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Bedeutet Dreamteam gleich Traumpaar?
Finch Kelly hat sehr genaue Zukunftsträume: Er möchte in D.C. studieren und als erster trans Abgeordneter des US-Kongress in die Geschichte eingehen. Dafür muss er jedoch erst einmal die nationale Debattiermeisterschaft gewinnen, denn ohne goldenen Pokal, ohne Collegezulassung und ohne Stipendium rückt dieser Traum in unerreichbare Ferne. Zum Glück hat er Jonah an seiner Seite – seinen Debattierpartner und besten Freund. Vor Jonah braucht er nichts von sich zu verstecken. Kein Wunder also, dass er sich bei ihm am wohlsten fühlt. Das hat nichts mit Liebe zu tun. Denn Finch ist sich sicher, dass er auf Mädchen steht. Wenn er doch nur nicht in letzter Zeit ungewöhnlich oft an Jonah denken müsste ...
Das gefühlvolle Debüt von Own-Voice-Autor Peyton Thomas ist eine ergreifende Coming-of-Age-Geschichte über Selbstfindung, Mut und die große Liebe.
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2024
PEYTON THOMAS
Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Max
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Dieser Roman wurde auf dem angestammten und heutigen Territorium der Mississauga vom Volk der Anishinaabe, der Haudenosaunee Confederacy, der Huron-Wendat, der Wyandot und Dakota geschrieben.
© 2024 der deutschsprachigen Ausgabe
cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
© 2021 by Peyton Thomas
All rights reserved including the rights of reproduction in whole or in part in any form.
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel: »Both Sides Now«
bei Dial Books, einem Imprint Penguin US Ltd, New York
Übersetzung: Claudia Max
Coverkonzeption: Suse Kopp unter Verwendung eines Motivs von Arcangel (Clayton Bastiani)
skn · Herstellung: bo
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-28057-4V001
www.cbj-verlag.de
Für Lena,
meine beste Leserin, meine treueste Freundin
»Wie jetzt – du willst, dass wir die Argumentation in die Fünfziger zurückverlegen?«
»Komm schon, Finch. Wann hab ich dich je in die falsche Richtung gelotst?«
Da hat er recht. In all den Jahren, in denen wir gemeinsam debattieren, hat Jonah Cabrera immer die richtige Richtung vorgegeben. Ein Regalbrett in meinem Zimmer stöhnt und ächzt unter vier Jahren blauer Bänder und Goldmedaillen und droht, irgendwann durchzubrechen. Dieses Brett ist der stumme Beweis: Hör auf Jonah, und du, Finch Kelly, wirst weit kommen.
Ich bin trotzdem skeptisch. »Das andere Team wird uns hassen, wenn wir sie zwingen, als Stalins Genossen aufzutreten.«
»Oh nein, nicht als seine Genossen.« Jonah dreht sich zur Tafel und kritzelt mit weißer Kreide seine Argumente. »Es ist 1955. Stalin hat den Löffel abgegeben. Der Kalte Krieg wird allmählich kälter. Eisenhower hat gerade den New Look auf den Weg gebracht.«
Ich beobachte ihn über meinen Tisch gebeugt und kaue kräftig auf dem gelben HB-Bleistift herum. »Was war das noch mal mit dem New Look?«
»Mehr Atomwaffen, mehr verdeckte Operationen«, erwidert er selbstbewusst und richtet sich auf, »und die Verbreitung von noch mehr amerikanischer Propaganda hinter dem Eisernen Vorhang.«
»Verstehe.« Ich nehme den Stift – der mittlerweile eher wie ein von einem Biber angenagtes Ästchen aussieht –aus dem Mund und mache mir ein paar Notizen. Ich gebe es zu: Er ist dabei, mich zu überzeugen. »Rede weiter.«
In zehn Minuten werden wir hier in der Annable School aus diesem Klassenzimmer auf die Bühne treten, die es größenmäßig mit dem Broadway aufnehmen kann. Wir werden vor Hunderten von Leuten stehen, und wir werden in maximal acht Minuten langen Reden Argumente vortragen, dass jede Nation der Erde – egal, wie reich oder arm sie ist oder wie sehr sie dazu neigt, Terrorzellen hervorzubringen – unbegrenzte Mengen Atomwaffen verdient hat.
Glauben wir das ernsthaft? Hilfe, nein. Schon gar nicht Jonah, der mit dem Klemmbrett Unterschriften sammelnde Schulaktivist und Fluch für die atomare Existenz unseres Kraftwerks hier in der Stadt. Zwischen den vielen Buttons auf seinem Rucksack erspähe ich einen kleinen sonnenscheinfarbenen mit der Aufschrift: ATOMKRAFT? NEIN DANKE! Trotzdem steht er vor der Tafel und legt sich ins Zeug, um Argumente zusammenzutragen.
»Beide Teams – die USA und die Sowjetunion – sind mehr als bereit, flächendeckend Pilze hochgehen zu lassen.« Jonah deutet mit einer ausholenden Bewegung auf die Tafel. »Und der einzige Grund, warum sie nicht gleich ein Feuerinferno über dem gesamten Planeten auskippen …«
»… ist das Gleichgewicht des Schreckens.« Ich schaue auf meine Stoppuhr. Noch acht Minuten, die Zeit vergeht schneller, als mir lieb ist. »Diese Vorstellung, die einzige Verteidigung gegen Atomwaffen …«
»… bestünde in noch mehr Atomwaffen«, beendet Jonah den Satz. »Warum sollten wir die Russen angreifen, wenn wir wissen, dass sie sofort zum Gegenschlag ausholen werden?«
Während er mir das erklärt, kritzelt Jonah eine Reihe von unterstreichenden Illustrationen an die Tafel: Rauch, Flammen, die unschuldige Zivilbevölkerung, die sich in radioaktive Asche auflöst.
Falls es mit Greenpeace nicht klappt, hat er bestimmt noch eine Zukunft als Künstler.
Vorausgesetzt natürlich, dass einer von uns überhaupt irgendeine Zukunft will, denn erst mal müssen wir aufs College. Aber wenn wir die Annable School in der letzten Wettkampfrunde schlagen, wird uns die North American Debate Association of Washington State eine gigantische, glänzende Trophäe überreichen – die sich super auf College-Bewerbungen machen wird und, was noch viel wichtiger ist, auf Bewerbungen um Stipendien. Jonahs Mutter ist examinierte Krankenschwester. Mein Vater ist seit einem halben Jahr arbeitslos und macht gerade den siebten Schritt bei den Anonymen Alkoholikern. Keiner von uns beiden kann es sich leisten, auf den goldenen Plastikklotz zu verzichten.
»Okay, aber Jonah, die Annable weiß haargenau, wie sie diese Argumentation widerlegen muss.«
»Nicht, wenn wir sie in die Fünfziger zurückverlegen«, bettelt Jonah. Im Betteln ist er der absolute Experte und extrem überzeugend. »Komm schon, Finch. Zeitreise? Darauf ist Ari nie im Leben gefasst.«
Er spricht von Ariadne Schechter: dem Wunderkind von Debate Captain an der Annable School, meiner schlimmsten Feindin, meiner ewigen Widersacherin, meinem diametralen Gegensatz. Ich verabscheue sie. Und zwar zutiefst. Aus so vielen Gründen. Für den nervigen Qualm ihrer Lavendel-E-Zigarette. Für ihre absolut ironiefreie Liebe für die Milchdiebin Maggie Thatcher. Und nicht zuletzt dafür, dass sie sich über die frühzeitige Zulassung für den Studiengang Auswärtiger Dienst an der Georgetown University ihren Studienplatz klargemacht hat. Ich hingegen musste mich mit einem vernichtenden Ablehnungsschreiben abfinden. Das nagt immer noch an mir.
Es würde vermutlich weniger an mir nagen, wenn Aris Vater nicht vierzig Millionen gespendet hätte, um auf einer hohen Klippe am Rande des Unigeländes die Schechter School of Sustainable Entrepreneurship bauen zu lassen, wo nun nachhaltige Unternehmensführung gelehrt wird.
Doch ich darf gerade nicht in diesen wilden Strudel von Groll geraten. Es sei denn, ich will sowohl die Runde als auch den Bundesstaatstitel verlieren und in der Gunst der Georgetown University noch tiefer sinken.
»Dieser Ansatz, sie zu zwingen, sich als Kommunisten auszugeben, ist auf jeden Fall … kreativ.« Das muss ich ihm lassen. Aber mehr auch nicht. »Ich mache mir bloß Sorgen, dass er zu kreativ ist. Regelbrechend kreativ. Die Art von kreativ, die Ari bei der Jury rumjammern lassen wird.«
»Okay, Punkt eins: Du machst dir immer Sorgen«, erwidert Jonah, mittlerweile thront er auf der breiten Schatztruhe von Lehrerpult. Das macht er immer, wenn er nervös ist – hin und her laufen, mit den Fingern schnippen und sich auf alles, bloß keinen Stuhl setzen. »Und Punkt B: Du weißt genau, dass wir die Runde ein bisschen aufmischen müssen. Es ist das Ende des Tages. Das Ende des Wochenendes. Alle sind kurz vor dem Einschlafen.«
»Du offensichtlich auch«, sage ich. »Du hast gerade ›Punkt eins‹ und ›Punkt B‹ gesagt.«
»Hab ich? Verdammt.« Er grinst mich verlegen an, nach einem Gähnen schwingt er die Arme hoch über den Kopf. »Dann müssen wir wohl kreativ werden. Und uns wachrütteln.«
»Indem wir Nasir eine Steilvorlage für einen gefakten russischen Akzent geben?«
Nasir Shah ist Aris Debattierpartner, ein Wirtschaftsbesserwisser, der vermutlich nächstes Jahr nach Oxford geht und Tom Haverford in Parks and Recreation nachäfft.
»Nasirs russischen Akzent würde ich für mein Leben gern hören«, sagt Jonah mit Unschuldsmiene. »Ich glaube, es würde unsere Gewinnchancen immens erhöhen.«
»Vielleicht«, sage ich. »Es sei denn, die Jury nimmt es uns übel, dass wir ihm die Gelegenheit dazu gegeben haben.«
»In Ordnung. Keine Akzente. Nur nüchterne Argumente.« Jonah ist immer noch zappelig und trommelt mit den Knöcheln auf dem Pult herum: massive alte Eiche, der maximale Gegensatz zu den Spanplatten und dem Plastik bei uns an der Johnson Tech, anderthalb Stunden Fahrzeit entfernt in einem Vorort von Olympia. »Wenn wir hier die Standardnummer durchziehen – also ›dieses Haus‹ als NATO oder was auch immer definieren –, bleibt uns im Prinzip nur, zu argumentieren, dass mehr Atomwaffen eine gute Sache sind.«
»Genau. Schwer zu vertreten. Vor allem für einen Umweltschützer wie dich.«
»Wenn wir aber die Debatte in den Kalten Krieg zurückverlegen? Und als die Vereinigten Staaten von A auftreten? Und Annable zwingen, den Standpunkt der Sowjets zu vertreten?« Sein Hin-und-her-Wippen auf dem Tisch bringt einen Deko-Apfel zum Wackeln – Bester Lehrer der Welt ist in das Glas eingraviert. Ich halte die Luft an. »Wir brauchen nicht die ganzen langweiligen Standardargumente runterzubeten«, sagt er. »Wir brauchen nicht das Gleichgewicht des Schreckens anzuschneiden, sondern können eher historisch argumentieren. Und über Kommunismus reden.«
Der Apfel findet sein Gleichgewicht wieder. Ich atme aus.
»Und Kapitalismus.« Ich richte mich auf und schnipse mit den Fingern. »Und die Truman-Doktrin und … oh, oh! Wenn wir Letztere mit Entstalinisierung verbinden, könnten wir sogar …«
Seine Hand findet mein Handgelenk und hält meinen Bleistift an.
»Wusste doch, dass ich dich an Bord kriege.« Er zwinkert. »God bless America.«
Ich habe in meinem Leben zwar noch nie eine Präsidentin oder einen Präsidenten getroffen, doch als ich die Bühne betrete, kann ich mir einen Moment lang vorstellen, wie es sich anfühlen muss, eine oder einer zu sein. Ich bin einen Meter und wenig beeindruckende fünfundsechzig Zentimeter groß, habe einen widerspenstigen roten Haarschopf irgendwo zwischen Chuckie Finster von den Rugrats und einfach bloß Chucky, der Mörderpuppe. Und ich fühle mich alles andere als präsidentenmäßig.
Aber als ich unter der riesigen Lichtanlage des Annable-Auditoriums in den Ozean von Publikum starre und den Applaus aufsauge, habe ich das Gefühl … keine Ahnung … alles tun zu können. Die beste Rede meines Lebens halten. Mir den Titel des Bundesstaates sichern. Mir einen Platz an der Uni meiner Träume sichern. Und vielleicht kann ich eines Tages der erste trans Abgeordnete im Kongress sein. Nichts – absolut nichts – scheint unmöglich.
Ich setze mich neben Jonah an den Tisch, der für diejenigen reserviert ist, die für ja, Atomwaffen, her damit argumentieren. An einem anderen Tisch zu unserer Linken späht Ari Schechter durch die Ponyfransen ihres Hillary-Rodham-Haarschnitts und kritzelt noch ein paar letzte Wörter auf ihre Karteikarten. Den Schulleiter der Annable – Verzeihung, den Herrn Direktor –, der am Podium in sonorem Masterpiece Theatre-Akzent seine Einführung vorträgt, ignoriert sie geflissentlich. Er spricht über »freies Hinterfragen« und »offenen Dialog« und »die Verbreitung diverser Sichtweisen«, und ich frage mich, wie »divers« die »Sichtweisen« an einer Prep School sein dürfen, an der die Elite für 25 000 Dollar im Jahr fürs College fit gemacht wird.
»Die Pro-Seite wird vertreten von der Johnson Technical High School«, sagt der Direktor – und das klingt sehr schräg, dieses hochnäsige irrelevante »der«; es lässt uns wie eine sehr andere Steuerklasse klingen, »und vorgetragen durch Jonah Cabrera und Kelly Finch.«
Ich forme die Hände zu einem Trichter. »Finch Kelly!«
Ich bin sehr stolz auf meinen Namen. Schließlich habe ich ihn mir selbst gegeben. Er ist gut. Aber die meisten stolpern darüber. »Nach Atticus Finch«, erkläre ich immer. »Dem Anwalt aus Wer die Nachtigall stört«, dann raffen sie es gewöhnlich und nicken. Meine erste Wahl war »Atticus«, falls das was zur Sache tut, aber meine Eltern haben ein Veto eingelegt. Im Großen und Ganzen war es für sie in Ordnung, dass ihre Tochter ihr Sohn wurde. Ihren Sohn mit dem exzentrischen Namen eines griechischen Philosophen aus dem zweiten Jahrhundert herumlaufen zu sehen, war weniger in Ordnung.
»Ah, richtig.« Der Direktor schiebt seine Brille die Nase hoch und späht noch einmal zu dem Blatt auf dem Rednerpult. »Finch Kelly. Verzeihung.«
Verhaltener Applaus. Ein einsamer schriller Pfiff. Das ist vermutlich Adwoa – unsere Coachin, die uns von den billigen Plätzen aus anfeuert.
»Und die Opposition wird natürlich von unserer Ariadne Schechter und Nasir Shah präsentiert!«
Aus der Menge: Donner. Es klingt wie am ersten Abend beim Bumbershoot Festival, aus dem Publikum rollt eine tosende Geräuschwelle. Dieser Saal ist voll mit Annable-Kids, die sich an diesem Wochenende als Freiwillige beteiligen: Zeitnehmer:innen, Diskussionsleiter:innen, Tabmaster:innen. Sie sind laut. Sie sind viele. Aber sie sind nicht diejenigen, die wir überzeugen müssen.
Ich senke den Blick und schaue zur Jury hinüber, dieser Reihe Wachposten ganz vorn. Ihre Mienen sind undurchdringlich, sie klatschen nicht. Wie erreichen wir sie? Wie kriegen wir sie dazu, uns zu mögen?
Oder zumindest dazu, die Bombe zu lieben?
»Und nun, zur Eröffnung der letzten Runde des N. A. D. A. Washington State Championship heißen Sie bitte aufseiten der Befürworter der Streitfrage – »Sollte allen Staaten der Besitz von Atomwaffen gestattet werden« – Jonah Cabrera willkommen!«
Jonah erhebt sich. Noch mehr von diesem höflichen, desinteressierten Gastspiel-Applaus. Doch dann tritt er einen Schritt vor und öffnet den obersten Knopf am Sonntagsanzug seines Vaters. Und man kann es spüren: Das Publikum ist angetan und von einem Moment auf den anderen ein bisschen in ihn verliebt.
Zur Info: Jonah Cabrera sieht super aus. Also, objektiv gesehen. Mit dem kantigen Kinn und den markanten Wangen und der dunkelbraunen Haut mit dem Goldschimmer, wenn er Sonne abbekommt, sieht er wahlkampfmäßig gut aus. Wie ein Kennedy aus Calabarzon statt Camelot. Man sieht ihn an und will ihn weiter anschauen. Nein, nein, man will ihn nicht nur anschauen; man will ihm zuhören.
»Einen schönen guten Nachmittag, liebe amerikanische Landsleute«, sagt Jonah und legt eine Pause ein. »Und seien Sie gegrüßt, Genossinnen und Genossen hinter dem Eisernen Vorhang.«
Er neigt den Kopf nach rechts. Das ist ein persönliches Grinsen, nur für mich gedacht. Ich lächle zurück. In meinem Magen regt sich ein schönes, gefährliches Gefühl.
Als würden wir gegen die Regeln verstoßen.
Als würden wir ungestraft damit davonkommen.
»Das heutige Thema lautet ›Soll dieses Haus allen Staaten den Besitz von Atomwaffen gestatten‹.« Jonah räuspert sich. Auf der anderen Seite der Bühne weicht allmählich die höfliche Ruhe aus Aris Gesicht. »Wir haben beschlossen, ›dieses Haus‹ heute als den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ca. 1955 zu definieren und ›Atomwaffen‹ als …«
Ari Schechter springt auf die Füße, ihr Arm schießt wie ein Bajonett hervor.
»Geschäftsordnungsantrag!«
Jonah könnte aufhören zu reden. Er könnte auf Aris Frage eingehen.
Tut er aber nicht.
»Botschafter Finch Kelly und ich«, erklärt er, »werden im Sinne der Vereinigten Staaten von Amerika argumentieren, der Zeitpunkt der Debatte ist nach dem Tode des grausamen und blutrünstigen Diktators Josef Stalin.«
Aris Gucci-Loafer tippen einmal, zweimal, dreimal auf die Bühne: »Geschäfts! Ordnungs! Antrag!«
Der Direktor der Annable schiebt auf seinem Platz ganz vorne zwischen den Jurymitgliedern die Brille nach unten. Er hebt die Hand.
»Ja, Ms Schechter? Sie verlangen einen Geschäftsordnungsantrag?«
»Mr Speaker«, presst sie durch einen knirschenden Käfig aus Zähnen, »mein Gegner hat das Thema auf eine Art und Weise definiert, um … um diese Debatte …« Sie spricht nicht weiter, schüttelt mit finsterer Miene den Kopf und setzt noch einmal an: »Die Definitionen des gegnerischen Teams gehen meiner Meinung nach am Thema vorbei.«
Die Jury steckt die Köpfe für ihre eigene Debatte zusammen: »Hat Ari recht? Haben wir gegen die Regeln verstoßen? Oder kommt Ari wie eine zickige Vorschülerin rüber, die einen Wutanfall im Hatchimals-Gang bei Toys ›R‹ Us hat?«
Also in einer Welt, in der Toys »R« Us nicht bei lebendigem Leib von Spekulanten wie ihrem Vater gefressen wird.
»Unsere Jury ist zu einem Urteil gelangt.« Der Direktor hebt das Haupt aus den zusammengesteckten Köpfen der Jurymitglieder, er klingt – finde ich? hoffe ich? – traurig. Ein gutes Zeichen für uns. »Solange die Definition nicht unzulässig die Regeln der Debatte einschränkt – und die Jury ist nicht der Meinung, dass Mr Cabrera dies tat – hat das Team der Johnson Technical jedes Recht, die Debatte in einen historischen Kontext zu verlegen.«
»Aber … Aber …« Höre ich da etwa ein Zittern in Aris Stimme? Flennt sie gleich los? »Mr Speaker, wenn Sie die Streitfrage von der 9/11-Epoche abkoppeln, nehmen Sie ihr im Grunde …«
»Vielen Dank, Ms Schechter.« Das kommt von einer der Jurorinnen, einer Frau mit glattem schwarzem Haar, sie erhebt die Stimme, um Ari zu übertönen. »Sie können fortfahren«, sagt sie lächelnd zu Jonah, »Botschafter Cabrera.«
Das Publikum – dieses Publikum aus Annable-Leuten, so auf der Seite von Ari und Nasir, so total gegen uns –, es lacht tatsächlich! Und zwar lauthals! Ari lässt sich mit wütendem Blick auf ihren Platz fallen. Jonah dreht sich zu mir, auf den Lippen wieder dieses winzige Lächeln, das nur uns beide einschließt.
Das hier bedeutet: Hab ich dir doch gesagt, dass ich uns in die richtige Richtung lotse.
Nach der Runde, die ehrlich gesagt weniger das Blutbad war, das ich mir gewünscht hätte, werden wir vier in eine kleine weiß gemauerte Kammer hinter der Bühne geführt. Man bezeichnet so was wohl als Greenroom, er ist spärlich möbliert: ein Couchtisch und eine einzige abgewetzte Couch. Nach unserer fast einstündigen Diskussion bin ich überdreht und möchte mich hinsetzen und runterkommen. Aber Nasir ist schneller als ich. Und nachtragend, wie er ist, stürzt er sich auf dieses einzige Sofa und macht sich auf allen drei Kissen breit.
»Du gestattest?«, frage ich und klopfe mit einem müden Fuß. »Ich würde mich gern setzen.«
Er gibt keine Antwort, sondern schließt die Augen, spreizt die Beine noch weiter und hält beide Mittelfinger himmelwärts.
Jonah lacht. »Und der Preis für Miss Liebenswürdigkeit geht an …«
»Liebenswürdigkeit? Liebenswürdigkeit?« Ari klingt heiserer als sonst und zieht, während sie im Raum hin und her läuft, kräftig an einer quietschepinken Juul. »Ihr zwei habt die Streitfrage voll zu euren Gunsten gebogen, und du …« Sie bleibt stehen und deutet mit ihrer E-Zigarette auf Jonah: »Du hast uns gezwungen, als Befürworter eines der repressivsten Regimes in der Geschichte der Menschheit zu argumentieren.«
»Hey, erinnerst du dich noch, dass du die Jury gefragt hast, ob wir die Regeln brechen?« Jonah lehnt sich gegen die weiße Ziegelwand und lächelt sie mit seinem breiten, lässigen Grinsen an. »Und erinnerst du dich auch noch, dass sie bestätigt haben, dass dem nicht so ist?«
»Ganz richtig.« Ich bin in der Stimmung, weiterzudiskutieren. »Du bist doch bloß sauer, dass du nicht an den Aspekt des Kalten Krieges gedacht hast.«
»Da hast du recht. Zu schummeln wäre mir nie in den Sinn gekommen.« Aris Husten klingt verschleimt. »Ist ja auch egal. Beim Bundesstaatenwettkampf rücken die beiden besten Teams automatisch zu den Nationals auf. Was will man mehr?«
Sagt das Mädchen, das alles hat – einschließlich eines Studienplatzes an meiner Traum-Uni. Den sie sich erschummelt hat.
»Erinnere mich noch mal, Ari: Wie viele Gebäude in Georgetown sind doch gleich nach euch benannt?«
»Boah, Finch. Find dich damit ab!« Selbst durch die Dampfschwaden sehe ich, wie sie die Augen verdreht. »Es ist nicht meine Schuld, dass die Frühzulassung dir einen Arschtritt verpasst hat. Neuntausend Leute haben sich um neunhundert Plätze beworben.«
»He, nicht so laut.« Nasir zieht einen Ohrstöpsel heraus. »Ich versuche gerade, auf das Badewasser von dieser Twitch-Streamerin zu bieten.«
Ich beachte ihn nicht. So wie wir alle.
»Und du bist nicht der Meinung, dass du bei diesem Wettkampf ein paar Vorteile hattest, Ari?« Ich gehe einen Schritt auf sie zu, in ihren Nebel hinein. »Und auf deinem Arsch gesessen hast, während dein Dad Scheck um Scheck ausstellte …«
Sie verdreht noch immer die Augen. »Er hat einen Scheck ausgestellt, Finch.«
Mein Aufschrei lässt meine Stimme versagen: »Über vierzig Millionen Dollar!«
»Ach wirklich?« Sie atmet lila aus. »Ich dachte, es wären fünfzig gewesen.«
Ich stürze mich fast auf sie – um was genau zu tun, weiß ich nicht. Ich habe mich noch nie geprügelt und ich würde definitiv den Kürzeren ziehen. Ari ist größer und kräftiger als ich. Neben ihr sehe ich wie ein Strich in der Landschaft aus. Zum Glück gewinnt Jonahs kühlerer Kopf die Oberhand. Er legt mir eine Hand auf die Schulter und zieht mich zurück.
»Ganz ruhig bleiben, ihr zwei.« Er sagt das sowohl zu mir als auch zu ihr. »Nicht der richtige Zeitpunkt für einen Faustkampf.«
»Nein, natürlich nicht«, sagt Ari kopfschüttelnd. »Aber selbst da würdest du vermutlich noch einen Weg finden zu bescheißen.«
Entgegen Jonahs Ratschlag ballen sich meine Hände links und rechts zu wütenden Fäusten. »Wir haben nicht beschissen.«
Genau in diesem Moment wird die einzige Tür des Raums aufgestoßen: Die Spitzen der Budapester des Direktors treten ein. Ari versucht hektisch, ihre Juul wegzustecken, Nasir schiebt sein Handy in die Hosentasche, und ich schüttle meine Fäuste wieder zu Händen. Als die Tür schließlich ganz offen ist, stehen wir vier stramm. Musterschüler:innen. Falls der Direktor den violetten Nebel um Ari bemerkt, lässt er sich jedenfalls nichts anmerken.
»Ms Schechter? Mr Shah?« Er wendet sich zu mir und Jonah und überlegt angestrengt – kein Blatt dieses Mal, von dem er ablesen könnte. »… Die anderen?«
»Mr Kelly«, helfe ich ihm auf die Sprünge, und Jonah schiebt »Mr Cabrera« nach. Der Direktor heuchelt ein Lächeln und deutet mit den Armen auf die geöffnete Tür.
»Wunderbar«, sagt er. »Wir sind bereit für sie.«
»Was für eine temperamentvolle harte letzte Runde zum Abschluss dieses Wettkampfes.«
Der Direktor späht über seine Schulter und grinst Ari – die sich mit aufgeblasenen Wangen bemüht, einen Raucherhusten zu unterdrücken – und Nasir an. Für uns gibt es kein Lächeln. Von mir aus. Soll er uns meinetwegen abschreiben. Dann wird es noch viel schöner, wenn er diesen Umschlag aufreißt und unsere Namen liest.
»Ich werde nicht lange herumreden«, erklärt er, »denn es ist mir ein Vergnügen, die diesjährigen Gewinner des Washington State Senior Debate Championship zu verkünden.«
Seine Finger klacken leise gegen das Holz des Rednerpultes – vermutlich die einprozentige Version eines Trommelwirbels. Er nimmt den Umschlag. Er reißt ihn auf.
Und gerade als ich mich bereit machen will aufzustehen, sagt er: »Glückwunsch … Ariadne Schechter und Nasir Shah!«
Ich stehe nicht auf. Ich atme nicht. Ich kann nur zusehen, wie Ari und Nasir verblüfft auf der Bühne nach vorn stolpern und eine Trophäe entgegennehmen, die so groß ist wie ich. Ich blicke nach links zu Jonah und stelle fest, dass er mich bereits verdattert ansieht.
»Zweiter Platz«, sagt er zögernd. »Zweiter Platz rückt trotzdem noch zu den Nationals auf. Zweiter Platz ist … in Ordnung. Oder?«
Falsch, möchte ich ihm erklären. Zweiter Platz ist nicht gut genug. Nicht für mich, nicht für uns und definitiv nicht für Georgetown.
Aber ich gebe ihm keine Antwort. Ich kann nicht. Zum ersten Mal an diesem Tag hat mich die Sprache verlassen.
»Wie isses gelaufen, Champion? Haste ein paar Annable-Ärsche versohlt?«
Dad sieht verschwommen aus im Objektiv des Wohnzimmer-Computers und kratzt sich das Midlife-Crisis-Bärtchen am Kinn. Er nennt mich oft »Kumpel« und »Champion« – sozusagen als Bestätigung meiner Männlichkeit. Normalerweise stört es mich nicht, aber heute habe ich das Recht verloren, mich als »Champion« zu bezeichnen. Und zwar öffentlich und demütigend vor Hunderten. Ich zucke zusammen, als ich daran denke; Dad bekommt es mit.
»Was ist los? Warum ziehst du so ein Gesicht?« Er beugt sich vor, runzelt die Stirn, ein Sturm braut sich zusammen. »Hat wieder eins der verwöhnten Bälger einen Kommentar zu deinen Klamotten abgelassen?«
»Ist das Finch?« Hinter Dad erkenne ich verschwommen Flanell: Es ist Mom, die sich einen Stuhl heranzieht und in die Webcam schaut. »Was ist denn, Schatz? Du siehst nicht glücklich aus.«
Wenn es das instabile Billig-Hotel-Wi-Fi zulässt, rufe ich meine Familie normalerweise nach den Wettkämpfen an. Aber noch nie zuvor musste ich sie über eine Katastrophe informieren. Ich weiß nicht recht, wie ich es anstellen soll – Leuten, die selbst genug davon in ihrem Leben haben, eine schlechte Nachricht zu überbringen.
Während ich noch nach Worten suche, erscheint meine kleine Schwester im Bild. Sie streicht die Haare mit den Fingern zurück – früher waren sie rot wie meine, doch seit Kurzem hat sie sie mit Farbe aus der Drogerie schwarz gefärbt.
»Moment. Habt ihr etwa verloren?«, fragt sie ungläubig. Ich nicke grimmig. Sie lässt ein mitfühlendes »Fuck« hören.
Dad ruft »Ruby! Keine Kraftausdrücke!«, aber ich weiß, innerlich meint er sein Schimpfen nicht ernst. Der dunklen Wolke nach zu urteilen, die sich auf seiner Stirn zusammenbraut, ist er kurz davor, selbst über die Annable zu fluchen.
»Und?« Mom, eine Kunst-Redakteurin für Mountain, weiß, wie sie ein hartes Interview führen muss. »Kannst du uns erzählen, was passiert ist?«
Soll ich lügen? Oder wenigstens ein bisschen Zuckerguss über die Sache gießen? Nein, nein; Mom würde sowieso die Wahrheit aus mir herausholen. Lieber ehrlich sagen was ich jetzt bin: ein Loser. Jemand, der verliert.
»Ja, Annable hat uns in der letzten Runde geschlagen.« Ich kratze an einem ausgetrockneten Pickel auf meiner Nase. »Wie hoch, weiß ich noch nicht. Das erfahren wir erst, wenn wir die Abstimmungszettel zurückbekommen.«
»Oh Finch, Herzchen«, gurrt meine Mutter. »Es tut mir so leid. Du bist bestimmt …«
»Was ist mit deinen College-Bewerbungen?«, unterbricht Dad. »Du wolltest diesen Unis in D. C. doch deine Ergebnisse vom Bundesstaatswettkampf schicken, oder? Um ein paar zusätzliche Stipendien-Dollars zusammenzutrommeln?«
Echt gut zu wissen, dass ich mich immer darauf verlassen kann, dass mein Vater meine tiefsten Ängste aussprechen wird.
»Na ja, wir sind Zweite geworden«, setze ich langsam an und versuche zu lächeln. »Das bedeutet, wir rücken trotzdem zu den Nationals auf. Immerhin etwas.«
Das hat Jonah vorhin zu mir auf der Bühne gesagt, als die Niederlage noch ganz frisch war. Aber erst jetzt, als ich es laut wiederhole, wird es mir bewusst: Zweiter Platz ist auch schon was. Habe ich es nicht verdient, stolz auf dieses Was zu sein? Wenigstens ein bisschen?
»Aber ohne volle Kostenübernahme kannst du nicht in D. C. auf die Uni gehen«, sagt Dad. »So dicke haben wir es nicht, Junge. Darüber haben wir geredet.«
Haben wir. Wir haben geredet und geredet und geredet. Aber offenbar nicht genug: Dad lässt keine Chance aus, Salz in diese spezielle Wunde zu streuen. Meine Mutter und er wollen mich überreden, mich im Bundesstaat nach einer Uni umzusehen, aber ich habe mein Herz an das andere Washington verloren, das, in dem der Fortschritt stattfindet, wo gute Leute den gerechten Kampf führen, wo jeder Ziegelstein Geschichte ausatmet. Georgetown ist meine Traum-Uni, aber ich habe mich auch an der American und der George Washington beworben. Ich will einfach dort sein, verstehst du? Ich will alles, was die Stadt zu bieten hat.
Und natürlich will ich den Brownstone von Mitch McConnell mit einer Schachtel Eier von frei laufenden Hühnern beschmeißen. Das wird mir keine Uni in der Umgebung von Seattle bieten können.
»Dad. Bitte. Ich weiß.« Wenn mich mein Vater so in die Mangel nimmt, habe ich die schlechte Angewohnheit, nur noch mit einzelnen Silben zu antworten. »Ich gebe mein Bestes. Ich arbeite hart. Heute war bloß ein schlechter Tag.«
»Im Moment zählt alles«, erwidert er, ohne zuzuhören. »Jede Note. Jeder Test. Jeder Wettkampf.«
Ich sehe seinen finsteren Blick. Ich schlucke. Ich habe keine einzige Silbe mehr in mir. Also schweige ich. Ich finde hervorstehende Nagelhaut an einem Finger und kaue darauf herum.
»Herrgott noch mal, Mitch, kannst du ihn bitte in Ruhe lassen?«
»Was denn? Was hab ich denn getan?«
»Er hat gerade seine große Runde verloren. Vielleicht hebst du dir deine Tirade für einen anderen Tag auf.«
»Tja, wenn er sich diese Elite-Unis am anderen Ende dieses Scheiß-Landes in den Kopf gesetzt hat, wird er dafür arbeiten müssen …«
»Aghghghghghghghghghghghgh.« Roo rutscht näher an die Kamera und späht mich durch zu Klauen eingerollten Händen an. »So ging es das ganze Wochenende, Finch. Komm nach Hause. Rette mich. Bitte. Ich halt es nicht mehr aus, Scheiße noch mal.«
»Okay!«, ruft meine Mutter. »Jetzt reicht’s!« Mein Vater und sie dürfen sich anzoffen, wie sie Lust haben – den ganzen Tag, die ganze Nacht, apokalyptisch –, aber Gott bewahre und Roo wirft die S-Bombe ab. »Geh auf dein Zimmer, Ruby.«
»Dein Ernst?« Ihre ungeschickt waschbärmäßig umrandeten Augen drehen und drehen sich. »Ihr seid doch diejenigen, die den Dritten Weltkrieg vor Finch abziehen.«
»Geh. Auf. Dein. Zimmer.«
»Okay. Wenn du meinst.« Roo hebt kapitulierend die halb in ihrem langärmligen Hoodie verborgenen Hände und steht auf. »Tut mir leid, dass du die Runde verloren hast, Finch. Richte dieser Schlampe von der Annable aus, sie soll einen … lutschen gehen …«
»Ruby!«
Und schon ist Ruby nicht mehr in der Kamera zu sehen.
»Tut mir leid wegen ihr«, sagt Mom. »Ist schon in Ordnung, wirklich«, erkläre ich ihr, denn wenn ich etwas wirklich nicht ausstehen kann, dann irgendwelche Vertraulichkeiten meiner Eltern, wie schwierig Roo sein kann.
»Falls du die Nationals gewinnst«, sagt Dad – und streut weiter Salz in meine Wunden, »machen diese D. C.-Unis bestimmt die Taschen auf.«
»Ich hoffe es.« Trotz der frischen Schrammen habe ich bereits angefangen, mir über den nächsten Wettkampf Gedanken zu machen. »Das ist harte Konkurrenz, diese Internate in New England, aber …«
»Hey, Finch! Die Dusche ist frei!«
Ich war so in mein Telefongespräch vertieft gewesen, dass ich nicht gehört habe, wie die Badezimmertür aufging. Jonah zu übersehen, der in einer blassen Dampfwolke herauskommt, das Handtuch gefährlich tief sitzend, ist hingegen unmöglich. Ich halte die Hand vor meine Webcam. Ich will nicht, dass meine Eltern sehen, was ich sehe.
»Finch?«, ruft meine Mutter verwirrt. »Bist du noch da?«
»Jep!«, zwitschere ich. »Sorry. Habe gerade ein Problem mit der Kamera.« Jonah beugt sich über einen Koffer, sein Handtuch rutscht noch tiefer. Ich werde meine Hand nicht so bald wegziehen. »Kann ich euch später anrufen? Nach dem Bankett?«
»Klar doch, Sportsmann.« Ich habe noch nie in meinem Leben irgendeinen Sport betrieben. Das weiß Dad. »Halt die Ohren steif.«
»Danke.« Ich drücke energisch auf das rote Telefon.
Die Gefahr ist gebannt. Jonah zieht gerade die Hose hoch.
»Glückwunsch«, sage ich. »Jetzt wissen meine Eltern offiziell, dass du pumpen gegangen bist.«
Jonah lacht und schlägt mit dem Handtuch nach mir. Ich weiche aus, aber nur knapp. Das Handtuch trifft mit einem nassen Klatschen die Matratze.
»Ehrlich gesagt, bin ich momentan überhaupt nicht in Form«, sagt er, was natürlich eine Lüge ist, denn ich habe gesehen, wie sich sein Bizeps gerade angespannt hat. Die Muskeln sind direkt vor meiner Nase, kleine Wassertröpfchen aus der Dusche schimmern darauf. Es ist so was von obszön. »Kein Musical dieses Jahr bedeutet: Kein Boyfriend macht mir bei Tanzproben Feuer unterm Arsch. Allmählich werde ich schwabbelig.«
»Echt jetzt, Jonah?« Ich hebe eine Hand und deute auf … alles von ihm. »In welcher Welt gilt das hier als schwabbelig?«
Es kommt bitterer heraus als beabsichtigt. Aber ich kann nichts gegen meinen Neid tun, wenn ich Jonah so ansehe, hoch aufgeschossen und sonnengebräunt. Irgendwann, wenn die Krankenversicherung einwilligt, werde ich meinen Körper zu etwas modellieren, das ich nicht verabscheue. Allerdings wird mich keine Operation der Welt größer machen. Oder meine krausen Haare glätten. Oder meine papierweiße irische Haut daran hindern, schon bei der bloßen Andeutung von Sonnenlicht zu verbrennen.
Jonahs Freund, Bailey Lundquist, der Star des Theaterclubs an der Johnson Tech – ist ebenfalls blass. Sogar noch blasser als ich. Aber ihm steht dieser Mondlook. Seine Züge haben etwas Zartes, Elfenhaftes. Er und Jonah sehen gut zusammen aus. Unter ihren Halloweenkostümen der letzten Jahre: ein mittelalterlicher Ritter und ein Elfenprinz; ein säbelrasselnder Pirat und ein Tiefsee-Meermann; Jon Snow und Daenerys Targaryen mit Jonahs heiß geliebtem Hund Toto, der mit Pappmaschee-Drachenflügeln hinterhertrabte.
»Hey, du musst es von der positiven Seite betrachten«, sagt Jonah – vielleicht hat er den bitteren Unterton in meiner Stimme bemerkt, vielleicht möchte er mich aufmuntern. »Wir haben die letzte Runde verloren, aber wir haben etwas sehr viel Wichtigeres gewonnen.«
»Ach ja?« Ich werde munter. »Was haben wir denn gewonnen?«
»Zwei Tickets, um die Muskeln spielen zu lassen, Baby!« Er hebt die Arme und spannt den Bizeps wie ein Bodybuilder an.
»Ich hasse dich.« Ich schleudere ein Kissen nach ihm; frontal in die Bauchmuskeln, Volltreffer. »Zieh dir ein Hemd an.«
»Für das Bankett dachte ich an Blau.« Er wirft das Kissen beiseite und beugt sich über seinen Koffer. »Und vielleicht meinen Hamilton-Hoodie für Nasirs After-Party. Den mit ›Talk less, smile more‹.«
Ich lache. »Guter Ratschlag für Nasir.«
»Weißt du was?« Jonah hebt den Kopf und deutet auf mich. »Du solltest mitkommen.«
»Mitkommen? Mit dir? Zu Nasirs After-Party?«
»Ja, zu allen drei Punkten.«
»… Warum?«
Ich war noch nie bei einer von Nasirs Absturzpartys, aber ich habe genug Geschichten über diese Gemetzel gehört: Knochenbrüche, Kindeszeugungen, Fliesenböden, ölglatt von Bier und Körperflüssigkeiten. Nicht unbedingt mein Ding.
»Vielleicht muntert dich eine Party auf«, sagt er. »Und lenkt dich vom Finale ab.«
»Auch wenn uns der Gastgeber der Party bei besagtem Finale geschlagen hat?«
Jonah gibt keine Antwort; ich habe gewonnen. Ich feixe und steuere auf die Dusche zu. »Hoffe, du hast nicht das ganze warme Wasser verbraucht.«
»Pah«, erwidert er. »Du weißt, dass ich nur Blitzduschen nehme.«
Das weiß ich tatsächlich von unseren vorherigen Übernachtungen in Super-8-Motels und Quality Inns. Aber ich ziehe ihn trotzdem gern damit auf. »Klingt trostlos, Greta.«
»Weißt du was? Für diesen Spruch werde ich mit der Stoppuhr festhalten, wie lange du da drin bist.« Er tippt auf eine unsichtbare Uhr an seinem Handgelenk. »Dann sag ich dir haargenau, wie viel Wasser du vergeudet hast.«
Ich werfe ihm einen finsteren Blick zu – ja, ich mag es, lange zu duschen; verklag mich doch! – und gehe ins Bad. Nach Jonahs kurzer Wasserfolter auf Raumtemperatur ist es zwar nur leicht dampfig, aber ich muss den Spiegel trotzdem mit der Hand abwischen. Als ich mich sehe, bin ich überrascht: Auf meinem Kinn sprießt ein rotblonder Schatten. Es schockt mich immer noch jedes Mal. Wie ich wohl aussehen würde, wenn ich ihn zu einem Bart wachsen lassen würde? Zottelig? Pubertär? Absolut unüberzeugend?
Ich seufze. Ich greife nach dem Rasierer.
Nach anderthalb Jahren Testosteron und einem Jahr pubertätsverzögerndem Lupron gehe ich endlich als dreizehnjähriger Junge durch. Ich bekomme oft das Kindermenü gereicht. Viele wohlmeinende Fremde fragen mich: »Und, bist du aufgeregt, auf die Highschool zu kommen, junger Mann?« Das »junger« nervt, aber der »Mann« geht klar. Mehr wollte ich nie. Leute sehen mich an und denken »er«. Sie denken »ihn«. Ohne darüber nachzudenken.
Ich schon. Ich denke darüber nach. Vor allem, wenn ich allein bin wie jetzt gerade. Ich sehe meine Augen im Spiegel und gehe jedes Detail durch. Sind meine Wangen zu rund? Ist mein Kiefer kantig genug? Sollte ich meine Akne abdecken oder werden Fremde das Make-up bemerken und »Mädchen« denken?
Die beste Methode, diesen Fragen ein Ende zu machen, ist, die Dusche voll aufzudrehen und mich vom Wasserstrahl durchkochen lassen. So schalte ich am liebsten ab. Nicht mit Feiern. Ich war bisher nie bei einem von Nasirs Abstürzen – und sollte ich in Anbetracht des garantiert reichlich fließenden Alkohols dort und Dads Geschichte mit dem Zeug nicht lieber die Finger davon lassen?
Keine Ahnung. Vielleicht liegt es an dem heißen über mich laufenden Wasser, dass ich ruhiger werde, aber allmählich denke ich, dass Jonah recht haben könnte. Würde mich ein bisschen Musik und Bewegung in eine bessere Stimmung versetzen? Ich kann schließlich einen Bogen um das Bier machen, oder? Sprite trinken. Sogar tanzen, falls mich mein Rücken nicht mehr umbringt.
Das erinnert mich an: Ich müsste den ganzen Abend abbinden, oder? Aber ich möchte den Binder nicht wieder anziehen. Zum ersten Mal heute kann ich richtig atmen: ganz tief ein, ganz tief aus. Nichts presst meinen Oberkörper zusammen, meine Rippen, meine Lungen. Der Preis für diese Erleichterung heißt jedoch, erinnert zu werden. An sie. Und wie unübersehbar sie sind. Und wie absolut falsch für mich. Im Sommer habe ich meinen OP-Termin. Was mich angeht, kann er gar nicht schnell genug kommen. Doch bis dahin muss ich unter dem Duschkopf den Kopf senken und die Wärme auf den wundesten Punkt direkt zwischen meinen Schulterblättern treffen lassen, wo der Binder den ganzen Tag draufgedrückt hat.
Als ich so vornübergebeugt die langen Wasserrinnsale von meinen Beinen zu meinen Knöcheln beobachte, werde ich auch daran erinnert, dass ich heute noch nicht geweint habe. Kein einziges Mal. Eigentlich sollte ich weinen. Oder? Debattieren ist der absolut einzige Ort, an dem ich unbesiegbar bin, wo ich alle und alles übertreffen kann. Aber ich habe verloren! Ich habe das Finale des Bundesstaates verloren! Eine der wirklich entscheidenden Runden. Eine Runde, die bei den Zulassungskomitees der Georgetown, der American und der George Washington Gewicht gehabt hätte. Ich würde gern deswegen weinen. Wirklich. Ich wünschte, ich könnte die Augen zusammenkneifen und alles herauspressen: die Wut natürlich, aber auch die Angst und die Verlegenheit.
Das ist der Haken bei der Einnahme von Testosteron, allerdings der Haken, über den einen niemand aufklärt: Manche Jungen verlieren durch eine bizarre Konfluenz von Biologie und Chemie und Endokrinologie die Fähigkeit, zu weinen. Man wird natürlich immer noch traurig. Man spürt immer noch dieses heiße, vertraute Brennen hinter den Augen und dieselbe Enge in der Kehle. Aber man kann die Trauer nicht rauslassen. Das Wasser kommt nicht.
Da wir schon von Wasser sprechen, ich habe viel zu viel verbraucht. Wenn ich nicht bald aus der Dusche steige, wird Jonah mir einen seiner … na ja, nein, Vorträge trifft es nicht. Er wird mir eher ein schlechtes Gewissen machen. Wie immer man es nennt, wenn der Debattierpartner sein Handy zückt und einem die Greatest Hits zeigt: die Schildkröte mit Plastikstrohhalm im blutigen Nasenloch, das Seepferdchen, das sich perfekt um ein Q-Tip kringelt, ein bis auf die Knochen abgemagerter Eisbär, der mitleiderregend durch eine Tundra aus Müll streift.
Manipulativ wie sonst was? Ja. Unglaublich wirkungsvoll? Auch ja.
Ich trete aus der Duschkabine. Als ich nach dem Handtuch greife, sehe ich mich kurz und verschwommen im Spiegel. Die Zwillingsspitzen meiner Brust, die sich heben und senken. Ich drehe mich weg. Ich wünsche mir – nicht zum ersten Mal –, in einem anderen Körper zu leben.
Vor dem Flurspiegel versucht sich Jonah – vergeblich – am Binden seiner Krawatte. Es ist irgendwie lustig: Jonah, der sich sein ganzes Leben als Junge definiert hat, selbst wenn es um besagtes Leben ginge, kann keinen simplen Krawattenknoten binden. Aber ich, der Typ, der in Rüschen und Schleifen großgezogen wurde? Ich habe es drauf.
Jonah sieht neidisch zu, als ich mich neben ihn stelle und mühelos meine Krawatte zurechtrücke. »Warum kannst du das so gut?«
»Am Windsorknoten habe ich mir die Finger blutig geübt«, erkläre ich ihm. »Um zu kaschieren, dass ich keinen Adamsapfel habe.« Er lacht. Ich winke ihn näher. »Komm her. Lass mich meine transmaskuline Zauberkraft anwenden.«
Er dreht sich zu mir. Die Enden seiner Krawatte hängen lang und lose herunter. »Zeig, was du draufhast«, sagt er, als ich das eine Ende mit roten und blauen Streifen und das weiße andere mit goldenen Sternchen nehme.
»Was ist das denn für ein Muster?«, frage ich. »Ich hätte ja auf die USA-Flagge getippt, aber die Farben sind nicht ganz …«
»Nein, das ist die Fahne der Philippinen«, erklärt er. »Mein Dad hat sie mir für diesen Wettkampf gegeben. Ich hätte sie heute Abend gern rausgezogen, quasi als sehr subtilen Mittelfinger für die Jury, die mich anschaut und denkt ›Dieser Typ kann doch nie im Leben manierlich Englisch‹.«
Ich weiß ganz genau, was er meint. Als wir jünger waren – Neuntklässler, die Neuen –, ist es noch häufiger passiert. Doch selbst jetzt mit unserem Regalbrett voller Trophäen geraten wir manchmal an einen Preisrichter, der bereits die Stirn runzelt, wenn Jonah den Raum betritt und bevor er überhaupt etwas gesagt hat. Oder an einen Moderator, der die Regeln einen Tick zu langsam vorliest. Manchmal geraten wir sogar an einen Gegner, der Jonah beim artigen Händeschütteln nach der Runde zu seinem fehlenden Akzent beglückwünscht.
»Du bist besser als sie alle.« Meine Hände nesteln immer noch an seiner Krawatte herum. »Das weißt du, oder?«
Ich sehe zu ihm hoch und warte auf ein Lächeln. Ein Nicken. Irgendetwas, das mir zeigt, dass er mich versteht. Stattdessen sagt er: »Tut mir leid.«
Ich sehe ihn fragend an. »Was tut dir leid?«
»Die Kalter-Krieg-Sache«, sagt er. »Das hat uns das Genick gebrochen. Und es ist meine Schuld. Hundertprozentig. Ich übernehme die volle Verantwortung.«
Ich sehe nach unten: auf meine Hände, seine Krawatte. Ich kann ihm nicht in die Augen schauen. Wie, wie kommt er darauf, dass unsere Niederlage seine Schuld sei? Es ist meine, denke ich, meine Schuld. Und weil ich unkonzentriert bin, lasse ich den entscheidenden Schritt bei dem Knoten aus und vermassle das ganze Ding. Das schmale Ende baumelt lose bis zum Gürtel hinunter.
»Entschuldige dich nicht.« Ich ziehe den Knoten wieder auseinander, streiche das Rot und Blau und Gold glatt. »Wir haben verloren, weil ich nicht auf Aris Stellvertreterkrieg-Argument gefasst war.«
»Nein, nein. Du hattest alles im Griff.« Jonah seufzt. »Als du die imperiale Überdehnung eingebracht hast, fiel ihr nichts dazu ein. Dein ganzer Paul-Kennedy-Sermon war super.«
»Aber er hat Nasir nicht ausgebremst«, brumme ich, ich bin nicht in der Stimmung für Komplimente. »Vergiss nicht, wie er anfing mit ›Derselbe Paul Kennedy, der es ins Bücherregal von Osama bin Laden geschafft hat?‹.«
»Mann, das war so eine arschige Reaktion«, sagt Jonah kopfschüttelnd. »Weißt du, was sie noch auf bin Ladens Festplatte gefunden haben? Ungefähr fünfzig Episoden Naruto. Ist Sasuke deshalb ein Terrorist? Warte. Nein. Schlechtes Beispiel.«
»Halt still«, weise ich ihn an, als er ganz aufgeregt mit den Armen fuchtelt, weil er über Anime redet. »Nicht die Schultern bewegen.« Ich ziehe den Knoten an seinem Hals fest. »Und du brauchst dir auch keine Schuld zu geben.«
Er lässt die Hände sinken. »Es ist bloß … Ich weiß, wie wichtig diese Runde für dich war. Wegen Georgetown. Und D. C. Und … überhaupt.«
»Ach.« Ich atme aus und zupfe seinen blauen Kragen zurecht. »Wir können immer noch die Nationals gewinnen.«
»Verdammt richtig, Dude.«
Wir schlagen die Handflächen aneinander – ein High Five, das sich wie ein Versprechen anfühlt.
»Und?«, fragt er. »Bist du so weit? Wir wollen nicht zu spät zum Bankett kommen. Oder zur After-Party.«
»Oh, ich kann es kaum erwarten«, antworte ich trocken und folge Jonah durch die Tür. »Heute Abend ist ja der Abend, an dem ich endlich herausfinden werde, wie eine Party aussieht.«
Doch meine Antwort scheint zu trocken gewesen zu sein, Jonah schaut mich über die Schulter mit großen Augen an.
»Wie jetzt«, setzt er langsam an und versucht, aus meinem Kommentar schlau zu werden. »Ist das dein Ernst? Du, Finch Kelly, der stillste Nerd aller Zeiten – du willst mitkommen? Zu Nasir Shahs Besäufnis?«
Ist es mir wirklich ernst? Keine Ahnung. Ich stand eine ganze Weile unter der Dusche und habe mir diese Party ein- und dann wieder ausgeredet. Ich könnte hier sogar noch länger stehen und alles mit Jonah hin und her diskutieren, die Pros und Kontras erläutern.
Aber ich habe den ganzen Tag debattiert. Ich habe keine Lust mehr zu reden. Deshalb zucke ich mit den Achseln und antworte Jonah mit einer einzigen schlichten Silbe: »Klar.«
»Ja!« Jonah gibt mir die Faust. »Dann könnt Ari und du endlich diese ganze sexuelle Anspannung zwischen euch diskutieren.«
Ich schubse ihn mit einem kräftigen Stoß durch die offene Tür. Er lacht und schubst zurück. Wir stolpern auf den Gang und zielen mit Boxbewegungen aufeinander, allerdings zu sanft, um tatsächlich zu treffen.
Dank der Busse in Seattle kommen wir knapp eine Stunde zu spät zur Party. Der Himmel über der eleganten stahlgrauen Villa, die Nasir sein Zuhause nennt, ist schwärzer als schwarz, und die Feierlichkeiten sind in vollem, grausigem Gange. Ich setze mit einem kleinen Ballettsprung über eine nach Oatmeal aussehende Kotzelache, um auf die Hausklingel zu drücken. Ein hässliches Surren, das nach einem Schwarm Bremsen klingt, ist zu hören, dann reißt Nasir die Tür auf: türkisfarbene Partybrille, kein Shirt. »Wird aber auch Zeit«, grölt er. »Bereit, euch richtig abzuschießen?«
Bevor ich fragen kann, wohin er uns führt, zieht er uns auch schon durch einen strahlend weißen Eingangsbereich in einen noch strahlenderen und weißeren Flugzeughangar von Küche. Er deutet mit einer Armbewegung auf eine Arbeitsfläche mit Spirituosenflaschen – und ein einziges eingedelltes Tetrapak Tropicana.
»Das ist meins«, erkläre ich und schenke mir ein großes Glas Orangensaft ein.
»Echt, warum das denn?« Nasir verzieht das Gesicht, als er meinen Drink sieht. »Du trinkst das Mixzeug pur? Wer macht den so was, Mann?«
»Keine Sorge, Nasir«, sagt Jonah, die Hand um den Hals einer grünen Flasche. »Ich werde genug für uns beide trinken.«
»Macht das keinen roten Kopf bei dir oder so?«, erkundigt sich Nasir ernsthaft. »Du bist doch Asiate? Oder ist das nur bei den Weibern so?«
Jonah holt tief Luft – einen langen Atemzug, bei dem man fast bis fünf zählen kann. »War nett, mit dir zu quatschen, Nasir.« Und dann, bevor ich protestieren oder ihn bitten kann, bei mir zu bleiben, ist er verschwunden.
Er hat mich nicht mit Nasir allein gelassen. Nicht ganz. In der Küche drängen sich ungefähr fünfzig Leute – Debattierende, die ich kenne, Freiwillige, die ich nicht kenne. Die Mädchen tragen den gleichen Fummel wie beim Bankett, die Jungen haben die Krawatte gelockert und die Ärmel hochgekrempelt. Sie schenken sich Getränke ein, grölen Popsongs, die ich nicht kenne, falsch mit und setzen angetrunkene Versionen der Diskussionen fort, die wir den ganzen Tag geführt haben. Sie wirken zu Hause hier. Als würden sie sich wohlfühlen. Als sei der Sprung vom Podium zur Party die normalste Sache der Welt. Wo kommt dieses Selbstbewusstsein her? Und wie kann ich es erreichen?
Nasir verpasst mir einen Rippenstoß. Ich Glückspilz. In diesem riesigen Raum sucht er sich ausgerechnet mich zum Volltexten aus.
»Und was hat es mit dem O-Saft auf sich?«, fragt er. »Warum trinkst du nicht?«
Ich bin jede Woche mit Roo bei Alateen-Treffen. Ich weiß haargenau, wie ich mit dieser Frage umgehen muss. »Na ja, viele Leute wissen das nicht, aber Alkohol verursacht Krebs«, erkläre ich ihm. »Die Weltgesundheitsorganisation stuft Alkohol deshalb als …«
»Aber du bist doch irischer Abstammung, oder?« Er strubbelt durch meine roten Haare. »Ich dachte, ihr steht auf das Zeug.«
Da wir im einundzwanzigsten Jahrhundert auf einer Hausparty sind und nicht, zum Beispiel, auf Ellis Island, erwischt mich die erbärmliche antiirische Diskriminierung eiskalt. Darauf hat mich Alateen nicht vorbereitet. Ich habe keine Ahnung, was ich ihm antworten soll. Und bevor mir etwas einfällt, höre ich auch schon eine vertraute Stimme. »Heilige Scheiße, Nas. Lass den Jungen in Frieden.«
Als ich mich umdrehe, sehe ich Ari Schechter am Wasserhahn, wo sie langsam ein Glas mit Wasser füllt. Im Gegensatz zu allen anderen Mädchen im Raum hat sie sich nicht für die Party aufgestylt. Sie hat nicht mal ihre Uniform ausgezogen. Sie kommt mit schwingendem Schottenrock durch die Menge auf uns zu. Ist ihr bewusst, wie schräg sie aussieht? Wie fehl am Platz? Interessiert sie das überhaupt?
»Rodham!«, kräht Nasir und klatscht ihr auf den breiten Rücken. »Hab gar nicht damit gerechnet, dass du kommst!«
»Eine Siegerrunde lass ich nicht aus.« Ari grinst mich selbstzufrieden an. »Wie geht es dir, Finch? Das Urteil hast du wohl nicht erwartet, was?«
Erinnere mich: Wie konnte ich auf die Idee kommen, dass mich diese Party aufmuntern würde?
»Und bei den Nats werden wir euch noch mal plattmachen!« Nasir hält seine Flasche hoch und stößt einen triumphierenden Schrei aus: »Bé salamati!«
Ich reagiere nicht auf seinen Toast. Ari auch nicht.
»Im regulären Wettkampf bei den Nationals debattieren Teams aus demselben Bundesstaat nicht gegeneinander«, bemerkt sie trocken. »Was du wüsstest, wenn du meine Mails gelesen hättest.«
»Pah! Versau mir nicht die Laune!«, gibt Nasir zurück und verschüttet Bier. »Das hier ist eine Party! Ich mach mich jetzt auf die Suche nach Pootie Tang!«
Als er aus der Küche schwankt, sehe ich Ari verdattert an. »Wovon redet er?«, frage ich sie. »Pootie Tang?«
»Er meint poontang«, erklärt sie seufzend. »Abwertender Slang für Vagina. Vom französischen putain oder prostitute. Aber er hat natürlich nur die schwachsinnige Komödie im Kopf.«
»Ah«, sage ich. »Verstehe.«
Danach schweigen wir beide. Ari trinkt ihr Wasser. Ich trinke meinen Saft. Mit der rings um uns tobenden Party fühlt es sich an, als würden wir bei einem Familientreffen am Kindertisch festsitzen. Alle hier haben unendlich viel mehr Spaß als wir. Von einem Moment auf den anderen sind wir keine Erzfeinde mehr – sondern bloß die zwei langweiligsten Gestalten auf dieser Party.
»Ach, übrigens.« Sie rückt ein bisschen näher. »Wegen dieser Sache im Aufenthaltsraum vorhin.«
Ich mustere sie mit einem Seitenblick. »Du meinst, als du uns unterstellt hast, wir würden bescheißen?«
»Das war echt daneben«, sagt sie. »Stimmt, ich habe es euch ziemlich übel genommen, dass ihr die Debatte in die Zeit des Kalten Krieges gelegt habt. Aber andererseits …« Sie seufzt und zuckt mit den Achseln. »Fairplay?«
»Wow.« Es ist fast eine Entschuldigung. Ich bin beeindruckt. »Erleben wir hier gerade einen Camp-David-Moment?«
