Prozent verringert. Dinge verändern sich also sehr schnell.

Warum wir das erzählt haben? Weil es zeigt, dass wir einerseits unglaublich fähig sind, man denke an den Nachweis der Gravitationswellen, überhaupt an die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Welt, an die Entwicklung von Technologien. Auf der anderen Seite sind wir unfähig, all unser Wissen und Können für das Richtige, das Gute einzusetzen, nämlich für den Erhalt und die Sicherung der Lebensgrundlagen nicht allein von uns selbst, heute, sondern auch von all jenen, die noch kommen werden.

Warum kümmern wir uns nicht mehr um unsere Zukunft? Warum verändern wir die Welt der Gegenwart so drastisch, dass für viele die Zukunft eine Katastrophe zu werden droht?

Sind wir nur noch ökonomische Wesen, oder sind wir mehr? Diese Frage wollen wir in diesem Buch stellen. Wir wollen auch zeigen, wo Menschen versuchen, einfach Mensch zu bleiben. Wo sie versuchen, das Richtige zu tun; dagegen anzugehen, dass sich alles immer weiter und weiter konzentriert. Und damit meine ich nicht nur Geld, sondern auch Know-how. Wer kann heutzutage wissenschaftlichen Ergebnissen – selbst wenn sie gut aufbereitet in die Öffentlichkeit kommen –überhaupt noch folgen? Immer weniger Menschen sind in der Lage, bei Spitzenleistungen der Wissenschaft zu verstehen, worum es geht. Nur diejenigen, die verstehen, worum es geht, können abschätzen, was man mit den Erkenntnissen tatsächlich anstellen kann.

Worauf sollen Entscheidungen basieren, wenn man nicht verstanden hat, was eine bestimmte Entwicklung bedeutet? Wollen wir zum Beispiel wirklich überall Maschinen zulassen, die alle möglichen Arbeitsplätze ersetzen können und damit Menschen – wie es so unschön heißt – freisetzen? Maschinen, die auch die totale Kontrolle übernehmen und Menschen damit festsetzen können? Wollen wir das? Warum verbieten wir Firmen nicht, daran zu arbeiten? Wir haben es schließlich auch geschafft, einen Atomwaffensperrvertrag zu formulieren.

Und wollen wir, dass immer mehr Insekten verschwinden, weil wir zu viele Abgase in die Luft blasen und in der Landwirtschaft Gifte einsetzen? Vielleicht sollten wir auf solche Gifte verzichten. Vielleicht sollten wir überhaupt auf manches verzichten, weil es passieren könnte, dass eines Tages die Natur verzichtet. Und zwar auf uns. Das Buch, in dem dann steht »Sie sind weg!«, das können wir dann leider nicht mehr lesen.

Also, kümmern wir uns um die Zukunft, am besten gleich, und handeln wir für eine Welt, in der wir leben wollen.

1 Was sollen wir tun?

Es ist weder selbstverständlich noch unausweichlich, dass dieMenschheit ständig Fortschritte macht. Wir sehen uns heute derTatsache gegenüber, dass die Zukunft schon begonnen hat. Wirsind mit der gnadenlosen Dringlichkeit des Jetzt konfrontiert.In diesem für uns rätselhaften Leben und der Geschichte ist esdurchaus möglich, dass man einfach zu spät kommt … Auchwenn wir verzweifelt ausrufen, die Zeit möge ihrem Lauf Einhaltgebieten: Die Zeit erhört unser Flehen nicht, sondern läuftunaufhaltsam weiter. Über den ausgebleichten Knochen undbröckelnden Überresten zahlreicher Zivilisationen stehen dieergreifenden Worte geschrieben: zu spät.

Martin Luther King jr., »Wohin führt unser Weg?«

Am 10. Februar 2017 ist in einer britischen Zeitung, im »Daily Telegraph«, ein Beitrag zu lesen, in dem es um die Frage geht, ob Frankreich, vor allem Paris, die Arbeitsplätze aus der Londoner City übernehmen könnte, nachdem die Briten aus der EU ausgetreten sind. Es gibt ja einige Metropolen, die sich dafür interessieren: Dublin, Frankfurt, Paris, ja sogar New York.

Der Frankreich-Chef der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley, René Proglio, sieht das jedoch eher kritisch. Er wird mit folgenden Worten zitiert: »It takes three days to fire somebody in London, three months in Switzerland and three years in Paris.« »Man braucht drei Tage, um jemanden in London zu feuern, drei Monate in der Schweiz und drei Jahre in Paris.« Mit anderen Worten: Es dauert einfach zu lange, bis man jemanden in Frankreich feuern kann! Deshalb werden die Franzosen die Jobs aus London sicher nicht kriegen.

Was er danach äußerte, war noch heftiger. René Proglio sagt es uns allen ins Gesicht: »Don’t get carried away with a humanistic philosophy. Like it or not. The only objective is to defend the interests of the shareholders.«

Damit wäre das Buch eigentlich zu Ende, bevor es geschrieben ist. Jetzt wissen wir, worum es geht: »Vergesst die ganze humanistische Philosophie«, dieses Fragen und Suchen danach, wie wir zum Besten der Menschen handeln können. Das einzige Ziel, das Banker verfolgen, ist, »die Interessen der Shareholder zu verteidigen«.

Der Shareholder, neudeutsch für Anteilseigner, er ist der wirkliche Regent dieses Planeten. Der Shareholder will Rendite sehen, und zwar möglichst schnell. Dann kann er auch schnell erneut investieren und noch mehr Rendite machen. Auf diesen primitiven Nenner könnte man die gesamte globalisierte Marktwirtschaft bringen. Mehr ist es nicht – dumpfe Gier von Aktionären!

Da geht es nicht um die Menschen, die tagtäglich für ein Unternehmen arbeiten und damit ein monatliches Salär verdienen, mit dem sie ihre Familien ernähren. Es geht auch nicht um diejenigen, die in einer sozialen Einrichtung etwas für andere tun – nein, es geht um das Wohlergehen des Shareholders oder der Shareholderin.

Ist das nicht verrückt? René Proglio traut sich, uns ins Gesicht zu sagen, vergesst alles, die Fragen nach dem Guten, dem Schönen, dem Wahren, die Frage nach dem sinnvollen Handeln zugunsten möglichst vieler Menschen auf diesem Planeten. Alles egal!

Wenn man das einmal zu Ende denkt, dann heißt das, dass wir zu allem, was wir in Zukunft anstellen wollen, um Dinge besser zu machen, als sie sind, erst einmal den Shareholder fragen müssen, ob er nichts dagegen hat, dass wir überhaupt darüber reden. Und wenn wir dann Änderungsvorschläge haben, müssen wir den Shareholder fragen, ob denn seine Interessen davon vielleicht betroffen sein könnten. Und am Ende sagt er dann zu allem »nein«.

Das hat schon was Theologisches: Die Letztbegründung unseres gesamten Handelns – so muss man das interpretieren – ist, dem Shareholder die gewünschte Rendite zu verschaffen. Koste es, was es wolle.

Damit wären Vorschläge, ökologischer zu handeln und das Gemeinwohl über den persönlichen Profit zu stellen, hinfällig, weil sie in der Regel dem Interesse der Shareholder zuwiderlaufen. Dass uneingeschränkte Geldgier die Lebensgrundlagen aller Menschen zerstört, ist dem Shareholder offenbar egal. Oder er träumt von einem anderen Planeten, zu dem er fliegen könnte, wenn es auf der Erde ungemütlich wird. Geld genug hätte er ja womöglich.

 

Was sollen wir denn da tun?

Eigentlich müsste uns allen doch klar sein, wenn wir einen Herrn Proglio reden hören, dass wir politisch Shareholdern und ihren Statthaltern in den Banken Einhalt gebieten müssen. Damit wir als Gesellschaft handeln können. Handeln in dem Sinne, dass wir die Natur, das, was sich um uns herum als Umwelt darstellt, schützen und wahren: Saubere Luft. Sauberes Wasser. Gute Erde. So einfach ist das!

Alles, was diesem Schutz der Biosphäre entgegensteht, sollten wir nicht unterstützen. Dabei gilt es, die Umwelt endlich als Mitwelt zu begreifen und zu erleben. Wir bezeichnen diejenigen, die mit uns zusammen in einem Haus wohnen, ja auch nicht als Umbewohner, sondern als Mitbewohner, und die Menschen, die mit uns zusammen auf diesem Planeten leben, sind keine Ummenschen, auch keine Unmenschen oder Untermenschen, sondern Mitmenschen, mit der gleichen Würde, mit den gleichen Rechten.

Im allgemeinen Sprachgebrauch reden wir von der Um-welt, weil wir von dieser eine Art Kulissenvorstellung haben. Die Natur als Theaterkulisse. Diese Kulisse ist das Drumherum, der Hintergrund, vor dem alles passiert. Und dieses Drumherum ändert sich nicht durch das, was auf der Bühne gespielt wird.

Wenn das Drumherum aber zu einer Mitwelt wird, dann könnte es ja sein, dass sich durch die Anwesenheit von Schauspielern die Kulisse verändert, weil diese irgendetwas irgendwohin tragen oder ganz abbauen. Das heißt, eine »Umwelt« ist eine außerordentlich passive Vorstellung vom Drumherum, während eine »Mitwelt« etwas Dialogisches hat. Und in einem Dialog passiert etwas zwischen den Beteiligten.

Wir Menschen verändern doch die Umwelt, oder? Wir entnehmen dem Boden Rohstoffe und verarbeiten diese. Dabei setzen wir andere Stoffe in die Atmosphäre frei. Das heißt, wir haben in unsere Umwelt massiv eingegriffen.

In dem Moment, wo wir unsere Umwelt verändern, muss sie als Mitspieler, als Mitwelt mitbedacht werden. Denn die Natur ist kein Zuschauer, der sich denkt, ach, schauen wir mal, was die Menschheit da so macht. Nein, sie reagiert. So wie wir reagieren würden, wenn uns in einem Zimmer der Sauerstoff ausginge. Wir würden sofort versuchen, das Fenster zu öffnen oder aus diesem Zimmer herauszukommen. Nichts anderes passiert in der Natur als ganzer: Es gibt eine Reaktion, erzeugt dadurch, dass etwas in der Natur verändert worden ist. Und meist sind wir Menschen es, die diese Veränderung verursacht haben und weiter verursachen.

Und um noch einmal auf Herrn Proglio zurückzukommen – »Like it or not. The only objective is to defend the interests of the shareholders« –, dem Shareholder ist es offenbar völlig egal, wie seine Welt aussieht, in der er lebt. Völlig. Der sitzt oder steht oder liegt irgendwo und hat dort offenbar alles, was er braucht. Vor allen Dingen wartet er darauf, dass das Geld kommt. Geld, das kann man – wie wir alle wissen – nicht essen und nicht trinken und auch nicht atmen. Aber darum geht’s.

Es geht nur darum.

Und, Herr Proglio, für Sie und für Herrn Müller und Frau Meier und für dich und mich und ihn und sie, für uns alle gilt ohne Ausnahme: Die Würde eines Menschen ist nicht verhandelbar, nach dem Motto »würde er Würde haben, dann …«, nein: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.« So lautet Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Und um diese noch einmal als Grundlage unserer Zivilisation und auch als Grundlage für dieses Buch jedem ins Gedächtnis zu rufen, zitieren wir hier die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, wie sie von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 verabschiedet wurde. Sie enthält dreißig Artikel, in denen kein Wort überflüssig ist. Sie formulieren quasi den Geist einer Zivilisation, in der auch die Natur eine Zukunft hat. Wer diesen Geist als humanistische Ideale abtut, der hat weder ein Interesse an seinen Mitmenschen noch an der Mitwelt.

Resolution 217 A (III) der Generalversammlung vom 10. Dezember 1948

 

 

◆ Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

 

Präambel

Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet,

da die Nichtanerkennung und Verachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei geführt haben, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen, und da verkündet worden ist, dass einer Welt, in der die Menschen Rede- und Glaubensfreiheit und Freiheit von Furcht und Not genießen, das höchste Streben des Menschen gilt,

da es notwendig ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechtes zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen,

da es notwendig ist, die Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Nationen zu fördern,

da die Völker der Vereinten Nationen in der Charta ihren Glauben an die grundlegenden Menschenrechte, an die Würde und den Wert der menschlichen Person und an die Gleichberechtigung von Mann und Frau erneut bekräftigt und beschlossen haben, den sozialen Fortschritt und bessere Lebensbedingungen in größerer Freiheit zu fördern,

da die Mitgliedstaaten sich verpflichtet haben, in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen auf die allgemeine Achtung und Einhaltung der Menschenrechte und Grundfreiheiten hinzuwirken,

da ein gemeinsames Verständnis dieser Rechte und Freiheiten von größter Wichtigkeit für die volle Erfüllung dieser Verpflichtung ist,

verkündet die Generalversammlung

diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal, damit jeder Einzelne und alle Organe der Gesellschaft sich diese Erklärung stets gegenwärtig halten und sich bemühen, durch Unterricht und Erziehung die Achtung vor diesen Rechten und Freiheiten zu fördern und durch fortschreitende nationale und internationale Maßnahmen ihre allgemeine und tatsächliche Anerkennung und Einhaltung durch die Bevölkerung der Mitgliedstaaten selbst wie auch durch die Bevölkerung der ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Gebiete zu gewährleisten.

 

Artikel 1

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

 

Artikel 2

Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

Des weiteren darf kein Unterschied gemacht werden auf Grund der politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung des Landes oder Gebietes, dem eine Person angehört, gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter Treuhandschaft steht, keine Selbstregierung besitzt oder sonst in seiner Souveränität eingeschränkt ist.

 

Artikel 3

Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

 

Artikel 4

Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel in allen ihren Formen sind verboten.

 

Artikel 5

Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.

 

Artikel 6

Jeder hat das Recht, überall als rechtsfähig anerkannt zu werden.

 

Artikel 7

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz. Alle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstößt, und gegen jede Aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung.

 

Artikel 8

Jeder hat Anspruch auf einen wirksamen Rechtsbehelf bei den zuständigen innerstaatlichen Gerichten gegen Handlungen, durch die seine ihm nach der Verfassung oder nach dem Gesetz zustehenden Grundrechte verletzt werden.

 

Artikel 9

Niemand darf willkürlich festgenommen, in Haft gehalten oder des Landes verwiesen werden.

 

Artikel 10

Jeder hat bei der Feststellung seiner Rechte und Pflichten sowie bei einer gegen ihn erhobenen strafrechtlichen Beschuldigung in voller Gleichheit Anspruch auf ein gerechtes und öffentliches Verfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht.

 

Artikel 11

1. Jeder, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, hat das Recht, als unschuldig zu gelten, solange seine Schuld nicht in einem öffentlichen Verfahren, in dem er alle für seine Verteidigung notwendigen Garantien gehabt hat, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.

2. Niemand darf wegen einer Handlung oder Unterlassung verurteilt werden, die zur Zeit ihrer Begehung nach innerstaatlichem oder internationalem Recht nicht strafbar war. Ebenso darf keine schwerere Strafe als die zum Zeitpunkt der Begehung der strafbaren Handlung angedrohte Strafe verhängt werden.

 

Artikel 12

Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

 

Artikel 13

1. Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen.

2. Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.

 

Artikel 14

1. Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.

2. Dieses Recht kann nicht in Anspruch genommen werden im Falle einer Strafverfolgung, die tatsächlich auf Grund von Verbrechen nichtpolitischer Art oder auf Grund von Handlungen erfolgt, die gegen die Ziele und Grundsätze der Vereinten Nationen verstoßen.

 

Artikel 15

1. Jeder hat das Recht auf eine Staatsangehörigkeit.

2. Niemandem darf seine Staatsangehörigkeit willkürlich entzogen noch das Recht versagt werden, seine Staatsangehörigkeit zu wechseln.

 

Artikel 16

1. Heiratsfähige Männer und Frauen haben ohne jede Beschränkung auf Grund der Rasse, der Staatsangehörigkeit oder der Religion das Recht, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Sie haben bei der Eheschließung, während der Ehe und bei deren Auflösung gleiche Rechte.

2. Eine Ehe darf nur bei freier und uneingeschränkter Willenseinigung der künftigen Ehegatten geschlossen werden.

3. Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.

 

Artikel 17

1. Jeder hat das Recht, sowohl allein als auch in Gemeinschaft mit anderen Eigentum innezuhaben.

2. Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden.

 

Artikel 18

Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.

 

Artikel 19

Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

 

Artikel 20

1. Alle Menschen haben das Recht, sich friedlich zu versammeln und zu Vereinigungen zusammenzuschließen.

2. Niemand darf gezwungen werden, einer Vereinigung anzugehören.

 

Artikel 21

1. Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken.

2. Jeder hat das Recht auf gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern in seinem Lande.

3. Der Wille des Volkes bildet die Grundlage für die Autorität der öffentlichen Gewalt; dieser Wille muss durch regelmäßige, unverfälschte, allgemeine und gleiche Wahlen mit geheimer Stimmabgabe oder einem gleichwertigen freien Wahlverfahren zum Ausdruck kommen.

 

Artikel 22

Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.

 

Artikel 23

1. Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.

2. Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

3. Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.

4. Jeder hat das Recht, zum Schutze seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten.

 

Artikel 24

Jeder hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub.

 

Artikel 25

1. Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.

2. Mütter und Kinder haben Anspruch auf besondere Fürsorge und Unterstützung. Alle Kinder, eheliche wie außereheliche, genießen den gleichen sozialen Schutz.

 

Artikel 26

1. Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. Fach- und Berufsschulunterricht müssen allgemein verfügbar gemacht werden, und der Hochschulunterricht muss allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen.

2. Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen und allen rassischen oder religiösen Gruppen beitragen und der Tätigkeit der Vereinten Nationen für die Wahrung des Friedens förderlich sein.

3. Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll.

 

Artikel 27

1. Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.

2. Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen.

 

Artikel 28

Jeder hat Anspruch auf eine soziale und internationale Ordnung, in der die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten voll verwirklicht werden können.

 

Artikel 29

1. Jeder hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entfaltung seiner Persönlichkeit möglich ist.

2. Jeder ist bei der Ausübung seiner Rechte und Freiheiten nur den Beschränkungen unterworfen, die das Gesetz ausschließlich zu dem Zweck vorsieht, die Anerkennung und Achtung der Rechte und Freiheiten anderer zu sichern und den gerechten Anforderungen der Moral, der öffentlichen Ordnung und des allgemeinen Wohles in einer demokratischen Gesellschaft zu genügen.

3. Diese Rechte und Freiheiten dürfen in keinem Fall im Widerspruch zu den Zielen und Grundsätzen der Vereinten Nationen ausgeübt werden.

 

Artikel 30

Keine Bestimmung dieser Erklärung darf dahin ausgelegt werden, dass sie für einen Staat, eine Gruppe oder eine Person irgendein Recht begründet, eine Tätigkeit auszuüben oder eine Handlung zu begehen, welche die Beseitigung der in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten zum Ziel hat.

Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte bildet übrigens auch die Grundlage des Grundgesetztes für die Bundesrepublik Deutschland. Artikel 1 Absatz 1 und 2 berufen sich explizit auf die Menschenrechte, da heißt es:

 

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

 

Menschenrechte sind unverletzlich und unveräußerlich, auch und unbedingt, wenn es um ökonomische Interessen geht. Daran sollten wir uns als Verbraucher und als Shareholder immer und unbedingt erinnern. Und! … Menschenrechte gelten für jeden, auch für die Arbeiterinnen und Arbeiter – in der Dritten wie in der Ersten Welt –, auf deren Ausbeutung unser Wohlstand beruht. Was interessieren uns denn die Aktienkurse, die uns von Börse vor acht, Börse nach zehn, Börse, wenn wir alle schon lange schlafen, und Börse im Frühstücksfernsehen immer wieder frisch aufgetischt werden, wenn wir wissen, dass viele dieser Kurshöchststände nur deswegen erreicht werden, weil es am anderen Ende der Produktionskette mit den Menschenrechten wieder einmal nicht so genaugenommen wurde.

2 Eigentlich bin ich ganz anders

Es gibt nichts Gutes,außer man tut es.

Erich Kästner

Von dem Schriftsteller Ödön von Horváth gibt es einen Satz, den viele von uns auch sagen könnten: »Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.«

Wenn man sich mit Menschen unterhält, dann gibt es kaum jemanden, der ökologisches Handeln ablehnt. Auf die Frage, ob denn Ökologie, Klima- und Umweltschutz nicht ganz wichtig seien, antworten die meisten: »Natürlich, das ist doch vernünftig.«

Klar. Ökologisch handeln ist vernünftig, weil es die Natur schützt. Und wir leben von der Natur: Im Boden wachsen die Pflanzen, die wir essen; das Wasser, das wir trinken, soll sauber sein, ebenso die Luft, die wir atmen. Da wäre es nur vernünftig, ökologisch zu handeln. Was hält uns dann davon ab? Die Standardfolklore: »Aber ich kann nicht immer daran denken, nachhaltig zu handeln. Ich muss ja auch funktionieren in den ökonomischen Zusammenhängen, in denen ich lebe. Schließlich muss ja irgendwoher das Geld kommen für Miete, Essen und Auto. Außerdem habe ich gar nicht die Zeit, mich pausenlos und ständig darum zu kümmern und mich zu fragen, ist das, was ich jetzt mache, ökologisch richtig oder nicht? Das kann ich gar nicht. Tut mir leid. Deswegen komme ich so selten dazu, aber eigentlich bin ich ganz anders.«

Man könnte es auch so formulieren: »Da Mensch is guat, owad Leit san schlecht.« Auf Hochdeutsch: »Der Mensch ist gut, aber die Leute sind schlecht.«

Das heißt, der Einzelne schwächelt in der großen Masse, dort hält seine Haltung nicht stand, die eigentlich ökologische Handlungsweisen bevorzugt. Die guten Vorsätze werden abgemildert, verdrängt, vergessen oder auf morgen verschoben. Der innere Dialog beginnt: »Das können doch die anderen machen. Ich habe jetzt keine Zeit dafür, und die finanziellen Mittel erst recht nicht. Ich habe jetzt keine Lust. Aber morgen werde ich was tun.«

Das alles sind ganz menschliche Eigenschaften. So sind wir. Vielleicht heute mehr denn je, denn die Zeit fordert viel von uns, vielleicht zu viel. Aber man könnte sich natürlich fragen, wie müsste eine Welt aussehen, in der jemand, der keine Zeit hat, sich um ökologische Handlungsoptionen zu kümmern, einfach deswegen ökologisch handelt, weil er keine Zeit mehr dazu hat, nicht ökologisch zu handeln?

Wie sieht es denn aus, wenn wir die Handlungsoptionen, die uns zur Verfügung stehen, so verändern, dass wir nicht mehr einfach so weitermachen können wie bisher?

Ein Beispiel: Wir – und damit meine ich die Deutschen – reisen wie die Weltmeister. Wir fliegen gerne und viel, ob Langstrecke oder Kurzurlaub. Es gibt schon heute die Möglichkeit, für jeden Flug bei einer Klimaschutzorganisation wie atmosfair eine Kompensationszahlung für die CO2-Emissionen zu zahlen, die mein Flug erzeugt. Mit dem Geld werden zum Beispiel Wiederaufforstungsprogramme finanziert. Das Ganze dauert noch nicht einmal eine Minute. Start und Ziel des Fluges eingeben, München – New York, Emission berechnen, 3,865 Tonnen CO2, Kompensationsbetrag 89 Euro, mit Kreditkarte bezahlen.

CO2-Kompensationszahlungen könnten in Zukunft in jedes Ticket eingepreist werden. Würde man diese Zusatzkosten nicht bezahlen wollen, müsste man in einem Kästchen ankreuzen: Nein. Ich möchte diese ökologisch sinnvolle Handlung nicht finanzieren.

Das ist doch ein genialer Vorschlag für alle, die immer sagen, ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme so selten dazu. Jetzt könnten sie, ohne dass sie sich großartig kümmern müssten, endlich so sein, wie sie eigentlich sind. Das wär doch was.

Und selbst die Menschen, die jetzt trotzdem noch ein Häkchen machen und sagen, Klimaschutz ist mir so was von egal, selbst diese Menschen werden anfangen, mit sich zu sprechen. Innerlich und leise. Das Interessante ist nämlich, dass das Gewissen offenbar eine anthropologische Konstante ist. Es gibt ja nur ganz wenige Menschen, die gewissenlos sind. Das Gewissen, die genaue Kenntnis, dass man gerade etwas tut oder denkt, das schlecht ist – a) für einen selber, b) für die anderen –, ist eine uns innewohnende Bremse, die evolutionär bedingt ist, weil der Mensch ein Zoon politikon ist, ein Lebewesen, das in Gemeinschaften lebt. Und das gerne und am liebsten.

Der Mensch wird erst durch den Menschen, durch den Dialog mit den anderen, zum Menschen. Wären wir von Beginn an lauter skrupellose Egoisten gewesen, hätten die frühen Menschen nicht überlebt. Sie hätten sich die Köpfe eingeschlagen, bis keiner mehr übrig geblieben wäre. Das wär’s gewesen. So aber haben sie gemerkt, dass Gemeinschaft hilft – und wie! Nicht nur ist die Sicherheit in der Gruppe höher, sondern es ist auch viel schöner, mit anderen zusammen zu sein. Das Gefühl der kollektiven Sicherheit entsteht dadurch, dass sich alle zurücknehmen, ihren Egoismus zumindest in Teilen bändigen. Und diesen Bändiger des Ich-Triebs, ich, ich, ich, ich, ich, ich …, den nennt man Gewissen.

Das Gewissen haben wir durch die Kultur, in der wir leben, gestärkt. Wir bezeichnen uns als zivilisiert. Aber die Bezeichnung alleine reicht nicht. Was zählt, ist, dass wir uns tatsächlich zivilisiert verhalten, zivilisiert leben. Auf dieser Basis haben wir unter anderem einen Rechtsstaat geschaffen. Errungenschaften wie eine Rechtsordnung, die Rechtssicherheit gewährt, stabilisieren eine Gesellschaft, sodass sie sich nicht dauernd darum kümmern muss, ob sie denn auch morgen noch existiert. Der Einzelne muss nicht unter der dauernden Angst leiden, dass er überfallen oder auf der Straße erschlagen wird. Unser Egoismus ist kulturell gebändigt.

Jetzt könnte man natürlich fragen, ob wir unseren ökonomischen Egoismus, der dazu führt, dass wir uns individuell häufig nicht ökologisch verhalten, nicht auch domestizieren können. Ein Weg wäre es, die gesellschaftlichen Verhaltensweisen durch geänderte Vorgaben zu beeinflussen. Also etwa die Ticketpreise standardmäßig mit Klimaschutzaufschlag zu versehen und die Entscheidung dagegen zu einer ausdrücklichen Wahl zu machen. Wer nicht automatisch die CO2-Emissionen für seinen Flug kompensieren will, würde so zumindest immer wieder zu seiner Entscheidung befragt. Das könnte nach mehrmaliger Befragung vielleicht doch zu einer anderen Einstellung führen.

Ein Schritt in Richtung Bändigung des ökonomischen Egoismus wären auch Kennzeichnungspflichten. Als Käufer von Erdbeeren im Dezember zum Beispiel müsste man sich die Frage stellen, welche ökologischen Kosten diese mit sich bringen, wenn ein dicker Flugzeug-Sticker auf Obst und Gemüse prangt, das mit Luftfracht nach Deutschland gekommen ist, dazu vielleicht deutlich lesbar die dadurch entstandenen CO2-Emissionen. Vorgeschlagen wurde eine solche Maßnahme übrigens schon oft, der Handel in Deutschland hat sich bis heute jedoch erfolgreich dagegen gewehrt. Gekennzeichnet sind hingegen Bio- und auch Fairtrade-Produkte.

Fair gehandelte Produkte sind übrigens, auch wenn viele sie als Tropfen auf dem heißen Stein kritisieren, ebenfalls eine Möglichkeit, nicht nur möglichst ökologisch, sondern auch sozial verträglicher zu konsumieren, da die Menschen, die mit dem Anbau dieser Lebensmittel in Entwicklungsländern beschäftigt sind, einen gerechteren Lohn erhalten. Nur entscheide ich mich ja leider in der Anonymität der großen Supermärkte dann doch meist für die herkömmliche, in der Regel ja auch günstigere Banane, obwohl ich eigentlich ganz anders bin, nur, wie gesagt, ich komme so selten dazu.

Ein weiterer Ansatz für die Bändigung des ökonomischen Egoismus wäre, dass bei jeder Neuvermietung einer Wohnung oder eines Hauses als Standard der Strom aus regenerativer Energiegewinnung angeboten wird. Auch hier müssten die Kunden durch das schon bekannte Häkchen eine bewusste Entscheidung gegen das ökologische Handeln und für den schmutzigen Strom aus Braunkohle oder Atomkraft treffen.

Welche Leichtigkeit in unserem täglichen Leben könnte doch entstehen, wenn die politischen Rahmenbedingungen in unserem Land so formuliert würden, dass ökologisches Handeln zu einer Art gesellschaftlichem Konsens wird. Alle könnten endlich so sein, wie sie wirklich sind! Zumindest diejenigen, die davon sprechen, dass sie eigentlich ganz anders sind, aber so selten dazu kommen.

Und es wäre eine Möglichkeit, aus dem riesigen Schlamassel rauszukommen, in den wir uns durch ein über alle Maßen durchökonomisiertes Handeln hineingegiert haben.

◆ Atmosfair – Selbstbeschreibung und Ziele

atmosfair ist eine Klimaschutzorganisation mit dem Schwerpunkt Reise. Wir betreiben aktiven Klimaschutz, unter anderem mit der Kompensation von Treibhausgasen durch erneuerbare Energien.

 

Klimaschutz: Die notwendige große Transformation

Organisationen wie der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung globale Umweltveränderung (WBGU) haben aufgezeigt, dass sich unsere gesamte Gesellschaft dringend und grundlegend transformieren muss, um die naturgegebenen Klimaschutzvorgaben einzuhalten. Technologische Innovation, wie der Einsatz von erneuerbaren Energien, ist ein notwendiger Bestandteil davon, genauso wie der bewusstere Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Es ist aber derzeit absehbar, dass diese Transformationsprozesse zu langsam ablaufen, und so das Klima Schaden nimmt, mit Folgen für Menschen weltweit.

 

Schwerpunkt Flugverkehr

atmosfair übernimmt eine Aufgabe in diesem Transformationsprozess: Für den Flugverkehr gibt es derzeit noch keine technische Lösung wie problemfreie Biotreibstoffe, oder das Null-Emissions-Flugzeug. Wie es heute schon das Bahnticket mit erneuerbaren Energien gibt, im Strombereich kleine Wasserkraft oder Windräder, so wird es in der Flugzeugindustrie aber irgendwann die erneuerbare Lösung geben, vielleicht das solare Wasserstoffflugzeug. Solange es diese Lösung nicht gibt, und solange auf der gewünschten Strecke keine klimafreundlichere Alternative vorhanden ist, können Flugpassagiere mit atmosfair die Klimagase ihrer Flugreise kompensieren.

 

Kompensation als Klimaschutzbeitrag mit Zusatznutzen für Menschen weltweit

Flugpassagiere zahlen dafür freiwillig einen von den Emissionen abhängigen Klimaschutzbeitrag, den atmosfair dazu verwendet, erneuerbare Energien in Ländern auszubauen, wo es diese noch kaum gibt, also vor allem in Entwicklungsländern. Damit spart atmosfair CO2 ein, das sonst in diesen Ländern durch fossile Energien entstanden wäre. Und gleichzeitig profitieren die Menschen vor Ort, da sie häufig zum ersten Mal Zugang zu sauberer und ständig verfügbarer Energie erhalten, ein Muss für Bildung und Chancengleichheit.

Vermeidung – Reduktion – Kompensation

Kompensation kann das Klimaproblem nicht lösen, weil sie nichts an den eigentlichen CO2-Quellen ändert. Sie ist aber so lange als zweitbeste Lösung notwendig, solange die beste Lösung noch nicht existiert. Es liegt beim einzelnen Flugpassagier, die wichtigen Schritte vor der Kompensation zu prüfen: Manchmal kann ich eine Flugreise zum Beispiel durch eine Videokonferenz ersetzen oder einen langen Urlaub statt zwei kürzeren buchen, und ich kann mit atmosfair herausfinden, welche Fluggesellschaft am klimaeffizientesten unterwegs ist.

 

Wer steckt hinter atmosfair?

atmosfair ist eine gemeinnützige GmbH mit Sitz in Bonn, gegründet im Mai 2005. Einziger Gesellschafter ist die umwelt- und entwicklungsorientierte Stiftung Zukunftsfähigkeit.

atmosfair entstand 2003 als Gemeinschaftsinitiative des Reiseveranstalterverbandes forum anders reisen und der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch.

www.atmosfair.de

 

2018 hat Stiftung Warentest sechs Organisationen untersucht, die Verbrauchern die Möglichkeit bieten, die von ihnen verursachten Treibhausgase zu kompensieren. Testsieger mit der Note »sehr gut« war atmosfair. Platz zwei und drei belegten ebenfalls mit der Note »sehr gut« die Organisationen Klima Kollekte und Primaklima. Myclimate Deutschland wurde mit gut bewertet. Nur die Note »ausreichend« erhielten Klimamanufaktur und Arktik.

FAKTEN AUF EINEN BLICK

◆ Fairtrade Deutschland

Ein Gespräch mit Claudia Brück, Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes von TransFair e.V. (Fairtrade Deutschland*).

Klaus Kamphausen: Frau Brück, wer ist TransFair e.V. (Fairtrade Deutschland)?

Claudia Brück: TransFair e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der 1992 gegründet wurde. Wir sind eine unabhängige Initiative zur Förderung des fairen Handels und vertreten Fairtrade in Deutschland. Wir sind die deutsche Mitgliedsorganisation des Dachverbandes Fairtrade International und tragen deshalb neben dem Vereinsnamen TransFair auch die Bezeichnung Fairtrade Deutschland. Die Idee der Vereinsgründung war die Förderung des fairen Handels mit der sogenannten Dritten Welt.

Als erstes Produkt wurde ein fair gehandelter Kaffee mit unserem Siegel ausgezeichnet, sodass dieser Kaffee auch in ganz konventionellen Supermärkten verkauft werden konnte.

Inzwischen sind bundesweit über 3000 Fairtrade-Produkte in rund 42 000 Verkaufsstellen verfügbar: in Supermärkten, Discountern, Drogeriemärkten und Biosupermärkten, in Weltläden und in mehr als 20 000 gastronomischen Betrieben. 2016 haben die Umsätze mit Fairtrade-zertifizierten Produkten die Milliardengrenze geknackt.

KK: Was sind die Ziele von Fairtrade?

CB: Unsere Ziele sind, bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen für Kleinbauern und -bäuerinnen in Asien, Lateinamerika und Afrika zu ermöglichen, indem diese ihre Waren, die sie angebaut haben, hier verkaufen können, und zwar zu einem kostendeckenden Preis. Der Preis enthält darüber hinaus einen Entwicklungsaufschlag, die Fairtrade-Prämie, den die Bauern und Bäuerinnen eigenständig für ihre zukünftigen Gemeinschaftsprojekte nutzen können. Sie entscheiden gemeinsam in einem demokratischen Prozess, in welche sozialen, ökologischen oder ökonomischen Projekte die Prämie investiert wird. Das kann der Bau von Brunnen oder Schulen sein oder der Ausbau der Stromversorgung. Das Geld kann aber auch in die Kooperative investiert werden, zum Beispiel für den Kauf eines LKW. Mit diesem kann dann der Kaffee direkt bis an den Hafen gefahren werden und damit ein größerer Teil der Wertschöpfungskette erwirtschaftet werden.

KK: Wie kann ein Kleinbauer in Asien, Afrika oder Südamerika mit seiner kleinen Farm zum Partner von Fairtrade werden?

CB: Die allererste Hürde ist, dass er nicht als einzelner Bauer mit uns verhandeln kann, sondern dass er sich in einen Verbund begibt, eine Kooperative oder Genossenschaft, eine Vereinigung von mehreren Bauern, die sich demokratisch dazu verpflichten, fairen Handel betreiben zu wollen. Und sie sollten innerhalb ihrer Vereinigung festlegen, was notwendig ist, um voranzukommen. Eine solche Kooperative kann dann mit uns in Verbindung treten.

Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Wir werden getragen von 31 Mitgliedsorganisationen wie Brot für die Welt, dem Global Nature Fund oder der Welthungerhilfe. Diese Organisationen kommen auf uns zu und sagen: »Guckt doch mal, dort gibt es eine Organisation, die gut für euch wäre, eine Kaffeekooperative.« Oder aber Kaffeefirmen sagen, wir haben hier eine sehr gute Organisation, schaut euch die doch mal an. Dann schicken wir unsere Auditor/-innen vorbei und gehen den ganzen Kriterienkatalog durch. Was heißt fairer Handel? Was muss vor Ort passieren? Kann diese Organisation dann zertifiziert werden?

KK: Sie arbeiten also auch in der Dritten Welt aktiv vor Ort?

CB: Wir haben ein internationales System mit einer klaren Aufgabentrennung. Das heißt, wir als Fairtrade Deutschland sind für die Marktbearbeitung in Deutschland zuständig, wir suchen Unternehmen, die unter fairen Bedingungen Produkte vertreiben wollen, und leisten Verbraucheraufklärung. Unsere Partner in Afrika, Asien und Lateinamerika haben vor Ort Beratungsnetze aufgebaut, Personen, die auf dem Feld arbeiten, die die Kooperativen begleiten, die sie beraten. Die Kontrolle und Überprüfung der Einhaltung unserer Kriterien werden auch vor Ort geleistet, das macht unsere Zertifizierungsorganisation FLOCERT. Sie arbeitet auch mit regionalen, lokalen Auditoren.

KK: Was heißt dann »fair«? Welche Kriterien müssen Produzenten und Händler erfüllen?

CB: Der Begriff »fair« ist natürlich nicht geschützt. Jeder kann ihn selbst besetzen. Aber wir als Fairtrade-System mit dem Fairtrade-Siegel haben ganz klare, transparente Kriterien, die online für jeden nachlesbar sind.

Zum Beispiel beim Kaffee arbeiten wir nur mit Kleinbauernorganisationen zusammen, die demokratisch organisiert sind. Das Fairtrade-Siegel ist ein Sozialsiegel, das auch zahlreiche Umweltkriterien enthält. Kaffee soll sowohl sozialverträglich wie umweltverträglich sein, das heißt unter anderem, es gibt ein Umweltmanagement, ein Wassermanagement, es dürfen keine Primärwälder abgeholzt werden. Ein Drittel unserer Kriterien bezieht sich auf diese Umweltaspekte.

Weiter gilt, es dürfen keine Kinder unter 14 Jahren arbeiten, es sei denn, sie gehören zum Haushalt und können zur Schule gehen und helfen dann am Nachmittag. Die Stärkung von Kinderrechten und die Bekämpfung von Kinderarbeit durch faire Handelsstrukturen gehören zu unseren Arbeitsschwerpunkten. Die Fairtrade-Standards verbieten ausbeuterische Kinderarbeit. Insgesamt gibt es rund 140 Kriterien. Die beziehen sich auch auf die Aufkäufer des Fairtrade-Kaffees. Diese verpflichten sich zum Beispiel zu langfristigen Handelsbeziehungen, sodass man eine Zukunftsperspektive entwickeln und Planungssicherheit gewährleisten kann.

KK: Was macht es für mich als Endverbraucher preislich aus, der Unterschied zwischen einem fair produzierten und gehandelten Produkt, einem Bio-Produkt und einem herkömmlich produzierten Produkt?

CB: Der Preis im Supermarkt wird bestimmt von den Supermarktketten. Deswegen kann man für dasselbe Produkt bei Rewe, Edeka, Aldi oder wie auch immer die Kette heißt, unterschiedliche Endverkaufspreise finden. Das ist allein dem geschuldet, dass die Supermarktketten ihre Verkaufspreise selbst bestimmen können. Niemand kann das vorgeben.

Wir haben einen Fairtrade-Bio-Kaffee, von dem Sie 250 Gramm ab ungefähr 3,50 Euro kaufen können. Je nachdem, wie der Kaffee gehandelt wird, ganze Bohnen oder gemahlen, welche Mischung, welcher Geschmack, geht der Preis bis zu 7,50 Euro hoch. Das heißt, es ist eine sehr große Preisspanne, die sowohl von dem Rohprodukt abhängt als auch davon, wo es verkauft wird. Fast drei Viertel des Fairtrade-Kaffees ist übrigens inzwischen bio, und der Bio-Anteil von fairen Bananen beträgt sogar fast 100 Prozent.

Der Preisunterschied im Supermarkt ist nicht immer das, was am Ursprungsort ankommt. Es gibt eine ganz lange Wertschöpfungskette. Da muss man genau hinsehen.

Das, was wir für Fairtrade sagen können, ist, dass wir wollen, dass die Bauern und Bäuerinnen einen möglichst großen Teil dieser Wertschöpfungskette für ihre Organisation erwirtschaften können, unabhängig davon, wie dieses Produkt nachher gehandelt wird. Wir wollen, dass ihre Kosten für eine nachhaltige Produktion unter Beachtung unserer Kriterien gedeckt sind und dass noch ein Gewinn bleibt, um in die Zukunft investieren zu können. Die Produzenten profitieren sowohl von dem Mindestpreis als auch der festgelegten Prämie. Unser Ziel ist es, dass sie über existenzsichernde Lebensgrundlagen verfügen, ihre Potentiale entfalten und ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten können. Das ist das, wofür wir stehen.

KK: Wie muss man sich das vorstellen, wenn ich für ein Kilo Bananen meinetwegen 60, 70, 80 Cent mehr zahle, was passiert mit diesen 60, 70, 80 Cent?

CB: Ich möchte die Frage anders stellen, weil die 79 Cent für die konventionelle Banane kein kostendeckender Preis sind. Es stellt sich bei der konventionellen Banane also vielmehr die Frage, unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurde, dass sie so billig sein kann. Das ist die entscheidende Frage. Dann kommt man nämlich zu dem Schluss, dass man für diesen Preis keine gute Banane ins Supermarktregal legen kann. Die Banane muss angebaut werden, geschnitten werden, nach Europa gebracht werden und am Ende vom Hafen in den Supermarkt transportiert werden. Wenn man das zusammenrechnet, stößt man auf den eigentlichen Skandal. Die Preisdifferenz zwischen einem konventionellen Billigprodukt und Fairtrade spiegelt nicht den Mehrwert im Süden wider, sondern dieser höhere Betrag ist der Preis, der eigentlich gezahlt werden müsste. Dieser eigentliche Preis, der muss die Kosten sowohl des Supermarktes, als auch des Transportes, als auch der Produktion vor Ort decken. Und es bleibt für alle Beteiligten in dieser Kette eine sehr kleine Marge.

Wir können nicht extrem teuer werden, weil Konsumenten dann sagen: »Warum soll ich das kaufen? Es sind 80 Cent mehr, das ist mir jetzt zu viel, das bezahle ich nicht mehr.« Das heißt, der Wettbewerb auf diesem wirklich preisgetriebenen Markt in Deutschland macht die möglichen Margen für Fairtrade-Produkte äußerst gering, sodass es auch schwierig ist, mehr Unternehmen zu finden, die bereit sind, da mitzumachen.

KK: Dann wäre es doch wunderbar, wenn es fair gehandelte deutsche Milch gäbe? Was halten Sie von der Idee?

CB: Ich habe sehr viel Sympathie dafür, dass auch die Milchbauern und -bäuerinnen in Deutschland einen fairen Preis bekommen. Aber ich bin nicht dafür, dass man die verschiedenen Konzepte durcheinanderbringt. Viele Milchbauern hierzulande müssen ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Das ist schlimm genug. Aber ihre Kinder können zur Schule gehen, es gibt ein Gesundheitssystem, es gibt Wasser und Strom, es gibt soziale und politische Systeme, die funktionieren. Alles das ist für die Kaffeebauern im globalen Süden nicht so. Da reden wir von einem ganz anderen Entwicklungsstand.

Ich unterstütze die Idee, dass Milchbauern hier einen Preis bekommen, der ihre Kosten deckt, aber Fairtrade ist dafür da, um den Süden weiterhin im Fokus zu halten und klar zu sagen: »Die Welt deckt unseren Tisch, und was wir dafür zahlen, ist nicht anständig.« Fairtrade verfolgt einen entwicklungspolitischen Ansatz, mithilfe dessen die globale Handelsungerechtigkeit abgebaut werden soll.

Die Menschen kaufen zurzeit gerne regional. Das, was um die Ecke ist, das ist einem ganz nah, und man meint, das wäre das neue »fair«. Aber der Kaffee kommt nun mal aus Lateinamerika oder aus Asien und Afrika. Und wir möchten ein Zeichen setzen, wie Globalisierung gerecht gestaltet werden kann, und sagen: »Macht die Augen weiter auf, wir können auch dort etwas Positives erwirken.«

KK: Es kam ja schon heraus, dass Fairtrade vornehmlich die Kleinbauern und -bäuerinnen fördern will. Aber Pflanzen wie Bananen sind typische Plantagenprodukte. Plantage heißt viel Raum für Monokulturen, heißt oft auch wenig ökologische Bewirtschaftung. Kommen Ihre Produkte denn nun eher von Kleinbauern oder aus Plantagenwirtschaft? Oder wo verläuft da die Grenze?

CB: 80 Prozent unserer Produzenten, die wir zertifiziert haben, sind Kleinbauernorganisationen. Wir haben bestimmte Produktbereiche nur für Kleinbauern geöffnet. Wir haben Kaffee, Kakao, Zucker, Reis – das sind alles Produkte, die ausschließlich von Kleinbauernorganisationen kommen. Wir wissen, dass dort der größte Teil der Produktion liegt. Genau diese Kleinbauernorganisationen wollen wir in ihrem Existenzkampf gegen größere Plantagen unterstützen. Wir haben für andere Produkte Plantagen. Aber wir haben auch Standards für diese Plantagen, auf denen Bananen, Tee und Rosen wachsen. Das sind diese drei Produkte, die auch vom Ursprung her hauptsächlich auf Plantagen angebaut werden. Wir haben den Hilferuf der Arbeitnehmer/-innen auf diesen Plantagen gehört. Sie haben gesagt, auch wir wollen von Fairtrade profitieren. Welche Möglichkeiten gibt es, dass auch Arbeiter auf Plantagen im Fairtrade-System aktiv werden können? So haben wir die Standards für die Plantagen von Fairtrade-Produkten entwickelt.

KK: Es ist also nur fair, weiterhin Fairtrade-Produkte zu erwerben. Es nutzt allen. Dem Endverbraucher hier, dem Produzenten im globalen Süden?

CB:

3 Wir brauchen eine stabile, gerechte Gesellschaft

Jeder weiß, die Würfel sind gezinktJeder wirft sie mit gekreuzten FingernJeder weiß, der Krieg ist vorbeiJeder weiß, die Guten haben verlorenJeder weiß, der Ausgang stand schon vorher fest:Arm bleibt arm, die Reichen werden reicherSo läuft das, weiß doch jeder

Leonard Cohen, »Everybody Knows«

Bisher haben wir eher über das Individuum gesprochen. Lassen Sie uns jetzt überlegen, wie sich eine Gesellschaft zu einer ökologisch sinnvoll handelnden Gesellschaft transformieren könnte und was dem möglicherweise im Weg steht.

Die Gesellschaft muss sich ja aus sich heraus verändern. Das heißt, bei jedem Einzelnen von uns können durchaus Einsicht und ein Wille zur Veränderung da sein, der aber in der größeren Gruppe politisch (noch) keinen Ausdruck findet, weil wir uns nicht aufraffen oder weil wir uns in der Anonymität des Kollektivs weniger verantwortlich fühlen. Wenn aber politische Institutionen ökologisch sinnvolle Rahmenbedingungen per Gesetz und Verordnung schaffen, dann fällt es dem Einzelnen leichter, entsprechend zu handeln. Das ist eine Seite. Die andere Seite ist das Geld.

Geld ist der Motor der globalen Wirtschaft. Eine ökonomisch sinnvolle Handlung ist eine, bei der die Kosten möglichst gering gehalten werden und der Gewinn möglichst groß ist. Ökonomisch sinnvoll ist, wenn man am Ende mehr hat als zuvor. Es geht vor allen Dingen um die Ansammlung von Geld, von Kapital, das man dann wieder einsetzen kann,