Wer Buße tut - Liliana Moreno - E-Book

Wer Buße tut E-Book

Liliana Moreno

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Beschreibung

Tue Buße – und stirb! Ein katholischer Büßer bricht während der nächtlichen Osterprozession in Palma de Mallorca tot zusammen. Sein Tod deutet auf exzessive Selbstkasteiung, Fasten und Buße hin. Inspektorin Xisca Font hat ihre Zweifel, und tatsächlich weist die Autopsie ein Gift am Bußgürtel nach, den der Tote unter seiner Kutte am Bein trug. Die Spur führt durch die feine Gesellschaft Palmas zu einer mysteriösen Bruderschaft, deren Mitglieder nicht nur Orden und Würden, sondern auch dunkle Geheimnisse tragen. Wohltätige Büßer oder gewiefte Sünder? Unterstützt von ihren zwei Verehrern muss Xisca nicht nur in Liebesdingen eine Entscheidung treffen: Als der Fall droht, eingestellt zu werden, steht sie vor der Wahl zwischen ihrem Ermittlerstolz und der Gefahr, ihren Job zu verlieren.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für Miri

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Die Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2021 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com EPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8393-4

Liliana MorenoWer Buße tutMallorca-Krimi

Kapitel 1

Domingo de Ramos, Palmsonntag

Die Trommelschläge hallten durch die erwartungsgeladene Stille der Menge.

Verheißungsvoll, im Rhythmus seines langsamen Herzschlages. Drohend, wie ein Vorbote bevorstehenden Unheils.

Eduardo runzelte die Stirn. Seltsam, es war das erste Mal, dass er das so empfand.

Die Altstadt vibrierte in feierlicher Atmosphäre, während der Zug der Osterprozession darauf wartete, weiterzumarschieren. Dicht aneinandergedrängte Menschen flankierten die Seiten von Palmas Altstadtgassen, eingetaucht ins gelbe Licht der nächtlichen Straßenbeleuchtung und der Kerzen der Prozessionsteilnehmer.

Die Fackel in Eduardos Hand verströmte Hitze, und er atmete tief aus. Der Luftzug seiner Atmung prallte am Stoff des gesichtsvermummenden Spitzhutes ab und schlug feuchtwarm zu seinem ohnehin schon schwitzenden Gesicht zurück.

Außer den Augenschlitzen gab es keine Öffnung in seiner Capirote. Sie verkleinerten das Blickfeld und lenkten das Augenmerk auf den Weg vor ihm. Doch Eduardo brauchte keine Hilfen, um sich zu fokussieren. Er war eins mit dem Klang der Trommeln, zu deren Takt er marschierte. Auch der kleine Stein unter seinem nackten linken Fuß, der sich schmerzhaft in die Ferse bohrte, konnte ihn nicht ablenken. Vielmehr half ihm der Schmerz, tiefer in die Süße der heiligen Pein zu versinken, und Eduardo verlagerte das gesamte Gewicht seines Körpers auf die pochende Fußsohle und den spitzen Kiesel darunter. In konzentrischen Kreisen strahlte der Schmerz sein Bein hoch und vereinte sich mit den Ausläufern des zweiten Epizentrums, das der Stacheldraht des Ciliciums am rechten Oberschenkel verursachte. Er hatte den Bußgürtel eng geschnürt, sodass das Band fast zweimal um sein dürres Bein passte.

Die Menschenmenge rechts und links des Weges verharrte noch immer in Schweigen. Aus dem Augenwinkel vernahm Eduardo Blitzlichter von Fotoapparaten oder Handys, genau sagen konnte er es nicht, denn sein Blick war fest auf Fernandos Rücken gerichtet. Als Erster in der Reihe der Nazarenos der Hermandad del Dolor Santo, der Bruderschaft des heiligen Schmerzes, trug Fernando das Banner der Vereinigung und führte die Prozession an. Silber mit goldenem Wappen. Fernandos Schritte wurden kleiner, um nicht zu dicht hinter den letzten Mitgliedern der vorherigen Gemeinde zu laufen, die in der Prozession vor ihnen marschierte, bis Fernando letztendlich stehen blieb. Wie alle Nazarener war er in Kutte und Spitzhut gehüllt, und seine imposante Größe ließ den silbrigen Stoff des Gewands mehr als zwei Handbreit über dem Boden enden, obwohl er schon die XL-Variante trug. Gemäß den Vorgaben der Bruderschaft lief auch er barfuß, und seine Knöchel und Füße waren erstaunlich gebräunt, verglichen mit Eduardos leuchtend bleichen, die selbst im Dunkeln die kontrastierende schwarze Behaarung seiner Zehen hervortreten ließen. Aber vielleicht erzeugte auch nur der Widerschein der Fackeln das Trugbild oder das gelbliche Licht der Schaufenster der angrenzenden Geschäfte, gedimmt durch die Menschen, die sich dicht an dicht in mehreren Reihen auf beiden Seiten der Calle San Miguel quetschten.

Das Blasorchester stimmte die ersten Noten von Mi Amargura an und erntete lauten Applaus der Zuschauer.

Eduardo hatte nie die im Titel erwähnte Bitterkeit nachvollziehen können. Wie immer löste der Marsch auch jetzt ein Hochgefühl in ihm aus und verursachte trotz der Hitze eine Gänsehaut am ganzen Körper. Er ärgerte sich, dass sie ausgerechnet jetzt warten mussten, um einem Stau der Prozession vorzubeugen, denn zu diesem Lied marschierte es sich wie ein spiritueller Soldat, der in die heilige geistige Schlacht zog.

Direkt von links wehte ihm der Duft heißer Fritten in die Nase. Ein kleiner Junge in der ersten Zuschauerreihe, an einen Mann gelehnt, vermutlich seinen Vater, mit einer Maxitüte eines Schnellimbisses in der Hand, die ihn mehr zu faszinieren schien als das Spektakel vor ihm. Eduardo wartete auf ein Aufmucken seines Magens und stellte befriedigt fest, dass es ausblieb. Seit Beginn der vierzig Tage Fastenzeit zu Aschermittwoch hatte er sich akribisch um Einhaltung bemüht. Vielleicht hatte er es etwas übertrieben, denn er konnte sich nicht mehr an seine letzte richtige Mahlzeit erinnern. Es musste vor einer knappen Woche bei einem Besuch bei seiner Mutter gewesen sein. Doch auch da hatte er nur die Vorspeise gegessen und den Fischhauptgang abgelehnt. Um wahrheitsgemäß sagen zu können, er habe keinen Hunger mehr, hatte er dreimal um Nachschlag der wässrigen Gemüsesuppe gebeten, bis sein Bauch sich sichtbar gewölbt hatte und selbst das Schlucken des eigenen Speichels aus Platzmangel schwierig geworden war.

Seitdem mied er das Haus seiner Eltern, um das Wasser­fasten einzuhalten. Sein Kühlschrank zu Hause war so leer wie das Herz eines Ungläubigen. Er wusste nicht einmal, ob das Ding überhaupt noch funktionierte, so selten öffnete er es.

Ego autem, cum mihi molesti essent, induebar cilicio. Ich aber zog ein Bußkleid an, als sie erkrankten, und quälte mich ab mit Fasten, rezitierte er im Geiste.

Die Prozession setzte sich wieder in Gang, und Eduardo war froh, noch einige Takte der Mi Amargura laufen zu können.

Tomás und Manuel gingen mit ihm in der Reihe, gefolgt von zwei weiteren Reihen Büßern der Nazarener, dem Paso und den Musikern.

In der heiligen Osterprozession neben Tomás zu laufen, war Gottes Art, ihm die Dornenkrone aufzusetzen. Und wie der Herr Jesus akzeptierte Eduardo sie bereitwillig.

Tomás war sein Kreuz, eine Schuld so schwer wie massives Zedernholz, die er freudig und leichten Fußes schleppte. Es war Zeichen der Erhörung seiner Gebete. Jede Nacht in der Dunkelheit seines Schlafzimmers, mit schmerzgeröteten Knien auf kaltem Fliesenboden und Tante Pilars altem Rosenkranz und Segen in der Hand, hatte er um Vergebung gefleht. Nacht um Nacht, Monat für Monat.

Und nun hatte der allmächtige Vater ihm verziehen.

Was folgte, waren Kreuzigung und Auferstehung.

Wie unten, so oben. Wer Ohren hat, der höre, denn wer horchte, hörte selbst die Steine sprechen.

Seit der Kindheit nahm Eduardo die Zeichen Gottes an ihn wahr und verstand seine Art zu kommunizieren. Ein beiläufiger Satz der Lehrerin und Buchempfehlungen eines Freundes hatten Antworten auf unzählige innere Fragen geliefert. Eine ewig rote Ampel, die zwar zu einer Verspätung geführt, aber auch eine folgenträchtige Begegnung mit Menschen wie Padre Ernesto ermöglicht hatte, die Minuten zuvor nicht stattgefunden hätte.

Er wusste nicht mehr, was der Auslöser gewesen war: vielleicht Teile des Liedes, vielleicht aber auch ein Gesicht in der Menge oder auch beides zusammen.

Seine Gedanken galten plötzlich Celia.

Dem Ort, wo sie von allen Orten nicht sein sollten. Wochenlang hatte er es geschafft, nicht an sie zu denken, wochenlang erfolgreich in seinem Bemühen. Ermüdete man den Körper, blieb keine Energie für Befindlichkeiten der Sinne.

Er hatte nach der Arbeit Teresas Einkäufe im Mercado Olivar besorgt, schließlich kam sie seit der Hüftoperation nicht mehr in den dritten Stock, Onkel Adolfo im Rollstuhl durch den Parque del Mar spazieren geschoben, Ernestos und Emmas Mischlingshunde zweimal täglich ausgeführt und dasselbe Programm für seine Eltern erledigt. Seine Mutter hielt nichts von Hundeschulen, Eduardos Erziehung hätte schließlich auch einfach funktioniert, sodass Lola auf keinen Befehl hörte und das Gassigehen ein an der Leine zerrender Kampf der Willen geworden war. Er hatte ihn gerne gekämpft, jeden Tag, Woche für Woche. Als keine Nachbarn oder Verwandte mehr übrig gewesen waren, die er unterstützen konnte, hatte er seine Hilfe in der öffentlichen Essensküche an der Plaza España angeboten und jeden Abend vor Beginn der Abendnachrichten des Fernsehsenders La 1 dick verkochten Eintopf auf die Teller der Bedürftigen geschöpft.

Am siebenundzwanzigsten Tag hatte Gott ihn erhört.

Bleierne Glieder und konstante Müdigkeit, aber ein volles Herz und klarer Geist waren das Resultat.

Ein Geist ohne Celia.

Doch jetzt kam sie zurück. Hinterließ Bilder in seinem Kopf. Braunes, hinter das Ohr geklemmtes Haar, das in der Abendsonne glänzte, als sie sich lächelnd nach ihm umsah. Der Orangenduft ihres Parfums, der bei jeder ihrer Bewegungen wie eine zarte Andeutung zu ihm wehte. Das Fuchteln ihrer Hände, wenn sie wild gestikulierend ihre Worte neu interpretierte, als wäre ihr Gegenüber taubstumm. Seltsamerweise erschien die Erinnerung an sie stets in gelbes Licht gehüllt, wie ein langsam verbleichendes Foto aus alten, besseren Zeiten.

Eduardo verscheuchte die Gedanken, doch wie unbeirrt kehrten sie zu Celia zurück, angezogen wie eine Kompassnadel vom Nordpol.

Eduardos Knie gaben nach, und der Schweiß trieb ihm aus den Poren, sodass seine Handflächen glitschig wurden und er fast die Kerze fallen gelassen hätte.

Mit der freien Hand über der Kutte ertastete er das Cilicium an seinem Bein und presste es gegen die Haut, bis sich die Widerhaken des Stacheldrahts tiefer in sein Fleisch bohrten. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen und die Luft aus den Lungen.

Als die erste Welle der Pein verebbte, klarte sein Kopf auf – seine Gedanken beherrscht von Jesus, dem Herrn. Der in seiner Barmherzigkeit für die Erlösung der Menschen starb. Und am dritten Tag auferstand.

Eduardo atmete erleichtert auf.

Der Heiligen Jungfrau Maria dankend, folgte er der Prozession über die Plaza Mayor. Der wie ein riesiger Patio angelegte Platz quoll über vor Besuchern und Zuschauern. Die Blaskapellen der anderen Gemeinden und Bruderschaften spielten verschiedene Märsche, und das Potpourri an Klängen hallte von den Gebäuden wider.

Langsam schritt die Prozession zur Calle Colom voran. Hier verengte sich die Straße, und die Zuschauermenge drängte sich noch dichter zu beiden Seiten des Prozessionsweges.

Nur wenige Meter trennten Eduardos Bruderschaft vom Zug der vorherigen Gemeinde. Alle rückten etwas näher zusammen, um einen Stau zu verhindern.

Eduardo bewunderte die Rückseite des Paso, der tischartigen Konstruktion, fast einem Wagen gleich, auf dem die Marienstatue präsentiert wurde, oder, wie bei seiner Bruderschaft, ein Kreuz schleppender Jesus, der unter dem Gewicht des Holzes fast zusammenbrach. Während ihr Paso karg und dem Leidensweg Jesu gewidmet war, strahlte dieser in voller Glorie. Eine golden glitzernde Marienfigur, baumhoch in den Himmel ragend, eingebettet in majestätischen roten Samt mit goldenen Bordüren. Getragen auf den Schultern der Costaleros, die im Takt der Musik marschierten, wackelte der Paso schunkelnd langsam vorwärts. Selbst die goldenen Fransen des Baldachins pendelten im Rhythmus der Schritte der Träger, als würden sie tanzen.

Eduardo wechselte die Kerze von der rechten in die linke Hand und kreiste die Schulter. Eine Enge zog ihm den Brustkorb zusammen wie Schnürsenkel. Die schwere Fackel, die er wie ein Banner aufrecht hielt, forderte ihren Tribut. Er versuchte, seine Schultermuskeln zu entspannen, und rotierte unauffällig den Kopf, soweit es sein Spitzhut zuließ. Wurde es heißer? In der engen Straße voller Menschen schien die Luft zu stehen. Seine Knie wurden weich. Tatsächlich hatte sich sein Schritt seit dem Panik­anflug vorhin nicht mehr gefestigt, und er fühlte sich, als nähme die irdische Schwerkraft zu.

Die Blaskapelle seiner Bruderschaft stimmte die ersten Takte der La Saeta an. Eduardos Herz tat einen Satz und beschleunigte seinen Rhythmus, während Schmetterlinge von seinem Bauch in den schmerzenden Oberkörper aufstiegen. Getragen von ihren zarten Flügeln schien er zu schweben. Das Klagelied war der schönste Prozessions­marsch, magisch, der Höhepunkt jeder Prozession. Tränen traten ihm in die Augen und liefen ihm unter der Capirote übers verschwitzte Gesicht.

Leise sang er Serrats erste Strophe dazu:

„Dijo una voz popular:

Quien me presta una escalera

Para subir al madero

Para quitarle los clavos

a Jesus el Nazareno?“

Eine beliebte Stimme rief:

Wer leiht mir eine Leiter,

um die Holzbalken zu besteigen,

um Jesus von Nazareth

Die Nägel zu entfernen?

Die Trompeten setzten mit Crescendo ein.

Eine Welle aus Liebe überflutete Eduardos Herz, dehnte sich aus und sprengte die Enge, die seinen Brustkorb zusammenpresste, wie ein Tsunami, der alles mitriss, was ihm in den Weg kam.

Es fiel ihm schwer, einen Fuß vor den anderen zu stellen, eigentlich konnte er seinen unteren Körper überhaupt nicht mehr spüren. Kurz erwägte er nachzuschauen, um sicherzugehen, dass alles noch da war. Doch eigentlich war es egal. Mit dieser Liebe im Herzen war alles egal.

Seine Beine gaben schließlich nach.

Um endlich aufsteigen zu können, während die Welt sich in goldenes Licht hüllte.

Jemand schrie.

Die Posaunen setzten zum Refrain an.

Engelstrompeten zur Verkündung, alles durchdringende Vibration. Am Anfang war das Wort.

Eduardos Herz spannte sich vor Glückseligkeit.

Bis es barst.

Die Glückseligkeit expandierte weiter.

Und stieß ein riesiges Tor auf, aus dem gleißendes Licht erstrahlte …

Das Letzte, was er sah, war Celia.

Kapitel 2

Der gesamte Verkehr der umliegenden Straßen von Palmas Altstadt war schon seit Stunden gesperrt, und bald würde auch zu Fuß ein Durchkommen fast unmöglich werden.

In der Überzeugung, besonders schlau zu sein, hatte Xisca Font schon frühzeitig das Polizeipräsidium verlassen. Leider schienen auch andere Menschen über ein Gehirn zu verfügen und hatten sich ebenfalls auf den Weg gemacht, sodass ihr geplanter Spaziergang die Jaime III hinab zum Paseo Borne in nervenden Ausweichmanövern endete. Die neuen Schuhe drückten, und an ihrer rechten Ferse kündigte sich eine Blase an. In Zukunft würde sie ganz auf die Absätze verzichten, die paar Zentimeter Pseudoerhöhung machten sie auch nicht wirklich größer.

Ausgerechnet wenn ganz Palma sich in den engen Gassen versammelte, um mittelalterlich anhauchende Traditionen Schulter an Schulter im Gedränge aufleben zu lassen, musste sie mittendrin sein. Xisca dachte an die Kartons, die sich in ihrer Wohnung stapelten und die sie trotz der Woche Urlaub nach ihrem Umzug nicht geschafft hatte auszupacken. Sie hätte die Zeit jetzt wirklich sinnvoller nutzen können!

Andererseits schaute sie abends sowieso nach ihrer Mutter, und es spielte keine Rolle, ob sie dabei neben einem Rollator durch Palma schlich oder auf María Antonias Balkon Interesse an einer Osterprozession heuchelte.

Seitdem sie zurück auf der Insel war, beschränkte sich Xiscas Freizeit auf Fitnessstudio, Schießstand und eine Rollatorrunde mit ihrer Mutter, die die Zielflagge jedes Spazierganges in Gourmetpaläste steckte, welche nach der Höhe des glykämischen Indexes ihrer angebotenen Ware ausgesucht wurden. Wie Karottensahnetorte und Churros mit Kakao – schließlich brauchte jede auch noch so kurze Reise eine Destination. Den Weg als Ziel hielt ihre Mutter für die Ausrede gelangweilter Hausfrauen angesichts ausgefallener Yogastunde. Xisca hatte die Diskussion schon lange aufgegeben. Ein Widerspruch war so sinnvoll, wie mit frischer Föhnfrisur bei böigem Mistral eine Bootstour zu unternehmen.

So machte zumindest Xiscas Mitgliedschaft im Fitnessstudio Sinn, denn jeden Tag mit dem Sündenpfuhl konfrontiert zu werden, hätte sogar den heiligen Petrus in Versuchung geführt. Oder wem auch immer aus dem erleuchteten Kreis besondere Heiligkeit zugesprochen wurde.

Ihre Mutter hatte dem heutigen Tag entgegengesehen – zu sagen, sie hätte sich gefreut, wäre eine zu optimistische Aussage gewesen. Dieser Tage schien sie wenig zu begeistern. Und wenn etwas den Anschein erweckte, eine Regung zu erzeugen, die im weiteren Verwandtschaftskreis der Freude einzuordnen war, würde Xisca es ihr nicht abschlagen. Auch wenn das bedeutete, sich stundenlanges Gedudel und Getrommel anzutun und die eigenen Erledigungen zu vernachlässigen.

Die Terrasse überblickte die Calle Conquistador, an der die heutige Osterprozession entlangziehen würde. Das bedeutete Logensitze, guten Ribera del Duero-Wein und einen Haufen Snacks – für Letzteres würde ihre Mutter schon sorgen.

Xiscas Handy vibrierte in ihrer Handtasche. Das Bild auf dem Display zeigte das selig lächelnde Gesicht ihrer Mutter. Eine Portion wirklich guten Tiramisus hatte es geschafft, diesen Ausdruck der Wonne für einen Moment zu erzeugen, den Xisca sofort eingefangen hatte. Hängende Mundwinkel und Motzmodus waren die Regel und das vorherrschende Bild dieser Tage.

Sie nahm das Gespräch an.

„Xisca? Bist du das?“

Wer sollte es sonst sein, wenn sie Xiscas Nummer wählte? Als wäre es jemals vorgekommen, dass fremde Leute an Xiscas Handy gingen.

„Cati und ich sind jetzt bei María Antonia. Wann kommst du?“ Ihre Mutter sprach in einer Lautstärke, als wäre ihr unbekannt, dass Telefone über ein Mikrofon verfügten. „Die Prozession beginnt um einundzwanzig Uhr, also sieh zu, dass du vorher da bist, sonst kommst du niemals durch.“

„Ich weiß, ich bin schon …“

„Bis acht läuft Esmeralda.“ Der Satz war so geladen vor Andeutung wie die Maschinengewehre der Grupo Especial de Operaciones der spanischen Polizei.

Für einen normalen Erwachsenen mit durchschnittlicher Intelligenz und unter siebzig Jahren gab es nur zwei Optionen, die Serie unbeschadet zu ertragen: Entweder man schaltete um oder in Ermangelung dieser Alternative ermöglichte nur eine reichhaltige Senfzugabe den Konsum der versalzenen Kost. Und so hatten Xiscas unerwünschte Kommentare zu einer permanenten Verbannung vom Mitschauen der Daily Soap geführt.

„Das ist Pech, denn ich stehe fast vor der Tür.“ Was nicht stimmte, aber wer brauchte schon einen unfreiwilligen Extrarundgang durch die Altstadt?

„Dann sei aber leise.“ Die Worte gingen in einem Grummeln unter, gefolgt von Stille und dem Zeichen einer beendeten Leitung.

Xisca seufzte. Es half ein bisschen, sich die Ähnlichkeit ihrer Lage mit dem Schäfer Santiago aus Paolo Coelhos Alchemisten einzureden, der nach langer Reise auf der Suche nach dem Schatz an den Ort seiner Wurzeln zurückkehrte. Nur dass in ihrem Fall die Reise zehn Jahre gedauert hatte und Xisca nicht dem Ruf der Weisheit, sondern dem ihrer nun pflegebedürftigen Mutter gefolgt war. Vielleicht hatten unüberbrückbare Differenzen mit den obersten Vorgesetzten in Madrid auch eine klitzekleine Rolle gespielt. Ließe sie solche Spitzfindigkeiten beiseite, müsste demnach der metaphorische Schatz unter dem Feigenbaum warten. Hoffentlich.

Sie erreichte María Antonias Wohnung mitten in der Fernsehserie, genau in dem Moment, als auf dem Bildschirm die Haushälterin dem Gutsbesitzersohn eröffnete, seine verschollene Mutter zu sein. Die Wohnungstür war nur angelehnt, und Xisca winkte auf ihrem Weg in die Küche den drei Frauen vor dem Fernseher im Salon zu. Es erfolgte keine Reaktion auf ihr Eintreffen, die drei starrten regungslos auf den Bildschirm, als hätten sie das Haupt der Medusa erblickt.

Esmeralda-Zeit.

Xisca öffnete eine ihrer zwei mitgebrachten Rotwein­flaschen und schenkte sich ein Glas ein.

Obwohl die Küche seit ihrer Kindheit drastisch verändert worden war, hätte sie sie mit verbundenen Augen aus Tausenden von Räumen wiedererkannt. Das altmodische Eichenholzdesign der Siebzigerjahre war einer modernen, taubenblauen Einbauzeile gewichen, unzusammenhängende geblümte Töpfe ersetzt durch polierten Stahl und gelb lackierte Behälter.

Doch der Duft war derselbe, einmalig, und lockte wie auf Knopfdruck die Bilder vergangener Tage hervor. Es war der Duft von frisch gebackenem Gató, mallorquinischem Mandelkuchen, der Duft von Zuhause, vom Gefühl unendlicher Möglichkeiten, glücklich verheirateten Eltern, Weihnachten und dem Nikolaus. Der Duft einer Zeit ohne Verbrecher, Tod und Chefs, ohne fortschreitende Krankheiten. Einer Zeit, in der Xiscas größtes Problem gewesen war, ob Paula mit ihr in der Pause Gummitwist spielen würde.

Seit Menschengedenken backte die beste Freundin ihrer Mutter zweimal wöchentlich diesen Kuchen, und der Duft setzte sich in den Poren der Wände fest und trotzte selbst neuester Imprägnierfarbe. Gegen die Küchentheke gelehnt, schlürfte Xisca mit geschlossenen Augen den Wein und inhalierte in tiefen Atemzügen das Kuchen-Elixir. Es sollte Raumsprays in dieser Duftnote geben.

Die Anspannung des Tages lockerte tatsächlich ihre Fesseln. Xisca hatte sich absichtlich die ruhige Osterwoche als Arbeitsbeginn ausgesucht, wenn das ganze Land sich im Urlaubsstimmungstaumel der Karwoche befand. Genug Zeit, sich in der neuen Abteilung der Homicidios y desaparecidos, der Mord- und Vermisstenfälle, einzuleben. Und obwohl die ersten zwei Tage ereignislos verlaufen waren, hatte Xisca das Gefühl, auf rohen Eiern zu laufen. Zu viel stand auf dem Spiel. Obwohl es eigentlich keinen wirklichen Grund dazu gab, fühlte Xisca sich wie ein exotischer Käfer unter einem Glas, dessen schillernder Chitinpanzer unter neugieriger, aber auch argwöhnischer Beobachtung stand. Dabei waren alle bisher ganz nett. Die einzigen dissonanten Vibes kamen vom einzigen anderen Subinspector im Team. Nachdem sie einander vorgestellt worden waren, hatte er verhaltener reagiert als die anderen Mitarbeiter, und Xisca war schon lange genug auf der Welt, um das nicht als Schüchternheit zu interpretieren. Mehr konnte sie aber nicht dazu sagen, da er sie seither aktiv ignoriert hatte.

Als aus dem Wohnzimmer die Werbepause ertönte, die unerklärlicherweise immer tausend Dezibel lauter war als der eingespielte Film, ging Xisca hinüber.

Die faltbare Glasfront von María Antonias Terrasse war aufgrund der milden Apriltemperaturen vollständig geöffnet. Aus ihrer Medusastarre erwacht, arrangierten sich ihre Mutter, María Antonia und Cati auf weichen Sitzkissen und mit leichten Wolldecken über den Knien wie in einer Theaterloge, mit freiem Blick auf die Straße, wo in Kürze die Prozession entlangziehen würde.

„Kommt Lali auch?“ Xisca hatte María Antonias Tochter seit Weihnachten nicht mehr gesehen.

„Leider nein“, antwortete María Antonia. „Ich soll aber liebe Grüße bestellen. Seitdem sie den Job in der neuen Kanzlei hat, ist sie bis spät in irgendwelchen Meetings.“

Xisca nahm einen gierigen Bissen ihres zweiten Stücks Gató und versuchte, Herr der Kuchenmenge in ihrem Mund zu werden. Sie stutzte, als das Fallverhalten von Äpfeln nahe dem Stamm ihr in den Sinn kam, und schluckte hart. „Ich kann es immer noch nicht fassen. Die kleine Lali ist jetzt Anwältin.“

„Zweiunddreißig Jahre ist nicht mehr so klein.“ Xiscas Mutter schob sich die Brille auf der Nase zurecht und presste die Lippen zusammen, was ausgezeichnet zu ihrem Oberlehrerinnenton passte. Xisca nahm sich vor, ihr in ruhiger Minute mitzuteilen, dass diese Mimik Alte-­Oma-Falten über der Oberlippe erzeugte – vielleicht würde das helfen, den Motzmodus zu eliminieren.

„So wie du mich ewig wie ein Baby behandeln wirst, wird Lali für mich die kleine Schwester bleiben, die du versäumt hast zu erzeugen. Außerdem bin ich sechs Jahre älter.“

Bevor ihre Mutter antworten konnte, kündigten die leicht schiefen Töne der Blaskapelle der ersten Prozessions­gemeinde den Beginn des Osterzuges an, der mit der Musik eines dramatischen Marsches um die Ecke gewackelt kam.

Xiscas Mutter runzelte die Stirn. „Die haben dreihundertfünfundsechzig Tage Zeit, die Stücke zu üben. Und dann sind es auch immer die gleichen Lieder. Jedes Jahr. Wieso hören wir dann stets schiefe Töne?“ Entrüstet schaute sie in die Runde, als erwartete sie tatsächlich eine logische Erklärung.

Die sollte sie bekommen. „Mamá, das sind keine Profimusiker, sondern Leute wie du und ich, die das in ihrer Freizeit tun.“

„Selbst du hättest in einem Jahr die korrekten Töne gelernt.“ Die Aussprache des Wortes korrekt klang, als fiele es eine Treppe hinunter.

Xisca horchte auf. Motorische Einschränkungen dieser Art waren häufig die ersten Anzeichen.

Cati fing ihren Blick auf und gab mit einem diskreten Kopfschütteln Entwarnung. Sie deutete auf das Weinglas.

„Es sind nicht alle Orchester schwach, Mamá. Es gibt eben bessere und schlechtere.“

Die Antwort schien ihre Mutter nicht zu befriedigen. Doch solange sie motzte, wusste Xisca alles in bester Ordnung. Statt weiterzudiskutieren, verdrehte sie die Augen.

„Das hab ich gesehen.“

Durch ihre Multiple Sklerose motorisch eingeschränkt, Brillengläser wie der Boden eines Maßkruges und obendrein leicht beschwipst – trotzdem entging der großen Inquisitorin nichts.

Der Prozessionsmarsch erreichte María Antonias Wohnhaus, und Xisca war froh, nicht unten in der dicht gedrängten Menge zu stehen, die das Spektakel beobachtete. Ein Zug aus verschiedenen Gemeinden und Bruderschaften, die ihre Marien- und Jesusfiguren auf Podesten präsentierten und mit Kerzen, Fackeln und Blasorchestern eine Woche die Geduld der in der Altstadt wohnenden Menschen überstrapazierten. Als Verfechterin der Freiheit unterstützte Xisca natürlich auch eine freie Religionsausübung. Wenn jemand religiösen Traditionen nachgehen wollte, war ihr das nur recht. Warum konnte das aber nicht dezenter geschehen, ohne den Rest der Menschheit mit dem abergläubischen Brei zwangszuernähren?

Die Prozession wurde langsamer und kam zum Stehen. Die Mitglieder der Bruderschaft, die gerade vor María Antonias Haus stoppte, trugen schwarze, flatternde Gewänder, in der Taille mit einem Seil gebunden, und passende Spitzhauben, die die Gesichter ihrer Träger verhüllten. Das Orchester spielte ein nervöses Klagelied, zumindest hörte es sich sehr aufgebracht an, passend für die Filmmusik einer Szene, in der sich jemand die Pulsadern aufschnitt. Der Krach war ohrenbetäubend – aber wenigstens saß jetzt jeder Ton.

Als die Bläser verstummten und nur die Schläge der Trommler im Schein der Fackeln die Stille zum nächsten Musikstück überbrückten, bekam Xisca eine Ahnung, wie es zu Zeiten der Inquisition gewesen sein musste. Als die Kutten und Spitzhüte nicht Zeichen einer feierlichen Huldigung der Auferstehung Christi waren, sondern zur öffentlichen Demütigung der Sünder gedient hatten, auf dem Wege zu ihrer Bestrafung oder Exekution, und in deren Andenken diese Tradition nun weitergeführt wurde.

„Meine Nachbarin findet, sie sehen aus wie der Ku-Klux-Klan“, bemerkte María Antonia und wurde mit einem erschrockenen Luftholen von Cati quittiert. „Sie ist Britin und nicht vertraut mit katholischen Traditionen, muss man dazu sagen.“

Xiscas Mutter schüttelte angesichts dieser Ignoranz den Kopf und nippte an ihrem Weinglas. „Ihr wisst ja, wie ich zu diesen religiösen Festlichkeiten stehe, aber was kann die arme Kirche dafür, wenn dieser Kuckuck-Clan zu blöd ist, sich eine eigene Uniform zu kreieren?“

„Ku-Klux-Klan.“

„Sag ich doch, Kuckuck-Clan.“ Entgeistert sah Xiscas Mutter sie an, als hätte sie sich eben selber eine Spitzhaube aufgesetzt.

Die Britin lag gar nicht so verkehrt. Xisca versuchte, das Spektakel auf der Straße aus einer anderen Perspektive zu sehen, ohne kulturelle Konditionierung, als sähe sie es zum ersten Mal. Und sie musste María Antonias Nachbarin recht geben. Für jemanden, der die Tradition nicht kannte, sah das verdammt nach Kuckuck-Clan aus.

Die Prozession setzte sich wieder zuckelnd in Bewegung, und die nächste Bruderschaft, in silberne Kutten und Capes gehüllt, rückte vor.

Die Bläser lösten die Trommler ab und stimmten die ersten Takte des nächsten Musikstückes an.

Die Melodie baute sich auf, Note für Note.

Zuerst bemerkte Xisca nur die plötzliche Enge in ihrem Hals. Sie räusperte sich, in der Hoffnung, den Knödel zu entfernen.

Doch der Knoten blieb und zog sich weiter zusammen.

Ihre Unterlippe zuckte.

Als das Brennen hinter ihren Augen begann und ihre Arme sich in Gänsehaut runzelten, stellten sich Xiscas Nackenhaare vor Entsetzen auf.

Als sie begriff, was geschah.

Der Refrain stimmte an, hallte in Xiscas Inneren nach und traf sie mitten ins Herz.

Sie flatterte mit den Augenlidern und drehte ihren Stuhl der Straße zu, die Ellenbogen auf das Terrassengeländer gestützt, um die Tränen zu verstecken, die ihr in den Augen zusammenliefen und drohten, jeden Moment überzulaufen.

Was war das?

Misstrauisch beäugte sie das Weinglas in ihrer Hand. Irgendetwas musste schließlich verantwortlich sein. Doch es handelte sich um ihren eigens mitgebrachten Ribera del Duero, und die Wahrscheinlichkeit, dass eine der drei Frauen ihr etwas ins Glas gekippt hatte, war null.

Wie peinlich war das denn? Sie hatte noch von niemandem gehört, der bei einer Osterprozession weinen musste!

Der betörende Duft von Weihrauch stieg von der Straße auf und verstärkte die Atmosphäre des Surrealen.

Ihre Versuche, die Tränen aufzuhalten, schienen die gegenteilige Wirkung zu erzielen – sie kullerten ihr in zwei dicken Schlieren kitzelnd übers Gesicht. Um sich nicht zu verraten, widerstand Xisca dem Drang, sie wegzuwischen, und ertrug stoisch das Jucken, bis sie unauffällig den Kopf auf die Unterarme legte und die Feuchtigkeit am Ärmel ihrer Strickjacke abwischte.

Erleichtert, den Spuk gebannt zu haben, richtete Xisca sich auf. Doch die zwei einzelnen Tropfen waren nur die Vorhut gewesen. Sie schien machtlos gegen den Emotionswall, der sich wie eine Riesenwelle in ihr aufbaute und drohte, all ihre strategisch aufgebauten Dämme der Selbstkontrolle mitzureißen. Xisca beugte sich vor, um im Schutz der Dunkelheit, den anderen abgewandt, ihren Aussetzer zu verstecken. Doch ein Teil von ihr wusste, dass es ebenso darum ging, das Spektakel des Orchesters und der Prozession besser zu sehen und sich dem Lied hinzugeben.

Was ging hier vor sich? Sie fühlte sich wie ein Spielball, hin und her geworfen zwischen ihrer Bestürzung und diesem … Spuk.

„Wie heißt dieses Lied?“ Xisca drehte sich nicht um bei der Frage.

„La Saeta“, kam es im Chor zurück.

Einer der Büßer hielt nicht mehr richtig Schritt. Ursprünglich in einer Reihe mit zwei weiteren Brüdern, fiel er etwas zurück und zerstörte die Marschordnung. Der hinter ihm laufende Nazarener der nächsten Reihe hatte ihn schon fast eingeholt und stupste ihn sanft an.

Vielleicht war er genauso betroffen von dem Lied wie Xisca und hatte gedankenverloren den Rhythmus verpasst?

Interessiert beugte sie sich weiter vor, ihre Tränen vergessen.

Jemand sang laut und schräg.

Nicht einfach nur falsch, so wie Xisca selbst, wenn sie versuchte, eine Melodie zu halten und ihre Stimme den Ton um zwei Nuancen verfehlte, sondern skurril, als würde der Sänger versuchen, ein anderes Lied in die gespielte Musik zu pressen.

Sie lauschte und war sich nun sicher, dass der merkwürdige Büßer der Urheber dieser Laute war. Vielleicht war er betrunken oder bekifft, was auch seinen unsteten Gang erklären würde.

Er war nun ganz stehen geblieben. Sein Kollege stützte ihn am Arm, und der Schrägsänger schien sich zu fangen.

Die danebenstehenden Zuschauer tuschelten und zeigten mit dem Finger auf das Geschehen.

Der Kollege sprach auf den Büßer ein und hielt ihn noch immer am Arm.

Der Nazarener sackte in sich zusammen und riss fast seinen Kollegen mit.

Das Raunen der Menge war trotz der lauten Bläser zu hören.

Jemand schrie.

Ein Aufruhr ging durch die Menge, und ein Mann rief nach Sanitätern.

Xiscas Herz pochte wild.

Sie versuchte sich zu beruhigen. Nur ein Schwächeanfall. Mangel an Sauerstoff unter der Spitzhutmaske. Wer wusste schon, was diese Nazarener alles taten, um sich zu geißeln. Fasten? Man las die merkwürdigsten Dinge von Büßern in Andalusien, die sich peitschten und mit Ketten an den Füßen barfuß durch die Gassen zogen, wobei solche Dinge in Palma eigentlich nicht anzutreffen waren. Aber was wusste sie schon?

Vielleicht war es die Stimmung, in die sie La Saeta versetzt hatte, anders konnte sie es sich nicht erklären. Ein unheilvoller Schauer zog ihr über den Rücken, und sie wusste mit unerklärbarer Gewissheit, dass es nicht nur ein simpler Kreislaufkollaps war.

Cati, María Antonia und ihre Mutter hatten in ihrer Schwätzerei nichts mitgekriegt und schauten erstaunt hoch, als Xisca von ihrem Stuhl aufsprang und zur Wohnungstür lief.

„Ich komme gleich wieder, da ist jemand umgekippt. Vielleicht kann ich helfen.“

Man hatte den Büßer auf die andere Straßenseite vor einen Hauseingang gebracht, und Xisca konnte die orangefarbene Arbeitskleidung der Sanitäter durch die Menschenmenge blitzen sehen. Sie wartete, bis die letzten Bläser der nun in rote Gewänder gehüllten Bruderschaft vorbeigezogen waren, und huschte vor dem ersten Nazarener der nächsten Gemeinde auf die andere Straßenseite.

Der Büßer lag auf einer Trage. Man hatte ihm den Spitzhut abgenommen und eine Sauerstoffmaske angelegt, sodass sein Gesicht nicht zu erkennen war. Dünne blonde Haare klebten in fransigen Strähnen an seiner Stirn.

Einer der Sanitäter schrie die drängelnden Leute an, Platz zu machen, und sie schoben eilig die Trage die Straße runter, wo einige Meter weiter ein Rettungswagen an der Plaza de la Reina in Bereitschaft stand.

„Policia Nacional“, identifizierte sich Xisca. Sie bemühte sich, mit ihnen Schritt zu halten, den Zuschauern ausweichend, die einfach überall zu sein schienen. „Wo bringt ihr ihn hin?“

„Clínica Rotger.“

Die Männer schoben den Nazarener in den Krankenwagen, und mit Blaulicht und Sirene, die surreal mit der Musik der Prozession um Aufmerksamkeit wetteiferte, fuhren sie davon.

Jetzt, da der Notfall versorgt war, machten die Leute nicht mehr so bereitwillig Platz, und Xisca musste sich unhöflich durch die Menge zu María Antonias Wohnung kämpfen.

Die drei Frauen waren noch immer bester Laune und nun zu einem Rioja übergegangen. In der Zwischenzeit war auch María Antonias Mann zu der Gruppe gestoßen. Es war Xisca unerklärlich, wie Javier es geschafft hatte, durch die Mengen nach Hause zu kommen, wenn drei Meter sie gerade alle Kraft gekostet hatten.

Javier schien sich erfolgreich in Gedankenlesen zu üben. „Hola, amor. War gerade bei José nebenan. Du weißt schon – Esmeralda und so.“ Er zwinkerte, nahm sie in die Arme und drückte sie fest, soweit sein Medizinballbauch es gestattete.

Sie saßen noch eine Weile, und Xisca versuchte, sich an den Gesprächen zu beteiligen und der Prozession zu folgen, doch ihre Stimmung war zusammen mit dem seltsamen Nazarener im Krankenwagen abtransportiert worden.

Nachdem Cati ihr versichert hatte, ihre Mutter bis zu deren Wohnungstür zu begleiten, verabschiedete sich Xisca, und lief, Gató-Doggybag in der Hand, mit prozessionsausweichendem Umweg nach Hause.

Kapitel 3

Lunes Santo, Montag

Da nur der frühe Vogel den Wurm fing, war Xisca seit sechs Uhr dreißig auf, frisch geduscht und angezogen, um kurz darauf zwei Straßen weiter im Belmondo beim ersten Kaffee zu sitzen.

Das Café in der Calle Bonaire war um diese Uhrzeit schon gut besucht, und der Duft frisch aufgebrühten Kaffees und heißer Croissants erfüllte den Raum, als sie das kleine Lokal betrat. Die Morgennachrichten auf dem an der Wand hängenden Fernsehschirm waren vor dem Zischen der Milchschaumdüse der Espressomaschine und den lauten Gesprächen nur als Hintergrundrauschen zu vernehmen.

Gemessen an ihrem Auftreten und den Outfits, handelte es sich bei den meisten Gästen vermutlich um Anwälte und Mitarbeiter der umliegenden Kanzleien und Gerichte. Anzüge und Jacketts aller Couleur, teure Aktentaschen und auf Hochglanz polierte Schuhe bestimmten die Kleiderordnung, als wären die Gäste einer Einladung mit Dresscode gefolgt, die Xisca nicht erhalten hatte. So liefen keine Polizisten rum, und Xisca musste grinsend an ihre neuen Kollegen denken, die aussahen wie aus einer Werbebroschüre von Decathlon. Fleecepullis, Multifunktionsstoffhosen und an den Füßen Wanderschuhe, die sicherlich auch orthopädische Zwecke erfüllten, ohne zusätzliche Einlagen zu benötigen. Kernige Outdoor-Chicos eben.

Seit ihrer Ankunft in Palma hatte Xisca einen Tisch wegen seiner Abgeschiedenheit in der äußersten Ecke des Cafés zu ihrem künftigen Stammplatz erkoren, und auch heute Morgen hatte sie Glück, ihn unbesetzt vorzufinden. Gerade als sie den Laptop auspackte, brachte Pedro ihr den habituellen Café con leche und das noch heiße Croissant. Der junge Mann trug ein knappes T-Shirt, und sein entblößter linker Arm war mit Klarsichtfolie umhüllt, um die frische Tätowierung zu schützen, die sich bis zum Unterarm ausbreitete.

„Buenos días, irgendwann musst du mir verraten, was du da jeden Morgen stundenlang schreibst.“ Pedro stellte ihr den Teller mit dem dampfenden Gebäck neben den Computer.

„Gerne, aber dann muss ich dich leider verhaften.“

„Solange du mich nicht tötest, kann ich damit leben.“

„Ich sehe, du hast eine neue Fortsetzung deines Zeichentrickfilms.“ Xisca deutete auf seinen Arm.

Erst vor ein paar Tagen hatte Pedro ihr seinen Rücken gezeigt, dessen Haut von glänzenden Grün-, Rot- und Schwarztönen überzogen war und nicht einen Quadratzentimer ohne Tattoogekritzel aufwies.

„Ja, die im Fernsehen bringen es nicht. Also mache ich meine eigenen.“ Er lachte und zog mit beladenem Tablett zum nächsten Gast.

Xisca nahm einen Schluck ihres Café con leche und tauchte in die stimulierende Wirkung ein, die sie meinte, augenblicklich von dem heißen Gebräu zu spüren – wahrscheinlich reiner Placeboeffekt, da es auch mit koffeinfreiem Kaffee funktionierte.

Die Gedanken an den Nazarener hatten sie merkwürdigerweise seit dem Vorfall gestern Abend nicht mehr verlassen und sich in wirren Träumen fortgesetzt, in denen Xisca in Bruderschaftskluft durch Palmas Gassen geflüchtet war – vor einem wie immer gesichts- und namenlosen Übel. Der maskenartige Spitzhut hatte wie ein Motorradhelm ihren Kopf eingekesselt und ihre Stimme wie Darth Vader klingen lassen.

Sie leerte die halbe Tasse mit einem weiteren Schluck und spülte alle nächtlichen Erinnerungen mit ihm fort.

Eine geöffnete Datei blinkte auf dem Bildschirm, und Xisca las den letzten Absatz des seitenlangen Dokuments.

Die frühen Morgenstunden waren für sie wie das weiße Blatt Papier, das ihr nun vom Bildschirm entgegenstarrte. Jungfräulich und leer, die Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten. Sozusagen die Ursuppe, die alle Möglichkeiten enthielt und aus deren Tiefen alles entstieg. Auch in Xiscas Kopf herrschte in der Früh meist Ursuppe, die erstaunliche Dinge zum Vorschein brachte. Leider in die eine wie auch andere Richtung. Abends konnte sie diesen schöpferischen Zustand nicht in gleicher Weise reproduzieren, was die morgendlichen Schreibmomente umso wichtiger machte.

Bis dato hatte sie diese Aktivität geheim gehalten und war darauf bedacht, es auch in Zukunft so beizubehalten. Das Geheimnis, dem sie jeden Morgen und auch so manchen Abend frönte, hütete sie wie die britischen Kron­juwelen. Entgegen allen Erwartungen handelte es sich dabei nicht um einen Liebhaber, zumindest nicht im direkten Sinne. Genau genommen waren es sogar mehrere, die ihr buntes Eigenleben auf dem virtuellen weißen Papier ihres Computers trieben. Irgendwo musste die schmalzige Romantik schließlich hin, die in ihrem täglichen Leben keinen Platz hatte.

Eigentlich war es peinlich, dass ihr das so von der Hand ging. Leider handelte es sich bei ihren Lovestorys nicht um spritzige Chick-Lit-Geschichten. Auch nicht um die tragische Romantik der Brücken von Madison County.

Eher klebrig und triefend wie eine zuckergetränkte Baklava. Aber gab es nicht für alles einen Markt?

Ein verschütteter Teil ihrer selbst bekam hier die Gelegenheit, sich zu Wort zu melden, zwischen den Figuren ihrer Geschichte, den stellvertretenden Blitzableitern verheerender Emotionen, die in der Lage waren, nach Einschlag Flächenbrände und Brachland zu erzeugen, auf dem nichts mehr wuchs.

Die einzige andere Gelegenheit geschah vor dem Fernseher, in Begleitung einer Packung Kleenex und eines Glases Anima Negra. Brücken am Fluss konnte Xisca mittlerweile mitsprechen, und wenn im Fernsehen nichts Gescheites lief, musste die alte Titanic-DVD herhalten. Rose und Jack funktionierten immer. Hauptsache, der gemeinsame Nenner aller – triefende Romantik – wurde gebührend in Szene gesetzt.

Warum sich in der Realität diesen Beziehungskatastrophen aussetzen, wenn doch die Fantasie viel größer und schöner war? Unterwäsche und Socken, die wie Hänsels und Gretels Kieselsteine den Weg ins Schlafzimmer markierten, Esszimmerstühle, die mit Garderobenständern verwechselt wurden und unter dem Gewicht unzähliger Jacken und Mäntel zusammenbrachen, oder eine volle Spüle dreckigen Geschirrs, obwohl die leere Spülmaschine mit einladend offener Tür danebenstand. Wer brauchte das?

Aber das Schlimmste waren die fest verplanten Wochenenden, in Stein gemeißelt wie Moses’ Gebote, die Sonntagmittagsessen bei den Eltern und übriger Verwandtschaft. Woche um Woche, in ihrer Wichtigkeit selbst Weihnachten überlegen, und ein Nichterscheinen war eigentlich nur mit Tod, Nahtod oder sonstigen mit ihm verbundenen Ereignissen zu entschuldigen.

All das hatte es mit Christoph nie gegeben. Er war die Ausnahme, die die Regel bestätigte. Doch Christoph lag lange zurück. Und trotzdem versetzte es ihr immer noch jedes Mal einen Stich, wenn irgendwo die Stadt München erwähnt wurde. Sie hatten es versucht, doch nach zwei Jahren bei Europol war Xiscas Karriere in Deutschland in einer Sackgasse gelandet. Und bevor sie jetzt die gruseligen Gefilde von Selbstvorwürfen und Konjunktiven betrat, verdrängte sie schnell die Gedanken an dieses Kapitel.

Xisca vertiefte sich in ihre Geschichte, in der eine unerträglich verwöhnte Erbin nach einem Schiffbruch auf einer unbekannten Insel landete, die Liebe ihres Lebens traf und geläutert aus dem Ereignis hervorging. Paula als Xiscas Hauptvertraute und eine der wenigen Personen, die von ihrer geheimen Freizeitbeschäftigung wusste, hatte sich gleich an Goldie Hawns Overboard erinnert gefühlt. Typisch Paula, die nur in Filmskripten dachte und jede Produktion seit der Erfindung der Filmspule zu kennen schien. Eine fiktive Geschichte zu sein, war die einzige Gemeinsamkeit der Hollywoodkomödie der Achtzigerjahre mit Xiscas Blüten der Nacht. Hier ging es um echte Gefühle. Tiefe Emotionen.

Sie schrieb zwei Seiten und schaute auf, um bei Pedro einen weiteren Kaffee zu bestellen.

Ihr Blick kreuzte den eines Typen, der an der Bar stand. Ungeniert starrte er sie an und hielt dem Blick stand, selbst als sie ihn beim Glotzen erwischte.

Xisca schaute weg und suchte den Raum nach Pedro ab, fand ihn und signalisierte mit einer Geste eine weitere Tasse Café con leche. Wie zufällig sah sie erneut zu dem Mann. Er guckte noch immer.

Zurück in ihrer Datei, versuchte Xisca weiterzuschreiben, konnte aber die vorherige Konzentration nicht wiederfinden. Sie kramte in ihrer Handtasche, ohne wirklich etwas zu suchen, und nutzte den Augenblick, um in den ringsherum im Raum angebrachten Spiegeln den Typen genauer zu betrachten.

Er war ungefähr in ihrem Alter und gut aussehend auf eine unaufdringliche Art. Sein kariertes Jackett trug er offen über einem schneeweißen Hemd, das sich von seinem dunklen Teint absetzte und ihm einen Clean-Look verpasste, wie frisch aus der Reinigung. Eine lederne Computertasche lag neben ihm auf dem Tresen, und Xisca vermutete eine Wolke aus Weichspülerduft und teurem Parfum, die sie leider auf diese Distanz nicht verifizieren konnte. Ein älterer Mann in einer spießigeren Ausgabe des Anwälte-Stils lehnte mit ihm am Tresen und redete auf ihn ein. Café solo in der Hand, hörte der jüngere Typ lächelnd zu, den Blick vermutlich immer noch auf Xisca gerichtet.

Sie suchte ihre eigene Reflexion im Spiegel und vergewisserte sich, dass nichts im Gesicht hing, was nicht dort hingehörte. Kein Milchschaum an der Oberlippe oder Croissantkrümel in den langen Ponyfransen.

In den Tiefen der Handtasche stießen ihre Finger auf einen Stift. Xisca zog ihn hervor, und machte sich Notizen auf der Papierserviette, auf der das Croissant serviert worden war.

Als sie nach zwei Minuten wieder aufblickte, war der Typ verschwunden.

Die Papierserviette war voller Kringel.

Kapitel 4

Obwohl noch kein offizieller Feiertag war, machte sich die Urlaubsatmosphäre schon beim Betreten im ganzen Gebäude der Policia Nacional bemerkbar. Viele Mitarbeiter würden heute oder spätestens morgen ihren Osterurlaub antreten, und diese spezielle Vorfreude auf einige freie Tage war bereits im beschwingten Schritt der Kollegen am Eingang zu erkennen. Selbst der sonst grimmige Pförtner am Security-Check, dessen tief eingegrabene Zornesfalte zwischen den Brauen gestern noch einen Bleistift hätte halten können, lächelte und grüßte lebhaft.

Im Büro der Mordkommission hing der Duft frisch gebrühten Kaffees wie eine Willkommensgirlande im Raum, und Barry White begrüßte alle in angenehmer Lautstärke aus den Sonos-Lautsprechern auf dem Tisch eines der Kollegen.

Die Abwesenheit des Chefs war zu spüren, der auf dem Weg in seinen Osterurlaub nach London war. Wobei Homicidios y Desaparecidos mit Juan als Leiter der Abteilung einen Gordo, den Hauptgewinn, in der Weihnachtslotterie gezogenen hatte.

Nun war schon der dritte Tag ihrer neuen Stelle in Palma, und die Kaffees, die Xisca im Laufe der letzten halben Stunde getrunken hatte, ließen ihre Hände fahrig die Akten zusammenordnen, die sie sich als Aufgabe vorgenommen hatte, bis um zwölf Uhr die zuständige Sachbearbeiterin im Verwaltungsbüro der Clínica Rotger für Auskünfte zu erreichen war.

Xisca zeigte wenig Talent, geschäftig zu wirken, wenn sie es nicht war, weswegen sie sich für das Aktensortieren freiwillig gemeldet hatte. Tatenlos rumsitzen hätte keinen guten Eindruck hinterlassen. Und vom guten Eindruck hing im Moment alles ab.

Sie sah auf die Uhr und blätterte in einer Akte. Der Vermisstenfall eines Teenagers hatte sich nach nur zwei Tagen aufgelöst, als der junge Herr nach achtundvierzig durchgesoffenen Stunden aus einem Trunkenheitskoma bei seinem Schnapskumpan aufgewacht war. Die Mutter war fast durchgedreht vor Angst, fest überzeugt, ihr Sprössling wäre einer pädophilen Bande zum Opfer gefallen. Wenig hatten die Versuche der Kollegen genutzt, ihr zu erklären, dass man bei einem Neunzehnjährigen nicht mehr von Pädophilie sprechen konnte.

Für eine Mutter blieb der Nachwuchs ungeachtet des Alters wohl ständig ein Kind. Eine Tatsache, an die Xisca selbst täglich von ihrer eigenen Mutter erinnert wurde.

Was real vom Fall übrig blieb, war wenig Geschehnis auf Unmengen von Papier – Aussagen- und Anzeigenprotokolle, Berichte, alles Blabla –, dessen einzige Herausforderung darin bestand, alles einzuheften, ohne dabei Kaffee zu verschütten. Damit nicht das Gleiche geschah wie vorhin, als ihre helle Hose um ein riesiges braunes Muster ergänzt worden war.

Für einen Moment wurde Xisca mulmig, als sie die potenzielle Tragweite ihres Jobwechsels wie ein zweites Morgengrauen erlebte.

Buchstäblich.

Was hatte sie getan? Sollte so der Rest ihres Lebens aussehen – das Praktizieren vorsichtigen Aktensortierens?

Sollten hier in der Provinz, wo andere Leute ihre Ferien verbrachten, selbst die Verbrecher permanenten Urlaub eingereicht haben? Nicht dass sie sich freute, wenn andere Menschen verschwanden oder ermordet wurden.

Aber wenn nicht in voraussehbarer Zukunft ein richtiger Fall auftauchte, und damit meinte sie nicht kurz vor Weihnachten, sah sie schwarz. Ihr Vorhaben, die perfektionierte Xisca, die geläuterte Version ihrer selbst, vorzuführen, würde den kürzesten Spannungsbogen der Geschichte erfahren und schon im ersten Akt, in der ersten Szene, den Anfang, Höhepunkt und Ende erleben.

Den Plan in Zeiten der Langeweile zu realisieren, war so vorausgedacht wie Schlittschuhe in die Wüste mitzunehmen – es sei denn, man fuhr in die Mall of the Emirates nach Dubai. Nicht machbar. Diese Kuh musste schnell vom Eis geholt werden, da machte Xisca sich nichts vor. Ihr Vorhaben erforderte Fingerspitzengefühl und Selbstkontrolle, und wenn diese betäubt von den Schwaden der Eintönigkeit schlummerten, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihr grantiges Selbst ungebeten in Aktion trat.

Das durfte nicht passieren. Das schuldete sie ihrer Mutter. Das schuldete sie sich selbst – schließlich musste sogar die giftigste Schlange sich häuten –, und nicht zuletzt schuldete sie es Chefinspector Juan, der sich gegen alle Widerstände für sie eingesetzt hatte und ohne den sie nicht in diesem Büro sitzen würde. Es war das erste Mal, dass ihr unmittelbarer Vorgesetzter sich wie ein menschliches Wesen verhielt.

Gedankenverloren rubbelte sie mit einem Taschentuch auf dem Kaffeefleck auf ihrer Jeans herum.

Marga, neben Xisca die einzige Frau im Team der Mordkommission, stand von ihrem Platz am Fenster auf. „Du kannst meine Hose haben.“

Xisca sah überrascht auf.

Marga entsorgte die Reste eines Bocadillos im Papierkorb und klopfte sich die Hände ab. Sie mochte Anfang dreißig sein und machte ihre Pummeligkeit mit einem hübschen Gesicht wieder wett, das aber stets beleidigt wirkte. Allerdings waren es ihre selbst in entspanntem Zustand nach unten abfallenden Mundwinkel, die das Deuten ihrer tatsächlichen Stimmungslage erschwerten. „Ich habe eine Ersatzjeans im Spind. Ich hole sie dir eben.“ Margas Miene sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen und dabei einen Wurm entdeckt.

Gerührt von der Geste, nahm Xisca das Angebot dankend an, zog sich in der Damentoilette um und kehrte an ihren Platz zurück. Die weite Jeans im Boyfriend-Cut war mehrere Nummern zu groß und wirkte wie eine Verkleidung. Doch Xisca wollte Margas Hilfe nicht ausschlagen, und letztendlich war alles besser als die nasse, braune Version, die aussah, als hätte sie Durchfall gehabt und es nicht rechtzeitig zur Toilette geschafft.

Sie überflog ein letztes Mal das seitenlange Protokoll, und als die Buchstaben auf dem Papier begannen, den mallorquinischen Ball de Bot zu tanzen, lehnte sie sich im Stuhl zurück und ließ den Blick im Büro umherschweifen. Sie übte immer noch, die neuen Kollegen mit ihrem korrekten Namen anzusprechen. Wie bei einer Art Memory-­Spiel: Namen zu Kollege zuordnen. Mischen und von vorne.

Bei nur sieben Mitarbeitern stellte das normalerweise eine überschaubare Herausforderung dar.

Normalerweise.

Außer, man trug eine Mutation auf dem Gen für Namensspeicherung und spielte obendrein Level zwei für Fortgeschrittene, bei dem jeder schon einen anderen Rufnamen in ihrem Kopf besaß. Einen, der die Person perfekt charakterisierte – zumindest in ihren Augen – und der meist rein gar nichts mit dem ursprünglichen Rufnamen gemein hatte.

Namen gehörten in dieselbe Sparte, in die auch buchhalterische Fakten wie die Steuererklärung fielen. Und wie auch für diese gab es immer Experten in der Nähe, die einem mit präziser Auskunft zur Seite standen. Ihr Kollege Dani schien über eine immense Speicherkapazität für solche Dinge zu verfügen, und sie sah ihn schon zu ihrer Expertenanlaufstelle werden. Genau genommen war sein Name nicht Dani, sondern Jan Seeberger. Aber er trug wild bedruckte AC/DC-Shirts und lang gelockte Rockerhaare, auf die gleiche Art mit rotem Gummiband zum Pferdeschwanz gebunden wie ihr ehemaliger Kollege Dani aus Madrid. Das waren die Details, mit denen der Prozessor in ihrem Kopf arbeitete.

Andererseits war Mallorca der ideale Ort für einen Namens-Dyslektiker, denn egal wo man hinkam, hießen alle gleich. Einen Toni, Marga, Juan und María mit austauschbarem Anhang gab es in jedem anständigen Büro.

So auch hier.

Ihr eigener Name, Francisca, reihte sich selbst mit seiner balearischen Abkürzung perfekt in die Top fünf ein, während Jans deutscher Name die spanische Eintönigkeit sprengte und so exotisch war, dass sogar Xisca ihn sich merken konnte. Sie musste nur noch üben, nicht die für die Schreibung typische spanische Aussprache Han zu benutzen. Doch Han klang wie Han Solo, und es gab Schlimmeres, als nach dem Helden aus Kindheitstagen einer ganzen Generation benannt zu werden, hatte Jan bei ihrem ersten Fauxpas gesagt.

Neuer Job, neues Glück. Menschen reagierten sensibel, und Humor wuchs leider nicht auf Bäumen. Genau wie in einer Morduntersuchung waren die ersten Stunden eines Kennenlernens kritisch. Passte Xisca nicht auf, wäre der Same eines Gewächses gesetzt, das mit der Unverwüstlichkeit von Unkraut nicht mehr auszurotten sein würde. Der fiktive Name hätte sich eingebrannt.

Sie würde nicht die alten Fehler begehen.

Zumindest nicht gleich am Anfang.

Xisca rief ihre E-Mails auf und scrollte die Eingänge nach Nachrichten von Olga Vasques, Rosa Barcena oder José Luis Berenger durch, wie sie es seit zwei Monaten mehrmals täglich tat.

Leider erfolglos.

Obwohl es unwahrscheinlich war, ausgerechnet in der Osterwoche eine Rückmeldung zu bekommen, checkte sie es trotzdem – für alle Fälle. Dann den Spam-Ordner und den Papierkorb.

Wie erwartet war nichts da.

Der neue Kollege Antonio Vives schaute von der Tageszeitung auf, in der er die letzten dreißig Minuten geblättert hatte.

Er hielt das Blatt so, dass die Überschrift lesbar gewesen wäre, hätte Xisca ihren Hals um einhundertdreißig Grad verrenkt. Irgendwas mit Bischof.

„Hattet ihr das in Madrid mitgekriegt?“ Er strich sich sein welliges Haar aus der Stirn und kicherte. Toni war im mittleren Alter, von mittlerem Wuchs, mittelschwerer Statur und sonstigem mediokren Erscheinungsbild. Nur seine Augen durchbrachen diese Linie der Durchschnittlichkeit, große braune Kulleraugen, die einem direkt ins Herz zu schauen schienen, umgeben von einem Delta feiner Lachfältchen, die sich gerade in voller Tiefe präsentierten.

„Der Bischof von Mallorca wurde vor zwei Jahren von seinem Posten entlassen wegen einer vermeintlichen Affäre mit seiner Privatsekretärin.“ Toni lachte. „Da scheint sich eine mathematische Gesetzmäßigkeit abzuzeichnen. Chef plus Sekretärin gleich Ärger im Quadrat. Und Mathematik macht auch vor der Kirche keinen Halt.“

„Ich wusste schon immer, dass Chefsein überbewertet ist.“

Toni versuchte umständlich, die Zeitung wieder zusammenzulegen, und Xisca musste sich konzentrieren, ihn durchs Papiergeraschel zu verstehen. Als er sie fertig gefaltet hatte, schmiss er sie in den Papierkorb neben dem Tisch.

„Mich überrascht bei der Kirche gar nichts.“ Xisca versuchte nicht einmal, sich die Beweggründe für das Szenario vorzustellen. „Alles Pharisäer, wie Jesus so treffend sagte. Genau wie Politiker.“

„Bei Letzterem gebe ich dir recht.“ Toni schüttelte sich, was wie eine Breakdancewelle der Achtziger aussah. „Aber religiöse Tradition ist für mich Teil unserer Kultur.“

„Ich lebe ganz gut als Banause. Und Tradition lässt sich auch ohne religiöses Gedöns weiterführen.“ Sofort bereute sie ihren resoluten Ton und schickte ein Grinsen hinterher. Das Verhalten ihrer Mutter schien abzufärben. Sie sollte wenigstens Tonis spirituellen Gefühlen den nötigen Respekt entgegenbringen.

Toni hievte seufzend die Füße auf den Tisch. Xisca hätte ihm auch gerne eine Fernbedienung und Kekse angeboten, hatte aber beides leider nicht zur Hand.

„Ich habe den Gomez-Fall verfolgt.“ Toni nahm einen ungewohnt ernsten Ton an und inspizierte seine Fingernägel. „Man sagt, er wär euch fast entwischt?“ Er formulierte es als Frage und blickte Xisca neugierig an.

„So, sagt man das?“ Worauf wollte er hinaus?

Toni nickte langsam. „Man sagt auch, es sei dir zu verdanken, dass der Täter geschnappt wurde.“

Xiscas Gedanken schweiften zu ihrem letzten Fall in Madrid, der wochenlang landesweit die Schlagzeilen beherrscht hatte. Chefinspector Rodriguez schien es nicht gefallen zu haben, dass sie ihm vor versammelter Mannschaft im Falle der entführten und dann ermordeten Gomez-Kinder widersprochen hatte. Und das in Anwesenheit seines Vorgesetzten Comisario García.

„Wir waren Tag und Nacht im Einsatz gewesen und dem Täter dicht auf den Fersen, als der Chef sich aus bequemer Zweckdienlichkeit und Mediendruck auf die falschen Verdächtigen eingeschossen hatte.“ Aber noch schlimmer war wohl gewesen, dass Xisca mit ihrem Einspruch recht behalten sollte und der Täter ihnen dadurch fast durch die Lappen gegangen wäre.

Den Chef schien es allerdings mehr bekümmert zu haben, dass es zu viele Zeugen des Schlagabtausches gegeben hatte, sodass sein Fauxpas nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden konnte. Wie so vieles zuvor.

„Du weißt sicherlich, dass wir Mallorquiner die Mehrzahl der Mitarbeiter des CNI stellen?“

„Ehrlich? Beim Centro Nacional de Inteligencia?“ Dieses Detail war Xisca neu, und sie fragte sich, was der Geheimdienst Spaniens mit dem Gomez-Fall zu tun hatte.

Toni rollte die Augen. „War ein Scherz. Ich werde alt, wenn meine Witze nur mit Ansage zu verstehen sind. Worauf ich hinauswill, ist die perfekte Informationsübertragung, über die wir auf der Insel verfügen. Da kommt kein Nachrichtendienst mit.“ Er lachte, nahm ächzend die Füße vom Tisch und lehnte sich mit geheimnistuerischer Miene vor.

Noch immer verwirrt, wartete Xisca gespannt, was nun wohl folgen würde.

„So ist über unsere stille Post der Bericht eingegangen, dass der Staubsaugermarkt sehr lukrativ sein soll.“ Toni sah sie erwartungsvoll an, als hätte er die Pointe des Witzes erzählt und wartete jetzt auf das Lachen.

Xisca verstand noch immer nicht. War der jetzt auch verrückt geworden? Sie wollte Tonis Witz-Gefühle nicht verletzen, aber …

Dann dämmerte es ihr. „Das glaube ich jetzt nicht!“ Amüsiert und ehrlich verwundert riss sie die Augen auf.

„Wir sind die, die es nicht glauben konnten!“ Toni lachte und schlug sich mit der Hand auf den Schenkel. „Hast du wirklich zu Rodriguez gesagt, dass du bei so viel unter den Teppich gekehrtem Dreck eine lukrative Karriere im Staubsaugermarkt in Betracht ziehst?“

„Ich ziehe den Hut vor Mallorcas Nachrichtendienst.“ Bei so viel Dreck unter der Auslegware und nach sorgfältiger Zielgruppenanalyse hatte sie über einen Karrierewechsel in den Staubsaugermarkt nachgedacht. Genau so hatte sie es formuliert. Ein Satz so gestelzt und aufgeblasen wie die gesamte Chefetage. Keiner hatte gelacht.

„Es stimmt also! Joder!“ Toni kriegte sich nicht mehr ein, und sein Schenkelklopfen klang, als würde er ein Lied trommeln. „Und das vor dem politischen Oberboss? Vor García?“

„Ich konnte ihm ja schlecht die Ohren zuhalten. Er war eben im Raum.“

„Dios mío!“ Toni wischte sich die Lachtränen aus den zusammengekniffenen Augen.

„Freut mich, dass es wenigstens hier jemanden amüsiert. Dort fand es keiner komisch.“ Es war ein sogar ziemlich ernüchternder Moment gewesen. Noch vor Ende ihrer Ansage war ihr bewusst geworden, dass es der direkte Weg ins Aus sein würde. Ohne Umwege oder Ausfahrten.

Aber es befand sich ein Teil in ihr, der außer dem Wiedergabeschalter über keinen weiteren Knopf zu verfügen schien. Zumindest keine Stopptaste. Wie ein kaputtes Programm. Merkwürdigerweise hatte sie immer Chucky, die Mörderpuppe vor Augen, wenn sie an diesen Teil dachte – sie redete sich ein, dass die Größe die Assoziation beflügelte.

„Und was war dann?“ Toni rückte den Stuhl näher und stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte.

„Dann ward ich für immer von Santa Claus‘ Geschenke­liste verbannt.“

Während Tonis Lachsaldo für den heutigen Tag erfüllt war, war Xisca mulmig zumute. Ihr Ruf eilte ihr voraus, was ihr gar nicht behagte. Also hatte ihr Gefühl, unter Beobachtung zu stehen, sie nicht getäuscht. Vermutlich wurde jede ihrer Handlungen einer genauen Analyse unterzogen. Sie musste ihnen lassen, sie waren verdammt gut – außer einem Instinkt hatte es nichts gegeben, auf das sie ihren Finger hätte halten können. Kein auffälliges Tuscheln, das im Moment ihres Auftauchens verstummte, keine verstohlenen Blicke, keine indiskreten Fragen, die über die normale Neugier hinausgingen. Umso mehr hoffte Xisca auf einen richtigen Fall, denn lange würde sie diese Aktenfarce nicht aufrechterhalten können.

„Willkommen in Palma, Dyson.“ Toni zwinkerte Xisca zu und grinste. „Perdón, aber das ist die einzige Staubsaugerfirma, die ich kenne.“

*